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Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück: Zerbrechliches Paradies

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Captain Fantastic

Von Andreas Eckenfels

Tragikomödie // Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, alles hinter sich zu lassen, dem Lärm, dem Druck und den Konventionen der modernen Welt zu entfliehen? Einfach einen Neuanfang zu machen, abgeschieden von der Zivilisation nach eigenen Regeln und autark im Einklang mit der Natur zu leben. Ben (Viggo Mortensen) und seine Frau Leslie (Trin Miller) haben diesen Schritt gemacht: Im Nordwesten der USA haben sie sich in der Einsamkeit der Berge ihr kleines Paradies aufgebaut.

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Aussteiger Ben und seine Familie leben in der Isolation nach eigenen Regeln

Leslie sehen wir nur in kurzen Rückblenden. Sie ist schon seit längerer Zeit in der Stadt wegen Depressionen in einer Psychatrie in Behandlung. Ben führt derweil die Erziehung der sechs Kinder allein fort. Täglich trainiert er seine Sprösslinge in der Jagd, im Klettern und im Nahkampf. Der hochgebildete Aussteiger unterrichtet die Kinder auch. Anspruchsvolle Kost wie „Die Brüder Karamasow“ von Fjodor M. Dostojewski und Vladimir Nabokovs „Lolita“ stehen neben anderen Literaturklassikern bei den Älteren auf dem Lehrplan. Die Kleinen haben keine Probleme damit, die „Bill of Rights“ auswendig aufzusagen. Am Abend wird der vom ältesten Sohn Bo (George McKay) erlegte Hirsch am Lagerfeuer gegessen und gemeinsam musiziert. Weihnachten und andere christliche Bräuche existieren für die Familie nicht, dafür wird am 7. Dezember der Geburtstag von Noam Chomsky gefeiert.

Die Idylle wird jäh gestört, als Ben die Nachricht erhält, dass Leslie Selbstmord begangen hat. Ihr Vater Jack (Frank Langella) macht Ben für den Tod seiner Tochter verantwortlich. Er stellt klar: Leslie soll gegen ihren Willen in ihrer Heimatstadt in New Mexico beerdigt werden. Ben ist auf der Trauerfeier nicht willkommen. Doch der denkt gar nicht daran. In einem alten Schulbus macht sich Ben mit den Kindern auf die Reise zur Beerdigung, um Leslie ihren letzten Wunsch zu erfüllen.

Autobiografische Einflüsse

Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler Matt Ross („Aviator“) blickt mit seiner warmherzigen Komödie auf die eigene Jugend zurück. Mit seiner Mutter lebte er für einige Zeit in Kommunen irgendwo im Nirgendwo in Nordkalifornien und Oregon. „Während der Pubertät wurde es besonders schwierig“, erinnert sich Ross im Presseheft. „Ich war von gleichaltrigen Jugendlichen getrennt, als ich begann mich für das andere Geschlecht zu interessieren. Meine Freunde waren weit weg. Ich wollte aber sozialen Austausch in meinem Leben.“

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Die Geschwister haben ihre Sachen gepackt, um zur Beerdigung ihrer Mutter zu fahren

Dieser Konflikt tritt bei dem Roadtrip quer durch die USA zum Vorschein. Die Kinder sind zwar belesen und hyperintelligent, wissen aber nicht, wie man mit Menschen aus der „realen Welt“ kommuniziert. Am stärksten äußert sich die soziale Inkompetenz bei Bo. Er ist von mehreren Elite-Universitäten angenommen worden, aber als er auf einem Campingplatz ein Mädchen trifft, weiß er nicht, was er sagen und wie er sich verhalten soll. Als sie ihn abends auch noch küsst, macht Bo ihr gleich einen Heiratsantrag.

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Beim Besuch bei Bens Schwester Harper und ihrem Mann Dave prallen zwei Welten aufeinander

Die kleine Zaja (Shree Crooks) plappert brav nach, was ihr Vater ihr eingetrichtert hat: „Cola ist Giftwasser“ oder „Oma und Opa sind faschistische Kapitalisten“ – natürlich kann sie auch eine ausufernde Definition von „faschistische Kapitalisten“ liefern. Diese inbrünstig vorgetragenen Weisheiten und Ideale aus Kindermund und die verwirrten Reaktionen ihrer Mitmenschen darauf sind natürlich äußerst komisch, stimmen aber auch zutiefst nachdenklich. Denn während seine Geschwister von dem abgeschiedenen Leben im Wald noch beseelt sind, entlädt sich bei Bo bald die Selbsterkenntnis in Zorn auf den Vater: „Du hast aus uns Freaks gemacht!“ Das vermeintliche Paradies beginnt zu zerbrechen.

Anrührende Ode an das Leben

So stellt „Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück“ auch die Frage, welcher Weg der Erziehung heutzutage der richtige ist – ohne dabei die soziale Utopie zu glorifizieren. Der freiheitsliebende Ben – Viggo Mortensen erhielt für seine brillante Darstellung eine Golden-Globe-Nominierung – muss dabei einige schmerzliche Entscheidungen treffen. Sind seine Kinder vielleicht besser bei den verhassten Großeltern aufgehoben? Müssen sie überhaupt vor den Gefahren der modernen Welt geschützt werden? Sollen sie nicht ihre eigenen Erfahrungen sammeln? Ist es heutzutage wichtiger, die Schriften von Karl Marx zu kennen, oder zu wissen, wie ein Smartphone funktioniert?

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Die Eltern von Leslie reagieren schockiert, als sie …

Mit einer A-Capella-Version von „Sweet Child O’Mine“ bringt Matt Ross die emotionale Reise zu einem wunderschönen Ende. Ihm ist eine anrührende und kluge Ode an das Leben gelungen. Bei den Filmfestspielen von Cannes 2016 gewann Ross für „Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück“ den Regiepreis in der Sektion „Un Certain Regard“.

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… Ben und seine Kinder bei der Beerdigung erblicken

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Frank Langella und Viggo Mortensen sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 27. Dezember 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 115 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Captain Fantastic
USA 2016
Regie: Matt Ross
Drehbuch: Matt Ross
Besetzung: Viggo Mortensen, George MacKay, Samantha Isler, Annalise Basso, Nicholas Hamilton, Kathryn Hahn, Steve Zahn, Frank Langella, Missi Pyle
Zusatzmaterial: Making-of, B-Roll
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

Fotos, Packshot & Trailer: © 2016 Universum Film

 

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The Visit – Doofe Kinder halten eine Kamera

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The Visit

Kinostart: 24. September 2015

Von Matthias Holm

Horrorkomödie // Einst als Regie-Wunderkind gefeiert und dann sehr schnell sehr tief gefallen – den Werdegang von M. Night Shyamalan kennt jeder, der sich ein wenig mit Kinofilmen beschäftigt. Zuletzt inszenierte er den den enorm umstrittenen „After Earth“ mit Will Smith und dessen Sohn Jaden. Der Film hat satte 130 Millionen Dollar gekostet und erntete fast ausschließlich negative Kritiken. Nun schaltet Shyamalan gleich zwei Gänge zurück: Für seinen Found-Footage-Film „The Visit“ standen den Regisseur „nur“ fünf Millionen Dollar zur Verfügung und es stehen auch keine großen Schauspielernamen auf dem Poster.

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Über das Laptop halten die Kinder den Kontakt zur Mutter

Rebecca (Olivia DeJonge) und Tyler (Ed Oxenbould) treffen zum ersten Mal in ihren Leben auf ihre Großeltern. Ihre Mutter (Kathryn Hahn, „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“) ist mit 19 ausgezogen, um mit ihrem damaligen Englischlehrer eine Familie zu gründen. Dabei kam es zu einem großen Streit mit ihren Eltern und sie haben sich immer noch nicht ausgesöhnt. Doch Rebeccas und Tylers Vater verließ die drei schnell für eine andere. Um also ihrer alleinerziehenden Mutter mal eine Auszeit zu gönnen, wird das Treffen mit Oma und Opa organisiert. Allerdings merken die beiden schnell, das irgendetwas nicht stimmt. Was lagert zum Beispiel der Opa in der Scheune? Und wieso dürfen die Kinder ihr Zimmer nach 21.30 Uhr nicht verlassen?

Ein Dokumentarfilm über die eigene Familie

Während der gesamten Zeit halten Rebecca und Tyler die Kamera auf das Geschehen, schließlich ist Rebecca angehende Filmemacherin – sie will einen Dokumentarfilm über die Vergangenheit ihrer Familie drehen. Tyler hingegen ist mit seinen jungen Teenager-Jahren ein angehender Rapper, der in seinen Texten „Bitches flachlegt“. Damit gewinnen die beiden sicherlich keinen Sympathie-Preis. Auch ihre Ticks, die sie entwickelt haben, nachdem ihr Vater sie verließ, wirken merkwürdig aufgesetzt und sind für die Geschichte irrelevant.

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Noch sehen die alten Menschen nett aus

Immerhin muss der Zuschauer die beiden Gören nicht durchgängig auf der Leinwand sehen, da einer von ihnen immer eine Kamera hält. Doch während letztens bei „Gallows – Jede Schule hat ein Geheimnis“ der Einsatz der Kamera als Lichtquelle einigermaßen erklärt wurde, kommt bei „The Visit“ wieder die Frage, warum die Protagonisten das Aufnahmegerät bei Gefahr nicht einfach fallen lassen. Auch im Finale verhalten sich die beiden Teenies erstaunlich doof – vor allem Rebecca hätte dem ganzen Schauspiel einfach viel früher ein Ende bereiten können.

M. Night Shyamalan – Atmosphäre hat er drauf

Immerhin schafft es Shyamalan, den Film durchgehend atmosphärisch zu gestalten – das gehört ja zu seinen Fähigkeiten. Die abgelegene Farm der Großeltern bietet im Schnee ein wunderbares Setting und Deanna Dunagan und Peter McRobbie sind als schrulliges Paar enorm unterhaltsam. Vor allem Dunagan gibt alles, um den Kindern eine Heidenangst einzujagen.

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Rebecca wird beobachtet

„The Visit“ ist ein annehmbarer Beitrag zum neuerlichen Found-Footage-Boom. Zwar schafft er es nicht, den typischen Genre-Fallen zu entkommen, und die Komik des Films wirkt oftmals ungewollt. Aber immerhin zeigt Shyamalan, dass er inszenatorisch doch noch etwas drauf hat.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von M. Night Shyamalan sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Länge: 94 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The Visit
USA 2015
Regie: M. Night Shyamalan
Drehbuch: M. Night Shyamalan
Besetzung: Olivia DeJonge, Ed Oxenbould, Deanna Dunagan, Peter McRobbie, Kathryn Hahn
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2015 by Matthias Holm

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2015 Universal Pictures Germany GmbH

 

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