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John Wick – Kapitel 3: Vom Auftragskiller im Ruhestand

John Wick: Chapter 3 – Parabellum

Kinostart: 23. Mai 2019

Von Volker Schönenberger

Actionthriller // John Wick (Keanu Reeves) hetzt durch die Straßenschluchten von Manhattan. Weil er in der für derlei Taten verbotenen Zone des Hotels „The Continental“ einen italienischen Mafioso erschossen hatte, wurde ein Kopfgeld von 14 Millionen Dollar auf ihn ausgesetzt – siehe die Ereignisse von „John Wick – Kapitel 2“ (2017). Dem Auftragskiller im Ruhestand bleiben nur noch wenige Minuten, bis die weltumspannende Gangsterorganisation um Punkt 18 Uhr die Jagd auf ihn offiziell eröffnet – in einem börsenähnlichen Saal wird er zum „Excommunicado“ erklärt. Wicks Ex-Kollegen wetzen bereits zuhauf die Messer und laden ihre Pistolen durch. Hinter jeder Ecke lauert der Tod.

John Wick treibt bei …

Mit dem Erstling „John Wick“ etablierten Regisseur Chad Stahelski und Titeldarsteller Keanu Reeves 2014 den des Tötens müden Auftragsmörder, der sich einfach nicht von den Fesseln seiner Vergangenheit befreien kann. Dank knallharter Action sowie der Starpower des Hauptdarstellers und diverser namhafter Nebendarsteller gewann der Film weltweit die Herzen von Genrefans, sodass den Fortsetzungen nichts im Wege stand. Hollywoods Gesetzmäßigkeiten und die Berechenbarkeit des Publikums brachten somit das nächste Franchise hervor. Bemerkenswert, dass Chad Stahelski außer den drei „John Wick“-Filmen bislang keine Regiearbeiten vorzuweisen hat. Nach aktuellem Stand wird er bei der „Highlander“-Neuverfilmung auf dem Regiestuhl sitzen. Der Kickboxer hat im Filmgeschäft zuvor in erster Linie als Stuntman und Stunt-Koordinator gearbeitet und mehrfach Keanu Reeves gedoublet – die beiden kennen einander seit der „Matrix“-Trilogie.

… „The Director“ eine alte Schuld ein

Kein Wunder also, dass der Fokus bei allen drei „John Wick“-Filmen auf Action liegt. Als Story-Unterbau fungiert der Mythos einer globalen Verbrecherorganisation – die „Hohe Kammer“ überwacht wie ein Krake die ganze Welt, vor ihr gibt es kein Entkommen. Ohne dass das bis ins Detail erläutert wird, entsteht der Eindruck, dass es sich dabei um eine Art Dachorganisation handelt, unter der die bekannten kriminellen Syndikate wie Camorra, Cosa Nostra (Mafia), Russenmafia, Triaden, Yakuza und andere aufgehängt sind, deren Killer ihre tödliche Arbeit nach einem kruden Kodex verrichten. Dass Verbrecher trotz ihres höchst unmoralischen Tuns fragwürdige Ehrbegriffe pflegen, kennen wir ja zur Genüge. Ob das alles der logischen Weisheit letzter Schluss ist, kann dahingestellt bleiben, bei all den Schusswechseln, Messerstechereien, Schlägereien und Verfolgungsjagden lassen sich Logiklöcher ignorieren, sofern man überhaupt in der Lage ist, sie angesichts des höllischen Tempos aller drei Filme wahrzunehmen.

Eins hat mich dennoch gestört – das Phänomen ist in derlei Filmen oft zu bemerken: Zwar wird John Wick als der absolut beste Auftragskiller etabliert, was seine Überlegenheit gegenüber den Konkurrenten erklärt. Aber zum einen ist er in den Jahren zuvor bereits außer Dienst gewesen und dürfte daher etwas eingerostet sein, zum anderen werden alle seine Gegner ebenfalls als mit Waffen oder ihren Körpern top ausgebildete Kampfmaschinen gezeichnet. Doch obwohl sie teilweise in großer Überzahl auf John Wick losgehen und ihm zudem immer wieder äußert schmerzhafte Treffer zufügen, gelingt es ihm jedes Mal aufs Neue, die Oberhand zu behalten. Wenn es von allen Seiten Kugeln hagelt, treffen diese in aller Regel immer nur die anderen; John muss zwar ebenfalls einstecken, lässt sich dadurch aber nicht außer Gefecht setzen. Aber vielleicht sollte ich beim Thema Glaubwürdigkeit einfach nicht päpstlicher als der Papst sein.

Vivaldi!

„John Wick – Kapitel 3“ ist gespickt mit Anspielungen und Zitaten, die nicht alle einfach zu erkennen sind – von Buster Keaton bis „The Raid“ finden sich einige Referenzen. Der Score folgt üblichen Pfaden von Actionfilm-Soundtracks, pausiert kaum einmal und fügt sich immerhin anständig und nicht allzu aufdringlich ein. Den absoluten Höhepunkt bildet ein einziges klassisches Stück – zugegeben einer meiner persönlichen Favoriten: Wenn unmittelbar vor dem Showdown kurz Ruhe vor dem Sturm herrscht, legt Hotelmanager Winston (Ian McShane) genüsslich eine Vinyl-Schallplatte auf, es ertönt der erste Satz des Winters aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ – das Allegro non molto. Ganz wunderbar und mit seiner Steigerung perfekt das Geschehen untermalend. Mich wundert, wie selten gerade in Actionfilmen klassische Musik eingesetzt wird, bietet sie doch Vielfalt und Dynamik in Hülle und Fülle. An sich müsste es auch nicht an alten Aufnahmen mangeln, die womöglich schon gemeinfrei sind und daher Kosten sparen – da befinde ich mich aber auf dem Terrain gefährlichen Halbwissens.

„The Adjudicator“ greift ein …

In seiner Rezension des zweiten Teils bemängelte Autor Andreas bezüglich der Actionszenen die fehlende Abwechslung. Davon kann in „John Wick – Kapitel 3“ keine Rede sein, die Action sprüht vor Ideen, auch die Martial-Arts-Einlagen überzeugen mit Vielfalt. Wer szenische Spoiler gern vermeidet, möge die beiden folgenden Absätze überspringen, weil ich ein paar Beispiele nenne.

Ab hier zwei Absätze mit szenischen Spoilern

So kommt es recht früh zu einem Messerkampf sondergleichen, bei dem sich sowohl John Wick als auch seine Gegner aus in Vitrinen ausgestellten Messern bedienen und diese als Wurfgeschosse in einem Tempo einsetzen, das Schusswechseln in nichts nachsteht. Etwas später führt seine Flucht den Protagonisten in einen Stall der New Yorker Kutscher, wo sich John zwischen diversen Pferden seiner Kontrahenten erwehrt und dabei auf clevere Weise die Neigung der Reittiere zum Ausschlagen nach hinten einsetzt – sehr schmerzhaft anzuschauen. Als ein Highlight geht durch, dass John Wick im marokkanischen Casablanca während eines Kampfs Unterstützung nicht nur von seiner alten Freundin (oder Kollegin) Sofia (Halle Berry) bekommt, sondern auch von ihren beiden scharfen belgischen Schäferhunden, die auf Kommando blitzschnell über ihre Opfer herfallen. Zum Finale im New Yorker „The Continental“ müssen sich John und der hilfreiche Concierge Charon (Lance Reddick) schließlich einer mit Reisebussen herangekarrten Übermacht erwehren, die allesamt mit schusssicheren Helmen und Klamotten ausgestattet sind. Wie man diese dennoch ausschalten kann, das bekommt das Publikum als großes, brutales Actionkino präsentiert.

Gewaltfans kommen auf ihre Kosten

Apropos brutal: Die Gewalt ist nicht von schlechten Eltern, um es milde auszudrücken. Speziell bei erwähntem Messerkampf zu Beginn kommt es zu Szenen, bei denen die FSK ein Auge zudrücken musste. Tatsächlich sehen wir ein Messer in ein Auge eindringen, John Wick hämmert wiederholt Messer in Schädel, auch eine Axt landet mit Wucht in einem Kopf. Während der zahlreichen Schießereien des Films sind etliche Kopfschüsse aus nächster Nähe zu betrachten, oft zwar im Dunkeln und bei der Rasanz der Inszenierung stets nur kurz im Bild, aber dennoch hart. Über die FSK-18-Freigabe darf sich der Verleih nicht wundern, immerhin erfolgte sie ohne Schnittauflagen.

… und heuert den Sushikoch und Topkiller Zero an

Die vielen Toten zu zählen, dazu war ich während der Pressevorführung des Films nicht in der Lage. Der Body Count mag den der beiden Vorgänger toppen, wozu auch eine Äußerung Chad Stahelskis gegenüber „Entertainment Weekly“ passt, wonach der Regisseur denkt, „the movie’s death count will ,land slightly north‘ of the previous film’s“ (die Zahl der Toten werde leicht höher liegen als beim Vorgänger).

Der trifft in New Yorks Grand Central Station erstmals auf John Wick

Oscar-Preisträgerin Halle Berry („Monster’s Ball“) erwähnte ich bereits, ebenso Ian McShane, 2004 für die Westernserie „Deadwood“ mit dem Golden Globe prämiert, der den umtriebigen Manager des New Yorker „The Continental“ verkörpert. Weitere illustre Namen schmücken die Besetzung: Als in Casablanca ansässiger Gangster ist Jerome Flynn zu sehen, der mit Tyrion Lannisters Kumpel Bronn eine beliebte Figur in „Game of Thrones“ spielt. Laurence Fishburne tritt erneut als New Yorker Gangster Bowery King auf, der John Wick hilft und damit einiges riskiert. Schön auch, endlich mal wieder Anjelica Huston („Die Addams Family“) zu sehen – die Oscar-Preisträgerin („Die Ehre der Prizzis“) sieht sich als „The Director“ genannte Patronin einer osteuropäischen (weißrussischen?) Verbrecherorganisation von John Wick zur Unterstützung genötigt, fühlt sich aber auch der „Hohen Kammer“ verpflichtet. Hier deuten ein paar Bemerkungen auf die Vergangenheit des Killers hin. Stammt er etwa selbst aus Weißrussland? Erwähnt sei auch Asia Kate Dillon („Orange Is the New Black“), die als eiskalte Botschafterin/Schiedsrichterin (im Original: „The Adjudicator“) der „Hohen Kammer“ John Wicks Helfer aufsucht und ihnen die Konsequenzen ihres Tuns veranschaulicht.

Showdown mit Mark Dacascos

Kommen wir last not least zu Mark Dacascos, dem ich nach „Crying Freeman – Der Sohn des Drachen“ (1995) und „Pakt der Wölfe“ (2001) eine größere Karriere gegönnt hätte. Ihn sehen wir als japanischen Sushi-Meister und Spitzenkiller Zero, der John Wick als Vorbild verehrt, was ihn selbstverständlich nicht daran hindert, dem Kollegen gehörig auf den Pelz zu rücken. Die Auseinandersetzung zwischen beiden wird als Showdown aufgebaut und wird dem final auch gerecht.

Auf ihre Hunde lässt Sofia nichts kommen

An sich war geplant und angekündigt, es fürs Kino bei einer Trilogie zu belassen. Die TV-Serie „The Continental“ ist bereits in Vorbereitung, darin wird es um die globale Hotelkette gehen, in der die gedungenen Killer sicheres Terrain finden, weil in den Gebäuden laut Regelwerk keine Missetaten ausgeübt werden dürfen. Mittlerweile ist es zwar alles andere als eine originelle Idee, aus Kinohits Fernsehserien zu machen, angesichts der hohen Qualität vieler aktueller TV-Umsetzungen kann das aber natürlich gut funktionieren. Hoffen wir, dass es den Produzenten gelingt, aus dem in den Kinofilmen etwas stückhaft entwickelten Mythos des nicht greifbaren globalen Gangsterzusammenschlusses eine schlüssige Legende zu stricken, die über eine gesamte Staffel und länger ihrer eigenen Logik treu bleibt.

Fortsetzung folgt?

Chad Stahelski hat im Gespräch mit „Entertainment Weekly“ bereits verlauten lassen, Lust auf und massig Ideen für einen vierten Teil zu haben, zudem endet „John Wick – Kapitel 3“ denkbar offen – und das ganz in der Tradition der Vorgänger, bei denen die Handlung der beiden Fortsetzungen jeweils unmittelbar ans Finale des vorherigen Films anschließt. Im Interview mit dem Filmportal „IndieWire“ hatte der Regisseur zwar geäußert, er und Keanu Reeves hätten bei keinem der Filme erwartet, Fortsetzungen zu drehen, angesichts der massiven Cliffhanger in Teil 2 und 3 erscheint diese Aussage aber als Augenwischerei. Keanu Reeves jedenfalls sagte im Gespräch mit „GQ“, er selbst habe weiterhin Lust auf John Wick und werde die Figur spielen, so weit ihn seine Füße tragen würden, sofern das Publikum danach verlange. Das scheint der Fall zu sein: Wenn man sich allein die für Hollywood wichtigen Einnahmen am US-Startwochenende anschaut, ist festzustellen, dass Teil 3 die beiden Vorgänger deutlich übertrumpft hat – das Interesse an John Wick ist also enorm gestiegen. Wenn wir den Gedanken einmal weiterspinnen, spricht nach einem etwaigen „John Wick – Kapitel 4“ nichts gegen Prequels à la „John Wick – Der erste Auftrag“ und „John Wick – Der Aufstieg“. Immerhin wurde John Wick schon als Möchtegern-Ruheständler als der Beste seines Fachs geschildert, da bietet ein Blick auf seine aktive Laufbahn einige Möglichkeiten. Das ist jetzt aber wirklich spekulativ, die Filmtitel entspringen einzig meiner Fantasie. Bleiben wir vorerst bei „John Wick – Kapitel 3“, der angetan ist, in Actionfans, die die beiden Vorgänger mögen, Begeisterung hervorzurufen. Insgesamt ist zu konstatieren: Und Action! Aber sowas von.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Laurence Fishburne und Keanu Reeves sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Durch die Wüste

Länge: 130 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Originaltitel: John Wick: Chapter 3 – Parabellum
USA 2019
Regie: Chad Stahelski
Drehbuch: Derek Kolstad, Shay Hatten, Chris Collins, Marc Abrams
Besetzung: Keanu Reeves, Halle Berry, Laurence Fishburne, Mark Dacascos, Asia Kate Dillon, Lance Reddick, Jason Mantzoukas, Anjelica Huston, Ian McShane
Verleih: Concorde Filmverleih GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Concorde Filmverleih GmbH

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River’s Edge – Das Messer am Ufer: Der Tod als Nebensache

River’s Edge

Von Leonhard Elias Lemke

Drama // Im Gegensatz zu „Dirty Dancing“ ist dies der wirklich dreckige Tanz durchs Leben. Abseits des lebensbejahenden Stroms. Hier ist die Romantik nicht zu Hause. Samson (Daniel Roebuck) hat gerade seine Freundin – dieses Wort verbietet sich in seinem Kontext eigentlich – getötet. Am Rand eines Flusses sitzt er neben ihrer Leiche, sichtlich unschockiert. Vielmehr interessiert ihn, wo er sein nächstes Sixpack herbekommt. In den folgenden Tagen erzählt er nicht ohne Stolz von seiner Untat. Zunächst ungläubig, werden die zur Leiche geführten Schaulustigen – zu denen wir auch gehören – mehr. Der hier fast schon dokumentierte Ausschnitt der Gesellschaft hat keine Konzepte für richtig und falsch und somit keine Moral entwickelt. Die Tote wird mit Neugier betrachtet, nicht mit Schrecken. Als endlich die Polizei informiert wird, ist es längst zu spät, um für Recht und Ordnung zu sorgen. Jede Hilfe für diese Gesellschaft kommt zu spät.

Der belanglose Tod

Der Titel bezieht sich auf das lebensspendende Wasser, aus dem wir gemacht sind, den fließenden Fluss. Doch die Charaktere dieser Geschichte stehen am Rand, sie werden nicht mitgetragen von den Lebenden. Hier ist Stillstand – maximal.
Basierend auf einer wahren Begebenheit verfasste Neal Jimenez („Hideaway – Das Böse“) das Drehbuch. Gemeinsam mit Regisseur Tim Hunter („Die Helden von Fort Washington“) lässt er den Tod in „River’s Edge – Das Messer am Ufer“ zur Nebensache werden. Er berührt weder die Protagonisten noch den Zuschauer. Obwohl er die Story bestimmt und allgegenwärtig ist, wird er nicht zum Thema. Man interessiert sich nicht für ihn. Der Tod erscheint ohne Bedrohung, wenn man nie gelebt hat.

Kann man hier noch träumen?

Eigentlich will der Zuschauer mit Bestürzung auf die Gleichgültigkeit der Figuren reagieren, doch es ist der Verdienst von Jimenez, Hunter und Lynch-Kameramann Frederick Elmes, dass auch wir (emotional) untätig einfach zusehen. Wir stehen „on the edge“. Mögen wir auch in rosigeren Verhältnissen als die Protagonisten des Films leben, so können wir uns doch in dieser tristen Realität wiederfinden. Wir kennen sie entweder aus Einzelerfahrungen oder spüren, wie sie drohend hinter der nächsten Ecke lauert.

Sich wegspülen lassen

In „River’s Edge“ wird der Mensch zum Abfallprodukt des empathielosen Kapitalismus, der seine Opfer zu perspektivlosen Konsumenten verbildet. Kinder werden sich selbst überlassen, ihre Eltern sind nicht fähig, ihr eigenes Leben zu strukturieren, und umso weniger in der Lage, ihrer familiären Verpflichtung nachzukommen. Drogenkonsum findet gemeinsam, generationenübergreifend statt. Es ist die Realitätsflucht, die verbindet, nicht die gemeinsame Erfahrung. In einer Welt ohne Ziele entsteht Todessehnsucht. Die nackte Leiche des Mädchens wirkt geisterhaft – ein schöner Geist, dem die Pastelltöne der körperlichen Verwesung etwas Märchenhaftes verleihen.

Cast on the edge

Dennis Hopper spielt einen einbeinigen Drogendealer, der schief Saxophon spielt und dessen Freundin eine Gummipuppe ist – nachdem er jene aus Fleisch und Blut einst erschossen hat. Das von ihm dargestellte menschliche Wrack ist das, was einem Freund von Samson am nächsten kommt. Seine widerliche Figur ist dennoch die einzige mit Herz. Ein damals noch unbekannter Keanu Reeves spielt gewollt blass. Eher gut als böse, aber immer naiv und ohne Kontrolle. Crispin Glovers Figur ist der Clown, der nicht zu lachen vermag, der eigenen Lächerlichkeit preisgegeben. Jederzeit scheint er explodieren oder in sich zusammenbrechen zu können. Daniel Roebuck als tragischer Samson ist hassenswert und doch schafft man es nicht, ihm sein Verhalten übel zu nehmen. Auch er ist Opfer. Eine grandiose Schauspielriege, die sich ganz in „River’s Edge“ verliert, Dank vor allem Tim Hunter, der mal fast „Robocop 2“ inszeniert hätte. Das hätte ich gern gesehen.

Wenn „Im Angesicht des Todes“ keine Angst mehr macht

Das Label „Camera Obscura“ ist vor allem für seine sehr guten Veröffentlichungen italienischer Genrefilme bekannt. Dabei gelingt es stets, eine gute Filmauswahl, hohe technische Qualität und aufwendig neuproduzierte Extras zusammenzubringen. Ab und an kommt auch ein Nicht-Italo – in gleicher hervorragender Fassung, Aufmachung und Begleitung. Die Extras umfassen einen Audiokommentar von Tim Hunter, ausführliche, eigens erstellte Featurettes mit Roebuck und Elmes sowie den englischen und deutschen Trailer samt einer Fotogalerie. Das Booklet stammt von Prof. Dr. Marcus Stiglegger, ein Freund des Labels. Die lesenswerten Zeilen – weiß auf schwarz ist schon optisch ein Gewinner – werden mit einem Zitat von Albert Camus eingeleitet, das diese Besprechung schließen soll: „Die Gemeinschaft der Opfer ist die gleiche, die das Opfer mit dem Henker verbindet. Aber der Henker weiß es nicht.“

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Keanu Reeves sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 29. März 2019 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 7. Mai 2007 als DVD

Länge: 100 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: River’s Edge
USA 1986
Regie: Tim Hunter
Drehbuch: Neal Jimenez
Besetzung: Daniel Roebuck, Dennis Hopper, Crispin Glover, Keanu Reeves, Ione Skye, Joshua John Miller, Roxana Zal, Josh Richman, Phillip Brock
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Tim Hunter, Featurettes mit Daniel Roebuck und Frederick Elmes, deutscher und englischer Trailer, Bildergalerie, Booklet mit einem Text von Marcus Stiglegger
Label/Vertrieb DVD: MGM (Twentieth Century Fox Home Entertainment)
Label Mediabook: Camera Obscura
Vertrieb Mediabook: Al!ve AG

Copyright 2019 by Leonhard Elias Lemke

Szenenfotos & Packshot Mediabook: © 2019 Camera Obscura, Packshot DVD: © 2007 MGM (Twentieth Century Fox Home Entertainment)

 

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John Wick – Kapitel 2: Leichen pflastern seinen Weg

John Wick – Chapter 2

Von Andreas Eckenfels

Actionthriller // „Hast du ,John Wick‘ gesehen?” So schallte es Anfang 2015 aus allen Ecken. Selbst dem Genre ansonsten eher weniger zugeneigte Filmfreunde zeigten sich von dem brutalen, aber auch coolen Rachethriller begeistert. Ein Garant für den Erfolg war Keanu Reeves, der mit der ikonischen Titelrolle ein lang herbeigesehntes Comeback feiern konnte. Nachdem „John Wick“ quasi über Nacht zum Kultfilm avancierte, war schnell klar, dass die Geschichte des stoischen und stets adrett gekleideten Auftragkillers noch lange nicht zu Ende erzählt ist.

Neuer Hund, neues Haus, alte Probleme

Die Fortsetzung setzt kurz nach dem Ende des ersten Teils ein: John Wick holt sich seinen heiß geliebten Ford Mustang zurück, dessen Diebstahl die vorigen Ereignisse erst in Gang setzte. Das Gefährt ist noch im Besitz von Abram (Peter Stormare), dem Bruder von Viggo Tarasov, der der Oberbösewicht im Vorgänger war und von dem leider gerade überraschend verstorbenen Michael Nyqvist dargestellt wurde. Abram weiß, dass es kein gutes Ende nehmen wird, wenn man sich Wick zum Feind gemacht hat. Mit seinen Worten trägt er selbst zur Legendenbildung des Killers bei und sorgt bei seinen Untergebenen für schlotternde Knie. Er soll recht behalten. 15 Filmminuten und etliche Leichen später hat Wick seinen Ford Mustang wieder. Da er den Wagen ebenfalls als Waffe einsetzen musste, ist dieser zwar fast schrottreif. Doch Aurelio (John Leguizamo), einer seiner wenigen Freunde, wird ihn in seiner Werkstatt schon wieder flottkriegen.

John Wick ist wieder auf den Hund gekommen

Zeit für eine Atempause bleibt dem Killer allerdings nicht. Der erhoffte Ruhestand mit seinem neuen Hund im frisch erworbenen neuen Eigenheim währt nicht lange. Denn Santino D’Antonio (Riccardo Scamarcio) steht plötzlich an seiner Türschwelle und erinnert Wick an einen alten Blutschwur, den er noch nicht abgegolten hat. Der Gangsterboss will seine Schwester Gianna (Claudia Gerini) umbringen lassen, damit er selbst an die Spitze eines international agierenden Verbrechersyndikats gelangt. Der Kodex der geheimen Killervereinigung macht es Wick unmöglich, den Auftrag abzulehnen. Also reist er nach Rom, um seinen vermeintlich letzten Mord zu begehen …

Regeln und Rituale

Auch wenn die 119 Leichen aus dem Erstling nicht ganz erreicht werden, liegt der Body Count im zweiten Kapitel mit 116 Opfern nur unwesentlich darunter. Es bleibt aber nicht der einzige Punkt, bei dem die Fortsetzung dem Vorgänger stets ein klein wenig unterlegen ist. Nicht nur aufgrund der beinharten Feuergefechte zog „John Wick“ in seinen Bann. Vielmehr waren es die frischen Ideen rund um die Regeln und Rituale, die innerhalb der Killervereinigung gelten. Das Hotel „The Continental“, in welchem sich die Profimörder einquartieren können; Golddukaten, die als Zahlungsmittel fungieren – solche Einfälle faszinierten. Zwar erfahren wir in der Fortsetzung etwas mehr von dieser geheimen Parallelwelt, in der die Worte Blut und Ehre eine enorme Bedeutung besitzen, dennoch geht der Überraschungseffekt etwas verloren. Nach dem oben beschriebenen fulminanten Auftakt von „John Wick – Kapitel 2“ muss man sich erstmal auf etwas Leerlauf einstellen.

Der Killer tut bald wieder das, was er am besten kann

Doch keine Sorge, sie ist nicht von langer Dauer. Nachdem unser neuer Lieblingskiller sein Zielobjekt in Rom ausgeschaltet hat, ist es mit der Ruhe vorbei. Da Wick seine Schwester getötet hat, setzt ausgerechnet D’Antonio ein Kopfgeld von sieben Millionen Dollar auf ihn aus. Bei solch einer Summe sagt keiner seiner professionell ausgebildeten Kollegen „Nein“. Wick ist nirgends mehr sicher, jede Sekunde muss er mit dem nächsten Angriff rechnen. In Zwischenschnitten und Parallelmontagen stellen sich Wick pausenlos Gegner in den Weg. Von den kompromisslosen Schusswechseln, die aus kürzester Distanz mit voller Härte geführt werden und die mit perfekt choreografierten „Gun Fu“-Kampfszenen gewürzt sind, bis hin zum finalen Endkampf in einem Museum mit Spiegelkabinett werden die Erwartungen an ein stylisches Actionfest erfüllt.

Stahelski vereint die „Matrix“-Stars

Allerdings: Obwohl all diese Szenen auf einem hohen Niveau liegen und in schnellem Tempo vorgetragen werden, fehlt es ein wenig an Abwechslung. Selten legt Wick mal seine Waffe beiseite und nutzt beispielsweise einen Bleistift als Tötungsinstrument. Ein wenig mehr Auto-Action wie im ersten Teil hätte ich mir ebenfalls gewünscht. Auch interessante Figuren wie die stumme Killerin Ares (Ruby Rose) kommen angesichts der Fülle an gesichtslosen Gegnern leider viel zu kurz. Von den zahlreichen Fights bleibt nur der lange Zweikampf mit seinem hartnäckigsten Widersacher Cassian (Common) im Gedächtnis, der zunächst in Rom, später in den Straßen von New York ausgetragen wird und im Waggon einer U-Bahn stichhaltig endet.

Kollege Cassian erweist sich als Wicks härtester Gegner

Immerhin ließ es sich Chad Stahelski nicht nehmen und organisierte eine kleine „Matrix“-Reunion. Der Regisseur selbst fungierte in der bahnbrechenden Science-Fiction-Trilogie als Stunt-Double von Keanu „Neo“ Reeves. Im zweiten „John Wick“ ist nun auch Lawrence „Morpheus“ Fishburne in der Rolle von Bowery King mit von der Partie, der dem verfolgten Auftragskiller aus der Patsche hilft.

Bowery King unterhält ein Netzwerk aus Brieftauben und Bettlern in New York

Vielleicht liegt es daran, dass es sich bei „John Wick – Kapitel 2“ um einen Mittelteil handelt, dass es an den ganz großen Höhepunkten mangelt, weil sich die Macher diese für den bereits bestätigen dritten und vermutlich finalen Teil aufheben wollen. Nach der Filmtrilogie könnte die „John Wick“-Welt noch weiterleben: Derzeit wird über eine TV-Serie nachgedacht, in der die Ereignisse rund um die weltweite „The Continental“-Hotelkette als Dreh- und Angelpunkt dienen.

Wird D’Antonio die Rache von John Wick zu spüren bekommen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Laurence Fishburne, Franco Nero und Keanu Reeves sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 27. Juni 2017 als 4k-UHD, Blu-ray, Blu-ray im limitierten Steelbook und DVD

Länge: 123 Min. (Blu-ray), 118 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: John Wick – Chapter 2
USA/HK/IT/KAN 2017
Regie: Chad Stahelski
Drehbuch: Derek Kolstad
Besetzung: Keanu Reeves, Riccardo Scamarcio, Ian McShane, Ruby Rose, Common, Lance Reddick, Laurence Fishburne, Claudia Gerini, John Leguizamo, Peter Stormare, Franco Nero
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Keanu Reeves und Chad Stahelski, entfallene Szenen, RetroWick: Der unerwartete Erfolg von John Wick, John Wick im Training, Wick-vizzed, Die Verbrecherwelt des John Wick, Freunde und Vertraute: Kenaus und Chads Zusammenarbeit, Car Fu zum Mitfahren, Kameratest: Entwicklung einer Kampfszene, Wicks „Werkzeugkiste“, Mitgezählt, Wicks Hund, deutsche Kinotrailer, Original Kinotrailer
Vertrieb: Concorde Home Entertainment

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshots: © 2017 Concorde Home Entertainment

 

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