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Replicas – In der Tradition von Philipp K. Dick?

Replicas

Von Lucas Gröning

Science-Fiction // Was ist der Mensch? Was macht die ureigene Existenz des menschlichen Wesens aus? Was macht uns so besonders? Wodurch unterscheidet sich der Mensch von anderen Lebewesen? Vor allem: Was unterscheidet den Menschen in einer immer weiter von künstlicher Intelligenz dominierten Welt von der Maschine? Mit diesen Fragen verbinden wir heute in der Popkultur vor allem einen Mann: Philip K. Dick, seines Zeichens einer der bedeutendsten Science-Fiction-Autoren des 20. Jahrhunderts. Zahlreiche seiner Werke wie die Kurzgeschichtensammlung „Electric Dreams“, „The Man in the High Casle“ oder auch „Do Androids Dream of Electric Sheep“ erlangten weit über die Buchvorlagen hinaus große Bekanntheit. Besonders letztgenannter Stoff wurde im Zuge seiner 1982er-Verfilmung „Blade Runner“ durch Ridley Scott in beiden Mediengattungen zum Klassiker. Scott stellte mit seinem Film ebenfalls die Frage nach der menschlichen Existenz und ihrem Verhältnis zu den Maschinen, in diesem Beispiel den sogenannten Replikanten. Am Ende ist es ein Einhorn, welches uns in „Blade Runner“ den finalen Twist des Films offenbart und uns die Beziehung der beiden noch einmal von vorn durchdenken lässt. Ein Motiv, dass Jeffrey Nachmanoff in seiner Regiearbeit „Replicas“ ebenfalls aufgreift. Es ist nicht die letzte Gemeinsamkeit beider Werke, auch wenn Nachmanoff, das sei vorweggenommen, es weit verfehlt, dem selbst zur Sprache gebrachten Vergleich mit dem berühmten Vorbild von Altmeister Ridley Scott gerecht zu werden. Dies wäre zwar zu viel der Erwartung, dennoch provoziert der Film diesen Vergleich an vielen Stellen selbst (das Einhorn sei nur als ein Beispiel genannt), wodurch man um eine Gegenüberstellung schwerlich herumkommt. Nachmanoff, der hauptsächlich durch die Inszenierung einiger TV-Episoden verschiedener Serien sowie seine Arbeit als Drehbuchautor an einigen Folgen der Serie „Homeland“ und Roland Emmerichs Katastrophenfilm „The Day After Tomorrow“ bekannt ist, hat sich dafür einen echten Routinier des Genres ins Boot geholt: Schauspieler Keanu Reeves, der durch seine Darstellungen des Neo in der „Matrix-Trilogie“ und des Protagonisten in Richard Linklaters „A Scanner Darkly“ (ebenfalls nach einer Geschichte von Philip K. Dick) bereits Erfahrung im Genre gesammelt hat. Inwiefern sich das auszahlte, soll im vorliegenden Text aufgezeigt werden.

Fragen über Fragen

Die Geschichte dreht sich um den Protagonisten William Foster (Reeves), einen Neurowissenschaftler, der mit seiner Familie, bestehend aus seiner Frau Mona (Alice Eve) sowie den drei Kindern Matt (Emjay Anthony), Sophie (Emily Alyn Lind) und Zoe (Aria Lyrik Leabu) in Puerto Rico lebt. Er arbeitet für das Unternehmen Bionyne, welches versucht, das Bewusstsein aus dem menschlichen Gehirn mitsamt aller Daten auf Maschinen zu übertragen. Das Unternehmen selbst fungiert im Auftrag der Regierung. Durch die Übertragung soll es möglich werden, gefallene Soldaten in einem neuen, stärkeren Körper wieder zum Leben zu erwecken. Alle Versuche schlugen jedoch bisher fehl. Es stellte sich heraus, dass die synthetischen Gehirne nicht in der Lage sind, das menschliche Bewusstsein anzunehmen. Stattdessen wird es abgestoßen, was zu einer Selbstzerstörung der Maschine führt. Der Chef der Abteilung, Mr. Jones (John Ortiz), kündigt das Ende des Auftrags an, sollten Fosters Bemühungen nicht bald von Erfolg gekrönt sein.

Mit dem glücklichen Familienleben ist es bei den Fosters bald vorbei, doch …

Auf der Suche nach dem Schlüssel landen der Familienvater und sein Kollege und Freund Ed (Thomas Middleditch) jedoch weiterhin in Sackgassen, sodass Foster beschließt, zur Ablenkung einen Kurzurlaub mit seiner Familie zu unternehmen. Während der gemeinsamen Autofahrt gerät die Familie in einen Sturm. Durch einen auf die Straße fallenden Baum kommt es zu einem Unfall, in dessen Folge die gesamte Familie bis auf den trauernd zurückbleibenden Familienvater stirbt. Bereits in dem Moment, in dem seine Frau Mona von einem Ast durchbohrt wird, ahnen wir die nächsten Schritte des Protagonisten. William ruft seinen Kollegen Ed an und die beiden machen sich auf die Mission, die einzelnen Familienmitglieder zu klonen und die im Hirn verbliebenen Daten in die Kopien zu transferieren.

Leider keine Antworten

Ein Auftakt wie gemacht, um eine Verhandlung der Themen rund um das Klonen, den Transfer des menschlichen Bewusstseins, der Möglichkeit dieses Unterfangens, und allen damit einhergehenden ethischen und philosophischen Fragen zu beginnen. Diese Ausgangssituation ist wirklich spannend, und auch wir Zuschauer stellen uns diese Fragen ganz automatisch. Schade jedoch, dass wir in dieser Hinsicht die Einzigen sind, lehnt doch „Replicas“ selbst eine klare Verhandlung der sich anbietenden Fragestellungen ab. Ob es überhaupt eine gute Idee ist, das menschliche Bewusstsein in Maschinen (die hier übrigens ebenfalls Replikanten genannt werden) zu transformieren? Keine Stellungnahme. Welches übergeordnete Ziel könnte eine Regierung oder beispielsweise ein Unternehmen des Silicon Valley mit dem Klonen und dem damit einhergehenden unendlichen Erhalt des menschlichen Lebens verfolgen? Keine Stellungnahme. Und auch die eigens aufgeworfenen Problematiken des Films verpuffen teilweise im Nirgendwo. Warum zum Beispiel funktioniert die Übertragung des Bewusstseins auf einen Klon im späteren Verlauf des Films? Eine Erklärung liefert der Film zwar, jedoch eine wenig befriedigende und zugleich unlogisch hergeleitete.

… Vater William sucht nach einem Weg, seine Familie zurückzuholen

Immerhin stellt Mona ihrem Mann zu Beginn die interessante Frage, ob das menschliche Gehirn nicht mehr ist als eine Ansammlung von Daten inklusive einer Mischung aus Elementen der Neurochemie. Damit stößt sie bei William auf Ablehnung, sodass die Frage im Nichts verschwindet und später auch nicht wieder aufgegriffen wird. Die einzige Figur, die Williams Handlung zu Beginn noch konstant hinterfragt – sein Freund Ed –, wirft alle ethischen und moralischen Bedenken im Augenblick des Erfolges sofort über Bord. Der zu erwartende finanzielle Gewinn des Durchbruchs scheint alles zu rechtfertigen, was sich auch im Schicksal des als Antagonist aufgebauten Mr. Jones wiederspiegelt. Ein weiterer interessanter Aspekt tut sich auf, wenn William die Social-Media-Accounts seiner Kinder verwaltet und so zum Beispiel Chatnachrichten der Schulkameraden und Freunde beantwortet, um den Anschein zu erwecken, die Kinder seien noch am Leben, während ihre Klone im Keller in Tanks hochgezüchtet werden. Der Nachricht eines Jungen, der mit seiner Tochter Sophie flirtet und ein Date arrangieren möchte, begegnet William hierbei mit Ablehnung. Was uns als Zuschauer fremd und falsch vorkommt, wird vom Film nicht weiter kommentiert und bleibt als semi-lustiger Gag zur Auflockerung der Story stehen. Man sieht: Der Film bietet genügend Potenzial zur Bearbeitung dieser komplexen Themen, verweigert sich dieser jedoch und man fragt sich, wozu der Vergleich zu Ridley Scotts Meisterwerk an so vielen Stellen erzwungen wird.

Logiklöcher und ein Genrewechsel

Doch auch abgesehen von der Verweigerung, die Thematik auf eine philosophische Ebene zu ziehen, leidet „Replicas“ an einigen Schwächen. Es begegnen uns viele Szenen, gepaart mit Handlungen der Figuren, die auch losgelöst von einem übergeordneten Sinn nicht logisch erscheinen. Wie erwähnt werden die Klone im Keller des Hauses Foster hochgezüchtet. Das Equipment für den Prozess, drei große Tanks und einer Menge weiteres Zubehör, stehlen William und Ed noch in derselben Nacht des Unfalls aus den Laboren von Bionyne. Wieso es zwei Wissenschaftlern gelingt, unbemerkt Materialien im Wert von Millionen aus einer militärisch gesicherten Basis zu entwenden, bleibt das Geheimnis des Films. Selbst an den folgenden Tagen scheint dies niemand bemerkt zu haben. Auch der Diebstahl sämtlicher Autobatterien der Nachbarschaft zum elektrischen Betrieb der Tanks scheint niemanden außer zwei Polizisten zu kümmern, die das aber auch nicht länger interessiert als die kurze Gesprächsdauer während der routinemäßigen Befragung von William. Man fragt sich, wozu dieses Konfliktpotenzial überhaupt aufgeworfen wurde.

Im späteren Verlauf kommt es außerdem zu einigen Konflikten hinsichtlich der fragwürdigen Entscheidungen von William, die er während des Todes seiner Familie getroffen hat. Diese sich meist auf persönlicher Ebene abspielenden Auseinandersetzungen verpuffen jedoch nach kurzen Streitgesprächen. Eine von vorn bis hinten durchdachte und logisch strukturierte Geschichte hat der Film dadurch eher nicht zu bieten, was sich auch in einem Genrewechsel gegen Ende des Werkes ausdrückt. Anstatt ein Science-Fiction-Film zu bleiben, die wichtigen Fragen zu stellen und den Versuch einer Beantwortung zu übernehmen, flüchtet sich der Stoff ins Genre des Thrillers. Dieser Teil macht zwar durchaus Spaß, fügt sich jedoch nur bedingt in die Handlung und die Komplexität der Themen und Motive ein.

Großes Potenzial

Nur um das, nach so viel Negativität, einmal klar zu stellen. „Repilcas“ ist alles andere als ein katastrophaler Film. Die Charaktere, auch wenn sie größtenteils Stereotype repräsentieren, die nötige Komplexität vermissen lassen und man ihr Schicksal bereits nach wenigen Minuten erahnen kann, sind durchaus sympathisch. Das liegt vor allem an den ansprechenden darstellerischen Leistungen. Keanu Reeves spielt seine Rolle routiniert und glaubhaft herunter. Nach zum damaligen Zeitpunkt zwei „John Wick“-Filmen und etlichen Charakterdarstellungen wie in „Im Auftrag des Teufels“ (1997) scheint er den Herausforderungen derartiger Rollen bereits lange entwachsen. Auch die übrigen Darsteller spielen ihre Rollen mit hoher Qualität. Alice Eve überzeugt als sich sorgende Ehefrau, Thomas Middleditch mimt einen glaubhaften und auflockernden Sidekick und John Ortiz nimmt man die Rolle des bösen, von Wirtschaftsinteressen gesteuerten Antagonisten jederzeit ab.

Auch technisch befindet sich „Replicas“ auf ordentlichem Niveau. Die Kulissen sind zu jedem Zeitpunkt perfekt ausgeleuchtet, was einen Gegensatz zum in einer fernen Dystopie angelegten „Blade Runner“ darstellt, zu einem „Replicas“, der eher vor der großen Katastrophe spielen soll, jedoch perfekt passt. Besonders das Farbenspiel des Films sei hervorgehoben: Stechen uns während der Szenen im Versuchslabor des Bionyne-Unternehmens klinisch-kalte und von blautönen durchzogene Bilder ins Auge, stellen die warmen und eher ins rötliche abdriftenden Farben des Familienhauses der Fosters einen Gegensatz dazu dar. In jedem Fall ist der Film durchzogen von Helligkeit, außer in den Nachtszenen beim Unfall inmitten eines Gewitters. Hier wird die düstere Stimmung durch die Beleuchtung unterstrichen und somit auch die Macht der Natur als Gegensatz zur perfekt funktionierenden und durchtechnologisierten Welt der Menschen. Unter dem Strich reicht das jedoch alles nicht, um den Vergleich mit anderen von Philip K. Dick inspirierten Werken zu bestehen. Dafür ist Nachmanoffs Werk unter dem Strich zu anspruchslos. Ein unterhaltsamer Film mit einigen netten Ideen ist dem Regisseur mit „Replicas“ aber in jedem Fall gelungen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Keanu Reeves sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 9. Mai 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 107 Min. (Blu-ray), 104 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Replicas
GB/CHN/PUER/USA 2018
Regie: Jeffrey Nachmanoff
Drehbuch: Chad St. John
Besetzung: Keanu Reeves, Alice Eve, Thomas Middleditch, John Ortiz, Emjay Anthony, Emily Alyn Lind, Aria Lyric Leabu, Nyasha Hatendi, Amber Rivera
Zusatzmaterial: Making-of, entfallene Szenen, B-Roll, deutscher Kinotrailer, Originaltrailer
Label/Vertrieb: Concorde Home Entertainment

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2019 Concorde Home Entertainment

 
 

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John Wick – Kapitel 3: Vom Auftragskiller im Ruhestand

John Wick: Chapter 3 – Parabellum

Kinostart: 23. Mai 2019

Von Volker Schönenberger

Actionthriller // John Wick (Keanu Reeves) hetzt durch die Straßenschluchten von Manhattan. Weil er in der für derlei Taten verbotenen Zone des Hotels „The Continental“ einen italienischen Mafioso erschossen hatte, wurde ein Kopfgeld von 14 Millionen Dollar auf ihn ausgesetzt – siehe die Ereignisse von „John Wick – Kapitel 2“ (2017). Dem Auftragskiller im Ruhestand bleiben nur noch wenige Minuten, bis die weltumspannende Gangsterorganisation um Punkt 18 Uhr die Jagd auf ihn offiziell eröffnet – in einem börsenähnlichen Saal wird er zum „Excommunicado“ erklärt. Wicks Ex-Kollegen wetzen bereits zuhauf die Messer und laden ihre Pistolen durch. Hinter jeder Ecke lauert der Tod.

John Wick treibt bei …

Mit dem Erstling „John Wick“ etablierten Regisseur Chad Stahelski und Titeldarsteller Keanu Reeves 2014 den des Tötens müden Auftragsmörder, der sich einfach nicht von den Fesseln seiner Vergangenheit befreien kann. Dank knallharter Action sowie der Starpower des Hauptdarstellers und diverser namhafter Nebendarsteller gewann der Film weltweit die Herzen von Genrefans, sodass den Fortsetzungen nichts im Wege stand. Hollywoods Gesetzmäßigkeiten und die Berechenbarkeit des Publikums brachten somit das nächste Franchise hervor. Bemerkenswert, dass Chad Stahelski außer den drei „John Wick“-Filmen bislang keine Regiearbeiten vorzuweisen hat. Nach aktuellem Stand wird er bei der „Highlander“-Neuverfilmung auf dem Regiestuhl sitzen. Der Kickboxer hat im Filmgeschäft zuvor in erster Linie als Stuntman und Stunt-Koordinator gearbeitet und mehrfach Keanu Reeves gedoublet – die beiden kennen einander seit der „Matrix“-Trilogie.

… „The Director“ eine alte Schuld ein

Kein Wunder also, dass der Fokus bei allen drei „John Wick“-Filmen auf Action liegt. Als Story-Unterbau fungiert der Mythos einer globalen Verbrecherorganisation – die „Hohe Kammer“ überwacht wie ein Krake die ganze Welt, vor ihr gibt es kein Entkommen. Ohne dass das bis ins Detail erläutert wird, entsteht der Eindruck, dass es sich dabei um eine Art Dachorganisation handelt, unter der die bekannten kriminellen Syndikate wie Camorra, Cosa Nostra (Mafia), Russenmafia, Triaden, Yakuza und andere aufgehängt sind, deren Killer ihre tödliche Arbeit nach einem kruden Kodex verrichten. Dass Verbrecher trotz ihres höchst unmoralischen Tuns fragwürdige Ehrbegriffe pflegen, kennen wir ja zur Genüge. Ob das alles der logischen Weisheit letzter Schluss ist, kann dahingestellt bleiben, bei all den Schusswechseln, Messerstechereien, Schlägereien und Verfolgungsjagden lassen sich Logiklöcher ignorieren, sofern man überhaupt in der Lage ist, sie angesichts des höllischen Tempos aller drei Filme wahrzunehmen.

Eins hat mich dennoch gestört – das Phänomen ist in derlei Filmen oft zu bemerken: Zwar wird John Wick als der absolut beste Auftragskiller etabliert, was seine Überlegenheit gegenüber den Konkurrenten erklärt. Aber zum einen ist er in den Jahren zuvor bereits außer Dienst gewesen und dürfte daher etwas eingerostet sein, zum anderen werden alle seine Gegner ebenfalls als mit Waffen oder ihren Körpern top ausgebildete Kampfmaschinen gezeichnet. Doch obwohl sie teilweise in großer Überzahl auf John Wick losgehen und ihm zudem immer wieder äußert schmerzhafte Treffer zufügen, gelingt es ihm jedes Mal aufs Neue, die Oberhand zu behalten. Wenn es von allen Seiten Kugeln hagelt, treffen diese in aller Regel immer nur die anderen; John muss zwar ebenfalls einstecken, lässt sich dadurch aber nicht außer Gefecht setzen. Aber vielleicht sollte ich beim Thema Glaubwürdigkeit einfach nicht päpstlicher als der Papst sein.

Vivaldi!

„John Wick – Kapitel 3“ ist gespickt mit Anspielungen und Zitaten, die nicht alle einfach zu erkennen sind – von Buster Keaton bis „The Raid“ finden sich einige Referenzen. Der Score folgt üblichen Pfaden von Actionfilm-Soundtracks, pausiert kaum einmal und fügt sich immerhin anständig und nicht allzu aufdringlich ein. Den absoluten Höhepunkt bildet ein einziges klassisches Stück – zugegeben einer meiner persönlichen Favoriten: Wenn unmittelbar vor dem Showdown kurz Ruhe vor dem Sturm herrscht, legt Hotelmanager Winston (Ian McShane) genüsslich eine Vinyl-Schallplatte auf, es ertönt der erste Satz des Winters aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ – das Allegro non molto. Ganz wunderbar und mit seiner Steigerung perfekt das Geschehen untermalend. Mich wundert, wie selten gerade in Actionfilmen klassische Musik eingesetzt wird, bietet sie doch Vielfalt und Dynamik in Hülle und Fülle. An sich müsste es auch nicht an alten Aufnahmen mangeln, die womöglich schon gemeinfrei sind und daher Kosten sparen – da befinde ich mich aber auf dem Terrain gefährlichen Halbwissens.

„The Adjudicator“ greift ein …

In seiner Rezension des zweiten Teils bemängelte Autor Andreas bezüglich der Actionszenen die fehlende Abwechslung. Davon kann in „John Wick – Kapitel 3“ keine Rede sein, die Action sprüht vor Ideen, auch die Martial-Arts-Einlagen überzeugen mit Vielfalt. Wer szenische Spoiler gern vermeidet, möge die beiden folgenden Absätze überspringen, weil ich ein paar Beispiele nenne.

Ab hier zwei Absätze mit szenischen Spoilern

So kommt es recht früh zu einem Messerkampf sondergleichen, bei dem sich sowohl John Wick als auch seine Gegner aus in Vitrinen ausgestellten Messern bedienen und diese als Wurfgeschosse in einem Tempo einsetzen, das Schusswechseln in nichts nachsteht. Etwas später führt seine Flucht den Protagonisten in einen Stall der New Yorker Kutscher, wo sich John zwischen diversen Pferden seiner Kontrahenten erwehrt und dabei auf clevere Weise die Neigung der Reittiere zum Ausschlagen nach hinten einsetzt – sehr schmerzhaft anzuschauen. Als ein Highlight geht durch, dass John Wick im marokkanischen Casablanca während eines Kampfs Unterstützung nicht nur von seiner alten Freundin (oder Kollegin) Sofia (Halle Berry) bekommt, sondern auch von ihren beiden scharfen belgischen Schäferhunden, die auf Kommando blitzschnell über ihre Opfer herfallen. Zum Finale im New Yorker „The Continental“ müssen sich John und der hilfreiche Concierge Charon (Lance Reddick) schließlich einer mit Reisebussen herangekarrten Übermacht erwehren, die allesamt mit schusssicheren Helmen und Klamotten ausgestattet sind. Wie man diese dennoch ausschalten kann, das bekommt das Publikum als großes, brutales Actionkino präsentiert.

Gewaltfans kommen auf ihre Kosten

Apropos brutal: Die Gewalt ist nicht von schlechten Eltern, um es milde auszudrücken. Speziell bei erwähntem Messerkampf zu Beginn kommt es zu Szenen, bei denen die FSK ein Auge zudrücken musste. Tatsächlich sehen wir ein Messer in ein Auge eindringen, John Wick hämmert wiederholt Messer in Schädel, auch eine Axt landet mit Wucht in einem Kopf. Während der zahlreichen Schießereien des Films sind etliche Kopfschüsse aus nächster Nähe zu betrachten, oft zwar im Dunkeln und bei der Rasanz der Inszenierung stets nur kurz im Bild, aber dennoch hart. Über die FSK-18-Freigabe darf sich der Verleih nicht wundern, immerhin erfolgte sie ohne Schnittauflagen.

… und heuert den Sushikoch und Topkiller Zero an

Die vielen Toten zu zählen, dazu war ich während der Pressevorführung des Films nicht in der Lage. Der Body Count mag den der beiden Vorgänger toppen, wozu auch eine Äußerung Chad Stahelskis gegenüber „Entertainment Weekly“ passt, wonach der Regisseur denkt, „the movie’s death count will ,land slightly north‘ of the previous film’s“ (die Zahl der Toten werde leicht höher liegen als beim Vorgänger).

Der trifft in New Yorks Grand Central Station erstmals auf John Wick

Oscar-Preisträgerin Halle Berry („Monster’s Ball“) erwähnte ich bereits, ebenso Ian McShane, 2004 für die Westernserie „Deadwood“ mit dem Golden Globe prämiert, der den umtriebigen Manager des New Yorker „The Continental“ verkörpert. Weitere illustre Namen schmücken die Besetzung: Als in Casablanca ansässiger Gangster ist Jerome Flynn zu sehen, der mit Tyrion Lannisters Kumpel Bronn eine beliebte Figur in „Game of Thrones“ spielt. Laurence Fishburne tritt erneut als New Yorker Gangster Bowery King auf, der John Wick hilft und damit einiges riskiert. Schön auch, endlich mal wieder Anjelica Huston („Die Addams Family“) zu sehen – die Oscar-Preisträgerin („Die Ehre der Prizzis“) sieht sich als „The Director“ genannte Patronin einer osteuropäischen (weißrussischen?) Verbrecherorganisation von John Wick zur Unterstützung genötigt, fühlt sich aber auch der „Hohen Kammer“ verpflichtet. Hier deuten ein paar Bemerkungen auf die Vergangenheit des Killers hin. Stammt er etwa selbst aus Weißrussland? Erwähnt sei auch Asia Kate Dillon („Orange Is the New Black“), die als eiskalte Botschafterin/Schiedsrichterin (im Original: „The Adjudicator“) der „Hohen Kammer“ John Wicks Helfer aufsucht und ihnen die Konsequenzen ihres Tuns veranschaulicht.

Showdown mit Mark Dacascos

Kommen wir last not least zu Mark Dacascos, dem ich nach „Crying Freeman – Der Sohn des Drachen“ (1995) und „Pakt der Wölfe“ (2001) eine größere Karriere gegönnt hätte. Ihn sehen wir als japanischen Sushi-Meister und Spitzenkiller Zero, der John Wick als Vorbild verehrt, was ihn selbstverständlich nicht daran hindert, dem Kollegen gehörig auf den Pelz zu rücken. Die Auseinandersetzung zwischen beiden wird als Showdown aufgebaut und wird dem final auch gerecht.

Auf ihre Hunde lässt Sofia nichts kommen

An sich war geplant und angekündigt, es fürs Kino bei einer Trilogie zu belassen. Die TV-Serie „The Continental“ ist bereits in Vorbereitung, darin wird es um die globale Hotelkette gehen, in der die gedungenen Killer sicheres Terrain finden, weil in den Gebäuden laut Regelwerk keine Missetaten ausgeübt werden dürfen. Mittlerweile ist es zwar alles andere als eine originelle Idee, aus Kinohits Fernsehserien zu machen, angesichts der hohen Qualität vieler aktueller TV-Umsetzungen kann das aber natürlich gut funktionieren. Hoffen wir, dass es den Produzenten gelingt, aus dem in den Kinofilmen etwas stückhaft entwickelten Mythos des nicht greifbaren globalen Gangsterzusammenschlusses eine schlüssige Legende zu stricken, die über eine gesamte Staffel und länger ihrer eigenen Logik treu bleibt.

Fortsetzung folgt?

Chad Stahelski hat im Gespräch mit „Entertainment Weekly“ bereits verlauten lassen, Lust auf und massig Ideen für einen vierten Teil zu haben, zudem endet „John Wick – Kapitel 3“ denkbar offen – und das ganz in der Tradition der Vorgänger, bei denen die Handlung der beiden Fortsetzungen jeweils unmittelbar ans Finale des vorherigen Films anschließt. Im Interview mit dem Filmportal „IndieWire“ hatte der Regisseur zwar geäußert, er und Keanu Reeves hätten bei keinem der Filme erwartet, Fortsetzungen zu drehen, angesichts der massiven Cliffhanger in Teil 2 und 3 erscheint diese Aussage aber als Augenwischerei. Keanu Reeves jedenfalls sagte im Gespräch mit „GQ“, er selbst habe weiterhin Lust auf John Wick und werde die Figur spielen, so weit ihn seine Füße tragen würden, sofern das Publikum danach verlange. Das scheint der Fall zu sein: Wenn man sich allein die für Hollywood wichtigen Einnahmen am US-Startwochenende anschaut, ist festzustellen, dass Teil 3 die beiden Vorgänger deutlich übertrumpft hat – das Interesse an John Wick ist also enorm gestiegen. Wenn wir den Gedanken einmal weiterspinnen, spricht nach einem etwaigen „John Wick – Kapitel 4“ nichts gegen Prequels à la „John Wick – Der erste Auftrag“ und „John Wick – Der Aufstieg“. Immerhin wurde John Wick schon als Möchtegern-Ruheständler als der Beste seines Fachs geschildert, da bietet ein Blick auf seine aktive Laufbahn einige Möglichkeiten. Das ist jetzt aber wirklich spekulativ, die Filmtitel entspringen einzig meiner Fantasie. Bleiben wir vorerst bei „John Wick – Kapitel 3“, der angetan ist, in Actionfans, die die beiden Vorgänger mögen, Begeisterung hervorzurufen. Insgesamt ist zu konstatieren: Und Action! Aber sowas von.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Laurence Fishburne und Keanu Reeves sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Durch die Wüste

Länge: 130 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Originaltitel: John Wick: Chapter 3 – Parabellum
USA 2019
Regie: Chad Stahelski
Drehbuch: Derek Kolstad, Shay Hatten, Chris Collins, Marc Abrams
Besetzung: Keanu Reeves, Halle Berry, Laurence Fishburne, Mark Dacascos, Asia Kate Dillon, Lance Reddick, Jason Mantzoukas, Anjelica Huston, Ian McShane
Verleih: Concorde Filmverleih GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Concorde Filmverleih GmbH

 

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River’s Edge – Das Messer am Ufer: Der Tod als Nebensache

River’s Edge

Von Leonhard Elias Lemke

Drama // Im Gegensatz zu „Dirty Dancing“ ist dies der wirklich dreckige Tanz durchs Leben. Abseits des lebensbejahenden Stroms. Hier ist die Romantik nicht zu Hause. Samson (Daniel Roebuck) hat gerade seine Freundin – dieses Wort verbietet sich in seinem Kontext eigentlich – getötet. Am Rand eines Flusses sitzt er neben ihrer Leiche, sichtlich unschockiert. Vielmehr interessiert ihn, wo er sein nächstes Sixpack herbekommt. In den folgenden Tagen erzählt er nicht ohne Stolz von seiner Untat. Zunächst ungläubig, werden die zur Leiche geführten Schaulustigen – zu denen wir auch gehören – mehr. Der hier fast schon dokumentierte Ausschnitt der Gesellschaft hat keine Konzepte für richtig und falsch und somit keine Moral entwickelt. Die Tote wird mit Neugier betrachtet, nicht mit Schrecken. Als endlich die Polizei informiert wird, ist es längst zu spät, um für Recht und Ordnung zu sorgen. Jede Hilfe für diese Gesellschaft kommt zu spät.

Der belanglose Tod

Der Titel bezieht sich auf das lebensspendende Wasser, aus dem wir gemacht sind, den fließenden Fluss. Doch die Charaktere dieser Geschichte stehen am Rand, sie werden nicht mitgetragen von den Lebenden. Hier ist Stillstand – maximal.
Basierend auf einer wahren Begebenheit verfasste Neal Jimenez („Hideaway – Das Böse“) das Drehbuch. Gemeinsam mit Regisseur Tim Hunter („Die Helden von Fort Washington“) lässt er den Tod in „River’s Edge – Das Messer am Ufer“ zur Nebensache werden. Er berührt weder die Protagonisten noch den Zuschauer. Obwohl er die Story bestimmt und allgegenwärtig ist, wird er nicht zum Thema. Man interessiert sich nicht für ihn. Der Tod erscheint ohne Bedrohung, wenn man nie gelebt hat.

Kann man hier noch träumen?

Eigentlich will der Zuschauer mit Bestürzung auf die Gleichgültigkeit der Figuren reagieren, doch es ist der Verdienst von Jimenez, Hunter und Lynch-Kameramann Frederick Elmes, dass auch wir (emotional) untätig einfach zusehen. Wir stehen „on the edge“. Mögen wir auch in rosigeren Verhältnissen als die Protagonisten des Films leben, so können wir uns doch in dieser tristen Realität wiederfinden. Wir kennen sie entweder aus Einzelerfahrungen oder spüren, wie sie drohend hinter der nächsten Ecke lauert.

Sich wegspülen lassen

In „River’s Edge“ wird der Mensch zum Abfallprodukt des empathielosen Kapitalismus, der seine Opfer zu perspektivlosen Konsumenten verbildet. Kinder werden sich selbst überlassen, ihre Eltern sind nicht fähig, ihr eigenes Leben zu strukturieren, und umso weniger in der Lage, ihrer familiären Verpflichtung nachzukommen. Drogenkonsum findet gemeinsam, generationenübergreifend statt. Es ist die Realitätsflucht, die verbindet, nicht die gemeinsame Erfahrung. In einer Welt ohne Ziele entsteht Todessehnsucht. Die nackte Leiche des Mädchens wirkt geisterhaft – ein schöner Geist, dem die Pastelltöne der körperlichen Verwesung etwas Märchenhaftes verleihen.

Cast on the edge

Dennis Hopper spielt einen einbeinigen Drogendealer, der schief Saxophon spielt und dessen Freundin eine Gummipuppe ist – nachdem er jene aus Fleisch und Blut einst erschossen hat. Das von ihm dargestellte menschliche Wrack ist das, was einem Freund von Samson am nächsten kommt. Seine widerliche Figur ist dennoch die einzige mit Herz. Ein damals noch unbekannter Keanu Reeves spielt gewollt blass. Eher gut als böse, aber immer naiv und ohne Kontrolle. Crispin Glovers Figur ist der Clown, der nicht zu lachen vermag, der eigenen Lächerlichkeit preisgegeben. Jederzeit scheint er explodieren oder in sich zusammenbrechen zu können. Daniel Roebuck als tragischer Samson ist hassenswert und doch schafft man es nicht, ihm sein Verhalten übel zu nehmen. Auch er ist Opfer. Eine grandiose Schauspielriege, die sich ganz in „River’s Edge“ verliert, Dank vor allem Tim Hunter, der mal fast „Robocop 2“ inszeniert hätte. Das hätte ich gern gesehen.

Wenn „Im Angesicht des Todes“ keine Angst mehr macht

Das Label „Camera Obscura“ ist vor allem für seine sehr guten Veröffentlichungen italienischer Genrefilme bekannt. Dabei gelingt es stets, eine gute Filmauswahl, hohe technische Qualität und aufwendig neuproduzierte Extras zusammenzubringen. Ab und an kommt auch ein Nicht-Italo – in gleicher hervorragender Fassung, Aufmachung und Begleitung. Die Extras umfassen einen Audiokommentar von Tim Hunter, ausführliche, eigens erstellte Featurettes mit Roebuck und Elmes sowie den englischen und deutschen Trailer samt einer Fotogalerie. Das Booklet stammt von Prof. Dr. Marcus Stiglegger, ein Freund des Labels. Die lesenswerten Zeilen – weiß auf schwarz ist schon optisch ein Gewinner – werden mit einem Zitat von Albert Camus eingeleitet, das diese Besprechung schließen soll: „Die Gemeinschaft der Opfer ist die gleiche, die das Opfer mit dem Henker verbindet. Aber der Henker weiß es nicht.“

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Keanu Reeves sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 29. März 2019 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 7. Mai 2007 als DVD

Länge: 100 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: River’s Edge
USA 1986
Regie: Tim Hunter
Drehbuch: Neal Jimenez
Besetzung: Daniel Roebuck, Dennis Hopper, Crispin Glover, Keanu Reeves, Ione Skye, Joshua John Miller, Roxana Zal, Josh Richman, Phillip Brock
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Tim Hunter, Featurettes mit Daniel Roebuck und Frederick Elmes, deutscher und englischer Trailer, Bildergalerie, Booklet mit einem Text von Marcus Stiglegger
Label/Vertrieb DVD: MGM (Twentieth Century Fox Home Entertainment)
Label Mediabook: Camera Obscura
Vertrieb Mediabook: Al!ve AG

Copyright 2019 by Leonhard Elias Lemke

Szenenfotos & Packshot Mediabook: © 2019 Camera Obscura, Packshot DVD: © 2007 MGM (Twentieth Century Fox Home Entertainment)

 

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