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Ernest Borgnine (I): Ein Zug für zwei Halunken – Lokführer gegen Schwarzfahrer

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Emperor of the North

Heute wäre der große Ernest Borgnine (1917–2012) 100 Jahre alt geworden. Das nehmen wir zum Anlass, dem Oscar-Preisträger („Marty“, 1955) eine kleine Rezensionsreihe zu widmen, beginnend mit einem seiner weniger bekannten Werke.

Von Andreas Eckenfels

Actionthriller // Neben seinen buschigen Augenbrauen und seiner breiten Nase gehörte auch die Zahnlücke zu den Markenzeichen von Ernest Borgnine. Diesen Schönheitsmakel wollten die Produzenten von „Marty“ (1955) vor dem Dreh korrigieren und schickten den Star ihres Films zum Zahnarzt. Doch Borgnine blieb stur: „Ich sagte: ,Wenn sie den Leuten nicht gefällt, dann ist das ganz schön hart. Vergesst es, ich werde den Film nicht machen.‘ Also sagten sie nur: ,Behalt sie, behalt sie.‘“, erzählte der am 8. Juli 2012 im Alter von 95 Jahren verstorbene Charakterkopf dem Branchenblatt „Hollywood Reporter“.

Es war die richtige Entscheidung: Borgnine gewann für seine Rolle des liebenswerten Fleischers Marty Piletti, der mit 34 Jahren noch bei seiner Mutter wohnt, schon früh in seiner Karriere den Golden Globe und den Oscar als bester Hauptdarsteller. Wie er später selbstironisch bemerkte, hatte er aber auch keinerlei Konkurrenz bei der Verleihung gehabt: Die weiteren Nominierten 1956 waren ja „nur“ James Dean, Frank Sinatra, Spencer Tracy und James Cagney.

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Held der Hobos: Ass Nr. 1

Zuvor hatte der Weltkriegsveteran als Theaterschauspieler am Broadway begonnen. Seinen ersten großen Auftritt auf der Leinwand hatte Borgnine als sadistischer Sergeant James „Fatso“ Judson in „Verdammt in alle Ewigkeit“ (1953). In seinen mehr als 100 Kinofilmen wurde der Sohn italienischer Einwanderer häufig als Raubein in Western, Kriegs- und Abenteuerfilmen besetzt. Zu seinen bekanntesten Werken gehören „Der Flug des Phoenix“ (1965), „Das dreckige Dutzend“ (1967) und „The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz“ (1969).

Gnadenloses Duell

Für „Ein Zug für zwei Halunken“ (1973) tat sich Borgnine ein weiteres Mal mit Regisseur Robert Aldrich und Schauspielkollege Lee Marvin zusammen. Die Geschichte ist eine freie Adaption des autobiografischen Romans „Abenteurer des Schienenstranges“ von Jack London. Während die Vorlage am Ende des 19. Jahrhunderts angesiedelt ist, wurde die Filmhandlung ins Jahr 1933 verlegt, der Zeit der Großen Depression in den USA. Landstreicher und Tagelöhner, sogenannte Hobos, kämpfen während der harten Wirtschaftskrise ums Überleben. Dabei springen sie häufig auf Güterzüge auf, um sich so durch die Lande transportieren zu lassen. Das ist nicht ungefährlich: Die Hobos müssen sich bei hoher Geschwindigkeit an den Waggons festklammern und sich gleichzeitig vor den Lokführern versteckt halten.

Einen äußerst aggressiven Bahnmitarbeiter lernen wir gleich zu Beginn kennen: Der unbarmherzige Shack (Ernest Borgnine) kennt keine Gnade mit Schwarzfahrern. Mit Äxten, Stahlstangen oder Ketten schlägt er auf die illegal mitreisenden Hobos ein. Ein armer Kerl, der es sich gerade mit einem Butterbrot in der Hand zwischen zwei Waggons bequem gemacht hat, stürzt wegen Shack auf die Gleise und wird vom Zug in zwei Hälften gerissen. Das stört den Lokführer aber überhaupt nicht. Er sieht es als seine Pflicht an, seinen Zug Nummer 19 vor ungebetenen Besuchern zu verteidigen.

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Lokführer Shack wacht über sein Reich

Doch die Rechnung hat er ohne den König der Landstreicher gemacht, der von allen nur Ass Nr. 1 (Lee Marvin) genannt wird. Er will Shack herausfordern und beschließt, als erster Schwarzfahrer überhaupt unentdeckt mit Zug Nummer 19 bis ans Ziel nach Portland zu fahren. Die Nachricht verbreitet sich im ganzen Land wie ein Laubfeuer; Wetten werden abgeschlossen. Auch der junge Landstreicher Cigar (Keith Carradine) will sein Glück versuchen und schleicht sich ebenfalls auf den Zug – sehr zum Missfallen von Ass Nr. 1. Der Beginn einer gefährlichen Reise …

Minimalistische Hochspannung

Regisseur Robert Aldrich lässt mal wieder zwei echte Kerle aufeinanderprallen. Die Wirtschaftskrise spielt dabei nur am Rande eine Rolle. Viel wichtiger ist für ihn das mörderische Duell um Leben und Tod zwischen Borgnine und Marvin. Ihre Figuren benötigen dabei auch keine großen Hintergrundgeschichten. Sie sind knallharte Typen, bei denen man sofort merkt: Sie sind mit allen Wassern gewaschen, kennen alle Tricks und gehen jedes Risiko ein, um dem Kontrahenten ein Schnippchen zu schlagen. Notfalls mit Gewalt.

Die Actionszenen auf dem fahrenden Zug sind hochspannend inszeniert, fordern den Schauspielern auch körperlich einiges ab und halten die minimalistische Story am Laufen. Politisch korrekt geht es dabei nicht immer zu. Ein erbeutetes Huhn kann dabei auch mal als Schlaginstrument herhalten. Neben dem packenden Zweikampf zwischen den beiden alten Männern spielt auch die Beziehung zwischen dem erfahrenen Ass Nr. 1 und Cigar eine Rolle. Dabei nimmt aber Marvins Figur nicht wirklich die sonst übliche Rolle des Mentors ein. Zwar fühlt er sich von den Ehrerbietungen des Jungspunds durchaus geschmeichelt, seinen besonderen Status will er aber nicht an den hochnäsigen Cigar abgeben.

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Die Auseinandersetzung eskaliert …

Die Landschaften rund um die Stadt Cottage Grove im US-Staat Oregon, wo die Gleise der Oregon, Pacific and Eastern Railway verlaufen, bilden eine wunderschöne Hintergrundkulisse. Filmexperten wissen: Dort wurden auch Buster Keatons „Der General“ (1927) und die Stephen-King-Adaption „Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers“ (1986) gedreht. Im brutalen Finale knallen die starken Stars dann mit voller Wucht aufeinander – das erwartet man in einem echten Männerfilm.

Borgnine verrät sein Geheimnis

Mir persönlich fiel Borgnine erstmals im Katastrophenfilm „Die Höllenfahrt der Poseidon“ (1972) und John Carpenters „Die Klapperschlange“ (1981) auf – und natürlich in der TV-Actionserie „Airwolf“, in der er von 1984 bis 1986 den Mentor des Helden Stringfellow „Huckleberry“ Hawke (Jan-Michael Vincent) mimte. Überhaupt lebte der Schauspieler im TV mehr seine heiteren Seiten aus. In den USA wurde Borgnine durch die Militärkomödie „McHale’s Navy“ (1962–1966) einem breiteren Publikum bekannt. Von 1999 bis zu seinem Tod 2012 lieh er außerdem in der englischen Originalfassung von „Spongebob Schwammkopf“ dem Meerjungfraumann seine markante Stimme.

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… und wird mit allen Mitteln geführt

Auch im hohen Alter verlor die Schauspiellegende nicht seinen Humor. Als er 91 Jahre alt war wurde Borgnine, der fünf Mal verheiratet war, mal wieder nach dem Geheimnis seines langen Lebens gefragt. Zunächst wollte er dies nicht verraten. Schließlich lehnte er sich nach vorn und flüsterte ins Mikrofon: „Ich masturbiere viel.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Robert Aldrich sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Ernest Borgnine und/oder Lee Marvin in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 21. Oktober 2016 als Blu-ray und DVD, 4. Februar 2011 als DVD

Länge: 121 Min. (Blu-ray), 116 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Emperor of the North
USA 1973
Regie: Robert Aldrich
Drehbuch: Christopher Knopf nach dem Roman „Abenteuerer des Schienenstranges“ von Jack London
Besetzung: Lee Marvin, Ernest Borgnine, Keith Carradine, Charles Tyner, Malcolm Atterbury, Harry Caesar, Simon Oakland
Zusatzmaterial: Audiokommentar, Making-of, Deutscher Kinotrailer, Englischer Trailer, Teaser, Bildergalerie, Wendecover
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2016 Al!ve AG / Pidax Film

 

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Expedition in die Zukunft – Dystopische Tristesse von Peter Fonda

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Idaho Transfer

Von Volker Schönenberger

Science-Fiction // Einer Forschungseinrichtung in Idaho ist es im Jahr 2044 gelungen, Gegenstände in die Zukunft zu schicken – und sogar Menschen. Die junge Karen (Kelley Bohanon), von ihrem Vater und ihrer Schwester zu der Einrichtung mitgenommen, wagt mit einigen anderen jungen Menschen den Weg in die Zukunft – genauer: ins Jahr 2100. In der Gegenwart hatten sich Anzeichen einer drohenden ökologischen Katastrophe gemehrt. Die Regierung stoppt das Projekt, die Teilnehmer sind in der Zukunft gefangen, in einer Zukunft, die obendrein auch nur Tristesse und Verwirrung bietet.

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Zeitreise ohne Hose

Zweite von nur drei Regie-Arbeiten von „Easy Rider“-Star Peter Fonda – gedreht zwei Jahre nach seinem Regiedebüt „Der weite Ritt“ (1971). 1979 folgte noch „Wanda Nevada“. In „Expedition in die Zukunft“ entwirft Fonda ein pessimistisches Bild von Gegenwart wie Zukunft gleichermaßen. Hoffnung macht er damit nicht, seine Botschaft will sich aber nicht recht erschließen. Was will er uns damit sagen? Dass alles sowieso keinen Sinn hat? Das wäre ja immerhin eine Aussage, aber es fällt ohnehin schwer, zum Kern der Geschichte vorzudringen – zu trist und karg und letztlich langweilig ist das inszeniert. Das mag Teil des Konzepts sein, erschwert es aber, am Ball zu bleiben. Obendrein sind einige schauspielerische Mängel und Logiklöcher zu beobachten. Weshalb beispielsweise bei der Zeitreise eine Teilentkleidung erforderlich ist, hat sich mir nicht erschlossen. Der nette kleine Clou in der letzten Szene kann da auch nicht mehr viel retten.

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Sind die Instrumente richtig eingestellt?

Die Qualität der Veröffentlichung ist leider historisch zu nennen, aber das ist offenbar nicht dem Label anzulasten. Laut Pressemitteilung hat Pidax Film in Sammlerkreisen einen Tonbandmitschnitt der deutschen TV-Ausstrahlung von 1975 aufgetrieben. Das ist respektabel, da kann man über die schlechte Tonqualität auch hinweghören. Die Qualität der englischen Tonspur ist allerdings auch nicht besonders. Auch beim Bildmaterial musste Pidax wohl nehmen, was da war. Das unscharfe Bild genügt modernen Ansprüchen leider überhaupt nicht. Manche Filme bekommt man eben nur in minderwertiger Bild- und Tonqualität zu sehen.

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Außerhalb der Zeitmaschine

Da überwiegt bei mir das filmhistorische Interesse: Besser so als überhaupt nicht. Für mehr als eine Sichtung aus eben diesem Interesse langt „Expedition in die Zukunft“ allerdings nicht. Ein Meisterregisseur ist an Peter Fonda nicht verloren gegangen.

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Expedition in die Zukunft

Veröffentlichung: 18. Dezember 2015 als DVD

Länge: 86 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Idaho Transfer
USA 1973
Regie: Peter Fonda
Drehbuch: Thomas Matthiesen
Besetzung: Keith Carradine, Kelley Bohanan, Caroline Hildebrand, Kevin Hearst, Dale Hopkins, Fred Seagraves
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2015 Al!ve AG / Pidax Film

 

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Die letzten Amerikaner – Tödliche Jagd in den Sümpfen Louisianas

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Southern Comfort

Gastrezension von Simon Kyprianou

Action-Abenteuer // Walter Hills „Die letzten Amerikaner“ und Wes Cravens „Hügel der blutigen Augen“ sind fast Zwillingsfilme, entstanden auch lediglich vier Jahre auseinander und sind beide eine Aufarbeitung und eine Untersuchung des Vietnamkriegs. Beide gehen ähnlich vor, indem sie den Vietnamkonflikt in die USA tragen, ihn also „zu Hause“ wiederholen.

Bei Craven Wüste, bei Hill die Sümpfe

In einem versuchsanordnungsartigen Mikrokosmos, bei Craven eine Wüste, bei Hill eine Sumpflandschaft, lassen sie logistisch gut ausgerüstete, bewaffnete Amerikaner gegen Wüsten- bzw. Sumpfbewohner kämpfen, die ihnen mit ihren Guerilla-techniken weit überlegen sind. Bei Craven ist das etwas subtiler als bei Hill, bei beiden ist es aber vielschichtig und intelligent.

Wie bringe ich Einheimische gegen mich auf?

Wo Craven eine ganz normale amerikanische Familie mit dem Vietnamkonflikt konfrontiert, sind es bei Hill ganz unsubtil, dafür sehr wirkungsvoll, Nationalgardisten. Überfordert versuchen sie eine vermeintlich ungefährliche Übung in den Sümpfen Louisianas abzuhalten. Als sie dabei aber Kanus stehlen, um einen Fluss zu überqueren, und einer der Ihren auch noch eine Platzpatronensalve auf die am Ufer stehenden Cajuns abfeuert, beginnt ein Strudel aus tödlicher Gewalt.

Nationalgardisten als Aggressoren

Interessant ist, dass sich Walter Hill auf eine Schuldfrage einlässt. Es sind eindeutig die Amerikaner, die den ersten Schritt des Konflikts tun, wenn sie die Kanus stehlen. Lediglich zwei besonnene Soldaten, Spencer und Hardin (Keith Carradine, Powers Boothe) waren gegen den Diebstahl, sie stehen in diesem Film für die Vernunft, die angebrüllt und zum Schweigen gebracht wird. Was dann folgt ist eine unerbittliche Dekonstruktion der USA: Die Soldaten werden mehrheitlich als dümmliche, überforderte, sadistische Ungeheuer dargestellt, gefangen in einem Kampf, den sie nicht mal annähernd begreifen, geschweige denn gewollt haben.

Wenn sich zur Action der Horror gesellt

Zum Ende hin wird „Die letzten Amerikaner“ beinahe zum Survival-Horrorfilm, wenn die Nationalgardisten einer nach dem anderen umgebracht werden. Dann kommt Hills Film dem von Craven wirklich zum Greifen nah. „Die letzten Amerikaner“ ist kluge und hochspannende Selbstreflexion, von Carradine und Boothe roh und kraftvoll gespielt, von Hill kaltschnäuzig und kompromisslos inszeniert.

Walter Hill bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

The Driver (1978)
The Warriors (1979)
Long Riders (1980, geplant)
Die letzten Amerikaner (1981)
Straßen in Flammen (1984)
Red Heat (1988)
Shootout – Keine Gnade (2012)

Veröffentlichung: 5. August 2004 als DVD, 17. Januar 2008 als DVD im limitierten Metallschuber (vergriffen)

Länge: 101 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Southern Comfort
USA/CH/GB 1981
Regie: Walter Hill
Drehbuch: Michael Kane, Walter Hill, David Giler
Besetzung: Keith Carradine, Powers Boothe, Fred Ward, Franklyn Seales, T.K. Carter, Lewis Smith, Les Lannom, Peter Coyote
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: EMS GmbH

Copyright 2015 by Simon Kyprianou

 

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