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Tenet – Zeit ist relativ!

Tenet

Kinostart: 26. August 2020

Von Florian Schneider

SF-Thriller // Ein namenloser Agent (John David Washington, Sohn von Denzel), genannt „der Protagonist“, gerät bei einem Einsatz in der Oper in Kiew in Gefangenschaft – das Gebäude wird anscheinend von Terroristen überfallen. Als er gefoltert wird, nimmt er sich durch eine Giftkapsel scheinbar das Leben, nur um gleich darauf wieder von den Toten auferweckt zu werden. Der Agent, durch sein Schweigen in der Folter und seine Bereitschaft, lieber stillschweigend in den Tod zu gehen, als vertrauenswürdig eingestuft, befindet sich nun im Dienst einer geheimnisvollen Macht, die sich nichts Geringerem als der Rettung der Welt vor der totalen Auslöschung verschrieben hat. Der sinistere russische Waffenhändler und Oligarch Andrei Sator (Kenneth Branagh) ist in Besitz einer Zukunftstechnologie gekommen, die es sowohl Objekten als auch Menschen ermöglicht, sich rückwärts durch die Zeit zu bewegen. Dieser Vorgang, Inversion genannt, wird durch das Durchschreiten einer Zeitschleuse möglich. Sator will, aus relativ banalen Gründen, mit Hilfe dieser Technologie und im Auftrag einer zukünftigen Macht, die gesamte Menschheit auslöschen. Schnell wird klar, dass der Weg des Protagonisten und seiner Verbündeten – unter anderem seines Partners Neil (Robert Pattinson) – zu Sator und zur Rettung der Welt nur über dessen Ehefrau Kat (Elizabeth Debicki) und durch die eigene Reise in die Vergangenheit führt.

Explosiver Auftakt in der Oper

Christopher Nolan hat es also wieder getan. Nach Filmen wie „Memento“, „Inception“ und „Interstellar“ spielt der Regisseur erneut mit den Möglichkeiten des Kinos, um seinem Diskurs über Raum und Zeit, den wesentlichen Kriterien des Bewegungsbildes, eine neue Variante hinzuzufügen. Während Nolan in „Memento“ lediglich das filmische Erzählen einem Wechsel aus den zwei unterschiedlichen Zeitrichtungen, einmal in die Zukunft und einmal in die Vergangenheit gerichtet, unterwirft, verwebt er in „Tenet“ beide Richtungen miteinander. Wenn die Protagonisten und die Objekte „invertiert“ sind, sich also in die Vergangenheit bewegen, führt dies nicht nur zu beeindruckenden visuellen Effekten auf der Leinwand, sondern reflektiert das Medium in seinen Möglichkeiten und in seiner Differenziertheit zur Realität. Im Film kann die Zeit eben nicht nur beschleunigt, verdichtet, entschleunigt, gedehnt und verlangsamt dargestellt werden, sie kann auch ihre Richtung ändern. Was aber nun, wenn beide Zeitrichtungen in einem szenischen Raum zusammengeführt werden? Dann bewegen sich Objekte und Personen im gleichen Bild in verschiedene Zeitrichtungen, können miteinander interagieren, einander bekämpfen und töten, agieren allerdings jeweils rückwärts, also in einer jeweiligen Umkehrung von Aktion und Reaktion. Dadurch verweben sich beide Zeitrichtungen zu einer neuen Gegenwart, versinnbildlichen das Motiv der definitorischen Gleichzeitigkeit von Zukunft und Vergangenheit im gegenwärtigen Sein.

Lü Buwei wusste es schon lange

Der chinesische Philosoph Lü Buwei verfasste dazu bereits um 250 vor Christus folgenden Aphorismus: „Die Gegenwart ist im Verhältnis zur Vergangenheit Zukunft, ebenso wie die Gegenwart der Zukunft gegenüber Vergangenheit ist. Darum, wer die Gegenwart kennt, kann auch die Vergangenheit erkennen. Wer die Vergangenheit erkennt, vermag auch die Zukunft zu erkennen.“ Allerdings ist davon auszugehen, dass sich Lü Buwei zeitlebens ausschließlich in lediglich eine Zeitrichtung fortbewegt hat, wie auch wir uns ausschließlich, linear und mit konstanter Geschwindigkeit in die Zukunft gerichtet bewegen können.

Der Agent ohne Namen reist in die Vergangenheit

Natürlich wissen wir seit Albert Einstein, dass Zeit relativ ist, das heißt, dass sie abhängig von der Geschwindigkeit ist. Richtig wahrnehmbar oder gar signifikant realisierbar ist dieser Effekt aber für uns nicht, sondern lediglich berechenbar und im Millisekundenbereich messbar. In der Fiktionalität, im Film und in der Literatur, ist das Spiel mit der Zeit allerdings gern gesehene Realität. Thematisch gibt es da nichts, was es nicht gibt – ob Zeitschleifen („Und täglich grüßt das Murmeltier“), Zeitreisen in die Vergangenheit („Zurück in die Zukunft“, „12 Monkeys“) und in die Zukunft („Die Zeitmaschine“) oder abrupte Richtungswechsel („Memento“).

Eine Pflanze wird zum Samen

Sicherlich gibt es im avantgardistischen und experimentellen Film bereits Darstellungsbeispiele einer in die Vergangenheit gerichteten Narration und Kinetik, beispielsweise bei der Rückverwandlung einer Pflanze zu ihrem Samen, doch im Unterhaltungskino ist die tatsächliche Darstellung dieser Erzählrichtung in diesem Umfang ein Novum. So sind Zeitreisen in die Vergangenheiten in der Regel Sprünge an einen zurückliegenden Zeitpunkt, ändern also lediglich den zeitlichen Startpunkt der dann wieder zukunftsorientierten Narration. Bei Zeitschleifen ist dies ganz ähnlich, allerdings wird in der Regel ein zeitlicher Endpunkt (beispielsweise nach 24 Stunden) gesetzt, an dem der erneute Sprung zum Startpunkt stattfindet. Letztlich gilt dieses Prinzip der Zeitsprünge mit darauffolgender linearer und zukunftsgerichteter Bewegung auch für Nolans „Memento“. Nur dadurch ist erst das bekannte Easter Egg möglich, den Film in seinem chronologisch stringenten Verlauf betrachten zu können.

Dieses Agentenduo versucht die Welt zu retten

„Tenet“ bricht mit diesem Prinzip radikal, was sowohl in narrativer als auch in rezeptionsästhetischer Hinsicht bemerkenswerte Auswirkungen mit sich bringt. Die subjektive Wahrnehmung der eigenen Bewegung ist unabhängig von der Zeitrichtung, das heißt wir können uns vorwärts in die Vergangenheit bewegen und auch „invertierte“ Objekte bewegen sich subjektiv vorwärts. In der subjektiven Wahrnehmung des jeweiligen Betrachters (ob Zuschauer oder Protagonist) erscheint diese Bewegung allerdings rückwärtig –so fliegt beispielsweise eine invertierte Kugel aus dem Einschussloch zurück in die Waffe. Ob dieses Prinzip konsequent im Film durchgehalten wird oder nicht, ist bei einmaligem Betrachten, wie so oft bei Logikfragen in den Werken Nolans, sicher nicht festzustellen; wo es aber sichtbar wird, ist der Effekt beeindruckend und faszinierend. Dass allerdings diese szenische Verbindung der beiden Zeitrichtungen nicht nur wesentlicher Teil der Narration ist, sondern sich viele Szenen zusätzlich erst im Nachhinein sinnhaft auflösen, macht die Rezeption von „Tenet“ sicherlich nicht einfach (auch ich war öfters mal leicht verwirrt).

James Bond lässt grüßen

Vielleicht hat Nolan deshalb die Geschichte ziemlich trivial gestaltet. Das ist denn auch, neben der manchmal für meinen Geschmack viel zu dominanten Musik, mein Hauptkritikpunkt. Weder die Motivation der Schurken noch die finale Konfrontation konnten mich so richtig überzeugen. „Tenet“ erinnert in diesen Momenten doch sehr an die Filme der James-Bond-Reihe, ohne allerdings deren Charme zu erreichen. Okay, bei der finalen Schlacht (eben ganz wie bei „Dr. No“, „Feuerball“ und „Man lebt nur zweimal“) gibt es gleich zwei Armeen, die sich in der Zeit aufeinander zubewegen, doch inzwischen ist der Film beinahe zu Ende, der Effekt nicht mehr gar so fremd und faszinierend und die Revolution frisst ihre Kinder.

Welches Motiv treibt Schurke Sator an?

Ach so, eines noch zum Abschluss: Da sich die beiden Zeitrichtungen permanent zu einer neuen Gegenwart verweben und eine wiederum unveränderliche Vergangenheit ausbilden, es also keine alternativen Realitäten oder Parallelwelten gibt, ist jegliches Handeln der Protagonisten zwangsweise vorherbestimmt. Oder anders gesagt: Wenn sich der Held entscheidet, in die Vergangenheit zu reisen, war er bereits da. Wer genau hinhört, wird im Film erfahren, warum dies nun doch nicht fatalistisch ist.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Christopher Nolan haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Kenneth Branagh, Michael Caine und Robert Pattinson unter Schauspieler.

Kat gerät in Lebensgefahr

Länge: 150 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Tenet
GB/USA 2020
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Christopher Nolan
Besetzung: John David Washington, Robert Pattinson, Elizabeth Debicki, Aaron Taylor-Johnson, Kenneth Branagh, Clémence Poésy, Michael Caine, Andrew Howard, Fiona Dourif, Wes Chatham, Himesh Patel, Martin Donovan
Verleih: Warner Bros.

Copyright 2020 by Florian Schneider

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2020 Warner Bros. Entertainment Inc. All rights reserved.

 

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Mord im Orient Express – Halt auf halber Strecke

Murder on the Orient Express

Kinostart: 9. November 2017

Von Andreas Eckenfels

Krimidrama // Nach zahlreichen ihrer Ansicht nach enttäuschenden Adaptionen wollte Agatha Christie (1890–1976) keine weiteren ihrer Kriminalromane mehr verfilmt sehen. Dennoch konnten sie Nat Cohen, der mächtige Präsident des britischen Produktionsstudios EMI Films, und Filmproduzent Lord John Brabourne mit der Hilfe von Lord Louis Mountbatten Anfang der 1970er-Jahre zu einem Umdenken bewegen. So wurde „Mord im Orient-Express“ 1974 unter der Regie von Sidney Lumet („Die 12 Geschworenen“) mit großer Starbesetzung erstmals verfilmt – 40 Jahre nach der Veröffentlichung von Christies Roman. Nach der Premiere zeigte sich die 84-jährige Schriftstellerin vollends zufrieden mit der Umsetzung. Sie lobte besonders Albert Finneys Darstellung des von ihr erdachten belgischen Meisterdetektivs und berühmten Schnurrbartträgers Hercule Poirot. Die Verfilmung erhielt insgesamt sechs Oscar-Nominierungen. Ingrid Bergman gewann den Preis als beste Nebendarstellerin.

Edward Ratchett tritt mit einer besonderen Bitte an Hercule Poirot heran

Wiederum knapp 40 Jahre später geht der Orient-Express mit und von Kenneth Branagh erneut auf große Fahrt. Der britische Filmemacher ist bestens erfahren in der Verfilmung klassischer Stoffe – sei es Shakespeare oder Disney – und es ist für ihn auch nicht das erste Mal, dass er Regie und Hauptrolle in Personalunion übernimmt. Die Neubesetzung der Zugpassagiere braucht dabei den Vergleich mit der 1974er-Fassung in keiner Weise scheuen: Mit Judi Dench und Penélope Cruz sind zwei Oscar-Preisträgerinnen mit an Bord. Dazu gesellen sich unter anderem Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, Willem Dafoe und „Star Wars“-Heldin Daisy Ridley. Da bleiben keine Wünsche offen.

Die üblichen Verdächtigen

Jerusalem, 1934: Hercule Poirot (Branagh) will sich nach einem für ihn kinderleichten Fall eigentlich in den verdienten Urlaub verabschieden, als ihn eine dringende Nachricht erreicht: Er soll so schnell wie möglich nach London kommen, um dort bei Ermittlungen zu helfen. Durch seinen Freund Bouc (Tom Bateman) erhält der Detektiv eine Fahrkarte im exklusiven und eigentlich ausgebuchten Orient-Express, der von Istanbul nach Calais fährt. Während der Reise in dem luxuriösen Zug lernt Poirot die illustre Riege an internationalen Passagieren kennen: von Prinzessin Dragomiroff (Judi Dench) über Geschäftsmann Edward Ratchett (Johnny Depp) bis hin zu Missionarin Pilar Estravados (Penélope Cruz) – unterschiedlicher könnten die 13 Mitfahrer nicht sein. Mitten im Balkan kommt die Fahrt durch eine Schneelawine zu einem abrupten Halt. Ein Weiterkommen ist vorerst nicht möglich. Am nächsten Tag wird ein Passagier in seinem Abteil erstochen aufgefunden – und Poirots Spürnase ist aufs Neue gefordert. Er weiß: Jeder ist ein Verdächtiger!

Hercule Poirot sucht nach dem Mörder

Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Whodunits der Krimigeschichte. Die Entführung des Sohns von Flugpionier Charles Lindbergh und ein Bericht über einen Orient-Express, der 1929 tatsächlich im Schnee steckenblieb, inspirierten die Autorin dazu, die großartige Geschichte im Zimmer 411 des Hotels Pera Palace in Istanbul zu schreiben. Bis auf ein paar kleine Anpassungen – so wird etwa aus Colonel Arbuthnot ein Arzt, der von dem schwarzen Darsteller Leslie Odom Jr. verkörpert wird – halten sich Branagh und Drehbuchautor Michael Green („Blade Runner 2049“) eng an die literarische Vorlage. Beiden muss dabei bewusst gewesen sein, dass ein Großteil der Zuschauer bereits im Vorfeld weiß, wer den Mord begangen hat. Gerade deswegen hätte man schon größere Anstrengungen unternehmen sollen, um in der im besten Sinne des Wortes altmodisch inszenierten Romanadaption Spannung zu erzeugen. Aber die Neuverfilmung nimmt niemals wirklich Fahrt auf, bleibt nach einem gelungenen Auftakt wie der Zug im Film auf halber Strecke stecken.

Was haben Prinzessin Dragomiroff (r.) und ihre Zofe Hildegard zu verbergen?

An Branaghs Darstellung liegt es nicht: Sein Poirot, der zu Beginn in Jerusalem zwei exakt gleich große Frühstückseier verlangt, ist zwar äußerst selbstverliebt, aber deswegen nicht unsympathisch. Er spielt nun mal gern damit, dass er durch sein Genie seinem Gegenüber stets einen Schritt voraus ist, und glaubt an eine klare Trennung von Gut und Böse. Umso interessanter ist es anzusehen, wie er im Verlauf der Erzählung in ein tiefes moralisches Dilemma gestürzt wird. Die anderen Stars wirken dagegen in ihren Rollen eher unterfordert. Jeder von ihnen darf während der Vernehmungsszenen für ein paar Minuten glänzen, wie man es von den großen Namen erwarten kann. Dennoch sind diese Dialogszenen so monoton inszeniert, dass der Zuschauer nie wirklich mitfiebert oder in die Psyche der Passagiere eintaucht. Lumets hatte dies in seiner Adaption mit langen, intensiven Einstellungen während der Befragungen wesentlich besser hinbekommen.

70 Millimeter in ausgewählten Kinos

Optik, Ausstattung und Kostüme sind hingegen prächtig anzusehen und bieten große Schauwerte. Man fühlt sich sofort in die 1930er-Jahre versetzt. Es ist großartig, dass Branaghs Film auch in einigen ausgewählten Kinos wie im Hamburger Savoy Filmtheater oder im Zoo Palast in Berlin im fast ausgestorbenen, analogen 70-Millimeter-Format gezeigt wird. Im Gegensatz zu Christopher Nolans „Dunkirk“ bietet „Mord im Orient Express“ hierbei allerdings keinen allzu großen Mehrwert. Die Stadtperspektiven Jerusalems und der perfekt in Szene gesetzte Zug, der durch die schneebedeckte Landschaft rast, wirken so zwar noch eine Spur imposanter, da sich aber ein Großteil der Handlung innerhalb der engen Gänge und Abteile des Orient-Express abspielt, verpufft die Wirkung der überdimensionalen Projektion. Immerhin hat sich Branagh bei der Inszenierung des großen Schlussplädoyers, bei der Poirot die Auflösung des Falls bekanntgibt, eine kleine Freiheit erlaubt und diesen an einen anderen, visuell ansprechenderen Schauplatz verlegt. Hier zeigt er dann, was bei seiner Neuinterpretation möglich gewesen wäre, wenn er sich nicht so strikt an die Vorlage gehalten hätte. Dann wäre „Mord im Orient Express“ auch für jene Zuschauer von größerem Interesse gewesen, die die Geschichte schon auswendig kennen.

Tee im Schnee: Der Detektiv befragt die junge Mary

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Kenneth Branagh, Willem Dafoe und Johnny Depp haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Jeder ist ein Verdächtiger!

Länge: 114 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Murder on the Orient Express
MLT/USA 2017
Regie: Kenneth Branagh
Drehbuch: Michael Green, nach dem gleichnamigen Roman von Agatha Christie
Besetzung: Kenneth Branagh, Daisy Ridley, Leslie Odom Jr., Michelle Pfeiffer, Judi Dench, Willem Dafoe, Johnny Depp, Derek Jacobi, Penélope Cruz, Josh Gad, Olivia Colman, Tom Bateman, Lucy Boynton
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Twentieth Century Fox

 

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Dunkirk – Die mythische Rettung aus dem Kessel der Wehrmacht

Dunkirk

Kinostart: 27. Juli 2017

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Die Schlacht von Dünkirchen während des Zweiten Weltkriegs hat im Vereinigten Königreich geradezu mythischen Charakter. „Es ist ein bedeutsamer Teil unserer Kultur. Wir haben Dünkirchen in unseren Knochen“, äußert der 1970 in London geborene Regisseur Christopher Nolan im Presseheft zu „Dunkirk“. Im Mai und Juni 1940 hatte die deutsche Wehrmacht in der französischen Hafenstadt an der Küste zum Ärmelkanal das Britische Expeditionskorps sowie Teile der französischen Armee eingekesselt. Ein bis heute historisch nicht bis ins Letzte aufgearbeiteter Haltebefehl an die deutschen Panzer-Divisionen und Truppen bewahrte die alliierten Streitkräfte vor der Vernichtung. Mit der Operation Dynamo gelang es, bis zum 4. Juni 1940 mehr als 330.000 britische und französische Soldaten nach Großbritannien in Sicherheit zu bringen. Der Großteil der Truppen gelangte zwar mit Kriegsschiffen über den Kanal, der Einsatz zahlreicher kleiner ziviler Fahrzeuge vom Fischkutter bis zur Segelyacht war jedoch bemerkenswert und trug zweifellos dazu bei, dass die britischen Streitkräfte und die Zivilbevölkerung noch enger zusammenrückten, um die schweren Kriegsjahre, die da noch kommen würden, gemeinsam zu überstehen. Die Vernichtung oder Gefangennahme der in Dünkirchen eingekesselten Alliierten hätte wahrscheinlich die Kapitulation des Vereinigten Königreichs zur Folge gehabt – mit kaum auszudenkenden Folgen für den Kriegsverlauf. Die Welt wäre heute vielleicht eine ganz andere.

Tommy gerät unter Beschuss

Die Ereignisse sind filmisch wiederholt aufbereitet worden, darunter 1958 in der US-britischen Koproduktion „Dunkirk – Die Schlacht von Dünkirchen“ („Dunkirk“) von Leslie Norman und 1964 in Henri Verneuils französisch-italienischem Kriegsdrama „Dünkirchen 2. Juni 1940“ („Week-end à Zuydcoote“) mit Jean-Paul Belmondo. 2004 entstand fürs englische Fernsehen das dreistündige Doku-Drama „Dunkirk“ mit Benedict Cumberbatch („Sherlock“) sowie Bond-Darsteller Timothy Dalton als Erzähler. Im Fahrwasser von Christopher Nolans 2017er-Big-Budget-Produktion hat gar die berüchtigte Trash-Produktionsfirma The Asylum mit „Operation Dunkirk“ einen Mockbuster auf den Markt geworfen. Wer’s braucht …

Szenische Aufbereitung statt Chronologie

Christopher Nolan ist zu sehr visueller Filmemacher, als dass er schlicht eine Chronologie der Ereignisse abliefern würde, wie sie manchen cineastischen Aufarbeitungen historischer Begebenheiten zu eigen ist. Der Regisseur inszeniert vielmehr eine Abfolge kleiner und großer Geschehnisse rund um ein paar Figuren. Dabei wechselt er ständig die Schauplätze zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

Die Soldaten müssen auf Molen …

Zu Beginn lernen wir den englischen Gefreiten Tommy (Fionn Whitehead) kennen, der sich durch deutschen Beschuss in den Straßen Dünkirchens mit Müh und Not an den Strand retten kann, der bereits voller alliierter Soldaten ist, die auf Rettung warten. Gelegentliche Attacken deutscher Sturzkampfbomber schlagen tödliche Schneisen in den Sand. Mit einem zufälligen Partner (Aneurin Barnard) versucht Tommy, mit allen Mitteln auf ein Schiff zu gelangen, um die rettende Heimat zu erreichen. Aber auch an Bord droht der Tod.

… und am Strand auf Rettung warten

In der Luft versuchen einige wenige britische Spitfires der Royal Air Force, die tödlichen Angriffe der deutschen Luftwaffe aufzuhalten. Unter anderen ist speziell der Pilot Farrier (Tom Hardy) willens, den Kampf gegen den Feind bis zum letzten Tropfen Kerosin weiterzuführen. Am Strand kann Commander Bolton (Kenneth Branagh) von der Royal Navy nicht viel mehr tun, als sich in Hoffnung zu üben und mit seinen Männern auf Rettung zu warten. „Dunkirk“ folgt schließlich auch dem zivilen Skipper Mr. Dawson (Mark Rylance), der mit seiner kleinen Yacht den heimischen Hafen verlässt, um den Kanal zu überqueren und Soldaten zu retten. An Bord hat er seinen halbwüchsigen Sohn Peter (Tom Glynn-Carney) und dessen Freund George (Barry Keoghan). Bald retten sie einen verängstigten Soldaten (Cillian Murphy) vom Wrack eines kieloben treibenden Schiffs. Der will auf keinen Fall zurück zum vom Krieg gepeinigten Festland.

Commander Bolton hat keine Optionen

Spätestens wenn zum Finale die kleinen Schiffe und Boote den Strand von Dünkirchen erreichen, merkt man, dass es Christopher Nolan sichtlich darum ging, den zahllosen Rettern der Operation Dynamo ein Denkmal zu setzen. Wenn Kenneth Branagh ob des Anblicks der zivilen Wasserfahrzeuge das Wasser in die Augen steigt, verfehlt das auch nicht seine Wirkung. Mr. Dawson wiederum sieht sich nicht als Held, er tut auf lakonische Weise lediglich das, was er für das Richtige hält, als sei es selbstverständlich, sich als Zivilist im Krieg derart in Lebensgefahr zu begeben. So verkörpern er und seine beiden jugendlichen Begleiter die Vielzahl der namenlosen Helfer, wie viele auch immer es gewesen sein mögen.

Zu viel Hans Zimmer

Mit dem permanent Spannung aufbauenden, dräuenden Score von Hans Zimmer übertreibt Nolan es etwas. Die Musik scheint stets einen nahenden Höhepunkt anzukündigen, das nervt auf Dauer. Ab und zu mal Sequenzen ganz ohne musikalische Untermalung – das scheint zu viel verlangt zu sein. Erstmals sind mir unmittelbar vor dem Ende zwei ruhige Sekunden aufgefallen, das ist zu wenig. Weniger wäre definitiv mehr gewesen, zumal einzelne Passagen sehr gut Suspense aufbauen und darin die Musik sehr gut und effektiv funktioniert. Das erwähnte Finale mit den herannahenden Zivilschiffen gerät dann etwas pathetisch, das sei Nolan aber verziehen.

Pilot Farrier kämpft einen aussichtslos erscheinenden Kampf

Auf blutiges Gemetzel à la „Der Soldat James Ryan“ verzichtet „Dunkirk“. Womöglich sollte eine zu hohe Altersfreigabe vermieden werden, weshalb wir keine abgerissenen Gliedmaßen und heraushängenden Gedärme zu sehen bekommen. Die FSK-12-Freigabe geht somit in Ordnung. Intensiv ist das Gezeigte dank kraftvollen Sounddesigns dennoch, und das von Anfang an mit den ersten Gewehrschüssen in Dünkirchens Straßen. An der gezeigten Schauspielkunst ist nicht das Geringste auszusetzen, das gilt für Tom Hardy, Kenneth Branagh, Cillian Murphy und Mark Rylance ebenso wie für die hierzulande frischen Gesichter Fionn Whitehead, Aneurin Barnard und andere. Die Mischung aus Stars und weniger bekannten Akteuren funktioniert vorzüglich, die häufigen Szenenwechsel lassen einen Ensemblefilm im besten Sinne entstehen. Der Feind hingegen bleibt gesichtslos, deutsche Soldaten spielen als handelnde Figuren keinerlei Rolle, wenn man von den Kampfflugzeugen der Luftwaffe absieht.

Kleine Boote eilen in Richtung Dünkirchen

Im Presseheft zum Film bekennt Nolan: „Was in Dünkirchen geschah, ist eine der großartigsten Storys in der Geschichte der Menschheit, das ultimative Rennen um Leben und Tod gegen die Zeit.“ Und weiter: „Unsere Absicht mit diesem Film war es, das Publikum dort mit einem Höchstmaß an Respekt vor der Historie hineinzuwerfen, gleichzeitig aber mit einem Grad an Intensität und – natürlich – Sinn für Entertainment.“ Wenn man einen Regisseur an seinen Worten messen will, so ist zu konstatieren, dass er seine Absicht verwirklicht hat.

Auf ins IMAX – oder zur 70mm-Fassung?

Das visuelle und akustische Erlebnis im herkömmlichen Kinosaal der Pressevorführung war schon beeindruckend. In einigen ausgewählten Kinos wird „Dunkirk“ weltweit in 70mm gezeigt werden, auch IMAX-Lichtspielhäuser kommen zum Zug. Auch ein paar Kinos in Deutschland zeigen den Film in einem der beiden Formate. Freut euch drauf, das actionreiche Kriegsdrama ist für die große Leinwand gemacht. Nach Thrillern („Memento“, „Prestige – Die Meister der Magie“), Superhelden-Action („Batman“-Reihe) und Science-Fiction („Inception“, „Interstellar“) beweist Christopher Nolan, dass er auch historischen Kriegsstoff formidabel inszenieren kann – und das gar nicht mal in Überlänge, was ebenfalls positiv zu bewerten ist. Herausragend!

Wird die Flut den Kutter flottmachen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Christopher Nolan sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Kenneth Branagh und Tom Hardy unter Schauspieler.

Länge: 106 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Dunkirk
NL/GB/F/USA 2017
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Christopher Nolan
Besetzung: Tom Hardy, Kenneth Branagh, Cillian Murphy, Jack Lowden, Fionn Whitehead, Damien Bonnard, Aneurin Barnard, James Bloor, Barry Koeghan, Mark Rylance, Tom Glynn-Carney, Adam Long, Harry Styles
Verleih: Warner Bros. Entertainment GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Warner Bros. Entertainment Inc. All rights reserved.

 

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