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The Silence – Angriff der augenlosen Höhlenmonster

The Silence

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // In einen unerforschten Höhlensystem in Pennsylvania, 800 Meter unter dem Appalachian Trail, meißelt ein Team von Höhlenforschern den Einlass zu einem bis dato unentdeckten Bereich auf. Unvermittelt steigt daraus ein gewaltiger Schwarm Kreaturen auf, kleinen Flugsauriern ähnlich. Die Biester machen sich über die Forscher her und entschwinden in die Lüfte.

Das Auto bietet nur kurzzeitig Schutz

In der Kleinstadt Montclair in New Jersey, nicht weit von New York City entfernt, lebt das gehörlose Teenager-Mädchen Ally Andrews (Kiernan Shipka) mit ihrer Familie, bestehend aus den Eltern Hugh und Kelly (Stanley Tucci, Miranda Otto), ihrem zwölfjährigen Bruder Jude (Kyle Harrison Breitkopf) und Kellys Mutter Lynn (Kate Trotter). Ein paar Halbstarke machen ihre Späße über Ally, aber ihr Mitschüler Rob (Dempsey Bryk) interessiert sich offenkundig für sie, hat sogar Gebärdensprache gelernt. Ally ist erst seit drei Jahren gehörlos, weshalb sie normal sprechen kann. Ein Autounfall kostete damals ihre Großeltern väterlicherseits das Leben und das Mädchen ihr Gehör.

Gehör kompensiert fehlendes Augenlicht

Das Leben der Familie ebenso wie aller anderen Nordamerikaner gerät unvermittelt aus den Fugen, als die Nachrichtensendungen erste Berichte von mysteriösen Attacken auf US-Großstädte liefern. Es handelt sich um die Flugwesen aus der Höhle, und sie werden von Geräuschen angelockt. Die Evolution hat ihnen im Lauf der Jahrtausende oder gar -millionen zwar aufgrund des Daseins in den stockdunklen Höhlen die Augen genommen, sie aber mit einem scharfen Gehör ausgestattet. Die oberste Devise lautet somit, Ruhe zu bewahren und jeden Laut zu vermeiden. Ally merkt zügig an: In Städten ist es am lautesten. Und so verlässt die Familie in Begleitung von Hughs Kumpel Glenn (John Corbett) das heimatliche Montclair, um einen sicheren Unterschlupf zu finden, während in Nordamerika und womöglich darüber hinaus der Notstand um sich greift und apokalyptische Ausmaße annimmt. Wird die Menschheit als dominierende Spezies abgelöst?

Ruhe bewahren!

Ein endzeitliches Szenario um blinde Monster mit scharfem Gehör, dazu eine gehörlose Tochter als Mitglied der im Mittelpunkt stehenden Familie – war da nicht was? Genau: 2018 erst lief John Krasinskis „A Quiet Place“ mit Emily Blunt in unseren Kinos. Bei den in der Story ihr Unwesen treibenden Kreaturen handelt es sich um Außerirdische, während es die Menschheit in „The Silence“ mit Urzeitwesen zu tun bekommt, die die Äonen überdauert haben. Gedreht wurden beide Filme 2017, es handelt sich somit eher um Zufall, zumal „The Silence“ auf einem 2015 veröffentlichten Roman basiert. „A Quiet Place“ ist obendrein deutlich begrenzter angelegt. Obwohl sich die Familie Andrews klugerweise eine Weile wie ihre Pendants in „The Quiet Place“ in eine abgelegene Gegend zurückzieht, kehrt sie doch beizeiten in die Zivilisation zurück. Dort nimmt die Story einen vollends eigenständigen Lauf, wobei das neue Handlungselement um einen mysteriösen Priester (Billy MacLellan) recht unvermittelt daherkommt, aber immerhin eingebunden wirkt. Ich nenne als Stichwort „Zunge“, lasst euch überraschen. Etwas krude zusammengeschustert haben die fürs Drehbuch verantwortlichen Brüder Carey und Shane Van Dyke die neue Entwicklung zwar schon, effektvoll genug ist sie aber inszeniert.

Ally und ihr Vater suchen einen Ausweg

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben: „The Silence“ erhielt sowohl in den USA als auch in den meisten anderen Ländern keinen Kinostart, sondern wurde Interessierten ab April 2019 via Netflix zugänglich gemacht. In Deutschland lief das Endzeit-Horrordrama immerhin ab Mai kurzzeitig in den Lichtspielhäusern.

Was führen der Priester und seine Gefolgschaft im Schilde?

Angesichts der großen Zahl an Exemplaren, die da aus der Höhle entfleucht, und ihrer zügigen Attacken auf etliche Metropolen stellt sich die Frage nach der biologischen/zoologischen Glaubwürdigkeit des Szenarios, an der ich als Laie meine Zweifel habe. Können die Biester – im Film „vesps“ (Original) und Wespen (deutsche Synchro) genannt – in ihrer begrenzten Höhlenwelt in all der Zeit so viel Nahrung gefunden haben, um eine dermaßen große Population heranzubilden? Sie wirken recht gefräßig, daher erscheint das unwahrscheinlich. Aber wer sich damit nicht allzu lange befasst, kann an der Prämisse dennoch Gefallen finden. Die gute Besetzung hebt den Film über den Durchschnitt, die am Computer entstandenen, etwa einen halben Meter großen Flugmonster sind annehmbar getrickst, ohne zu beeindrucken.

Eine Hörende spielt eine Gehörlose

Kritik kam aus der Gemeinschaft der Gehörlosen, weil mit Kiernan Shipka („Carriers – Flucht vor der tödlichen Seuche“, „Mad Men“) eine hörende Schauspielerin für die Rolle einer Gehörlosen gecastet worden war. Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob im Vorfeld versucht worden war, eine gehörlose junge Frau für den Part zu finden, die aber nicht gehörlos geboren wurde und noch als Hörende sprechen gelernt hat. Unabhängig davon macht Shipka ihre Sache sehr gut, obgleich Allys Gehörlosigkeit in erster Linie dem Zweck zu dienen scheint, dass sich die Familie lautlos oder leise verständigt und das Publikum dennoch alles mitbekommt.

Hugh will es lieber nicht herausfinden

John R. Leonetti hat bei mehr Filmen die Kamera bedient als auf dem Regiestuhl gesessen. James Wan („Saw“) bucht ihn gern als Kameramann, so für „Dead Silence“ (2007), „Insidious“ (2010), „Insidious – Chapter 2“ (2013) und „Conjuring – Die Heimsuchung“ (2013). Zu Leonettis eigenen Regiearbeiten gehören „Annabelle“ (2014) und „Wish Upon“ (2019), die ihn klar im leicht zugänglichen und vergleichsweise harmlosen Mainstream-Horror verorten. „The Silence“ gehört ebenfalls in diese Kategorie, ist trotz des apokalyptischen Themas nicht verstörend genug, um extremeren Schocker-Ansprüchen zu genügen. Wer Geschichten um den drohenden Untergang der Menschheit mag, kann aber ein Auge riskieren.

Nach einem Roman von Tim Lebbon

Zur Romanvorlage: Der britische Horror- und Dark-Fantasy-Schriftsteller Tim Lebbon hat „The Silence“ erstmals 2015 veröffentlicht. Hierzulande hat der Buchheim-Verlag das Werk 2019 in einer wunderschönen illustrierten, auf 777 Exemplare limitierten und vom Autor sowie vom Illustrator Daniele Serra signierten Vorzugsausgabe herausgebracht. Sie ist noch lieferbar und kann beim Festa-Verlag bestellt werden. Wer auf solche Luxuseditionen keinen Wert legt, kann sich auch an eine herkömmliche Ausgabe halten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Stanley Tucci haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 7. November 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 91 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: The Silence
D/USA 2019
Regie: John R. Leonetti
Drehbuch: Carey Van Dyke, Shane Van Dyke, nach dem Roman von Tim Lebbon
Besetzung: Stanley Tucci, Kiernan Shipka, Miranda Otto, John Corbett, Kate Trotter, Kyle Breitkopf, Dempsey Bryk, Billy MacLellan, Chris Whitby, Zoe Doyle
Zusatzmaterial: Making-of, Interviews, Wendecover
Label: Constantin Film
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos: © 2019 Constantin Film

 

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