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Nosferatu – Phantom der Nacht: Werner Herzogs beeindruckende Hommage an Murnaus Meisterwerk

Nosferatu – Phantom der Nacht

Von Volker Schönenberger

Horror // Schon die Anfangssequenz zieht die Zuschauer unweigerlich in ihren Bann: Zu den düster-tragenden Klängen von Popol Vuhs „Brothers of Light, Sons of Darkness“ zeigt Werner Herzog Aufnahmen der Mumien von Guanajuato, auf natürliche Weise mumifizierter Leichname von Menschen, die im 19. Jahrhundert meist an Cholera gestorben und später exhumiert worden waren, wenn ihre Angehörigen die Friedhofsgebühren nicht zahlen konnten. Die zentralmexikanische Stadt Guanajuato zählt zum Weltkulturerbe.

Jonathan Harker erlebt im Schloss das Grauen

Eine Fledermaus im Dunkeln. Aus dem Schlaf schreckt Lucy Harker (Isabelle Adjani) schreiend hoch. Kaum kann ihr Ehemann Jonathan (Bruno Ganz) seine junge Frau beruhigen. „Ich sehe etwas Grauenhaftes.“ Wir befinden uns im Wismar des 19. Jahrhunderts. Jonathan Harkers Chef, der Makler Renfield (Roland Topor) beauftragt ihn mit einer Dienstreise. Harker soll nach Transsilvanien reisen, um dort einem gewissen Graf Dracula (Klaus Kinski) ein Haus in Wismar zu verkaufen. Mit schelmischem Gekicher warnt Renfield seinen Angestellten vor: „Sie brauchen viel Zeit dazu, und es wird Sie einigen Schweiß kosten und vielleicht auch – ein wenig Blut.“ Trotz großer Ängste seiner Frau reist Harker ab.

Seine Frau Lucy merkt in Wismar, dass etwas ganz und gar nicht stimmt

Ein paar Widrigkeiten ziehen seine Reise kurz vor Erreichen des Ziels in die Länge – die Einheimischen reagieren verschreckt, als Harker ihnen offenbart, ins Schloss von Graf Dracula zu wollen. Ein Kutscher weigert sich, ihn zu befördern oder ihm auch nur ein Pferd zu überlassen. Wohl oder übel muss Harker zu Fuß weiter und erreicht das Schloss des Nachts. Der Hausherr empfängt ihn mit ausgesuchter Höflichkeit und bewirtet ihn persönlich, da die Dienstboten um diese Zeit nicht mehr tätig seien. Als sich Harker mit einem Messer einen harmlosen Schnitt am Daumen zufügt, löst das in Graf Dracula etwas aus …

Aus Graf Orlok wird Graf Dracula

Ende der 1970er-Jahre waren die Rechte an Bram Stokers Roman bereits ausgelaufen, sodass sich Werner Herzog frei bedienen konnte. Graf Dracula, Jonathan Harker, Lucy, Renfield, Dr. van Helsing – bei den Namen der Figuren blieb er der literarischen Vorlage zwar treu, insgesamt orientierte er sich in seiner Umsetzung der Vampirgeschichte stark an F. W. Murnaus expressionistischem Stummfilm-Meisterwerk „Nosferatu – Eine Symphonie des Gauens“ von 1922. Dem wiederum wäre ein Urheberrechtsstreit mit Stokers Witwe beinahe zum Verhängnis geworden, aber dazu vielleicht dereinst etwas mehr. Klaus Kinski verleiht seinem Dracula mit dämonischer Ruhe eine fast ebenso furchterregende Präsenz wie weiland Max Schreck dem Grafen Orlok bei Murnau. Böse Zungen könnten versucht sein, Kinskis Verkörperung des Vampirs als Kopie zu interpretieren, dabei ist es doch tatsächlich eine große Hommage an Graf Orlok. Die Maske ähnelt stark der des 1922er-Vampirfürsten, und einige Einstellungen mit Kinski sind überdeutlich erkennbar an Szenen des alten Films angelehnt.

Tod auf dem Meer

Herzog findet mit so sparsamer wie pointierter musikalischer Untermalung im Doppelsinne unheimlich stimmungsvolle Bilder für seine vampirische Schauermär. Die Windmühlen und Grachten kommen nicht von ungefähr, einige Außenaufnahmen entstanden in den Niederlanden. Anders als bei Murnau wurde nicht in Wismar gedreht, aber immerhin nutzte Werner Herzog für eine schöne Einstellung auch die Lübecker Salzspeicher, wie es Murnau getan hatte. Etliche Sequenzen bringen wunderbaren Schauder, etwa Draculas Schiffsreise vom Schwarzen Meer in Richtung Ostsee, während der er nach und nach die Besatzung tötet, wie der Kapitän in seinem Logbuch festhält. Als das Schiff mit dem nun toten Skipper, der sich noch selbst ans Steuerrad gefesselt hatte, in Wismar eintrifft, bringt es zahllose Ratten – und die Pest.

Harker hetzt zurück in die Heimat

Sieben Jahre nach „Aguirre – Der Zorn Gottes“ (1972) markierte „Nosferatu – Phantom der Nacht“ die zweite Zusammenarbeit von Regisseur Werner Herzog und Hauptdarsteller Klaus Kinski. Angeblich wollte Kinski den Vampir etwas dynamischer spielen, als es Herzog vorschwebte, sodass der Regisseur bei seinem Star vor dem Dreh einer Szene einen Wutausbruch provozierte, was bekanntermaßen nicht schwierig war. Dadurch etwas erschöpft, spielte Kinski nun so ruhig, wie Herzog es sich wünschte. Das Ergebnis gibt ihm recht. Wahrheit oder Legende – egal, eine schöne Geschichte allemal. Im selben Jahr drehten die beiden zusammen „Woyzeck“, später folgten „Fitzcarraldo“ (1982) und „Cobra Verde“ (1987). Insgesamt fünf Kooperationen, die Filmgeschichte schrieben – Herzog verarbeitete sie 1999 in seinem Dokumentarfilm „Mein liebster Feind“.

Murnau oder Herzog? Schreck oder Kinski?

Bleiben die Fragen: Murnau oder Herzog? Schreck oder Kinski? Manche heutigen Filmgucker mögen keine Stummfilme oder Schwarz-Weiß-Bilder mehr schauen, ihnen fällt die Wahl leicht – dafür entgeht ihnen aber auch einiges. Für mich ist „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ nach wie vor das Maß aller Dinge im Vampirsektor und ein unerreichtes Meisterwerk – siehe auch meine Rangliste der besten Vampirfilme. Umso bemerkenswerter, dass es Herzog gelungen ist, den Geist beider Vorlagen – Stokers literarischer und Murnaus filmischer – einzufangen und daraus sein ganz eigenes, sehr romantisches Werk zu machen. Wer „Nosferatu – Phantom der Nacht“ als großes Vampirdrama anpreist, tut das völlig zu Recht. Und wer Herzogs Regiearbeit gegenüber Murnaus Stummfilm den Vorzug gibt, möge das auch gern tun. Grandios sind sie beide. Gespenstisch genial.

Doch Graf Dracula ist bereits eingetroffen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Werner Herzog sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Klaus Kinski in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 24. Januar 2013 als Blu-ray, 12. Oktober 2007 und 30. September 2003 als DVD

Länge: 107 Min. (Blu-ray), 105 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Nosferatu – Phantom der Nacht
BRD/F 1979
Regie: Werner Herzog
Drehbuch: Werner Herzog, nach Bram Stokers Roman „Dracula“
Besetzung: Klaus Kinski, Isabelle Adjani, Bruno Ganz, Roland Topor, Walter Ladengast, Dan van Husen, Til Schweiger, Martje Grohmann
Zusatzmaterial Blu-ray: Audiokommentar von Werner Herzog und Laurens Straub, englische Fassung, Fotogalerie, Making-of, Soundtrack-Auszüge, Dokumentation „Was ich bin, sind meine Filme“ (90 Min.), Trailer, Wendecover
Label/Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshot: © 2013 Studiocanal Home Entertainment

 

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Sartana – Bete um deinen Tod: Gangster, Gold und ein Einzelgänger

Se incontri Sartana prega per la tua morte

Von Simon Kyprianou

Western // Eine Postkutsche wird überfallen, sie soll eine Truhe voll Gold enthalten, doch das erweist sich als Irrtum. Bald ist ein Haufen Gangster hinter dem Gold her, die Bande um Tampico (Fernando Sancho), die Bande um Lasky (William Berger) – und mittendrin der Einzelgänger Sartana (Gianni Garko), ein mysteriöser Fremder. Im Lauf der Geschichte mischen sich weitere zwielichtige Gestalten unter die Goldsucher. Die Suche wird zum tödlichen Spiel und die Gangster sind gefährliche Spieler, alle spielen sie falsch, spinnen Intrigen, stellen Fallen, verbünden sich und betrügen einander.

Desperados sind hinter dem Gold her

„Sartana – Bete um deinen Tod“ ist ein flott inszenierter Italowestern, der Freude daran hat, die brutale Hatz nach dem Gold dynamisch zu erzählen. Dazu gibt es schöne Melodien von Piero Piccioni, zum Beispiel die einer Spieluhr, die Sartana bei sich trägt und immer erklingen lässt, bevor er einen Widersacher aus dem Weg räumt. Das ist dann aber auch alles, was sich Gutes berichten lässt. Der Film hat unerklärlicherweise kaum Interesse an seiner potenziell durchaus interessant gestaltbaren Hauptfigur, sodass diese kaum bedrohliche oder mystische Aura ausstrahlt und in ihrer stoischen Ernsthaftigkeit und Grausamkeit fast zur Farce verkommt. „Sartana“ hat generell nicht mehr zu bieten als eine Aneinanderreihung brutaler Schusswechsel und Konfrontationen, alles ist zwar kompetent und vor allem auch kompakt inszeniert, allerdings verliert sich das Interesse an dem Film doch recht schnell. Auch weil schnell klar wird, dass man mehr nicht zu erwarten braucht, so generisch verläuft der Film. Garko holt zwar das Meiste aus seiner Figur raus, dem Desinteresse zum Trotz, und spielt Sartana sehr charismatisch, und auch William Berger, Fernando Sancho und Sydney Chaplin sind gut, dazu ist Klaus Kinski in einer Nebenrolle – als Schurke, was sonst? – zu sehen. Die guten Darsteller machen den Film aber auch nicht interessanter.

Besonders gefährlich ist Lasky

Insgesamt ergibt das einen zwar durchaus launigen Italowestern, auf den man aber auch nur zurückgreifen muss, wenn man die zahlreichen besseren Genrebeiträge schon ausgeschöpft hat. Die „Sartana“-Reihe besteht aus fünf Filmen, dies ist der erste. In den ersten vier spielt Gianni Garko die Titelrolle. Wenige Jahre nach Sergio Corbuccis Genre-Klassiker „Django“ entstanden, dürfte die Reihe ein Versuch sein, im Fahrwasser des „Django“-Erfolgs mitzuschwimmen, der ja über etliche Filme ausgewalzt wurde.

Aber auch Santana ist absolut tödlich

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Klaus Kinski sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Insbesondere dann, wenn er die Melodie seiner Taschenuhr erklingen lässt

Veröffentlichung: 26. Januar 2018 als Blu-ray und DVD, 12. Februar 2010 als DVD (WVG Medien GmbH), 9. September 2002 als DVD (ZYX Music)

Länge: 96 Min. (Blu-ray), 93 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Se incontri Sartana prega per la tua morte
Internationaler Titel: If You Meet Sartana Pray for Your Death
IT/BRD 1968
Regie: Gianfranco Parolini (als Frank Kramer)
Drehbuch: Renato Izzo, Gianfranco Parolini, Theo Maria Werner (als Werner Hauff)
Besetzung: Gianni Garko (als John Garko), William Berger, Sydney Chaplin, Gianni Rizzo, Fernando Sancho, Klaus Kinski (als Klaus Kinsky), Andrea Scotti (Andrew Scott), Carlo Tamberlani, Fanco Pesce, Heidi Fischer
Zusatzmaterial: „Mondo Garko“ (Interview mit Gianni Garko), Galerie seltener Artworks, Schuber, Wendecover
Label: Colosseo Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2018 Colosseo Film / Al!ve AG

 

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Kommando Leopard – Lewis Collins gegen Klaus Kinski

Kommando Leopard

Von Volker Schönenberger

Kriegs-Action // Seine Kriegsradau-Dutzendware mit und ohne Söldner hat Antonio Margheriti in der Regel in Fernost angesiedelt, etwa den Vietnam-Actioner „Im Wendekreis des Söldners“ (1983) und den im Goldenen Dreieck von Indochina angesiedelten „Geheimcode Wildgänse“ (1984). „Kommando Leopard“ macht da eine Ausnahme: Die Handlung spielt sich in einer nicht näher genannten lateinamerikanischen Diktatur ab.

Von Somoza über Homoza zu Ramirez

Der von Subas Herrero verkörperte Diktator hört auf den klangvollen Namen Homoza, die Ähnlichkeit mit dem nicaraguanischen Gewaltherrscher Somoza ist sicher kein Zufall. In der deutschen Synchronfassung erhielt die Figur unverständlicherweise den Namen Ramirez verpasst. Homozas/Ramirez’ brutaler Milizchef Silveira (Klaus Kinski) verbreitet Angst und Schrecken im Volk. Der Rebellenführer Enrique Carrasco (Lewis Collins), genannt „Leopard“, will Silveira ausschalten und den Tyrannen stürzen. Das fordert viele Opfer auf beiden Seiten.

Mit Manfred Lehmann und Thomas Danneberg sind zwei bekannte Synchronsprecher als Schauspieler dabei, die seinerzeit gern in diesen Filmen mitgewirkt haben. Danneberg spielt einen Mitstreiter Carrascos, Lehmann den Geistlichen Julio, der Gewaltlosigkeit predigt und sich dennoch Carrasco anschließt.

Bewährte Margheriti-Machart

„Kommando Leopard“ folgt dem bewährten Strickmuster von Antonio Margheritis Kriegs-Action-Exploitationfilmen jener Zeit. Zu billigem 80er-Elektro-Score wird viel geballert und gestorben, Explosionen lassen den Bildschirm erbeben. Eine Aufarbeitung des Freiheitskampfs eines gepeinigten Volkes sollte niemand erwarten, sie war auch nicht Intention. Sowas wurde seinerzeit eben in Europa produziert – gedreht wurde in Venezuela und auf den Philippinen. Wer dieser rein auf Action setzenden Subgattung des Kriegsfilms etwas abgewinnen kann, wird anständig unterhalten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Antonio Margheriti sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Klaus Kinski unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 2. Dezember 2014 als Teil der „The Ultimate Mercenary Collection“ (6 Blu-rays bzw. DVDs), 13. Mai 2014 als Blu-ray und DVD, 24. Mai 2013 als 2-Disc Mediabook (Blu-ray & DVD, auf 1.000 Exemplare limitiert), 30. Juni 2003 als DVD

Länge: 104 Min. (Blu-ray), 99 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Französisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Kommando Leopard
CH/IT/BRD 1985
Regie: Antonio Margheriti (als Anthony M. Dawson)
Drehbuch: Roy Nelson
Besetzung: Lewis Collins, Klaus Kinski, Manfred Lehmann, Cristina Donadio, John Steiner, Hans Leutenegger, Thomas Danneberg, Francis Derosa, Alan C. Walker, Julio Rodrigo, Rene Abadeza, Subas Herrero
Zusatzmaterial: Original-Kinotrailer, Featurette „Söldner Stories“ (27:54), „Manfred Lehmann: Stirb langsam auf den Philippinen“ (Interview von 2001, 14:24), „Thomas Danneberg: Söldner und Synchronstar“ (17:08), „Behind the Scenes“-Audiokommentar, Fotogalerie, „Mädchen, Machos und Moneten“ (ROM-Teil), Audiokommentar, Trailershow, Wendecover mit alternativem Motiv
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Packshot Blu-ray: © 2014 Ascot Elite Home Entertainment, Packshots Mediabook: © 2013 NSM Records

 

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