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Die Nacht hat tausend Augen – Vom Fluch, die Zukunft zu kennen

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Night Has a Thousand Eyes

Gastrezension von Simon Kyprianou

Krimidrama // Bühnenmagier John Triton (Edward G. Robinson) arbeitet mit den typischen Tricks und Schwindeleien und tut so, als könne er die innersten Wünsche der Leute erkennen und ihre Zukunft voraussagen. Eines Tages beginnt er unvermittelt, wirklich in die Zukunft zu sehen – er kann schlimme Dinge erahnen, die passieren werden.

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Die Polizei glaubt Triton (2. v. l.) seine Geschichte nicht

Diese Bürde und die damit verbundene schuldhafte Verantwortung sind zu viel für seine Schultern. Triton verlässt seine Verlobte Jenny (Virginia Bruce) und seinen besten Freund Whitney Courtland (Jerome Cowan) und lebt über Jahrzehnte isoliert und anonym in der Großstadt. Eines Tages sieht er den Tod von Jennys Tochter Jean (Gail Russell) voraus. Sie und ihr Freund Elliot Carson (John Lund) schenken seiner Warnung keinen Glauben, doch immer mehr seiner Vorhersagen bewahrheiten sich.

Zärtliches Drama

Film noir trifft es im Fall von „Die Nacht hat tausend Augen“ nicht recht, es ist ein ganz wunderlicher, idiosynkratischer Film. Am ehesten kann man vielleicht von einem Mystery-Thriller sprechen, oder auch schlicht von einem zärtlichen Drama.

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Auch Carson (l.) ist skeptisch

Regisseur John Farrow erzählt seinen Film gewissenhaft und genau. In der ersten Hälfte erzählt er mit exzessiv gebrauchten Voice-over die Vorgeschichte seines Protagonisten. Die klug genutzte Stimme aus dem Off gibt die schmerzliche Innensicht auf Triton frei, dessen Gabe eher ein Fluch ist. Schuld und Gewissensbisse treiben Triton zur Flucht vor sich selbst in die Isolation.

Die Perspektive wechselt

Erst in der zweiten Hälfte stößt Farrow den Kriminal-Plot an, der als fesselnde Murder-Mystery inszeniert wird. Spannend zu beobachten ist auch der geschickte Perspektivwechsel, der zwischen den beiden Filmhälften stattfindet. Das Voice-over in der ersten Hälfte versetzt den Zuschauer in Tritons Perspektive, wohingegen die zweite Filmhälfte aus der Perspektive der Polizei, beziehungsweise Carsons Perspektive erzählt ist, also einer der Fähigkeiten Tritons gegenüber kritischen Sichtweise, sodass der Zuschauer vor die Wahl gestellt wird.

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Dennoch wird Jean unter Bewachung gestellt

Ganz grandios ist Edward G. Robinson, der still und leise spielt, von tiefer Trauer ergriffen. Sein tragisches Schicksal, dem er nicht entfliehen kann und das Farrow zu einem konsequent negativen Ende führt, erinnert dann doch wieder an den Film noir.

„Die Nacht hat tausend Augen“ ist ein wunderbarer Film. Erfreulich, dass er in der Koch Media Film noir Collection endlich bei uns veröffentlicht worden ist.

Die Film Noir Collection von Koch Media:

01. Die blaue Dahlie (The Blue Dahlia, 1946)
02. Spiel mit dem Tode (The Big Clock, 1948)
03. Schwarzer Engel (Black Angel, 1946)
04. Desert Fury – Liebe gewinnt (Desert Fury, 1947)
05. Der schwarze Spiegel (The Dark Mirror, 1946)
06. Du und ich (You and Me, 1938)
07. Der General starb im Morgengrauen (The General Died at Dawn, 1936)
08. Der Mann mit der Narbe (Hollow Triumph, 1947)
09. Ausgestoßen (Odd Man Out, 1947)
10. Briefe aus dem Jenseits (The Lost Moment, 1947)
11. Chicago Joe und das Showgirl (Chicago Joe and the Showgirl, 1990)
12. Schritte in der Nacht (He Walked by Night, 1948)
13. Detour – Umleitung (Detour, 1945)
14. Das schwarze Buch (Reign of Terror aka The Black Book, 1949)
15. Zeuge gesucht (Phantom Lady, 1944)
16. Unter Verdacht (The Suspect, 1944)
17. Der unheimliche Gast (The Uninvited, 1944)
18. Ministerium der Angst (Ministry of Fear, 1944)
19. Die Killer (The Killers, 1946)
20. Opfer der Unterwelt (D.O.A., 1950)
21. Die Nacht hat tausend Augen (Night Has a Thousand Eyes, 1948)
22. Der gläserne Schlüssel (The Glass Key, 1942)
23. Casbah – Verbotene Gassen (Casbah, 1948)
24. Die Narbenhand (This Gun for Hire, 1942)
25. Die rote Schlinge (The Big Steal, 1949)

Veröffentlichung: 14. Mai 2015 als DVD

Länge: 78 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Night Has a Thousand Eyes
USA 1948
Regie: John Farrow
Drehbuch: Barré Lyndon, Jonathan Latimer, nach dem Roman von Cornell Woolrich
Besetzung: Edward G. Robinson, Gail Russell, John Lund, Virginia Bruce, William Demarest, Richard Webb, Jerome Cowan, Onslow Stevens
Zusatzmaterial: Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, Booklet
Vertrieb: Koch Media

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2015 Koch Media

 

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Duell in den Wolken – Kunstflieger im Ehedrama

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The Tarnished Angels

Gastrezension von Simon Kyprianou

Sirk hat einen Film gemacht (…), in dem man so viel von Einsamkeit begreift, und wie sie uns lügen lässt. Und wie falsch das ist, dass wir lügen, und dumm. (Rainer Werner Fassbinder in: „Filme befreien den Kopf“, Hrsg.: Michael Töteberg)

Drama // Im Weltkrieg flog er Kampfeinsätze, während der Weltwirtschaftskrise zieht Roger Shumann (Robert Stack) als Kunstflieger mit seiner Frau LaVerne (Dorothy Malone) in der Provinz von Flugshow zu Flugshow – sie führt dabei Fallschirmsprünge vor. Mit ihrem Mechaniker Jiggs (Jack Carson) reicht das einigermaßen für den Lebensunterhalt.

Rock Hudson als alkoholsüchtiger Reporter

Doch zwischen Roger und LaVerne herrscht Eiszeit. Der ehemalige Kriegsheld ist unfähig zu lieben, nur das Fliegen gibt seinem Leben Sinn. Sie wird von Hass und Einsamkeit zerfressen, auch der gemeinsame Sohn Jack (Christopher Olsen) leidet. Jiggs, der in LaVerne verliebt ist, schaut dem Elend schon jahrelang machtlos zu. In New Orleans trifft die Gruppe auf den alkoholsüchtigen Reporter Devlin (Rock Hudson), der sich in LaVerne verliebt und die Perversion und Trauer erkennt, die in der Gruppe herrscht. Zwischen den verzweifelten Menschen kommt es zur Katastrophe.

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LaVerne ist Fallschirmspringerin

Alle Figuren in Douglas Sirks Verfilmung der William-Faulkner-Novelle „Pylon“ verzweifeln: am Alkohol, an der Einsamkeit, an der Sucht nach Gefahr und Ruhm. Sie suchen nach Rettung, nach Halt, nach Zwischenmenschlichkeit und Verständnis. Sirk erzählt mit einer hinreißenden Aufrichtigkeit und bedingungslosen Hingabe von seinen Figuren und dem allgegenwärtigen Scheitern in ihrem Leben.

Kapriolen in der Luft, Torkeln am Boden

Die Emotionen beben und kochen über, die Figuren werden von ihren Gefühlen übermannt: Jeder Dialog, jeder Blick, jede Geste zeugt von ihrer Verzweiflung, ihrer Wut und ihrer Einsamkeit. Sirks Kamera ist immer in Bewegung, sie ist so ruhelos und aufgekratzt wie seine Figuren, die in der Luft waghalsige Kunststücke vollführen oder einfach nur im Rausch benommen stolpern und torkeln.

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Sohn Jack leidet

Alle Figuren geraten in den Strudel des Scheiterns, getrieben von falschem Stolz, Selbsthass, oder blinder Wut. Und doch wird „The Tarnished Angels“, so der Originaltitel, mit großer Zärtlichkeit erzählt. Und wenn Douglas Sirk Rock Hudson am Ende in einer ganz großartigen Szene die Geschichte zusammenfassen lässt, wird man sich erst bewusst, wie viel Anmut und Würde im ewigen Scheitern liegen kann. Von der zeitgenössischen Kritik damals eher kritisch aufgenommen, gilt „Duell in den Wolken“ heute zu Recht als meisterhaft und eine der besten Faulkner-Adaptionen.

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Was will Devlin?

Die Filme der Koch-Media-Reihe „Masterpieces of Cinema“:

01. Die Nacht des Jägers (The Night of the Hunter, 1955)
02. Einsam sind die Tapferen (Lonely Are the Brave, 1962)
03. Der große Treck (The Big Trail, 1930)
04. Das grüne Zimmer (La chambre verte, 1978)
05. Leben und Sterben des Colonel Blimp (The Life and Death of Colonel Blimp, 1943)
06. Rumble Fish (Rumble Fish, 1983)
07. Fahrenheit 451 (Fahrenheit 451, 1966)
08. Ostia (Ostia, 1970)
09. Außergewöhnliche Geschichten (Histoires extraordinaires, 1968)
10. Im Zeichen des Bösen (Touch of Evil, 1958)
11. Duell in den Wolken (The Tarnished Angels, 1957)
12. Ein Engel an meiner Tafel (An Angel at My Table, 1990)
13. Die Glenn Miller Story (The Glenn Miller Story, 1954)
14. Wenn die Ketten brechen (Captain Lightfoot, 1955)
15. Wie herrlich eine Frau zu sein (La fortuna di essere donna, 1956)
16. Blackout – Anatomie einer Leidenschaft (Bad Timing, 1980)
17. Stromboli (Stromboli, terra di Dio, 1950)
18. Der Trost von Fremden (The Comfort of Strangers, 1990)
19. Wem die Stunde schlägt (For Whom the Bell Tolls, 1943)
20. Der Meister und Margarita (Il maestro e Margherita, 1972)
21. Die Stimme des Mondes (La voce della luna, 1990)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Rock Hudson sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 17. April 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 90 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Tarnished Angels
USA 1957
Regie: Douglas Sirk
Drehbuch: George Zuckerman, nach dem Roman „Pylon“ von William Faulkner
Besetzung: Rock Hudson, Robert Stack, Dorothy Malone, Jack Carson, Alan Reed, Troy Donahue, Christopher Olsen
Zusatzmaterial: Booklet, Trailer, Dokumentation „Acting with Douglas Sirk“, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial und Fotos vom Set
Vertrieb: Koch Media

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Vor den Trümmern ihrer Ehe: LaVerne

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2015 Koch Media

 

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Opfer der Unterwelt – Bei Ankunft tot

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D.O.A.

Von Simon Kyprianou

Krimidrama // Eine eigentlich harmlose Urlaubsreise nach San Francisco bringt für den Rechtsanwalt Frank Bigelow (Edmond O’Brien) viel Unheil mit sich: Er wird in einer Bar vergiftet. Das Toxin, so teilen ihm die Ärzte mit, greift seine Organe an und wird ihn innerhalb der kommenden Tage unweigerlich töten. Bigelow nutzt die ihm bleibende Zeit, um mit seiner Freundin Paula (Pamela Britton) ins Reine zu kommen und seinen Mörder zu finden.

Bigelow will vor seinem Tod reinen Tisch machen

Die Prämisse ist natürlich hervorragend: Wir kennen das Ende, wir wissen, worauf der Film hinausläuft. In dieser Prämisse, die alle Hoffnung auf ein Happy End, auf Erlösung von Anfang an negiert, stecken der geballte Pessimismus und die Hoffnungslosigkeit des Film noir. Der Rest des Films ist in einer Rückblende erzähltes Aufklären der Begebenheiten, denn kurz vor seinem Tod schleppt sich Bigelow zur Polizei um alles zu erzählen.

Tour de Force eines Todgeweihten

Ganz in der Tradition von zum Beispiel „Tote schlafen fest“ hetzt Rudolph Maté seinen Protagonisten von einem Verdächtigen zum nächsten, lässt ein unübersichtliches Mosaik aus Beweisen, Indizien und Motiven entstehen, indem der Durchblick immer schwerer fällt. Der Regisseur beschleunigt seine Tour de Force durch ständige Ortswechsel, Telefonate und den situativ gegebenen Zeitdruck des sterbenden Protagonisten.

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Ein Sterbender jagt seinen Mörder

Stets mit der Gewissheit des unvermeidlichen Ausgangs im Fokus, inszeniert Maté, wie plötzlich das Unheil mit dem Leben eines gewöhnlichen Menschen kollidiert, der zuvor nie mit Verbrechen in Kontakt gekommen ist und wie er sich mit den Funktionalismen dieser Welt arrangieren muss. Dabei kam Maté bei seiner stilvollen Inszenierung sicher seine Vergangenheit als Kameramann zugute.

Bigelow quetscht die Femme fatale aus

Die finale Konfrontation mit dem Mörder inszeniert Maté im Gegensatz zum rasanten, ruhelosen Rest des Films wunderbar minimalistisch. Nüchtern treten sich Mörder und Opfer in einer tristen Szenerie gegenüber und Maté erzeugt einen großartigen Moment von bedrückender Stille. Im selben Gebäude, in dem hier Täter und Opfer aufeinandertreffen, fanden später auch Ridley Scotts „Blade Runner“ und J. Lee Thompsons „Murphys Gesetz“ mit Charles Bronson ihr Ende.

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Das Ende ist nah

Das 1988er-Remake „D.O.A. – Bei Ankunft Mord“ mit Dennis Quaid und Meg Ryan ist ebenfalls anständig geraten, erreicht aber nicht die Intensität des Originals. „Opfer der Unterwelt“, besser „D.O.A.“, wie er im Englischen heißt, was im Polizei-Jargon „Dead on Arrival“ („Beim Eintreffen tot“) bedeutet, ist ein wunderbar kalter, unerbittlicher Thriller, von Koch Media auf einer guten DVD veröffentlicht.

Die „Film Noir Collection“ von Koch Media haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Veröffentlichung: 14. Mai 2015 als DVD

Länge: 80 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: D.O.A.
USA 1950
Regie: Rudolph Maté
Drehbuch: Russell Rouse, Clarence Greene
Besetzung: Edmond O’Brien, Pamela Britton, Luther Adler, Beverly Garland, Lynn Baggett, William Ching, Neville Brand, Laurette Luez, Jess Kirkpatrick
Zusatzmaterial: Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, Booklet
Vertrieb: Koch Media

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2015 Koch Media

 

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