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Horror für Halloween (XVI): Class of Nuke ’em High – Neben dem Kernkraftwerk geht’s rund

Class of Nuke ’em High

Von Volker Schönenberger

Horrorkomödie // Manche Cineasten rümpfen die Nase, aber unter Trash- und Exploitationfans genießt die im Staat New York ansässige Independent-Filmschmiede Troma Entertainment Kultstatus – und das ausgelutschte „Kult“ ist hier einmal berechtigt. Das Unternehmen wurde 1974 von den Produzenten und Regisseuren Lloyd Kaufman und Michael Herz gegründet, gehört. Zu den bekanntesten Werken aus dem Hause Troma gehört „Atomic Hero“ („The Toxic Avenger“, 1985) um einen chronischen Loser, der aufgrund radioaktiver Verseuchung zum Superhelden mutiert. Auch die ein Jahr später entstandene Horrorkomödie „Class of Nuke ’em High“ thematisiert die Bedrohung durch nukleare Kontamination. Es war die Zeit, in welcher der Reaktorunfall im Kernkraftwerk Three Mile Island in Pennsylvania im März 1979 und die
Nuklearkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 der Welt die Gefahren der Nutzung der Kernkraft vor Augen führten, was sich zwangsläufig auch im Film niederschlug, und das eben nicht nur in ernsthaften Dramen wie „Das China-Syndrom“ („The China Syndrome“, 1979), sondern auch in der Exploitation. Für „Class of Nuke ’em High“ setzte sich Troma-Gründer Kaufman einmal mehr selbst auf den Regiestuhl, den er sich in diesem Fall mit Richard W. Haines teilte.

It could contaminate the whole town.

That’s not so bad.

Hm – ob „Halb so wild“ die passende Antwort auf die Befürchtung ist, dass die ganze Stadt radioaktiv verseucht werden könnte? Im Kernkraftwerk von Tromaville (!) in New Jersey kommt es zu einem nuklearen Zwischenfall. Einem Bedenkenträger erwidert Kraftwerks-Leiter Finley (Pat Ryan) unwirsch: I don’t give a wet fart what you think. („Ich gebe einen feuchten Furz darauf, was Sie denken“.) Derlei Dialoge geben von Anfang an den derben Ton von „Class of Nuke ’em High“ vor.

Mikrowellen sind gefährlich!

Die in unmittelbarer Nähe des Kraftwerks gelegene Highschool von Tromaville bekommt die Auswirkung des radioaktiven Lecks umgehend zu spüren: Als ein Schüler verseuchtes Wasser trinkt, erleidet er daraufhin einen grausamen Tod. Finley lenkt von seiner Anlage ab, indem er darauf hinweist, der Schüler habe daheim gleich zwei Mikrowellenöfen (!) stehen.

Die vormaligen Mitglieder der „Honour Society“ der Highschool sind bereits vor einiger Zeit zu aufmüpfigen und brutalen Punks mutiert – Folge der Nähe zum Kernkraftwerk? Jedenfalls terrorisiert die Gang, die sich passenderweise „Cretins“ nennt, seitdem ihre Mitschüler. Ein Kraftwerksarbeiter verkauft ihnen Marihuana, das er auf dem Werksgelände anbaut. Super Idee: Die „Cretins“ verkaufen die Joints als „Atomic High“ weiter. Vielleicht aber doch keine so super Idee …

„Class of Nuke ’em High“ bedient ein paar Klischees aus Highschool-Szenarien von Teenie-Komödien, das aber auf dermaßen überkandidelte Weise, dass es eine wahre Freude ist. Das geht selbstverständlich mit eher laienhafter Schauspielkunst einher. Zwar haben einige spätere Stars wie Kevin Costner und Samuel L. Jackson in der Frühzeit ihrer Karrieren in Troma-Produktionen mitgewirkt, hier jedoch tritt niemand in Erscheinung, den wir später in prominenteren Rollen bemerkt hätten.

Verstrahlung kann sonderbare Folgen haben

Zwar sind die Auswirkungen nuklearer Kontamination bis hin zur Strahlenkrankheit und zum Tod weitgehend bekannt, das muss im Trash-Sektor aber niemanden hindern, hemmungslos bizarre Mutationen, derbste Hautausschläge und fiese Wesensveränderungen herbeizufantasieren. In „Class of Nuke ’em High“ ist all dies zu beobachten. Die Schülerinnen und Schüler – ob verstrahlt oder nicht – rennen bisweilen wie aufgescheuchte Hühner durch die Gegend. Und wenn das gerade erst geborene Monster zügig zu stattlicher Größe herangewachsen ist, kennt das ausgelassene und tödliche Treiben endgültig kein Halten mehr.

„Class of Nuke ’em High“ hatte einige Fortsetzungen zur Folge, die ich nicht gesehen habe. Es gibt ohnehin zu viele Filme, ich muss mir nicht jedes Franchise vollständig zu Gemüte führen. Vermutlich sind die Sequels ähnlich überdreht wie der Erstling, der seinen Kultstatus als Troma-Highlight und Exploitation- und Trash-Klassiker völlig zu Recht genießt. 1992 indiziert, wurde der Streifen 2016 von der Liste der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien gestrichen. Neuveröffentlichungen lassen aber auf sich warten. Ob die zuvor erschienenen ungeprüften Hartboxen und Mediabooks von ’84 Entertainment zu erschwinglichen Preisen lieferbar sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Mir reicht meine 2-Disc Edition mit Blu-ray und DVD aus dem englischen Hause Arrow Video, die in puncto Bild- und Tonqualität sowie Bonusmaterial gewohnt vorbildlich abgeliefert hat und im Booklet einen interessanten Text über den Troma-Gründer Lloyd Kaufman enthält.

Veröffentlichung: 14. Mai 2012 als DVD in limitierter kleiner und großer Hartbox (je drei Covervarianten), 23. September 2015 als limitiertes 3-Disc Ultimate Edition Mediabook (Blu-ray & 2 DVDs) und als Blu-ray in limitierter großer Hartbox (zwei Covervarianten)

Länge: 85 Min. (Blu-ray), 82 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Class of Nuke ’em High
USA 1986
Regie: Richard W. Haines, Lloyd Kaufman (als Samuel Weil)
Drehbuch: Richard W. Haines, Mark Rudnitsky, Lloyd Kaufman, Stuart Strutin
Besetzung: Janelle Brady, Gil Brenton, Robert Prichard, Pat Ryan, James Nugent Vernon, Brad Dunker, Gary Schneider, Théo Cohan, Gary Rosenblatt, Mary Taylor, Anthony Ventola, Arthur Lorenz, Lauren Heather McMahon
Zusatzmaterial u. a.: Audiokommentar mit Lloyd Kaufman, Originaltrailer, Vollbild-Fassung, Interviews mit den Darstellern, entfernte Szenen, „Der Mann der das AKW baute“, Artworks & Photos, Tromavilla-Cafe: Highschool Losers, Aroma du Troma, PSA: Gratis & Geil, nur Blu-ray und Mediabook: Audiokommentar mit Kai Naumann und Marcel Barion, Kurzfilm „Tannenberg“ (Regie: Danilo Vogt, 15 Min.), nur Mediabook: 12-seitiges Booklet mit einem Text von Ivo Ritzer
Label/Vertrieb: ’84 Entertainment

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

 

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Blinded by the Light – Kick It Like Springsteen

Blinded by the Light

Kinostart: 22. August 2019

Von Volker Schönenberger

Musik-Tragikomödie // Zwei Fragen an die Bruce-Springsteen-Fans unter den Leserinnen und Lesern dieses Textes: Was hat euch mit dem Boss-Virus infiziert? Erinnert ihr euch noch an den Moment oder das Ereignis, der oder das die Leidenschaft für den Rockmusiker aus New Jersey in euch entfacht hat? Bei mir war es das Konzert der Tunnel-of-Love-Express-Tour im Reitstadion München-Riem 1988. Ich hatte den Boss natürlich zuvor schon wahrgenommen. Wenn ich mich recht entsinne, besaß meine ältere Schwester das Album „Born in the U.S.A.“; ich selbst wünschte mir – und bekam – die grandiose 5-LP-Box „Live 1975-85“ zu Weihnachten 1986 oder 1987, doch erst mein erstes Springsteen-Konzert von bis heute 13 löste das Bruce-Fieber in mir aus. Wie es so schön heißt, gibt es zwei Arten von Menschen: Springsteen-Fans und solche, die ihn noch nicht live gesehen haben.

Sein gestrenger Vater Malik …

Beim 16-jährigen Javed (Viveik Kalra) sind „Born in the U.S.A.“ und „Darkness on the Edge of Town“ für seine Springsteen-Leidenschaft verantwortlich. Sein neuer Mitschüler Roops (Aaron Phagura) hat ihm die beiden Alben in Form von zwei Audio-Kassetten in die Hand gedrückt. Javed lebt 1987 im englischen Luton. Wir befinden uns in der Ära des Thatcherismus, in welcher der Arbeiterschaft unter der Premierministerin Margaret Thatcher die Luft zum Atmen ebenso genommen wird, wie es auch den US-Arbeitern in den Fesseln der Reaganomics ging. Javeds Vater Malik (Kulvinder Ghir), einst mit seiner Frau Noor (Meera Ganatra) aus Pakistan eingewandert, arbeitet für einen großen Autohersteller, während sich Noor als Näherin die Finger wundarbeitet, um das nicht allzu üppige Haushaltseinkommen aufzubessern.

… hat feste Vorstellungen, was für Javed das Beste ist

Sein traditionell eingestellter Vater darf natürlich nicht wissen, dass Javed seit langer Zeit seine Gedanken niederschreibt – er führt Tagebuch, verfasst auch Gedichte und träumt davon, einmal Schriftsteller zu werden. So recht glaubt er nicht daran, diesen Wunsch verwirklichen zu können, aber immerhin ermutigt ihn seine neue Englischlehrerin Miss Clay (Hayley Atwell). Der Nachbarsjunge Matt (Dean-Charles Chapman), der sich mit Haarspray und Make-up als Teil der New Romantics gibt, ist sein einziger Freund, immerhin seit Kindestagen. Zu allem Überfluss muss Javed damit klarkommen, dass die pakistanische Gemeinde von Luton und damit auch er selbst Anfeindungen von rassistischen Rechtsradikalen ausgesetzt ist. Der frustrierte Teenager hat die beiden Springsteen-Tapes in seinem Rucksack fast vergessen, als sie ihm eines Abends doch wieder in die Hände fallen. Er packt eine der Kassetten in seinen Walkman und erlebt mit „Dancing in the Dark“ eine geradezu religiöse Erweckung …

Die Lehrerin Miss Clay ermutigt den Jungen

Asche auf mein Haupt: Der Smash-Hit „Dancing in the Dark“ gehört nicht zu meinen Favoriten in Springsteens Œuvre – mir ist der Pop-Appeal des Gassenhauers etwas zu dominant. Aber der Titel gehört zu den beliebtesten Songs des Boss, ist nach wie vor häufig im Radio zu hören und regelmäßiger Bestandteil des Zugabenblocks bei Springsteen-Konzerten, also wer bin ich, daran herumzukritisieren? Und wenn ich mir den Text vor Augen führe, aus dem Regisseurin Gurinder Chadha in besagter Szene diverse Zeilen kunstvoll einblendet, stelle ich fest: Er passt perfekt zu Javeds Gefühlswelt. Ein paar Auszüge gefällig? Bitte schön:

I ain’t nothing but tired
Man I’m just tired and bored with myself
Hey there baby, I could use just a little help

Man I ain’t getting nowhere
I’m just living in a dump like this

They say you gotta stay hungry
Hey baby I’m just about starving tonight
I’m dying for some action
I’m sick of sitting ’round here trying to write this book

Auch Javed weiß nichts mit sich anzufangen, sehnt sich danach, dass mit seinem Leben etwas passiert, während er in seinem Zimmer sitzt und schreibt. Nicht erst bei der letzten von mir zitierten Zeile gerät er völlig aus dem Häuschen. Er hat einen Rockmusiker entdeckt, der ganz genau seinen Gemütszustand in Worte zu fassen vermag. Ein Sänger aus dem US-Staat New Jersey versteht offenbar, was ein Arbeitersohn in England denkt und fühlt. Javed ist mehr als beeindruckt. Chadha inszeniert diese Erweckung als eine der zentralen Sequenzen des Films, gibt Javeds wachsender Euphorie großen Raum – der Junge stürmt gar aus dem Haus und tanzt mitten in der Nacht durch die Gegend. Kurz darauf bekommen wir auch „The Promised Land“ zu hören, der Javed vielleicht mehr noch als „Dancing in the Dark“ in Aufbruchstimmung versetzt:

But your eyes go blind and your blood runs cold
Sometimes I feel so weak I just want to explode
Explode and tear this whole town apart
Take a knife and cut this pain from my heart
Find somebody itching for something to start

The dogs on Main Street howl cause they understand
If I could take one moment into my hands
Mister I ain’t a boy, no I’m a man
And I believe in a promised land

Javed fühlt sich schwach, gleichzeitig spürt er eine Wut in sich. Auch er will zweifellos den Schmerz aus seinem Herzen schneiden. Und plötzlich merkt er: Er ist kein Kind mehr, sondern ein Mann! Na ja, sagen wir ein Jugendlicher auf dem Weg zum Mann.

Ein Geschenk von Roops (r.) verändert sein Leben

„Blinded by the Light“ beginnt geradezu klischeehaft als 80er-Hommage – mit einem Zauberwürfel. Und wir bekommen keineswegs ausschließlich Springsteen-Songs zu hören, sondern diverse Top-Hits jener Dekade wie „It’s a Sin“ von den Pet Shop Boys. Immerhin hat Javeds Kumpel Matt für Springsteen nicht viel übrig, der DJ des schulischen Radiosenders ebenfalls nicht und der blasierte Chefredakteur der Schülerzeitung schon mal gar nicht.

Bollywood lässt grüßen

Für eine überkandidelte Szene ließ sich die britische Regisseurin mit indischen Wurzeln sogar von Bollywood inspirieren: Auf einem Markt singt Javed seine Angebetete Eliza (Nell Williams) an, eine politisch engagierte Mitschülerin. Der Song: „Thunder Road“. Ich war gespannt, ob Javed auch die Zeile You ain’t a beauty, but hey, you’re alright unverändert unterbringt, gehört sie doch nicht unbedingt zu Bruce Springsteens charmantesten Songzeilen – und tatsächlich ist Eliza eine sehr aparte Person. Aber Javed bringt die Zeile – im Duett mit Matts Vater, der sich im Gegensatz zu seinem Sohn als Springsteen-Fan entpuppt und sich gemeinsam mit Javed ein wenig über Matt lustig macht. Und tatsächlich eignet sich „Thunder Road“ sehr gut dafür, seinen Gefühlen für ein Mädchen Ausdruck zu verleihen:

Hey, that’s me and I want you only
Don’t turn me home again, I just can’t face myself alone again

Well now, I’m no hero, that’s understood
All the redemption I can offer, girl, is beneath this dirty hood
With a chance to make it good somehow
Hey, what else can we do now?

Später folgt auch Springsteens Signature Song „Born to Run“ als bollywoodeske Einlage, in der Javed, Roops und Eliza ausgelassen von der Schule aus durch Lutons Straßen laufen.

Aw, honey, tramps like us
Baby, we were born to run

Noch Fragen? Dass Bruce Springsteen zu Javed passt wie die Faust aufs Auge, wird spätestens bei „Independence Day“ deutlich, einem jener Songs, in denen der Boss wiederholt das schwierige Verhältnis zu seinem Vater thematisiert hat, der wie Javeds Vater ein einfacher Arbeiter war:

’Cause the darkness of this house has got the best of us
There’s a darkness in this town that’s got us too
But they can’t touch me now
And you can’t touch me now
They ain’t gonna do to me
What I watched them do to you

So say goodbye it’s Independence Day
It’s Independence Day

Der Titel spielt natürlich auf den amerikanischen Unabhängigkeitstag 4. Juli an, gemeint ist zweifellos aber auch der Tag, an dem sich ein Junge von den Fesseln seines Vaters befreit. Javed will nicht denselben Zwängen des Arbeiterdaseins unterliegen – ein zentrales Motiv von „Blinded by the Light“. Malik ist ein strenger Vater, der das Leben seines Sohns vorherbestimmen will, wie es in seiner Kultur üblich ist. Dass sein Sohn schreiben will, tut er als Hirngespinst ohne Zukunft ab, als er davon erfährt.

Javed schöpft aus Springsteens Musik viel Kraft …

Das zwischenzeitliche Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn ist unausweichlich. Aber ich verrate nicht zu viel, wenn ich andeute, dass das nicht das letzte Wort zwischen ihnen bleibt, immerhin handelt es sich kurz nach Danny Boyles „Yesterday“ erneut um ein musikalisches Feelgood-Movie aus dem Vereinigten Königreich. Klar, Strukturwandel der Industrie und damit einhergehende Arbeitslosigkeit, Rassismus, familiäre Probleme, Liebeskummer – all das kommt zum Tragen. Aber wir haben es mit einer Komödie respektive Tragikomödie mit großem Coming-of-Age-Anteil zu tun und nicht mit einem schwermütigen Gesellschaftsdrama. Und angesichts des Elends in der Welt ist ein Wohlfühlfilm wie dieser bei mir ab und zu willkommen, ein Film mit Bruce-Springsteen-Musik erst recht.

… und er traut sich sogar, Eliza anzusprechen

Manch ein/e rationell eingestellte/r Musikhörer/in mag nun argwöhnen, Javeds – und auch Roops’ – Leidenschaft für den Boss sei übertrieben dargestellt. Lasst euch versichern: Sie ist es nicht! Mein nicht Springsteen zugeneigtes privates Umfeld hält mich schon für einen seiner größten Fans, aber das bin ich mitnichten – nicht mal annähernd. Oben erwähnte ich meine insgesamt 13 Konzertbesuche seit 1988. Diese Zahl erreichen einige Gleichgesinnte, die ich persönlich kenne, schon bei einer einzigen Springsteen-Tournee. So viel dazu! Und ungeachtet dessen, dass der Boss Multimillionär ist und zuletzt ein Dauer-Engagement am Broadway hatte, dessen Eintrittskarten sündhaft bis geradezu obszön teuer waren, ist es ihm doch im Lauf seiner Karriere immer wieder gelungen, den sogenannten kleinen Leuten eine Stimme zu geben. Insofern verwundert Javeds Passion niemanden, der schon mit beinharten Springsteen-Fans in Berührung gekommen ist. Mir fallen einige ein, die viel Kraft aus seiner Musik ziehen – auch ein paar, deren Verehrung vielleicht schon übertrieben religiöse Züge annimmt. Das Wort Fan leitet sich nicht von ungefähr von fanatisch ab.

„Hey, that’s me and I want you only!“

„Blinded by the Light“ trägt ohnehin stark autobiografischen Charakter: Der Film basiert auf den 2007 veröffentlichten Memoiren „Greetings from Bury Park: Race, Religion and Rock ’n’ Roll“ von Sarfraz Manzoor, der seit Mitte der 1990er-Jahre als Journalist und Schriftsteller arbeitet. Gurinder Chadha hat daraus eine wunderbare Tragikomödie gemacht, der Bruce Springsteen persönlich seinen Segen gab und die gewisse Parallelen zu ihrer Regiearbeit „Kick It Like Beckham“ aufweist, mit der sie 2002 international auf sich aufmerksam machte. Die romantische Komödie handelt von einer indischstämmigen jungen Engländerin, deren Leidenschaft für Fußball ihren traditionell eingestellten Eltern ein Dorn im Auge ist.

Nummer-1-Hit für Manfred Mann’s Earth Band

Kurz zum Filmtitel: „Blinded by the Light“ stammt von Springsteens 1973er-Debütalbum „Greetings from Asbury Park N.J.“. Bei dem Song handelt es sich um seinen ersten Nummer-1-Hit, allerdings nicht in der Springsteen-Version, sondern der Interpretation von Manfred Mann’s Earth Band, die zugegeben sehr gelungen ausgefallen ist. Die Formation hat mit „For You“ und „Spirits in the Night“ (im Original „Spirit“ im Singular) zwei weitere Springsteen-Kompositionen zu Hits gemacht, die auch heute noch gern im Radio gespielt werden und nach wie vor zum Live-Repertoire der Band gehören.

„Tramps like us …“

Manche Menschen lehnen Bruce Springsteens Musik mit voller Inbrunst ab, weil sie ausschließlich völlig andere Genres hören oder der Boss ihnen viel zu sehr im Mainstream verankert erscheint. Denen kann ich auch nicht helfen, allen anderen sei der Besuch von „Blinded by the Light“ sehr ans Herz gelegt. Sich im Kinosaal knapp zwei Stunden lang einfach nur wohlzufühlen und dazu noch tolle Musik zu genießen – was will man mehr? Und an die Springsteen-Fans unter den Leserinnen und Lesern dieser Rezension richte ich die Bitte, per Kommentar meine eingangs gestellten Fragen zu beantworten, wenn ihr Lust habt.

„… Baby, we were born to run!“

Länge: 117 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Blinded by the Light
GB 2019
Regie: Gurinder Chadha
Drehbuch: Paul Mayeda Berges, Gurinder Chadha, Sarfraz Manzoor, nach Manzoors Autobiografie
Besetzung: Viveik Kalra, Kulvinder Ghir, Meera Ganatra, Hayley Atwell, Aaron Phagura, Dean-Charles Chapman, Nikita Mehta, Nell Williams, Tara Divina, Rob Brydon, Frankie Fox, Sally Phillips
Verleih: Warner Bros. Pictures Germany

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc.

 
 

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Verflixte Gastfreundschaft – Buster Keaton! Buster Keaton!! Buster Keaton!!!

Our Hospitality

Von Volker Schönenberger

Stummfilm-Komödie // Puh – der Layouter des DVD-Menüs von „Verflixte Gastfreundschaft“ ist offenbar unter dem Mindestlohn beschäftigt worden. Solche Billigmenüs wollen wir eigentlich nicht mehr zu sehen bekommen. Der Rückseitentext der DVD von Studio Hamburg Enterprises ist zudem in Versalien gesetzt. Hat den Produzenten niemand erzählt, dass das furchtbar lesbar ist? Die suboptimale Produktion setzt sich mit dem ersten Untertitel fort: Verflixte Gastfreundlichkeit ist begleitend zur eingeblendeten Original-Titeltafel Buster Keaton in “Our Hospitality” zu lesen, dabei lautet der auch auf dem Cover zu lesende deutsche Titel des Films doch „Verflixte Gastfreundschaft“. Unschön, und diese Schlampigkeit zieht sich durch die gesamten Untertitel. Zu guter Letzt sei die Lauflänge erwähnt, die auf dem Cover mit 64 Minuten angegeben ist, obwohl der Film auf der DVD 74 Minuten lang ist. Dass Bild und Ton ebenfalls nicht perfekt sind, muss wohl nicht erwähnt werden – hoppla, nun habe ich es doch erwähnt. Damit immerhin kann ich bei einem bald 100 Jahre alten Film umgehen.

Die Blutfehde der Canfields und McKays

Zu Beginn des natürlich schwarz-weißen Stummfilms klären uns Texttafeln darüber auf, zu bestimmten Zeiten habe es in Teilen der Vereinigten Staaten tödliche Blutfehden zwischen verfeindeten Familien gegeben. Die Geschichte beginnt 1810 und handelt vom Zwist zwischen den Canfields und den McKays in Rockville – das liegt im US-Staat Maryland, sofern das echte Rockville gemeint ist. Im Heim von John McKay (Edward Coxen) und seiner Frau (Jean Dumas) erlebt der einjährige Sprössling Willie (Buster Keatons Sohn Buster Keaton Jr.) eine stürmische Nacht inklusive Schießerei, die sein Vater sowie ein Mitglied der Canfields nicht überleben. Willies besorgte Mutter verfrachtet ihren Sohn daraufhin zur Sicherheit zu ihrer Schwester (Kitty Bradbury) ins entfernte New York City, wo Willie (Buster Keaton) 20 Jahre später zu einem stattlichen jungen Mann herangewachsen ist.

Als er die Nachricht erhält, den Grundbesitz seiner Eltern geerbt zu haben, klärt ihn seine Tante über die Blutfehde mit den Canfields auf, was Willie nicht daran hindert, recht sorglos in seine alte Heimat aufzubrechen. Während der Reise lernt er die bezaubernde Virginia Canfield (Natalie Talmadge, Keatons damalige und erste Ehefrau, in ihrem letzten Film) kennen. Die beiden finden Gefallen aneinander, und die junge Frau lädt Willie ins Haus ihrer Familie ein. Die männlichen Canfields sind alles andere als angetan, als sie erfahren, wen Virginia ihnen da hineingeholt hat. Lästigerweise verbieten die Gesetze der Gastfreundschaft, Willie McKay an Ort und Stelle über den Haufen zu schießen.

„Hatfields & McCoys“ lassen grüßen

Canfield und McKay? Wer dabei an die Miniserie „Hatfields & McCoys“ mit Kevin Costner und Bill Paxton denkt, hat den richtigen Riecher, denn Serie wie Stummfilm sind beide inspiriert von der Hatfield-McCoy-Fehde, die zwischen 1878 und 1891 mehr als ein Dutzend Menschenleben forderte und in den USA zum Synonym für derlei Familienfehden wurde.

Herrlich, wie Willie und Virginia gemeinsam in einem frühen Eisenbahnzug durch die Gegend tuckern und der junge Mann im niedrigen Abteil seinen gar zu hohen Hut gegen einen flachen eintauscht. Buster Keatons Mimik – oder besser: sein völliger Verzicht auf Mimik – illustrieren das formidabel und machen aus einem leidlich lustigen Gag eine urkomische Szene. Kleine Ideen würzen die Fahrt, etwa ein quer über der Strecke liegender Baumstamm, der sich allerdings nicht auf, sondern unter den Gleisen befindet. Als die Gleisspur gar zu holprig wird, verlässt das Gefährt sie kurzerhand und setzt den Trip auf einem Feldweg fort. Irgendwann überholen die Passagierwagen sogar die Lok, wie auch immer ihnen das gelingt. Für die Dreharbeiten wurde eine Dampflokomotive des zeitgenössischen Modells „Rocket“ nachgebaut, den Lokführer spielte Buster Keatons Vater Joe.

Willie hat im Zug neben Virginia Hutprobleme

Der 20 Jahre früher spielende Prolog von „Verflixte Gastfreundschaft“ fällt überraschend humorfrei, gar tragisch aus. Das ändert sich in der Folge, aber es bleibt doch ein vergleichsweise sanfter Slapstick, kaum absurd, wie man es oft bei Buster Keaton gesehen hat. „Our Hospitality“, so der Originaltitel, steht dafür, dass Joseph Canfield (Joe Roberts), Patriarch der Feindesfamilie, seinen Söhnen Clayton (Francis X. Bushman Jr.) und Lee (Craig Ward) verbietet, Willie zu töten, während er als Gast bei ihnen weilt. Das führt so weit, dass die beiden auf ihn schießen, als er die Flucht ergreift und dabei das Haus der Canfields verlässt, die Waffen aber sogleich wieder einstecken, als er sich zurück ins Gebäude rettet.

Vermächtnis von Antagonist Joe Roberts

Joe Roberts, Darsteller des Antagonisten Joseph Canfield, spielte von 1920 bis 1923 insgesamt 19 Mal an der Seite von Buster Keaton – meist dessen Gegenpart. Während der Dreharbeiten zu „Our Hospitality“ erlitt er einen Schlaganfall, kehrte aber bald darauf aus dem Krankenhaus an den Set zurück und beendete den Dreh. Ein weiterer Schlaganfall kurz darauf setzte seinem Leben mit 52 Jahren ein Ende.

Regisseur John G. Blystone drehte von Beginn seiner Laufbahn 1914 bis 1922 ausschließlich Kurzfilme. „Verflixte Gastreundschaft“ ist seine einzige Regiearbeit mit Buster Keaton, der dafür ebenfalls Regisseurs-Credits erhielt. Er beendete seine Karriere 1938 mit seinen einzigen beiden Laurel-und-Hardy-Filmen „Als Salontiroler“ („Swiss Miss“) und „Die Klotzköpfe“ („Block-Heads“).

Buster Keaton inspirierte Jackie Chan

Wie zeitlos Buster Keaton und sein Gesamtwerk trotz des großen Alters und als Stummfilme mit Schwarz-Weiß-Bild einzuordnen sind, belegt allein schon die Tatsache, dass kein Geringerer als Jackie Chan Keaton stets als sein größtes Vorbild bezeichnet hat. Darauf lassen sich letztlich alle von Chans beim Dreh erlittenen Verletzungen bis hin zu etlichen Knochenbrüchen zurückführen, denn der chinesische Superstar ließ es sich nie nehmen, all seine Stunts selbst auszuführen, wie es lange vor ihm auch Buster Keaton praktiziert hatte. Und wer glaubt, das sei im Stummfilm womöglich harmlos gewesen, möge sich eine Video-Kompilation davon anschauen. Auch „Verflixte Gastfreundschaft“ enthält ein paar Beispiele dafür, allen voran die Szene am Wasserfall. Dieser mag als Ideengeber für den etwas holprigen alten deutschen Titel „Bei mir – Niagara“ gedient haben, dessen Herkunft ich nicht ergründen konnte. Lief der Film tatsächlich mal unter diesem Titel in deutschen Kinos?

Natürlich wünschen wir uns, Willie und Virginia mögen zueinander finden und auf diese Weise die Fehde zum Ende führen, und ich spoilere wohl nicht zu viel, wenn ich erwähne, dass die Handlung auch darauf zusteuert. Ein Schlussgag mit all den Schusswaffen der Canfields rundet die Stummfilm-Komödie wunderbar ab. „Verflixte Gastfreundschaft“ verbindet Humor und Romantik mit schön fotografierten Kulissen und einer gut aufgelegten Besetzung zu einem poetischen Gesamtkunstwerk, das eine viel sorgfältiger produzierte Edition verdient hätte als die deutsche DVD-Erstveröffentlichung. Besser als nichts, muss man da wohl seufzend konstatieren. „Our Hospitality“ gehört im Übrigen zur Public Domain und kann daher kostenlos und völlig legal im Internet Archive angeschaut und heruntergeladen werden. Gegenüber dem Kauf der deutschen DVD vielleicht die bessere Wahl.

Abschließend ein Lektüretipp für alle des Englischen Mächtigen: 2002 hat der renommierte US-Filmkritiker Roger Ebert eine schöne Würdigung Buster Keatons veröffentlicht.

Veröffentlichung: 24. Mai 2019 als DVD

Länge: 74 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Englisch (Texttafeln)
Untertitel: Deutsch
Alternativtitel: Bei mir – Niagara
Originaltitel: Our Hospitality
USA 1923
Regie: John G. Blystone (als Jack Blystone), Buster Keaton
Drehbuch: Jean C. Havez, Clyde Bruckman, Joseph A. Mitchell
Besetzung: Buster Keaton, Natalie Talmadge, Joe Roberts, Francis X. Bushman Jr. (als Ralph Bushman), Monte Collins, Craig Ward, Joe Keaton, Kitty Bradbury, Buster Keaton Jr., Edward Coxen, Jean Dumas
Zusatzmaterial: Wendecover
Label/Vertrieb: Studio Hamburg Enterprises

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfoto: © 2019 Studio Hamburg Enterprises, Filmplakate: Fair Use

 

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