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Schlagwort-Archive: Komödie

Zombieland – Doppelt hält besser: Zombies und kein Ende

Zombieland – Double Tap

Kinostart: 7. November 2019

Von Florian Schneider

Horrorkomödie // Als George A. Romero 1968 „Die Nacht der lebenden Toten“ für die große Leinwand realisiert, ist dies zwar nicht die Geburtsstunde der Zombies, wohl aber ihrer Inkarnation als von den Toten wiedergekehrten Menschenfresser und ihr internationaler Durchbruch. In den kommenden Jahrzehnten folgt ein intermedialer Durchmarsch ganzer Kohorten dieser Art Zombies sowie ihrer zahllosen Varianten. Dabei läuft die Verwertungskette in alle Richtungen: aus Computerspielen werden Filme („Resident Evil“), aus Comics Fernsehserien („The Walking Dead“), weltweit werden Zombie-Paraden abgehalten und Zombie-Bands (White Zombie, Flatbush Zombies) gegründet. Längst ist das Thema ein globales Phänomen, „Die Nacht der lebenden Toten“ ist Teil der Filmsammlung des Museum of Modern Art, und wo sich die Pioniere noch mit Zensur und Verboten herumärgern mussten, ist das barbarische Gemetzel an den und durch die Untoten heutzutage sogar meist jugendfrei.

Die glorreichen vier sind wieder im Zombieland unterwegs

Im Film werden, nachdem die 70er-Jahre noch von (teilweise gesellschaftskritischen) Horror-Zombie-Filmen dominiert sind, die Genregrenzen immer mehr verschoben. 1985 feiert mit „Verdammt, die Zombies kommen“ („The Return of the Living Dead“) die erste Zombie-Komödie Erfolge. Nicht nur zieht diese vier Fortsetzungen nach sich, sie ist auch Vorreiter der enorm erfolgreichen Gattung der Zombie-Komödien. Zu nennen ist natürlich Peter Jacksons irrwitzige Splattergranate „Braindead“ von 1992. Speziell im neuen Jahrtausend geht es dann richtig los, wie beispielsweise „Shaun of the Dead“ (2004), „Juan of the Dead“ (2011) und natürlich „Zombieland“ (2009) belegen mögen.

Die Schwestern Wichita und Little Rock machen sich gemeinsam auf und davon …

Letztgenannter erfährt nun, zehn Jahre später, mit „Zombieland – Doppelt hält besser“ eine Fortsetzung. Überraschend kommt das nicht, ist das Zombie-Genre doch abonniert auf Fortsetzungen, Prequels, Remakes und Plagiate. Lediglich die lange Wartezeit vermag da zu verwundern. Geschadet hat es allerdings nicht, denn immerhin wirkt der ebenfalls von Ruben Fleischer in Szene gesetzte zweite Teil der kultigen Zombie-Komödie durch den zeitlichen Abstand nun nicht wie ein reiner Aufguss des ersten Teils, sondern kommt erstaunlich frisch und witzig daher.

… bis sich Little Rock in den Musiker Berkeley verliebt

Viel Neues gibt es allerdings nicht zu vermelden: Die durch die Zombie-Apokalypse zusammengekommene menschliche Quadriga haust inzwischen im Weißen Haus. Wichita (Emma Stone) und der übervorsichtige Columbus (Jesse Eisenberg) vertiefen dort ihre Liebesbeziehung, während Tallahassee (Woody Harrelson) mit seiner Fürsorge der inzwischen pubertierenden Little Rock (Abigail Breslin) auf die Nerven fällt. Es kommt, wie es kommen muss – die beiden Frauen machen sich auf und davon. Nachdem Little Rock schließlich auch ihre Schwester sitzen lässt, um mit dem Musiker Berkeley (Avan Jogia) durchzubrennen, und Wichita nach ihrer Rückkehr ins Weiße Haus das blonde Dummchen Madison (Zoey Deutch) in Columbus’ Bett vorfindet, ist die Grundlage für einen erneuten wilden Roadtrip mit ordentlich Situationskomik, Splatter-Action und Nostalgie-Elementen gelegt.

Sitzengelassene Jungs müssen allein einkaufen gehen

Wie bereits im ersten Teil funktioniert das Zusammenspiel der Darsteller ausgezeichnet, die Funken sprühen und bei den Begegnungen mit den (inzwischen weiter mutierten) Zombies spritzt das Blut. Absurder Höhepunkt ist sicherlich die Hippie-Kommune Babylon, Schauplatz des großen Finales und Zufluchtsort von Little Rock, denn dort werden zur Begrüßung erst einmal alle Waffen eingesammelt und eingeschmolzen. Wenn das einmal nicht gelebter Pazifismus ist! Ach ja, Bill Murray darf natürlich auch in der Fortsetzung nicht fehlen, allerdings muss man für seinen Auftritt auf den Abspann warten.

Auf der Suche nach Little Rock …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Abigail Breslin haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Woody Harrelson und Bill Murray unter Schauspieler.

Willkommen in Graceland! Elvis lebt!

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Zombieland – Double Tap
USA 2019
Regie: Ruben Fleischer
Drehbuch: Dave Callaham, Rhett Reese, Paul Wernick
Besetzung: Jesse Eisenberg, Woody Harrelson, Emma Stone, Abigail Breslin, Zoey Deutch, Rosario Dawson, Dan Aykroyd, Bill Murray, Avan Jogia, Luke Wilson, Thomas Middleditch, Rachel Luttrell
Verleih: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Copyright 2019 by Florian Schneider
Filmplakat & Szenenfotos: © 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

 

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Horror für Halloween (XVI): Class of Nuke ’em High – Neben dem Kernkraftwerk geht’s rund

Class of Nuke ’em High

Von Volker Schönenberger

Horrorkomödie // Manche Cineasten rümpfen die Nase, aber unter Trash- und Exploitationfans genießt die im Staat New York ansässige Independent-Filmschmiede Troma Entertainment Kultstatus – und das ausgelutschte „Kult“ ist hier einmal berechtigt. Das Unternehmen wurde 1974 von den Produzenten und Regisseuren Lloyd Kaufman und Michael Herz gegründet, gehört. Zu den bekanntesten Werken aus dem Hause Troma gehört „Atomic Hero“ („The Toxic Avenger“, 1985) um einen chronischen Loser, der aufgrund radioaktiver Verseuchung zum Superhelden mutiert. Auch die ein Jahr später entstandene Horrorkomödie „Class of Nuke ’em High“ thematisiert die Bedrohung durch nukleare Kontamination. Es war die Zeit, in welcher der Reaktorunfall im Kernkraftwerk Three Mile Island in Pennsylvania im März 1979 und die
Nuklearkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 der Welt die Gefahren der Nutzung der Kernkraft vor Augen führten, was sich zwangsläufig auch im Film niederschlug, und das eben nicht nur in ernsthaften Dramen wie „Das China-Syndrom“ („The China Syndrome“, 1979), sondern auch in der Exploitation. Für „Class of Nuke ’em High“ setzte sich Troma-Gründer Kaufman einmal mehr selbst auf den Regiestuhl, den er sich in diesem Fall mit Richard W. Haines teilte.

It could contaminate the whole town.

That’s not so bad.

Hm – ob „Halb so wild“ die passende Antwort auf die Befürchtung ist, dass die ganze Stadt radioaktiv verseucht werden könnte? Im Kernkraftwerk von Tromaville (!) in New Jersey kommt es zu einem nuklearen Zwischenfall. Einem Bedenkenträger erwidert Kraftwerks-Leiter Finley (Pat Ryan) unwirsch: I don’t give a wet fart what you think. („Ich gebe einen feuchten Furz darauf, was Sie denken“.) Derlei Dialoge geben von Anfang an den derben Ton von „Class of Nuke ’em High“ vor.

Mikrowellen sind gefährlich!

Die in unmittelbarer Nähe des Kraftwerks gelegene Highschool von Tromaville bekommt die Auswirkung des radioaktiven Lecks umgehend zu spüren: Als ein Schüler verseuchtes Wasser trinkt, erleidet er daraufhin einen grausamen Tod. Finley lenkt von seiner Anlage ab, indem er darauf hinweist, der Schüler habe daheim gleich zwei Mikrowellenöfen (!) stehen.

Die vormaligen Mitglieder der „Honour Society“ der Highschool sind bereits vor einiger Zeit zu aufmüpfigen und brutalen Punks mutiert – Folge der Nähe zum Kernkraftwerk? Jedenfalls terrorisiert die Gang, die sich passenderweise „Cretins“ nennt, seitdem ihre Mitschüler. Ein Kraftwerksarbeiter verkauft ihnen Marihuana, das er auf dem Werksgelände anbaut. Super Idee: Die „Cretins“ verkaufen die Joints als „Atomic High“ weiter. Vielleicht aber doch keine so super Idee …

„Class of Nuke ’em High“ bedient ein paar Klischees aus Highschool-Szenarien von Teenie-Komödien, das aber auf dermaßen überkandidelte Weise, dass es eine wahre Freude ist. Das geht selbstverständlich mit eher laienhafter Schauspielkunst einher. Zwar haben einige spätere Stars wie Kevin Costner und Samuel L. Jackson in der Frühzeit ihrer Karrieren in Troma-Produktionen mitgewirkt, hier jedoch tritt niemand in Erscheinung, den wir später in prominenteren Rollen bemerkt hätten.

Verstrahlung kann sonderbare Folgen haben

Zwar sind die Auswirkungen nuklearer Kontamination bis hin zur Strahlenkrankheit und zum Tod weitgehend bekannt, das muss im Trash-Sektor aber niemanden hindern, hemmungslos bizarre Mutationen, derbste Hautausschläge und fiese Wesensveränderungen herbeizufantasieren. In „Class of Nuke ’em High“ ist all dies zu beobachten. Die Schülerinnen und Schüler – ob verstrahlt oder nicht – rennen bisweilen wie aufgescheuchte Hühner durch die Gegend. Und wenn das gerade erst geborene Monster zügig zu stattlicher Größe herangewachsen ist, kennt das ausgelassene und tödliche Treiben endgültig kein Halten mehr.

„Class of Nuke ’em High“ hatte einige Fortsetzungen zur Folge, die ich nicht gesehen habe. Es gibt ohnehin zu viele Filme, ich muss mir nicht jedes Franchise vollständig zu Gemüte führen. Vermutlich sind die Sequels ähnlich überdreht wie der Erstling, der seinen Kultstatus als Troma-Highlight und Exploitation- und Trash-Klassiker völlig zu Recht genießt. 1992 indiziert, wurde der Streifen 2016 von der Liste der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien gestrichen. Neuveröffentlichungen lassen aber auf sich warten. Ob die zuvor erschienenen ungeprüften Hartboxen und Mediabooks von ’84 Entertainment zu erschwinglichen Preisen lieferbar sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Mir reicht meine 2-Disc Edition mit Blu-ray und DVD aus dem englischen Hause Arrow Video, die in puncto Bild- und Tonqualität sowie Bonusmaterial gewohnt vorbildlich abgeliefert hat und im Booklet einen interessanten Text über den Troma-Gründer Lloyd Kaufman enthält.

Veröffentlichung: 14. Mai 2012 als DVD in limitierter kleiner und großer Hartbox (je drei Covervarianten), 23. September 2015 als limitiertes 3-Disc Ultimate Edition Mediabook (Blu-ray & 2 DVDs) und als Blu-ray in limitierter großer Hartbox (zwei Covervarianten)

Länge: 85 Min. (Blu-ray), 82 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Class of Nuke ’em High
USA 1986
Regie: Richard W. Haines, Lloyd Kaufman (als Samuel Weil)
Drehbuch: Richard W. Haines, Mark Rudnitsky, Lloyd Kaufman, Stuart Strutin
Besetzung: Janelle Brady, Gil Brenton, Robert Prichard, Pat Ryan, James Nugent Vernon, Brad Dunker, Gary Schneider, Théo Cohan, Gary Rosenblatt, Mary Taylor, Anthony Ventola, Arthur Lorenz, Lauren Heather McMahon
Zusatzmaterial u. a.: Audiokommentar mit Lloyd Kaufman, Originaltrailer, Vollbild-Fassung, Interviews mit den Darstellern, entfernte Szenen, „Der Mann der das AKW baute“, Artworks & Photos, Tromavilla-Cafe: Highschool Losers, Aroma du Troma, PSA: Gratis & Geil, nur Blu-ray und Mediabook: Audiokommentar mit Kai Naumann und Marcel Barion, Kurzfilm „Tannenberg“ (Regie: Danilo Vogt, 15 Min.), nur Mediabook: 12-seitiges Booklet mit einem Text von Ivo Ritzer
Label/Vertrieb: ’84 Entertainment

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

 

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Blinded by the Light – Kick It Like Springsteen

Blinded by the Light

Kinostart: 22. August 2019

Von Volker Schönenberger

Musik-Tragikomödie // Zwei Fragen an die Bruce-Springsteen-Fans unter den Leserinnen und Lesern dieses Textes: Was hat euch mit dem Boss-Virus infiziert? Erinnert ihr euch noch an den Moment oder das Ereignis, der oder das die Leidenschaft für den Rockmusiker aus New Jersey in euch entfacht hat? Bei mir war es das Konzert der Tunnel-of-Love-Express-Tour im Reitstadion München-Riem 1988. Ich hatte den Boss natürlich zuvor schon wahrgenommen. Wenn ich mich recht entsinne, besaß meine ältere Schwester das Album „Born in the U.S.A.“; ich selbst wünschte mir – und bekam – die grandiose 5-LP-Box „Live 1975-85“ zu Weihnachten 1986 oder 1987, doch erst mein erstes Springsteen-Konzert von bis heute 13 löste das Bruce-Fieber in mir aus. Wie es so schön heißt, gibt es zwei Arten von Menschen: Springsteen-Fans und solche, die ihn noch nicht live gesehen haben.

Sein gestrenger Vater Malik …

Beim 16-jährigen Javed (Viveik Kalra) sind „Born in the U.S.A.“ und „Darkness on the Edge of Town“ für seine Springsteen-Leidenschaft verantwortlich. Sein neuer Mitschüler Roops (Aaron Phagura) hat ihm die beiden Alben in Form von zwei Audio-Kassetten in die Hand gedrückt. Javed lebt 1987 im englischen Luton. Wir befinden uns in der Ära des Thatcherismus, in welcher der Arbeiterschaft unter der Premierministerin Margaret Thatcher die Luft zum Atmen ebenso genommen wird, wie es auch den US-Arbeitern in den Fesseln der Reaganomics ging. Javeds Vater Malik (Kulvinder Ghir), einst mit seiner Frau Noor (Meera Ganatra) aus Pakistan eingewandert, arbeitet für einen großen Autohersteller, während sich Noor als Näherin die Finger wundarbeitet, um das nicht allzu üppige Haushaltseinkommen aufzubessern.

… hat feste Vorstellungen, was für Javed das Beste ist

Sein traditionell eingestellter Vater darf natürlich nicht wissen, dass Javed seit langer Zeit seine Gedanken niederschreibt – er führt Tagebuch, verfasst auch Gedichte und träumt davon, einmal Schriftsteller zu werden. So recht glaubt er nicht daran, diesen Wunsch verwirklichen zu können, aber immerhin ermutigt ihn seine neue Englischlehrerin Miss Clay (Hayley Atwell). Der Nachbarsjunge Matt (Dean-Charles Chapman), der sich mit Haarspray und Make-up als Teil der New Romantics gibt, ist sein einziger Freund, immerhin seit Kindestagen. Zu allem Überfluss muss Javed damit klarkommen, dass die pakistanische Gemeinde von Luton und damit auch er selbst Anfeindungen von rassistischen Rechtsradikalen ausgesetzt ist. Der frustrierte Teenager hat die beiden Springsteen-Tapes in seinem Rucksack fast vergessen, als sie ihm eines Abends doch wieder in die Hände fallen. Er packt eine der Kassetten in seinen Walkman und erlebt mit „Dancing in the Dark“ eine geradezu religiöse Erweckung …

Die Lehrerin Miss Clay ermutigt den Jungen

Asche auf mein Haupt: Der Smash-Hit „Dancing in the Dark“ gehört nicht zu meinen Favoriten in Springsteens Œuvre – mir ist der Pop-Appeal des Gassenhauers etwas zu dominant. Aber der Titel gehört zu den beliebtesten Songs des Boss, ist nach wie vor häufig im Radio zu hören und regelmäßiger Bestandteil des Zugabenblocks bei Springsteen-Konzerten, also wer bin ich, daran herumzukritisieren? Und wenn ich mir den Text vor Augen führe, aus dem Regisseurin Gurinder Chadha in besagter Szene diverse Zeilen kunstvoll einblendet, stelle ich fest: Er passt perfekt zu Javeds Gefühlswelt. Ein paar Auszüge gefällig? Bitte schön:

I ain’t nothing but tired
Man I’m just tired and bored with myself
Hey there baby, I could use just a little help

Man I ain’t getting nowhere
I’m just living in a dump like this

They say you gotta stay hungry
Hey baby I’m just about starving tonight
I’m dying for some action
I’m sick of sitting ’round here trying to write this book

Auch Javed weiß nichts mit sich anzufangen, sehnt sich danach, dass mit seinem Leben etwas passiert, während er in seinem Zimmer sitzt und schreibt. Nicht erst bei der letzten von mir zitierten Zeile gerät er völlig aus dem Häuschen. Er hat einen Rockmusiker entdeckt, der ganz genau seinen Gemütszustand in Worte zu fassen vermag. Ein Sänger aus dem US-Staat New Jersey versteht offenbar, was ein Arbeitersohn in England denkt und fühlt. Javed ist mehr als beeindruckt. Chadha inszeniert diese Erweckung als eine der zentralen Sequenzen des Films, gibt Javeds wachsender Euphorie großen Raum – der Junge stürmt gar aus dem Haus und tanzt mitten in der Nacht durch die Gegend. Kurz darauf bekommen wir auch „The Promised Land“ zu hören, der Javed vielleicht mehr noch als „Dancing in the Dark“ in Aufbruchstimmung versetzt:

But your eyes go blind and your blood runs cold
Sometimes I feel so weak I just want to explode
Explode and tear this whole town apart
Take a knife and cut this pain from my heart
Find somebody itching for something to start

The dogs on Main Street howl cause they understand
If I could take one moment into my hands
Mister I ain’t a boy, no I’m a man
And I believe in a promised land

Javed fühlt sich schwach, gleichzeitig spürt er eine Wut in sich. Auch er will zweifellos den Schmerz aus seinem Herzen schneiden. Und plötzlich merkt er: Er ist kein Kind mehr, sondern ein Mann! Na ja, sagen wir ein Jugendlicher auf dem Weg zum Mann.

Ein Geschenk von Roops (r.) verändert sein Leben

„Blinded by the Light“ beginnt geradezu klischeehaft als 80er-Hommage – mit einem Zauberwürfel. Und wir bekommen keineswegs ausschließlich Springsteen-Songs zu hören, sondern diverse Top-Hits jener Dekade wie „It’s a Sin“ von den Pet Shop Boys. Immerhin hat Javeds Kumpel Matt für Springsteen nicht viel übrig, der DJ des schulischen Radiosenders ebenfalls nicht und der blasierte Chefredakteur der Schülerzeitung schon mal gar nicht.

Bollywood lässt grüßen

Für eine überkandidelte Szene ließ sich die britische Regisseurin mit indischen Wurzeln sogar von Bollywood inspirieren: Auf einem Markt singt Javed seine Angebetete Eliza (Nell Williams) an, eine politisch engagierte Mitschülerin. Der Song: „Thunder Road“. Ich war gespannt, ob Javed auch die Zeile You ain’t a beauty, but hey, you’re alright unverändert unterbringt, gehört sie doch nicht unbedingt zu Bruce Springsteens charmantesten Songzeilen – und tatsächlich ist Eliza eine sehr aparte Person. Aber Javed bringt die Zeile – im Duett mit Matts Vater, der sich im Gegensatz zu seinem Sohn als Springsteen-Fan entpuppt und sich gemeinsam mit Javed ein wenig über Matt lustig macht. Und tatsächlich eignet sich „Thunder Road“ sehr gut dafür, seinen Gefühlen für ein Mädchen Ausdruck zu verleihen:

Hey, that’s me and I want you only
Don’t turn me home again, I just can’t face myself alone again

Well now, I’m no hero, that’s understood
All the redemption I can offer, girl, is beneath this dirty hood
With a chance to make it good somehow
Hey, what else can we do now?

Später folgt auch Springsteens Signature Song „Born to Run“ als bollywoodeske Einlage, in der Javed, Roops und Eliza ausgelassen von der Schule aus durch Lutons Straßen laufen.

Aw, honey, tramps like us
Baby, we were born to run

Noch Fragen? Dass Bruce Springsteen zu Javed passt wie die Faust aufs Auge, wird spätestens bei „Independence Day“ deutlich, einem jener Songs, in denen der Boss wiederholt das schwierige Verhältnis zu seinem Vater thematisiert hat, der wie Javeds Vater ein einfacher Arbeiter war:

’Cause the darkness of this house has got the best of us
There’s a darkness in this town that’s got us too
But they can’t touch me now
And you can’t touch me now
They ain’t gonna do to me
What I watched them do to you

So say goodbye it’s Independence Day
It’s Independence Day

Der Titel spielt natürlich auf den amerikanischen Unabhängigkeitstag 4. Juli an, gemeint ist zweifellos aber auch der Tag, an dem sich ein Junge von den Fesseln seines Vaters befreit. Javed will nicht denselben Zwängen des Arbeiterdaseins unterliegen – ein zentrales Motiv von „Blinded by the Light“. Malik ist ein strenger Vater, der das Leben seines Sohns vorherbestimmen will, wie es in seiner Kultur üblich ist. Dass sein Sohn schreiben will, tut er als Hirngespinst ohne Zukunft ab, als er davon erfährt.

Javed schöpft aus Springsteens Musik viel Kraft …

Das zwischenzeitliche Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn ist unausweichlich. Aber ich verrate nicht zu viel, wenn ich andeute, dass das nicht das letzte Wort zwischen ihnen bleibt, immerhin handelt es sich kurz nach Danny Boyles „Yesterday“ erneut um ein musikalisches Feelgood-Movie aus dem Vereinigten Königreich. Klar, Strukturwandel der Industrie und damit einhergehende Arbeitslosigkeit, Rassismus, familiäre Probleme, Liebeskummer – all das kommt zum Tragen. Aber wir haben es mit einer Komödie respektive Tragikomödie mit großem Coming-of-Age-Anteil zu tun und nicht mit einem schwermütigen Gesellschaftsdrama. Und angesichts des Elends in der Welt ist ein Wohlfühlfilm wie dieser bei mir ab und zu willkommen, ein Film mit Bruce-Springsteen-Musik erst recht.

… und er traut sich sogar, Eliza anzusprechen

Manch ein/e rationell eingestellte/r Musikhörer/in mag nun argwöhnen, Javeds – und auch Roops’ – Leidenschaft für den Boss sei übertrieben dargestellt. Lasst euch versichern: Sie ist es nicht! Mein nicht Springsteen zugeneigtes privates Umfeld hält mich schon für einen seiner größten Fans, aber das bin ich mitnichten – nicht mal annähernd. Oben erwähnte ich meine insgesamt 13 Konzertbesuche seit 1988. Diese Zahl erreichen einige Gleichgesinnte, die ich persönlich kenne, schon bei einer einzigen Springsteen-Tournee. So viel dazu! Und ungeachtet dessen, dass der Boss Multimillionär ist und zuletzt ein Dauer-Engagement am Broadway hatte, dessen Eintrittskarten sündhaft bis geradezu obszön teuer waren, ist es ihm doch im Lauf seiner Karriere immer wieder gelungen, den sogenannten kleinen Leuten eine Stimme zu geben. Insofern verwundert Javeds Passion niemanden, der schon mit beinharten Springsteen-Fans in Berührung gekommen ist. Mir fallen einige ein, die viel Kraft aus seiner Musik ziehen – auch ein paar, deren Verehrung vielleicht schon übertrieben religiöse Züge annimmt. Das Wort Fan leitet sich nicht von ungefähr von fanatisch ab.

„Hey, that’s me and I want you only!“

„Blinded by the Light“ trägt ohnehin stark autobiografischen Charakter: Der Film basiert auf den 2007 veröffentlichten Memoiren „Greetings from Bury Park: Race, Religion and Rock ’n’ Roll“ von Sarfraz Manzoor, der seit Mitte der 1990er-Jahre als Journalist und Schriftsteller arbeitet. Gurinder Chadha hat daraus eine wunderbare Tragikomödie gemacht, der Bruce Springsteen persönlich seinen Segen gab und die gewisse Parallelen zu ihrer Regiearbeit „Kick It Like Beckham“ aufweist, mit der sie 2002 international auf sich aufmerksam machte. Die romantische Komödie handelt von einer indischstämmigen jungen Engländerin, deren Leidenschaft für Fußball ihren traditionell eingestellten Eltern ein Dorn im Auge ist.

Nummer-1-Hit für Manfred Mann’s Earth Band

Kurz zum Filmtitel: „Blinded by the Light“ stammt von Springsteens 1973er-Debütalbum „Greetings from Asbury Park N.J.“. Bei dem Song handelt es sich um seinen ersten Nummer-1-Hit, allerdings nicht in der Springsteen-Version, sondern der Interpretation von Manfred Mann’s Earth Band, die zugegeben sehr gelungen ausgefallen ist. Die Formation hat mit „For You“ und „Spirits in the Night“ (im Original „Spirit“ im Singular) zwei weitere Springsteen-Kompositionen zu Hits gemacht, die auch heute noch gern im Radio gespielt werden und nach wie vor zum Live-Repertoire der Band gehören.

„Tramps like us …“

Manche Menschen lehnen Bruce Springsteens Musik mit voller Inbrunst ab, weil sie ausschließlich völlig andere Genres hören oder der Boss ihnen viel zu sehr im Mainstream verankert erscheint. Denen kann ich auch nicht helfen, allen anderen sei der Besuch von „Blinded by the Light“ sehr ans Herz gelegt. Sich im Kinosaal knapp zwei Stunden lang einfach nur wohlzufühlen und dazu noch tolle Musik zu genießen – was will man mehr? Und an die Springsteen-Fans unter den Leserinnen und Lesern dieser Rezension richte ich die Bitte, per Kommentar meine eingangs gestellten Fragen zu beantworten, wenn ihr Lust habt.

„… Baby, we were born to run!“

Länge: 117 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Blinded by the Light
GB 2019
Regie: Gurinder Chadha
Drehbuch: Paul Mayeda Berges, Gurinder Chadha, Sarfraz Manzoor, nach Manzoors Autobiografie
Besetzung: Viveik Kalra, Kulvinder Ghir, Meera Ganatra, Hayley Atwell, Aaron Phagura, Dean-Charles Chapman, Nikita Mehta, Nell Williams, Tara Divina, Rob Brydon, Frankie Fox, Sally Phillips
Verleih: Warner Bros. Pictures Germany

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc.

 
 

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