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Verflixte Gastfreundschaft – Buster Keaton! Buster Keaton!! Buster Keaton!!!

Our Hospitality

Von Volker Schönenberger

Stummfilm-Komödie // Puh – der Layouter des DVD-Menüs von „Verflixte Gastfreundschaft“ ist offenbar unter dem Mindestlohn beschäftigt worden. Solche Billigmenüs wollen wir eigentlich nicht mehr zu sehen bekommen. Der Rückseitentext der DVD von Studio Hamburg Enterprises ist zudem in Versalien gesetzt. Hat den Produzenten niemand erzählt, dass das furchtbar lesbar ist? Die suboptimale Produktion setzt sich mit dem ersten Untertitel fort: Verflixte Gastfreundlichkeit ist begleitend zur eingeblendeten Original-Titeltafel Buster Keaton in “Our Hospitality” zu lesen, dabei lautet der auch auf dem Cover zu lesende deutsche Titel des Films doch „Verflixte Gastfreundschaft“. Unschön, und diese Schlampigkeit zieht sich durch die gesamten Untertitel. Zu guter Letzt sei die Lauflänge erwähnt, die auf dem Cover mit 64 Minuten angegeben ist, obwohl der Film auf der DVD 74 Minuten lang ist. Dass Bild und Ton ebenfalls nicht perfekt sind, muss wohl nicht erwähnt werden – hoppla, nun habe ich es doch erwähnt. Damit immerhin kann ich bei einem bald 100 Jahre alten Film umgehen.

Die Blutfehde der Canfields und McKays

Zu Beginn des natürlich schwarz-weißen Stummfilms klären uns Texttafeln darüber auf, zu bestimmten Zeiten habe es in Teilen der Vereinigten Staaten tödliche Blutfehden zwischen verfeindeten Familien gegeben. Die Geschichte beginnt 1810 und handelt vom Zwist zwischen den Canfields und den McKays in Rockville – das liegt im US-Staat Maryland, sofern das echte Rockville gemeint ist. Im Heim von John McKay (Edward Coxen) und seiner Frau (Jean Dumas) erlebt der einjährige Sprössling Willie (Buster Keatons Sohn Buster Keaton Jr.) eine stürmische Nacht inklusive Schießerei, die sein Vater sowie ein Mitglied der Canfields nicht überleben. Willies besorgte Mutter verfrachtet ihren Sohn daraufhin zur Sicherheit zu ihrer Schwester (Kitty Bradbury) ins entfernte New York City, wo Willie (Buster Keaton) 20 Jahre später zu einem stattlichen jungen Mann herangewachsen ist.

Als er die Nachricht erhält, den Grundbesitz seiner Eltern geerbt zu haben, klärt ihn seine Tante über die Blutfehde mit den Canfields auf, was Willie nicht daran hindert, recht sorglos in seine alte Heimat aufzubrechen. Während der Reise lernt er die bezaubernde Virginia Canfield (Natalie Talmadge, Keatons damalige und erste Ehefrau, in ihrem letzten Film) kennen. Die beiden finden Gefallen aneinander, und die junge Frau lädt Willie ins Haus ihrer Familie ein. Die männlichen Canfields sind alles andere als angetan, als sie erfahren, wen Virginia ihnen da hineingeholt hat. Lästigerweise verbieten die Gesetze der Gastfreundschaft, Willie McKay an Ort und Stelle über den Haufen zu schießen.

„Hatfields & McCoys“ lassen grüßen

Canfield und McKay? Wer dabei an die Miniserie „Hatfields & McCoys“ mit Kevin Costner und Bill Paxton denkt, hat den richtigen Riecher, denn Serie wie Stummfilm sind beide inspiriert von der Hatfield-McCoy-Fehde, die zwischen 1878 und 1891 mehr als ein Dutzend Menschenleben forderte und in den USA zum Synonym für derlei Familienfehden wurde.

Herrlich, wie Willie und Virginia gemeinsam in einem frühen Eisenbahnzug durch die Gegend tuckern und der junge Mann im niedrigen Abteil seinen gar zu hohen Hut gegen einen flachen eintauscht. Buster Keatons Mimik – oder besser: sein völliger Verzicht auf Mimik – illustrieren das formidabel und machen aus einem leidlich lustigen Gag eine urkomische Szene. Kleine Ideen würzen die Fahrt, etwa ein quer über der Strecke liegender Baumstamm, der sich allerdings nicht auf, sondern unter den Gleisen befindet. Als die Gleisspur gar zu holprig wird, verlässt das Gefährt sie kurzerhand und setzt den Trip auf einem Feldweg fort. Irgendwann überholen die Passagierwagen sogar die Lok, wie auch immer ihnen das gelingt. Für die Dreharbeiten wurde eine Dampflokomotive des zeitgenössischen Modells „Rocket“ nachgebaut, den Lokführer spielte Buster Keatons Vater Joe.

Willie hat im Zug neben Virginia Hutprobleme

Der 20 Jahre früher spielende Prolog von „Verflixte Gastfreundschaft“ fällt überraschend humorfrei, gar tragisch aus. Das ändert sich in der Folge, aber es bleibt doch ein vergleichsweise sanfter Slapstick, kaum absurd, wie man es oft bei Buster Keaton gesehen hat. „Our Hospitality“, so der Originaltitel, steht dafür, dass Joseph Canfield (Joe Roberts), Patriarch der Feindesfamilie, seinen Söhnen Clayton (Francis X. Bushman Jr.) und Lee (Craig Ward) verbietet, Willie zu töten, während er als Gast bei ihnen weilt. Das führt so weit, dass die beiden auf ihn schießen, als er die Flucht ergreift und dabei das Haus der Canfields verlässt, die Waffen aber sogleich wieder einstecken, als er sich zurück ins Gebäude rettet.

Vermächtnis von Antagonist Joe Roberts

Joe Roberts, Darsteller des Antagonisten Joseph Canfield, spielte von 1920 bis 1923 insgesamt 19 Mal an der Seite von Buster Keaton – meist dessen Gegenpart. Während der Dreharbeiten zu „Our Hospitality“ erlitt er einen Schlaganfall, kehrte aber bald darauf aus dem Krankenhaus an den Set zurück und beendete den Dreh. Ein weiterer Schlaganfall kurz darauf setzte seinem Leben mit 52 Jahren ein Ende.

Regisseur John G. Blystone drehte von Beginn seiner Laufbahn 1914 bis 1922 ausschließlich Kurzfilme. „Verflixte Gastreundschaft“ ist seine einzige Regiearbeit mit Buster Keaton, der dafür ebenfalls Regisseurs-Credits erhielt. Er beendete seine Karriere 1938 mit seinen einzigen beiden Laurel-und-Hardy-Filmen „Als Salontiroler“ („Swiss Miss“) und „Die Klotzköpfe“ („Block-Heads“).

Buster Keaton inspirierte Jackie Chan

Wie zeitlos Buster Keaton und sein Gesamtwerk trotz des großen Alters und als Stummfilme mit Schwarz-Weiß-Bild einzuordnen sind, belegt allein schon die Tatsache, dass kein Geringerer als Jackie Chan Keaton stets als sein größtes Vorbild bezeichnet hat. Darauf lassen sich letztlich alle von Chans beim Dreh erlittenen Verletzungen bis hin zu etlichen Knochenbrüchen zurückführen, denn der chinesische Superstar ließ es sich nie nehmen, all seine Stunts selbst auszuführen, wie es lange vor ihm auch Buster Keaton praktiziert hatte. Und wer glaubt, das sei im Stummfilm womöglich harmlos gewesen, möge sich eine Video-Kompilation davon anschauen. Auch „Verflixte Gastfreundschaft“ enthält ein paar Beispiele dafür, allen voran die Szene am Wasserfall. Dieser mag als Ideengeber für den etwas holprigen alten deutschen Titel „Bei mir – Niagara“ gedient haben, dessen Herkunft ich nicht ergründen konnte. Lief der Film tatsächlich mal unter diesem Titel in deutschen Kinos?

Natürlich wünschen wir uns, Willie und Virginia mögen zueinander finden und auf diese Weise die Fehde zum Ende führen, und ich spoilere wohl nicht zu viel, wenn ich erwähne, dass die Handlung auch darauf zusteuert. Ein Schlussgag mit all den Schusswaffen der Canfields rundet die Stummfilm-Komödie wunderbar ab. „Verflixte Gastfreundschaft“ verbindet Humor und Romantik mit schön fotografierten Kulissen und einer gut aufgelegten Besetzung zu einem poetischen Gesamtkunstwerk, das eine viel sorgfältiger produzierte Edition verdient hätte als die deutsche DVD-Erstveröffentlichung. Besser als nichts, muss man da wohl seufzend konstatieren. „Our Hospitality“ gehört im Übrigen zur Public Domain und kann daher kostenlos und völlig legal im Internet Archive angeschaut und heruntergeladen werden. Gegenüber dem Kauf der deutschen DVD vielleicht die bessere Wahl.

Abschließend ein Lektüretipp für alle des Englischen Mächtigen: 2002 hat der renommierte US-Filmkritiker Roger Ebert eine schöne Würdigung Buster Keatons veröffentlicht.

Veröffentlichung: 24. Mai 2019 als DVD

Länge: 74 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Englisch (Texttafeln)
Untertitel: Deutsch
Alternativtitel: Bei mir – Niagara
Originaltitel: Our Hospitality
USA 1923
Regie: John G. Blystone (als Jack Blystone), Buster Keaton
Drehbuch: Jean C. Havez, Clyde Bruckman, Joseph A. Mitchell
Besetzung: Buster Keaton, Natalie Talmadge, Joe Roberts, Francis X. Bushman Jr. (als Ralph Bushman), Monte Collins, Craig Ward, Joe Keaton, Kitty Bradbury, Buster Keaton Jr., Edward Coxen, Jean Dumas
Zusatzmaterial: Wendecover
Label/Vertrieb: Studio Hamburg Enterprises

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfoto: © 2019 Studio Hamburg Enterprises, Filmplakate: Fair Use

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Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich: Humor-Nachhilfe für Präsidentschaftskandidatin

Long Shot

Kinostart: 20. Juni 2019

Von Philipp Ludwig

Komödie // Ein ehemaliger Fernsehstar sitzt als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika im Weißen Haus. Er scheint jedoch für diesen anspruchsvollen Job nicht nur komplett ungeeignet zu sein, darüber hinaus zeigt er auch kein sonderlich großes Interesse an den hiermit verbundenen Aufgaben. Zu seinem Glück werden die Geschicke aber eh von fadenscheinigen Strippenziehern im Hintergrund gelenkt. Regisseur Jonathan Levine zieht in seinem neuesten Komödien-Spektakel „Long Shot“ eindeutig Parallelen zur aktuellen politischen Lage. Doch ausnahmsweise geht es hier einmal nicht um das omnipräsente, twitternde Trumpeltier. Levines fiktionaler Präsident Chambers (Bob Odenkirk – Saul Goodman aus „Breaking Bad“ und „Better Call Saul“) ist dann auch kein ehemaliger Reality-TV-Star, sondern ein gefeierter Fernsehschauspieler. Dessen größter Erfolg passenderweise die Rolle als US-Präsident in einer populären aber nur wenig anspruchsvollen Politthriller-Serie darstellte.

Präsident Chambers (l.) bittet seine Außenministerin Charlotte Field zum Gespräch

Chambers hat jedoch schon längst wieder genug vom lästigen Präsidentendasein und wähnt sich nun endlich bereit für den nächsten großen Schritt in seiner Laufbahn – den Sprung vom Fernsehen ins Filmbusiness! Das ist nämlich gar nicht so einfach, da sind sich in „Long Shot“ sämtliche Protagonisten einig. Seine Pläne teilt der scheidende Präsidentendarsteller seiner Außenministerin Charlotte Field (Charlize Theron, „Mad Max – Fury Road“) im Oval Office persönlich mit. Ist diese zwar zunächst ein wenig baff, so überkommt sie schnell die große Freude – denn Chambers will sie vor dem anstehenden Wahlkampf öffentlich als seine Nachfolgerin vorschlagen. Die ehrgeizige Charlotte wähnt sich am Ziel ihrer Träume. Einziges Problem: Die Umfragewerte bescheinigen der populären Politikerin und scheinbaren Mrs. Perfect nur in einem Punkt keine Traumwerte – ihrer menschlichen Nahbarkeit. Vor allem in Sachen Humor hat sie anscheinend noch Nachholbedarf und die Außenwirkung ist schließlich alles, was im Wahlkampf zählt, oder etwa nicht? Wen interessieren schon Inhalte?

Flarsky (2. v. r.) soll Charlotte (r.) als Redenschreiber lockerer machen – ihre Berater sind skeptisch

Zum Glück läuft Charlotte zufällig auf einem der zahlreichen Empfänge, an denen sie als Ministerin teilnehmen muss, Fred Flarsky (Seth Rogen) über den Weg, den sie aus längst vergangen zu scheinenden Zeiten kennt. Obwohl dieser nur wenig jünger ist als sie, hatte sie ihn zur Schulzeit als Babysitterin betreut. Mit ihrer Feststellung, dass er sich kaum verändert habe, lässt sich Flarsky dann auch ziemlich gut beschreiben – wirkt der jugendlich anmutende Enddreißiger doch zumindest vom äußeren Erscheinungsbild in seinem Schlabberlook und seiner wenig zurückhaltenden Art wie das komplette Gegenteil der seriösen und zugeknöpften Charlotte. Doch Flarsky hat auf seine Weise Karriere gemacht – als krawallartiger, unerschrockener Investigativjournalist. Der, ausgestattet mit einem gesunden Zynismus und einer feinen Prise schwarzen Humor, über die Ungerechtigkeiten der Welt schreibt und hierdurch einigen Ruhm einheimsen konnte. Dass er dabei auch bereit ist, sein Leben aufs Spiel zu setzen, zeigt „Long Shot“ in einer eindrucksvollen und höchst amüsanten Einstiegssequenz – mit Flarsky in verdeckter journalistischer Mission bei einem Haufen dumpfer White-Power-Knalltüten. In Charlottes Augen scheint er daher jedenfalls der perfekte Kandidat für den vakanten Posten ihres neuen Redenschreibers zu sein, um ihren bisherigen Stil etwas aufzulockern. Auch wenn ihr Berater-Team (June Diane Raphael und Riv Patel) da gänzlich anderer Meinung ist.

Die Zeit ist reif für einen „First Mister“

Und dann ist da noch die alte Geschichte, dass Flarsky damals natürlich unsterblich in seine hübsche Babysitterin verknallt war. Kann das gut gehen? Zeit hat Flarsky gerade jedenfalls genug, nachdem er aus Protest seinen Job gekündigt hat, da sein Hausblatt vom erzkonservativen britischen Medien-Mogul Parker Wembley (fantastisch wie immer: Andy „Gollum“ Serkis) aufgekauft wurde. Der beeinflusst mit seinem Hetz-Sender „Wembley News“ nicht nur die politische Stimmung des Landes, sondern scheint nicht gerade selten auch direkt hinter den Entscheidungen des Präsidenten Chambers zu stecken. Ähnlichkeiten zu Rupert Murdoch und Trumps Haussender „Fox News“ sind hier wohl ebenfalls nur rein zufälliger Natur. Zwinkersmiley.

Flarsky will Charlotte aus ihrem strengen Arbeitsalltag als Ministerin befreien

Während Charlotte und Flarsky in den Vorbereitungen auf die Ankündigung ihrer Kandidatur und aufgrund ihrer fordernden Arbeit als Außenministerin durch die Welt touren und eine Menge Zeit miteinander verbringen, kommen sie sich tatsächlich auch persönlich wieder näher, als manchen lieb ist. Denn Flarsky bietet der gestressten Charlotte viel mehr als nur seine sprachliche Kreativität: Er erinnert sie an ihr jugendliches Selbst und den verloren gegangen Spaß im Leben – mit ungeahnten Folgen. Doch ist ausgerechnet der nerdige und zynische Polit-Misanthrop Flarsky der geeignete Kandidat für den möglicherweise ersten „First Mister“ in der Geschichte der USA? Oder ist aus PR-Gründen nicht der schnieke kanadische Premierminister James Steward (Alexander Skarsgård, „Legend of Tarzan“) viel besser als Partner für Charlotte geeignet? Und was hält eigentlich Präsident Chambers davon, dass Charlotte, auch dank Flarskys Einfluss, plötzlich beginnt, dessen politische Arbeit beziehungsweise die seiner Gönner öffentlich anzugreifen und eine eigene Richtung einzuschlagen?

Große Comedy-Erfahrungen

Regisseur Jonathan Levine („Warm Bodies“) hat im Komödien-Bereich einige Erfahrungen gesammelt. Durchaus erfolgreich hat er sich hier zuletzt in 2017 nicht nur mit „Snatched“ bereits einen Namen gemacht und auch mit Hauptdarsteller Seth Rogen schon früher zusammengearbeitet („The Night Before“). Man kennt sich also. Für das Drehbuch zu „Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich“ zeichnet ein interessantes Duo verantwortlich: Mit Dan Sterling hat man sich hier einen Schreiber ins Boot geholt, der sich als Autor im Fernsehen bereits seine Gag-Sporen verdient hat (u. a. bei „South Park“, „The Office“ und „The Daily Show with Jon Stewart“). Sterling hatte durch sein Drehbuch zum Polit-Klamauk „The Interview“ (2014) filmisch ebenfalls schon mit Komödien-Veteran Rogen zu tun, wodurch damals beinahe eine internationale Krise mit Nordkorea ausgelöst wurde. Als Ko-Autorin von Sterling fungiert die 1985 geborene Liz Hannah, die in erster Linie durch ihre Mitwirkung am Skript des renommierten Spielberg-Films „The Post“ (2017) mit Meryl Streep und Tom Hanks und weniger für anderes Mitwirken im komödiantischen Bereich bekannt sein dürfte.

Die Schöne und das Biest: Könnte Fred Flarsky tatsächlich der erste „First Mister“ der USA werden?

Diese Kombination aus dem zynischen, politisch-satirisch erfahrenen Levine und der „seriöseren“ Hannah ähnelt in gewisser Weise nicht nur dem von Rogen und Theron in „Long Shot“ verkörperten Leinwand-Duo Flarsky und Charlotte, es dürfte durch diese Mischung auch ein entscheidender Grund für das überaus gelungene Drehbuch zu der sehenswerten Polit-Persiflage sein. Die verliert sich daher glücklicherweise nicht allzu sehr im platten Klamauk, sondern bietet erstaunlich viel Tiefgang und inhaltliche Abwechslung. Ob als satirische Betrachtung der aktuellen politischen Lage oder des undurchschaubaren und oberflächlichen Politik-Zirkus allgemein, als ernstzunehmende Romanze, als Teenie-Komödie mit längst erwachsenen Protagonisten oder Persiflage auf unsere Social-Media-hörigen Zeiten, in denen die Außenwirkung das Einzige zu sein scheint, das zählt – „Long Shot“ wird dank seines Drehbuchs, Levines Inszenierung und Gags mitunter im Minutentakt in seinen 125 Minuten Laufzeit niemals langweilig. Die Anspielungen auf berühmte Persönlichkeiten sitzen ebenso wie die meisten der zahlreichen Verweise auf unsere zeitgenössische Popkultur und die humorvoll-kritischen Seitenhiebe auf die Medienlandschaft. „Game of Thrones“-Fans, aufgepasst: Wer wie ich zum Zeitpunkt der Pressevorführung noch nicht mit dem Schauen der siebten Staffel durch war, dem droht erhöhte Spoiler-Gefahr.

Politische Satire in Zeiten Donald Trumps

Am meisten überzeugt die treffende Darstellung des Polit-Zirkus, die perfekt in die abstruse gegenwärtige politische Weltlage passt. Wenn man bedenkt, dass sich auf den britischen Inseln nun auch noch der ehemalige Hofnarr Boris Johnson aufmacht, die Riege an herrschenden Polit-Clowns um eine weitere, besonders skurrile Figur zu erweitern, fragt man sich schon, ob nicht die Realität die Satire darstellt und weniger ein Film wie „Long Shot“. Es zeigt aber auch die Herausforderungen politischer Komödien und Satire in Zeiten, in denen die Trumps der Welt uns tagtäglich Realsatire vom Feinsten präsentieren. Wäre ein Plot wie der von „Long Shot“ vor zehn Jahren noch als absolut überzeichnet kategorisiert und ins Reich der Fantasie komplimentiert worden, so wirkt es heutzutage erstaunlicherweise tatsächlich nicht einmal ansatzweise zu weit hergeholt. Interessanterweise zielt die Vermarktung von „Long Shot“ dagegen in erster Linie auf den Aspekt der Beziehungskomödie zwischen Charlotte und Flarsky, wie der unten eingebettete Trailer zeigt.

Oder ist der schneidige kanadische Premierminister Steward nicht die bessere, da öffentlichkeitswirksamere Wahl als Gatte?

Neben dem kreativen und abwechslungsreichen Drehbuch sowie der unterhaltsamen Inszenierung punktet „Long Shot“ mit hervorragender Besetzung. Zu Seth Rogen braucht man in Bezug auf das Komödien-Genre eigentlich kaum noch etwas sagen. Der alte Witze-Haudegen und Kult-Film-Star (u. a. „Ananas Express“ und „Zack and Miri Make a Porno“) ist hier jedenfalls ganz in seinem Element, die Rolle des Fred Flarsky wurde ihm ganz offensichtlich von Sterling und Hannah auf den Leib geschrieben. Mag man von seinem Humor und Schauspiel halten was man will – darüber lässt sich sicher streiten –, seine Rolle füllt er wieder mit viel Freude an der Sache ansprechend aus, und er bietet natürlich aufgrund des nerdigen Charakters des Typs „ewiger College-Student“ seiner Figur Flarsky ein großes Sympathiepotenzial.

„Uncle Sam wants you!“ Präsident Chambers: Mann der großen Gesten, weniger der politischen Inhalte

Überraschender mag da die Besetzung von Charlize Theron anmuten, die ja eigentlich eher selten in komödiantischen Werken zu sehen ist – „Verrückt nach Mary“ von 1998 kommt zugegeben in den Sinn. Gerade sie entpuppt sich als absoluter Glücksfall. Ist Theron nun einmal einfach eine umwerfend schöne Frau, so besitzt sie als Schauspielerin auch eine ganz besonders beeindruckende Ausstrahlung. Allein durch diese Kombination ist sie eine perfekte Besetzung für den nach außen hin alles überstrahlenden Polit-Star Charlotte Field. Da sie aber auch eine hervorragende Schauspielerin ist, vermag sie es, ihrer im Grunde innerlich auch ziemlich verletzlichen Figur somit auch die entsprechende menschliche und charakterliche Tiefe zu geben und hierdurch einen Film, der vermutlich sonst eher den Status einer netten Komödie innegehabt hätte, nochmals auf einen ganz anderen filmischen Level zu heben. Sie ist ohne Wenn und Aber der große Star in „Long Shot“ und ich wage zu behaupten: Würde ihre Charlotte Field in real zur nächsten Wahl antreten – sie dürfte allein aufgrund ihrer beeindruckenden Präsenz eine echte Chance haben.

Anschlussverwendung für Präsidentendarsteller

Nimmt man die gut besuchte Pressevorführung als Gradmesser für das komödiantische Potenzial von „Long Shot“, so darf man einiges erwarten. War die Stimmung doch schier ausgelassen und es wurden dem tendenziell kritischen Publikum unzählige Lacher entlockt. Und auch wenn nun nicht alle Gags immer zu zünden vermögen, das erstaunlich tiefgründige und ansprechende Niveau des Films hin und wieder durch gelegentlich doch arg platte Jokes getrübt wird oder die zahlreichen popkulturellen Referenzen mitunter zu viel des Guten sind und ein wenig bemüht sowie konstruiert wirken – es schmälert den guten Gesamteindruck keinesfalls. Gebt „Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich“ also eine Chance! Es dürfte trotz der kleineren Schwächen für jeden etwas zu lachen dabei sein. Darüber hinaus kann man nur hoffen, dass ein Donald Trump eventuell auch unter den künftigen Kinogängern sein – und er sich dann hoffentlich ein Beispiel an seinem fiktionalen Pendant Chambers nehmen wird. Eine Karriere im Filmgeschäft ist doch auch viel reizvoller als eine zweite, anstrengende Amtszeit im Weißen Haus, oder etwa nicht, Donald? In der nächsten „King Kong“- oder „Godzilla“-Verfilmung ist bestimmt eine angemessene Rolle als Monsterköder für dich frei.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Charlize Theron sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt.

Wird Charlotte ihre Beziehung zu Flarsky mit ihrem Traum von der Präsidentschaft in Einklang bringen können?

Länge: 125 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Long Shot
USA 2019
Regie: Jonathan Levine
Drehbuch: Dan Sterling, Liz Hannah
Darsteller: Charlize Theron, Seth Rogen, June Diane Raphael, Ravi Patel, O’Shea Jackson Jr., Alexander Skarsgård, Bob Odenkirk, Andy Serkis, Lisa Kudrow, Claudia O’Doherty, Paul Scheer
Verleih: Studiocanal Filmverleih

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat, Trailer & Szenenfotos: © 2019 Studiocanal Filmverleih. All rights reserved.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/06/17 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Silent Movie – Mel Brooks’ Stummfilm-Verrücktheit

Silent Movie

Von Lutz R. Bierend

Komödie // Dem jüngeren Publikum ist der Name Mel Brooks vermutlich eher aufgrund der „Star Wars“/SciFi-Persiflage „Spaceballs“ von 1987 bekannt. Mit „Robin Hood – Helden ins Strumpfhosen“ (1993) und „Dracula – Tot aber glücklich“ (1995) unternahm der Filmemacher in den 90ern zwei weitere mehr oder weniger lustige Versuche, berühmte Kinovorlagen durch den Kakao zu ziehen. Wenn man dieses späte Œuvre des Regisseurs Mel Brooks betrachtet, mag man es kaum glauben, dass dieser Mann in den 70ern nicht nur ein erfolgreicher, sondern auch außerordentlich lustiger Komiker und Regisseur war. Er ist bekannt für das Zitat „Ich bin der einzige Jude, der jemals einen Dollar mit ‚Hitler verdient hat“, denn nicht nur hat ihm sein Debüt „Frühling für Hitler“ („The Producers“) 1969 seinen ersten und einzigen Oscar eingebracht (bestes Drehbuch) und ihn als Komödien-Regisseur etabliert, auch war die Musicalversion, die er von diesem Stoff 2001 am Broadway herausgebracht hat, das erfolgreichste Musical seit dreißig Jahren: Die Bühnenversion war für 15 Tonys (den Broadway-Oscar) nominiert, von denen sie zwölf gewonnen hat (mehr als jedes andere Musical zuvor), und lief dort sechs Jahre in Folge. Dass „Frühling für Hitler“ in Deutschland kein Erfolg war, lag wohl vor allem am deutschen Filmtitel und dem in Deutschland verständlicherweise etwas verkrampfteren Umgang mit Komödien, die sich über den GröFaZ lustig machen.

Der Schöne und das Biest: Vilma Kaplan soll Mel Funn das Herz brechen

Insofern erfreulich, dass sich Pidax Film Mel Brooks’ früherem Werk angenommen hat und „Mel Brooks’ letzte Verrücktheit – Silent Movie“ in einer neu gemasterten Version auf den Markt bringt. Mit „Silent Movie“ erstellte Mel Brooks eine Hommage an die Helden der Stummfilmzeit, die in den frühen Tages des Kinos mit Slapstick die Massen amüsierten.

Stummfilmer erwacht nach 40 Jahren aus dem Koma

Der Film erzählt die Geschichte von Mel Funn, einem alten Stummfilm-Regisseur, der nach 40 Jahren aus dem alkoholbedingten Koma erwacht und sein altes Studio mit der neuesten Idee zu überzeugen versucht: einem Stummfilm. „Slapstick is Dead!“, wird ihm entgegengeworfen, und erst als er verspricht, die größten Stars der 70er für diesen Film zu engagieren, beginnen die Registerkassen vom Boss von „Big Pictures“ zu klingeln, denn das Studio befindet sich in finanzieller Not. In einer Zeit, in der sich das Fernsehen zu einer großen Konkurrenz entwickelt hat, braucht fast jedes der großen Studios eben endlich mal wieder einen echten Kassenschlager.

Fast prophetisch: Popcorn in der Mülltonnenportion

„Silent Movie“ erzählt, wie Mel Funn eben diese Stars zur Mitarbeit an seinem Stummfilm überredet, und der Cast des Films liest sich wie ein Who’s Who der 70er-Jahre-Stars: Burt Reynolds, Paul Newmann, James Caan, Liza Minelli und Anne Bancroft sowie der französische Pantomime Marcel Marceau, der paradoxerweise als einziger Darsteller überhaupt etwas sagt: ein einziges Wort, was „Silent Movie“ einen Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde einbrachte – für die wenigsten gesprochenen Zeilen in einem Tonfilm.
Doch mit der Besetzung der Stars ist es für Mel Gunn nicht getan, denn die bösartige Investorengemeinschaft „Engulf & Devour“ (in der deutschen Synchronisation: „Gierschlund und Raffke“) hat sich vorgenommen, das strauchelnde Studio aufzukaufen und setzt daher alles daran, die Premiere des Stummfilms zu verhindern.

Slapstick inspiriert von wahren Begebenheiten

Mel Brooks lebt sein Faible für Absurditäten und Slapstick voll aus, und er gibt vielen Stars der Stummfilmära Gelegenheit, noch einmal ihr Talent in Szene zu setzen. Ironischerweise basiert „Silent Movie“ quasi auf einer wahren Geschichte. Zwar lag Mel Brooks nicht 40 Jahre im Koma, aber als er mit seiner Idee, eine Hommage an Harold Lloyd und Buster Keaton zu drehen, bei Twentieth Century Fox vorstellig wurde, wollte man ihn vor die Tür setzen. Das Studio hatte gerade finanzielle Probleme und wollte sich nicht von so einer absurden Geschichte die Bilanz verhageln lassen. Zwar hatte Mel Brooks 1974 mit „Frankenstein Junior“ und „Der Wilde Wilde Westen“ zwei der erfolgreichsten Fox-Filme des Jahres beigesteuert, aber einen Stummfilm? In den 70ern? Das Unternehmen Gulf and Western Industries hatte ein paar Jahre zuvor schon Paramount übernommen, obwohl es nichts von Film verstand, und tatsächlich waren solche Firmen auch an einer Übernahme der Fox-Studios interessiert und lieferten das Vorbild für „Engulf and Devour“ im Film. Erst als Mel Brooks versprach, er würde für diesen Film große Stars ranschaffen, gab Fox das Okay, und siehe da: „Silent Movie“ wurde ein Erfolg.

Beim Who’s Who der 70er-Jahre-Stars darf Liza Minnelli nicht fehlen

Mel Brooks muss ein sehr überzeugender Verhandlungspartner gewesen sein, denn er schwört, dass keiner seiner Stars mehr als 300 Dollar Tagesgage haben wollte. Auch wenn man damals von Millionengagen heutiger Tage weit entfernt war, lag das weit unter den üblichen Stargagen. Es schien allen doch ein zu verlockender Spaß zu sein, in der eigenen Identität aufzutreten und mit ihren Starklischees zu kokettieren. Anne Bancroft (damals schon mit Brooks verheiratet) als ewige Mrs. Robinson, die sich von sechs jungen Kerlen gleichzeitig den Hof machen lässt, Burt Reynolds, der zu dieser Zeit eher als harter Mann im Kino zu sehen war, spielt sich so ironisch selbstverliebt, dass sich kein Karikaturist getraut hätte, ihn so überzogen darzustellen. Die beste Szene hat sich wohl Paul Newman herausgepickt: Mit seiner Verfolgungsjagd im elektrischen Rollstuhl durfte er seiner Leidenschaft für den Motorsport frönen.

Unterschätzt: „Das Leben stinkt“

„Silent Movie“ ist voller absurder Ideen – die absurdesten sind in der Endfassung sogar noch rausgeschnitten worden – und legendärer Szenen. Wenn der deutsche Titel von „ Mel Brooks’s letzter Verrücktheit“ spricht, ist das übrigens fast prophetisch zu verstehen, denn „Silent Movie“ ist der letzte Film von Mel Brooks, der sich nicht darauf beschränkte, die Filmgeschichte zu persiflieren, und leider muss man sagen, dass seine Persiflagen selten auf dem Niveau der ZAZ-Filme wie „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“ (1980), „Top Secret“ (1984) oder „Die nackte Kanone“ (1988) liegen. Einzige Ausnahmen: seine Hitchcock-Hommage „Höhenkoller“ (1977) und die 1991 weit unter Wert gelaufene Komödie „Das Leben stinkt“, die sein Talent in einer originären Geschichte ahnen lässt.

Bedauerlicherweise hat Pidax Film bei dieser Neuveröffentlichung mit den Extras gegeizt. Während die US-Blu-ray ausführlich über die Entstehungsgeschichte und die historischen Vorbilder des Slapsticks informiert, muss man sich bei der Neuauflage mit einer Bildergalerie und dem Trailer begnügen. Das lässt eine Empfehlung der DVD schwerfallen, Auch wenn die Komödie selbst sicher zu den amüsantesten Mel-Brooks-Filmen zählt.

In Ritterrüstung die Kantine zerlegen – wem würde das keinen Spaß machen?

Veröffentlichung: 23. November 2018 und 3. Juli 2003 als DVD

Länge: 84 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Silent Movie
USA 1976
Regie: Mel Brooks
Drehbuch: Mel Brooks, Ron Clark, Rudy De Luca, Barry Levinson
Besetzung: Mel Brooks, Marty Feldman, Dom DeLuise, Sid Caesar, Harold Gould, Ron Carey, Bernadette Peters, Carol Arthur, Liam Dunn, Fritz Feld, Chuck McCann, Liza Minnelli, Burt Reynolds, James Caan, Anne Bancroft, Marcel Marceau, Paul Newman
Zusatzmaterial: Bildergalerie, Trailer, Wendecover
Label: Pidax Film (2018), Twentieth Century Fox Home Entertainment (2003)
Vertrieb 2018: Al!ve AG

Copyright 2019 by Lutz R. Bierend
Szenenfotos & Packshot: © 2018 Pidax Film

 

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