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Ritchie Blackmore’s Rainbow: Memories in Rock – Live in Germany: Pure Nostalgie

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Ritchie Blackmore’s Rainbow: Memories in Rock – Live in Germany

Von Florian Schneider

Konzert // Als sich Ritchie Blackmore 1997 mit Blackmore’s Night der Renaissance-Folk-Musik verschrieb und damit Abschied nahm von einer außergewöhnlichen Karriere als Gründer und Gitarrist von Deep Purple und Rainbow, war dies dem Anschein nach ein Abschied vom Rock ’n’ Roll von radikaler Endgültigkeit. Selbst der Tod des einstigen Wegbegleiters Jon Lord in 2012 brachte ihn angesichts eines großen Abschiedskonzertes in der Royal Albert Hall nicht zurück auf die Rock-Bühne. Als aber 2016 die Aufnahme von Deep Purple in die Rock and Roll Hall of Fame vollzogen wurde, erschien der Meister zwar nicht, hatte aber bereits angekündigt im Sommer unter dem Label „Monsters of Rock“ drei Rockkonzerte mit einer neuformierten Rainbow-Band zu spielen.

Open-Air auf der Loreley

Am 17. Juni des Jahres war es soweit: Mit David Keith am Schlagzeug, Bob Nouveau am Bass (beide von Blackmore’s Night), Jens Johansson am Keyboard (Stratovarius und Yngwie Malmsteen) und dem fast gänzlich unbekannten Sänger Ronnie Romero enterte Richie Blackmore’s Rainbow als Headliner die Bühne der Loreley, um am 18. Juni einen weiteren Auftritt auf der Open-Air-Bühne am Viadukt in Bietigheim-Bissingen folgen zu lassen. Während im Vorprogramm Thin Lizzy unter anderem mit Phil-Lynott-Ersatz Ricky Warwick (Gesang) und Tom Hamilton (Bass, Aerosmith) sowie Scott Travis (Schlagzeug, Judas Priest) und dem einzigen Originalmitglied, Gitarrist Scott Gorham, zu überzeugen wussten, gerieten die Improvisationen bei der nachfolgenden Manfred Mann’s Earth Band etwas zu ausufernd.

Nun aber zum sehnsüchtig erwarteten Auftritt des Meisters: Stilecht, mit dem erhabenen und überdimensionalen Regenbogen als zentralem Bühnenelement, beginnt die Band nach dem obligatorischen Intro „Over The Rainbow“ mit dem ersten Song – und dieser weist gleich den Weg für das Folgende: Mit „Highway Star“, einem der großen Deep-Purple-Klassiker, ist gleich klar, dass die Setlist beiden Bands, Rainbow und Deep Purple, gerecht werden soll. Und tatsächlich wechseln sich in der Folge Rainbow-Klassiker wie „Man On The Silver Mountain“, „Since You Been Gone“, „Catch The Rainbow“ und „Stargazer“ mit Deep-Purple-Großtaten wie „Perfect Strangers“, „Black Night“ und (natürlich und unvermeidlich) „Smoke On The Water“ ab.

Feuerprobe für Sänger Ronnie Romero

Gesanglich ist das Set eine echte Feuerprobe für den optisch an Freddy Mercury erinnernden chilenischen Sänger Ronnie Romero. Muss er doch nicht nur in die Fußstapfen der unvergleichlichen Jahrhundertsänger Ronnie James Dio und Ian Gillan treten, sondern darf sich auch gleich noch an einer Herkulesaufgabe wie „Child in Time“ abarbeiten. Aber was soll ich sagen: Romero erweist sich ebenfalls als außergewöhnliches Gesangstalent, dem es vielleicht noch etwas an Charme fehlt, der stimmlich aber eine echte Granate ist. Von ihm wird in Zukunft mit Sicherheit noch einiges zu hören sein.

RAINBOW Ritchie Blackmore Lorelei, Deutchland 17 Juin 2016 Photo: Fabrice DEMESSENCE.

Gitarrengott Ritchie Blackmore

Dass Blackmore selbst, mit seinen 70 Jahren auf dem Buckel, nicht mehr die Wildheit und Geschwindigkeit seiner jungen Jahre hat, ist nachvollziehbar. Auch dass die Band in ihrer Gesamtheit den früheren Versionen der Originalbands nicht das Wasser reichen kann, ist angesichts der Gesangsleistung und Blackmores Spiellaune leicht zu verschmerzen – zumindest wenn man live dabei gewesen ist. Damit wird die Veröffentlichung (in der Blu-ray mit ausgezeichnetem HD-Bild und DTS-HD-Ton, allerdings ohne weiteres Bonusmaterial) des Konzertmitschnitts als Kombination der beiden Deutschland-Konzerte zu einem dankbar angenommenen Erinnerungsstück, wenn auch nicht zu einem echten Highlight in der Live-Diskografie beider Originalbands – da gibt es Besseres.

Band:

Ritchie Blackmore (Gitarre)
Ronnie Romero (Gesang)
David Keith (Schlagzeug)
Bob Nouveau (Bass)
Jens Johansson (Keyboards)
Candice Night (Backing Vocals)
Lady Lynn (Backing Vocals)

Setlist:

01. Highway Star
02. Spotlight Kid
03. Mistreated
04. 16th Century Greensleeves
05. Since You Been Gone
06. Man on the Silver Mountain
07. Catch the Rainbow
08. Difficult to Cure (Beethoven’s Ninth)
09. Perfect Strangers
10. Stargazer
11. Long Live Rock ’n’ Roll
12. Child in Time / Woman from Tokyo
13. Black Night
14. Smoke on the Water

Veröffentlichung: 18. November 2016 als Deluxe Edition (BR + DVD + 2-CD), Blu-ray, DVD, 2-CD und 3-LP

Länge: 139 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Ton: Englisch (Dolby Digital 5.1), Englisch (DD Stereo), Englisch (DTS HD), Englisch (DTS Surround), Englisch (PCM Stereo)
Untertitel: Deutsch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Niederländisch, Portugiesisch, Englisch
Originaltitel: Ritchie Blackmore’s Rainbow: Memories in Rock – Live in Germany
Zusatzmaterial: keins
Vertrieb: Eagle Vision / Edel

Copyright 2017 by Florian Schneider
Packshot: © 2016 Eagle Vision / Edel, Foto: © 2016 Fabrice Demessence

 

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Black Label Society – Unblackened: Rock-’n’-Roll-Messe

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Gastrezension von Florian Schneider

Konzert // Es mutet tatsächlich wie eine Messe an, was der Ausnahmegitarrist Zakk Wylde mit seiner Band Black Label Society auf „Unblackened“ vor einer Horde ergebener Kuttenträger zelebriert. Dabei ist es, wie der Titel vielleicht glauben macht, kein reines Akustik- bzw. Unplugged-Konzert, sondern vielmehr die Darbietung einer Best-of-Auswahl in neuem Gewand, aufgezeichnet im Frühjahr 2013 im „Club Nokia“ in Los Angeles. Und siehe da: BLS offenbaren ihre Wurzeln im Blues. Am ehesten erinnert diese Art der Neuarrangierung bei einem Livekonzert an den Großmeister Bob Dylan, bei dessen Konzerten bekanntlich ständig neue Facetten alter Songs herausgearbeitet werden.

Über Zakk Wyldes Gitarrenkünste weitere Worte zu verlieren, ist sicher nicht notwendig, und auch sein Karriereweg als Axeman von Ozzy und Solokünstler dürfte hinlänglich bekannt sein. Dass er auf „Unblackened“ seine sanfte Seite zeigt und sich zwischendurch auch mal ans Klavier setzt, ist dagegen schon eine Erwähnung wert.

Blu-ray und DVD punkten mit gutem Bild (bei angenehm unaufgeregter Kameraführung) und sauberem Sound. Das sollte bei einem Konzertmitschnitt aber selbstverständlich sein. Außerdem gibt es als Extra unter anderem einen beinahe 60 minütigen Mitschnitt eines Solokonzerts von Zakk Wylde in einem englischen Gefängnis – allerdings mit mäßigem Bild und Ton, da es sich um eine Amateuraufnahme handelt.

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Inspiriert: Zakk Wylde

Setlist:

01. Losin’ Your Mind
02. The Blessed Hellride
03. Sold My Soul
04. Road Back Home
05. Spoke in the Wheel
06. House of Doom
07. Queen of Sorrow
08. Machine Gun Man
09. Sweet Jesus
10. In this River
11. Throwin’ It All Away
12. Takillya (Estyabon)
13. Won’t Find It Here
14. Rust
15. Speedball
16. I Thank You Child
17. Stillborn

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Black Label Society

Band:

Zakk Wylde (Gitarre, Gesang, Klavier)
Nick Catanese (Gitarre)
John DeServio (Bass, Gesang)
Chad Szeliga (Schlagzeug)
Derek Sherinian (Keyboards, Klavier)
Greg Locascio (Gesang)

Veröffentlichung: 20. September 2013 als Blu-ray und DVD sowie Doppel-CD

Länge: 144 Minuten
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Tonformat Blu-ray: DTS-HD High Res Audio, DVD: DTS 5.1, Dolby Digital 2.0 & 5.1
Zusatzmaterial: zakk visits HM Prison Stocken (UK), Interview, Video Losin’ Your Mind, Photo Gallery
Untertitel (nur Bonus Features): Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch
Vertrieb: eagle vision / Edel Germany GmbH

Copyright 2013 by Florian Schneider
Fotos & Packshot: © 2013 eagle vision

 

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Bruce Springsteen live in Leipzig – Die wilde 13

2013-07-07 Bruce

Die personifizierte Power

Mönchengladbach? Leipzig? Leipzig? Mönchengladbach? Hm – schwierige Entscheidung. In Hannover haben wir Blut geleckt, Kumpel Benjamin, für den’s das erste Konzert war, hat anschließend gar Coventry und Paris mitgenommen. Respekt! Auf blauen Dunst ohne Tickets hinzufahren und vor dem Stadion günstig Tickets abzugreifen, erscheint in Gladbach und Leipzig gleichermaßen aussichtsreich. Doch die Entscheidung wird uns abgenommen: Eine liebe Bekannte aus dem deutschen Bruce-Springsteen-Forum bietet mir per E-Mail zwei Front-of-Stage-Tickets für Leipzig zum günstigen Kurs an. Rosie, so ihr Forenname, würde uns sogar aus Hamburg mitnehmen; sie will allerdings schon in der Nacht vor dem Konzert anreisen und sich in die Schlange der Wartenden einreihen, um die Chance auf einen Platz in einer der ersten Reihen zu haben. Benjamin und ich sind weniger heiß aufs Gedränge unmittelbar vor der Bühne. Daher entscheiden wir uns, erst am Sonntag gegen 12 Uhr mittags mit seinem Auto aufzubrechen. Rosie bringt mir die Tickets am späten Samstagabend sogar daheim vorbei – dafür nochmals ein herzliches Dankeschön! So wird also Leipzig mein 13. Springsteen-Gig werden. Für Vielfahrer keine besondere Zahl, die sitzen das während einer Tour ab. Ich bin aber zufrieden.

Die Fahrt verläuft ereignisarm, wenn man davon absieht, dass wir auf der A2 in Richtung Magdeburg fotografiert werden. Leider war ich etwas unaufmerksam, sonst hätte ich gelächelt. Ein Abzug des Fotos wird zwar eher teuer, aber sei’s drum. Benjamin wundert sich über die Mengen an Karotten und Äpfeln, die ich permanent konsumiere – ein paar Knackwürstchen sind auch dabei. Kurz vor Leipzig weist ein Schild „Messe“ zur nächsten Ausfahrt, die wir prompt nehmen – um festzustellen, dass die Messe von Halle/Saale gemeint war. Ich kündige meinem Fahrer Benjamin an, diesen Fauxpas in meinem Bericht ihm anzulasten, was hiermit erledigt sei. Das Messegelände von Leipzig erreichen wir dennoch zügig, per Park & Ride geht’s ebenso zügig zum Zentralstadion, in das Anfang dieses Jahrtausends eine nach einer überteuerten Szeneplörre benannte Arena hineingebaut worden ist. Der dort angesiedelte Retorten-Fußballverein möge in der Bedeutungslosigkeit verharren, was allerdings angesichts der Finanzkraft des Hauptsponsors ein frommer Wunsch ist.

2013-07-07 Bruce Gesicht groß

Der Boss ist – der Boss

Zurück zum Thema: Am Stadion flanieren Benny und ich erst einmal lässig durch die Menschenmassen. Ein erstes Bier kann bei der Hitze nicht schaden. Aus dem Rund dringt der Soundcheck: Bruce Springsteen lässt „Roulette“, „Lucky Town“ und „Local Hero“ proben, sogar ausgiebig. Das lässt auf eine interessante Setlist hoffen – beim Boss aber ohnehin ein Selbstgänger.

Die ersten Kapeiken aus dem Springsteen-Forum sind schnell erblickt. Wir begrüßen u. a. Zipp, racin und swani-girl. Für Uneingeweihte: Es handelt sich um die Forennamen der Erwähnten. Bald darauf begegnet uns gar die aus den Medien bekannte Fan-Prominenz: Jutta, Mary und Alex. Die drei Erste-Reihe-Abonnenten wollen sich in Leipzig keinen Stress machen und haben daher ausnahmsweise das aufwändige Ritual des Am-Einlass-Kampierens ausgelassen. Etwas weiter hinten im Front-of-Stage-Bereich is’ ja auch nich’ schlecht – eine Erkenntnis, die ich mir ohnehin angeeignet habe.

Bald darauf begehren auch wir Einlass zum Innenraum. Über die Organisation dieses Einlasses decken wir den Mantel des Schweigens. Einer der Ordner weist immerhin Sitzplatzkarteninhaber zu anderen Eingängen: „Alles, was Sitzplatzkarten hat …“ Konzertgänger werden hier offenbar weniger als Menschen angesehen und mehr als Neutren, wie Wortklauber (das sagt der Richtige) Benny anmerkt. Wir haben es nicht eilig und gelangen nach einiger Zeit in den Front-of-Stage-Bereich. Dort gesellen wir uns zu den Forenmitgliedern Limbus, Tulpe und anderen, die sich gute Plätze mittig an der hinteren Absperrung gesichert haben. Feine Sicht auf die Bühne, ohne das Gedränge ganz vorn – perfekt. Schön auch, mit Tulpe mal wieder einem Forennamen ein Gesicht zuordnen zu können. Limbus und ich kennen einander ohnehin sehr gut. Weitere Forenmitglieder werden begrüßt – Luxus und Easy aus Berlin und sogar Smutje, mit dem ich 2009 die legendäre Tour nach München und Frankfurt unternommen habe (der alte Tourbericht wird beizeiten im Blog seine Wiederveröffentlichung erfahren).

2013-07-07 Band Soozie groß

Spielfreude bei jedem Mitglied der Band

Gegen 19.40 Uhr entern Bruce Springsteen & The E Street Band die Bühne. Es erklingt das beim Soundcheck bereits gehörte „Roulette“ – Springsteens Kommentar zum Störfall im Kernkraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg 1979. Klasse Einstieg mit einer Tourpremiere. Die nächste folgt auf dem Fuß: „Lucky Town“ vom gleichnamigen Album. Weiter so! „Local Hero“, mein Favorit von den drei Soundcheck-Songs, wird im Lauf des Abends leider nicht erklingen, aber man kann nicht alles haben. Warum eigentlich nicht?

Nach dem Evergreen „Badlands“ – geht immer – folgt Bennys No-Go: „Death to My Hometown“. Er erwähnt, der Song hätte nie geschrieben werden dürfen. Meine beiläufige Erwiderung, er könne mir ja derweil ein Bier holen, beantwortet er überraschenderweise damit, mir ein Bier zu holen. Ich schicke dem Boss mental eine Botschaft, im Lauf des Abends weitere Songs anzustimmen, die mein Begleiter eher ablehnt. Es sei aber vorweggenommen, dass es bei dem einen bleibt.

Erwähnte ich bereits, dass die Stimmung prächtig ist? Nun aber: Die Stimmung ist prächtig – meine, Bennys, Limbus’, Tulpes, die Stimmung im Front-of-Stage-Bereich und vermutlich auch weiter hinten und auf den Rängen.

2013-07-07 Manuel Kuntz Transparent

Apostrophierung live (Foto: Manuel Kuntz)

Am rechten Unterrang bemerke ich vorn ein Transparent mit zwei Musikwünschen: „Better Day’s & Leap of Faith“. Sie bleiben unerfüllt, aber das nur am Rande. Wenn man davon absieht, dass es dem gemeinen Springsteen-Fan möglich sein sollte, einen Songtitel korrekt aufzuschreiben, so bleibt doch die Erkenntnis, dass Bastian Sicks Kampf um korrekte Apostrophierung noch lange nicht gewonnen ist. Das Plural-s wird im Englischen wie im Deutschen gleichermaßen direkt ans Wort gehängt. Zeigefingermodus aus. Wer Spaß an derlei Fundstücken hat, findet hier und hier weitere Beispiele.

Zeit fürs Ritual der Sign Requests. Bruce sammelt ein paar Plakate mit Wünschen ein, denn auch wenn das Leben kein Wunschkonzert ist – ein Springsteenkonzert ist es allemal. „Sherry Darling“ wurde gleich auf zwei Transparenten verlangt, der Boss und seine Band beschränken sich aber auf die einmalige Darbietung. Nächster erfüllter Wunsch: „You Never Can Tell“, ein Chuck-Berry-Song, bekannt auch aus „Pulp Fiction“. Es spricht für Springsteen, dass er nicht nur leicht interpretierbare Songs aus seinem Hit-Repertoire auswählt, sondern auch eher seltene Coverversionen. Seine Behauptung allerdings, sie hätten „You Never Can Tell“ nicht mehr gespielt, seit sie 16 Jahre alt waren, lässt sich bei YouTube leicht als Flunkerei entlarven.

2013-07-07 Sign Requests

Wünsch dir was – Bruce greift sich Sign Requests

Wie auch immer – mit Little Steven und dem Rest der Band stimmt Bruce ein paar Akkorde, Tonfolgen und was auch immer ab, damit ein Roadie in der Zwischenzeit den Text auf den Teleprompter spielen kann (böswillige Unterstellung des Bloggers). Die Darbietung des Songs gerät spaßig, wenn auch nicht zu einem Highlight der Springsteenschen Live-Performance.

Ein weiterer eher selten gespielter Song bildet die dritte Wunscherfüllung: „Back in Your Arms“ aus der Outtake-Box „Tracks“. Wunderschön und ergreifend. Bruce beginnt den Titel mit einer bewegenden Einleitung:

„This is a song about blowin’ a good thing. Has anybody ever blown a good thing and regretting it? – Only that few? – You are perfect people! This is a song about having something that was good and throwing it away and then sitting at home and realizing: You fucked up. Not one of those (macht ein Zeichen für klein) – one of the big big ones. So – what do you do? You go on as if nothing’s happened, you try to put it behind you. Or you go back and you knock on the door – and – you beg! I personally suggest that one, if it means anything to you. Beg! Plea! Ask! For another chance. But it’s gotta be real. It’s gotta be so – so very real.“

2013-07-07 Bruce Porträt

Eine Mischung aus Intensität und Magie

Text zitiert von YouTube. Meine freie Übersetzung: „Dies ist ein Lied darüber, eine gute Sache zu versauen. Hat jemand von euch das je getan? – Nur so wenige? – Ihr seid perfekte Leute! Dies ist ein Lied darüber, etwas Gutes weggeworfen zu haben und dann zu Hause zu sitzen und einzusehen: Du hast’s verbockt. Nicht eine dieser Belanglosigkeiten – eine der großen Sachen. Tja – was tust du? Du machst weiter, als sei nichts geschehen, du versuchst, es hinter dir zu lassen. Oder du drehst dich um und du klopfst an die Tür und bittest! Ich persönlich empfehle das, wenn euch meine Meinung irgendwas bedeutet. Bittet! Fleht! Um eine zweite Chance. Aber es muss aufrichtig sein. Es muss sehr wahrhaftig sein.“

YouTube zeigt, dass der Boss diese Gedanken so und ähnlich auch in der Vergangenheit als Einleitung zu „Back in Your Arms“ geäußert hat, das ist in dem Moment aber ebenso gleichgültig wie die Frage, ob Flehen ein probates Mittel ist. Seine Worte regen zum Nachdenken an und lassen nur grobe Klötze kalt.

Nach dem Wunschkonzert folgen ein paar Standards (siehe unten), in der Vergangenheit mehr oder minder häufig von Bruce ausgewählt. Mein nächstes Highlight: „Cadillac Ranch“ vom 1980er-Album „The River“, seinerzeit häufig von mir aus dem Album „Live 1975–1985“ aufgelegt, mittlerweile etwas in den Hintergrund geraten und nun somit wieder hervorgeholt. Sehr schön.

2013-07-07 Bruce dirigiert

Der Boss dirigiert die Massen

Irgendwann im letzten Drittel des regulären Sets schlängelt sich ein grauenvoller Tausendfüßler an uns vorbei: eine Polonaise. Skandal! Da vermeidet man jahrelang den Besuch von Provinz-Hochzeitsfeiern, Schützenfesten und Karnevalssitzungen, um dann bei einem Springsteen-Konzert unter die Räder zu kommen. Es ist eine falsche Welt, und das prangere ich an. Auch wenn mir normalerweise Petzen fremd ist, müssen in diesem Fall die Polonaise-Missetäter doch genannt werden, zumal es exponierte Gestalten mit Vorbildcharakter sind: Keine Geringeren als Jutta, Mary und Alex sind es, die dieses entsetzliche Ungetüm deutschen Frohsinns in einen Springsteen-Pit tragen. Schämt euch!

Benjamin erwähnt, beim nächsten Song, der ihm nicht gefalle, könne er mir wieder ein Bier holen. Da hab’ ich nichts gegen, biete aber im Gegenzug an, ihm ein Wasser zu holen, solle zuvor „Waitin’ on a Sunny Day“ ertönen. Ein Fehler: Kurz darauf kommt tatsächlich „Waitin’ on a Sunny Day“. Aber egal. Der Gang zum Getränkestand ist zügig absolviert, die obligatorische Kindes-Gesangseinlage bekomme ich mit. Das kleine Mädchen ist niedlich und kann nicht singen, der Programmpunkt stört nicht weiter. Ich bleibe aber bei meiner Haltung, dass das Mitbringen seines sechs- bis achtjährigen Kindes ganz nach vorn in den Pit in der Regel eher etwas mit Bedürfnissen der Eltern zu tun hat als mit einem Kindeswunsch nach fünf Minuten Ruhm.

Langsam geht’s auf die Zielgerade in Richtung Zugaben. „Land of Hope and Dreams“ – kann ich immer wieder hören, gehört zu den besten Songs, die Springsteen seit der Reunion veröffentlicht hat.

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Die Stimmung ist wie immer prächtig

Zu Beginn der Zugabe erinnert sich Springsteen daran, dass er sich in der ehemaligen DDR befindet, in der 25 Jahre zuvor sein heute legendäres Konzert in Weißensee stattgefunden hat. Er widmet den nächsten Song den damals Anwesenden: „Born in the U.S.A.“ in der kraftvollen Fullband-Version. Mächtig und druckvoll. Der Zugabenteil bietet wenige Überraschungen. Bei „Tenth Avenue Freeze-out“ wird mittels Einblendungen auf den Bildschirmen wie gewohnt den verstorbenen Bandmitgliedern Clarence Clemons und Danny Federici gedacht. Eine schöne Geste, die der Boss in dieser reduzierten Form gern beibehalten mag.

Bei „Dancing in the Dark“ holt sich Bruce erwartungsgemäß eine Tanzpartnerin auf die Bühne. Im Anschluss sucht er – auch nicht zum ersten Mal bei diesem Song – jemanden für ein kurzes Gitarrenduett. Die Wahl fällt auf ein kleines Mädchen – keine gute Wahl. Was soll der Mist? Die Kleine steht herum wie bestellt und nicht abgeholt, weiß nicht, wie ihr geschieht, schrammelt unbeholfen auf der ihr umständlich umgeschnallten Gitarre – und Bruce grinst dazu dümmlich, als sei er ihr seniler Großvater. Aber auch das geht vorbei.

Benny hat mir derweil nachdrücklich „Thunder Road“ als hundertprozentig verlässlich noch kommend angekündigt. Nach der Coverversion des durch Status Quo bekannten John-Fogerty-Songs „Rockin’ all over the World“ scheint jedoch endgültig Schluss zu sein, die Band verlässt die Bühne. Aber Moment! Bruce lässt sich Akustikgitarre und Mundharmonika geben und begibt sich erneut ans Mikro. Es erklingt – „Thunder Road“! Was für ein Ausklang. Wer bis dahin aus unerfindlichen Gründen noch nicht zufrieden war, muss es nun sein. Großartig, unbeschreiblich. Es fließen Tränen (der Verfasser bietet eine Schulter zum Anlehnen an).

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Das Ende naht viel zu schnell

Danach ist endgültig Schluss. Die Ordner treiben uns per Absperrband aus dem Front-of-Stage-Bereich wie Vieh, aber es findet sich Gelegenheit, ein paar bekannte Gesichter aus dem Forum zu suchen und zu begrüßen: eastwood, Lasse, Mr.Outside, red_headed_woman, Sokki, sunny-day, um einige zu nennen. Schön, endlich mal betterDay in natura zu sehen! Vor dem Stadion genehmigen wir uns einen Abschlussdrink, schwafeln etwas über das Geschehen, bis es schließlich heimwärts geht. An der Tram-Haltestelle besteigen Benny und ich nach überaus kurzer Wartezeit eine Straßenbahn zum Messegelände, wo das Auto steht. Nach ereignisarmer Rückfahrt ist um 4 Uhr morgens das eigene Bett eine willkommene Schlafstatt. Leipzig war die Reise wert.

Die vollständige Setlist (für die Gedächtnisstütze geht der Dank ans Springsteen-Forum):

01) Roulette (Tourpremiere, Outtake vom Album „The River“, erstmals veröffentlicht 1988 als B-Seite der Single „One Step Up, später auf „Tracks“)
02) Lucky Town (Tourpremiere)
03) Badlands
04) Death to My Hometown
05) Sherry Darling (Sign Request)
06) You Never Can Tell (Sign Request, Tourpremiere)
07) Back in your Arms (Sign Request, veröffentlicht auf „Tracks“)
08. Hungry Heart
09) Spirit in the Night
10) Wrecking Ball
11) We Take Care of Our Own
12) Murder Incorporated
13) Human Touch
14) Open all Night
15) Cadillac Ranch
16) Shackled and Drawn
17) Waitin’ on a Sunny Day
18) Lonesome Day
19) Land of Hope and Dreams
20) Light of Day
Zugaben:
21) Born in the U.S.A.
22) Born to Run
23) Bobby Jean
24) Dancing in the Dark
25) Tenth Avenue Freeze-out
26) Rockin‘ all over the World
27) Thunder Road (Solo Acoustic)

Copyright 2013 by Kotelette
Konzertfotos mit freundlicher Genehmigung von Tina Kraus

2013-07-07 Ticket

Das Objekt der Begierde

 
4 Kommentare

Verfasst von - 2013/07/09 in Musik

 

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