RSS

Schlagwort-Archive: Korea

Pandemie – Coro… Verzeihung: Vogelgrippe in Südkorea

Gamgi

Kinostart: 6. August 2020

Von Volker Schönenberger

SF-Thriller // Die Virologin Dr. Kim In-hae (Soo Ae) stürzt im südkoreanischen Seongnam mit ihrem Auto in den Schacht einer Baustelle. Kang Ji-goo (Jang Hyuk) vom Rettungsdienst holt sie raus – und verguckt sich in die junge Frau. Er erklärt sich etwas später sogar bereit, sich noch einmal zum Auto abseilen zu lassen, um In-haes Tasche zu sichern, in der sich wichtige Daten ihrer Arbeit befinden. Er findet die Tasche und übergibt sie Mi-reu (Park Min-ha), der kleinen Tochter der Geretteten.

Monssai ist illegal eingereist

Derweil öffnen die beiden Brüder Ju Byung-woo (Lee Sang-yeob) und Ju Byung-ki (Lee Hee-joon) im Hafen von Seoul einen Container mit illegal eingeschleusten Immigranten und finden diese mit einer Ausnahme tot vor. Dem einzigen Überlebenden Monssai (Lester Avan Andrada) gelingt hustend die Flucht. Bald zeigt auch Ju Byung-woo Symptome einer Erkrankung. Es stellt sich heraus, dass die Einwanderer einen mutierten Vogelgrippe-Virus eingeschleppt haben, der keine Inkubationszeit aufweist und innerhalb von 36 Stunden zum Tod führt. Als sich die Krankheit zur Epidemie ausweitet, fällt der Bezirk Bundang mit seinen 472.000 Einwohnerinnen und Einwohnern ins Chaos.

Dr. Kim In-hae gerät …

Steven Soderbergh nahm sich zwei Jahre zuvor bei seinem Infektions-Thriller „Contagion“ (2011) auch ein paar epidemologische Freiheiten, um die Dramaturgie der Story etwas aufzupeppen, versuchte aber im Großen und Ganzen, den Verlauf der Seuche realistisch darzustellen. Diesen Anspruch gibt „Gimga“, so der Originaltitel von „Pandemie“, zugunsten einer deutlich reißerischen Darstellung auf. Allein schon die quasi nicht vorhandene Inkubationszeit bringt einige spektakuläre Szenen mit sich, in denen Menschen aus heiterem Himmel Blut spucken, zusammenbrechen und damit Verkehrsunfälle und andere tragische Ereignisse auslösen.

… mit ihrer Tochter Mi-reu ins Zentrum des Vogelgrippe-Ausbruchs

Nach anfänglichem Hickhack zwischen Wissenschaftlern und Politikern wird Bundang zügig abgeriegelt, Bürgerrechte werden eingeschränkt, Infizierte interniert. All das ist professionell auf internationalem Niveau inszeniert, an den Schauwerten gibt es nichts auszusetzen, auch wenn ein paar Totalen die Computertricks überdeutlich offenbaren. Die großen gesellschaftlichen Fragen nach Grundrechts-Einschränkungen und Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen werden lediglich angerissen, in erster Linie geht es „Gamgi“ darum, als actionreiches Spannungskino zu funktionieren. Das gelingt auch. Eine Prise fernöstlichen Pathos ist hinzunehmen.

Das Militär riegelt Bundang ab

Ein Wort der Kritik am deutschen Verleih muss erlaubt sein: Mit dem Ausdruck Pandemie wird ein Ausbruch einer Infektionskrankheit bezeichnet, der Landes- oder gar Kontinentalgrenzen überschreitet. Die Seuche in „Pandemie“ allerdings breitet sich nicht mal in ganz Südkorea aus und bleibt lokal sehr begrenzt. Von einer Pandemie kann somit überhaupt nicht die Rede sein. Es ist nachvollziehbar und auch nicht zu beanstanden, die dank des Corona-Virus und der COVID-19-Pandemie gestiegene Aufmerksamkeit für Infektionskrankheiten zu nutzen, was die Busch Media Group getan hat, indem sie den im Sommer 2013 in den südkoreanischen Kinos gestarteten Seuchen-Thriller nun auch bei uns in die Kinos bringt. Derart reißerisch den Titel zu verfälschen, ist aber nicht gerade die feine englische Art. Die wörtliche Übersetzung des Originaltitels „Gamgi“ zu „Grippe“ hätte es wohl auch getan, ist die Grippe doch dank etlicher, meist verharmlosender Vergleiche zwischen ihr und COVID-19 in Deutschland in aller Munde. In diversen anderen Ländern übernahm man den Originaltitel und übersetzte ihn mit „Flu“ einfach ins Englische. Warum nicht auch bei uns? Angesichts der vielen besorgten Bürger, die das Corona-Virus für so „harmlos“ wie einen Grippe-Erreger halten, wäre das auch eine feine Ironie gewesen.

Kang Ji-goo entdeckt Entsetzliches

„Gamgi“ entstand zweifellos unter dem Einfluss von Ausbrüchen der Vogelgrippe H5N1 ab 2004 und der Vogelgrippe H7N9 ab 2013. Seinerzeit erhielt der Film international nicht allzu viel Aufmerksamkeit. Die bekannteste Arbeit von Regisseur Kim Sung-su dürfte „Musa – Der Krieger“ von 2001 sein. Interessanter ist ein Blick auf den Executive Producer: Jeong Tae-sung zeichnete in dieser Funktion für einige spektakuläre koreanische Erfolge verantwortlich, darunter Bong Joon-hos Monsterfilm „The Host“ (2006) und den ein Jahr später entstandenen Monster-Fantasy-Actionfilm „Dragon Wars“. Im selben Jahr wie „Gamgi“ produzierte er auch Bong Joon-hoos bizarre Science-Fiction-Dystopie „Snowpiercer“, jüngst auch deren Serien-Umsetzung. 2016 war er Teil des Produzententeams von Park Chan-wooks Drama „Die Taschendiebin“.

Nur Leichenberge?

Insgesamt wird die hiesige Rezeption von „Gamgi“ womöglich daran kranken, dass wir Bürgerinnen und Bürger aufgrund von Corona doch deutlich mehr über Virus-Infektionen wissen als zum Zeitpunkt der Entstehung des Films. Über die letztlich denkbar einfach entdeckte Heilung des Virus werden viele sicher nur müde lächeln. Wie man die Epidemie mit alltäglichen Vorsichtsmaßnahmen eindämmt, interessiert in „Gamgi“ niemanden, auch wenn Masken selbstverständlich eine große Rolle spielen. Als Reflexion über die aktuelle COVID-19-Pandemie eignet sich „Pandemie“ somit nicht; als Teil einer Eskapismus-Strategie natürlich auch nicht, dafür als zweistündiger Fernost-Blockbuster auf jeden Fall.

Mi-reu läuft – in die Freiheit?

Länge: 122 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Gamgi
Internationaler Titel: Flu
KOR 2013
Regie: Kim Sung-su
Drehbuch: Lee Young-jong, Kim Sung-soo
Besetzung: Jang Hyuk, Soo Ae, Park Min-ha, Roxanne Aparicio, Cha In-pyo, Byung Mo Choi, Lee Hee-joon, Lee Sang-yeob, Nam Moon-cheol, Park Jung-min, Lester Avan Andrada
Verleih: Busch Media Group

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Filmplakat & Szenenfotos & Trailer: © 2020 Busch Media Group

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

Parasite – Wer sind die Schmarotzer?

Gisaengchung

Von Volker Schönenberger

Tragikomödie // Wenn vier Schwergewichte sich streiten, freut sich der Außenseiter: Satte elf Oscar-Nominierungen hatte Todd Phillips’ „Joker“ erhalten. Sam Mendes’ Weltkriegsdrama „1917“, Martin Scorseses Gangster-Epos „The Irishman“ und Quentin Tarantinos Hollywood-Reflektion „Once Upon a Time in Hollywood“ waren jeweils für zehn Academy Awards nominiert worden. Und dann kommt da so ein dahergelaufener Südkoreaner wie „Parasite“ an, bei dem man schon die sechs Nominierungen für respektabel genug hält und ihm vielleicht nur den Oscaras als bester Auslandsfilm zutraut – und der holt plötzlich nicht nur den, sondern auch noch die beiden wichtigsten überhaupt als bester Film und für Regisseur Bong-Joon-ho, dazu auch den ebenfalls bedeutsamen fürs beste Originaldrehbuch. Die Tragikomödie ist sogar der erste fremdsprachige Film überhaupt, den die Academy zum besten Film des Jahres kürte. Potztausend! Die Goldene Palme beim Cannes Film Festival 2019 verblasst da fast schon. Ganz zu schweigen von den etlichen weiteren Preisen, die „Parasite weltweit abgeräumt hat.

Ziehen sich Gegensätze wirklich an? Familie Kim …

Die bissige Gesellschaftssatire erzählt vom Aufeinandertreffen der Familien Kim und Park. Die Kims sind gesellschaftliche Außenseiter, leben in einer armseligen Souterrain-Wohnung, wo sie versuchen, sich mit ihren Smartphones ins WLAN unvorsichtiger Nachbarn einzuloggen. Geld kommt nur tröpfchenweise herein, etwa wenn die Familie für einen Lieferservice Pizzakartons faltet – wenn auch in suboptimaler Qualität. Die prekäre Lage findet ein unerwartetes Ende, als Sohn Ki-woo (Choi Woo-sik) über einen Kumpel einen Job als Aushilfslehrer bei den wohlhabenden Parks bekommt – er beginnt, die Tochter Da-hye (Ji-so Jung) in Englisch zu unterrichten. Die dafür notwendigen Unterlagen hat seine künstlerisch begabte Schwester Ki-jung (Park So-dam) ihrem Bruder kurzerhand gefälscht. Bald darauf gelingt es Ki-woo, Ki-jung ebenfalls einen Job im Haus der Eheleute Park (Lee Sun-kyun, Cho Yeo-jeong) zu verschaffen – als Kunst-Erzieherin von Sohnemann Da-song (Jung Hyun-jun). Dabei bleibt es nicht.

Die Flodders Südkoreas?

Die Kims sind prollig, wenn auch nicht so sehr wie die Flodders aus „Flodder – Eine Familie zum Knutschen“ (1986). In „Parasite“ geht es auch nicht ganz so brachial zu wie in der niederländischen Komödie. Dennoch wird auch hier das soziale Ungleichgewicht absurd überzeichnet. Dabei erweisen sich sowohl die jungen Ki-woo und Da-hye als auch ihre Eltern (Song Kang-ho, Jang Hye-jin) als überraschend talentiert, was die Erledigung von Aufgaben für die oberen Zehntausend angeht. Sie können jedoch nicht verhindern, dass ihnen die mühsam erlangte Kontrolle über die Situation aufgrund ein paar unglücklicher Umstände entgleitet, was ein so irrwitziges wie rabenschwarzes Finale zur Folge hat und die Tragikomödie geradezu zur Farce, wenn nicht Groteske macht.

… und die Parks könnten unterschiedlicher nicht sein

Allein schon die Visualisierung ihrer Wohnverhältnisse belegt den fundamentalen Unterschied zwischen beiden Familien. Der schmutzige Verschlag der Kims kontrastiert enorm zur geräumigen, blitzblanken Villa der Parks mit ihren klaren Linien. Die Parks nehmen Menschen in prekären wirtschaftlichen Situationen anscheinend gar nicht mehr wahr, stören sich lediglich an einem sonderbaren Geruch, den sie aber gar nicht exakt definieren können. Doch wer ist der titelgebende Parasit? Dazu schrieb Florian Schneider in seiner Rezension zum Kinostart: Der Regisseur vermeidet sensibel die eindeutige Parteinahme oder eine klare Aussage zu der Frage, wer denn nun eigentlich der wahre Parasit sein mag – das obliegt dem Auge und Urteil des Betrachters. Dieses Urteil sollte insgesamt nicht nur aufgrund der zahlreichen Auszeichnungen überschwenglich ausfallen, sondern weil „Parasite“ überschwengliches Lob verdient hat. Regisseur Bong Joon-ho hat schon 2013 mit Snowpiercer einen außergewöhnlichen filmischen Kommentar zu sozialer Schieflage und der riesigen Kluft zwischen Arm und Reich abgegeben. Mit „Parasite“ setzt er seinem bisherigen Schaffen die Krone auf. Und es gibt der vielgescholtenen Academy of Motion Picture Arts and Sciences eine große Portion Glaubwürdigkeit zurück, dass sie einem solch außergewöhnlichen Werk die beiden wichtigsten Oscars zuerkannte, obwohl es nicht mal in Hollywood produziert wurde, sondern in Südkorea.

Kooperation von capelight und Koch

In Deutschland haben capelight pictures und Koch Films den Film in einer Kooperation in die Lichtspielhäuser gebracht und anschließend auch fürs Heimkino veröffentlicht. Wie schon bei „Suspiria“ (2018) hat jedes Label ein Mediabook im jeweils eigenen Format produziert – die Koch-Mediabooks fallen bekanntermaßen kompakt aus, so auch in diesem Fall; capelight hat sich wie gewohnt für das auf dem Markt verbreitetere Format entschieden. Das Bonusmaterial fällt üppig aus (siehe unten), der Sammler hat die Qual der Wahl oder schlägt doppelt zu.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Bong Joon-ho haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 30. April 2020 als Limited 2-Disc Edition Steelbook (4K UHD Blu-ray & Blu-ray, exklusiv bei einem großen Online-Händler), 5. März 2020 als Limited 3-Disc Edition Mediabook (4K UHD Blu-ray & 2 Blu-rays, zwei Formate und Covermotive) Blu-ray und DVD

Länge: 132 Min. (Blu-ray), 127 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Koreanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Gisaengchung
KOR 2019
Regie: Bong Joon-ho
Drehbuch: Bong Joon-ho, Jin Won Han
Besetzung: Song Kang-ho, Lee Sun-kyun, Cho Yeo-jeong, Choi Woo-sik, Jang Hye-jin, Park So-dam, Park Myeong-hoon, Jung Hyun-jun, Ji-so Jung, Kang Echae, Jeong Esuz, Andreas Fronk
Zusatzmaterial: Bong Joon-ho Interview (11 Min.), Bong Joon-ho Q&A beim Filmfest München (51 Min.), Bong Joon-ho – Expect the Unexpected TIFF 2019 (5 Min.), Bong Joon-ho Masterclass auf dem Toronto International Film Festival (62 Min.), Cast and Crew Q&A beim Toronto International Film Festival (17 Min.), Making-of, Die Charaktere, TV Spots, Keine Spoiler, Grüße von den Darstellern, Hinter den Kulissen
Label/Vertrieb: capelight pictures / Koch Films

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2020 capelight pictures / Koch Films

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

Horror für Halloween (XXVIII): Train to Busan – Mit Zombies in den Zug

Busanhaeng

Von Lucas Gröning

Horror // Seit der Jahrtausendwende haben Zombies in der Popkultur eine Art Revival gefeiert. Angefangen bei der beliebten Comicreihe „The Walking Dead“ über deren gleichnamige TV-Umsetzung bis hin zu Videospielen wie „The Last of Us“ oder „Day Z“ – die Untoten sind so stark im Mainstream vertreten wie vielleicht noch nie. Da verwundert es nicht, dass sich auch der Film der Zombies angenommen hat, vordergründig zur ersten Hälfte der Nuller-Jahre. Hervorgehoben seien an dieser Stelle Danny Boyles „28 Days Later“ von 2002, Zack Znyders „Dawn of the Dead“ (2004), eine Neuverfilmung des 1978er-Klassikers von Altmeister George A. Romero, Edgar Wrights Komödie „Shaun of the Dead“ aus demselben Jahr und die zwischen 2002 und 2016 entstandene, lose auf der gleichnamigen Videospielserie basierende „Resident Evil“-Reihe. Unberücksichtigt bleiben kann die Haltung mancher Horrorfans, den wie bei Boyle und Snyder in wütender Raserei gefangenen Infizierten das Dasein als Zombie abzusprechen. Wir sehen sie als solche.

Seok-woo und die anderen Menschen müssen sich der gewaltigen Bedrohung stellen

Zuletzt mangelte es etwas an würdigen Nachfolgern dieser ikonischen Werke. 2016 bescherte uns jedoch ein einziger Regisseur gleich zwei fantastische Filme rund um die beliebten Untoten: Yeon Sang-ho. Der Anime-Spezialist („The King of Pigs“, „The Fake“) bescherte den Zombiefans „Train to Busan“ und „Seoul Station“. Während „Train to Busan“ als Realverfilmung klar aus Sang-hos bisheriger Filmografie heraussticht, kehrte der Regisseur mit dessen Prequel „Seoul Station“ zu seinen Ursprüngen zurück und inszenierte ein Werk im Bereich des Anime. Doch das ist nicht der einzige Unterschied zwischen beiden Filmen. Konzentriert sich „Seoul Station“ klar auf das langsame Zeichnen einer zerrütteten Gesellschaft und wirft damit Fragen rund um Wirtschaft, Staat und der damit verbundenen Tragik demokratisch-kapitalistischer Gebilde auf, verzichtet „Train to Busan“ auf derlei Systemkritik. Vielmehr greift der Realfilm ein Thema auf, das auch andere Genrevertreter, allen voran HBOs erfolgreiche TV-Serie „The Walking Dead“ und George A. Romeros Klassiker „Die Nacht der lebenden Toten“ (1968) zum Bestandteil ihrer Darbietung gemacht haben: die Konflikte beim Bilden einer funktionierenden Gruppe mit sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten vor dem Hintergrund eines endzeitlichen Szenarios.

Leblose Augen

„Train to Busan“ behandelt die Geschichte von Seok-woo (Gong Yoo) und seiner kleinen Tochter Soo-an (Kim Su-an). Seok-woo hat sich vor einiger Zeit von seiner Frau getrennt und nun streiten sich die beiden darum, wer die Tochter wann und wie lange haben darf. Der Vater, voll involviert in seinen Job als Fondsmanager, vernachlässigt Soo-an häufig, wodurch sich diese immer mehr von ihm abwendet. Nachdem Seok-woo seiner Tochter zum Geburtstag eine Spielkonsole geschenkt hat, deren gleiche Version sich bereits in ihrem Zimmer befindet, überedet ihn das Mädchen, sie nach Busan zu ihrer Mutter zu fahren. Für diese Reise benutzen die beiden den Zug, in dessen Inneres sich kurz vor Abfahrt noch ein verletztes Mädchen hineinrettet. Kurz darauf stirbt die neue Passagierin, verwandelt sich in einen willenlosen Untoten und greift in der Folge eine Zugbegleiterin an. Nach und nach werden so immer mehr Menschen zu Zombies, und bald sehen sich Seok-woo, Soo-an und weitere Überlebende mit einer Armee von Menschenfressern konfrontiert.

Der Vater muss in der Gefahr immer seine Tochter Soo-an im Blick behalten

Die Zombies werden dabei extrem bedrohlich und unangenehm inszeniert. Bereits die Verwandlung von Mensch zu Monster ist ein kleines Highlight. Der Körper des jeweiligen Individuums krümmt sich mit schnellen, zuckenden Bewegungen auf dem Boden, bevor er sich, diese Zuckungen beibehaltend, langsam aufrichtet. Aber auch im Anschluss bestätigen die Zombies ihre unmenschliche und unheimliche Natur. Besonders der leblose Blick mit unnatürlich weißen Augen lässt uns die Bedrohung in jeder Szene unmittelbar fühlen. Was auf den Blick folgt, ist ein Wahn von blinder Zerstörungswut jeglichen Lebens, der von einem jeden der Zombies Besitz ergreift und in der Gier nach Menschenfleisch seinen Ausdruck findet, wie in ihrer Geschwindigkeit – im Gegensatz zu den frühen Werken der Romero-Prägung seit 1968 rennen die Untoten auf ihre Opfer zu, statt langsam auf sie zuzustolpern. Es ist das blinde Verlangen, jegliches einmal erblickte Leben zu zerstören, was die Zombies antreibt. Mit dem Verlust der Farbe ihrer Augen und damit ihrer individuellen Identität verlieren die Untoten jedwede Menschlichkeit.

Gefahrenquelle und Zufluchtsort

Der Erhalt des Lebens stellt im Umkehrschluss das übergeordnete Ziel der übrigen Menschen dar. Erschwert wird dies durch die Enge des Zuges, die der Wirkung des Bedrohungsszenarios extrem zuträglich ist. Es gibt aus diesem Zug, solange er fährt, keinerlei Entkommen. Die Protagonisten sind in den engen Räumen gefangen und werden lediglich durch die Sicherheitstüren von der wachsenden Zahl an Menschenfressern getrennt. Tatsächlich hält der Zug im Verlauf an einem Bahnhof, dessen im Vergleich recht offenes Areal erweist sich jedoch als Todesfalle, in der sich auch die Ungeheuer freier bewegen können. Der Zug wird somit zum Zufluchtsort und repräsentiert zum einen Gefangenschaft und Enge, aber auch Sicherheit und zumindest ansatzweise Abgeschiedenheit von der drohenden Gefahr.

Die Zahl der Untoten wächst immer weiter an

Um der Bedrohung Herr zu werden, ist es notwendig, dass die lebenden Menschen zusammenarbeiten. Dies wird vor allem durch die Unterschiedlichkeit der einzelnen Charaktere erschwert. Im Zug findet sich ein breiter gesellschaftlicher Querschnitt. Da haben wir Menschen aus unterschiedlichen Einkommensschichten mit unterschiedlichen Altersstufen und Geschlechtern, wir haben sich fügende Menschen, wir haben Führungspersönlichkeiten bis hin zu Alphatieren, wir haben ruhige und aufbrausende Menschen, außerdem haben wir Teamplayer und Egoisten. Die Aufgabe der einzelnen Leute besteht nun darin, ihre individuellen Persönlichkeiten der Gemeinschaft unterzuordnen. Dies gestaltet sich angesichts des egoistischen Wesens einiger Schlüsselpersonen als schwierig und führt mehr als einmal zu Spannungen innerhalb der Gruppe. Auch Seok-woo ist zu Beginn der Geschichte noch ein Mensch, der in erster Linie an sich denkt und sich im Angesicht der drohenden Gefahr lediglich um sein eigenes Wohl und das seiner Tochter sorgt. Bald jedoch muss er diese Haltung ablegen, um zusammen mit den anderen eine Chance gegen die Übermacht der Zombies zu haben. In diesem Zusammenhang werden auch wir Zuschauer herausgefordert. Als Betrachter stößt einen „Train to Busan“ recht schnell darauf, wen man in dieser Geschichte zu mögen und zu hassen hat. Dementsprechend ist es auch für uns ein spannendes Gedankenexperiment, mit einigen der handelnden Figuren in diesem Zug eingesperrt zu sein und mit ihnen den Kampf ums Überleben führen zu müssen.

Ein Fest für Genrefans

Diesen Überlebenskampf haben die Macher fantastisch inszeniert, besonders die hervorragende Kameraarbeit dokumentiert das eindrucksvoll. Sie unterstützt die bereits angesprochene Enge des Zuges, besonders durch häufige Nahaufnahmen der Gesichter. Es ist fast so, als würde man direkt neben den Protagonisten stehen, wodurch man jede einzelne noch so kleine Emotion der Menschen von deren Gesichtern ablesen kann. Gleiches gilt für die Aufnahmen der Zombies. Auch diese werden häufig aus der Nähe gezeigt und sind auch dem Zuschauer furchteinflößend nah, sodass sie klar als ehemalige Individuen zu erkennen sind, deren Persönlichkeit dem Verlangen nach menschlichem Fleisch gewichen ist. Später, wenn die Protagonisten den Zug verlassen, treten die Nahaufnahmen zurück und werden durch offenere Kamerawinkel ersetzt. Beim Zwischenstopp am Bahnhof beispielsweise dominieren Halbtotalen, die es erlauben, größere Ausschnitte des Gebäudes zu zeigen. In einem noch größeren Areal sehen wir die Zombiehorden in noch weiteren Totalen. Auf diese Weise entstehen beeindruckende Bilder, die nach dem Abspann des Films lange im Kopf bleiben.

Inszenatorisch macht der Film somit einiges richtig. Die Musik variiert zwischen Schlaginstrumenten in spannenden und von Gefahr geprägten Situationen und fast schon sinfonieartigen Tönen in den wenigen ruhigen Momenten. Die angesprochene Kamerarbeit ist stimmig und stets passend zur jeweiligen Situation, auch wenn man durch die vielen rasanten Schnitte bei den Konfrontationen im Zug schnell mal den Überblick verlieren kann. Den tollen Aufnahmen tut dies jedoch keinen Abbruch, viele von ihnen bleiben lange im Gedächtnis. Die Story hält sich zudem nicht mit überflüssigen Nebenplots auf, sondern konzentriert sich ganz auf seine Figuren und deren aussichtslos erscheinenden Todeskampf. Einige sich in den Kopf brennende Szenen und nette Wendungen runden diesen fantastischen Zombiefilm ab und machen ihn zu einem Highlight des Genres, das bedenkenlos jedem Fan der menschenfressenden Untoten ans Herz gelegt werden kann – am besten im Doppelpack mit dessen Prequel „Seoul Station“.

Veröffentlichung: 29. September 2017 als Doppel-Blu-ray und Doppel-DVD (jeweils inkl. „Seoul Station“), 30. Juni 2017 als Limited 2-Disc Special Edition Steelbook (2 Blu-rays, inkl. „Seoul Station“), 24. Februar 2017 als Blu-ray und DVD, 3. Februar 2017 als Limited 2-Disc Special Edition Mediabook (2 Blu-rays, inkl. „Seoul Station“)

Länge: 118 Min. (Blu-ray), 114 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Koreanisch
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
Originaltitel: Busanhaeng
KOR 2016
Regie: Yeon Sang-ho
Drehbuch: Park Joo-suk, Yeon Sang-ho
Besetzung: Yoo Gong, Jung Yu-mi, Ma Dong-seok, Kim Su-an, Kim Eui-sung, Choi Woo-sik, Sohee, Ye Soo-jung, Park Myung-shin, Choi Gwi-hwa, Jeong Seok-yong, Jang Hyuk-jin
Zusatzmaterial: Original-Teaser und -Trailer, B-roll, Press Screening Q&A, Wendecover, nur Mediabook: 24-seitiges Booklet, nur Steelbook: 6 Postkarten
Label: splendid film
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Szenenfotos & Packshots: © 2017 splendid film

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: