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The Outpost – Überleben ist alles: Sterben am Hindukusch

The Outpost

Von Volker Schönenberger

Kriegs-Action // Bei der Schlacht von Kamdesh am 3. Oktober 2009 attackierten 300 Taliban-Kämpfer während des seit der Invasion der US-Streitkräfte 2001 geführten Kriegs in Afghanistan den amerikanischen Außenposten „Combat Outpost Keating“. Acht Amerikaner starben, 27 wurden verwundet. Auf Seiten der Taliban kamen geschätzt 150 Menschen ums Leben.

Staff Sergeant Romesha trifft im Camp ein

„The Outpost – Überleben ist alles“ beginnt mit einer etwas pathetischen Einordnung der Ausgangslage über Texttafeln: Im Jahr 2006 errichtete die US-Armee im Norden Afghanistans eine Reihe von Außenposten zur Aufstandsbekämpfung. Man versprach sich dadurch einen engeren Kontakt zu den Einheimischen und ein Ende des Nachschubs an Waffen und Taliban-Kämpfern aus Pakistan. Einer dieser Außenposten war „PRT Kamdesh“. Er befand sich in einem entlegenen Tal und war vollständig von den Bergen des Hindukusch umgeben. Ein Militär-Analytiker bezeichnete ihn als „Camp Custer“. Mit einer ebenso schlichten wie offiziellen Begründung. Alle werden sterben. So wie General Custers Männer am Little Bighorn. Gefolgt von: Nach einer wahren Begebenheit. Aber das wissen wir ja schon. Zur Erläuterung: PRT steht für „Provincial Reconstruction Team“ (Provinz-Rekonstruktions-Team), das sind militärische Einheiten, die gemäß offizieller Sprechweise den Wiederaufbau in bestimmten Regionen unterstützen und sichern sollen.

Von Bergen und Taliban umzingelt

Nach dieser Einführung lernen wir den erfahrenen Staff Sergeant Clinton Romesha (Scott Eastwood) kennen, der mit Sergeant Justin Gallegos (Jacob Scipio), SPC (Specialist) Michael Scusa (Scott Alda Coffey) und Sergeant Josh Kirk (Jack Kesy) per Helikopter im von Captain Ben Keating (Orlando Bloom) geführten Außenposten eintrifft. Die das an den Ausläufern des Hindukusch gelegene Camp in unmittelbarer Nähe umgebenden Hänge erfüllen Romesha nicht gerade mit Begeisterung – das Lager befindet sich auf einem Präsentierteller. Ein erster Beschuss durch feindliche Panzerfäuste und Gewehre vom nahe gelegenen Olivengarten wird mit einem gezielten Mörserschuss aus dem Camp beendet. Derlei Nadelstich-Attacken gehören für die GIs offenbar zum Alltag, wie Romesha erfährt. Er wird in den folgenden drei Jahren mehr als genug davon mitbekommen.

Heikel: Beratungen mit den Dorfältesten

Schūrā-Beratungsrunden mit den Ältesten der umliegenden Dörfer unterbrechen die soldatische Eintönigkeit, dann muss ein sinnloserweise zum Camp gefahrener großer Truck über unbefestigte Straßen zum vorgeschobenen Militärstützpunkt Naray zurückgebracht werden. Mit der ständigen Todesgefahr geht jeder Soldat auf seine Weise um – wie Sergeant Gallegos, der seinen Körper in Topform hält, oder SPC Ty Carter (Caleb Landry Jones), der sich zum Außenseiter macht. Sie alle sind nur unzureichend vorbereitet auf den großen Angriff, der sie am 3. Oktober 2009 erwartet. Drei Tage vor der angekündigten Schließung des Lagers kommt der afghanische Camp-Übersetzer Mohammed (Sharif Dorani) am frühen Morgen in Panik angerannt und berichtet, die Dörfler seien geflohen und Hunderte von Taliban-Kämpfern würden anrücken. Er hatte schon zuvor vor einem großen Angriff gewarnt, doch diesmal wird er recht behalten.

Peckinpah-Remake bringt Karriereknick

Mit „Deterrence“ (1999), „Rufmord – Jenseits der Moral“ (2000) und „Die letzte Festung“ (2001) setzte Regisseur Rod Lurie frühe Thriller-Duftmarken in seiner Karriere. Auch „Nichts als die Wahrheit“ (2008) kann als Highlight gewertet werden. „Straw Dogs – Wer Gewalt sät“, Remake des gleichnamigen kontroversen Sam-Peckinpah-Klassikers, war allerdings ein Flop und führte zu einem Karriereknick – fortan standen lediglich einige TV-Arbeiten zu Buche. Bis zu „The Outpost“ (2019), der zeigt, dass Lurie schweißtreibende Action vortrefflich inszenieren kann. Ein paar kleine Gefechte in der ersten Hälfte deuten dabei nur an, welch explosives Stahlgewitter mit der Attacke der Taliban aufs Publikum zukommt – einer großen Leinwand würdig, die dem Film Corona-bedingt weltweit nur begrenzt zur Verfügung stand.

Die GIs geraten unter …

Die Länge von zwei Stunden überraschte mich etwas, nahm ich doch an, es mit einem knackigen Anderthalbstunden-Actioner zu tun zu bekommen. Doch Lurie versteht es, im ersten Abschnitt die Situation der US-Soldaten an einem der hintersten Flecken der Welt mit wenig Firlefanz präzise zu inszenieren und bedeutsame Protagonisten zu charakterisieren. So recht wissen die GIs nicht, was sie dort eigentlich tun, so viel wird deutlich. Sind sie Eindringlinge in einer Welt, in der sie nichts zu suchen haben? Mag sein. Die Einheimischen sind störrisch bis feindselig, bleiben aber mit Ausnahme des Übersetzers Mohammed konturenlos.

Taliban-Krieger sterben in der Ferne

Das gilt auch für die angreifenden Taliban-Krieger, deren Kämpfen und Sterben anders gezeigt wird als das Sterben der im Vergleich weniger Verluste erleidenden US-Soldaten. Die GIs sind näher an der Kamera dran, ihre Verwundungen bekommen wir unmittelbar mit, während wir meist in der Totalen sehen, wie die sich recht leichtsinnig ohne Deckung nähernden afghanischen Gotteskrieger aus der Ferne niedergeschossen oder -gemäht werden, später auch durch Bombardements und heftigen Beschuss der US-Luftunterstützung umkommen. Beide Perspektiven erweisen sich als effektvoll. Die Angst und Todesgefahr der US-Soldaten ist hautnah zu spüren, während beim Anblick der Taliban die Frage aufkommt, ob sie für ihr Land gegen einen verhassten Eindringling oder für ihren fanatischen Glauben gegen Ungläubige kämpfen. So oder so sind sie offenbar bereit zu sterben – anders als die Amerikaner.

… schweren Beschuss und …

Die schauspielerischen Leistungen überzeugen. „The Outpost – Überleben ist alles“ geht als Ensemblefilm durch, wobei nicht alle der Soldaten markante Profile bekommen. Zwei der Rollen und ihre Darsteller stechen hervor: Caleb Landry Jones („Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“) verleiht seiner gebrochenen Figur Tiefe, und Scott Eastwood („Fast & Furious 8“), Sohn von Clint, zeigt, dass er das Zeug zum Actionstar hat, sein Staff Sergeant Romesha ist allerdings ein geradliniger Typ, was schauspielerisch keine große Herausforderung gewesen sein mag. Von Eastwood wie Jones können wir in Zukunft einiges erwarten. Mit Milo Gibson ist im Übrigen ein weiterer Filmstar-Sohn am Start – Mel ist sein Vater. Nebendarsteller James Jagger wiederum ist der Sohn von Mick Jagger und Jerry Hall.

Zu Ehren der gefallenen GIs

Rod Lurie zeichnet ein recht sauberes Bild des amerikanischen Soldatentums, ein paar Ecken und Kanten über die US-Boys in der fremden Kultur und ihre auch internen Konflikte werden angedeutet, aber nicht weiter ausbuchstabiert. Auf eine politische Einordnung verzichtet der Regisseur gänzlich, vielmehr ging es ihm augenscheinlich eher um die intensive Kino-Erfahrung. Wenn sich nach der Zurückschlagung der Taliban die Rauchschwaden verziehen, unterlässt es Lurie glücklicherweise, übertriebenes Pathos einzubauen. Hier passt sogar einmal der deutsche Titelzusatz „Überleben ist alles“. Wir werden nicht Zeugen eines heroischen Kampfes für die gute Sache, vielmehr geht es den Angegriffenen schlicht ums Überleben. Zu Helden stilisiert er die Soldaten erst am Ende, wenn er die militärischen Orden fein säuberlich denen zuordnet, die sie verliehen bekommen haben. Am Ende sogar mit Fotos der echten GIs, die am Hindukusch ihr Leben ließen.

Echte Veteranen als Komparsen

Das halbstündige „Behind the Scenes“-Featurette im Bonusmaterial der deutschen Blu-ray und DVD erlaubt interessante Einblicke in die Dreharbeiten und die Produktionsgeschichte. So wirkten echte Afghanistan-Veteranen beratend mit, die seinerzeit im „Combat Outpost Keating“ stationiert waren und den Angriff miterlebten. Einige übernahmen auch Komparsenrollen. „The Outpost – Überleben ist alles“ bietet trotz des realistischen Hintergrund einen willkommenen Action-Eskapismus in tristen Lockdown-Zeiten, wird bei Freunden des Kriegsfilm-Genres seine Fans finden und sich womöglich sogar zum kleinen Klassiker entwickeln.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Scott Eastwood und Caleb Landry Jones haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

… erleiden Verluste

Veröffentlichung: 28. Januar 2021 als Blu-ray und DVD

Länge: 124 Min. (Blu-ray), 120 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Outpost
USA/BUL 2019
Regie: Rod Lurie
Drehbuch: Paul Tamasy, Eric Johnson, nach der Vorlage „The Outpost: An Untold Story of American Valor“ von Jake Tapper
Besetzung: Scott Eastwood, Orlando Bloom, Caleb Landry Jones, Jack Kesy, Cory Hardrict, Milo Gibson, Jacob Scipio, Scott Alda Coffey, Taylor John Smith, Jonathan Yunger, Alexander Arnold, George Arvidson, Will Attenborough, James Jagger, Chris Born, Ahmad Sakhi, Jeremy Ang Jones, Trey Tucker, Sharif Dorani
Zusatzmaterial: Behind the Scenes (31 Min.), deutscher Trailer
Label/Vertrieb: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2021 EuroVideo Medien GmbH

 

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Gewinnspiel: 2 x Gewehre für Bengali auf Blu-ray

Verlosung

Als humanistisch gesinnter britischer Kolonialoffizier sieht sich Rock Hudson in „Gewehre für Bengali“ Mitte des 19. Jahrhunderts in Indien mit einem drohenden Volksaufstand und Ränkespielen um die Macht auf dem Subkontinent konfrontiert. explosive media hat das Abenteuer von 1954 kürzlich als Blu-ray und DVD veröffentlicht. Der Vertrieb Koch Films hat uns davon zwei Blu-rays zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank im Namen der kommenden Gewinnerinnen und Gewinner.

Teilnahmebedingungen

Zwar bringt es mir Spaß, Filme unter die Leute zu bringen, weil sich die überwältigende Mehrzahl der Gewinnerinnen und Gewinner aufrichtig freut und höflich bedankt. Dennoch geht der Versand etwas ins Geld, zumal „Die Nacht der lebenden Texte“ nach wie vor keinen Cent Ertrag abwirft (die unten ab und zu eingeblendete Werbung schaltet WordPress). Daher: Auf völlig freiwilliger Basis darf mir jede/r Gewinner/in gern anbieten, das Porto in Höhe von 1,55 Euro zu übernehmen – oder höher beim Wunsch nach versichertem Versand. Gebt mir das aber bitte nicht schon im Kommentar mit eurer Antwort bekannt, sondern erst im Gewinnfalle. Ich will nicht in Verdacht geraten, die Sieger danach zuzuteilen.

Zwecks Teilnahme am Gewinnspiel begebt Ihr euch zu Ansgars Rezension des Films und beantwortet dort (also nicht hier unter dem Gewinnspiel) bis Sonntag, 23. August 2020, 22 Uhr, im Kommentarfeld die Frage im letzten Absatz des Textes.

Seid Ihr dazu nicht in der Lage, so schreibt das einfach hin. Alle veröffentlichten Antworten landen im Lostopf. Nicht verzweifeln, wenn Ihr euren Kommentar nicht sogleich erblickt – aus Sicherheitsgründen schalten wir ihn erst frei. Das ist aber Formsache.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert). Gewinnerinnen oder Gewinner, die sich drei Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht gemeldet haben, verlieren den Anspruch auf die Blu-ray. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Nur eine Teilnahme pro Haushalt. Ich behalte mir vor, Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht für den Lostopf zuzulassen oder ihnen im Gewinnfall nachträglich den Preis abzuerkennen, sofern mir Mehrfachteilnahmen unter Alias-Namen unterkommen. Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner/innen werde ich im Lauf der Woche nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie auch per E-Mail benachrichtigen.

Gewonnen haben

– Benjamin Meißner,
– Robert Schade.

Herzlichen Glückwunsch! Ihr werdet benachrichtigt.

Die Rezension von „Gewehre für Bengali“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

 

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Das Boot – Die komplette erste Staffel: Auf Feindfahrt im Atlantik

Das Boot – Die komplette erste Staffel

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama-Serie // Um gleich mit einem stellenweise verbreiteten Irrtum aufzuräumen: Bei der Fernsehserie handelt es sich mitnichten um ein Remake von Wolfgang Petersens „Das Boot“ von 1981, auch nicht um eine Neuverfilmung von Lothar-Günther Buchheims Roman von 1973; wir haben es vielmehr mit einer neuen Geschichte zu tun, die im Kriegsjahr 1942 beginnt, mithin ein Jahr nach den Ereignissen von Petersens Film.

Ein deutsches U-Boot sinkt

Das deutsche U-Boot „U 113“ gerät auf Feindfahrt im Atlantik unter Beschuss eines Kampfflugzeugs der Alliierten. Dabei geht Korvettenkapitän Ulrich Wrangel (Stefan Konarske) über Bord. Die „U 113“ taucht ab, wird aber schließlich von Wasserbomben tödlich getroffen und sinkt mit Mann und Maus auf den Meeresgrund.

Neues Kommando „U 612“

Die im französischen Hafen von La Rochelle stationierten U-Boote stehen kurz vor neuen Einsätzen. Fregattenkapitän Heinrich Gluck (Rainer Bock) klagt gegenüber Kriminalrat Hagen Forster (Tom Wlaschiha) von der Gestapo über die Probleme, für die neu in Dienst gestellten Unterwasserfahrzeuge erfahrene Besatzungen zu bekommen. Der junge Kapitänleutnant Klaus Hoffmann (Rick Okon) bekommt das Kommando über die funkelnagelneue „U 612“ übertragen. Kurz vor dem Auslaufen muss er noch der Hinrichtung eines Untergebenen beiwohnen, der vom Kriegsgericht wegen Feigheit zum Tode verurteilt wurde. Hoffmanns Aussage hatte maßgeblich dazu beigetragen. Als 1. Wachoffizier wird dem Kapitänleutnant der Oberleutnant zur See Karl Tennstedt (August Wittgenstein) zugeteilt, der mehr Erfahrung als Hoffmann hat und selbst auf ein U-Boot-Kommando gehofft hatte.

Für ihn überraschend wird Oberfunkmaat Frank Strasser (Leonard Scheicher) an Bord beordert. Sein Vorgänger hat bei einem Unfall an Bord gerade schwere Brandverletzungen davongetragen. Strassers Schwester Simone (Vicky Krieps) ist erst kurz zuvor in La Rochelle eingetroffen. Die Elsässerin ist als Übersetzerin zur Kommandantur der deutschen Besatzer in La Rochelle versetzt worden.

Vom Kinohit zur Serie

Kinohits zu Serien auszuwalzen – der Trend ist also auch nach Deutschland geschwappt. In den USA geht das oft mit anständigem „Production Value“ einher, und das kann auch für die erste Staffel von „Das Boot“ konstatiert werden. Die Ausstattung wirkt wertig und authentisch, sofern ich das als Laie beurteilen kann. Bezüglich der Sprachfassungen auf Blu-ray und DVD empfehle ich im Übrigen diejenige, in der die Figuren je nach Situation und Herkunft deutsch, französisch oder englisch sprechen. Wenn alle deutsch sprechen, wirkt das im La Rochelle der Kriegsjahre absurd.

Beim Bordellbesuch der niederen Dienstgrade in der Nacht vor dem Auslaufen ertönt „J’attendrai“ von Rina Ketty, das auch im 1981er-Film zu hören war. Keine Frage, die Serie will den Geist des großen Vorgängers verströmen. Das gelingt im Einzelfall auch mal recht anständig, etwa in der Einstiegssequenz, wenn die Männer in „U 113“ angstvoll das Detonieren der Wasserbomben erwarten. Insgesamt ist Wolfgang Petersens Meisterwerk aber natürlich eine viel zu hohe Messlatte. Es zählt zu den Glanztaten der deutschen Kino- und Fernsehgeschichte, ob in der ursprünglichen Kinofassung von 1981, als TV-Mehrteiler von 1985 oder im Director’s Cut von 1997. Mehr geht nicht, was die Darstellung der Erlebnisse einer deutschen U-Boot-Besatzung im Zweiten Weltkrieg angeht.

Kaleun Hoffmann (r.) und sein „Eins WO“ Tennstedt …

An einem derart großen Vorbild zu scheitern, ist halb so wild, da ja auch unterhalb dessen viel Luft für hohe Qualität ist. Leider hat die Serie einige andere Probleme. Eines davon kann man mit einem Vergleich der Crews der beiden im Fokus stehenden U-Boote belegen: Bei Petersens „U 96“ hatten wir Charakterköpfe wie Jürgen Prochnow, Klaus Wennemann, Martin Semmelrogge, Erwin Leder, Heinz Hoenig, Claude-Oliver Rudolph, Jan Fedder, Ralf Richter und dergleichen. Diese Kerle konnte man gut auseinanderhalten. Das kann man von der Crew von „U 612“ nicht behaupten. Am meisten heraus sticht hier noch der Torpedo-Obermechanikermaat Josef Wolf (Klaus Steinbacher) heraus. Das liegt zum einen an seinem breiten bayrischen Akzent, zum anderen daran, dass er ein absoluter Unsympath ist, von dem anzunehmen wäre, dass ihm seine Kameraden beizeiten die Hammelbeine lang ziehen, was leider unterbleibt. Dass die Crew weniger Ausstrahlung hat, wird zwar sogar logisch erklärt, da wie erwähnt ein Kriegsjahr ins Land gezogen ist und nun „Grünschnäbel“ anmustern. Es bleibt aber ein Manko. Da helfen auch ein paar zotige Sprüche unter Deck nichts, die doch daran erinnern, was die Kerle an Bord der „U 96“ für wunderbare Typen waren.

Die Stimmung richtet sich gegen den Kaleun

Als Unruhestifter erweist sich auch ausgerechnet „Eins WO“ Tennstedt, der aus persönlichen Motiven fast schon offen Befehle seines Kaleuns in Frage stellt und ihm Informationen vorenthält. Das ist zur Verschärfung der heiklen Situation an Bord aus dramaturgischen Gründen erforderlich, was ich nicht weiter ausführen will, um Spoiler zu vermeiden; es überzeugt aber ganz und gar nicht. Völlig unvermittelt aufgrund von ein paar Gerüchten schlägt an Bord plötzlich die Stimmung zuungunsten des Kommandanten um. Das wirkt schlicht herbeifabuliert. Dem Darsteller August Wittgenstein ist das nicht anzulasten, er verleiht seiner Figur Tennstedt das Profil, das sie laut Drehbuch haben soll. Kaleun Hoffmann ist da nachvollziehbarer charakterisiert. Vielleicht Glück für Rick Okon, der so gegenüber Wittgenstein profilierter wirkt.

… werden keine Freunde mehr

Um die Erlebnisse eines deutschen U-Boots im Zweiten Weltkrieg auf Serienlänge zu strecken, ohne dass es langweilig wird, muss man die enge Röhre des Gefährts zwangsläufig häufig verlassen. An verschiedenen Handlungssträngen und -orten ist nichts auszusetzen, sofern sie ein schlüssiges Ganzes ergeben. Das ist hier nicht gegeben, speziell die Verbindungsglieder wirken arg zurechtgeschustert: Von der „U 612“ geht es über die Strasser-Geschwister schnurstracks zum französischen Widerstand. In dieser Gemengelage beginnt obendrein plötzlich eine lesbische Romanze, die in meinen Augen aufgesetzt wirkt und die Story nicht voranbringt. Später wird anderswo jemand vom Saulus zum Paulus, ohne dass sich diese charakterliche Entwicklung angedeutet hätte.

Der großindustrielle Strippenzieher

Den Vogel schießt ein weiterer Nebenstrang rund um den Amerikaner Samuel Greenwood (Vincent Kartheiser) ab, dessen Vater (Kevin McNally) sich als Großindustrieller entpuppt, der munter bei Hitlers Aufrüstung als Finanzier mitgewirkt hat. Was soll das denn plötzlich? Leutselig darf Greenwood seinen Opportunismus verkünden – ihm geht es nicht um sein Land, sondern um sein Bankkonto. Dass ihm zuvor schon unterstellt wurde, ein Jude zu sein, passt da ins miese Bild. Nichts für ungut, aber dem Publikum so nebenbei Geschichtsklitterung unterzujubeln, geht gar nicht. Das Ganze muss auch noch von Greenwood selbst ausgiebig erläutert werden, weil es sich im Gesamtszenario nicht inszenieren lässt. Solche Erklärszenen schaden immer, so auch hier.

Was geschah in der Atlantikschlacht?

Die deutschen U-Boote hatten das Vereinigte Königreich eine Weile auf üble Weise im Würgegriff. Ich weiß nicht, wie viel Tonnage in Form der allierten Versorgungs-Geleitzüge die „grauen Wölfe“ auf den Grund des Ozeans geschickt haben und wie viele Menschen das das Leben gekostet hat (die deutschen U-Boot-Fahrer hatten selbst enorme Verluste). Fest steht, dass die Atlantikschlacht ein höchst bedeutsamer Kriegsschauplatz war. Darum geht es in der Serie aber gar nicht, darüber erfahren wir nichts. Auch nichts von den Entbehrungen und der Angst und der Enge, der die Männer an Bord immer wieder über Wochen ausgesetzt waren. Wolfgang Petersen hat das 1981 hinbekommen.

Wie wird es weitergehen?

Langsam wird es Zeit, auch mal wieder etwas Positives zu schreiben: Über die gesamten acht Episoden der ersten Staffel gibt es immer wieder intensive Szenen, die mich in ihren Bann gezogen haben. So konstruiert einiges auch erscheinen mag, ist all das doch fesselnd genug inszeniert, um dranbleiben zu wollen. Was wird aus Kaleun Hoffmann? Ich will es wissen. Welche Facetten wird Gestapo-Mann Hagen Forster noch offenbaren? Ich will es wissen. „Game of Thrones“-Star Tom Wlaschiha hat gegenüber seiner mysteriösen Rolle in der Fantasy-Serie etwas Bauch zugelegt, das macht sein Charisma aber nicht minder faszinierend. Forster behandelt sie Übersetzerin Simone Strasser mit großem Respekt, macht ihr sehr behutsam den Hof und hat frühzeitig zu erkennen gegeben, wozu er fähig ist. Vielleicht der interessanteste Charakter der Serie.

Übersetzerin Simone Strasser hat einen heiklen Posten

Man kann meine Kritikpunkte ignorieren und die Serie „Das Boot“ als die aufwendige deutsche Produktion genießen, die sie ist. Regisseur Andreas Prochaska („Das finstere Tal“) hat sich damit für weitere hochkarätige Aufgaben empfohlen. Dennoch: Als internationale Produktion in La Rochelle, München, Prag und auf Malta gedreht, ist sie für den Weiterverkauf in andere Märkte ausgerichtet. Das merkt man der Serie an, ich hatte oft den Eindruck, ein Produkt zu schauen. Kein Vergleich mit Petersens Geniestreich. Ob ich die zweite Staffel auch schauen werde? Ich bin unschlüssig. Vielleicht nutze ich die Zeit lieber, mal wieder das Original zu schauen.

Die Episoden der ersten Staffel:

1. Neue Wege
2. Geheime Missionen
3. Verluste
4. Zweifel
5. Loyalität
6. Gegen die Zeit
7. Verdammt
8. Abrechnung

Veröffentlichung: 6. Dezember 2019 als Limited 4-Disc Special Edition Blu-ray (Digipack im Schuber), 3-Disc Edition Blu-ray und 3-Disc Edition DVD

Länge: 480 Min. (Blu-ray), 461 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Deutsch/Englisch/Französisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Das Boot – Die komplette erste Staffel
D/CZ 2018
Regie: Andreas Prochaska
Drehbuch: Tony Saint, Johannes W. Betz, nach Motiven der Romane „Das Boot“ und „Die Festung“ von Lothar-Günther Buchheim
Besetzung: Tom Wlaschiha, Thierry Frémont, Rick Okon, August Wittgenstein, Leonard Scheicher, Franz Dinda, Robert Stadlober, Marvin Linke, Fleur Geffrier, Julius Feldmeier
Zusatzmaterial: Interviews mit den Darstellern, Regisseur und Experten, Making-of, Dokumentation „Entscheidung im Atlantik“, 48-seitiges Booklet
Label/Vertrieb: Bavaria Fiction GmbH, WDR mediagroup GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos, Packshots & Trailer: © 2019 Bavaria Fiction GmbH, WDR mediagroup GmbH,
Szenenfotos auch: © Nik Konietzny

 

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