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Der Pazifikkrieg (IV): Die Hölle sind wir – Entstehung und Zerstörung von Gesellschaft

Hell in the Pacific

Von Lucas Gröning

Kriegs-Abenteuer // Egoismus ist wohl eine der hinderlichsten Eigenschaften, wenn es um die zivilisierte Koexistenz von uns Menschen geht. Sehen wir uns bereits im Kindergarten mit dem täglichen Streit rund um das attraktivste Spielzeug konfrontiert, weiten sich diese Konflikte mit dem Erwachsenwerden auf wesentlich größere und bedeutendere Aspekte aus. Sicher, Egoismus hat auch eine Menge positiv-konnotierter Eigenschaften. Wenn ich beispielsweise gewillt bin, meine eigenen Bedürfnisse dem Gemeinwohl unterzuordnen, woher will ich wissen, dass meine Mitmenschen diese Bereitschaft ebenfalls aufbringen? Ein gesunder Drang, die eigenen Interessen nach vorn zu stellen, gehört angesichts dieser Ungewissheit zum absolut natürlichen und moralisch gerechtfertigten Denken und Handeln eines jeden Menschen dazu, zumal der in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht geforderte Konkurrenzkampf, gerade in westlichen Gesellschaften, dies systematisch voraussetzt. Damit gesellschaftliches Zusammenleben funktionieren kann, braucht es jedoch ein kontrolliertes Unterordnen der eigenen Bedürfnisse, wozu es wiederum Regeln benötigt, auf die sich eine Gesellschaft einigen muss.

Ein amerikanischer Soldat trifft auf einer Insel …

Ein kompliziertes Thema, welches sich John Boorman mit „Die Hölle sind wir“ zu eigen gemacht und, das sei vorweggenommen, auf großartige Weise bearbeitet hat. Im Dezember 1968 in Japan und den USA gleichermaßen im Kino gestartet, bildet „Die Hölle sind wir“ Boormans dritte Kino-Regiearbeit nach der Musikkomödie „Fangt uns, wenn ihr könnt“ (1965) und dem knallharten Gangster-Thriller „Point Blank“ (1967). Später inszenierte er unter anderem das beinharte Survival-Abenteuer „Beim Sterben ist jeder der Erste“ (1972), den postapokalyptischen Science-Fiction-Film „Zardoz“ (1974), das missratene Horror-Sequel „Exorzist II – der Ketzer“ (1977) und mit „Excalibur“ (1981) eine der besten Verfilmungen der Sage um König Artus und die Ritter der Tafelrunde.

Die Schauspielgrößen Lee Marvin und Toshirō Mifune

Als einzige Darsteller für „Die Hölle sind wir“ wurden die beiden Schauspiellegenden Lee Marvin und Toshirō Mifune verpflichtet. Als Marvins größter Erfolg zählt der Kriegs-Actionreißer „Das dreckige Dutzend“ (1967), im selben Jahr hatte er für „Point Blank“ erstmals mit Boorman zusammengearbeitet. 1962 war er in der Rolle des bösartigen Revolvermanns Liberty Valance in John Fords „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ an der Seite von James Stewart und John Wayne zu sehen. Ebenfalls ein Revolvermann, allerdings ein versoffener, war er 1965 in „Cat Ballou – Hängen sollst du in Wyoming“. Für die Hauptrolle gab’s im selben Jahr den Silbernen Bären der Berlinale und 1966 Oscar und Golden Globe. Mifune wiederum erlangte vor allem Bekanntheit durch seine häufige Zusammenarbeit mit Regielegende Akira Kurosawa, unter anderem spielte er Hauptrollen in dessen Meisterwerken „Rashomon“ (1950) und „Die sieben Samurai“ (1954). Für „Die Hölle sind wir“ trafen diese beiden großartigen Schauspieler nun aufeinander und legten damit den Grundstein für einen fantastischen Film.

Kampf um die Hegemonie

Die Geschichte ist oberflächlich betrachtet relativ einfach und unkompliziert. Wir befinden uns am Ende des Zweiten Weltkrieges auf einer Pazifikinsel. Unabhängig voneinander stranden dort ein amerikanischer (Lee Marvin) und ein japanischer Soldat (Toshirō Mifune), deren einzige Gemeinsamkeit zunächst der verzweifelte Kampf ums Überleben scheint. Irgendwann begegnen die Protagonisten einander und es kommt zu Konflikten. Bei beiden herrscht nach einem langen und qualvollen Krieg der Hass auf das jeweils andere, ideologisch konstruierte Feinbild, welches unmittelbar auf das Gegenüber projiziert wird. Diese Projektion, in Verbindung mit dem unbedingten Willen, das eigene Leben zu erhalten, führt zu einem unerbittlichen Kampf um die knappen Ressourcen, die die Insel den beiden zur Verfügung stellt. Es führt zu einem rein egoistischen Kampf um das eigene Wohl. Wenn der eine beispielsweise eine Möglichkeit gefunden hat, sauberes Wasser zu generieren, will er diese Errungenschaft nicht mit dem anderen teilen. Hat der andere ein Tier zum Essen erbeutet, teilt er die Nahrung nicht mit seinem Gegenüber.

… auf einen japanischen Soldaten

Was wir hier augenscheinlich sehen, ist ein Konkurrenzkampf um die begrenzten Güter der Insel, der sich problemlos auch auf moderne Gesellschaften übertragen lässt. Auch wir stehen in gewisser Weise auf dem freien Markt ständig in Konkurrenz zu unseren Mitbewerbern. Auch wir streben nach unserem Vorteil in der Gesellschaft und stellen für unser eigenes Wohlsein andere Existenzen hinten an. Aufgrund der Begrenzung des Wohlstands versucht ein jeder, das Beste für sich selbst und vielleicht noch seine Angehörigen herauszuholen. Die „Verlierer“ dieses Kampfes fallen hinten herunter und haben es entprechend schwer, sich aus einer schwachen Position heraus eine wohlhabendere Stellung in der Gesellschaft zurückzuholen. Das Ergebnis ist somit Klassismus und der daraus folgende marxistische Begriff des Klassenkampfes. Einen ebensolchen Konflikt zeigt uns „Die Hölle sind wir“, und lange Zeit bleibt offen, wer diesen Kampf schlussendlich gewinnen wird. Der Film kam im Übrigen nicht mit dem von John Boorman vorgesehenen Ende in die Kinos, da die Produzenten das Finale veränderten – kurioserweise, indem sie eine Szene aus Blake Edwards’ „Der Partyschreck“ (1968) einfügten. Die vom Regisseur präferierte Schlussszene findet sich im Bonusmaterial der DVD von Pidax Film. Wer kein Problem mit Spoilern hat, kann die Unterschiede im Schnittbericht nachlesen. Das ursprüngliche Drehbuch enthielt gemäß Trivia der Internet Movie Database sogar ein ganz anderes Ende: Danach war vorgesehen, dass Lee Marvins Figur von japanischen Soldaten gefangen genommen wird und Toshirō Mifunes Soldat seinen Leidensgenossen bald darauf geköpft vorfindet, woraufhin er die Soldaten angreift und seinerseits köpft. Boorman entschied sich jedoch, diese Szene nicht zu drehen.

Das Unterordnen von Egoismen

Mit zunehmender Spieldauer müssen wir feststellen: Es gibt in diesem Szenario keine Gewinner. Angesichts der begrenzten Ressourcen kann nur die Zusammenarbeit beider Parteien das gemeinsame Ziel des Überlebens sichern. Ermüdet und gezeichnet vom ständigen Kampf gegeneinander, raufen sich die Protagonisten zusammen und beschließen, die Flucht von der Insel und die Rückkehr in die Zivilisation geminsam anzugehen. Durch das nun vorherrschende Motiv des zurückgestellten Egoismus ist nun ein Zusammenkommen beider Menschen, ja sogar die Bildung einer Gesellschaft und ein damit einhergehender Fortschritt möglich. Einen Schlüssel bildet hier das erneute Stellen der Eigentumsfrage. Arbeitete zunächst jeder der beiden ausschließlich für sich selbst und für seinen eigenen privaten Wohlstand, dienen die neu erbeuteten Ressourcen nun jeweils beiden Protagonisten. Somit wird aus dem selbst erarbeiteten Privateigentum Kollektiveigentum, gleichbedeutend mit dem Bilden von Gemeinschaft und dem Ablegen jeglicher egoistischer Züge. Somit haben sich die Soldaten auf eine neue Regel verständigt, und die Neuklärung der Eigentumsverhältnisse in ihrer minimalen Gemeinschaft in gewisser Weise politisiert.

Vom Ablegen der Feindbilder

Darüber hinaus legen die Soldaten neben ihren egoistischen Trieben auch ihre ideologiegeleiteten Feindbilder ab. Es wird immer gleichgültiger, dass es sich bei dem einen um einen amerikanischen und bei dem anderen um einen japanischen Soldaten handelt und sich beide Parteien im Pazifik im Krieg befinden. Fast beiläufig werden die Ideologien zugunsten eines gesellschaftlichen Zusammenlebens und Fortschritts über Bord geworfen, was die Unwichtigkeit und Sinnlosigkeit dieser Ideologien in einem übergeordneten Kontext unterstreicht. Neben der Bildung einer Gesellschaft und der Entwicklung des Zusammenlebens gibt dieser Aspekt „Die Hölle sind wir“ eine weitere Dimension und macht Boormans Werk auch zu einem Antikriegsfilm.

Es entbrennt ein ideologisch geprägter Überlebenskampf

Alles in allem sind dem Regisseur und seinem Team mit „Die Hölle sind wir“ ein fantastischer Film gelungen. Der Film nutz das Aufgreifen von Eigentumsfragen bei gleichzeitigem Hinterfragen von Wirtschaft, Hegemonie und Klassismus moderner, vor allem kapitalistischer Gesellschaften, um eben diese zu kritisieren und die Regeln, die dort vorherrschen, auf seine Art zu kommentieren. Zugleich wird der Film durch sein Szenario und die anfängliche Treue seiner Protagonisten zu vereinfachenden, verblendenden Ideologien zu einem Antikriegsfilm und setzt die sich im Krieg abspielenden Konflikte zugleich in den Kontext zum bereits angesprochenen Kampf um die Hegemonie in einer sich bildenden Gesellschaft. Doch Kampf und Krieg führen nicht zum Fortschritt oder der Verbesserung einer Gesellschaft, sondern tragen eher ihren Beitrag zur Zerstörung bei, so die unmissverständliche Botschaft des Films. Mittels minimalistischer Darstellung in Form zweier einfacher, maskenhafter Charaktere, deren durchgängiger Sprachlosigkeit, der räumlichen Einengung durch den Inselstrand und die Beschränkung bezüglich des dargestellten Zeitstrahls bricht der Film die Konflikte auf ein Minimum herunter und macht sie für jedermann verständlich. In diesem Minimalismus erreicht der Film eine Klarheit und zugleich eine Höhe, die man in vielen vergleichbaren, streckenweise überladenen Filmen vergeblich sucht. Das alles macht „Die Hölle sind wir“ zu einem großartigen und zugleich sehr unterschätzten Film, den aus meiner ganz persönlichen Sicht deutlich mehr Leute sehen sollten, als das bisher der Fall war.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lee Marvin und Toshirō Mifune haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 15. November 2019 und 24. August 2006 als DVD

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Hell in the Pacific
Alternativer deutscher DVD-Titel: Hell in the Pacific – Zwei Männer zwischen Krieg und Hölle
USA 1968
Regie: John Boorman
Drehbuch: Alexander Jacobs, Eric Bercovici
Besetzung: Lee Marvin, Toshirō Mifune
Zusatzmaterial: Interview mit Regisseur John Boorman, Interview mit Art Director Anthony Pratt, alternatives Ende, Wendecover
Label 2019: Pidax Film
Vertrieb 2019: Studio Hamburg Enterprises
Label/Vertrieb 2006: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2019 by Lucas Gröning
Szenenfotos: © 2019 Pidax Film

 

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Gesprengte Ketten – Drei Tunnel bis zur Freiheit

The Great Escape

Von Ansgar Skulme, der damit seinen 125. Beitrag für „Die Nacht der lebenden Texte“ abliefert. Respekt! Wir freuen uns aufs nächste Jubiläum.

Kriegs-Action // Um ständige Ausbruchsversuche von Luftstreitkräfte-Soldaten in diversen Gefangenenlagern zu unterbinden, hat sich Hitler-Deutschland nach einigen Kriegsjahren eine gewagte Strategie überlegt: Zahlreiche der bisher auffälligsten Ausbrecher auf alliierter Seite werden in einem besonders ausgeklügelt bewachten Lager zusammengefasst. Akt der Verzweiflung oder genialer Plan? Heikel nur, dass bei den Besten der Besten auch der Drang, das Unmögliche zu schaffen, naturgemäß unberechenbar ist. Lieber nichts noch so halsbrecherisch Erscheinendes unversucht lassen, um auszubrechen, als die Zeit sinnlos zu verschwenden. Zumal es die Pflicht eines jeden gefangenen Soldaten ist, beim Feind zumindest so viel Unruhe wie möglich zu stiften. Gemeinschaftlich wird angepackt, um rekordverdächtige 250 Menschen frei zu bekommen. Dafür werden, geschickt durch scheinbare Alltagsroutinen kaschiert, drei mögliche Fluchttunnel vorbereitet, die die Rufnamen „Tom“, „Dick“ und „Harry“ erhalten, was auf Deutsch so viel wie „Hinz & Kunz“ bedeutet.

John Sturges hatte schon eine ganze Weile vor, die wahre Geschichte dieses großen Ausbruchsversuchs aus dem Stalag Luft III filmisch aufzuarbeiten. Acht Jahre soll er die Idee mit sich herumgetragen haben, aber erst nach dem Erfolg seines Kultwesterns „Die glorreichen Sieben“ (1960) erteilte man ihm den Zuschlag für das Projekt – in angemessener Budget-Größe mitsamt namhafter britisch-amerikanisch-deutscher Besetzung. Gedreht wurde in der Nähe von München, als Vorlage diente ein Tatsachenbericht von Paul Brickhill. Der Autor des Buches wurde allerdings nicht ans Set eingeladen. Stattdessen setzte man über viele Monate auf die Dienste des Kanadiers Wally Floody, eines erfahrenen Ausbrechers, der ebenfalls im Camp bei den Vorbereitungen mitgearbeitet hatte, kurz vor der Realisierung des Ausbruchs allerdings verlegt worden war. Einer der zentralen Unterschiede zur wahren Geschichte ist, dass die Amerikaner im echten Leben offenbar alle um die Chance gebracht wurden, an dem von ihnen mit in die Wege geleiteten Massenausbruch teilzunehmen, da sie das Lager infolge von Verdächtigungen schon vorher verlassen mussten – in dieser oder ähnlicher Weise dürfte auch Floody betroffen gewesen sein.

Eine der Definitionsmöglichkeiten des „Männerfilms“

Die Figuren im Film wurden teils lose, teils eng an tatsächlich im Lager internierte Personen angelehnt. Unter anderem war Roger Bushell Vorlage für den von Richard Attenborough verkörperten Kopf der Mission, Roger Bartlett. Teilweise sind die Charaktere im Film auch Kombinationen aus mehreren Menschen, die für den Film gewissermaßen in einer Figur vereint wurden. Zumal es thematisch absolut Sinn ergab, brachte Sturges drei seiner sieben Glorreichen auch gleich mit in diese Produktion: Steve McQueen, Charles Bronson und James Coburn, deren größte Erfolge als Hauptdarsteller noch bevorstanden – vor allem bei Bronson und Coburn, die hier nach wie vor Nebendarsteller-Charakter haben und erst in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre den Durchbruch an die Spitze schafften.

Aus den glorreichen Sieben sind in dieser Geschichte, wenn man so will, nun mehrere Dutzend geworden; in einem anderen Genre versammelt. Erneut steht eine schier unmögliche Mission bevor. Die gesamte Handlung von „Gesprengte Ketten“ kommt, allenfalls abgesehen von kaum ins Auge fallenden Statistenrollen, ohne weibliche Figuren aus, da die Erzählung das Gefangenenlager erst mit Beginn des Ausbruchs verlässt und auch nicht mit Bewegtbildern in der Vergangenheit der Figuren gräbt. Der Verleih versuchte, John Sturges davon zu überzeugen, dass der Film finanziell erfolgreicher werden würde, sofern man Frauenrollen – selbst wenn notdürftig – hineinschrieb, doch Sturges blieb eisern. Ein „Männerfilm“ in Reinkultur also, wenn man so will, allerdings auch mit geschichtlicher Fundierung – maßgeblich geprägt von Schauplätzen, an denen es einfach keine Frauen gab – und nicht nur eines Selbstzwecks wegen. „Gesprengte Ketten“ ist darüber hinaus vor allem einer der handwerklich komplettesten Filme, die ich jemals gesehen habe. Ein absolutes Meisterwerk, das relativ viele Sparten – Action, Humor, Spannung, Coolness, Dynamik, prägnante Musik, Realitätsbezug usw. – bedient, in jeder einzelnen Kategorie funktioniert, dabei über die gesamte Länge von fast drei Stunden sämtliche Zügel beisammen hält und einfach wunderbar miteinander harmonieren lässt.

Wenn’s mal wieder schnell gehen muss …

Bevor ich einige dieser zahlreichen Vorzüge etwas näher beschreibe, nehme ich meinen einzigen einigermaßen gewichtigen Kritikpunkt gleich vorweg. Im Großen und Ganzen reißt mich dieser Film selbst nach mehrfacher Sichtung immer noch fast genauso mit wie beim ersten Mal und zieht mich mit seiner Spannung und der klugen Erzählweise so in seinen Bann, dass die rund 170 Minuten wie im Fluge vergehen. Einzig empfand ich bei den letzten Sichtungen als geringfügig störend, dass der Bau der Tunnel von innen nur ziemlich sprunghaft gezeigt wird. Die Gründe hierfür liegen aus meiner Sicht auf der Hand, da der Film ansonsten zum Beispiel noch länger als ohnehin schon geworden wäre. Wenn von einem Moment zum nächsten aber bereits das halbe Innenleben eines Tunnels geräumig ausgebaut ist, praktisch ohne dass man irgendjemanden so wirklich beim aktiven, beschwerlichen Befestigen und Abstützen des ja doch recht langen Fluchtwegs gesehen hat – schon eher beim Reagieren auf zwischenzeitliche Einstürze –, läuft „Gesprengte Ketten“ Gefahr, als hochgegriffen abgetan zu werden, hätte er die konkrete historische Anbindung eben nicht, die er hat. In dem Moment, in dem man hochnäsig belehrend einwenden könnte „Ja ja, erzählt nur! Drei Tunnel, warum nicht gleich fünf oder sechs, aber wie der Bau so schnell gehen soll, zeigt ihr kaum! Ist halt ein Film … in Wirklichkeit hätte das so niemals funktioniert!“, legt einem die wahre Begebenheit hinter dem Film glücklicherweise automatisch das Handwerk, aber dennoch bleibt das, was unter der Erde passiert, im Film aus meiner Sicht leider etwas zu abstrakt und komprimiert. Man wird den Eindruck nicht ganz los, dass die den Bereich unter der Erde simulierenden Sets etwas zu klein waren. Aber insbesondere bei der Erstsichtung wird dieser Aspekt von der Dynamik und Spannung der Handlung regelrecht aufgefressen. „Gesprengte Ketten“ überzeugt narrativ und emotional auf ganzer Linie fesselnd.

Wir sind alle „nur“ Menschen

Ein Faktor, der wohl maßgeblich dazu beiträgt, dass dieser Film dermaßen stark unter die Haut geht, ist die Menschlichkeit der Figuren, die hier in einer sehr nah gehenden, respektvollen Form bei wirklich jedem, der im Lager sein Dasein fristet, auf die eine oder andere Weise untermauert wird. Selbst die deutschen Soldaten, die die Gefangenen bewachen, werden relativ deutlich von Gestapo und SS abgegrenzt, was sich vor allem in Hannes Messemers großartiger Verkörperung des kriegsmüden Lagerkommandanten manifestiert, dessen letzte Szene selbst Steve McQueen mehr oder minder sprachlos zurücklässt. Der nachsichtige Blick auf das deutsche Volk zeigt sich aber auch in allen weiteren Bewacher-Rollen. All sie sind Deutsche, ihre Nation hat in diesem Krieg Schuld auf sich geladen, aber sie sind eben auch Menschen. Menschen, die sich mit den Gefangenen arrangieren, ohne dass es innerhalb des Lagers zu zur Schau gestellter brutaler Gewalt oder Hasstiraden kommt. Vielmehr wird die Zwangslage vieler Deutscher klargemacht, vor allem durch Robert Graf in der Rolle des Werner, der sein Leid klagt, solange es nur ja keiner mithört. Dabei wird aber auch – mit einem Augenzwinkern – nicht vergessen, dass das ständige Abducken sowie schlichte Feigheit nun wiederum auch keine Lösungen sein können, und dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte zwischen Dämonisierung und Freispruch liegen muss, wenn man die Rolle solcher Mitläufer bewertet. Der leider recht jung verstorbene Robert Graf war der Vater des renommierten Regisseurs Dominik Graf („Im Angesicht des Verbrechens“) und hatte zweifelsohne das Potenzial, in weiteren Hollywood-Filmen, in größeren Rollen als hier aufzutreten. Leider endete sein Leben schon Anfang 1966.

Hollywood-Luft für beliebte deutsche Schauspieler

Wie der Film die Deutschen einzuordnen versucht, weist aus meiner Sicht aber auch eine kleine, vielleicht im ersten Moment recht nebensächlich wirkende Szene sehr eindrücklich nach, in welcher der von Harry Riebauer gespielte, von den Gefangenen durchaus mit einer gewissen Furcht beäugte Hauptfeldwebel Strachwitz mit einer Mistgabel ins auf Lastwagen gestapelte Geäst sticht, um zu prüfen, ob sich darunter jemand versteckt, der fliehen will. Nicht etwa wird Riebauer hier zu einem Dämon mit Fleischerwerkzeug stilisiert, sondern stattdessen mit Hilfe der Musik ganz bewusst ein eher spaßiger Unterton in das Geschehen gemischt. Freud und Leid, Spaß und Ernst, Soldateneid und Menschlichkeit zeigen sich in diesem Film in einem stetigen Wechselspiel. Konsequenterweise endet die Handlung dann auch mit einer der Szenen im Bunker; ein Ort, der gewissermaßen zum Running Gag innerhalb dieser ebenso tragischen wie aber eben auch cool, spannend und actiongeladen inszenierten Geschichte wird. Nebst Harry Riebauer, der im Jahr 1963 unter anderem noch in einer Hauptrolle als Inspektor in dem Bryan-Edgar-Wallace-Film „Der Würger von Schloss Blackmoor“ zu sehen war – und sich dort gut im Fahrwasser von Vorbildern wie Joachim Fuchsberger und Heinz Drache verkaufte – kommt mit Heinz Weiss ein weiterer durch führende Rollen in deutschen 60er-Kriminalfilmen und später als „Traumschiff“-Kapitän bekannt gewordener Schauspieler zum Einsatz. Bei Weiss ist diesbezüglich allerdings nicht der Name Wallace ausschlaggebend, sondern seine Hauptrolle als Phil Decker in der Jerry-Cotton-Reihe.

Aber auch die dreckige, heimtückische Fratze des 40er-Deutschlands bekommt, besonders durch die Rollen der auf sehr unangenehm wirkende Fieslinge spezialisierten Charakterdarsteller Karl-Otto Alberty und Ulrich Beiger eindrückliche Gesichter und Stimmen. Wobei der Film auch hier sehr differenziert vorgeht: So wird dem aalglatt und überaus bösartig wirkenden, provokant aufgelegten, von Beiger gespielten Gestapo-Mann, der ziemlich ruhig agierende Hans Reiser vornan gestellt (beide ebenfalls sehr bekannte Gesichter für 60er-Deutsch-Krimi-Fans), und dem positive Emotionen zeigenden Lagerkommandanten, den Hannes Messemer spielt, mit Robert Freitag ein sehr ruhiger, fast schon profillos wirkender potenzieller Nachfolger auf die Nase gebunden. Ein klarer Fingerzeig dahingehend, dass auch die ganz normal und unscheinbar Wirkenden durchaus ihren Anteil am Desaster zu haben vermochten und nicht nur die, die jedes Schurkenklischee zu erfüllen scheinen.

Die sich für nichts zu schade sind …

Wie sich die Alliierten zusammenraufen und als verschworene Truppe präsentiert werden, beschert dem Film zunehmend Gänsehaut-Momente. Man hat das Gefühl, jeder würde sich für jeden opfern, obwohl Roger Bartlett (Richard Attenborough) und der invalide Ramsey (James Donald) beispielsweise ein deutlich anderes, strengeres Soldatenbild verkörpern als vor allem der freche Virgil Hilts (Steve McQueen). Der an Klaustrophobie leidende Danny (Charles Bronson) hat seinen Kumpel Willie (John Leyton), der ihn mit aller Macht – dabei sein eigenes Leben riskierend – davon abzuhalten versucht, aus Angst vor dem beengten Tunnel mit vielen Menschen, halsbrecherisch doch noch kurz vor Torschluss allein abzuhauen. Der allein kaum noch reisefähige Blythe (Donald Pleasence) muss um seine Teilnahme am Ausbruch fürchten, bis sich Hendley (James Garner) schützend vor ihn stellt. Ashley-Pitt (David McCallum) riskiert sein Leben im Handgemenge für Roger Bartlett, Hilts in einer ähnlichen Situation für den Maulwurf „Ives“ (Angus Lennie). Sogar einen Ausbruch mit freiwilliger Rückkehr – zwecks Einholung von dringend benötigten Informationen über die Lage außerhalb der Zäune – gibt es. Nicht jede Rettungsaktion, bei der ein Mensch aufopferungsvoll für den anderen in die Bresche springt – und das manchmal im wahrsten Sinne des Wortes – gelingt wie erhofft, aber der Überlebenswillen dieser Männer und dazu vor allem ihr unbändiger gegenseitiger Respekt vor der Bedeutung dieser Flucht für jeden Einzelnen bringen einen mehrfach zum Staunen und womöglich auch mal den Tränen nahe.

Neben den vielen sympathischen Figuren auf der Gefangenenseite und ihrem so oder so beispiellosen, äußerst ambitionierten Vorhaben, komplettieren ihre vielen schlauen Einfälle, ihr teils schlicht dreistes, nimmermüdes und gewitztes Vorgehen sowie die Musik von Elmer Bernstein den überragenden Spannungsaufbau in „Gesprengte Ketten“. Aus Bernsteins Kompositionen sticht besonders die ursprünglich rein instrumentale Titelmelodie hervor, die weltberühmt geworden ist und von Fußball-Fans in Großbritannien noch heute in Stadien nachgesungen wird. Der Nebendarsteller John Leyton, damals ein bekannter Sänger, brachte in Anbindung an den Kinostart außerdem eine um Text erweiterte Single heraus, dazu eine weitere Version mit deutschem Text („Eine kann meine nur sein“). Elmer Bernstein deckt von tragisch, ruhig und gruselig-düster über lustig und beschwingt bis hin zu furiosen Passagen das komplette Portfolio der Emotionen mit seinen Orchesterklängen, über die volle Distanz des Films, einfach großartig ab. Vom tragischen Tod eines Fliehenden, der das drohende Unheil nicht einmal kommen sieht, bis hin zu den lässigen Szenen mit Steve McQueen und seinem Baseball sowie den rasantesten Momenten des Films, in denen McQueen mit dem Motorrad der Schweiz entgegenprescht – Elmer Bernsteins Ideenreichtum und Musikgenie sind hier ein genauso starkes Statement wie zuvor bei seiner Arbeit an „Die glorreichen Sieben“. Gut und schön, dass mit John Sturges der Regisseur und drei der glorreichen sieben Darsteller hier wieder zusammenfanden, aber erst dadurch, dass auch Elmer Bernstein wieder mit dabei ist, entsteht wirklich der Effekt, dass „Gesprengte Ketten“ durchweg den ebenso aufopferungsvollen wie stilbildend coolen Esprit des vorausgegangenen, heute legendären Westerns atmet.

Cool, cooler, Bunker!

Dass Steve McQueen auch heute immer noch mit dem Spitznamen „The King of Cool“ tituliert wird, dürfte entscheidend seiner Rolle in „Gesprengte Ketten“ geschuldet sein, obwohl er diese nur unter der Bedingung angenommen haben soll, die spektakulären Motorrad-Szenen in die Story einbinden zu dürfen und am Set immer wieder Abstand zu den anderen Mitwirkenden hielt. Er wollte der Held sein und zeigte daher des Öfteren seinen Unmut über Handlungsabläufe, die ihm nicht gefielen. Vor allem Richard Attenborough machte er sich damit nicht zum Freund, wobei die Meinungsverschiedenheiten wohl auf Diskussionsebene blieben. Recht viele Diskussionen allerdings, wie es scheint. Offenbar wurde McQueens Part auch erweitert, nachdem er, aufgrund zu weniger Präsenz innerhalb der Handlung, komplett abzuspringen drohte. Die geringen zeitlichen Spielräume beim Unterbringen so vieler Figuren in einer Filmhandlung bilden eine Problematik, die wegen der Vielzahl an ambitionierten Schauspielern, von denen etliche schon bald Stars wurden, wenn sie es nicht ohnehin schon waren, vor allem in einem Film wie „Gesprengte Ketten“ nur schwer zu vermeiden war, da schließlich keiner von ihnen unter den Tisch fallen durfte, nicht nur Steve McQueen. Kurios ist das insofern, als einer der Gründe, weshalb sich Richard Harris vorab aus dem Projekt zurückzog, war, dass ihm die Verkleinerung seines Parts nicht gefiel – er hatte ursprünglich die Rolle des Roger Bartlett spielen sollen. Änderungen, die vermutlich vor allem zugunsten von Steve McQueen gemacht worden sind. Unklar bleibt, ob Harris’ Nachfolger Richard Attenborough in dem Film also überhaupt zu sehen wäre, hätte Steve McQueen keine Unruhe bezüglich der Filmhandlung und der Gewichtung der Figuren gestiftet – so fordernd die Zusammenarbeit mit McQueen am Set für Attenborough dann auch gewesen sein mag.

Im Abspann des Films werden die Figuren allesamt mit ihren Namen und Spitznamen genannt. Dabei kommt McQueen die Bezeichnung „The Cooler King“ zu, was man zwar als „Der coolere König“ lesen kann, wobei es aber eigentlich „Bunkerkönig“ bedeutet. In der Originalfassung sagen die Deutschen im Lager anstelle des prägnanten „Bunker!“ stets „Cooler!“ zu ihm. Ganz offensichtlich wurde aus „The Cooler King“, dem König des Bunkers, dann später „The King of Cool“, der König der Coolness – wofür er ja gewissermaßen auch mit jedem seiner Filme, spätestens seit „Die glorreichen Sieben“, zunehmend Anlass gab. Ein als solcher bereits angekommener Topstar war Steve McQueen zum Zeitpunkt der Produktion von „Gesprengte Ketten“ aber in jedem Fall noch nicht, was unter anderem an dem Aspekt deutlich wird, dass James Garner – der neben McQueen die mit Abstand größte US-amerikanische Rolle im Film spielt – eine deutlich höhere Gage erhielt. Zumindest seinen Ansprüchen an die von ihm ersehnten Motorrad-Szenen dürfte McQueen, unabhängig vom teils enttäuschten Blick auf den Umfang seiner Rolle, in jedem Fall gerecht geworden sein. Nur an einem besonders spektakulären Sprung gen Ende scheiterte er beim Versuch und ließ sich hierbei deswegen schließlich von Bud Ekins doubeln. Stattdessen doubelte McQueen selbst wiederum einen der Verfolger, jagte sich also – dem Schnitt und unterschiedlicher Kostümierung sei Dank – kurze Zeit praktisch selbst über die Leinwand. Unter dem Strich stieg Steve McQueen durch „Gesprengte Ketten“ schließlich zum Superstar auf und blieb bis zu seinem überraschend frühen Tod 1980 in dieser Liga. Kein Wunder also, dass Leonardo DiCaprios Rick Dalton dieser Rolle aktuell in Quentin Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“ nachtrauert – inklusive einer Szene, in der man DiCaprio an McQueens Stelle in einer Dialogsituation mit Hannes Messemer und Harry Riebauer sieht. Die modernste Tricktechnik macht es möglich – und lässt sogar einen Steve McQueen verschwinden, damit Rick Dalton wenigstens für einen kurzen Moment sein „Was wäre gewesen, wenn …“ innerhalb des Originalmaterials von „Gesprengte Ketten“ imaginieren kann. Natürlich eine „Bunker!“-Szene – und spätestens durch Tarantino und DiCaprio jetzt endgültig als Kult geadelt.

Er ist wieder da?!

Abgesehen von den besagten Ränkespielchen, die die Gesamtstimmung aber nicht wirklich gefährdet haben dürften, sind einige nette Details vom Set überliefert. So etwa, dass eine Art Gemeinschaftsevent daraus gemacht wurde, dass jeder Mensch, der sich vor Ort aufhielt, immer wieder ein kleines Stück zu einem sehr langen Stacheldraht für eine Szene beisteuern sollte, der aus Gummi gemacht wurde, damit man vor der Kamera gefahrlos hineinstürzen und sich darin verfangen konnte, ohne sich zu verletzen. Man ging also immer wieder zu diesem Gummi-Stacheldraht und knotete ein weiteres kleines Einzelteil daran. Eine andere Anekdote berichtet von einer Radarfalle unweit der Dreharbeiten. Bei dieser Verkehrskontrolle handelten sich viele Cast- und Crew-Mitglieder eine Strafe ein, wobei – wie konnte es anders sein – Steve McQueen mit der höchsten Geschwindigkeitsübertretung gemessen wurde. Zweifelsohne eine clevere Idee, allerdings auch nicht wirklich gastfreundlich, ausgerechnet im Umfeld einer solchen, die deutsche Geschichte aufarbeitenden Produktion zu blitzen – mit ungewöhnlich großen Männermengen am Set, bei denen man wohl auf Raser hoffte.

Zumal das Lager nicht am früheren Standort neu errichtet wurde, sondern man den Nachbau des im heutigen Polen gelegen gewesenen Stalag Luft III für diesen Film nahe der bayrischen Landeshauptstadt platzierte, wo für den Normalbürger erst recht nicht damit zu rechnen war, soll es ferner zu einem Vorfall mit einem verängstigten Passanten gekommen sein. Der Mann entwickelte, angesichts der eindeutig ausschauenden Kulisse, die er da beim Spazierengehen mit seinem Hund urplötzlich entdeckte, wohl ein schockiertes Gefühl von „Jetzt geht es wieder los …“ und zeigte sich enorm erleichtert, als er darauf hingewiesen wurde, es handle sich nur um ein Filmset. Wie tief der Rückgriff auf die Vergangenheit zu greifen vermochte, zeigt sich auch daran, dass die Schauspieler teils ihre eigenen Kriegserfahrungen in ihre Rollen und die Produktion einbringen konnten. So hatte James Garner während des Korea-Krieges ähnliche Aufgaben wie auch hier im Film übernommen. Donald Pleasence wurde offenbar phasenweise im Stalag Luft I gefangen gehalten – natürlich eng verwandt mit dem Stalag Luft III, von dem der Film handelt – und in Kriegsgefangenschaft Opfer von Folter. Seine Erlebnisse als Gefangener bei den Deutschen im Zweiten Weltkrieg führten, nach anfänglicher Skepsis seitens John Sturges, schließlich zu einer Art von beratender Tätigkeit am Set. Hannes Messemer gelang die Flucht aus sowjetischer Gefangenschaft, woraufhin er eine enorme Fußstrecke zurück nach Deutschland hinter sich brachte. Das, um nur drei Beispiele zu nennen.

Was zählt, ist die Mission!

Als Erfolg wird der Ausbruchsversuch in der historischen Rückbetrachtung eher nicht gewertet. Manchmal jedoch ist es erst die entstehende Legende, die das volle Potenzial einer Begebenheit entfaltet. 1986 und 2003 transformierte man „Gesprengte Ketten“ sogar in zwei Videospiele, von denen das zweite bereits kompatibel mit den heute noch gängigen Konsolenanbietern war. 1988 erschien außerdem eine zweiteilig angelegte Quasi-Fortsetzung des Films unter dem Titel „The Great Escape II: The Untold Story“, die in Deutschland „Gesprengte Ketten – Die Rache der Opfer“ genannt wurde – und die Legende noch weiter zu erzählen versuchte. Diese Produktion thematisiert allerdings auch den Ausbruch selbst und ist daher im Grunde weniger ein Sequel als eine Erweiterung und Ergänzung zum Film von 1963. An der Laufzeit von knapp drei Stunden kann man schon erkennen, dass es sich nicht um einen typischen Aufguss handelt, dem man plumpe Geldmacherei vorwerfen sollte. Mit Christopher Reeve, Judd Hirsch und Ian McShane konnten außerdem einige noch heute bekannte Schauspieler verpflichtet werden. Auch wurde bezüglich Glaubwürdigkeit vor der Kamera erneut Wert auf mehrere deutsche Schauspieler in der Besetzung gelegt, darunter Manfred Andrae, der mir vor allem aus früheren Zeiten als Synchronsprecher bekannt ist (unter anderem in „Gesprengte Ketten“ als Stimme von Gordon Jackson zu hören), und Martin Umbach, der wiederum erst später rege im Synchron aktiv wurde und noch bis heute sehr gefragt in dieser Branche ist – zum Beispiel als derzeit reguläre Stimme von Russell Crowe, Kenneth Branagh und anderen. Einer der Initiatoren der Wiederaufnahme des Stoffs für den Zweiteiler von 1988 war offenbar Jud Taylor, ein Schauspieler aus der 60er-Version, der sich mittlerweile aufs Regiefach verlegt hatte. Taylor hatte in „Gesprengte Ketten“ den dritten Amerikaner gespielt, der beispielsweise gemeinsam mit James Garner und Steve McQueen die Feier des Unabhängigkeitstages im Lager vorbereitet – in der 1988 erschienenen Neuverfilmung agierte er nun als Produzent und Regisseur der zweiten Hälfte der Geschichte, während Paul Wendkos („Die Rache der glorreichen Sieben“) den ersten Teil inszenierte. Als einziger weiterer Schauspieler aus der Besetzung von 1963 – neben Taylor, der aber hinter den Kulissen tätig war – wurde Donald Pleasence reaktiviert, diesmal allerdings in einer anderen Rolle.

Die i-Tüpfelchen

Dass man die deutsche Synchronfassung von „Gesprengte Ketten“ in München und nicht Berlin erstellen ließ, ist angesichts der Drehorte und angesichts der Tatsache naheliegend, dass man auch vor der Kamera auf in der Nähe ansässige deutsche Schauspieler zurückzugreifen versuchte, die sich schließlich auch für die deutsche Fassung selbst synchronisieren sollten. Die Besetzung von Klaus Kindler für Steve McQueen in diesem Film war zwar keine Premiere, bildete aber sicher den Grundstein dafür, dass er sich schließlich später als McQueens Stammstimme durchsetzen konnte, auch wenn es bis dahin leider noch etwas dauerte. Ein Grundstein für eine sehr populäre Figur wurde hier außerdem gelegt: Wolfgang Büttner sprach Donald Pleasence in „Gesprengte Ketten“ offenbar erstmalig. Es folgten ein weiterer Einsatz für Pleasence in München und nur ein einziger in Berlin – dieser aber in keiner geringeren Rolle als der des damals von Film zu Film immer wieder grundlegend anders aussehenden, von wechselnden Schauspielern verkörperten Superschurken Ernst Stavro Blofeld. Donald Pleasence spielte in „James Bond 007 – Man lebt nur zweimal“ den Blofeld mit Glatze und der berühmten Narbe im Gesicht, der als Vorbild für Dr. Evil in den späteren Austin-Powers-Persiflagen diente – und hatte in der deutschen Fassung die Stimme von Wolfgang Büttner, wie in „Gesprengte Ketten“. Der dem TV-Publikum in den 90ern als „Bergdoktor“ bekannt gewordene Gerhart Lippert ist in „Gesprengte Ketten“ darüber hinaus als Stimme von David McCallum zu hören. Heimliches Highlight der Synchronfassung ist für mich allerdings Paul Klinger, der zwar über 15 Jahre älter als Richard Attenborough war, aber wirklich fantastisch mit seiner Rolle und dem namhaften britischen Schauspieler vor der Kamera verschmilzt. Bedauerlich, dass Klinger ihn nur dieses eine Mal synchronisierte.

DVD-Veröffentlichungen des Films in Deutschland gibt es mittlerweile etliche, denn dass dieser Meilenstein allgemein einen sehr guten Ruf genießt, spiegelte sich unter anderem darin wider, dass man recht zeitig mit digitalen Veröffentlichungen begann – und schließlich gesellte sich dann auch eine Blu-ray dazu. Alles versehen mit reichhaltigem Bonusmaterial. Nichtsdestotrotz kann man im Ausland sogar noch lohnende Erweiterungen finden.

Enttäuschend erstaunlich bleibt am Ende des Tages nur, warum „Gesprengte Ketten“, trotz dass er auch kommerziell schon im Kino ein großer Erfolg war, bei den großen Preisverleihungen – ungeachtet des breit gefächerten Darsteller-Ensembles sowie mehrerer herausragender Leistungen auch hinter der Kamera – nahezu komplett ignoriert wurde. Beim Golden Globe 1964 gab es zumindest noch eine Nominierung als bester Film in der Kategorie Drama, bei den Oscars wurde lediglich der Schnitt nominiert. Wirkt alles sehr stiefmütterlich. Umso kurioser ist, dass der einzige wirkliche Sieg von Steve McQueen errungen wurde. Kurios aber natürlich nicht, weil McQueen für seine Darbietung in diesem Film keine Ehrung verdient gehabt hätte, sondern weil er den Preis ausgerechnet beim Internationalen Film-Festival in Moskau gewann – ausgerechnet für diese Rolle, für sein Porträt dieses immer wieder Regeln brechenden und frech seine Gegner provozierenden US-Amerikaners. Gerade aus McQueens Rolle kann man nun wirklich eine gewisse Attitüde nach dem Motto „Mir ist alles egal, außer Amerika und seinen Freunden!“ herauslesen. Und damit gewinnt man dann einen Schauspieler-Preis an solch einem Ort. In der Rolle eines selbstherrlichen Amerikaners, noch dazu in einem Kriegsfilm, den Pott und Respekt für die eigene Leistung aus Moskau erobern – das kann man mal gemacht haben! Das erscheint fast schon wie ein Zeichen der Versöhnung und Verbrüderung im Geiste, wenn es sich am Ende auf solch eine Weise fügt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Sturges sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Charles Bronson, James Coburn, Steve McQueen und Donald Pleasence unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 12. Juli 2013 als Blu-ray und DVD, 14. März 2008 als DVD („90 Jahre United Artists“-Sammeledition, Nr. 30), 30. April 2007 als „Cinema Premium“-Edition DVD, 27. April 2004 als „Gold Edition“ DVD, 17. Juni 2002 als 2-Disc Special Edition DVD, 1. Februar 2000 als DVD

Länge: 172 Min. (Blu-ray), 165 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Polnisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Englisch für Hörgeschädigte u. a.
Originaltitel: The Great Escape
USA 1963
Regie: John Sturges
Drehbuch: James Clavell, W. R. Burnett, nach einer Vorlage von Paul Brickhill
Besetzung: Steve McQueen, Richard Attenborough, James Garner, Donald Pleasence, Charles Bronson, James Donald, James Coburn, Hannes Messemer, David McCallum, Gordon Jackson
Zusatzmaterial: Audiokommentar, Hintergrund-Dokumentationen, Interviews, Original-Trailer
Label/Vertrieb: MGM / United Artists / 20th Century Fox (versionsabhängig, ggf. in Kooperation)

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Packshot Blu-ray: © 2013 MGM

 

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Inferno – Jules Verne, James Bond und Joe McCarthy

Hell and High Water

Von Ansgar Skulme

Kriegs-Spionagethriller // Angesichts einer wachsenden nuklearen Bedrohung nimmt ein Team um den Wissenschaftler Montel (Victor Francen) im Sommer 1953 privat finanziert alle denkbaren Risiken auf sich: In einer abgelegenen Inselregion Asiens bereiten die Chinesen offenbar einen Atombombenabwurf vor. Unklar ist allerdings, was genau vor sich geht, ebenso das Ziel des Anschlags. Professor Montel will daher gemeinsam mit seiner Assistentin (Bella Darvi) vor Ort herausfinden, was los ist. Er und der organisatorische Leiter der Expedition, Fujimori (Richard Loo), engagieren den früheren US-Navy-Offizier Adam Jones (Richard Widmark), um mit einem alten japanischen U-Boot und einer überwiegend nach den Wünschen des kommandierenden Offiziers zusammengestellten Besatzung ins Feindesland aufzubrechen.

Dicke Luft in den Tiefen des Meeres

Rot ist hier leider nicht nur die atmosphärische nächtliche Beleuchtung im U-Boot, sondern auch das Feindbild, auf das der Film Jagd macht. „Inferno“ ist ein gutes Beispiel dafür, dass man im Kino immer wieder zwischen ästhetischem und/oder erzählerischem Funktionieren, wenn nicht gar Brillieren, sowie inhaltlich-thematischer Relevanz unterscheiden muss. Ich mag diesen Film sehr gern und hatte ihn mir auch schon aus jungen Jahren in bleibender Erinnerung bewahrt, weil er sowohl spannend als auch visuell ansehnlich inszeniert und mit charismatischen, guten Schauspielern besetzt ist und zudem spektakuläre, im Gedächtnis bleibende Explosionen sowie dynamisch inszenierte Feuergefechte zeigt. Politisch jedoch ist er hanebüchen flach und naiv – was mir heute natürlich weit mehr als früher auffällt.

Du bist schuld! Nein, du!

Die Oscar-Nominierung für die Spezialeffekte gab es zu Recht – und das ist auch nicht der einzige hervorragende Aspekt an diesem von Samuel Fuller als Gefallen für 20th-Century-Fox-Legende Darryl F. Zanuck inszenierten Projekt. Auf eine Art tragisch allerdings ist, dass „Inferno“ somit eine Art Gegenleistung Fullers dafür war, dass Zanuck ihn gegenüber FBI-Chef J. Edgar Hoover verteidigt hatte, weil diesem Fullers „Polizei greift ein“ (1953) – ebenfalls mit Richard Widmark in der Hauptrolle – nicht patriotisch und vor allem FBI-freundlich genug war und Hoover in Fullers Arbeit schon damals offenbar generell zu viele eher linke Tendenzen sah. Zanuck nahm Fuller daraufhin in Schutz und so wollte dieser ihm den Wunsch nicht abschlagen, „Inferno“ zu inszenieren, wenn er denn wenigstens maßgeblich das ursprüngliche Drehbuch umgestalten durfte.

Widerstand gegen die Feindesgewalt

Bedeutet im Rückschluss: Fuller inszenierte einen antikommunistischen Film wie „Inferno“, der den Kommunismus – oder um im Jargon des Films zu bleiben: die „Roten“ – pauschal und ohne Gründe zu nennen als gesichtsloses Feindbild darstellt, das zu äußersten Mitteln zu greifen bereit ist. Und das als Dank dafür, dass Zanuck ihn vorher Filme hatte machen lassen, die tendenziell eher das Gegenteil aussagten und zumindest keine Werbung fürs Vaterland in dem Sinne waren, wie es der FBI-Chef am liebsten gesehen hätte; und als Dank dafür, dass Zanuck diese Projekte sogar gegenüber Hoover verteidigte. Spätestens am Set von „Inferno“ hätte Fuller durchaus die Zeichen der Stunde anders verstehen können, denn dort erfuhr er, dass er für „Polizei greift ein“ mit dem Bronzenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig ausgezeichnet worden war (ein Goldener Löwe wurde bei dieser Preisverleihung nicht vergeben, nur silberne und bronzene) – mochte J. Edgar Hoover den Film nun verabscheut haben oder nicht. Trotzdem aber geriet Fullers erster Film nach der Auszeichnung von Venedig dann zum antikommunistischen Reißer – ein „Inferno“ also in jedem Fall, auf welche Art nun auch immer man es betrachtet.

Fullers Richtungswechsel wirkt zumindest auf den ersten Blick ein wenig enttäuschend – wie ein Hürdenläufer, der sich nach Überwinden aller Hindernisse auf der Zielgeraden plötzlich zum Umkehren entscheidet, obwohl er eigentlich schon durch war. Die Frage „Warum das denn jetzt eigentlich, Herr Fuller?“ schwebt ein wenig über diesem Film, vor allem, da das Drehbuch ja entscheidend von Fuller überarbeitet werden durfte und Zanuck demnach gar nicht einmal besonders repressiv war. Dass es überdimensionale Feinde geben muss, wenn man einen Film über eine Atombombe dreht, finde ich sogar noch nachvollziehbar, und da alle dementsprechenden Feinde der USA damals (angebliche) Kommunisten waren – sei es drum. Enttäuschend aber ist vor allem die Profil- und Motivlosigkeit des Gegners, die dieser Film suggeriert. Da sind eben irgendwo „drüben“ einfach Böse, die einfach nur böse sind und Amerika schaden wollen – wer genau das ist oder warum das Ganze, bleibt ziemlich unklar. Als ob es rein mordlustige Wesen ohne jegliche Ideale und Überzeugungen wären, die auch für keinen Zweck agieren, sondern aus reiner Boshaftigkeit. Es lässt sich in groben Umrissen natürlich ableiten und erschließen, auf wen der Thriller hinaus will beziehungsweise wen er alles meinen könnte, Gesichter oder Gemeinte kann man auch erahnen, ohne sie wirklich zu sehen, aber insbesondere die Motive des Feindes werden quasi so gut es geht ausgespart und der Film bleibt konsequent das Gegenteil von konkret oder von stichhaltig – nämlich erschreckend oberflächlich und pauschal. Entscheidend ist offenbar nur: Amerika ist in Gefahr und muss beschützt werden und alle, als deren Beschützer Amerika sich sieht – egal warum eigentlich, aber dafür um jeden Preis. Da kommen Weltbilder zum Vorschein, die es den gebildeten Zuschauer angst und bange werden lassen können. So als ob jemand einem kleinen Jungen dessen Schokoriegel weggenommen hätte – aber wer es war, weiß er nicht. Und dann fängt er eben einfach an zu weinen und wettert pauschal gegen alle, die in Frage kommen, und wenn man ihn jetzt nicht gleich in Ruhe lässt, dann nimmt er Rache. Tiefgang sieht wirklich anders aus. In Frankreich – wohlgemerkt der Heimat der Figur Professor Montel im Film – war „Inferno“ aufgrund seiner politischen Marschroute sogar für eine Weile verboten und wurde, wie aus der Begründung hervorgeht, ähnlich wie sowjetische Propaganda-Filme auf der Gegenseite behandelt beziehungsweise auf Augenhöhe mit diesen angesiedelt.

Meine Hobbys sind: Kernkraft, Atombomben, U-Boote und Flugzeuge

Ein bisschen sieht man von den „Roten“ aber schon. Ein paar Schergen sieht man, wie sie sich beim Belauschen zusammenrotten, dann sind da ein paar herumballernde Angreifer, die man kaum erkennt, die zudem genau dann angreifen, als der Professor gerade vom Willen zum Dialog redet, und einen Gefangenen sieht man noch, der brutal einen Wehrlosen angreift – dieser ist die Figur, von der man auf Seiten des Gegners noch am meisten hört und erkennen kann –, Gehaltvolleres ist da aber einfach nicht. Zum Glück kann „Inferno“ handwerklich und künstlerisch weit mehr, als er mit seiner tapsigen Naivität auf der politischen Ebene draufhat. Die asiatischen Kommunisten sind hier in diesem Genre, zumindest in diesem Film, gewissermaßen das, was im Western die Indianer sind, wobei man diesen Spionagethriller in dieser Hinsicht schon etwas anders und strenger beurteilen sollte als einen Western, da er immerhin topaktuelle politische Diskurse kommentierte und verharmloste. Mag der Western kein Historiengenre sein und nun einmal seine Geschichtchen erzählen – das ist ein anderes Paar Schuhe. Ich bin schließlich selbst kein Freund davon, den Western zu einem historisch ambitionierten Genre zu verklären, was ich hier im Blog auch schon ausführlich dargelegt habe – eine Entschuldigung dieser Sorte gilt für „Inferno“ und seine Machart aber auf keinen Fall. Der Film bezog damals Stellung zu laufenden politischen Prozessen, beförderte Feindbilder ohne Argumente und lässt selbst ein Interesse daran vermissen, die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen. Natürlich erschwerte auch der Western eine korrekte historische Aufarbeitung der US-amerikanischen Geschichte, allerdings geht es in „Inferno“ eben nicht um historische Aufarbeitung, sondern eher um das Neuerschaffen von Feindbildern. Und das ist der letztlich entscheidende Unterschied zwischen den Indianern im Western und den „roten“ Asiaten in „Inferno“, an deren Dämonisierung sich der Film gewissermaßen tagesaktuell beteiligte.

Frauen auf einem U-Boot? Soweit kommt’s noch! Genau …

Vielleicht wollte Samuel Fuller gerade dadurch, dass er Gesichter des Feindes vermied und die feindliche Macht so gut wie gar nicht zu Wort kommen ließ – und wenn, dann in fremder Sprache –, einen abstrakten Eindruck erzeugen, der das Feindbild noch vergleichsweise harmlos wirken lässt; zumindest harmloser als wenn man exakt greifbare Superschurken mit Namen und Thesen vor sich hätte, denen man gleichzeitig auch Authentizität unterstellt. Erreicht wird jedoch meiner Ansicht nach genau das Gegenteil. Oberflächlich irgendwelchen Personengruppen oder Erdteilen oder implizit einer Nation einen Atombombenbau anzuhängen und dann noch nicht einmal genau zu erläutern, warum sie das überhaupt machen wollen sollte(n) oder implizit den Gedankengang „Weiß doch eh jeder, warum die Atombomben bauen und dass sie deswegen eine Gefahr für uns sind! Die sind ja alle gleich.“ mitschwingen zu lassen, ist schon ein sehr starkes Stück. Und vor allen Dingen tut man damit genau das, was man im Film eigentlich dem Gegner vorwirft – der den Abwurf der Bombe den Amerikanern anhängen will. Man beschuldigt und dämonisiert, ohne klare Argumente zu formulieren. Im Film wird es als verwerflich dargestellt, dass der „rote“ Feind in Asien eine Atombombe abwerfen will, um danach einfach zu behaupten, die Amerikaner seien es gewesen. Der Film selbst beziehungsweise seine Macher behaupten aber gleichsam, dass es eben in Asien Elemente gibt, die einfach so Atombomben abwerfen und so wickelt sich die komplette Story davon ausgehend ab. Das Wort „grotesk“ wäre für diese freche Paradoxie noch sehr freundlich gewählt.

Phönix aus der Asche

Gerade weil „Inferno“ thematisch umso absurder wird, umso genauer man ihn betrachtet, ist die Leistung der künstlerischen Verantwortlichen und Schauspieler umso höher einzustufen. Denn so viel populistischen Unsinn, der aufgrund der Tragweite der Entgleisungen im Rahmen dieser Rezension auch als erstes genannt werden musste, muss man auf der anderen Seite wirklich erst einmal in einen dennoch so spannenden und ansehnlichen Film verpacken. Wie „Inferno“ mit dem Untersee-Expeditionsmotiv sowie dem alten Professor an Bord immer wieder an Jules Verne erinnert, hat Charme – Jules Verne als Kriegsfilmvariation, wenn man so will. Dazu der Aspekt, dass das Zielobjekt eine mysteriöse Nuklearbasis auf einer abgelegenen Insel ist und lange unklar bleibt, was genau dort vor sich geht – politisch gesehen reißerischer Humbug, aber andererseits ein amüsanter Vorgriff auf die späteren James-Bond-Filme, in denen es allerdings auch immer einen Superschurken gab, der der feindlichen Macht ein Gesicht und Motive verlieh, wenn er auch manchmal erst sehr spät zum Vorschein kam. Die zugehörigen Romane von Ian Fleming begannen etwa zu der Zeit, als „Inferno“ ins Kino kam, langsam auf den Markt zu strömen, aber die den Bond-Filmen, die punktuell am ehesten an „Inferno“ erinnern, zugrundeliegenden Romane erschienen erst nach Ende der Dreharbeiten zum vorliegenden Film von Samuel Fuller – einzig „Casino Royale“ war schon als Buch veröffentlicht worden, bevor „Inferno“ in die Kinos gebracht wurde.

Die Falle ist gestellt, die Abhöraktion läuft

Man könnte im Rückschluss also auch zu der Folgerung gelangen, dass „Inferno“ im Prinzip eigentlich versucht, mit wesentlichen Bausteinen der Logik, der Ästhetik und der Dramaturgie von (teils später entstandenen) James-Bond- und Jules-Verne-Filmen ein politisch topaktueller, anspruchsvoller, glaubwürdiger, möglichst authentisch verpackter Spionage-Kriegsfilm zu sein. Ein Ansatz, der – gelinde gesagt – sehr mutig ist. So mag „Inferno“ für Bond-Fans am Ende vielleicht sogar teils visionäre, beeindruckende Züge haben, während er dem einen oder anderen Diplomaten der Weltpolitik wiederum wahrscheinlich das blanke Grausen einjagen wird.

Tiefgang? Niedergang? Untergang? Tauchgang!

Erwähnt werden muss aber auch: Der Umstand, dass Samuel Fuller Schauspieler wie Gene Evans und David Wayne in ziemlich kleinen Rollen, ohne auch nur eine einzige Szene, die sie in den Vordergrund stellen würde, gewinnen konnte, weist seinen so oder so damals schon recht hohen Stellenwert in der Branche nach – und auch ein gewisses Urvertrauen in dieses Projekt, das bei vielen vorhanden gewesen sein dürfte. Zwei Schauspieler, die zuvor bereits wesentlich größere Parts, also Hauptrollen oder Hauptgegenspieler, in anderen Filmen verkörpert hatten – Wayne hatte man beispielsweise im Hollywood-Remake von Fritz Langs „M“, das 1951 herauskam, als Kindermörder in den Fußstapfen von Peter Lorre sehen können. „Inferno“ war unstrittig ein großes Prestige-Projekt und zudem auch an den Kinokassen kommerziell sehr erfolgreich. Stark vor allem darin, die klaustrophobisch stickige Atmosphäre im U-Boot immer wieder glaubhaft einzufangen und die taktischen Manöver des kommandierenden Offiziers spannend widerzuspiegeln, aber auch energiegeladen mitreißend in actionreichen Momenten. Darüber hinaus mit interessanten Lichtstimmungen verziert – manchmal denkbar einfach und doch genial gelöst, insbesondere in der Liebesszene, die vom tiefen Rot der U-Boot-Nachtbeleuchtung gerahmt wird – und mit einem denkwürdigen, facettenreichen Score von Alfred Newman gesegnet, der zu Recht auch als reine Musik-Tonspur auf der neuen Blu-ray- und DVD-Veröffentlichung von explosive media zu finden ist.

Schickes Update

Sogar wer bereits die alte deutsche DVD-Veröffentlichung von Universum Film aus dem Jahr 2008 besitzt, tut sich allein schon mit der neuen DVD von explosive media einen Gefallen. Der Ton ist jetzt besser – vor allem bei der Originalfassung –, der Bonus auf der Disc umfangreicher und zusätzlich sind Untertitel vorhanden. Die alte Veröffentlichung hatte zwar noch eine kleine, gedruckte Textbeigabe mit Schauspielerbiografien und -filmografien, deren Fehlen man aber verschmerzen kann. Und dass die Blu-ray hinsichtlich Bild- und Tonqualität noch mal einen draufsetzt, versteht sich in diesem Kontext ohnehin fast von selbst. Die deutsche Synchronfassung ist wunderbar atmosphärisch gelungen und interessant besetzt. Richard Widmark gehört zu den Hollywoodklassiker-Stars, die jeweils mehrfach mit unterschiedlichen außerordentlich gut passenden deutschen Synchronstimmen besetzt worden sind. Mitte der 50er war der auch hier zu hörende E. W. Borchert für ihn gesetzt, der mir sehr gut als Widmark gefällt. Daneben gibt es in „Inferno“ unter anderem Harald Juhnke als Stimme von Cameron Mitchell und Walther Suessenguth für Victor Francen zu erleben – zwei sehr versierte Sprecher, die zu hören immer eine Freude ist. Bella Darvi, die in „Inferno“ ihr Spielfilmdebüt gab und damals eine Liaison mit Darryl F. Zanuck hatte, nachdem sie sich zunächst mit ihm und seiner Ehefrau Virginia angefreundet und aus deren beider Vornamen ihren Künstlernachnamen „Darvi“ abgeleitet hatte, spricht in der deutschen Fassung mit der Stimme von Tina Eilers. Die polnische Newcomerin, die die Rolle nur aus persönlichen Gründen von Zanuck erhalten hatte und am Set von „Inferno“ nicht sonderlich beliebt war, blieb allerdings nicht lange erfolgreich. Samuel Fuller überzeugte Gene Evans, sie während der Dreharbeiten zu coachen, um das Beste aus ihr herauszuholen, doch nach rund 15 weiteren Auftritten vor der Kamera – die wenigsten davon in Hollywood-Filmen – endete ihre Karriere schließlich in mehreren Selbstmordversuchen, von denen einer dann auch gelang. Die neue deutsche Veröffentlichung von explosive media ist fast auf den Tag genau 65 Jahre nach dem deutschen Kinostart des Films erschienen. Ein Kauf, der sich für Fans des klassischen Hollywood-Kinos in jedem Fall lohnt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Richard Widmark sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 25. Juli 2019 als Blu-ray und DVD, 26. Mai 2008 als DVD

Länge: 103 Min. (Blu-ray), 100 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Hell and High Water
USA 1954
Regie: Samuel Fuller
Drehbuch: Samuel Fuller, Jesse Lasky Jr., nach einer Geschichte von David Hempstead
Besetzung: Richard Widmark, Bella Darvi, Victor Francen, Cameron Mitchell, Gene Evans, David Wayne, Richard Loo, John Wengraf, Wong Artarne, Stephen Bekassy
Zusatzmaterial: Original-Trailer, Original-Teaser, Bildergalerie, Musik-Tonspur
Label: explosive media
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2019 by Ansgar Skulme

Szenenfotos & Packshot Blu-ray: © 2019 explosive media

 

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