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Unter Feinden – Walking with the Enemy: In feindlicher Uniform

Walking with the Enemy

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Ungarn trat als Verbündeter des Deutschen Reichs in den Zweiten Weltkrieg ein. Als Reichsverweser führte Admiral Miklós Horthy das Königreich ohne König in autoritärer Weise. Doch als sich der Kriegsverlauf zuungunsten der Deutschen drehte, wandte sich das Land nach und nach den Alliierten zu. Folge: Am 19. März 1944 begann das Unternehmen Margarethe – der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Ungarn.

Noch ist der Krieg nicht in Budapest angekommen

Damit beginnt auch „Unter Feinden – Walking with the Enemy“. Das Kriegsdrama steht in einer Tradition europäischer Filme, mit denen einzelne Nationen ihre Beteiligung am Zweiten Weltkrieg aufarbeiten, etwa Finnland („Winterkrieg“, 1989), Dänemark („9. April – Angriff auf Dänemark“, 2015), Estland („Brüder – Feinde“, 2015) und Norwegen („The King’s Choice – Angriff auf Norwegen“, 2016). „Unter Feinden – Walking with the Enemy“ ist allerdings unter der Ägide der US-Produktionsfirma Liberty Studios an Drehorten in Rumänien entstanden.

Die Pfeilkreuzler machen mit den einmarschierten Deutschen gemeinsame Sache

Kurz nach dem Einmarsch der Deutschen trifft auch SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann (Charles Hubbell) in Budapest ein, um die Deportation der ungarischen Juden zu organisieren und zu überwachen. Die beiden jungen jüdischen Männer Elek Cohen (Jonas Armstrong) und Ferenc Jacobson (Mark Wells) kommen in ein Arbeitslager, doch bei einem alliierten Luftangriff gelingt ihnen die Flucht. Derweil muss sich Admiral Horthy (Ben Kingsley) mit dem deutschen SS-Oberst Otto Skorzeny (Burn Gorman) herumplagen, der mehr ungarische Kollaboration in der „Judenfrage“ einfordert. Als Elek und Ferenc an zwei SS-Uniformen gelangen, reift in den beiden Freunden ein waghalsiger Plan.

Die jungen Juden planen ihren Widerstand

Von den etwa 825.000 ungarischen Juden, die in der ersten Hälfte der 1940er-Jahre in dem Königreich lebten, kamen etwa 525.000 im Holocaust ums Leben. Die Geschichte von „Unter Feinden – Walking with the Enemy“ ist inspiriert von den Taten Pinchas Tibor Rosenbaums, der als Faschist getarnt – wenn auch in Uniform der ungarischen Pfeilkreuzler – hunderte jüdische Landsleute vor der Deportation nach Auschwitz rettete. Hauptfigur des Ensemblefilms ist dann auch Elek. Die Produktion hat internationales Format, folgt aber bewährten Pfaden heldenhafter Kriegsdramen, inszenatorische Finessen oder Überraschungen bleiben daher Mangelware. Ausstattung, Setdesign und auch Schauspielkunst genügen hohen Ansprüchen, bemerkenswert für ein Regiedebüt – es ist die bislang einzige Regiearbeit von Mark Schmidt. Der getragene Score wirkt allerdings etwas beliebig. Szenen mit Admiral Horthy dienen in erster Linie dem Zweck, den Widerstand des ungarischen Reichsverwesers gegen die antijüdischen Maßnahmen der deutschen Besatzer zu dokumentieren, eine differenzierte Auseinandersetzung mit Horthys Rolle in dieser Zeit findet nicht statt.

SS-Oberst Otto Skorzeny zieht seine Maßnahmen durch

Kriegs-Action, Spannung und bewegende Szenen halten sich die Waage. „Unter Feinden – Walking with the Enemy“ reiht sich im guten Mittelfeld vergleichbarer Kriegsdramen ein, die bestimmten Ereignissen und Handlungsorten des Zweiten Weltkriegs ein Denkmal setzen wollen.

Reichsverweser Admiral Horthy (l.) widersetzt sich den Deutschen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ben Kingsley sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Elek Cohen spielt ein gewagtes Spiel

Veröffentlichung: 5. Juli 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 113 Min. (Blu-ray), 109 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Walking with the Enemy
RUM/UNG/KAN/USA 2013
Regie: Mark Schmidt
Drehbuch: Kenny Golde
Besetzung: Ben Kingsley, Jonas Armstrong, Mark Wells, Hannah Tointon, Burn Gorman, David Leon, Flora Spencer-Longhurst, Michelle Miklosey, Jeffrey C. Hawkins, Simon Kunz, Charles Hubbell
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, Wendecover
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2018 Tiberius Film

 

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36 Stunden – Ein halbes Dutzend Jahre Filmriss!

36 Hours

Von Ansgar Skulme

Kriegs-Spionagethriller // Der Zweite Weltkrieg steuert auf entscheidende Schlachten zu. Wenige Tage vor der geplanten Landung in der Normandie wird Major Jefferson Pike (James Garner) nach Lissabon geschickt, um sich dort über einen Informanten zu versichern, dass die Deutschen die Invasion nach wie vor anderenorts erwarten. Dieser Plan geht jedoch gewaltig nach hinten los: Der in das Vorhaben Normandie genauestens eingeweihte Pike wird im bewusstlosen Zustand von den Deutschen entführt. Ziel: aus ihm herauszubekommen, was die Alliierten vorhaben. Major Walter Gerber (Rod Taylor) hat eine Methode entwickelt, mit der man an solche Informationen sogar gewaltfrei kommen kann, denn wer sich sicher fühlt und glaubt, dass nichts mehr passieren kann, redet durchaus bereitwillig. Seitens der SS hat man allerdings Probleme mit dem intellektuellen Gerber, der gezwungen ist, seine Wissenschaft zweckentfremdet einzusetzen, und stellt ihm den Standartenführer Otto Schack (Werner Peters) zur Seite. Schack traut weder Gerber noch der ehemaligen Konzentrationslagerinsassin Anna Hedler (Eva Marie Saint), die beim bösen Spiel mit Pike nur mitmacht, um nach langen, schlimmen Qualen ihr eigenes Leben zu retten.

Dass „36 Stunden“ nachgewiesenermaßen als Inspirationsquelle für eine frühe Episode der 1966 gestarteten ersten „Mission: Impossible“-Serie (hierzulande auch bekannt als „Kobra, übernehmen Sie!“) diente, glaubt man gern. Denkbar sogar, dass der Film einen gewissen Einfluss auf die Entwicklung des Gesamtkonzepts für die Serie hatte. Die erste „Mission: Impossible“-Episode lief in den USA etwa eineinhalb Jahre nach dem US-Kinostart von „36 Stunden“. George Seaton ist hier mit einer seiner letzten Regiearbeiten einer der bemerkenswertesten psychologisch hochambitionierten, jedoch nicht von Alfred Hitchcock inszenierten US-Thriller der 60er-Jahre gelungen, der als solcher in einem Atemzug mit beispielsweise „Mitternachtsspitzen“ (1960) oder „Die 27. Etage“ (1965) zu nennen ist.

Wendungen und doppelte Böden

Da man als Zuschauer in die Pläne der Deutschen schon unmittelbar nach deren Auftauchen in der Geschichte eingeweiht wird und somit von vornherein transparent ist, wie sie mit Pike verfahren wollen, könnte man meinen, dass dies der Spannung schadet. Aber weit gefehlt! Seaton spielt stattdessen die triumphale Karte aus, dass man wahrhaft händeringend mit Pike zu fiebern beginnt, ob er noch rechtzeitig herausfinden wird, was mit ihm getrieben wird. Dazu kommt der Faktor, dass Major Gerber verdammt überzeugend und fundiert agiert – eine faszinierende Figur, obwohl sie gezwungenermaßen auf Seiten der Deutschen arbeitet. Diesem Gerber – zumal er von dem damals in Heldenrollen erprobten Rod Taylor gespielt wird –, traut man es mehr und mehr wirklich zu, dass er Erfolg auf ganzer Linie haben könnte. Wann findet Pike heraus, was los ist? Ist es, selbst falls es ihm gelingt, dann aber vielleicht längst zu spät? Welche Konsequenzen und für wen wird all die Zeit haben, die er im Irrglauben verliert, mögen es Stunden, Jahre oder ein ganzes Leben sein – und wie viele Informationen wird er preisgeben? Wird er sich zumindest selbst retten können oder aber vielleicht opfern müssen? Fühlt man sich einmal sicher, wird der Teppich nochmals unter den Füßen weggerissen. Von mehreren Figuren wird mit gemeinen Tricks und Finten gearbeitet.

Beflügelte Leistungen, interessante Zusammentreffen

Werner Peters wird gern einmal auf seine Hauptrolle in dem DEFA-Film „Der Untertan“ (1951) reduziert – in dem Sinne, dass in Verbindung mit seinem Namen meist dieser Film genannt wird –, konstante Erfolge hatte er aber auch noch, wenn nicht sogar vor allem als Charakterdarsteller in den 60er-Jahren. Er gehört zu den prägnantesten Erscheinungen des 60er-Genrekinos der Bundesrepublik und war zudem schon seit den 50ern ein recht gefragter Synchronsprecher. In „36 Stunden“ spielte er seine vielleicht wichtigste internationale Rolle, seine größte in einem Hollywood-Film. Sie beweist, dass in ihm ähnliches Potenzial wie in Gert Fröbe schlummerte. Spannend an dieser Besetzung ist neben seiner schauspielerischen Qualität, dass Peters als seinerzeit nach wie vor in Deutschland ansässiger Schauspieler für diese Rolle engagiert und über den großen Teich geholt wurde. Dass man für eine Nebenrolle in einem damaligen Hollywood-Film einen Schauspieler aus Übersee verpflichtete, ist – von nicht-amerikanischen Darstellern mit Englisch als Muttersprache einmal abgesehen – eher ungewöhnlich. Kein Einzelfall natürlich, aber schon einer mit einem gewissen Seltenheitswert; zumindest für eine Hollywood-Produktion, die auch tatsächlich in den USA gedreht wurde. Eher war so etwas im damaligen Hollywood-Kino anzutreffen, wenn die Szenen der entsprechenden Schauspieler in beispielsweise deren Heimatländern gedreht wurden. Das war hier aber nicht der Fall. Werner Peters drehte vor Ort in den Vereinigten Staaten und synchronisierte sich für die deutsche Fassung später, zurück in Deutschland, dann selbst.

Interessant auch, dass sich hier ansonsten Jahrzehnte zuvor aus Deutschland, Österreich und Ungarn ausgewanderte deutschsprachige Schauspieler die Klinke in die Hand geben und mit Peters direkt und indirekt zusammentreffen. Celia Lovsky, Martin Kosleck, Oscar Beregi Jr., John Banner und Sig Ruman – sie alle hört man hier in der Originalfassung Deutsch sprechen. Die deutsche Synchronfassung wurde allerdings komplett synchronisiert, es wurden also auch die Szenen neu aufgenommen, die nur aus deutschen Dialogen bestehen. Das mag sich absurd anhören, ist aufgrund der Klangunterschiede zwischen Original- und Studioton aber ein aus handwerklicher und künstlerischer Sicht nachvollziehbarer Vorgang. Somit hört man die eigenen Stimmen der Emigrierten in der deutschen Fassung also leider nicht, da die Synchronfassung natürlich vollständig in Deutschland aufgenommen wurde. Verfahrensweisen wie heute, die ermöglichen, dass Dialoge einzelner Personen für eine Synchronisation durchaus auch einfach in den USA aufgenommen werden können und der Rest in Deutschland, waren damals noch nicht realisierbar. So entsteht ein Kuriosum: Während manche der deutschsprachigen Schauspieler auch englischsprachige Dialoge im Film haben, sprechen andere in der Originalfassung komplett nur Deutsch – da sie nur mit deutschen Figuren interagieren und/oder ihre Figuren des Englischen gar nicht mächtig sind –, haben in der deutschen Fassung aber dennoch eine andere Stimme. Noch kurioser allerdings ist die Originalfassung selbst – und zwar in den Momenten, wenn inmitten all der Deutschen plötzlich Schauspieler Deutsch sprechend auftauchen, denen man sofort anmerkt, dass es nicht ihre Muttersprache ist. Warum man hier nicht konsequent blieb und Deutsche oder Österreicher besetzte, ist schwer nachvollziehbar. Die amerikanischen Akzente im Deutsch stören die Glaubwürdigkeit des Films in der Originalfassung und sorgen für unfreiwillige Komik an Stellen, wo sie nicht hinpasst – nur bei Rod Taylor ist das Vorhandensein des Akzents sehr geschickt gelöst und der Wechsel zum Englischen zudem gut begründet.

Apropos Rod Taylor: Der Film glänzt, wie eingangs angedeutet, nicht nur durch seine Nebenrollen, sondern auch das Zusammentreffen zweier vorheriger Hitchcock-Stars. Rod Taylor („Die Vögel“), dem hier zweifelsohne eine der besten Darbietungen seiner Karriere gelang, merkt man in der Rolle des Majors Gerber an, dass er Freude an den darstellerischen Möglichkeiten hatte, die sich durch diese komplexe, sehr intelligente Figur eröffneten. Er spielt Gerber ausgesprochen glaubwürdig, dabei immer wieder in extremen Situationen agierend, in denen der Figur kein Fehler unterlaufen darf. Man beginnt diesen Gerber zu mögen, immer mehr treten seine Seele und Menschlichkeit zutage, aber selbst dann noch kann man ihm nicht völlig trauen. Er scheint oft allen einen Schritt voraus zu sein – Major Pike, der SS und dem Zuschauer. Und da ist zudem die sehr würdevolle Darbietung von Eva Marie Saint („Der unsichtbare Dritte“) als im KZ gepeinigte und nun zur Lüge gezwungene starke Frau, die immer wieder neue Schläge einstecken muss und angibt, das Weinen verlernt zu haben. Angenehm auch, dass zwischen ihr und Pike keine unangemessen übertriebene Liebesgeschichte übers Knie gebrochen wird. Sie kommen sich näher, aber eher emotional, nicht körperlich – keine kitschigen Kussszenen oder dergleichen.

Unnötige Kleinigkeiten

Frei von Spoilern ist dieser Abschnitt nicht. Daher in Unkenntnis des Films bitte erst ab dem nächsten Absatz weiterlesen! Im Gegensatz zu Eva Marie Saint und Rod Taylor gibt es für den dritten großen Star im Bunde, den Hauptdarsteller James Garner, der hier auch zum Produzentengespann gehörte, leichte Punktabzüge, da er, trotz sehr guter Darbietung bis über die Hälfte der Geschichte hinaus, im letzten Drittel des Films überraschend blass wird. Gen Ende wirkt „36 Stunden“ – nachdem alle Karten auf dem Tisch liegen und der Film in Folge der langen Phase der Täuschungen die Ebene hin zur Flucht wechselt – bedauerlicherweise etwas einfallslos, Pike verliert merkwürdig an Gewicht im Rahmen des Geschehens. Stattdessen gewinnt John Banner zu einem Zeitpunkt, wo es auch richtig spannend und dramatisch hätte werden können, mit seiner auf komisch gebürsteten Rolle ein wenig zu sehr die Oberhand – noch dazu gewissermaßen aus dem Nichts. Dass hier nach allen ausgelegten Fährten, den vielen Lügen und schlau gestrickten Wendungen plötzlich ein herumalbernder Wiener mit einem lockeren Zeigefinger am Abzug im Schnellverfahren Probleme zu lösen beginnt, erscheint deplatziert. Auf der Zielgeraden gehen gewisse Vorgänge in der Geschichte dann auf einmal ein gutes Stück zu einfach. Unter anderem ist es alles andere als glaubhaft, wie sich der SS-Mann zum Abschluss leichtsinnig als Zielscheibe präsentiert, da er nur noch auf die beiden Flüchtigen achtet. Sich so fahrlässig von einem permanent herumblödelnden alten Mann abknallen zu lassen, der zudem den Eindruck macht, nicht mehr ganz bei Verstand zu sein, passt nicht zu einer solchen SS-Figur – und das dann noch als Finale des Films. Aber wenigstens gibt es in der Folge eine versöhnliche, elegant und berührend gelöste Schlussszene mit Eva Marie Saint und James Garner, die diese „36 Stunden“ abrundet und verhindert, dass der Film sich, wegen einiger schier unerklärlicher Momente, nach über einer Stunde ziemlich großartigem Kino am Ende in Banalitäten verliert.

Als filmisches Bewerbungsschreiben für seine populär gewordene, ähnlich geartete Rolle in der Comedyserie „Ein Käfig voller Helden“, die auch im Jahr 1965 startete, hat „36 Stunden“ John Banner, der eigentlich Johann Banner hieß, aber vermutlich gute Dienste erwiesen, auch wenn sein Part im Gesamtbild dieses Films diskutabel ist. Es hat etwas Bemerkenswertes, dass er in der Serie, wie auch Werner Klemperer in der Rolle seines Vorgesetzten, als Mensch aus einer jüdischen Familie in einer Nazirolle auftrat und beide somit ihrer eigenen Vergangenheit Woche für Woche und Drehtag für Drehtag mit ausgesprochen viel Humor begegneten. „Ein Käfig voller Helden“ entwickelte sich in den Staaten zu einem großen Erfolg und bescherte Banner gegen Ende seines Lebens ein spätes Höchstmaß an Aufmerksamkeit, dazu Auftritte in TV-Shows und nachhaltige Bekanntheit. Leider wird der Spaßfaktor der Serie aus heutiger Sicht arg von dem hinterhältigen und besonders brutalen, noch immer erstaunlicherweise nicht abschließend geklärten Mord an dem, aufgrund seines Privatlebens sehr kontrovers diskutierten, Hauptdarsteller Bob Crane im Jahre 1978 überschattet. Sich diese Serie anzusehen, die gewissermaßen John Banners größtes Vermächtnis als Schauspieler darstellt – nachdem er sich mit „36 Stunden“ für die Rolle des Feldwebels Schultz empfohlen hatte –, hat daher einen bitteren Beigeschmack, wenn man um die Hintergründe weiß, der schwer mit der lockeren Gangart des Humors kompatibel ist. Banner, der 1973 am Tage seines 63. Geburtstages bei einem Heimatbesuch in Wiens starb, das er im Zuge seiner Flucht vor den Nazis lange Zeit nicht hatte besuchen können, erlebte das finstere Drama um Bob Crane nicht mehr.

Wir sind wieder zu langsam

In den USA wurde „36 Stunden“ schon vor mehr als zehn Jahren erstmals auf DVD herausgebracht, was Veröffentlichungen in Europa, allerdings nicht in Deutschland, zur Folge hatte. Dies ist auch insofern ärgerlich, als die Warner Brothers, bei denen die Rechte für den DVD- und Blu-ray-Vertrieb des Films liegen, zum damaligen Zeitpunkt durchaus noch aktiv darin waren, ihren Klassikern in Deutschland DVD-Veröffentlichungen zukommen zu lassen. 2017 folgte in den Staaten eine DVD-on-Demand-Neuauflage, nun gekoppelt mit einer Blu-ray, mittlerweile ist eine Direktveröffentlichung eines solchen Klassikers über Warner in Deutschland aber recht unwahrscheinlich. Man kann daher eigentlich nur hoffen, dass ein nach wie vor um Klassiker bemühtes Label irgendwann einmal Erfolg damit haben wird, die Rechte an sich zu bringen, um diesen besonderen Film wieder einem großen deutschen Publikum zugänglich zu machen. Schon allein aufgrund seiner Bedeutsamkeit hinsichtlich der vielen deutschsprachigen Schauspieler im Ensemble und aufgrund von deren denkwürdigen Lebens- und gegebenenfalls Fluchtgeschichten, nicht zuletzt weil man in diesem Film auch ungewöhnlich viele von ihnen Deutsch (miteinander) sprechen hört und weil es sich um einen recht späten Film handelt, der diverse deutschsprachige Exil-Schauspieler noch einmal versammelt. Hollywood-Produktionen mit vielen Deutschen in Nebenrollen findet man ansonsten eher im Fundus der 40er-Jahre. Diese Schauspieler aus dem Exil kennt in Deutschland heute kaum noch jemand, Anerkennung und ein kleines Denkmal haben sie aber zweifelsohne verdient. Ein solches könnte beispielsweise eine DVD-Veröffentlichung von „36 Stunden“ hierzulande sein. Dass mit dem Film schon bei seiner Produktion ähnliche Ansinnen verfolgt wurden, kann man dadurch bestätigt sehen, dass man jemanden wie Sig Ruman, der beispielsweise in „Stalag 17“ (1953) und „Sein oder Nichtsein“ (1942) deutlich größere Parts gespielt hatte, hier zumindest in einer sehr kleinen Rolle auftauchen ließ, die im Grunde jeder hätte spielen können.

Veröffentlichung (USA): 11. April 2017 als Blu-ray und DVD, 5. Juni 2007 als DVD

Länge: 115 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: 36 Hours
USA 1964
Regie: George Seaton
Drehbuch: George Seaton, nach einer Kurzgeschichte von Roald Dahl sowie einer für die Leinwand geschriebenen Geschichte von Carl K. Hittleman und Luis H. Vance
Besetzung: James Garner, Eva Marie Saint, Rod Taylor, Werner Peters, John Banner, Russell Thorson, Alan Napier, Martin Kosleck, Oscar Beregi Jr., Sig Ruman
Verleih: Metro-Goldwyn-Mayer / Warner Bros.

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Darfur – Der vergessene Krieg: Die Welt hat mal wieder nur zugeschaut

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Darfur

Von Volker Schönenberger

Der Darfur-Konflikt gilt als Völkermord und größte humanitäre Katastrophe des 21. Jahrhunderts. Mehr als 2,5 Millionen Zivilisten wurden vertrieben, und die Zahl der Toten beziffert sich auf über 400.000 Menschen. (Übersetzung einer Texttafel zu Beginn des Films)

Kriegsdrama // Irgendwann in der ersten Dekade unseres Jahrtausends: Um Menschenrechtsverletzungen im Darfur-Konflikt zu dokumentieren, hält sich eine Gruppe von internationalen Journalisten in der Region im Westsudan auf. Die Kriegsberichterstatter reisen ins Dorf Nabagaia, angeführt von Captain Jack Tobamke (Hakeem Kae-Kazim) von der Afrikanischen Union und ein paar Soldaten. Auf der Strecke bemerkt die Gruppe ein Massengrab. Im Dorf angekommen, befragen die Reporter die Bewohner. Nach einiger Zeit bricht man wieder auf. Kurz darauf nähert sich eine Staubwolke dem Dorf – berittene und motorisierte Dschandschawid, die ganz eindeutig keine friedlichen Absichten haben.

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Massengrab, Zeugnis eines Völkermords

Wer „Darfur – Der vergessene Krieg“ noch nicht geschaut hat und das nachholen möchte, sollte die folgenden drei Absätze aufgrund massiver Spoiler überspringen oder erst nach Sichtung des Films weiterlesen.

Ab hier wird gespoilert

Puh, das ist harte Kost. Ein Dorf wird abgeschlachtet – Vorsicht, Uwe Bolls Drama ist nichts für zartbesaitete Gemüter. Der streitbare Filmemacher erspart uns zwar einen ausufernden Splatter-Exzess, zeigt das Gemetzel aber als die Grausamkeit, die es ist. Da werden Dorfbewohnerinnen vergewaltigt, Kleinkinder abgeschlachtet, Macheten und Kalaschnikows gegen Wehrlose eingesetzt. Das lässt den Atem stocken und bei manchen Zuschauern einen Kloß im Hals entstehen.

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Zur Untätigkeit verdammt: Reporter Bob Jones

Schonungslos demonstriert Boll die ausweglose Lage der Dörfler und die Hilflosigkeit der Journalisten. Der Dschandschawid-Anführer (Sammy Sheik), ein gutaussehender Beduine, lässt sich von Anfang an auf keine Diskussion mit Captain Tobamke ein, bedeutet ihm unmissverständlich, dass dessen Gruppe umgehend das Dorf zu verlassen habe, andernfalls werde man sie als Teil der Einwohner betrachten – eine unverhohlene Drohung und Ankündigung der finsteren Absichten. Als die Reporter seiner Aufforderung nicht schnell genug Folge leisten, schießt der Anführer eiskalt einem Dorfjungen in den Kopf. Später beschließen die Reporter Freddie (David O’Hara) und Theo (Noah Danby), zum Ort des Massakers zurückzukehren, um Überlebende zu retten und Vergeltung zu üben. Tobamke schließt sich ihnen an, was alle drei schlussendlich das Leben kostet. An Freddie wird gar ein Exempel statuiert: Ein Dschandschawid übergießt ihn mit Benzin, er verbrennt bei lebendigem Leibe.

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Eiskalt: der Kommandant der Dschandschawid

„Darfur – Der vergessene Krieg“ ist nicht nur ein Fanal um Aufmerksamkeit für einen Völkermord, der vor den Augen der Weltöffentlichkeit vollzogen wurde, sondern auch eine vorzügliche Darstellung des Dilemmas, in dem sich Kriegsberichterstatter oft befinden: An sich ist ihre Aufgabe die des Chronisten, eines unbeteiligten Dokumentierers. Sie sollen sich, so sprach einst der Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs, nicht mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten. Klar, niemand kann verlangen, dass sie zur Waffe greifen, wie es einige der Reporter in diesem Fall tun – sei das eine Botschaft Bolls gewesen oder in erster Linie ein Vorantreiben der Handlung; aber humanitäre Hilfe kann man an sich schon erwarten. Wann sollen Reporter den Notizblock und das Aufnahmegerät beiseite legen und tatkräftig eingreifen? Diese Frage ist erst recht dann kaum zu beantworten, wenn ein Eingreifen oder gar die pure Anwesenheit mit unmittelbarer Gefahr für Leib und Leben verbunden ist wie im Dorf Nabagaia. Dort will die kleine Gruppe die Einwohner retten, indem sie sich als lebendes Schutzschild vor sie stellt. Sie scheitert auf schlimmstmögliche Weise, die Dschandschawid erweisen sich als skrupellos und blutrünstig.

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Die Beduinen metzeln die Dörfler nieder

Mit improvisierten Dialogen und Handkamera-Bildern verleiht Uwe Boll seiner Regiearbeit eine zum Teil dokumentarische Anmutung. Gelegentlich, vor allem am Ende, verlässt er diese Richtung, indem er einen getragenen Score über seine Aufnahmen legt, der gar nicht nötig gewesen wäre. Dennoch ist festzuhalten, dass der vermeintlich talentlose Schrottfilmer Uwe Boll mit „Darfur – Der vergessene Krieg“ ein gelungenes und – jawohl – wichtiges Bürgerkriegsdrama inszeniert hat. Das Werk hätte mehr Aufmerksamkeit verdient, ist weit mehr als nur einer von wenigen Nach-oben-Ausreißern Bolls. Das hat seinerzeit immerhin der Rezensent von Amnesty International gewürdigt: Ein durch und durch ungewöhnlicher Menschenrechtsfilm … durchaus ernstzunehmender Film, der versucht, öffentliches Bewusstsein für die Tragödie im Sudan herzustellen. Zitiert nach Amnesty Journal 10/11 2010.

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Ein Bewohner wehrt sich

Uwe Boll ist es immer wieder gelungen, interessante Namen aus der zweiten Reihe zu verpflichten. Das gilt auch für das Reporterteam in „Darfur – Der vergessene Krieg“: Edward Furlong ist nach seinem Debüt in „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“ (1991) hoch gehandelt worden und hat mit John Waters‘ Komödie „Der Pecker“ und dem Neonazidrama „American History X“ (beide 1998) weitere wertige Titel in seiner Filmografie, sich aber mit privaten Problemen selbst ins Abseits bugsiert. Der Sprung von TV- und Direct-to-Video-Produktionen auf die große Leinwand gelang Kristanna Loken 2003 für kurze Zeit mit ihrer Rolle als Terminatrix in „Terminator 3 – Rebellion der Maschinen“. Dort traf sie übrigens nicht auf Edward Furlong, der an sich erneut die Rolle des John Connor übernehmen sollte – seine erwähnten privaten Probleme verhinderten aber, dass er wieder besetzt wurde. Ebenfalls genannt sei Billy Zane als Teil des Journalistenteams. Er ist bekannt aus den ersten beiden „Zurück in die Zukunft“-Filmen (1985 und 1989) sowie aus „Titanic“ (1997). 1996 spielte er „Das Phantom“.

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Freddie greift ein

Kürzlich hat Boll das Ende seiner Regisseurs-Laufbahn verkündet und das mit dem Zusammenbruch des Markts für unabhängige Filmemacher begründet. Wiederholt hat er geäußert, dass er einigen seiner Produktionen nicht nur aus persönlicher Eitelkeit heraus mehr Erfolg gewünscht hätte, sondern weil ihm deren politische Botschaft ein Anliegen ist. Die mangelnde internationale Aufmerksamkeit für „Darfur – Der vergessene Krieg“ gehört womöglich zu Bolls größten Enttäuschungen. Wenn man sich etwa auch seinen intensiven, obgleich reißerischen Vietnamkriegs-Actioner „Tunnel Rats“ (2008) anschaut, der die damaligen Tunnelkämpfe im Dschungel abbildet, kann man es durchaus bedauern, dass Boll nicht mehr auf dem Regiestuhl Platz nimmt. Da muss man gar nicht als Gegenbeispiele seine zweifellos vorhandenen missratenen Streifen auflisten. „Darfur – Der vergessene Krieg“ ist jedenfalls dafür geeignet, Bolls Kritiker zum Verstummen zu bringen. Seine stets unterhaltsamen Interviews werden uns fehlen – der Mann hat nie ein Blatt vor den Mund genommen.

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Das führt zu seinem grausamen Tod

Für all jene, die sich für den Darfur-Konflikt interessieren: Die oben verlinkten Wikipedia-Artikel enthalten zum Teil aufschlussreiche weitere Verlinkungen, ihre englischen Pendants ebenfalls. Sehenswert sind auch die beiden Dokumentarfilme „Die Todesreiter von Darfur“ („The Devil Came on Horseback“, 2009) und der von George Clooney koproduzierte „Sand and Sorrow“ (2007). Dennoch ist es vermutlich so, dass Spielfilme oft in der Lage sind, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen und damit auf ein wichtiges Thema aufmerksam zu machen als das Dokus vermögen. Umso bedauerlicher, dass Uwe Boll nach seinen mäßigen bis unterirdischen Videospielverfilmungen einen dermaßen schlechten Ruf hat, dass ein ernsthafter und absolut sehenswerter Beitrag wie „Darfur – Der vergessene Krieg“ nicht so wahrgenommen wird, wie er es verdient hätte: als aufrüttelnder Kommentar zu einem bitteren Weltgeschehen, das die Staatengemeinschaft einmal mehr nicht verhindert hat. Der Völkermord in Ruanda lag erst wenige Jahre zurück, die Welt hätte es wissen können.

Dass wir den Völkermord nicht beendet haben, beweist, dass wir aus der Geschichte nichts gelernt haben. (Übersetzung einer Texttafel am Ende des Films)

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Die Dschandschawid brennen das Dorf nieder

Veröffentlichung: 29. Oktober 2010 als Blu-ray und DVD

Länge: 99 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Darfur
KAN/RSA/D 2009
Regie: Uwe Boll
Drehbuch: Uwe Boll, Chris Roland
Besetzung: Kristanna Loken, Billy Zane, Edward Furlong, David O’Hara, Noah Danby, Matt Frewer, Hakeem Kae-Kazim, Sammy Sheik
Zusatzmaterial: Deutscher und englischer Audiokommentar von Regisseur Uwe Boll, Trailershow
Label: splendid film
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2010 splendid film / WVG Medien GmbH

 
 

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