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1917 – Im Westen was Neues

1917

Kinostart: 16. Januar 2020

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Die beiden Golden Globes für den besten Film in der Drama-Kategorie und Sam Mendes als Regisseur sind schon Hausnummern. Am 9. Februar kann „1917“ bei der Oscarverleihung mit satten zehn Nominierungen noch einen drauflegen und am Ende sogar Quentin Tarantino in die Suppe spucken: Der Gute hat zwar bereits zwei Academy Awards zu Hause, jedoch lediglich für die Drehbücher von „Pulp Fiction“ und „Django Unchained“. Das ist zwar aller Ehren wert, aber Tarantino schielt natürlich auf die Oscars für die beste Regie und den besten Film, hat „Once Upon a Time in Hollywood“ doch immerhin den Golden Globe als bester Film in der Kategorie Musical/Komödie abgeräumt. Ein heißes Rennen deutet sich also an. Und wer weiß, ob nicht noch einer der anderen Filme und Regisseure zum lachenden Dritten wird? Mendes hat den Regie-Oscar immerhin schon 2000 für „American Beauty“ erhalten, der ihm zuvor auch seinen ersten Golden Globe beschert hatte.

General Erinmore hat ein Himmelfahrtskommando zu vergeben

Bei dem Erster-Weltkriegs-Drama „1917“ handelt es sich um einen sogenannten One-Take-Movie, also einen Film, der den Eindruck erweckt, in einem Take ohne Schnitte gedreht worden zu sein. Dabei bedient sich Kameramann Roger Deakins bisweilen eines Tricks, den auch Alfred Hitchcocks Kameraleute 1948 für „Cocktail für eine Leiche“ („Rope“) angewandt hatten: eine kurze stockdunkle Einstellung. Bei Hitchcock war es beispielsweise der Rücken eines Mannes im dunklen Anzug, auf den die Kamera zielte, um aufzuzoomen, bis der gesamte Bildschirm dunkel war. Dann ein unsichtbarer Schnitt, die Kamera zoomt ab und die Handlung setzt sich fort. In „1917“ hat diese Funktion beispielsweise ein lichtloser Bunkerraum in einer der Schützengraben-Anlagen, den die Protagonisten durchschreiten. Zuständig für den Schnitt war übrigens Christopher Nolans Stamm-Cutter Lee Smith, 2018 für Nolans „Dunkirk“ mit dem Oscar für den Schnitt prämiert. Für „1917“ ist er allerdings nicht nominiert worden – vielleicht waren es der Academy einfach zu wenige Schnitte, um Smiths Arbeit als preiswürdig zu erachten.

Zweiter Oscar für Kameramann Roger Deakins?

So oder so sehe ich „1917“ als Oscar-Favoriten in der Kategorie Kamera. Inklusive „1917“ hat Roger Deakins es auf satte 15 Oscar-Nominierungen gebracht, beginnend 1995 für „Die Verurteilten“ („The Shawshank Redemption“). Doch der Stamm-Kameramann der Coen-Brüder erhielt den Academy Award erst 2018 für seine Arbeit an „Blade Runner 2049“. Nun winkt der zweite Oscar, und verdient wäre er allemal. Wenn die Kamera den beiden Lance Corporals Blake (Dean-Charles Chapman) und Schofield (George MacKay) gleich zu Beginn durch eine mit Soldaten gefüllte Schützengraben-Anlage folgt, mal hinter den beiden herschwebt, sie dann überholt und von vorn zeigt, während hinter ihnen die Soldatenmassen zu sehen sind, durch die der Kameramann eben noch hindurchgeschritten sein muss, ahnt man, welcher logistische Aufwand und welches Auge für die richtige Einstellung dahinterstecken.

Der deutsche Rückzug – ein Hinterhalt

Deakins’ Kamera hat meist die beiden Protagonisten Blake und Schofield im Fokus, die im Frühjahr 1917 an der Westfront im umkämpften Nordfrankreich zu einer lebensgefährlichen Mission abkommandiert werden: Deutsche Truppen haben sich zur sogenannten Siegfriedstellung (Hindenburg Line) zurückgezogen. In Erwartung eines leichten Siegs bereitet sich ein britisches Regiment auf die Erstürmung dieser Linie vor, doch alliierte Aufklärer haben herausgefunden, dass die Deutschen die feindliche Attacke mit ihrem Rückzug provozieren wollen und bis an die Zähne bewaffnet nur darauf warten. Dem britischen Regiment droht eine vernichtende Niederlage, der Angriff muss abgeblasen werden. Doch weil die Kommunikationskanäle unterbrochen sind, müssen Kuriere die Nachricht zu Fuß überbringen – und da kommen Blake und Schofield ins Spiel. Die Zeit drängt, sie brechen umgehend auf. Ein Fußmarsch durch Tod und Verwüstung erwartet das Duo.

Also ziehen Blake (l.) und Schofield los

Zu Beginn ganz ohne kriegerische Handlungen und Gefechte auskommend, gelingt Sam Mendes schon mit den ersten Schritten der beiden Soldaten aus dem Schützengraben hinein ins Niemandsland zwischen den britischen und deutschen Linien eine heftige Antikriegsbotschaft. Blake und Schofield robben sich durch den Schlamm, versuchen Krater zur Deckung zu nutzen, in denen tote Soldaten in den Pfützen vor sich hin verwesen. Zur Orientierung ihres Wegs hat man sie auf einen Leichnam hingewiesen, der sich im Draht verfangen hat und an dem sie sich vorbeizwängen müssen. Das sind intensive Bilder, die die ganze Sinnlosigkeit des Krieges offenbaren.

Tod im Schützengraben

Verweise auf die Grabenkämpfe des Ersten Weltkriegs eignen sich ohnehin vorzüglich für Antikriegsappelle, waren sie doch geprägt von unter ungeheuren Opfern erzielten Raumgewinnen, die für den Ausgang des Krieges völlig bedeutungslos gerieten. Beim nächsten Gegenangriff musste man sich oft wieder zurückziehen. Nicht umsonst zählt Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ zu den großen Antikriegsromanen, Lewis Milestones 1930er-Verfilmung zu den besten Antikriegsfilmen überhaupt, und auch Delbert Manns fürs Fernsehen gedrehte zweite Adaption hat Format. Als großer Antikriegsfilm mit dem Sujet des Grabenkriegs im Ersten Weltkrieg sei auch die deutsche Produktion „Westfront 1918 – Vier von der Infanterie“ (1930) von Georg Wilhelm Pabst genannt, und Stanley Kubricks „Wege zum Ruhm“ von 1957 gehört ebenfalls in diese Aufzählung.

Durch verlassene Stellungen der Deutschen

Wird „1917“ dereinst in einem Antikriegs-Atemzug mit diesen Werken genannt werden? Die Zeit wird es zeigen, ich halte es jedenfalls für möglich, da Sam Mendes die Sinnlosigkeit des Kriegsgetümmels und die Narben, die es bei den Menschen und in den Landschaften hinterlässt, vortrefflich visualisiert. Die Set- und Produktionsdesigner haben ganze Arbeit geleistet, ob in den Schützengräben, dem zerbombten Schlachtfeld oder einer in Stücke geschossenenen Ortschaft, die es zu durchqueren gilt – ein rabenschwarzer Trip, der die Eingeweide zusammenziehen lässt. Nicht umsonst fällt die bisherige Rezeption durch Filmkritik und Publikum gleichermaßen hervorragend aus, und dem schließe ich mich vorbehaltlos an.

Kann Captain Smith helfen?

Regisseur Sam Mendes und seine Ko-Drehbuchautorin Krysty Wilson-Cairns ließen sich von ihrem jeweiligen Großvater zu „1917“ inspirieren, wie beide im Interview bekundeten. Mendes’ Großvater zog 1916 mit 17 Jahren in den Krieg und kämpfte bis zum Ende, der von Wilson-Cairns weckte bei seiner Enkelin das Interesse an historischen Ereignissen. Mendes begründete seine Entscheidung, einen One-Shot-Movie zu drehen, damit, dass das Publikum zu Beginn ohne jegliche Exposition auf die beiden Protagonisten treffe und sie somit nicht wirklich kennenlerne. Die One-Shot-Technik erlaube es den Zuschauern, mit den beiden zu leben und jeden ihrer Atemzüge mit ihnen zu atmen, die Uhr herunterticken zu sehen. Bei der Bewertung als One-Shot-Movie kann hintangestellt bleiben, dass „1917“ keineswegs in Echtzeit spielt, wie es genau genommen sein sollte. Dann würde die Handlung zwei Stunden dauern – so lang ist der Film. Die Mission der beiden Protagonisten beginnt allerdings bei Tageslicht und dauert über die Nacht hinaus bis zum nächsten Tag. Da wollen wir mal nicht so sein. Wie die im Film nicht zu sehenden Stunden überbrückt werden, will ich nicht ausführen, man könnte es als Spoiler sehen. Es handelt sich somit nicht um einen „echten“ One-Shot-Film wie beispielsweise den deutschen Thriller „Victoria“ (2015), der tatsächlich in einem einzigen Take gedreht wurde, das ändert aber nichts an der Brillanz der technischen Umsetzung. Kameramann Roger Deakins wollte im Interview nicht verraten, wie viele Schnitte genau in „1917“ enthalten sind.

Minirollen für arrivierte Stars

Wenn Sam Mendes ruft, begnügen sich auch namhafte Akteure mit Minirollen: So sehen wir Oscar-Preisträger Colin Firth („The King’s Speech – Die Rede des Königs“) zu Beginn als General Erinmore, der die beiden Lance Corporals auf das Himmelfahrtskommando schickt. Mark Strong („Kingsman – The Secret Service“) ist als Captain Smith zu sehen, der den Weg der beiden Kuriere kreuzt. Benedict Cumberbatch („Doctor Strange“) schließlich tritt als Colonel MacKenzie in Erscheinung, dem die beiden Lance Corporals die Botschaft überbringen sollen, die ihn von der Attacke abhält.

Ein zerschossener Ort ist zu durchqueren

Zuletzt hatte 2010 ein Kriegsfilm die Oscars als bester Film und für die beste Regie abgeräumt: „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ von Kathryn Bigelow. Auch das nach einer längeren Pause – 1999 war Steven Spielberg als bester Regisseur für „Der Soldat James Ryan“ prämiert worden (als bester Film wurde in jenem Jahr „Shakespeare in Love“ geehrt). Es wäre also gar nicht mal inflationär, würden die Academy Awards für den besten Film und die beste Regie 2020 an „1917“ gehen. Verdient wäre das auf jeden Fall, aber das mag auch für die Mitbewerber gelten. Um der Chronistenpflicht Genüge zu tun, seien hier alle zehn Nominierungen genannt: Sam Mendes’ Werk hat Aussichten auf die Oscars als bester Film, für die beste Regie und die Kamera, dazu fürs beste Originaldrehbuch, Make-up/Hairstyling, Produktionsdesign, für die beste Musik, die besten visuellen Effekte, die Tonmischung und den Tonschnitt. Unabhängig davon, wie viele es am 9. Februar werden, hat sich „1917“ einen Status als großes Kriegsdrama und womöglich gar Antikriegsfilm redlich erarbeitet. Meisterhaft!

Immer wieder Leichen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Benedict Cumberbatch, Colin Firth und Mark Strong haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Wird die Botschaft Colonel MacKenzie rechtzeitig erreichen?

Länge: 119 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: 1917
GB/USA 2019
Regie: Sam Mendes
Drehbuch: Sam Mendes, Krysty Wilson-Cairns
Besetzung: George MacKay, Dean-Charles Chapman, Mark Strong, Andrew Scott, Richard Madden, Claire Duburcq, Colin Firth, Benedict Cumberbatch
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Universal Pictures and Storyteller Distribution Co., LLC. All rights reserved.

 

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The Kill Team – US-Killer in Afghanistan

The Kill Team

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Während des seit 2001 geführten Kriegs in Afghanistan kam es zwischen Juni 2009 und Juni 2010 zu den sogenannten Kill-Team-Morden (Maywand District Murders). Soldaten der US-Streitkräfte bildeten Killerkommandos mit dem Ziel, Afghanen zu töten – Zivilisten, die keinerlei Bedrohung darstellten.

Sergeant Deeks schwört seine Männer ein

Der US-Regisseur Dan Krauss verarbeitete die Ereignisse 2013 im Dokumentarfilm „The Kill Team“, der beim Tribeca Film Festival in Manhattan uraufgeführt wurde und dort mit dem Jury-Preis als beste Doku prämiert wurde. Sechs Jahre später inszenierte Krauss das Geschehen unter dem selben Titel nach eigenem Drehbuch als seinen bislang einzigen Spielfilm.

Der neue Sergeant

Andrew Briggman (Nat Wolff) hat sich entschieden, seinem Land als Soldat in Afghanistan zu dienen. Er tritt dabei in die Fußstapfen seines Vaters William (Rob Morrow), der ebenfalls beim Militär war. Schon kurz nach seinem Eintreffen wird sein vorgesetzter Unteroffizier durch einen Sprengsatz getötet. Ihn ersetzt Sergeant Deeks (Alexander Skarsgård), der seine Entschlossenheit bekräftigt, in der Gegend rund um den US-Stützpunkt Flintlock aufzuräumen. Briggman äußert gegenüber Deeks seinen Ehrgeiz, eine Einheit zu führen, und der Sergeant teilt ihn tatsächlich auf dem Posten ein. Doch Briggman hat Skrupel. Bei einem Einsatz stirbt ein afghanischer Zivilist. Es bleibt nicht der einzige Tote.

In einem Dorf ereignet sich Tragisches

„The Kill Team“ konzentriert sich stark auf die Beziehung zwischen Andrew Briggman und Sergeant Deeks. Letztgenannter gibt sich cool als väterlicher Boss, der mit seinen Männern durch dick und dünn geht. Dabei strahlt er eine lässige Autorität aus, der sich die einfachen Dienstgrade kaum entziehen können, während sich gleichzeitig fröstelnd erahnen lässt, wozu er fähig ist, sofern man ihm nicht folgt. Gleichzeitig folgt Deeks einer zynischen Logik, der man sich schwer entziehen kann. Bei Briggman hingegen ahnt der Zuschauer zügig dessen Skrupel, die im Widerspruch zu dem stehen, was er seinem Vorgesetzten sagt. Sowohl Nat Wolff („Death Note“) als auch Alexander Skarsgård („Legend of Tarzan“, „True Blood“) machen ihre Sache hervorragend, das Psychoduell der beiden trägt den Film über ein paar minimale Hänger hinweg. Gelegentlich hätte Dan Krauss den Spannungsbogen etwas pointierter aufbauen können, hier merkt man seine mangelnde Erfahrung mit Spielfilmen. Andererseits macht die unspektakuläre Inszenierung auch den Reiz von „The Kill Team“ aus – das in einer staubigen Gegend der Kanareninsel Fuerteventura gedrehte Kriegsdrama kommt mit wenigen und sich dabei ähnelnden Schauplätzen aus und wirkt dadurch wie aus einem Guss.

Korpsgeist und seine Folgen

Deutlich wird auch das Problem falsch verstandenen Korpsgeists in uniformierten Einheiten. Gerade in Kampfgebieten mag die Loyalität zur Truppe für eine Kompanie, eine Gruppe oder einen Zug von existenzieller und somit lebensrettender Bedeutung sein. Wenn dies jedoch zur Toleranz von oder sogar Teilnahme an Kriegsverbrechen führt, ist der Weg zur Entmenschlichung nicht weit. Und Krieg gebiert nun mal nahezu zwangsläufig Verbrechen, was viele Soldaten vor große moralische Dilemmata stellt. Dies kommt in „The Kill Team“ gut zum Vorschein. Kein großer Kriegsfilm, aber empfehlenswert und durchaus bedeutsam.

Andrew Briggman vertraut sich seinem Vater an

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Alexander Skarsgård haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

GIs in Afghanistan – Befreier oder Feinde?

Veröffentlichung: 3. Januar 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 88 Min. (Blu-ray), 85 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: The Kill Team
SP/USA 2019
Regie: Dan Krauss
Drehbuch: Dan Krauss
Besetzung: Alexander Skarsgård, Nat Wolff, Adam Long, Jonathan Whitesell, Brian Marc, Osy Ikhile, Rob Morrow, Anna Francolini, Oliver Ritchie, Ian Attard
Zusatzmaterial: Interviews mit Cast & Crew, B-Roll, Trailer, Trailershow
Label/Vertrieb: Universum Film

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Universum Film

 

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Der Pazifikkrieg (IV): Die Hölle sind wir – Entstehung und Zerstörung von Gesellschaft

Hell in the Pacific

Von Lucas Gröning

Kriegs-Abenteuer // Egoismus ist wohl eine der hinderlichsten Eigenschaften, wenn es um die zivilisierte Koexistenz von uns Menschen geht. Sehen wir uns bereits im Kindergarten mit dem täglichen Streit rund um das attraktivste Spielzeug konfrontiert, weiten sich diese Konflikte mit dem Erwachsenwerden auf wesentlich größere und bedeutendere Aspekte aus. Sicher, Egoismus hat auch eine Menge positiv-konnotierter Eigenschaften. Wenn ich beispielsweise gewillt bin, meine eigenen Bedürfnisse dem Gemeinwohl unterzuordnen, woher will ich wissen, dass meine Mitmenschen diese Bereitschaft ebenfalls aufbringen? Ein gesunder Drang, die eigenen Interessen nach vorn zu stellen, gehört angesichts dieser Ungewissheit zum absolut natürlichen und moralisch gerechtfertigten Denken und Handeln eines jeden Menschen dazu, zumal der in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht geforderte Konkurrenzkampf, gerade in westlichen Gesellschaften, dies systematisch voraussetzt. Damit gesellschaftliches Zusammenleben funktionieren kann, braucht es jedoch ein kontrolliertes Unterordnen der eigenen Bedürfnisse, wozu es wiederum Regeln benötigt, auf die sich eine Gesellschaft einigen muss.

Ein amerikanischer Soldat trifft auf einer Insel …

Ein kompliziertes Thema, welches sich John Boorman mit „Die Hölle sind wir“ zu eigen gemacht und, das sei vorweggenommen, auf großartige Weise bearbeitet hat. Im Dezember 1968 in Japan und den USA gleichermaßen im Kino gestartet, bildet „Die Hölle sind wir“ Boormans dritte Kino-Regiearbeit nach der Musikkomödie „Fangt uns, wenn ihr könnt“ (1965) und dem knallharten Gangster-Thriller „Point Blank“ (1967). Später inszenierte er unter anderem das beinharte Survival-Abenteuer „Beim Sterben ist jeder der Erste“ (1972), den postapokalyptischen Science-Fiction-Film „Zardoz“ (1974), das missratene Horror-Sequel „Exorzist II – der Ketzer“ (1977) und mit „Excalibur“ (1981) eine der besten Verfilmungen der Sage um König Artus und die Ritter der Tafelrunde.

Die Schauspielgrößen Lee Marvin und Toshirō Mifune

Als einzige Darsteller für „Die Hölle sind wir“ wurden die beiden Schauspiellegenden Lee Marvin und Toshirō Mifune verpflichtet. Als Marvins größter Erfolg zählt der Kriegs-Actionreißer „Das dreckige Dutzend“ (1967), im selben Jahr hatte er für „Point Blank“ erstmals mit Boorman zusammengearbeitet. 1962 war er in der Rolle des bösartigen Revolvermanns Liberty Valance in John Fords „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ an der Seite von James Stewart und John Wayne zu sehen. Ebenfalls ein Revolvermann, allerdings ein versoffener, war er 1965 in „Cat Ballou – Hängen sollst du in Wyoming“. Für die Hauptrolle gab’s im selben Jahr den Silbernen Bären der Berlinale und 1966 Oscar und Golden Globe. Mifune wiederum erlangte vor allem Bekanntheit durch seine häufige Zusammenarbeit mit Regielegende Akira Kurosawa, unter anderem spielte er Hauptrollen in dessen Meisterwerken „Rashomon“ (1950) und „Die sieben Samurai“ (1954). Für „Die Hölle sind wir“ trafen diese beiden großartigen Schauspieler nun aufeinander und legten damit den Grundstein für einen fantastischen Film.

Kampf um die Hegemonie

Die Geschichte ist oberflächlich betrachtet relativ einfach und unkompliziert. Wir befinden uns am Ende des Zweiten Weltkrieges auf einer Pazifikinsel. Unabhängig voneinander stranden dort ein amerikanischer (Lee Marvin) und ein japanischer Soldat (Toshirō Mifune), deren einzige Gemeinsamkeit zunächst der verzweifelte Kampf ums Überleben scheint. Irgendwann begegnen die Protagonisten einander und es kommt zu Konflikten. Bei beiden herrscht nach einem langen und qualvollen Krieg der Hass auf das jeweils andere, ideologisch konstruierte Feinbild, welches unmittelbar auf das Gegenüber projiziert wird. Diese Projektion, in Verbindung mit dem unbedingten Willen, das eigene Leben zu erhalten, führt zu einem unerbittlichen Kampf um die knappen Ressourcen, die die Insel den beiden zur Verfügung stellt. Es führt zu einem rein egoistischen Kampf um das eigene Wohl. Wenn der eine beispielsweise eine Möglichkeit gefunden hat, sauberes Wasser zu generieren, will er diese Errungenschaft nicht mit dem anderen teilen. Hat der andere ein Tier zum Essen erbeutet, teilt er die Nahrung nicht mit seinem Gegenüber.

… auf einen japanischen Soldaten

Was wir hier augenscheinlich sehen, ist ein Konkurrenzkampf um die begrenzten Güter der Insel, der sich problemlos auch auf moderne Gesellschaften übertragen lässt. Auch wir stehen in gewisser Weise auf dem freien Markt ständig in Konkurrenz zu unseren Mitbewerbern. Auch wir streben nach unserem Vorteil in der Gesellschaft und stellen für unser eigenes Wohlsein andere Existenzen hinten an. Aufgrund der Begrenzung des Wohlstands versucht ein jeder, das Beste für sich selbst und vielleicht noch seine Angehörigen herauszuholen. Die „Verlierer“ dieses Kampfes fallen hinten herunter und haben es entprechend schwer, sich aus einer schwachen Position heraus eine wohlhabendere Stellung in der Gesellschaft zurückzuholen. Das Ergebnis ist somit Klassismus und der daraus folgende marxistische Begriff des Klassenkampfes. Einen ebensolchen Konflikt zeigt uns „Die Hölle sind wir“, und lange Zeit bleibt offen, wer diesen Kampf schlussendlich gewinnen wird. Der Film kam im Übrigen nicht mit dem von John Boorman vorgesehenen Ende in die Kinos, da die Produzenten das Finale veränderten – kurioserweise, indem sie eine Szene aus Blake Edwards’ „Der Partyschreck“ (1968) einfügten. Die vom Regisseur präferierte Schlussszene findet sich im Bonusmaterial der DVD von Pidax Film. Wer kein Problem mit Spoilern hat, kann die Unterschiede im Schnittbericht nachlesen. Das ursprüngliche Drehbuch enthielt gemäß Trivia der Internet Movie Database sogar ein ganz anderes Ende: Danach war vorgesehen, dass Lee Marvins Figur von japanischen Soldaten gefangen genommen wird und Toshirō Mifunes Soldat seinen Leidensgenossen bald darauf geköpft vorfindet, woraufhin er die Soldaten angreift und seinerseits köpft. Boorman entschied sich jedoch, diese Szene nicht zu drehen.

Das Unterordnen von Egoismen

Mit zunehmender Spieldauer müssen wir feststellen: Es gibt in diesem Szenario keine Gewinner. Angesichts der begrenzten Ressourcen kann nur die Zusammenarbeit beider Parteien das gemeinsame Ziel des Überlebens sichern. Ermüdet und gezeichnet vom ständigen Kampf gegeneinander, raufen sich die Protagonisten zusammen und beschließen, die Flucht von der Insel und die Rückkehr in die Zivilisation geminsam anzugehen. Durch das nun vorherrschende Motiv des zurückgestellten Egoismus ist nun ein Zusammenkommen beider Menschen, ja sogar die Bildung einer Gesellschaft und ein damit einhergehender Fortschritt möglich. Einen Schlüssel bildet hier das erneute Stellen der Eigentumsfrage. Arbeitete zunächst jeder der beiden ausschließlich für sich selbst und für seinen eigenen privaten Wohlstand, dienen die neu erbeuteten Ressourcen nun jeweils beiden Protagonisten. Somit wird aus dem selbst erarbeiteten Privateigentum Kollektiveigentum, gleichbedeutend mit dem Bilden von Gemeinschaft und dem Ablegen jeglicher egoistischer Züge. Somit haben sich die Soldaten auf eine neue Regel verständigt, und die Neuklärung der Eigentumsverhältnisse in ihrer minimalen Gemeinschaft in gewisser Weise politisiert.

Vom Ablegen der Feindbilder

Darüber hinaus legen die Soldaten neben ihren egoistischen Trieben auch ihre ideologiegeleiteten Feindbilder ab. Es wird immer gleichgültiger, dass es sich bei dem einen um einen amerikanischen und bei dem anderen um einen japanischen Soldaten handelt und sich beide Parteien im Pazifik im Krieg befinden. Fast beiläufig werden die Ideologien zugunsten eines gesellschaftlichen Zusammenlebens und Fortschritts über Bord geworfen, was die Unwichtigkeit und Sinnlosigkeit dieser Ideologien in einem übergeordneten Kontext unterstreicht. Neben der Bildung einer Gesellschaft und der Entwicklung des Zusammenlebens gibt dieser Aspekt „Die Hölle sind wir“ eine weitere Dimension und macht Boormans Werk auch zu einem Antikriegsfilm.

Es entbrennt ein ideologisch geprägter Überlebenskampf

Alles in allem sind dem Regisseur und seinem Team mit „Die Hölle sind wir“ ein fantastischer Film gelungen. Der Film nutz das Aufgreifen von Eigentumsfragen bei gleichzeitigem Hinterfragen von Wirtschaft, Hegemonie und Klassismus moderner, vor allem kapitalistischer Gesellschaften, um eben diese zu kritisieren und die Regeln, die dort vorherrschen, auf seine Art zu kommentieren. Zugleich wird der Film durch sein Szenario und die anfängliche Treue seiner Protagonisten zu vereinfachenden, verblendenden Ideologien zu einem Antikriegsfilm und setzt die sich im Krieg abspielenden Konflikte zugleich in den Kontext zum bereits angesprochenen Kampf um die Hegemonie in einer sich bildenden Gesellschaft. Doch Kampf und Krieg führen nicht zum Fortschritt oder der Verbesserung einer Gesellschaft, sondern tragen eher ihren Beitrag zur Zerstörung bei, so die unmissverständliche Botschaft des Films. Mittels minimalistischer Darstellung in Form zweier einfacher, maskenhafter Charaktere, deren durchgängiger Sprachlosigkeit, der räumlichen Einengung durch den Inselstrand und die Beschränkung bezüglich des dargestellten Zeitstrahls bricht der Film die Konflikte auf ein Minimum herunter und macht sie für jedermann verständlich. In diesem Minimalismus erreicht der Film eine Klarheit und zugleich eine Höhe, die man in vielen vergleichbaren, streckenweise überladenen Filmen vergeblich sucht. Das alles macht „Die Hölle sind wir“ zu einem großartigen und zugleich sehr unterschätzten Film, den aus meiner ganz persönlichen Sicht deutlich mehr Leute sehen sollten, als das bisher der Fall war.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lee Marvin und Toshirō Mifune haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 15. November 2019 und 24. August 2006 als DVD

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Hell in the Pacific
Alternativer deutscher DVD-Titel: Hell in the Pacific – Zwei Männer zwischen Krieg und Hölle
USA 1968
Regie: John Boorman
Drehbuch: Alexander Jacobs, Eric Bercovici
Besetzung: Lee Marvin, Toshirō Mifune
Zusatzmaterial: Interview mit Regisseur John Boorman, Interview mit Art Director Anthony Pratt, alternatives Ende, Wendecover
Label 2019: Pidax Film
Vertrieb 2019: Studio Hamburg Enterprises
Label/Vertrieb 2006: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2019 by Lucas Gröning
Szenenfotos: © 2019 Pidax Film

 
 

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