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Der Panther – Rauben, morden, fliehen, verstecken

Highway 301

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Die US-Bundesstaaten North Carolina, Maryland und Virginia werden von einer skrupellosen Räuberbande terrorisiert. Ihr Anführer ist George Legenza (Steve Cochran) – ein eiskalter Vollblut-Egoist, der lieber seinem Betthäschen in den Rücken schießt, als auch nur das kleinste Risiko einzugehen, an die Polizei verraten zu werden. Nur, wenn er selbst Todesangst hat, zeigt dieser Legenza echte Gefühle. Mit purer Berechnung lassen sich viele Verbrechen erfolgreich gestalten, doch wenn man sich beim Beseitigen von Spuren vom Hundertsten ins Tausendste verstrickt, wird das Eis immer dünner. Ärgerlich vor allem dann, wenn mal ein Coup schiefgelaufen ist und man trotzdem nun erst einmal die Nachwehen überleben muss.

„Der Panther“ ist ein von den Warner Brothers in die Kinos gebrachtes, auf wahren Begebenheiten basierendes Prestige-Projekt von Andrew L. Stone, der sowohl für Drehbuch als auch Regie verantwortlich war. Dieser Noir startet zwar reichlich absurd mit gleich drei ziemlich hölzernen Kurz-Gastauftritten der damaligen Gouverneure von North Carolina, Maryland und Virginia, die ihm zusätzliche Glaubhaftigkeit verleihen sollen, aber eher das Gegenteil bewirken – dann jedoch folgen rund 80 Minuten wirklich spannende, mit konsequenter Kompromisslosigkeit punktende Thriller-Unterhaltung.

Lektionen im steifen Textaufsagen vor der Kamera

Vor allem das deutsche Publikum kommt bestens auf seine Kosten, da die drei Gastauftritte der Gouverneure hierzulande glücklicherweise, wohl schon für die Kinoauswertung, geschnitten wurden. Mitsamt dieser skurrilen politisch verpackten Moral-Cameos hingegen hat „Der Panther“ leider von vornherein – bis hin zum ähnlich belehrend gearteten Schlusswort des allerdings von einem Schauspieler verkörperten polizeilichen Ermittlers – recht deutlich das eine oder andere Momentum eines Propaganda-Films auf seiner Seite. Dass es hier gegen Bankräuber und Raubmörder geht, und nicht gegen Kommunisten, ändert an der Vorgehensweise mit dem erhobenen Zeigefinger und der pauschalen Glorifizierung sämtlicher Gesetzeshüter letztlich wenig, was nun einmal unschön an im selben Zeitfenster in Hollywood entstandene antikommunistische Hetzfilme erinnert. Ob die Attitüde des Propaganda-Films in so einem Fall nun statthaft ist, da der Zweck die Mittel heiligt, und es diese Kriminellen – da es um aus reiner Geldgier handelnde Diebe und Raubmörder geht – ja eventuell wirklich nicht besser verdient haben könnten, als an den Pranger gestellt zu werden, ist eine moralisch schwierige, fast schon philosophische Frage; aber zum Glück ist das allem Anschein nach wenigstens nie ein Problem der deutschen Synchronfassung gewesen.

Du kannst nicht davonlaufen!

Eine von zwei großen Stärken dieses Films ist die Darbietung von Steve Cochran in der Hauptrolle, der hier eine der besten Verkörperungen eines eiskalten Gangsters im Film noir der 40er- und 50er-Jahre hinterlässt. Dieser Faktor allein macht „Highway 301“ – wie das Werk im Original heißt – schon wichtig für das Genre. Spannend auch insofern, als Cochran in dieser Rolle einen äußerst abwertenden Umgang mit Frauen pflegt, Prügel und Mord inbegriffen. Ausgerechnet Cochran, der in Hollywood seinerzeit als Frauenheld und Schürzenjäger bekannt war. So gesehen dürfte dieser Auftritt damals manch einen Kinogänger oder vielmehr manch eine Kinogängerin gleich doppelt geschockt und einige Traumbilder zerstört haben. Es war bei weitem nicht das einzige Mal, dass Cochran einen Kriminellen spielte, aber so böse und so respektlos gegenüber der Damenwelt wie hier hat man ihn selten gesehen. Da wird der Wunsch nach Nähe knallhart von der Angst abgelöst, ihm den Rücken zuzudrehen.

Die zweite große Stärke sind drei von Andrew Stone sehr sorgfältig inszenierte, von großer Furcht im Angesicht des Todes durchzogene, spannend und mit Ausdauer in die Länge gezogene Katz-und-Maus-Spiele, in denen Cochran zweimal der Jäger ist – nur, dass er Frauen hier eben nicht jagt, um Zärtlichkeiten mit ihnen auszutauschen. Und schließlich ist er auch einmal der Gejagte. Drei denkwürdige Szenen mit wirklich harten Abschlüssen, wobei die letzte dieser drei Szenen obendrein eine recht realistisch gelungene Schießerei in einem Krankenhaus – ein durchaus perfide gewählter Handlungsort – mitbringt, die schon für sich genommen als kleines, aber feines Actionelement äußerst sehenswert ist. Man merkt allen voran diesen drei Episoden des Films sehr deutlich an, dass Stone klare Visionen hatte, die er umsetzen wollte, wofür er auch bereit war, sich einiges an Handlungszeit zu nehmen. Dass Drehbuchautor und Regisseur dieselbe Person waren, ist an diesen Stellen ziemlich gut nachvollziehbar. Irgendwann wird einem dann auch bewusst, dass der Film eigentlich nur ein recht kurzes Zeitfenster umspannt – und manchmal recht eng mit dem späteren „24“-Konzept kokettiert, Geschehnisse über lange Zeiträume in Echtzeit wiederzugeben – und dafür Dramatik und Spannung einiger Szenen besonders stark auskostet. Dass die gejagten Menschen hier vorzugsweise ziemlich wehrlos sind und zudem gern einmal der falschen Hoffnung unterliegen, bereits entkommen zu sein, ehe sie schließlich doch noch ins offene Messer laufen, lässt „Highway 301“ zu einem ausgesprochen bösen und heimtückischen Noir werden, der ein manchmal regelrecht Elemente des italienischen Giallo vorwegnehmendes Gesicht zeigt. Einigen Kritikern war das erheblich zu reißerisch – vielleicht ist dieser Aspekt aber auch gerade ein Zeichen dafür, dass dieser Film seiner Zeit voraus war. So oder so ist er mehr als nur ein Geheimtipp, spielte weltweit etwa das Dreifache seiner Produktionskosten, allein über Kinoauswertungen, ein und kann somit in jedem Fall als Publikumserfolg gewertet werden.

Bekannte Gesichter in frühen Rollen – vor der Kamera und hinter dem Mikrofon

Nicht zuletzt ist da der Bonuspunkt, dass man die später in einigen durchaus bedeutenden Filmen und großen Rollen zu sehen gewesenen Richard Egan und Robert Webber hier ganz früh in ihrer Karriere, als Teil der Räuberbande, erleben darf. Ergänzt von Wally Cassell in der Rolle von George Legenzas engstem Vertrauten. Cassell beendete zwar schon Mitte der 60er-Jahre seine Laufbahn als Film- und Fernsehschauspieler, starb aber erst 2015 im stolzen Alter von 103 Jahren, was ihn zu einem der am ältesten geworden Menschen macht, die jemals in Hollywood als Schauspieler tätig waren. Der abenteuerlustige Steve Cochran war zu dem Zeitpunkt bereits knapp 50 Jahre tot – 1965 im Alter von nur 48 Jahren an Bord seiner Yacht vor der Küste Guatemalas gestorben. Standesgemäß in alleiniger Begleitung von drei mexikanischen Girls. Eine üble Tragödie, zumal die jungen Frauen nicht wussten, wie man das Schiff bedient, und daher etwa zehn Tage mit dem Leichnam umhertrieben, ehe die Yacht schließlich an Land gespült wurde. Gerüchte, Cochran sei vergiftet worden, konnten nicht erhärtet werden.

Ähnlich wie Robert Webber und Richard Egan vor der Kamera, kamen auch für die deutsche Synchronfassung mehrere erst später (nicht nur hinter dem Mikrofon) ziemlich populär gewordene Schauspieler zum Einsatz: Wolfgang Kieling („Der zerrissene Vorhang”) ist als Stimme von Robert Webber zu hören, Erik Ode („Der Kommissar“) für Wally Cassell. Die Hauptrolle beziehungsweise in der deutschen Fassung „Der Panther“ gleichzeitig auch Titelrolle spricht der mit seiner Stimme, passend zum Part des George Legenza hier, unter anderem auf eiskalte Vollstrecker spezialisiert gewesene Friedrich Joloff („Raumpatrouille Orion“). Die Synchronfassung ist überzeugend gelungen, atmosphärisch dicht und versiert besetzt. Was diesem Film einzig fehlt, ist eine digitale Veröffentlichung in Deutschland. In den USA gibt es schon seit knapp zehn Jahren eine im Rahmen der „Warner Archive Collection“ erschienene DVD – wir warten.

Veröffentlichung (USA): 2. Dezember 2009 als DVD

Länge: 83 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Highway 301
USA 1950
Regie: Andrew L. Stone
Drehbuch: Andrew L. Stone
Besetzung: Steve Cochran, Virginia Grey, Gaby André, Edmon Ryan, Robert Webber, Wally Cassell, Aline Towne, Richard Egan, Edward Norris, John McGuire
Verleih: Warner Brothers

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Mördersyndikat San Francisco – Wer nicht für uns ist, ist gegen uns

Hoodlum Empire

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Gangsterboss Nicholas Mancani (Luther Adler) muss sich vor einer Grand Jury für die ihm zur Last gelegten Taten verantworten. Die Senatoren unter Federführung von Bill Stephens (Brian Donlevy) wollen insbesondere der Ausbeutung durch Glücksspiel ans Leder, bei der die organisierten Kriminellen keinen Halt davor machen, kleinen Kindern auf dem Schulweg mit eigens platzierten Automaten das Geld fürs Frühstück aus der Tasche zu ziehen. Wenn es sein muss wird dabei auch mit simplen, aber dreisten Hilfsmitteln gearbeitet, damit selbst die Kleinsten an die Münzschlitze gelangen können. Befragt werden neben dem Boss unter anderem enge Freunde und vermutete Untergebene Mancanis, wie etwa Charles Pignatalli (Forrest Tucker), der schnell einmal über Leichen geht, wenn er nervös wird. Zwischen den Fronten steht Joe Gray (John Russell) – dieser hat zwar vor dem Kriegsdienst unter den Augen seines großzügigen Onkels „Nick“ Mancani das eine oder andere Ding gedreht, wollte nach der Heimkehr aber nicht ins mittlerweile deutlich gewachsene Mancani-Imperium einsteigen. Doch wen man weder für sich arbeiten lassen noch kaufen kann, dem kann man eventuell zumindest empfindliche Glaubwürdigkeits- oder Überlebensprobleme verschaffen.

Manch ein Italo-Amerikaner fühlte sich von dieser Erzählung zum Kinostart schon allein aufgrund der Namen der Kriminellen reichlich auf die Füße getreten. Doch nicht nur wer vom Film noir eine Kompromisslosigkeit dergestalt erwartet, dass auch Szenen mit bereits verzweifelt am Boden liegenden Frauen denkbar sind, die wehrlos von in ihrer Ehre gekränkten Gangstern erschossen werden, findet in „Mördersyndikat San Francisco“ in jedem Fall einen treffenden, giftigen Genrebeitrag. Ein Film, der die düstersten Schattierungen des Noirs mit gesellschaftspolitisch ambitionierten Ansätzen kreuzt.

Mamma Mia!

Man kann diese von den seinerzeit topaktuellen, sogenannten Kefauver-Hearings inspirierte Produktion sicherlich als Prestige-Projekt der Republic Pictures verstehen – unschwer an der Besetzung diverser aus berühmten Projekten wesentlich größerer Studios bekannter Charakterdarsteller zu erkennen, darunter mehrere hauptrollenaffine Recken mit Star-Qualitäten. Die Anbindung an die wahren Geschehnisse erklärt letztlich auch die Vergabe der Namen der Figuren, wenngleich man dem Film vermutlich einen Gefallen damit getan hätte, zumindest etwas mehr darauf einzugehen, dass es natürlich auch Kriminelle im Umfeld der im Zentrum der Handlung agierenden Charaktere gab, in deren Adern kein italienisches Blut floss. Ärgerlich ist das aber eigentlich nur insofern, als es völlig unproblematisch möglich gewesen wäre, mit ein paar wenigen Dialogen diverse Verflechtungen mehr zu zeigen, aber nicht, weil der Film sich mit dem nichtsdestotrotz gewählten Ansatz waghalsig auf Glatteis begäbe. Die Problematik liegt eher bei den Anhörungen selbst, die im Rückblick ebenfalls mit dem Vorwurf konfrontiert wurden, sich zu einseitig auf die italo-amerikanische Mafia eingeschossen zu haben. Der Film reproduziert diese Einseitigkeit lediglich, wenn auch ohne die Fragwürdigkeit der Konstellation merklich zu reflektieren oder eben die Option zu nutzen, dass man spielend einige Schritte weiter hätte gehen können.

Der Star ist die Mannschaft

Unabhängig davon, wie sehr man diesem Thriller das etwas unglückliche Treiben im Fahrwasser fragwürdig verlaufener wahrer Begebenheiten nun ankreiden will, ist „Mördersyndikat San Francisco“ zunächst einmal ein recht gut geeignetes Beispiel für einen Film, dessen Ensemble vor der Kamera in der Lage ist, allen Widrigkeiten zu trotzen – was gerade bei einem eher kleinen Studio wie Republic Pictures ein löblicher Umstand ist.

Dem Story-Verlauf nach wäre eigentlich die Rolle von John Russell an erster Stelle des Vorspanns zu nennen, würde man einem klassischen Hollywood-Muster folgen. Doch um sich nach solchen Gepflogenheiten zu richten, hat dieser Film einfach zu viele bekannte Gesichter im Gepäck, darunter auch Namen, mit denen Russell damals noch nicht hätte mithalten können. So geht der erste Platz in den Credits an Brian Donlevy, während einem Forrest Tucker – der bei Republic seinerzeit auch schon als Führungskraft vor der Kamera eingesetzt worden war – hier mal wieder eine Sidekick-Rolle zukommt. Und schauspielerisch reißen insbesondere Luther Adler und Gene Lockhart ihre jeweiligen Szenen an sich – Adler als charismatischer Gangsterboss, Lockhart als verbissen gegen das Verbrechen keifender Senator –, während sich Claire Trevor in dem männerdominierten Cast in einer tragischen Damenrolle sehr würdevoll und schließlich auch berührend präsentiert. Geplant waren offenbar auch Einsätze von Joseph Cotten und George Raft, die letztlich aber nicht realisiert wurden.

Sogar die ehemalige Eiskunstläuferin Vera Ralston, deren gesamte Filmkarriere von Republic Pictures umspannt wurde, gibt in „Mördersyndikat San Francisco“ eine recht überzeugende Vorstellung als schüchterne, aber durch Kriegserfahrungen geprägte und gereifte Europäerin vom Lande. Kritik an ihren Darbietungen hängt sich oft daran auf, dass sie mit dem wesentlich älteren Republic-Pictures-Gründer Herbert J. Yates liiert war – frei nach dem Motto, sie hätte ihre Engagements vor der Kamera nicht durch Talent, sondern persönliche Beziehungen bekommen. Angeblich waren fast alle ihrer insgesamt weniger als 30 Filme kommerzielle Misserfolge, dennoch erhielt sie bis zum frühzeitigen Ende ihrer Filmkarriere 1958 konstant umfangreiche Spielfilmparts bei Republic. Yates wurde Vetternwirtschaft vorgeworfen und sein Festhalten an Ralston vor der Kamera gilt als einer der Gründe, warum er sich schließlich von der Spitze der Republic Pictures zurückziehen musste. Die These, dass Vera Ralston ungewöhnlich talentfrei war, halte ich allerdings für deutlich überzogen. Sicherlich spielte sie überwiegend eher belanglose Figuren – wenn man sich jedoch vergegenwärtigt, wie viele belanglose Frauenrollen das damalige Hollywood zu bieten hat, ist das mit Sicherheit nicht einmal ansatzweise so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal, schauspielerisches Vermögen oder Unvermögen der Beteiligten eingerechnet. Und sie war gewiss nicht die einzige Frau in Hollywood, die maßgeblich von persönlichen Beziehungen profitierte und sich darüber eine langjährige Karriere aufbaute. Wer frei von Sünde ist, werfe den ersten Stein.

Kane war ihr Schicksal

Ein ähnliches Opfer oberflächlicher Kritik ist auch der Regisseur des Films, Joseph Kane. Er sogar noch wesentlich deutlicher zu Unrecht, wie ich finde. Kritikern und Wissenschaftlern, die von einem Regisseur regelrecht zwingend erwarten, dass er durch seine ästhetische Handschrift oder spezielle narrative Elemente ständig, wenn nicht gar redundant, also auffällig, auf sich selbst hinweist – indem er immer wieder mit bestimmten Stilmitteln deutlich werden lässt, dass es sich eindeutig um einen Film von ihm handelt –, sind Regisseure wie Kane ein Dorn im Auge. Regisseure wie Joseph Kane waren es allerdings, die vergleichsweise kleine Produktionsfirmen wie Republic Pictures im Hollywood der 30er bis 50er am Laufen hielten. Vielfilmer, deren Kunst das solide Unterhalten und Beherrschen diverser kommerziell relevanter Genres war, die aber auch die Fähigkeit besaßen, den Schauspielern die Bühne zu überlassen, was durchaus gewisse Vorzüge haben kann – und die ihre Kameramänner auch einfach mal ohne Stress eher altmodisch filmen ließen, weil schlicht und ergreifend ja auch eigentlich gar nichts dagegen spricht, einem schon für damalige Verhältnisse recht klassischen Look verhaftet zu bleiben, solange es nicht jeder macht. Stilistisch-ästhetisch unspektakulär zu sein, muss nicht immer negativ sein, sondern bringt unter Umständen sogar eine Art Mehr an Objektivität ins Spiel. Da kann aus der Not im besten Fall sogar eine Tugend werden. Kurios: In „Mördersyndikat San Francisco“ passt es obendrein recht gut zur mehrfach mit Rückblenden in die Vergangenheit greifenden Handlung, dass auch die Kameraarbeit an Filme der 30er und 40er erinnert.

Regisseure des Schlages von Joseph Kane waren im damaligen Hollywood des Öfteren quer durch diverse auf Spannung und Abenteuer abzielende Genres unterwegs – meist angeführt vom Western, über exotische Abenteuerfilme bis hin zu Kriegsfilmen und Noir-Krimis. Letzten Endes sind es gerade die Filme von Regisseuren wie Kane, die einem immer wieder bewusst machen, dass es beim Film eben nicht zwingend darum gehen muss, im Nachhinein über den „Einfluss des Regisseurs“ oder seinen „Blickwinkel“ zu philosophieren. Filme erzählen in erster Linie Geschichten und nur Filme als hochwertig einzustufen, in denen der Regisseur eine auffallende, sich bewusst oder unbewusst in den Vordergrund drängende Handschrift hat, halte ich für bedenklich eindimensional. Auch ob man in derartigen Kontexten mit abwertenden Differenzierungen arbeiten sollte, wie etwa, wenn man von „trivialer Dramaturgie“ oder „Trivialliteratur“ spricht – womit eine Art der Literatur gemeint ist, die vergleichbar ist mit der Art wie ein Joseph Kane Filme drehte – halte ich für sehr diskutabel. Und wer das tut, darf sich zumindest nicht beschweren, wenn umgekehrt das Autorenkino hin und wieder Stempel wie „verkünstelt“ oder „langweilig“ bekommt.

Kino wird erst vielfältig und spannend, wenn manchmal im Film eine Komponente wie die „Handschrift des Regisseurs“ eben auch einmal weitgehend wegfällt und dafür andere Bestandteile des Films an Gewicht gewinnen. Letztlich ist das Kino von Dauerbrenner-Regisseuren wie Joseph Kane, Lesley Selander oder Fred F. Sears, wenn man so will, quasi der frühzeitige, radikale Gegenentwurf zum Autorenkino. Das mag nicht so intendiert gewesen sein – zumal der Typ „Autor“ unter den Kino-Regisseuren damals sowieso noch weniger verbreitet war –, ist aber verdammt gut so. Der Charme, den beispielsweise das Genre Western bis heute hat, wäre ohne Kanten wie Kane, Selander oder Sears überhaupt nicht möglich gewesen – Regisseure wie John Ford oder Howard Hawks machen nur einen Bruchteil des Genres aus. Und gerade der Erfolg des klassischen Hollywood-Westerns bis heute belegt die Sinnhaftigkeit eines der am nachhaltigsten, bei einem relativ breit gefächerten Publikum funktionierenden Konzepte des klassischen Kinos. Dass der Western noch heute mehr als jedes andere Filmgenre in vielen großen Märkten in Deutschland eine eigene Sektion bekommt, damit man die Filme des Genres im Verkaufsregal schneller findet, obwohl die meisten dort zu findenden Produktionen zwischen 50 und 80 Jahren alt sind, ist ja alles andere als Zufall. Artifizielle oder auffallend bemüht nach Realismus strebende Filme sind gut und schön – aber auch anderes sollte man als filmhistorisch relevant anerkennen können, vor allem wenn es nachweislich über Jahrzehnte den Nerv eines relativ großen Publikums trifft.

Mehr Republic für die Bundesrepublik

In den USA gibt es „Mördersyndikat San Francisco“ schon seit 2013 auf Blu-ray und DVD. Der deutsche Markt könnte sich, im Falle eines Erscheinens hierzulande, auf eine wunderbare klassische Synchronisation von 1955 freuen, die im Auftrag des Verleihs „Gloria“ erstellt wurde, der in Deutschland damals auf den Vertrieb von Republic-Pictures-Filmen abonniert war. Mit dabei: der bis ins hohe Alter aktiv gewesene, heute legendäre Friedrich Schoenfelder in einer ganz frühen Hauptrolle – überraschend als Stimme von Brian Donlevy besetzt. Eine Zeit lang hat sich insbesondere das Label „Filmjuwelen“ in Deutschland um DVD-Veröffentlichungen diverser Republic-Pictures-Klassiker gekümmert. Generell aber gilt, dass selbst der Film noir des US-Kinos der 40er und 50er hinsichtlich DVD-Veröffentlichungen hierzulande noch bei Weitem nicht so gut erschlossen ist wie der Western oder, nach meinem Empfinden, auch der Kriegsfilm derselben Epoche. Es besteht ein gewisser Nachholbedarf, da nach wie vor etliche wirklich gute, teils auch international recht populäre klassische US-Noirs einer DVD-Veröffentlichung in Deutschland harren. „Mördersyndikat San Francisco“ ist in Relation dazu eher so etwas wie ein Geheimtipp, aber Geheimtipps dieser Größenordnung haben im Western in den vergangenen Jahren dutzendweise den Sprung in unsere DVD-Regale geschafft. Die ungleiche Behandlung der Genres ist da momentan leider ein Hemmnis. Als kämpferisches Statement gegen organisierte Kriminalität in Verbindung mit taffen Noir-Elementen und ein paar wirklich starken schauspielerischen Leistungen sowie etlichen Charakterköpfen, ist „Mördersyndikat San Francisco“ eine klare Empfehlung für Freunde des US-Thrillers der 40er und 50er in Schwarz-Weiß.

Veröffentlichung (USA): 30. April 2013 als Blu-ray und DVD

Länge: 98 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Hoodlum Empire
USA 1952
Regie: Joseph Kane
Drehbuch: Bob Considine, Bruce Manning
Besetzung: Brian Donlevy, Claire Trevor, Luther Adler, John Russell, Forrest Tucker, Gene Lockhart, Vera Ralston, Grant Withers, Taylor Holmes, Douglas Kennedy
Verleih: Republic Pictures

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Verachtung – Düstere Krimiverfilmung aus Dänemark

Journal 64

Kinostart: 20. Juni 2019

Von Iris Janke

Thriller // Die Romane von Jussi Adler-Olsen sind ein Garant für düstere und gut durchdachte Krimis aus Dänemark. Auch im vierten Teil der Reihe um das Ermittlerteam vom Kopenhagener Sonderdezernat Q, das sich mit alten, ungelösten Fällen beschäftigt, gelingt eine packende Umsetzung des Romans. Nach „Erbarmen“ (2013), „Schändung – Die Fasanentöter“ (2014) und „Erlösung“ (2016) spielen Nicolaj Lie Kaas und Fares Fares erneut das eingespielte Ermittlerteam Carl Mørck und Hafez el-Assad. Beide tragen ebenso zum Gelingen der filmischen Umsetzung bei wie Regisseur Christoffer Boe. Zwar ist Boe neu an Bord der Film-Reihe, trotzdem gelingt es ihm scheinbar mühelos, die losen Enden der festen Handlungsstränge zu verknüpfen.

Miese Stimmung zwischen Mørck (r.) und el-Assad

Die Stimmung zwischen den beiden Polizisten ist auf dem Tiefpunkt angekommen – Mørck ist schwer depressiv, lässt el-Assad nicht an sich heran. Beide registrieren zwar, dass etwas in der Arbeitsbeziehung gehörig schief läuft, Kommunikation findet trotzdem nicht statt. Ermittler Assad will flüchten, hat sich auf eine Stelle im Betrugsdezernat beworben; Mørck ist davon wenig begeistert, will das aber auf keinen Fall zeigen. Nur Assistentin Rose (Johanne Louise Schmidt) versucht die angespannte Situation zu entschärfen. Mitten in dieses miese Klima platzt ein „letzter Auftrag“ für das Ermittlerteam: Bauarbeiter haben in einem zugemauerten Raum eines verlassenes Appartements drei mumifizierte Leichen gefunden, zwei Frauen und einen Mann. Alle sitzen um einem gedeckten Esstisch, ein vierter Platz ist leer – für die nächste Leiche? Die Toten sind schnell identifiziert: Nete Hermanns (Fanny Bornedal), die Prostituierte Rita Nielsen und der Anwalt Philip Nørvig. Die Ermittler finden heraus, was die Toten und die Mieterin der Wohnung, Gitte Charles, miteinander verbindet: ihr Aufenthalt in einer Klinik für schwierige Mädchen auf der Insel Sprogø.

Der Arzt Curt Wad führt nicht nur Gutes mit Nete im Schilde

Die Verfilmung von „Verachtung“ gelingt, der Zuschauer gruselt sich perfekt, skandinavisch sachlich. Geschickt meistert Regisseur Boe es, den Zuschauer durch Zeitsprünge von den 60er-Jahren bis in die heutige Zeit zu führen, ohne dabei für Verwirrung zu sorgen. Für eine angenehme Ruhe – konträr zur grausig anmutenden Handlung – sorgen das Ermittlerteam vom Sonderdezernat Q und die kühlen und reduzierten Bilder, kein überflüssiger Schnickschnack stört. Zu schade wäre es, wenn diese Verfilmung aus Jussie Adler-Olsens siebenteiliger Buchreihe um das Sonderdezernat Q sofort im Sonntagabend-TV-Keller des ZDFs verschwinden würde. Zwar ist dieser TV-Sendetermin ein toller, fester Platz für spannende britische und skandinavische Filme, trotzdem hat der fesselnde Thriller zuerst einen größeren Auftritt auf der Kinoleinwand verdient.

Grausige Entdeckung für Mørck (l,) und el-Assad im Ex-Mädchenheim

Länge: 119 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Journal 64
Internationaler Titel: The Purity of Vengeance
DK/D 2018
Regie: Christoffer Boe
Drehbuch: Nikolaj Arcel, Bo Hr. Hansen, Mikkel Nørgaard, nach dem Roman von Jussi Adler-Olsen
Besetzung: Nikolaj Lie Kaas, Fares Fares, Johanne Louise Schmidt, Søren Pilmark, Fanny Bornedal, Clara Rosager, Luise Skov, Amanda Radeljak, Anders Hove, Nicolas Bro, Elliott Crosset Hove
Verleih: NFP marketing & distribution

Copyright 2019 by Iris Janke

Filmplakat & Trailer: © 2019 NFP marketing & distribution, Szenenfotos: © Zentropa Henrik Ohsten

 

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