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Simon Templar Vol. 1 – Dem ist nichts heilig

The Saint

Von Tonio Klein

Krimiserie // Was bedingt hier was? Roger Moore alias Simon Templar sollte später James Bond werden, aber der Serienvorspann sieht schon ein wenig nach Bond aus, mit farbigen Schattenspielen von Actionszenen. Man kann dem Cover natürlich entnehmen, dass Volume 1 uns Episoden von 1966 und 1967 präsentiert; da waren die ersten Connery-Bonds schon immens populär. Die Auswahl von Pidax kann auch wohlwollend nur als seltsam bezeichnet werden. Warum enthält Volume 1 ausgerechnet die fünfte Staffel, und diese dann fast komplett, aber ohne die letzte Folge „Heißer Kuss am Bosporus“, die dafür mitten in Volume 2 auftaucht? Wäre es, wenn man uns – was jetzt schon feststeht – ohnehin nur eine Auswahl präsentieren wird, nicht sinniger, einen Querschnitt zu nehmen statt einen Ausschnitt? Volume 2 wird interessanter, zeigt es doch tatsächlich die erste (1962) und letzte Folge (1969) sowie erhellende Dokus statt nur eine launige, von Roger Moore und anderen audiokommentierte Folge. Mehr demnächst in diesem Theater.

Mein Name ist Templar, Simon Templar

Nun kann man sich an diesen kurzweiligen, jeweils circa 48 Minuten langen Krimis mit Humor-Touch natürlich immer noch erfreuen, denen der Wechsel von Schwarz-Weiß zu Farbe gutgetan hat (die gezeigte Staffel 5 ist die erste in Farbe). Sie lassen einerseits ein mondänes Sixties-Flair und andererseits den Roger-Moore-Kultfaktor wiederaufleben. Man kann ihn sich da als kommenden Bond (und auch als den schnöseligsten aller Bonds) schon sehr gut vorstellen, wobei der Mann damals noch unverschämt gut aussah. Der Templar-Beiname „The Saint“ passt nun wirklich nicht (und rührt von den Initialen S. T. alias Abkürzung für „Sankt“ her), auch wenn der eingeblendete Heiligenschein sowie ein Strichmännchen mit selbigem zum festen Bestandteil jeder Folge gehört.

Bond wäre weniger zögerlich

Puristen der Simon-Templar-Romane von Leslie Charteris müssen mit gewissen Glättungen der Figur leben. Templar ist einfach ein über allem stehender Müßiggänger, von dem wir niemals erfahren, ob er eigentlich einen Beruf hat und wovon er sich seinen Jet-Set-Lebensstil leisten kann. Er muss nirgendwo hin- oder hineinkommen. Er ist einfach da – an den weit über die Weltkarte verstreuten Orten der Schönen und Reichen – so selbstverständlich, als sei dies eine natürliche Verbindung. In „Mord im Palazzo“ sogar mit weißem Smoking im Casino, was Bond nicht unähnlich sieht. Dass Templars Einkommen auch schon mal darin bestehen kann, sich einen Anteil von wiederbeschafftem Diebesgut abzuzwacken, steht nur in den Romanen.

Die Gesetze der Serie

Bei Serien mit abgeschlossenen Geschichten gibt es üblicherweise typische Bausteine, sozusagen Gesetze der Serie. Als hauptberuflicher Jurist möchte ich diese mit einem typischen Regel-Ausnahme-Verhältnis vergleichen – Abweichungen sind nicht kategorisch verboten, aber rechtfertigungsbedürftig. Und das Salz in der Suppe. Weicht man niemals ab, wird die Suppe fad, weicht man zu oft ab, überdeckt das Versalzene den typischen Eigengeschmack, den niemand missen möchte. Damit muss sich jede Serie herumschlagen. Auch hier hat Volume 2 mehr Würze als Volume 1, dessen Folgen von geringer Unterschiedlichkeit zeugen. Typische Bestandteile sind: Simon Templar ist in der ganzen Welt zu Haus, vornehmlich – nicht immer – in der High Society oder bei denen, die sich dafür halten. Erstaunlicherweise scheint er auch an jedem Ort Freunde zu haben. Flugscham war zu seiner Zeit noch nicht erfunden, oft kommt er gerade irgendwo auf einem Flughafen an, manchmal (was in früheren Staffeln regelmäßiger vorkam) wendet er sich zu Beginn direkt an uns. Probleme mit den Schurken regelt er üblicherweise mit den Fäusten statt mit Handfeuerwaffen. Er ist ein Frauenschwarm und es gibt keine Folge ohne mindestens eine schöne junge Frau. Manche himmeln ihn an, manche sind anderweitig liiert oder verliebt und mögen ihn als Beschützer, erstaunlich vielen ist nicht zu trauen. Auffällig viele Folgen leben von finalen Plot Twists, in denen sich gelegentlich die Schönheiten als Schlangen entpuppen. Templar ist insoweit braver als Bond, als er mit den verführerischen und auch mit den willigen Damen nie schläft. Ein Kuss, der höchstens so lange wie der von Prinz William und Kate Middleton nach der Trauung dauert, ist das höchste der Gefühle. No sex please, we are British!

Bond für Arme?

Eine Analyse der Machart führt mich dazu, meine Jugenderinnerungen an die Serie deutlich nüchterner zu sehen. Letztlich immer noch nicht schlimm, da Simon Templar dergestalt nicht mehr, aber eben auch nicht weniger als gute B-Unterhaltung wird. Es muss ein immenser Druck gewesen sein, in einem Jahr die 27 Folgen abzudrehen, von denen hier 26 zu sehen sind. Das entspricht schließlich von der Länge her etwa 13 ½ Spielfilmen. In einem Jahr! Das muss ja von der Stange sein! Ist es auch, und man sieht es: Pidax preist vollmundig einen Dreh an Originalschauplätzen, aber das ist Augenwischerei. Da ließ sich Archivmaterial einstreuen (vielleicht war auch mal ein Second-Unit-Team kurz an den Orten), während die Darsteller erkennbar in Studiokulissen agieren. Miese Rückprojektionen bei Autofahrten, und in der Venedigfolge „Mord im Palazzo“ sollen wir allen Ernstes glauben, dass Moore ein Boot dortselbst steuert! Künstliche Kulissen, von denen zudem nach ein paar Folgen überdeutlich erkennbar ist, dass immer dieselben verwendet wurden. Wald, Wiesen, Felsen und Gemäuer sollen in zig verschiedenen Ländern identisch sein, dito ein Kellerverlies mit extrem hohem Wiedererkennungswert. Nicht ärgern, nur wundern …

Na, wie ist die Bildqualität?

Ein paar Episoden seien herausgegriffen. In „Simon Templar und die Königin“ („The Queen’s Ransom“) wirkt Roger Moore in seiner Schnöseligkeit gerade am Anfang mit nervösen Kopfbewegungen etwas aufgesetzt. Gleichwohl eine typische und gelungene Folge, die unter anderem in Monte Carlo und Frankreich spielt (na ja, siehe oben). Was schon nach deutlich weniger Zeit zu Ende sein könnte, lebt davon, dass die Bösen einfach nicht aufgeben. Am schönsten bei einem herrlichen Plot Twist, der mittels einer teeverliebten alten englischen Lady mit Rolls-Royce-Oldtimer sehr britischen Humor nach Frankreich bringt. Als Gaststar können wir Dawn Addams bewundern, die mit so unterschiedlichen Regie-Giganten wie Charlie Chaplin („Ein König in New York“) und Fritz Lang („Die 1.000 Augen des Dr. Mabuse“) zusammengearbeitet hat.

Tod in Venedig

„Mord im Palazzo“ („Interlude in Venice“): Kult! Templar spürt in Venedig, unter anderem in einem edlen Palazzo, einer verworrenen Rachegeschichte nach, bei der gleich drei schöne, aber völlig unterschiedliche Frauen eine wichtige Rolle spielen. Lois Maxwell ist zwar schon etwas älter als die anderen, aber wollten wir nicht Mrs. Moneypenny schon immer mal in attraktiver, farbenfroher Kleiderpracht sehen, die mit Moore ausgeht, statt wie in den Bondfilmen ganze Lkw-Ladungen von Körben vom Superagenten zu bekommen?

„The Russian Prisoner“: Diese Folge soll dem deutschen Zeitgeist nicht entsprochen haben, sodass sie nicht synchronisiert wurde. Kaum nachvollziehbar, waren Kalter-Krieg-Geschichten doch en vogue! Diese hier, in Genf angesiedelt, ist eine besonders kaprioleske Charade.

Wo liegt San Pablo?

Bei „The Reluctant Revolution“ ahnt man schon eher, warum der nie im deutschen Fernsehen gezeigt wurde. Templar, der wegen verwechselter Reisetaschen an schwarzer Damen-Reizwäsche – zudem vor den Augen der schließlich auftauchenden Eigentümerin – herumfingert? Shocking … Außerdem eine ungewohnt bleihaltige Folge. Mit der Besonderheit, dass der Schauplatz diesmal fiktiv scheint. Ein „San Pablo“ gibt es zigmal in Lateinamerika, wo Templar in typisch bananenrepublikanische Auseinandersetzungen gezogen wird. Die Keller-Kulisse (diesmal Hauptquartier von Revolutionären) kennen wir aus diversen anderen Episoden. Am Ende völlig übertrieben und zu schön, um wahr zu sein – Templar leitet mal eben eine Revolution ein und verhilft ihr zum unblutigen Erfolg. Hanebüchen, aber ich mag speziell diese Folge wegen ihrer Träumereien.

Schauplätze-Roulette, fast immer im Studio

„Piratenstück in Hamburg“ („The Helpful Pirate“): Eine recht ordentliche Episode um die selbstverständlich ersponnene Legende von Störtebekers Schatz. Natürlich merkt man als jemand, der schon mehrfach in Hamburg gewesen ist, umso schmerzlicher, wie die wenigen Montage-Außenaufnahmen mit Rückprojektionen und Studiokulissen kombiniert werden.

Simon Templar und Nessie

„Das Ungeheuer von Loch Ness“ („The Convenient Monster“) … gibt es natürlich nicht, oder doch? Jedenfalls in der Haupthandlung macht sich eine Frau die Legende zunutze, weil sie ihren Mann hasst – mit einer reichlich hergesuchten „Erklärung“, warum. Weniger überraschend, aber mit den üblichen skurril-klischeeüberhöhenden Figuren und Schauplätzen, wobei ein künstliches Höhlenversteck da viel origineller ist als die wie üblich nur selten eingestreuten Originalschauplätze.

„Little Girl Lost“ ist eine weitere nicht synchronisierte Folge. Tja, so war man in Deutschland in den 1960er-Jahren, da wurden sämtliche Anklänge an Hitler getilgt, den man vergessen wollte und doch nicht los wurde. Dabei wäre dies just in dieser Folge selbst aus damaliger Verdrängungssicht total unnötig: Die Geschichte einer jungen Frau, die als Hitlers geheime Tochter von der noch existierenden SS genötigt werde, in Deutschland das politische Erbe anzutreten, ist Stuss! Die sollen wir aber genauso wenig glauben, wie Templar das tut. Die in Irland spielende Folge scheint später banal, kann aber dann doch mit den typischen Plot Twists aufwarten und glänzt mit ungewöhnlichem Ende.

Immer noch Tot (sic!) und Teufel auf der Strasse (sic!) der Unter-titel (sic!)

Es ist mir leider nicht möglich zu sagen, was diese neue Edition von derjenigen unterscheidet, welche Koch Media 2006 herausgebracht hat – die Folgen sind jedenfalls identisch, Sprache, Ausstattung und Extras sind es wohl auch, wenn man Amazon Glauben schenken kann. In der 2020er-Version ist das Bild voller frischer Farben, wenn auch die Auflösung noch etwas besser sein könnte. Das mag ein allgemeines Problem alter Serien sein, bei denen die Entwicklung der TV-Geräte eben an der des Remastering vorbeigezogen ist und manches auf einem seinerzeitigen Röhrengerät schlicht nicht bemerkbar war. Was aber auf jeden Fall bemerkbar ist wie vermeidbar gewesen wäre, sind Untertitel, die von der angeblich so (pardon in diesen Zeiten) viralen Bildungskatastrofe zeugen. Nein, Katastrophe heißt das natürlich. Die Regeln der deutschen Sprache kann ich hoffentlich etwas besser einhalten als die Untertiteler. Und ich hätte diesen Abschnitt nicht geschrieben, wenn sich Patzer nicht wirklich arg häufen würden. „Da gibt es Tot und Zerstörung“, da wird Straße nicht mal konsequent falsch „Strasse“ geschrieben, sondern es wechselt munter, und da haben wir sogar einmal Silbentrennung – zwischen zwei Untertitel-Tafeln! Kein Fehler, aber nicht minder schräg. Und das ist wirklich nur die Spitze des Eisberges.

Letztlich kann man natürlich darauf verzichten, darüber wild mit den Augen zu rollen, sondern mit süffisantem Grinsen nur leicht eine Braue heben, so wie es ein nonchalantes Markenzeichen von Simon Templar und Roger Moore war.

Kunst in Serien?

Die Episoden im Einzelnen:

01. Simon Templar und die Königin (The Queen’s Ransom)
02. Mord im Palazzo (Interlude in Venice)
03. The Russian Prisoner
04. The Reluctant Revolution
05. Piratenstück in Hamburg (The Helpful Pirate)
06. Das Ungeheuer von Loch Ness (The Convenient Monster)
07. Das Engelsauge (The Angel’s Eye)
08. The Man Who Liked Lions
09. Simon Templar und die Juwelendiebe (The Better Mousetrap)
10. Little Girl Lost
11. The Paper Chase
12. Es ist nicht alles Gold … (Locate and Destroy)
13. Simon Templar und der Senkrechtstarter (Flight Plan)
14. Templar auf der Flucht (Escape Route)
15. Fast ein Skandal (The Persistent Patriots)
16. Simon Templar und die Rivalinnen (The Fast Women)
17. The Death Game
18. Die Kunstsammler (The Art Collectors)
19. Ein Killer kommt selten allein (To Kill a Saint)
20. Simon Templar und die Gräfin (The Counterfeit Countess)
21. Wie im Kino (Simon and Delilah)
22. Zum Segen der Menschheit (Island of Chance)
23. Klosterlikör hat’s in sich (The Gadget Lovers)
24. Simon Templar und der Diamantentrick (A Double in Diamonds)
25. The Power Artists
26. Simon Templar und der Doppelagent (When Spring Is Sprung)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Roger Moore haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 5. Juni 2020 und 21. April 2006 als DVD-Box (8 DVDs)

Länge: ca. 1267 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch (zum Großteil), Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Saint
GB 1966/1967
Regie: Roy Ward Baker (als Roy Baker) u. a.
Drehbuch: Harry W. Junkin u. a.
Besetzung: Roger Moore, Dawn Addams, Lois Maxwell, Erika Remberg
Zusatzmaterial: Audiokommentar (u. a. mit Roger Moore) zur Folge „Templar auf der Flucht“, Episoden-Trailer, Trailershow, Wendecover
Label 2020: Pidax Film
Vertrieb 2020: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2006: Koch Media

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Pidax Film

 

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Knives Out – Mord ist Familiensache: Agatha Christie hätte ihre Freude

Knives Out

Von Volker Schönenberger

Krimikomödie // Die Filmografie des Regisseurs Rian Johnson liest sich denkbar interessant: Sein Langfilm-Debüt „Brick“ mit dem jungen Joseph Gordon-Levitt entpuppte sich 2005 als Jugend-Krimidrama im Highschool-Milieu, dessen coole Dialoge wie aus einem Film noir entnommen wirken. „Brothers Bloom“ (2008) porträtiert zwei von Adrien Brody und Mark Ruffalo verkörperte Brüder, die als internationale Betrüger unterwegs sind. „Looper“ (2012) hatte erneut Joseph Gordon-Levitt als Hauptdarsteller, der in einem Science-Fiction-Setting als Berufskiller agiert, dessen Aufträge aus der Zukunft kommen und der eines Tages sein 30 Jahre älteres Ich töten soll. Fünf Jahre später ging es für Johnson auf der Karriereleiter ein paar Stufen aufwärts: „Star Wars: Episode VIII – Die letzten Jedi“ (2017) wurde zwar wie alle jüngeren „Krieg der Sterne“-Filme kontrovers aufgenommen, macht sich in der Filmografie aber natürlich schmuck. Und ist mit all seinen Stars ein gutes Übungsfeld für weitere Regiearbeiten, bei denen man viele Darstellerinnen und Darsteller von prächtiger Prominenz bändigen muss.

Bestseller-Autor Harlan Thrombey (M.) ist 85 Jahre alt geworden

Das gilt besonders für „Knives Out – Mord ist Familiensache“, der mit illustren Namen nur so gespickt ist. Im Zentrum der Handlung steht der erfolgreiche Krimiautor Harlan Thrombey (Christopher Plummer), den seine Haushälterin Fran (Edi Patterson) am Morgen nach seinem 85. Geburtstag tot auffindet. Trotz durchgeschnittener Kehle proklamieren die Behörden offiziell Selbstmord als Todesursache. Die beiden Polizisten Elliot (LaKeith Stanfield) und Wagner (Noah Segan) befragen die zahlreichen Familienmitglieder, die nach der Geburtstagsparty noch anwesend sind, beginnend mit Harlans Tochter Linda Drysdale (Jamie Lee Curtis) und ihrem Ehemann Richard (Don Johnson). Da sind etwa Thrombeys jüngster Sohn Walt (Michael Shannon), der das Verlagshaus der Familie leitet, und Schwiegertochter Joni Thrombey (Toni Collette), Witwe des vor 15 Jahren verstorbenen Sohns Neil. Harlan unterstützte Joni finanziell und bezahlte obendrein jedes Jahr die Studiengebühren ihrer Tochter Meg (Katherine Langford). Während der Befragung durch die beiden Kriminalbeamten wundern sich die Familienmitglieder über den im Hintergrund sitzenden Typen. Der stellt sich als Benoit Blanc (Daniel Craig) vor, seines Zeichens berühmter Privatdetektiv.

Die Pflegerin im Fokus

Brillant inszeniert: In diesen etwa 20 ersten Minuten der ersten Befragungen zeigt sich bereits der virtuose Einsatz von Montage und Schnitt. Geschickt wechselt Regisseur Rian Johnson die Befragten aus – was der eine gefragt wird, beantwortet die andere, um ein Beispiel zu geben. Enthüllungen über Gespräche – und Streitigkeiten – am Abend der Geburtstagsparty werden als Rückblenden gezeigt. Schnell offenbaren sich diverse Motive für einen Mord am Patriarchen. Benoit Blanc entdeckt zügig, dass Harlan Thrombeys junge Pflegerin Marta Cabrera (Ana de Armas) eine Schlüsselrolle zukommt. Die Tochter einer Einwandererfamilie aus Ecuador genoss das uneingeschränkte Vertrauen des Bestsellerautors. Sie hat eine Eigenschaft, die sie für Blanc zur perfekten Unterstützerin macht …

Doch dann müssen drei Ermittler den Tod des Familienoberhaupts untersuchen

Eine Rolle spielen auch Wanetta „Nana“ Thrombey (K Callan), Harlan Thrombeys Mutter, deren Alter niemand mehr weiß, und Linda und Richard Drysdales Sohn Hugh Ransom (Chris Evans), der am Abend des Geburtstags nach einem Streit mit seinem Großvater wütend aus dem Haus stürmte. Eine weitere interessante Figur ist Walt Thrombeys minderjähriger Sohn Jacob, gespielt von Jaeden Martell, den wir aus der zweiteiligen Stephen-King-Verfilmung „Es“ (2017) und „Es – Kapitel 2“ (2019) kennen. Leider bekommt er zu wenig Zeit, sich zu entfalten. Jacobs eher reaktionäre Einstellung hätte einiges hergegeben, so bleibt es bei ein paar Wortgefechten mit seiner freigeistigen Cousine Meg.

Von Hercule Poirot zu Sherlock Holmes

Puh, jetzt reicht es aber mit den Figuren. Immer diese Ensemble-Filme! Ich muss mir mal wieder ein Kammerspiel mit zwei Personen zum Rezensieren suchen. Ein paar Nebenrollen tauchen in „Knives Out – Mord ist Familiensache“ noch auf, aber das soll es zum Inhalt auch gewesen sein. Es entspinnt sich ein geradezu klassisch anmutendes Whodunit-Rätselspiel, bei dem das Publikum auf diverse Fährten und in die Irre geführt wird. Auch Benoit Blanc muss tief graben, aber er steht in bester Tradition eines Hercule Poirot, jenes von Agatha Christie ersonnenen belgischen Meisterdetektivs. Oder auch eines Sherlock Holmes, nennt er Marta doch spaßeshalber einmal sogar Watson.

Linda Drysdale und …

Auch wenn Blanc einen ganz anderen Typus verkörpert als Hercule Poirot, passt der Agatha-Christie-Vergleich doch insofern, als Rian Johnson 2010 in einem Interview bekannt hat, die Grande Dame der englischen Kriminalliteratur sehr zu lieben. In der Nacht zuvor erst sei ihm der Gedanke gekommen, einen schön altmodischen Krimi zu drehen: I haven’t told anyone this yet, but I was thinking last night it would be great to do an old fashioned murder mystery. Und so kam es zu „Knives Out“.

… ihr Bruder Walt sowie …

Nach knapp einer Stunde wird das Whodunit fürs Publikum plötzlich zu einem vermeintlichen Ende geführt – und dann geht es erst richtig los, und bald wissen wir nicht mehr, wo uns der Kopf steht. Dabei gibt es ein paar entscheidende Hinweise, die wir serviert bekommen. Wer ausreichend Agatha Christie gelesen hat, hat es vielleicht leichter – ich habe das in der Tat, aber meine Lektüre zahlreicher ihrer Romane liegt lange zurück. Jedenfalls kommt es zu fein ausgeklügelten Wendungen, die viel Freude bereiten.

Weltpremiere beim Toronto International Film Festival

Gedreht wurde im letzten Quartal 2018 im US-Bundesstaat Massachusetts, seine Weltpremiere feierte „Knives Out – Mord ist Familiensache“ am 7. September 2019 beim Toronto International Film Festival. Ende November jenes Jahres folgte die US-Premiere mit flächendeckendem Kinostart, in Deutschland lief die Krimikomödie ab dem 2. Januar 2020 in den Lichtspielhäusern.

… Schwägerin Joni sind scharf aufs Erbe

Mit Agatha Christie im Kopf lieferte Rian Johnson tatsächlich einen sehr britisch wirkenden Krimi ab, auch wenn er in den USA spielt. Auch Szenenbild und Kulissen tragen zu dem Eindruck bei. Die genaue geografische Lokalisierung der Handlung im Film ist mir entgangen, vielleicht wurde sie gar nicht genannt. Vermutlich soll sich das Thrombey-Anwesen irgendwo in Massachusetts nicht allzu weit von Boston entfernt befinden.

Es gibt ein Publikum für raffinierte Krimikomödien

Bemerkenswert, dass in Zeiten solcher Larger-than-Life-Blockbuster wie den Filmen des Marvel Cinematic Universe und der „Fast & Furious“-Reihe ein solch dialoglastiges Ensemble-Krimiratespiel reüssieren kann. Für die Raffinesse, den feinen Humor und die scharfen Dialoge gibt es offenbar ein Publikum. Die spielfreudigen Stars trugen zweifellos ein Gutteil dazu bei, Menschen in die Kinos zu locken.

Gestatten: Blanc. Benoit Blanc

Da wir unbedingt wissen wollen, wie alle Fäden zusammenlaufen, vergehen die mehr als zwei Stunden auch wie im Flug. Auf subtile Weise streute Rian Johnson zu allem Überfluss ein paar gesellschaftliche Kommentare ein: Sicher nicht umsonst kommt die nach dem Erbe gierende US-Familie Thrombey nicht allzu gut weg, während wir mit der sympathischen Marta mitfiebern und ihr wünschen, aus dem Schlamassel heil herauszukommen. Eine Lateinamerikanerin! Was würde Donald Trump dazu sagen? Aber vermutlich würde er gar nicht so weit kommen, darüber nachzudenken, sondern nach einer halben Stunde aufstehen und gehen, weil ihn die Vielzahl der Figuren und der klug ersonnene Plot überfordern.

Wiedersehen bei James Bond

Ohne die Corona-Krise hätten wir Marta-Darstellerin Ana de Armas („Blade Runner 2049“) schon kurz nach „Knives Out“ an der Seite von Daniel Craig auf der großen Leinwand wiedersehen können: Die 1988 in Kuba Geborene spielt in „James Bond 007 – Keine Zeit zu sterben“ mit. Aktuell ist der Kinostart für den November angesetzt. Sowohl de Armas als auch Craig waren für ihre Parts in „Knives Out“ übrigens für einen Golden Globe nominiert – ebenso wie der Film. Rian Johnsons Originaldrehbuch erhielt sogar eine Oscar-Nominierung, unterlag aber dem koreanischen Sensations-Abräumer „Parasite“.

Pflegerin Marta steht im Zentrum des Geschehens

Manche Filme sind Kritikerlieblinge ohne großen Erfolg an den Kinokassen, manche sind Publikumslieblinge, an denen die Kritiker kaum ein gutes Haar lassen. Die geistreiche Krimikomödie „Knives Out – Mord ist Familiensache“ vereint beide Gruppen – und das völlig zu Recht. Und deshalb wird Daniel Craig den Privatdetektiv Benoit Blanc beizeiten erneut verkörpern. Rian Johnson wird erneut für Drehbuch und Regie verantwortlich zeichnen, viel mehr ist noch nicht bekannt. Freuen wir uns darauf!

Welche Absichten verfolgt Harlans Enkel Hugh Ransom?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Toni Collette und Jamie Lee Curtis haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Daniel Craig, Chris Evans, Christopher Plummer und Michael Shannon unter Schauspieler.

Wanetta „Nana“ Thrombey schaut sich das Ganze scheinbar unbeteiligt an

Veröffentlichung: 8. Mai 2020 als 2-Disc 4K Ultra HD Blu-ray (inkl. Blu-ray), Blu-ray und DVD

Länge: 131 Min. (Blu-ray), 126 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Knives Out
USA 2019
Regie: Rian Johnson
Drehbuch: Rian Johnson
Besetzung: Daniel Craig, Chris Evans, Jamie Lee Curtis, Toni Collette, Michael Shannon, Don Johnson, Ana de Armas, Katherine Langford, Christopher Plummer, LaKeith Stanfield, Noah Segan, Jaeden Martell, Riki Lindhome, Edi Patterson, Frank Oz, M. Emmet Walsh, K Callan, Raúl Castillo, nur Stimme: Joseph Gordon-Levitt
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Rian Johnson, Kameramann Steve Yedlin und Noah Segan (Schauspieler), entfernte Szenen, Rian Johnson: Planning the Perfect Murder, Meet the Thrombeys (Viral Ads), 3 Kinotrailer, Trailershow, nur Blu-ray: Kino-Kommentar von Rian Johnson, Multi-Part-Dokumentation „Making a Murder“, Director and Cast Q&A
Label/Vertrieb: Leonine

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & 4K-UHD-Packshot: © 2020 Leonine

 
 

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Kalter Schweiß – Der Schweigsame und das Schweigen

De la part des copains

Von Florian Schneider

Actionkrimi // Was haben Ingmar Bergman und Charles Bronson gemein? Auf den ersten Blick wohl sehr wenig. Der schwedische Regisseur von Psychodramen wie „Das Schweigen“ und „Persona“ steht beileibe nicht für actionlastiges Kino, während Bronson ab den 60er-Jahren gerade in solchen Filmen zum internationalen Superstar aufgestiegen ist. Dennoch stellt James-Bond-Regisseur Terence Young in der 1970 erschienenen europäischen Koproduktion „Kalter Schweiß“ dem italo-amerikanischen Haudegen ausgerechnet Bergmans Muse Liv Ullmann an die Seite. Das funktioniert erstaunlich gut, wohl auch weil die beiden Stars (in ihren Bereichen) unverkrampft und locker ihre Rollen interpretieren. Überhaupt ist „Kalter Schweiß“ ein rundum entspanntes Filmchen geworden, was nicht nur den Hauptdarstellern geschuldet sein dürfte, sondern auch der leichten Hand bei der Inszenierung. Nicht verwunderlich, zeichnet Terence Young doch für drei der besten Filme aus der James-Bond-Reihe verantwortlich. Allerdings erreicht „Kalter Schweiß“ niemals das Niveau der Agentenfilme und auch gegen die französische Genre-Konkurrenz mit Lino Ventura, Alain Delon, Jean Gabin und Jean-Paul Belmondo fällt der Actionkrimi deutlich ab.

Joe ist ein harter Bursche …

Bronson spielt den Bootsbesitzer Joe, der mit seiner Frau Fabienne (Liv Ullmann) und der zwölfjährige Stieftochter (Yannick Delulle) ein zurückgezogenes Leben an der Côte d’Azur führt. Mit dem Auftauchen einer Gruppe von Drogenhändlern holt ihn die Vergangenheit ein. Die Gangster, alle (wie Joe auch) ehemalige Soldaten unter Führung des sinistren Captain Ross (James Mason), wollen Joe dazu zwingen, seine Dienste und sein Boot für einen Drogendeal zur Vefügung zu stellen. Doch natürlich haben sie dabei die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn Joe wehrt sich mit aller Härte und entführt schließlich sogar die Freundin (Jill Ireland) des Captains, die gerade zur Geldübergabe aus den USA angereist ist.

… der notfalls auch über Leichen geht

Jill Ireland war übrigens in zweiter Ehe mit Charles Bronson verheiratet und drehte in den 70er-Jahren zahlreiche Filme mit ihrem Ehemann. Die Romanvorlage schrieb kein Geringerer als Richard Matheson, der bereits 1954 mit dem mehrfach verfilmten Endzeit-Epos „I Am Legend“ einen Riesenhit landen konnte. Alles in allem ist „Kalter Schweiß“ ein solider Action-Flic, der niemandem wehtut, aber wohl auch nicht auf Bestenlisten auftauchen wird.

Captain Ross nimmt Joes Frau und Stieftochter in Geisehaft …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Charles Bronson und James Mason haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

… während sich Joe um die Freundin vom Captain kümmert

Veröffentlichung: 12. März 2020 als Limited 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, 2 Covermotive), 17. April 2009 als DVD

Länge: 90 Min. (Blu-ray), 93 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: De la part des copains
F/IT/BEL 1970
Regie: Terence Young
Drehbuch: Albert Simonin, nach einem Roman von Richard Matheson
Besetzung: Charles Bronson, James Mason, Liv Ullmann, Jill Ireland, Michel Constantin, Luigi Pistilli, Yannick Delulle, Paul Bonifas, Sabine Sun
Zusatzmaterial: Trailer, Interview-Featurettes, Bildergalerie, Booklet
Label/Vertrieb Mediabook: Koch Films
Label/Vertrieb DVD: Kinowelt/Studiocanal

Copyright 2020 by Florian Schneider
Szenenfotos & Packshot: © 2020 Koch Films

 
 

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