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Tatort Paris: Selig sind die geistig Armen?

125, rue Montmartre

Von Tonio Klein

Krimi // „Wenn etwas so verrückt klingt, muss es wahr sein“, so – sinngemäß – einmal der Pariser Zeitungs-Straßenverkäufer Pascal (Lino Ventura). Der Zuschauer ahnt: Ist es aber nicht. Pascal hat den (vorgeblich?) lebensmüden Didier (Robert Hirsch) aus der Seine gefischt und unter seine Fittiche genommen. Didier berichtet von einem wilden Komplott: Seine Frau Catherine (Andréa Parisy) und ihr Schwager und Geliebter Philippe (Alfred Adam) trachteten danach, ihn in die Klapse zu bringen, um sich sein Geld und seinen Grundbesitz unter den Nagel zu reißen. Schließlich willigt Pascal ein, nach Didiers Anweisungen Geld, welches ihm gehöre, aus der ehelichen Wohnung zu entwenden. Statt Didier nimmt ihn die Polizei in Empfang, und auf einmal liegt da eine Leiche, sodass Philippe nicht nur des Einbruchdiebstahls, sondern auch des Mordes verdächtig ist.

Man teilt sein Schicksal und sein Bett

Der Film nimmt sich zunächst viel (vielleicht ein bisschen zu viel) Zeit, um ins Milieu einzuführen. Sehr französisch und an Originalschauplätzen in Paris gefilmt ist das alles. Es gibt Musette-Akkordeonklänge und einen Einblick in das tägliche Leben der sogenannten einfachen Leute, die manchmal mürrisch sind, aber in einem Jeder-kennt-jeden zusammenhalten und dem gutbürgerlichen Essen und Rotwein in einem Restaurant frönen. Wer den Film völlig ohne Vorkenntnisse und Blick auf das Cover einlegt, weiß eine Weile nicht, ob dies ein Noir-Krimi oder ein völlig anderes Genre ist. Was aber höchstens minimal von Nachteil ist. Diese Milieuschilderung ist durchaus einen Blick wert und auch erfrischend offen in einer Zeit, in der in den USA die Zensur erst sehr langsam zu bröckeln begann und James Stewart in „Anatomie eines Mordes“ (1959) erstmals „slip“ (im Deutschen „Höschen“) sagen durfte und mit selbigem (der natürlich ein Damenslip ist) auch ausgiebig vor der Richterbank herumwedelt. „Tatort Paris“ hingegen nimmt es französisch selbstverständlich, dass Arbeitskollegin Germaine (die im Deutschen zu Babette wurde und von Dora Doll verkörpert wird) mit Pascal gelegentlich das Doppelbett teilt und nicht alle vier Füße auf dem Boden sind – ohne Trauschein. Das ist auch Pascals Lebensmotto: Gutes Essen und ab und an mal ’ne Frau. Er ist in seiner Schlichtheit nicht unsympathisch, auch wenn einem Germaine leidtut, die erkennbar mehr von dem Mann will als er von ihr.

Germaine wird da nicht hocken bleiben

Wenn Pascal seine Mischung aus instinktiver Aufrichtigkeit und sagenhafter Naivität in die Kalamitäten reitet, sind wir eben doch beim Film noir, nicht nur wegen der kontrast- und schattenreich fotografierten nächtlichen Hausflure. Das unsagbar perfide Komplott, der reine Tor (Ventura hat die Unbedarftheit eines Robert Cummings und die Schroffheit eines Humphrey Bogart), der zum nützlichen Idioten von Verbrechern wird, deren eine die Femme fatale ist. Das ist gute Unterhaltung und mit einem furiosen Finale Das ist gute Unterhaltung und mit einem furiosen Finale garniert. Zirkusmilieu als Metapher für Mimikry geht immer. Ob es eine direkte Verbindung gibt, ist mir nicht bekannt, aber sollte das starke Finale in Alfred Hitchcocks meisterlichem Frühwerk „Mord – Sir John greift ein“ (1930) Pate gestanden haben, wäre das nicht die schlechteste Reverenz und Referenz.

Gewisse Schwächen …

Als Krimi ist der Film indes auch nicht mehr als solide. Sehr entfernt erinnert die Konstruktion an Hitchcocks „Vertigo – aus dem Reich der Toten“ (1958), in dem eine Person ebenfalls unter falscher Identität Teil eines Mordkomplotts war. Hier wie dort ist von extremer Unwahrscheinlichkeit, dass das Verbrechen dergestalt auch nur ansatzweise klappen könnte, und im vorliegenden Film hat es etwas mehr gestört: Hitchcock, das kann man mögen oder nicht, ist zugutezuhalten, dass seine Intrigen konsequent Mittel zum Zweck des Psychologischen statt Logischen sind. Bei Gilles Grangiers „Tatort Paris“ werden die Schwächen nicht so gut überdeckt. Wie beispielsweise konnte Didier allen Ernstes davon ausgehen, dass der ihm beim Sturz in den Fluss nicht bekannte Pascal von einer Art ist, dass er sich unproblematisch einwickeln lässt und ihm noch den größten Quatsch abkauft? Wieso können sich die Verbrecher so sicher sein, dass die Polizei Pascal seine Geschichte nicht glaubt, wo doch Didier, den es laut dem Plan nie gegeben habe, Spuren hinterlassen und zwei Tage mit Pascal – auch in der Öffentlichkeit – verbracht hat? Wieso spielen sie ab einem gewissen Zeitpunkt Pascal gegenüber mit offenen Karten, obwohl sie sich noch gar nicht sicher sein können, dass diesem sowieso kein Gehör geschenkt werde? Und – etwas off topic, aber ein unnötiger Schnitzer – warum heißt der Film im Original eigentlich gemäß der Romanvorlage „125, rue Montmartre“, obwohl das titelgebende Haus nach „14, rue Mandel“ verlegt wurde? Und wieso ist der Grund, aus dem Germaine ihren Pascal schließlich entlastet, wirklich arg hanebüchen?

… und Stärken

Zumindest Letzteres immerhin lässt sich erklären, und damit kommen wir zu den Aktiva des Filmes: Germaines Erklärung ist wirklich himmelschreiend blöd, was Pascal ihr auch offen sagt – und sie in den Arm nimmt. Weil zu diesem Zeitpunkt offenkundig ist, dass Pascal selbst sich nicht minder blöde angestellt hat und er das dann auch weiß, ist der „Guck mal in den Spiegel“-Effekt der Szene sicherlich kein Betriebsunfall, sondern wohlkalkuliert. Das überzeugt: ein Plädoyer für die – nun, nicht Blödheit, aber Gutgläubigkeit, und wider die gerissene Falschheit. Das gibt es ja schon in der Bergpredigt – siehe die Überschrift dieses Textes. Wenn übrigens zwei Zirkusclowns am Ende eine Nummer aufführen, in der einer den anderen veräppelt und sie es sodann mit einem Dritten versuchen wollen, sagen sie sinngemäß: „Glaubst du, dass einer, der daherkommt, noch blöder ist als wir?“ Der dritte Clown – natürlich symbolisch für Pascal – kommt daher, scheint tatsächlich noch blöder, aber legt die beiden anderen herein. Das ist in der Krimihandlung etwas weniger überzeugend, da Pascal seine liebe lange Zeit dafür braucht und die Verbrecher erst im Taumel des Siegesgewissen Dummheiten anstellen. Gleichwohl eine schöne Metapher.

Pascal verkauft Zeitungen und lässt sich selbst für dumm verkaufen

Erfreulich ist in einem Film, in dem im Grunde nur der Kommissar (Jean Desailly) ein schlauer Kopf ist, dass er sein Lob der idealistischen Schlichtheit nicht romantisch verklärt. Pascal nimmt nämlich die Lehre mit, dass einem das Schicksal seines Umfeldes am besten piepegal sei und man sich nicht einmische. So wird er nicht nur den zum zweiten Mal vorkommenden heftigen Krach zwischen einer Nachbarin und ihrem Freund ignorieren, um ungestört die Nacht mit Germaine zu verbringen, sondern auch ansonsten (außer gegenüber Germaine) empathie- und teilnahmsloser, ja auch egoistischer sein als zuvor. „Misch dich nicht ein, dann bekommst du keinen Ärger.“ Ob die Welt besser ist, wenn man das Elend um sich herum ignoriert und (nicht nur vermeintliche) Selbstmörder einfach machen lässt? Wohl kaum, und der Film weiß das. Das letzte Bild ist sehr subtil, und eine Art Gag ist nur beim genauen Aufpassen bemerkbar, weil das Wort „fin“ da schon zum Bierholen einlädt: Anfangs haben wir erfahren, dass Pascal seinen Job derzeit nicht mit dem Fahrrad erledigen kann, weil die Kette immer rausspringt, und das könne der Mechaniker nicht sofort richten. Am Ende sehen wir erstmals, wie Pascal zurück im Job ist – mit dem Fahrrad. Ende gut, alles gut? Nein, nur ein Ruckeln und ein Stehenbleiben deuten an, dass die Kette schon wieder herausgesprungen ist.

Der Kommissar ganz oben, Pascal ganz unten und die Femme fatale noch auf komfortabler Höhe

Der Krimi liegt in hervorragender Bild- und ordentlicher Tonqualität vor; kleine Deutschfehler der alten Synchronisation („für einen wie du“) verzeihe ich gern. Wenn schon der französische Titel verrutscht ist, so ist der deutsche wenigstens nur ein nichtssagender Allerweltstitel. Das Extra (Nachdruck der „Illustrierte Film-Bühne“ 5187) zeigt, dass es den deutschen Titel schon vor der „Tatort“-Reihe gab, die sich ungebrochener Beliebtheit erfreut. Indes: Dass das DVD-Cover bei einem Film völlig ohne Schusswaffen mit einem Fadenkreuz-Logo arbeitet, ruft zusammen mit dem Wort „Tatort“ die Assoziation hervor, dass es für manche die größte Unhöflichkeit ist, wenn Menschen sie sonntags zwischen 20.15 und 21.45 Uhr anrufen. Das ist so durchschaubar wie unstimmig.

Auf die Dauer, Pascal-Schatz, ist Germaine dein Ankerplatz

Veröffentlichung: 20. August 2021 als DVD

Länge: 83 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: keine
Originaltitel: 125, rue Montmartre
F 1959
Regie: Gilles Grangier
Drehbuch: André Gillois (auch Romanvorlage), Jacques Robert, Gilles Grangier
Besetzung: Lino Ventura, Andréa Parisy, Robert Hirsch, Jean Desailly, Dora Doll, Alfred Adam
Zusatzmaterial: Trailer, Nachdruck „Illustrierte Film-Bühne“, Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 Pidax Film

 

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Gewinnspiel: 3 x Black Beach auf Blu-ray

Verlosung

Im Auftrag einer US-Ölfirma wird ein Unterhändler (Raúl Arévalo, „Mörderland“, 2014) in einen westafrikanischen Inselstaat entsandt, um die Freilassung eines entführten Ingenieurs auszuhandeln. Er sticht in ein Wespennest. Koch Films hat den spanischen Thriller „Black Beach“ (2020) als Blu-ray und DVD veröffentlicht und uns drei Blu-rays zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank, auch im Namen der kommenden Gewinnerinnen und Gewinner.

Teilnahmebedingungen

Da „Die Nacht der lebenden Texte“ nach wie vor keinen Cent Ertrag abwirft (die unten ab und zu eingeblendete Werbung schaltet WordPress): Wer möchte, darf mir im Gewinnfalle gern anbieten, das Porto in Höhe von 1,55 Euro zu übernehmen – oder höher beim Wunsch nach versichertem Versand. Dies ist aber völlig freiwillig und keine Teilnahmevoraussetzung. Nicht freiwillig, sondern verbindlich hingegen: Zwecks Teilnahme am Gewinnspiel begebt Ihr euch zu meiner Rezension des Films und beantwortet dort (also nicht hier unter dem Gewinnspiel) bis Sonntag, 26. September 2021, 22 Uhr, im Kommentarfeld die Frage im letzten Absatz des Textes.

Seid Ihr dazu nicht in der Lage, so schreibt das einfach hin. Alle veröffentlichten Antworten landen im Lostopf. Nicht verzweifeln, wenn Ihr euren Kommentar nicht sogleich erblickt – aus Sicherheitsgründen schalten wir ihn erst frei. Das ist aber Formsache.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert). Gewinnerinnen oder Gewinner, die sich drei Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht gemeldet haben, verlieren den Anspruch auf die Blu-ray. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Nur eine Teilnahme pro Haushalt. Ich behalte mir vor, Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht für den Lostopf zuzulassen oder ihnen im Gewinnfall nachträglich den Preis abzuerkennen, sofern mir Mehrfachteilnahmen unter Alias-Namen unterkommen. Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner/innen werde ich im Lauf von zwei Wochen nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie auch per E-Mail benachrichtigen.

Gewonnen haben

– Imke,
– Robert,
– Steffen.

Herzlichen Glückwunsch! Ihr werdet benachrichtigt.

Die Rezension von „Black Beach“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

 

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Straße ohne Wiederkehr – Neo-Noir im Niemandsland

Street of No Return

Von Tonio Klein

Krimidrama // Was ist das denn? Alle haben englisch klingende Namen. Aufschriften – zum Beispiel auf Polizeiautos – sind englisch. Die Cops nennen sich „Chief“, „Commissioner“, „Detective“, englisch ausgesprochen, die Uniformen erinnern an die USA. Es gibt „Rassen“kämpfe, Schwarze gegen Weiße, was man auch mit den USA assoziiert. Aber die ganze Chose ist in Lissabon gedreht und das Set Design gibt sich nicht die geringste Mühe, das zu verbergen, wenngleich keine Lissabon-Wahrzeichen prominent herausgestellt werden. Wer, wie ich, dort schon zweimal war, erkennt gleichwohl einen Platz; des Weiteren legen Straßenbahnschienen auf nicht gerade ebenen Gassen, ein Pier, Kopfsteinpflaster und Rundbögen eine südeuropäische Metropole nahe. Und obwohl auf Polizeiwagen „Police“ statt „Polícia“ steht, gemahnt Größe und Form der Gefährte eher an Europa als an die USA.

Wahnsinn mit Methode

Das ist so irre, das muss Methode haben. Der Film spielt also angeblich in den USA, aber nicht in einer konkreten Stadt, sondern in einem Niemandsland, in einer Kunstwelt. Film noir ist Allegorie (auch wenn ein paar Werke der klassischen Noir-Zeit gezielt den Ort Los Angeles in die Handlung einbeziehen), und dieser Neo-Noir treibt das Kunstvolle wie Künstlich-Allegorische auf die Spitze. Was auch heißt, dass er ein paar Archetypen bis zur Schmerzgrenze zelebriert und übertreibt. Manche mögen das nicht. Etwa Matthias Merkelbach, mein Kollege bei 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin – er hält den Film für Schrott. Man kann das Werk aber durchaus als einen Film der Extreme goutieren.

Archetypik: der Gestrauchelte mit Vergangenheit

Und Extreme, die liebt der Regisseur Sam Fuller, der hiermit seinen letzten Film vorgelegt hat. Zu verstörend war anscheinend das Werk des 1912 Geborenen, sodass er nach „Der nackte Kuss“ (1964) nur noch selten Filme inszenierte, inszenieren konnte – oftmals in Europa statt in seiner US-amerikanischen Heimat. Der vorliegende Film ist eine französisch-portugiesische Koproduktion, aber – siehe oben – das scheint ihn gestalterisch wenig geschert zu haben. Worum geht es? Man sollte vielleicht sagen, dass sich Fuller vielfach filmisch mit dem Krieg befasst hatte, nachdem er Teilnehmer des Zweiten Weltkriegs gewesen war – an der Waffe, aber auch schon mit der Kamera anlässlich der Befreiung des KZ Flossenbürg. Und den Krieg gibt es nicht nur in seinen Kriegsfilmen, sondern auch in einem Spät-Noir (manche nennen ihn schon Neo-Noir), „Alles auf eine Karte“ (1961). Zudem zeigt er, was eine kaputte Gesellschaft mit den Menschen macht, und porträtiert oft gebrochene Außenseiter. Ferner ist die Gewalt in seinen Filmen ein omnipräsentes Thema; da bedient er sich einer schroffen Direktheit, die neben seiner Kriegserfahrung vielleicht auch seinem vorherigen Dasein als Kriminalreporter geschuldet ist.

Hammerharter Beginn

All dies kommt in „Straße ohne Wiederkehr“ vor, dessen erstes Bild schon ein Schlag in die Magengrube des Zuschauers und in das Gesicht einer Filmfigur ist – mit dem Hammer übrigens. Es scheint den erwähnten „Rassen“krieg zu geben, das sind nicht mehr Unruhen, das ist eine Straßenschlacht, bereits in vollem Gange. Sogleich sehen wir die Außenseiter, ein paar Obdachlose, die damit nichts zu tun haben wollen – hier vertragen sich der Schwarze und der Weiße. Der Dritte ist ein zunächst geheimnisvoller Mann mit ähnlich wildem Haarwuchs, wie ihn Fuller selbst hatte (siehe obiges Bild). Lange spricht er nicht und schlurft durch die nächtlichen Straßenschluchten. Dass er einer Frau nachgeht, einem echten Drachen, der sich nicht so leicht – vermeintlich – überfallen lässt, dass er ihr aber noch weiter nachgeht und in einem Haus sie, ihre Kumpane und schließlich eine schöne junge Frau beobachtet, gibt Rätsel auf. Schließlich die Noir-typische Rückblende, und natürlich war der Mann nicht immer in der Gosse. Im Gegenteil, er war der berühmte Popstar Michael (Keith Carradine), der mit Celia (Valentina Vargas) zusammenkam, auch sexuell.

Und das ist noch nicht alles, was man sieht

Aber der Klassiker: Celia ist noch mit einem anderen Mann zusammen, Eddie (Marc de Jonge), mit dem offenbar gar nicht gut Kirschen essen ist und der sie nicht gehen lassen will. Oder ist Michael Opfer einer ihn belügenden Femme fatale? Auch Michaels Managerin (Andréa Ferréol, „Das große Fressen“, 1973) hadert mit seinem Wunsch, alles für Celia hinzuwerfen. Schließlich tut Eddie etwas, das Michael indirekt in die Gosse befördern wird, und zu Beginn hatte Kommissar Zufall eben dafür gesorgt, dass er Celia – ja genau, die erwähnte schöne junge Frau ist natürlich seine Angebetete – wiedersieht und wiederhaben will. Er hat schon alles verloren, also nichts mehr zu verlieren. Bei seinem Kampf wird die vorher (was keine Kritik sein soll) eher angezogene Action-Handbremse gewaltig gelockert, und er kommt in einige Schwierigkeiten mit der Polizei, aber auch auf manchmal recht unwahrscheinliche Weise wieder heraus. Der „Rassen“krieg erweist sich übrigens als geschickt eingefädelte Inszenierung eines schwarzen und des weißen Gangsters Eddie, wobei der Erstgenannte dafür sorgt, dass ein paar nützliche Idioten einander massakrieren, damit Eddie die fallenden Grundstückspreise nutzen, kräftig einkaufen und auf dieser Basis ein Drogenimperium in der Stadt errichten und kontrollieren kann.

Verbrechensmodellstadt

Das mag auch nicht neu sein, aber man merkt, wie konsequent desillusioniert der späte Fuller ist, bei dem die Gewalt nicht mehr vom kleinsten Fünkchen Idealismus getragen ist. Vielleicht kann nur ein Verrückter und Abgewrackter in einer solch verrückten und abgewrackten Welt (über)leben, der wie Michael alles auf eine Karte und darauf setzt, dass Celia ihm überhaupt gewogen ist – sollte er nach ihrer „Befreiung“ überhaupt noch leben. Damit hat der Film in seiner Übertreibung schon fast etwas Märchenhaftes, das ich – bei allen Unterschieden – auch im übertriebenen Action-Märchen „Der Mann, der niemals aufgibt“ (1977) von und mit Clint Eastwood so sehr liebe. Man lässt ein solches Kino der Extreme kaum jemandem durchgehen und kann sicherlich über beide Fälle streiten, aber dem einen wie dem anderen nehme ich diesen Ansatz ab. Radikale Konsequenz kann man beiden sowieso nicht absprechen.

Die Kamera – und wir – als Zielscheibe

Fullers Film ist auch in allem anderen radikal. Es wird nicht nur bei den Gewaltszenen zur Sache gehen. Bei der früheren trauten Zweisamkeit Michaels und Celias sind nicht nur ihre Brüste, sondern ist auch ihr Schamhaar zu sehen. Fullers Blick ist immer voll frontal. Wenn man den Spruch von der „Kamera als Waffe“ ernstnimmt, so hat Oliver Stone ein Maschinengewehr, Sam Fullers Kamera ist hingegen die Zielscheibe, auf die das Gezeigte abfeuert. Dem kann man sich also nicht entziehen, und man wird auch nicht schonend darauf vorbereitet. Eine Art von Gewalt gibt es auch im Nicht-Physischen, zum Beispiel optische und akustische Gewalt durch Großaufnahmen und Gebrüll. Letzteres vor allem anhand der Figur des Polizeichefs Borel (Bill Duke). Wir erfahren zunächst, dass er der erste Schwarze auf diesem Posten ist; manche sähen ihn wohl gern scheitern. Sein Job ist ihm Berufung wie Bürde, sodass er konsequent versucht, „farbeblind“ seinen Job zu machen, was er auch einmal offen herausschreit. Überhaupt schreit er oft, und so manche extreme Großaufnahme zeigt: Einerseits ist er ganz auf sich gestellt, andererseits brüllt er uns, die Zuschauer, so direkt an, wie auch die physische Gewalt auf uns hereinprasselt. Und wenn er handelt statt schreit, ist so manches wider die Dienstvorschriften, obwohl er der Sympathieträger sein soll. Nein, Fuller macht es uns nicht einfach, so sei die Welt halt. Und weil das wie erwähnt nirgends ist, ist es überall.

Reiter werden ja immer gebraucht

Bei den Gangstern gibt es eine ähnliche Figur, die matronenhafte, brutale und vor allem am Ende ebenfalls wild herumschreiende Bertha (Rebecca Potok). Bei ihr ist Fuller etwas schwächer, ist sie zwar auf beeindruckende Weise furchterregend, aber im Übertriebenen auch schon gefährlich nahe an der Karikatur. Stichwort Karikatur: Woran man sich je nach Geschmack etwas gewöhnen muss, ist die „sowas von 80er“-Videoclip-Ästhetik, wenn von Michaels früheren Erfolgen gekündet wird. Er hatte Celia beim Dreh des Videoclips zum Song „Street of No Return“ (Keith Carradine singt selbst!) kennengelernt. Da ist Celia, nur mit sehr knappem Slip bekleidet, zu Ross durch die nächtlichen Straßen unterwegs, und der in jeder Hinsicht poppige Michael schmachtet sie bei viel Neonlicht und Dampf an. Als der Film uns dies erstmals zeigt, lässt es sich Fuller nicht nehmen, durch die Froschperspektive Ross und Reiterin zu nennen, also extrem die Brüste der Frau und die gesamte Symbolik dieses Bildes zu betonen. Letztlich schwer zu würdigen, ohne subjektiv zu werden. Fest steht: Subtil geht anders!

Bei der Frau auf dem Gaul sind die Blicke nicht faul

Fuller ist aber auch kein Mann der leisen Töne. Stattdessen ist er in einer Kombination von Schroffheit und Archetypik so weit gegangen, dass er den Schmutz, den er zeigt, gleichzeitig realistisch anprangert und künstlich überhöht. Sein Film sagt etwas über die Welt, wie Fuller sie sieht, aber auch über das Filmen und die Film-(Noir-)Geschichte. Das muss man auch erstmal hinbekommen. Ich liebe es und vermute, so und nicht anders sollte der Film, das Vermächtnis des Sam Fuller, werden. Das mag aber nicht jedermanns Sache sein. Also: sich drauf einlassen oder es lassen.

Die DVD kann direkt im Online-Shop von Pidax Film erworben werden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Samuel Fuller haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 23. Juli 2021 als DVD

Länge: 88 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Street of No Return
F/POR 1989
Regie: Samuel Fuller
Drehbuch: Jacques Bral, Samuel Fuller, nach einem Roman von David Goodis
Besetzung: Keith Carradine, Valentina Vargas, Bill Duke, Andréa Ferréol, Bernard Fresson, Marc de Jonge, Rebecca Potok, Jacques Martial, Sérgio Godinho, António Rosário, Dominique Hulin, Gordon Heath, Joe Abdo, Trevor A. Stephens, Filipe Ferrer
Zusatzmaterial: Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 Pidax Film

 

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