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Blake Edwards (II): Peter Gunn – Privatdetektiv: Mobster unterbuttern wie bei Muttern

Peter Gunn

Von Tonio Klein

Krimikomödie // Das Schlechte – das einzig Schlechte – zuerst: Die Bildqualität ist übelstes VHS-Niveau, vielleicht ging es nicht anders. Man kann aber froh sein, diesen Film überhaupt zur Verfügung zu haben, ist er doch äußerst gelungen, wobei man keine hohe Kunst erwarten darf und Regisseur Blake Edwards nicht die Komplexität seiner besten Kinofilme erreicht. Aber allgemein halte ich sein Spätwerk für unterschätzt. Der Mann, der ab 1942 als Schauspieler, später als Drehbuchautor und ab 1955 als Kinoregisseur tätig war, konnte noch mit „Sunset – Dämmerung in Hollywood“ (1988), „Skin Deep – Männer haben’s auch nicht leicht“ (1989) und „Switch – Die Frau im Manne“ (1991) glänzen. In diese Zeit fällt auch „Peter Gunn – Privatdetektiv“. Mit dem Relaunch einer von 1958 bis 1961 gelaufenen, von Edwards entwickelten Krimiserie konnte er nicht so etwas Großartiges wie in den genannten Filmen schaffen. Und der 90-minütige Fernsehfilm erreichte auch nicht sein Ziel, Pilotfolge einer neuen Peter-Gunn-Serie zu werden. Aber er macht im naturgemäß beschränkten „Gesetz der Serie“-Format alles richtig, indem er die alten (je 25 Minuten langen) Folgen neu belebt und nur behutsam aktualisiert, also sich weder plump wiederholt noch krampfhaft Modernisierungen vornimmt. Wobei die Treue zum Geist der alten Folgen schon relativ stark ist.

Kontinuität und Wandel

Man kann darüber kaum berichten, ohne wenigstens ein bisschen was zur alten Serie zu sagen. Sie ist lupenreiner TV-Noir um einen Privatdetektiv, der anscheinend nicht einmal ein Büro hat, dafür aber seine Stammkneipe, die Jazz-Bar „Mother’s“. Die Liebe zum Jazz ist der Serie auch durch die Zusammenarbeit von Blake Edwards und dem Komponisten Henry Mancini eingeschrieben, die Jahrzehnte halten sollte. Die Peter-Gunn-Titelmusik wurde einem jüngeren Publikum später durch die Wiederverwendung in „Blues Brothers“ (1980) bekannt, und sie darf natürlich auch im hier rezensierten Update nicht fehlen. Doch noch bevor diese zum Vorspann erklingt, hören wir genau die Klänge, die wie in der Serie den (von wenigen Ausnahmen abgesehen) obligatorischen Mord vor dem Titel begleiten. Dieser ist gewohnt originell und im Übrigen eine hübsche Abwechslung von der Regel, dass ein Peter Gunn fast nie bei Tageslicht spielt. Anschließend darf eine (nicht die einzige) Szene im „Mother’s“ nicht fehlen. Edwards hat nicht einfach das Schwarzweiß des TV-Formats durch Farbe ersetzt, sondern haut uns einen herrlich künstlichen Neo(n)-Noir um die Ohren und Augen. Die ältere Barbesitzerin „Mother“ ist nun eine Dunkelhäutige, Pearl Bailey, die schon im All-Black-Filmmusical „Porgy and Bess“ (1959) aufgetreten war und eine schöne „Altersrolle“ bekam: Obwohl sie dort weder steinalt aussieht noch war, starb sie 1990 mit 72 Jahren und sollte die Rolle der „Mother“ leider ihre letzte werden. Schön, dass ihre Hautfarbe nicht zum Thema gemacht wird. Sie ist einfach da, so wie das eigentlich schon in die alte Serie gepasst hätte (zumal bei der bedeutenden Rolle, die Schwarze in der Jazzmusik hatten), als man aber in Old Hollywood einfach noch nicht so weit war. Kleiner Schwenk: Wohl auch Blake Edwards nicht, der in seinem Klassiker „Frühstück bei Tiffany“ (1961) Mickey Rooney einen hibbeligen Klischeejapaner spielen ließ, wovon sich Rooney später distanziert hat.

Schwarze Mutter, weißer Schal

Im „Mother’s“ bekommt Peter Gunn (Peter Strauss) seine Aufträge, gern auch mal von zwielichtigen Gesellen, hier von einem Mafioso. Irgendwie geht es um Mobster gegen Mobster, und irgendwie ist das „Wer gegen wen?“ irgendwann auch nicht mehr so wichtig, was aber nicht schlimm ist. Auch die alten Peter Gunns lebten eher von den Rändern, von Gunns Umgebung her. Hier dient das Mafia-Milieu anderen Zwecken als dem, die Handlung voranzutreiben. Erstens kann Edwards so ein wenig mehr Action bieten, was dazu passt, dass die kurzen Folgen davon auch schon verhältnismäßig viel hatten, aber man beim 90-Minuten-Format eben aufpassen muss, dass das nicht über Gebühr „gestreckt“ wirkt. Zweitens ist wieder einmal klar, dass Gunn, ohne selbst in den Sumpf abzugleiten, keine Distinktionen kennt, die ein Polizist einhalten müsste. Er hat seine Kontakte auch in der Halbwelt (ein kleinwüchsiger Billardspieler als Informant ist eine Reverenz an die Serie) und achtet das Vertrauensverhältnis zu seinem Auftraggeber, selbst wenn dieser keine weiße Weste hat. Dieses Oszillieren lässt auch stimmig erscheinen, dass man Gunn nun eine Backstory als Ex-Cop verpasst hat und dass hier auch, dies kann man ruhig verraten, nicht alle Noch-Cops sauber sind. Drittens kann der Film ein paar Späße damit treiben, dass Gunns Freundin Edie, welche Sängerin im „Mother’s“ ist (nun Barbara Williams), ständig von ihm hintangestellt wird und wir zumindest in einigen wenigen Folgen nicht so ganz sicher sein können, ob sein Schlag bei Frauen ihn nicht doch einmal wegdriften lässt. Im vorliegenden Film, der stärker als die Serie zum Komödiantischen neigt, ohne zur albernen Selbstparodie zu verkommen, mündet dies in eine wunderbare Szene, in der drei Frauen und zwei Leichen zugleich in Gunns Apartment auftauchen. Eine davon ist Edie, eine davon Sheila (Debra Sandlund, nach späterer Heirat Debra Stripe) mit reichlich wenig Bekleidung – tja, wenn man sich ins Mafiamilieu begibt, kann ein Gangsterboss dem Ermittler schon mal seine Gespielin als Honigfalle im Bett drapieren …

Edie, die ewige Freundin im Hintergrund

Die dritte im Bunde ist eine Neuerfindung, die mit etwas zu tun hat, das eigentlich ein Serien-Sakrileg ist: Gunn hat ein Büro und eine Sekretärin! Wobei das dann doch nicht stört, weil dieses Büro kaum eine Bedeutung hat und die Sekretärin, Maggie, nur eine Aushilfe ist, die zunächst ihren Chef gar nicht als Peter Gunn erkennt, ihm dann Kaffee auf die Akten schüttet und auch sonst nicht die hellste Leuchte zu sein scheint. Zudem scheint sie der Aufregung und den Gefahren an Gunns Seite kaum gewappnet, taucht zu unmöglichen Tageszeiten (also eher Nachtzeiten) bei Gunn auf, wird gefesselt und kann Edie ihre Anwesenheit ebensowenig erklären wie Sheila. Der Part der Maggie, von Edwards’ im Spätwerk häufig mitwirkender Tochter Jennifer gespielt, ist eine Gratwanderung. Rollen eines Dummchens, das man aber irgendwie gefälligst gern zu haben hat, können gewaltig schiefgehen. Aber bei Edwards gilt immer: Selig sind die reinen Toren, auch wenn wir über ihre größten Missgeschicke lachen. Selbst ein Inspektor Clouseau will letzten Endes nicht mehr, als zum Jet-Set zu gehören, das die eigentliche Zielscheibe von Edwards’ Spott ist. Und hier eben die unübersichtliche Welt zwischen Cops und Gangstern, bei denen sich die Schurken auch untereinander bekämpfen und die Ordnungshüter auch mal die rote Linie überschreiten.

Eine gar nicht so zahme Krimikomödie

Edwards hält bis zum Ende die Balance zwischen Krimi und Farce und leistet sich einen durchaus blutigen Witz. Er kommt, ohne sich darauf reduzieren zu lassen, aus der Tradition des Slapsticks, der schon in den Kino-Kindertagen mit grausamen körperlichen Leiden verbunden war. Der vorliegende Film bietet zwar keinen Slapstick, hat aber vor allem gegen Ende einen schönen und Edwards-typischen Schuss Übertreibung. Peter Gunn ließ schon immer gern die Fäuste sprechen, und hier ist die finale Klopperei mit einem hünenhaften Gegner fast so herrlich überzogen, als würden Inspektor Clouseau und sein Sidekick Cato bei einem Trainingskampf mal wieder die halbe Wohnung demolieren. Und dabei holen sich beide so blutige Nasen, dass überdrehter Witz und körperliches Leiden schroff aufeinanderprallen und damit auch etwas über die Mechanik solcher Komik freilegen. Da werden Männer zu Hyänen und treiben mit Entsetzen Scherz.

Trotz Großaufnahme: Der Film lebt von Peters Umfeld

Erwähnenswert ist noch die Zeit der Handlung. Man erfährt, dass der Vietnamkonflikt unter Präsident Lyndon B. Johnson am Vorabend des Krieges steht oder ein solcher bereits unter US-Beteiligung ist. Dies sowie ein paar Popsongs wie „Pretty Woman“ und typische Americana wie das Setting eines Diners verorten den Film etwa in der Mitte der 1960er-Jahre. Eine kluge Wahl, Gunn weder in die Jetzt-Zeit zu verfrachten noch ihn einfach in der Serienzeit zu belassen, kommt man doch so zu einer gewissen Weiterentwicklung, wahrt aber auch die Anknüpfung an die Serienfigur. Und Edwards kann sich gestalterisch austoben, was neben jeder Menge schöner fahrbarer Untersätze nicht zuletzt beim Kostümdesign durchschlägt, vor allem beim weiblichen. Edie ist Eleganz im dunkelroten „Wasserfall“-Ausschnitt vor nostalgischem Mikrofon, Sheila ist mit einer Ausnahme eher unauffällig gestaltet und mit Vokuhilafrisur anscheinend ein Kind der 1980er, soll aber vielleicht auch nur als eben die „falsche“ Frau gekennzeichnet sein. Maggie ist ein herrlich überzeichneter Traum in Pink, die sich in einem Close-up passend zum Kostüm auch noch entsprechende Schuhe anzieht, bevor (???) sie Gunns Appartement betritt. Obwohl wir uns in der Großstadt befinden, inklusive drapierter Frisur ein wunderbares Ab- oder von mir aus auch Zerrbild einer 1960er-Vorstadtlady, wie wir sie zum Beispiel in einem Werk wie „The Help“ (2011) sehen können. Der Film zielt mit dem Finale, in dem die Aushilfs- zur Dauersekretärin befördert wird, ersichtlich auf weitere Folgen. Schade, dass es nicht dazu kam.

Pretty in pink: ausnahmsweise auch mal Sheila

Obwohl dieser Film nicht das Rad neu erfinden will, ist er auch im Kleinen sehr aufmerksam inszeniert. Gunn ist in der Welt des „Mother’s“ so fest verwurzelt, dass er kaum wahrnehmbar auch den mutmaßlichen Rausschmeißer freundschaftlich begrüßt – der so aussieht, als würde ich ihm lieber nicht begegnen. Unser Held hat keine Berührungsängste und bewertet Menschen nicht nach ihrem Status, auch bei seiner Arbeit nicht. Und wenn schon ein Cop nicht immer ist, was er vorgibt, so ist es auch einmal ein „leichtes Mädchen“ nicht, das kaum wahrnehmbar im Hintergrund während einer Polizeirevier-Szene seine Perücke abnimmt. Vielleicht nicht nur ein verspielter Verweis darauf, dass Edwards es immer mit dem Durcheinanderwirbeln der Geschlechterrollen hatte, sondern dass wir auch den Krimi betreffend keine feste Ordnung haben. Und dass Gunn seinen Freund, die in der alten Serie vornamenlose Figur des Lieutenant Jacoby (jetzt Peter Jurasik), auf einmal als „Herschel“ anspricht, ist ein hübscher Insider: Der damalige Schauspieler war Herschel Bernardi. Muss man nicht verstehen. Der Film ist so oder so gute Unterhaltung – in Kenntnis der Serie freilich noch ein wenig besser.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Blake Edwards haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 13. November 2020 als DVD

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Peter Gunn
USA 1989
Regie: Blake Edwards
Drehbuch: Blake Edwards
Besetzung: Peter Strauss, Peter Jurasik, Jennifer Edwards, Barbara Williams, Charles Cioffi, Richard Portnow, Debra Sandlund, Leo Rossi, Tony Longo, Pearl Bailey, David Rappaport, Andre Rosev Brown, Jeffrey Alan Chandler, Vito D’Ambrosio, Willie Garson
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 Pidax Film

 

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Black Cinema Collection (2): Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs – Die Straßen von San Francisco

They Call Me MISTER Tibbs!

Von Andreas Eckenfels

Krimi // Los verschwinde! Mach, dass du wegkommst! Scher Dich zum Teufel, du Niete! Mich kotzt es an, wenn ich nur an dich denke! Hau ab, worauf wartest du noch? Heute Nachtmittag bin ich besser bedient worden, da auf dem Teppich. Viel besser! Lass dich nie wieder hier blicken, dein Anblick macht mich krank, du Krüppel! Du sollst abhauen, und das Ding hier kannst du auch wieder mitnehmen! Du dreckiger Hurensohn!

Es sind deutliche, aber auch letzte Worte, die die junge Prostituierte Joy (Linda Towne) einem unbekannten Freier halbnackt in ihrer Wohnung entgegenbrüllt – er bringt sie im Anschluss um. Der Hausmeister Mealie (Juano Hernandez) entdeckt zufällig die Leiche und berichtet es sogleich dem kriminellen Hausverwalter Rice Weedon (Anthony Zerbe). Der befürchtet, dass es in seinem Apartment-Komplex bald nur so von Polizisten wimmeln wird, wenn die Sache rauskommt, und gibt Mealie Geld, damit er seinen Mund hält. Dennoch verrät Weedon der Polizei per anonymem Anruf den Namen des Mannes, den Mealie einige Zeit vor dem Leichenfund aus dem Haus hat kommen sehen: den bekannten Pastor Logan Sharpe (Martin Landau).

Lieutenant Virgil Tibbs (l.) sucht mit seinen Kollegen nach einem Prostituiertenmörder

Als Virgil Tibbs (Sidney Poitier) am Tatort eintrifft, hat der San-Francisco-Lieutenant bereits erfahren, dass sein enger Freund Sharpe als Hauptverdächtigter gilt. Im Schlafzimmer des Opfers wird obendrein eines von dessen Büchern gefunden. Tibbs stellt Sharpe im Beisein zweier Kollegen zur Rede. Der Beschuldigte erklärt glaubhaft, Joy schon länger gekannt zu haben, und bestätigt auch seinen Besuch am Tag des Mordes. Dieser hätte aber einem sozialen Zweck in seiner Funktion als Pastor gedient. Er wollte die junge Frau wieder mit ihrer Familie zusammenführen. Erst als er mit Tibbs allein ist, gibt Sharpe zu, dass er ab und an auch mit Joy geschlafen habe. Doch mit ihrem Tod habe er nichts zu tun. Er glaube an eine Rufmordkampagne. Immerhin macht sich Sharpe derzeit medienwirksam für ein wichtiges Referendum stark, welches den Bewohnern seines Viertels mehr Rechte zusprechen soll. Kann Tibbs die Unschuld seines langjährigen Freundes beweisen?

Zweiter Einsatz mit überraschenden Änderungen

Drei Jahre nach dem fünffach Oscar-gekrönten „In der Hitze der Nacht“ (1967) schlüpfte Sidney Poitier erneut in die Kultrolle des standhaften Verbrechensbekämpfers Virgil Tibbs. Bei der Fortsetzung von Regisseur Gordon Douglas („Formicula“, „Barquero“) sind keine Vorkenntnisse vonnöten. Obwohl Schriftsteller John Ball (1911–1988) bereits zur Drehzeit zwei weitere Tibbs-Romane veröffentlicht hatte, wurde keiner davon als Vorlage genutzt. Die Drehbuchautoren Alan Trustman („Thomas Crown ist nicht zu fassen“, „Bullitt“) und James R. Webb („Das war der wilde Westen“, „Ein Köder für die Bestie“) dachten sich einen eigenständigen zweiten Einsatz aus, der einige überraschende Änderungen parat hält.

Der Kriminalbeamte muss gegen einen Freund ermitteln

Im Vergleich zum Vorgänger arbeitet Virgil Tibbs nun nicht mehr in Philadelphia, sondern in San Francisco. Zudem hat er jetzt den Rang eines Lieutenants inne statt wie zuvor den eines Detectives. Ebenfalls war „In der Hitze der Nacht“ nichts davon bekannt, dass Tibbs verheiratet ist und zwei Kinder hat. Erklärungen zu den kleinen inhaltlichen Änderungen werden nicht gegeben. Nur der Originaltitel „They Call Me MISTER Tibbs!“ (Ja, MISTER in Versalien!) erinnert an die Ereignisse, die der Ermittler in der Kleinstadt Sparta durchgemacht hat. Dafür bleibt fraglich, worauf der deutsche Titel mit den „Zehn Stunden“ anspielen will – unter enormen Zeitdruck muss Virgil Tibbs den Täter jedenfalls nicht dingfest machen.

Fragwürdige Erziehungsmethoden

Natürlich war es nicht zu erwarten, dass „Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs“ die Klasse des meisterhaft inszenierten Erstlings halten kann. Dennoch hätte man etwas mehr als einen durchschnittlichen Kriminalfall erwarten können, der sich gerade mal aufgrund seiner namhaften Besetzung auf besserem TV-Serien-Niveau einpendelt. Die Sets – seien es das Polizeirevier oder die Appartements von Logan Sharpe und Rice Weedon – wirken steril und eintönig. Sobald es aber raus auf die Straßen geht, etwa bei der Massenszene zu Beginn, als Sharpe seine Rede hält, und bei den zwei Verfolgungsjagden durch die Straßen von San Francisco, kommt wenigstens ein wenig Stimmung und Spannung auf. Wie im Vorgänger nimmt auch die Polizeiarbeit, die akribische Auswertung von Beweisen und Indizien, einigen Raum ein.

Sohn Andy pafft mit Papa – mit üblen Folgen

Doch sobald ein wenig Tempo in den Fall reinkommt, wird dieses durch die eingestreuten Familienszenen frühzeitig ausgebremst. Nach getaner Arbeit fährt Virgil Tibbs nach Hause zu seiner Frau Valerie (Barbara McNair) und den Kindern Andy (George Spell) und Ginger (Wanda Spell). Von seiner Frau verlangt Tibbs, dass das Essen pünktlich auf dem Tisch steht und sie ihm sexuell verfügbar ist. Gegenüber seiner Tochter Ginger ist er durchaus herzlich. Allerdings: Der strenge Vater kann seinen vorlauten Sohn kaum bändigen, der zu seinem großen Bedauern nicht so vorbildlich geraten ist, wie der Lieutenant sich das gewünscht hat. Als er Andy beim Rauchen erwischt, erteilt er ihm eine Lektion, die sich gewaschen hat – und heutige Jugendschützer auf die Barrikaden treiben dürfte: Der Vater schenkt seinem Sohn ein Gläschen ein und ermuntert ihn auch noch dazu, eine Zigarre zu paffen. Nach kurzer Zeit stellt sich die von Tibbs gewünschte Wirkung ein. Der Kleine rennt auf die Toilette, um sich zu übergeben. Ob es ihm eine Lehre für alle Zeiten war, wird die Zukunft zeigen. Die Szenen sollen der sonst so abgeklärt und überlegen wirkenden Figur Virgil Tibbs ein paar Facetten verleihen und Bodenständigkeit vermitteln, da er privat offenbar mit den gleichen Problemen zu kämpfen hat wie nahezu alle Familienväter unter den Zuschauern. Aber zumindest für die heutige Zeit wirken die fragwürdigen Erziehungsmethoden recht befremdlich und unfreiwillig komisch.

Gute Freunde – aber warum?

Sidney Poitier dominiert natürlich den Film als Leading Man, wird aber auch nicht sonderlich gefordert. Sein Virgil Tibbs ist – nimmt man wie oben beschrieben den Privatmenschen außen vor, – der gleiche prinzipientreue Polizist wie zuvor, auch wenn er diesmal etwas glattgebügelter als im Vorgänger wirkt. Für ihn ist jeder ein möglicher Täter. Sogar seinem Freund Logan Sharpe traut er von vorneherein ohne mit der Wimper zu zucken den Mord zu. Er ist ein Mann. Kein Heiliger. So sagt er es zu seiner Frau. Während Poitiers Szenen mit Martin Landau („Ed Wood“), der kurz vor „Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs“ sein Engagement bei der Agentenserie „Kobra, übernehmen Sie“ beendet hatte, zu den Pluspunkten des Films gehören, wird hier auch eine große Drehbuchschwäche offenbar: Zwar wird ständig davon geredet, dass Tibbs und Sharpe seit ihrer Kindheit Freunde sind, aber es wird nie thematisiert, woher diese enge Verbindung zwischen den zwei Männern herrührt. Sind die beiden miteinander aufgewachsen? Waren sie Klassenkameraden? Hat Virgil Tibbs einem Widersacher des schmächtigen Sharpe mal eine Ohrfeige verpasst? Sind beide gemeinsam durch Dick und Dünn gegangen? Das Publikum erfährt es leider nicht, wodurch die Beziehung an Glaubwürdigkeit einbüßt und auch der emotionale Kern der Geschichte verloren geht.

„Die Organisation“ wartet schon!

Die Wicked Vision Distribution GmbH hat „Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs“ als zweiten Beitrag innerhalb der „Black Cinema Collection“ veröffentlicht. Wie schon bei „Slaughter“ kommt im eigenproduzierten Bonusmaterial erneut Professor Dr. Andreas Rauscher in einem etwa 25-minütigen Feature fachkundig zu Wort, der launig über den Übergang des klassischen Hollywoodhelden, wie ihn Sidney Poitier präsentiert, hin zu den Blaxploitation-(Anti-)-Helden erzählt. Dazu gibt es einen Audiokommentar von den zwei bewährten Sprechern Dr. Gerd Naumann und Christopher Klaese sowie ein Booklet mit einem Text von Thomas Hanisch.

Wer auch am finalen Teil der „Virgil Tibbs“-Trilogie Interesse hat, der wird ebenfalls in der „Black Cinema Collection“ fündig: „Die Organisation“ (1971) ist erstmals in Deutschland als Blu-ray als Nummer 5 der Reihe erschienen.

Die Filme der „Black Cinema Collection“ der Wicked Vision Distribution GmbH haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Sidney Poitier sind unter Schauspieler zu finden.

Tibbs verteilt kräftige Kinnhaken

Veröffentlichung: 18. Dezember 2020 als 2-Disc Special Edition (Blu-ray & DVD, limitiert auf 1.500 Exemplare)

Länge: 109 Min. (Blu-ray), 104 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: They Call Me MISTER Tibbs!
USA 1970
Regie: Gordon Douglas
Drehbuch: Alan Trustman, James R. Webb
Besetzung: Sidney Poitier, Martin Landau, Barbara McNair, Anthony Zerbe, Edward Asner, Jeff Corey, Norma Crane, Juano Hernandez, David Sheiner, George Spell
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Dr. Gerd Naumann und Christopher Klaese, Featurette „Von Mister Tibbs zu John Shaft – Neue Stars und Perspektiven“ (25 Min.), Originaltrailer, Bildergalerie, 24-seitiges Booklet mit einem Essay von Thorsten Hanisch
Label/Vertrieb: Wicked Vision Distribution GmbH

Copyright 2021 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Wicked Vision Distribution GmbH

 
 

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Tödlicher Irrtum – Stich in ein Wespennest

Ordeal by Innocence

Von Tonio Klein

Krimi // Cannon Films – das Schmuddelstudio, das in den 80er-Jahren einen gewissen Kultstatus erlangte, mit dem man heute dreckige Actionfilme verbindet, immer hart am Rande des Bahnhofskino-Charmes. Die israelischen Produzenten Menahem Golan und Yoram Globus waren mit der Teenie-Sexkomödie „Eis am Stiel“ (1977) zu Geld und mehr oder minder Ruhm gekommen und kauften 1979 die Gesellschaft, um in den USA Fuß zu fassen, wo sie Mimen wie Charles Bronson und Chuck Norris prügeln und schießen ließen. Ab und an schmuggelte sich aber auch Ambitionierteres in das Gesamtwerk, wie die Bukowski-Adaption „Barfly“ (1987) mit Mickey Rourke und Faye Dunaway. Sie ist auch in „Tödlicher Irrtum“ dabei, der ebenfalls eine Perle des Studios ist.

Was ist ein Whodunit?

Agatha Christie hat ihren 50. Roman „Ordeal by Innocence“ besonders geschätzt, der in Deutschland 1960 unter dem Titel „Feuerprobe der Unschuld“ gekürzt erstveröffentlicht und erst 1986 als „Tödlicher Irrtum“ in ungekürzter Fassung neu aufgelegt wurde. Dem Vernehmen nach bleibt der Film der Vorlage einigermaßen treu (ich habe sie nicht gelesen). Und das Unterfangen gelingt hervorragend. Der „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki meinte einmal, er schätze Kriminalgeschichten nicht, weil ihn die Suche nach dem Mörder nicht interessiere. Da hatte er in zweifacher Hinsicht einen arg verengten Blick: Zum einen reduziert er „Krimi“ unzulässigerweise auf das insbesondere von Christie geprägte Subgenre des „Whodunit“, wozu auch dieser Film zu rechnen ist. Zum anderen geht es in den besseren Exemplaren der Gattung nicht ausschließlich um das Herausfinden der Mörder-Identität. Sondern um einen scharfen Blick auf eine große Sippschaft (oftmals im Wortsinne, also familiär verbandelt), die ein Mikrokosmos der Gesellschaft oder zumindest eines Ausschnitts hiervon ist. Zudem finden Täuschungen der Hauptfigur wie des Zuschauers statt. Beide werden mit Vorurteilen und vorschnellen Gewissheiten konfrontiert, versuchen sie zu durchschauen, werden vor der Auflösung aber auch zu ihrem Opfer. Von daher eignet sich Christie besonders gut für das Medium Film. Können wir glauben, was wir sehen? Was geschah wirklich zwischen den Bildern? Billy Wilders Adaption „Zeugin der Anklage“ (1957) lebt davon, wie die Charles-Laughton-Figur getäuscht – und benutzt – wird, weil sie nur sieht, was sie sehen will. Mit dieser Möglichkeit spielt auch „Tödlicher Irrtum“, der uns am Anfang eine Gewissheit suggeriert, wobei wir aber nie so ganz sicher sein können, ob der Plot Twist nicht doch noch kommt.

Der Mörder ist immer der Gärtner?

Der US-amerikanische Paläontologe Prof. Dr. Calgary (Donald Sutherland) kommt 1958 nach langer Expedition nach England, um Jack „Jacko“ Argyle (Billy McColl) dessen Adressbuch zurückzugeben. Es war, nachdem Calgary ihn im Wagen mitgenommen hatte, dort liegengeblieben und versehentlich auf die große Reise gegangen. Doch Jackos Vater Leo (Christopher Plummer) teilt Calgary mit, dass Jacko für den Mord an seiner Mutter Rachel (Faye Dunaway in Rückblenden) hingerichtet wurde. Nun weiß Calgary, der sich wegen seiner Abfahrt zur Expedition Tag und Zeit genau merken konnte, dass Jacko zur fraglichen Zeit bei ihm im Auto saß. Unter anderem, weil er von alldem nichts mitbekommen hatte und somit das Alibi nicht rechtzeitig liefern konnte, ist es ihm ein Anliegen, den Fall posthum wieder aufzurollen – zumal der wahre Mörder ein Insider (also ein Familienmitglied oder ein Angestellter) sein muss, der noch frei herumläuft. Bloß rennt er nicht nur bei der Polizei, sondern auch bei den wenig sympathisch und großenteils umso selbstherrlicher wirkenden Familienmitgliedern gegen Wände. Offenbar ist allen recht, dass Jacko als Opfer gefunden wurde, dem kriminelles Verhalten nachgesagt wird und der ein Enfant terrible der gutbürgerlichen Sippschaft war. Inspector Huish (Michael Elphick) gibt ganz unumwunden zu, froh gewesen zu sein, gerade Jacko die Untat anhängen zu können, sodass er gar nicht erst in eine andere Richtung ermittelt hatte.

Das Drehen und Wenden von (Mosaik-)Steinen

Agatha Christie hat sich zeitlebens sehr für die Altertumsforschung interessiert, was in Romanen wie „Tod auf dem Nil“ durchscheint – und was ja auch eine Art von detektivischer Spurensuche ist. Hier nun die Paläontologie, was der Film geschickt einbindet. Calgary sagt der 14-jährigen Hester (Valerie Whittington), der jüngeren Schwester Jackos, er untersuche Steine und könne dann erklären, wie die Welt vor fünf Millionen Jahren ausgesehen habe. Sie gibt ihm einen Stein und bittet ihn, herauszufinden, wie der Mord vor zwei Jahren geschehen ist und wer ihn begangen hat. Diesen Stein wird Calgary noch mehrere Male betrachten und herumdrehen, und seine Befragungen werden natürlich „keinen Stein auf dem anderen lassen“. So wie die kleine „Coronado Productions“ es in Filmen der 1950er-Jahre tat, lässt dieser Film einen US-Amerikaner in England zum Hobbydetektiv werden (in den 1970er-Jahren war das eine wie das andere, nur mit einem Ausländer in Italien, übrigens ein wiederkehrendes Motiv in Filmen Dario Argentos). Auch deswegen wird er seiner Umgebung und wird ihm seine Umgebung immer etwas fremd bleiben. Obwohl Donald Sutherland aus Kanada statt aus den USA stammt, ist er zum Ausdruck dieser Fremdheit hervorragend besetzt, wenn er sich schon physisch (ungewöhnlich groß, scharfkantiges, schmales Gesicht mit grüblerischem, zerfurchtem Ausdruck) von seiner Umgebung abhebt. Sprachlich übrigens auch, was gezwungenermaßen ein wenig durch die Synchronisation verlorengeht. Was aber als scheinbar nicht zusammenpassend erhalten bleibt, ist die Kombination der typischen englischen Bilder (Nebel, Herrenhaus, Pferde, Jagdwaffen etc.) mit einem Jazz-Soundtrack des Dave Brubeck Quartet. Als nach dem Vorspann Calgary auf dem Argyle-Anwesen angekommen ist, sind die Bilder besonders archetypisch, der Nebel wabert, das Käuzchen heult in der Dämmerung, und das Schlagzeug ist besonders aggressiv. So hat man das noch nie gesehen und gehört, und es deutet sich an: Da kommt was auf die Argyles zu, da wird die scheinbare Idylle gewaltig gestört.

Es bleibt nicht bei dem Mord in der Vergangenheit

Solche Störungen wird es immer wieder geben, wobei Calgary, der Aufwühler, auch zum Aufgewühlten wird. Es folgt Privatverhör auf Privatverhör, die Maske der Bürgerlichkeit wird heruntergerissen, die Versuche, Calgary einzuschüchtern, sind von süffisanter Boshaftigkeit, wobei sich insbesondere zwei Personen hervortun: Leo, vom im Februar 2021 verstorbenen Christopher Plummer hervorragend gespielt, dessen selbstsicheres schmallippiges Lächeln immer auch Bedrohung ist, was er gern einmal durch demonstrativen Schusswaffeneinsatz unterstreicht. Und seine Sekretärin wie Geliebte Gwenda (Diana Quick), die so kühl wie geschickt mit einer historischen Pistole auf eine Schießscheibe feuert. Wozu Leo gegenüber Calgary bemerkt, es handele sich um eine Waffe der Art, mit der Abraham Lincoln ermordet wurde, „ein Mann, der sich sehr für die Gerechtigkeit eingesetzt hat“.

Schießübungen als Fingerzeig

Der Film geht aber weit über diabolische Freude an solchen Gemeinheiten hinaus. Wer in ein Wespennest sticht, kann selbst gestochen werden. Geschickt wird übrigens der Inspector, dessen negativ-engstirniger Konnotation wir nicht trauen dürfen, etwa gegen Mitte des Films beiläufig etwas sagen, das die Essenz der Lösung schon enthält. Auch wenn wir da noch nicht im Detail drauf kommen können. Und so ist dieser Whodunit eigentlich gar kein so richtiger. Den Täter wird Calgary, das kann verraten werden, am Ende durch pures Ausschlussverfahren herausfinden – vielleicht nicht die knackigste der möglichen Lösungen. Aber geht es so sehr um das Wer? Nein, eher um das Warum, um die Begleitumstände und vor allem darum, was das mit Calgary, aber auch den anderen Mitgliedern der Entourage anrichtet. Calgary und uns wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Das funktioniert zeitlos, wie kürzlich auch der meisterliche, Christie-inspirierte „Knives Out – Mord ist Familiensache“ (2019) gezeigt hat, ebenfalls mit Christopher Plummer, in einer seiner letzten Rollen. Die sternförmig angeordneten Handfeuerwaffen in Leos Schrank, die Calgary schon beim ersten Besuch einschüchtern, haben mich übrigens an die Messersammlung in „Knives Out“ erinnert, aber ob das eine direkte Inspiration war, ist mir nicht bekannt.

Die zahlreichen Menschen, die Calgary trifft, werden überwiegend von Briten verkörpert. Dass Faye Dunaway eine US-Amerikanerin ist, stört nicht: Die Schöne, aber Kühle ist nur in Schwarz-Weiß-Rückblenden zu sehen, dort wirkt sie stets wie nicht mehr so ganz von dieser Welt, ätherisch, unnahbar – und damit perfekt. Ihre Figur, die gemeuchelte Familienpatriarchin (der Duden kennt dieses eigentlich anachronistische Wort wie der Jurist das „herrenlose Damenfahrrad“) Rachel, ist noch stärker als Leo das Sinnbild der falschen Fassade: Rachel hatte im Krieg die Wohltäterin gegeben und ein „Waisenhaus“ geführt, wobei die Bewohner nur von ihren Eltern wegen Evakuierungen getrennt waren – und teils nicht wieder zurück sollten. Wir erfahren, dass Rachels und Leos zahlreiche Kinder sämtlich adoptiert wurden, als reine Statussymbole und Lehm, aus dem die selbsternannte Göttin Rachel Menschen nach ihrem Bild zu formen gedachte. Dass aber auch hier keine Einseitigkeit herrscht, sehen wir an der erschreckendsten und berührendsten Rückblende, in der der kleine Jacko buchstäblich von seiner Mutter verkauft wird, weil diese zu arm sei, dem Kind eine Zukunft zu bieten. Die Mutter hätte das Geld gern in bar, guckt gierig. Wenn Rachel die Summe herüberschiebt und wir erfahren, wie lächerlich gering sie angesichts eines solchen Schritts ist, geht das wirklich unter die Haut (was nicht heißen soll, dass das ansonsten in Ordnung wäre).

Fluchten und Ausflüchte

Der Film reichert sein Panorama mit wohldosiertem Thrill und einem Hauch schlüpfrigen Humors in Gestalt der offenherzigen Kino-Platzanweiserin Maureen Clegg (Cassie Stuart) an. Es dürfte eher Letzteres für die Freigabe erst ab 16 Jahren verantwortlich sein, da Maureen, Witwe von Jacko, ersichtlich nicht unangenehme Erinnerungen daran hat, dass Jacko auch mal zuschlagen konnte. Und einmal liegt sie nackt in Calgarys Bett und lüftet aus eindeutigen Motiven die Bettdecke. Doch auch diese Figur ist mehr als nur eine Prise Sex und Spaß für alle, die sich bei dem natürlich sehr dialogbetonten Film langweilen könnten. Maureen wird nämlich zu einem wichtigen Schlüssel zur Lösung, als ihre Aussage zeigt, dass speziell eine Person – sie steht für viele – der bedrückenden Enge des England im Jahre 1958 entfliehen wollte. Im konkreten Fall durch heimliche Besuche nicht jugendfreier Filme. Und wenn man sich einmal das Kinoprogramm an der Außenwand ansieht, wird der Wunsch nach einem Ausbrechen in andere Welten bestätigt: Da läuft beispielsweise ein Film mit der Verlockung Brigitte Bardot, sowie „Mogambo“ (1953) – schwüle Begierden unter der sengenden Sonne Afrikas. Die Lust des „verbotenen“ Blicks, wie sie nur das Kino bieten kann, wie sie aber auch (eher mit Schrecken als mit Lust) in die Realität einbrechen wird. Auf solche Details im Bildhintergrund zu achten ist wichtig. Auf eine andere Art stellt sich der Nonkonformist Mickey (auch ein Adoptivsohn) seiner Sozialisation entgegen: Er führt nicht nur ein Leben in selbstgewählter Bescheidenheit und teilt das Bett mit Stiefschwester Tina, sondern hat sein Heim mit Anti-Atombomben-Motiven geschmückt, mitten im Kalten Krieg.

Last but not least sei erwähnt, dass der gediegene Look mitunter auch etwas expressiveren Farben und Gegenlichtspiegelungen auf nächtlichen Straßen weicht. Der Film wird zum Neo-Noir. In einer Schatten-und-Gegenlicht-Erpresserszene in den Schwarz-Weiß-Rückblenden ist er sogar klassischer Film noir. Und das alles in einem Werk von Desmond Davis, bei dem ich zugegebeneraßen nachschlagen musste – neben vielen Fernseharbeiten immerhin der Fantasy-Erfolg „Kampf der Titanen“ (1981). Inwieweit Davis eine „Handschrift“ hat, vermag ich nicht zu sagen, aber egal, ob nun ihm oder dem Kollektiv die Qualität zu verdanken ist. Ein äußerst reichhaltiges und im Großen und Ganzen wie im Detail aufmerksames Werk, bei dem man narrativ nie den Überblick verliert, aber eben doch auf geniale Weise massiv verunsichert wird. Es ist schön, dass Pidax diesen Schatz gehoben hat, wobei verziehen sei, dass die kleine Rolle Faye Dunaways durch den Aufdruck ihres Konterfeis auf der Scheibe überbetont wird. Gut ist hingegen die ansprechende, aber nicht übermäßig aufgehübschte Bildqualität. Über ihr wie über dem ganzen Film liegt eine Verschwommenheit, die ein Magengrummeln verursacht – im allerbesten Sinne.

Keine Hauptrolle, und nur in Schwarz-Weiß zu sehen: Faye Dunaway als Rachel

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Faye Dunaway haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Christopher Plummer und Donald Sutherland haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 9. April 2021 am DVD

Länge: 87 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Ordeal by Innocence
GB 1984
Regie: Desmond Davis
Drehbuch: Alexander Stuart
Besetzung: Donald Sutherland, Faye Dunaway, Christopher Plummer, Sarah Miles, Ian McShane, Diana Quick, Annette Crosbie, Michael Elphick, George Innes, Valerie Whittington, Phoebe Nicholls, Michael Maloney, Cassie Stuart, Anita Carey, Ron Pember, Kein Stoney, John Bardon, Brian Glover, Billy McColl
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 Pidax Film

 

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