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Schlagwort-Archive: Krimi

Gewinnspiel: 3 x Nur noch 72 Stunden auf Blu-ray

Verlosung

Zwei Cops bekommen drei Tage Zeit, einen Verdächtigen und ihre abhanden gekommenen Dienstwaffen wiederzubeschaffen. Koch Films hat Don Siegels 1968er-Regiearbeit „Nur noch 72 Stunden“ mit Richard Widmark und Henry Fonda kürzlich als Blu-ray veröffentlicht und uns drei Exemplare zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank im Namen der kommenden Gewinnerinnen und Gewinner.

Teilnahmebedingungen

Zwar bringt es mir Spaß, Filme unter die Leute zu bringen, weil sich die überwältigende Mehrzahl der Gewinnerinnen und Gewinner aufrichtig freut und höflich bedankt. Dennoch geht der Versand etwas ins Geld, zumal „Die Nacht der lebenden Texte“ nach wie vor keinen Cent Ertrag abwirft (die unten ab und zu eingeblendete Werbung schaltet WordPress). Daher: Auf völlig freiwilliger Basis darf mir jede/r Gewinner/in gern anbieten, das Porto in Höhe von 1,55 Euro zu übernehmen – oder höher beim Wunsch nach versichertem Versand. Gebt mir das aber bitte nicht schon im Kommentar mit eurer Antwort bekannt, sondern erst im Gewinnfalle. Ich will nicht in Verdacht geraten, die Sieger danach zuzuteilen.

Zwecks Teilnahme am Gewinnspiel begebt Ihr euch zu Lars Johansens Rezension des Films und beantwortet dort (also nicht hier unter dem Gewinnspiel) bis Sonntag, 26. Januar 2020, 22 Uhr, im Kommentarfeld die Frage im letzten Absatz des Textes.

Seid Ihr dazu nicht in der Lage, so schreibt das einfach hin. Alle veröffentlichten Antworten landen im Lostopf. Nicht verzweifeln, wenn Ihr euren Kommentar nicht sogleich erblickt – aus Sicherheitsgründen schalten wir ihn erst frei. Das ist aber Formsache.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert). Gewinnerinnen oder Gewinner, die sich drei Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht gemeldet haben, verlieren den Anspruch auf die Blu-ray. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Nur eine Teilnahme pro Haushalt. Ich behalte mir vor, Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht für den Lostopf zuzulassen oder ihnen im Gewinnfall nachträglich den Preis abzuerkennen, sofern mir Mehrfachteilnahmen unter Alias-Namen unterkommen. Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner/innen werde ich im Lauf der Woche nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie auch per E-Mail benachrichtigen.

Die Rezension von „Nur noch 72 Stunden“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

 

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Der Mitternachtsmann – Bearbeitung einer Männlichkeitskrise

The Midnight Man

Von Lucas Gröning

Krimidrama // Der auf Bewährung freigelassene Ex-Polizist Jim Slade (Lancaster) nimmt einen neuen Job als Nachtwächter an einem College an. Eigentlich ein ruhiger Job, so erscheint es dem ehemaligen Gesetzeshüter, doch bereits in seiner ersten Nacht bricht jemand in eines der Campusgebäude ein und entwendet wichtige Aufnahmen der dortigen Universitätspsychatrie. Ein paar Nächte später folgt der nächste Schock: Eine junge Frau, ausgerechnet die Tochter des dort ansässigen Senators, findet sich tot in einem der Gebäude. Es beginnen unruhige Zeiten, der Mordfall überfordert die ansässige Polizei. Nun liegt es ausgerechnet am in den Rang eines Nachtwächters degradierten Ex-Cop, der Sache auf den Grund zu gehen.

Das ist die Ausgangslage in Roland Kibbees und Burt Lancasters Film „Der Mitternachtsmann“ von 1974. Beide schrieben darüber hinaus das Drehbuch, dessen Geschichte auf dem Roman „The Midnight Lady and the Mourning Man“ von David Anthony aus dem Jahr 1969 basiert. Lancasters Verkörperung des Ex-Cops gehört zu seinen weniger bekannten Rollen, kennt man ihn doch eher auch aus Filmen wie „Verdammt in alle Ewigkeit“ (1953), „Der Leopard“ (1963) und „Elmer Gantry“ (1960), für den er 1960 den Oscar als bester Hauptdarsteller gewinnen konnte. Roland Kibbee wiederum kennt man vor allem für seine Arbeit als Drehbuchautor für Fernsehserien, etwa „Barney Miller“ (1974–1982), „Columbo“ (1973–1975) und „The Bob Newhart Show“ (1961–1962). „Der Mitternachtsmann“ stellt seine einzige Langfilm-Regiearbeit dar, zuvor hatte er auch nur ein einziges Mal bei einer Serienepisode Regie geführt. Man kann es bereits vorweg anführen: Die Zusammenarbeit einer über die gesamte Karriere vor allem als Schauspieler tätigen Filmikone und eines Drehbuchautors für Fernsehserien sorgt nicht unbedingt dafür, dass am Ende ein brillanter Film herauskommt. Für Lancaster war es nach „Der Mann aus Kentucky“ (1955) seine zweite und letzte offizielle Regiearbeit – die IMDb gibt ihn für „Weißer Herrscher über Tonga“ von 1954 als Ko-Regisseur „uncredited“ an, sein tatsächlicher Anteil an der Regie des Pazifik-Abenteuers bleibt aber offen.

Film oder Fernsehserie?

So oder so finden sich in „Der Mitternachtsmann“ einige interessante Aspekte, die es zu analysieren gilt. Kommen wir zunächst zur Ästhetik des Films, die sich in gewisser Weise extrem ambivalent verhält und das sowohl im positiven, als auch im negativen Sinne. Zum einen werden uns zum Teil wunderschön komponierte Bilder präsentiert, die sowohl hinsichtlich der Aufteilung ihrer Objekte als auch was die Ausleuchtung mit ganz verschiedenen Farben, beispielsweise dem roten Licht in einer Diskothek, angeht, durchaus zu beeindrucken wissen. Auch eine toll eingesetzte Plansequenz in Kombination mit einem inneren Monolog gehört zu den besten technischen Umsetzungen des Werkes. In diesen Momenten merkt man dem Film Burt Lancasters große Kinoerfahrung aus der Zusammenarbeit mit etlichen Regisseuren an. Durch den ganzen Film ziehen sich diese tollen Bilder jedoch nicht, denn es ist neben Lancasters Einfluss auch noch derjenige der anderen Person zu erkennen, die auf dem Regiestuhl Platz genommen hat.

Die zum Teil recht innovativen und ästhetisch wertvollen Bilder wechseln sich nämlich mit recht innovationslosen und einfach gehaltenen Eindrücken ab. Dies wird besonders in den Dialogen ersichtlich, wenn sich die Kamera oftmals keiner weiteren Mittel bedienen kann als dem klassischen Schuss-Gegenschuss-Verfahren. Hier wird auch keine weitere Ebene aufgemacht, indem man die Personen zum Beispiel aus verschiedenen Winkeln von oben oder unten filmt, um beispielsweise die Überlegen- oder Unterlegenheit eines Charakters gegenüber einem anderen zu suggerieren. Stets zeigt die Kamera hier ein Aufeinandertreffen von Personen auf Augenhöhe, obwohl das, was uns die Geschichte über diese erzählt, oftmals etwas ganz anderes vermuten lässt. Das mag auch damit zu tun haben, dass Kameramann Jack Priestley mit wenigen Ausnahmen ausschließlich fürs Fernsehen tätig war. So wechseln sich hier lediglich vor allem halbnahe Aufnahmen und Close-ups ab, je nachdem, ob man den Dialogen noch einen Schuss Emotionalität hinzufügen will. Dialoge sind hier ein gutes Stichwort, denn diese dienen in „Der Mitternachtsmann“ anscheinend an vielen Stellen in erster Linie zur Streckung, nämlich dann, wenn die sprechenden Personen sich über Nichtigkeiten und Aspekte austauschen, die in keinem Bezug zur Handlung stehen. Darüber hinaus fällt auch die in vielen Szenen merkwürdige, etwas jazzige Popmusik auf, die sich mit eher bluesigen Tönen in ruhigen Momenten abwechselt. Die Kombination aus der nur begrenzt kreativ eingesetzten Kamera, den zum Teil belanglosen Dialogen und dieser Form der Musiknutzung erinnert frappierend an Fernsehserien der 70er- und 80er-Jahre wie eben zum Beispiel „Columbo“. Hier ist ein deutlicher Einfluss von Regisseur Roland Kibbee zu spüren, auch wenn dieser für das finale Ergebnis sicherlich nicht allein verantwortlich gemacht werden sollte.

Das Wiedererlangen der Männlichkeit

Nun, da wir die formalen Aspekte des Films, zumindest im Ansatz, analysiert haben, soll es um das dominierende Motiv von Lancasters und Kibbees Werk gehen. Hierbei fällt auf, dass „Der Mitternachtsmann“ ein enorm subjektiver Film ist, in dem uns nur in Ausnahmefällen Szenen gezeigt werden, in denen wir nicht der Hauptfigur des College-Nachtwächters Slade folgen. Ansonsten dreht sich das Krimidrama ausschließlich um den Protagonisten, wir haben es geradezu mit einem Psychogramm des Ex-Cops zu tun. Dabei ist es zunächst wichtig zu erfahren, warum Slade überhaupt im Gefängnis war. Begründet wird dies damit, Slade habe in einem Anfall von Eifersucht den Liebhaber seiner Frau erschossen, wofür er zu einem nicht näher bezifferten Aufenthalt im Gefängnis verurteilt wurde.

Der zweite wichtige Punkt ist generell der Job des Nachtwächters, der dem eines Polizisten ideell zwar recht nahe kommt, in dem sich jedoch nicht die Befugnisse und das gesellschaftliche Ansehen eines Polizisten vereinen. Dies wird besonders deutlich in Szenen, in denen Slade auf höhergestellte Menschen wie seine Bewährungshelferin und sein gleichzeitiges Love-Interest Linda (Susan Clark) oder auf andere Polizisten und in besonderer Weise dann auf den Senator und Vater des Mordopfers, Clayborne (Morgan Woodward), trifft. Hinzu kommt eine entscheidende Äußerung Slades. In einer Szene des Beisammenseins fragt Linda den Ex-Polizisten, warum er denn überhaupt Polizist werden wollte. Slade verweist auf den Berufsweg seines Vaters, der ebenfalls als Gesetzeshüter für den Staat tätig war. Das gewünschte Schicksal Slades orientiert sich also an dem seines Vaters, während ein Verfolgen eigener, davon losgelöster Motivationen keine Option darstellt. Wir haben es hier in gewisser Weise mit einer Form von ödipalem Konflikt zu tun, in dem es darum geht, den eigenen Vater stolz zu machen um so dessen Anerkennung zu gewinnen. Der Faktor, dass Slade nun nicht mehr als Polizist arbeitet, sondern lediglich den Job eines Nachtwächters ausführt, stellt hier im Freudschen Sinne die Kastration dar, genauso wie die sich im Seitensprung offenbarende sexuelle Unzufriedenheit seiner Ex-Frau. Das Lösen des Falles um das ermordete Mädchen drückt hierbei eine symbolische Rückkehr in den Beruf des Polizisten aus, in deren letzter Konsequenz sich die Rehabilitierung als Mann und somit die erneute Ausstattung mit dem Phallus vollenden soll.

Maskulinismus statt Feminismus

Dieses Motiv macht den Film als psychoanalytische Aufarbeitung einer Männlichkeitskrise durchaus interessant, wie er jedoch mit seinen Frauenfiguren umgeht, macht ihn allerdings rückschrittlich. Dies wird an der Darstellung der Bewährungshelferin Linda besonders ersichtlich. Diese wird von Slade in erster Linie als Objekt sexueller Begiere betrachtet, was dadurch sichtbar wird, dass er sie immer wieder danach fragt, ob sie einen Freund hat oder ob ein anderer Mann ihre Aufmerksamkeit erregt hat. Die Motivationen Lindas selbst spielen für ihn nur eine geringe Rolle und müssen seinen eigenen Interessen untergeordnet werden. Zwar werden grundsätzliche emotionale Ausfälle des Protagonisten gegenüber Linda, wie zum Beispiel eine Ohrfeige, vom Film durchaus kritisch betrachtet und auch als Aspekt seiner Hilflosigkeit durch den Verlust der eigenen Männlichkeit dargestellt, ein generelles Hinterfragen, eine Verschiebung oder eine Gleichsetzung der Machtverhältnisse findet hier jedoch nicht statt. Man könnte auch sagen, dass hier der Maskulinismus, also die natürliche Überlegenheit des Mannes gegenüber der Frau und das Zurückbesinnen des Mannes auf seine Männlichkeit propagiert werden und das feministische Strömungen beziehungsweise hier Lindas individuelle Interessen, in dieser Welt über keinen Platz verfügen. So ist der Film leider nur als psychologische Studie von Slade interessant, ohne am Ende den entscheidenden letzten Schritt zu gehen und auch das Verhältnis von Mann und Frau auf intelligente Weise zu bearbeiten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Burt Lancaster haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 28. November 2019 als Blu-ray und DVD, 11. November 2010 als DVD

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Midnight Man
USA 1974
Regie: Roland Kibbee, Burt Lancaster
Drehbuch: Roland Kibbee, Burt Lancaster, nach dem Roman „The Midnight Lady and the Mourning Man“ von David Anthony
Besetzung: Burt Lancaster, Susan Clark, Cameron Mitchell, Morgan Woodward, Harris Yulin, Robert Quarry, Joan Lorring, Lawrence Dopkin, Ed Lauter, Mills Watson, Charles Tyner, Catherine Bach
Zusatzmaterial: Kinotrailer, Bildergalerie
Label 2019: explosive media
Vertrieb 2019: Koch Films
Label/Vertrieb 2010: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2020 by Lucas Gröning

 

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Don Siegel (IX): Nur noch 72 Stunden – Copfilm mit Gütesiegel

Madigan

Von Lars Johansen

Krimidrama // Don(ald) Siegel (1912–1991) war ein verlässlicher Regisseur. Es gibt keinen wirklich schlechten Film von ihm, dafür ein paar herausragende Werke, die durchaus stilbildende Wirkung entfalteten. Gerade in den 60ern und frühen 70ern gelangen ihm Arbeiten, die routiniert und unterhaltsam schienen, unter deren Oberfläche aber eine Analyse der amerikanischen Gesellschaft jener Zeit lauerte, die sich einer genaueren politischen Zuordnung geschickt zu entziehen wusste.

Der gepflegte Herr trägt Hut zur Pistole

„Nur noch 72 Stunden“ (1968) ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Eigentlich wird eine sehr einfache Geschichte erzählt: Die beiden Polizisten Dan Madigan (Richard Widmark) und Rocco Bonaro (Harry Guardino) lassen sich bei einer Routineüberprüfung übertölpeln und büßen ihre Waffen sowie den zu überprüfenden Barney Benesch (Steve Ihnat) ein. Sie bekommen drei Tage – die den deutschen Titel bildenden 72 Stunden – Zeit, beides wiederzubeschaffen. Das gelingt ihnen, kostet aber einige Leben. So gradlinig wie sich das hier liest, läuft es natürlich nicht ab, denn nichts ist hier, wie es auf den ersten Blick scheint. Das beginnt schon damit, dass die beiden Cops nicht wissen, dass der Mann, welchen sie überprüfen sollen, ein Mordverdächtiger ist. So lassen sie sich leicht von seiner nackten (und womöglich minderjährigen) Geliebten ablenken. Das Motiv der jüngeren Frauen zieht sich durch den ganzen Film. Madigans Gattin Julia (Inger Stevens) ist eine jüngere, anspruchsvolle und sich vernachlässigt fühlende Frau, die ihn beinahe mit einem seiner Kollegen bei einer Party betrügt. Der Polizeichef (Henry Fonda) hat eine Affäre mit einer jüngeren verheirateten Frau. Die Männer geraten dadurch immer wieder in Schwierigkeiten, der Mordverdächtige wird durch eine seiner jungen Gespielinnen am Ende sogar verraten. „This is a man’s world, … but it wouldn’t be nothing, nothing without a woman or a girl“, heißt es in dem 1966 von James Brown veröffentlichten Song. Die auffallende Abwesenheit der Frauen im männerbündischen Polizeiapparat ist nur eine scheinbare. Sie sind es eigentlich, welche die Handlung im Hintergrund vorantreiben, die Taten der Männer motivieren.

Väter und Söhne

Eine weitere Motivation ist die Vater-Sohn-Beziehung einiger Beteiligter. Der zweite Mann hinter dem Chef, Chief Inspector Kane (James Whitmore) erweist sich als bestechlich, aber nur, weil sich sein Sohn mit einem Gangsterboss eingelassen hat und er glaubt, ihm so zu helfen. Der schwarze Pfarrer Dr. Taylor (Raymond St. Jacques) beschuldigt die Polizei, seinen Sohn rassistisch behandelt zu haben. Beide Fälle ziehen sich quasi als Hintergrundrauschen durch den Film und belasten den Polizeichef zusätzlich. Dazu geht es um die moralische Integrität der Personen. Selbst der scheinbar unbestechliche und aufrechte Polizeichef ist durch seine Affäre moralisch angeschlagen. Madigan übernachtet in teuren Hotels oder geht essen, ohne dafür (voll) zu bezahlen. Seine kriminellen Zuträger betrachten ihre Aussagen als Teil eines Geschäftes, in welchem ein auffälliger Täter nur stört. Jede der Figuren ist tatsächlich in unterschiedlichen Nuancen mehr oder weniger korrupt. In einer Welt der Korruption kann es letztlich auch keine Trennung von Guten und Bösen mehr geben, der gesuchte Täter muss schon ein geisteskranker Krimineller sein, um aus dieser Routine auszubrechen. Er handelt, vielleicht als Einziger, gar nicht wirklich zu seinem eigenen Vorteil, sondern rein instinktiv und triebgesteuert, was ihn in mehrfacher Hinsicht zu einem Außenseiter macht.

„Ein Hut für Zimmer 19!“

Im selben Jahr drehte Siegel „Coogans großer Bluff“, der auf den ersten Blick eine verblüffend ähnliche Geschichte erzählt. Auch darin muss ein flüchtiger Verbrecher gefasst werden. Der korrupte Polizeiapparat der Großstadt ist dazu nicht in der Lage; erst dem von Clint Eastwood verkörperten aufrechten Dorfsheriff gelingt es mit den einfachen Mitteln des Westernhelden, die Probleme zu lösen. Aber Siegel ist nicht so reaktionär, das als Allheilmittel anbieten zu wollen, denn er löst die Situation komödiantisch auf. So wirkt der Film wie die komische Variante des ernsthaften „Nur noch 72 Stunden“ – mit einer Lösung, die keinesfalls ernst genommen werden darf. Im ein Jahr später entstandenen „Frank Patch – Deine Stunden sind gezählt“, dessen Originaltitel „Death of a Gunfighter“ es sehr viel besser auf den Punkt bringt, sehen wir den Madigan-Darsteller Richard Widmark in der Rolle des alternden Marshalls, dessen Westernmethoden eben nicht mehr in die neue Zeit passen und der deshalb sterben muss. Siegel lässt uns nicht so einfach davonkommen. Und wenn Eastwood „Dirty Harry“ 1971 als ernsten Coogan respektive bürokratieresistenten Madigan gibt, dann ist das so grotesk erzählt, dass man daraus ebenfalls keine Handlungsmaxime ableiten kann. Der Regisseur verweigert sich der einfachen Lösung.

„Egal, was er sagt, eine Schirmmütze ist kein Ersatz für einen Hut.“

Gern wird Siegel zu dem reaktionären Republikaner erklärt, der er nicht ist. Er selbst sieht sich tatsächlich als eher linken Demokraten, der er aber auch nicht unbedingt sein muss. Letztlich ist seine Haltung die des Filmemachers, der unterhalten möchte. Und das gelingt ihm mit „Nur noch 72 Stunden“ außerordentlich gut. So gut, dass daraus sogar eine kurzlebige Fernsehserie mit Richard Widmark entstand. Und die Polizeifilme, die in den USA in den späten 60ern und frühen 70ern das Kino überrannten und auch in Europa zu einer Schwemme von französischen „Polars“ und italienischen „Poliziotteschi“ führten, haben Siegel einiges zu verdanken. Gerade die Indifferenz von Madigan und seinen Kollegen, die nicht so moralisch überlegen wie Steve McQueens „Bullitt“ (1968) oder offen erzreaktionär wie Gene Hackmans Popeye Doyle in „Brennpunkt Brooklyn“ („French Connection“, 1971) daherkommt, sondern gebrochene Menschen zeigt, die menschlich und sichtlich erdschwer agieren, hat dem Genre eine Vielschichtigkeit geschenkt, die ihm gut bekommen ist.

Upgrade auf Blu-ray lohnt sich

Die Blu-ray von Koch verfügt über ordentlichen Ton und ein wunderbares Bild und stellt eine gewaltige Verbesserung zu der in die Jahre gekommenen DVD-Veröffentlichung dar. Extras gibt es keine nennenswerten, aber dieser Klassiker gehört in den Schrank eines jeden Fans von wegweisenden Meisterwerken des Polizeifilms.

Welche von Don Siegels Arbeiten fehlen euch noch in unserer Werkschau? All seine bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme haben wir in unserer alphabetisch sortierten Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Henry Fonda und Richard Widmark unter Schauspieler.

„Der Plan ist ganz einfach: Wir fordern noch drei Hüte an, dann stürmen wir.“

Veröffentlichung: 10. Oktober 2019 als Blu-ray, 15. September 2005 als DVD

Länge: 100 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Madigan
USA 1968
Regie: Don Siegel
Drehbuch: Howard Rodman (als Henri Simoun), Abraham Polonsky, nach einem Roman von Richard Dougherty
Besetzung: Richard Widmark, Henry Fonda, Inger Stevens, Harry Guardino, James Whitmore, Susan Clark, Michael Dunn, Steve Ihnat, Don Stroud, Sheree North, Warren Stevens, Bert Freed, Raymond St. Jacques
Zusatzmaterial 2019: Super-8-Fassung, deutscher und englischer Trailer, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, Vertikalschuber (mit abziehbarem FSK-Logo), Wendecover
Label/Vertrieb 2019: Koch Films
Label/Vertrieb 2005: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Lars Johansen
Szenenfotos: © 2019 Koch Films

 
 

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