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King of the Ants – Prügel für den Auftragsmörder

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King of the Ants

Von Volker Schönenberger

Krimidrama // Kaum zu glauben, aber „King of the Ants“ stammt von „The Asylum“ („Sharknado“, „Mega Shark versus Kolossus“). Tatsächlich handelt es sich um die erste Produktion der vormals nur im Vertriebsgeschäft tätigen Filmfirma. Im Vergleich zum Gros der späteren Filme der berüchtigten Trash-Produktionsfirma handelt es sich bei Stuart Gordons Regiearbeit fast schon um cineastische Hochkultur. Okay, das ist etwas übertrieben, aber mit Trash hat das brutale Rachedrama nichts zu tun. Bei uns ist es allerdings auf dem Index, die jüngste Veröffentlichung leider um satte elf Minuten gekürzt. Eine 2006er-Veröffentlichung mit SPIO/JK-Siegel ist glücklicherweise nicht allzu schwer zu bekommen.

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In den Fängen der Peiniger

Der junge Tagelöhner Sean Crawley (Chris McKenna) lässt sich anheuern, einen Mord zu begehen. Er dringt ins Haus seines Opfers ein und schlägt den Mann tot – einen Buchprüfer, der Seans Auftraggeber Ray Matthews (Daniel Baldwin) auf den Pelz gerückt war. Zur Sicherheit nimmt Sean Unterlagen an sich, die Matthews belasten. Das tat auch Not – Matthews wollte ihn ohnehin nicht bezahlen, sondern aus dem Weg räumen. Er kidnappt Sean mit ein paar Spießgesellen und foltert ihn, um den Verbleib der Akten aus ihm herauszupressen. Golfschläger leisten dabei wertvolle Dienste …

Vom Regisseur von „Der Re-Animator“

Mit „Der Re-Animator“ (1985), „From Beyond – Aliens des Grauens“ (1986) und „Castle Freak“ (1995) hat Regisseur Stuart Gordon bemerkenswerte Duftmarken im Horrorgenre gesetzt. „King of the Ants“ hat deren Bekanntheitsgrad nicht erreicht, ist als heftiges Rachedrama aber die Sichtung wert. Geradezu verstörend wirkt es, wenn Sean nach seinem Entkommen von seinen Peinigern zufällig von Susan (Kari Wuhrer) aufgenommen wird, der Witwe seines Mordopfers, mit der er dann sogar eine Affäre beginnt. Weitere Ereignisse schrauben die Spirale der Gewalt und des Schmerzes höher.

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Malträtiert: der frischgebackene Auftragsmörder Sean

„King of the Ants“ krankt etwas an der unausgegorenen Hauptfigur. Sean lässt sich recht unvermittelt auf die Bluttat ein. Die unbeholfene Ausführung bereitet ihm zwar Unbehagen, aber letztlich wird er von jetzt auf gleich zum Mörder, ohne viel darüber nachgedacht zu haben. Als Mörder bietet er ohnehin kein Identifikationspotenzial. Den Zweck erfüllt eher Susan, deren Figur dafür aber zu kurz auftritt. Ein Pluspunkt ist dafür eine gewisse Unvorhersehbarkeit. Wer jedoch der titelgebende Ameisenkönig sein soll, bleibt offen. Ein paar Traumsequenzen, auch sexuelle, zerfasern „King of the Ants“ etwas. Ihr Zweck erschließt sich nicht recht. Womöglich haben die Schläge auf den Kopf mit dem Golfschläger ein paar Synapsen von Sean in Mitleidenschaft gezogen.

Um Gewaltszenen gekürzt

Die Schnitte sind gar nicht mal stümperhaft ausgeführt. Teilweise sind gleich ganze Szenen entfernt worden. Wer das nicht weiß, wird sich allerdings wundern, weshalb Seans Kopf doch recht unvermittelt völlig zerschlagen aussieht. Ansonsten lässt sich der Handlung von „King of the Ants“ gut folgen, ohne die Stirn zu runzeln. Wer mit um Gewaltszenen gekürzten Fassungen keine Probleme hat, für den mag die jüngste Veröffentlichung akzeptabel sein. Andererseits ist es nun mal ein Gewaltfilm, gerade die exzessiv verübten Brutalitäten machen ihn aus. Ergibt er dann überhaupt noch Sinn? Das darf bezweifelt werden.

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Sean (r.) überwältigt Ray Matthews

Zu den erwähnten Großtaten Gordons schließt „King of the Ants“ nicht auf, als gemeiner kleiner Bastard sei er Sympathisanten des Regisseurs aber nahegelegt – nur nicht gekürzt.

Veröffentlichung: 29. Januar 2016 als zensierte Blu-ray und DVD, 1. März 2006 als ungeschnittene DVD

Länge: 98 Min. (ungeschnittene DVD), 91 Min. (zensierte Blu-ray), 87 Min. (zensierte DVD)
Altersfreigabe: SPIO/JK-Siegel (ungeschnitten), FSK 18 (zensiert)
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: King of the Ants
USA 2003
Regie: Stuart Gordon
Drehbuch: Charles Higson, nach seinem eigenen Roman
Besetzung: Daniel Baldwin, Chris McKenna, Kari Wuhrer, George Wendt, Vernon Wells, Timm Sharp, Carissa Kosta
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Trailershow
Label/Vertrieb ungeschnittene Fassung: Sunrise Entertainment
Label/Vertrieb zensierte Fassung: White Pearl Movies / daredo (Soulfood)

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2016 White Pearl Movies / daredo (Soulfood)

 

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Opfer der Unterwelt – Bei Ankunft tot

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D.O.A.

Von Simon Kyprianou

Krimidrama // Eine eigentlich harmlose Urlaubsreise nach San Francisco bringt für den Rechtsanwalt Frank Bigelow (Edmond O’Brien) viel Unheil mit sich: Er wird in einer Bar vergiftet. Das Toxin, so teilen ihm die Ärzte mit, greift seine Organe an und wird ihn innerhalb der kommenden Tage unweigerlich töten. Bigelow nutzt die ihm bleibende Zeit, um mit seiner Freundin Paula (Pamela Britton) ins Reine zu kommen und seinen Mörder zu finden.

Bigelow will vor seinem Tod reinen Tisch machen

Die Prämisse ist natürlich hervorragend: Wir kennen das Ende, wir wissen, worauf der Film hinausläuft. In dieser Prämisse, die alle Hoffnung auf ein Happy End, auf Erlösung von Anfang an negiert, stecken der geballte Pessimismus und die Hoffnungslosigkeit des Film noir. Der Rest des Films ist in einer Rückblende erzähltes Aufklären der Begebenheiten, denn kurz vor seinem Tod schleppt sich Bigelow zur Polizei um alles zu erzählen.

Tour de Force eines Todgeweihten

Ganz in der Tradition von zum Beispiel „Tote schlafen fest“ hetzt Rudolph Maté seinen Protagonisten von einem Verdächtigen zum nächsten, lässt ein unübersichtliches Mosaik aus Beweisen, Indizien und Motiven entstehen, indem der Durchblick immer schwerer fällt. Der Regisseur beschleunigt seine Tour de Force durch ständige Ortswechsel, Telefonate und den situativ gegebenen Zeitdruck des sterbenden Protagonisten.

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Ein Sterbender jagt seinen Mörder

Stets mit der Gewissheit des unvermeidlichen Ausgangs im Fokus, inszeniert Maté, wie plötzlich das Unheil mit dem Leben eines gewöhnlichen Menschen kollidiert, der zuvor nie mit Verbrechen in Kontakt gekommen ist und wie er sich mit den Funktionalismen dieser Welt arrangieren muss. Dabei kam Maté bei seiner stilvollen Inszenierung sicher seine Vergangenheit als Kameramann zugute.

Bigelow quetscht die Femme fatale aus

Die finale Konfrontation mit dem Mörder inszeniert Maté im Gegensatz zum rasanten, ruhelosen Rest des Films wunderbar minimalistisch. Nüchtern treten sich Mörder und Opfer in einer tristen Szenerie gegenüber und Maté erzeugt einen großartigen Moment von bedrückender Stille. Im selben Gebäude, in dem hier Täter und Opfer aufeinandertreffen, fanden später auch Ridley Scotts „Blade Runner“ und J. Lee Thompsons „Murphys Gesetz“ mit Charles Bronson ihr Ende.

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Das Ende ist nah

Das 1988er-Remake „D.O.A. – Bei Ankunft Mord“ mit Dennis Quaid und Meg Ryan ist ebenfalls anständig geraten, erreicht aber nicht die Intensität des Originals. „Opfer der Unterwelt“, besser „D.O.A.“, wie er im Englischen heißt, was im Polizei-Jargon „Dead on Arrival“ („Beim Eintreffen tot“) bedeutet, ist ein wunderbar kalter, unerbittlicher Thriller, von Koch Media auf einer guten DVD veröffentlicht.

Die „Film Noir Collection“ von Koch Media haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Veröffentlichung: 14. Mai 2015 als DVD

Länge: 80 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: D.O.A.
USA 1950
Regie: Rudolph Maté
Drehbuch: Russell Rouse, Clarence Greene
Besetzung: Edmond O’Brien, Pamela Britton, Luther Adler, Beverly Garland, Lynn Baggett, William Ching, Neville Brand, Laurette Luez, Jess Kirkpatrick
Zusatzmaterial: Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, Booklet
Vertrieb: Koch Media

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2015 Koch Media

 

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Domino – Live Fast Die Young: Das Vermächtnis des Tony Scott

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Domino

Von Simon Kyprianou

Action // Tony Scott ist ein schmerzlich unterschätzter Regisseur, ja mehr noch: ein missverstandener Regisseur. Vielfach werden seine Filme als geistesarme Zerstreuung abgetan, zu selten werden sie begriffen, zu selten wird Tony Scott Anerkennung als radikaler Action-Auteur zuteil. Seit seinem ersten Film „Begierde“, dem Vampirdrama mit David Bowie, Catherine Deneuve und Susan Sarandon, hat er einen konsequenten künstlerischen Ansatz verfolgt, ihn verändert, angepasst, und modifiziert – bis er ihn seit etwa 2004 mit „Mann unter Feuer“ zu seiner Essenz geführt hat.

Kino der Bilder und Momente

„Mann unter Feuer“, „Domino“, „Deja Vu“ und sein letzter Film „Unstoppable“ von 2010, das sind die vier großen Tony-Scott-Filme – Kino radikal reduziert, bis nur noch das Notwenigste übrig bleibt, nichts mehr überflüssig ist. Tony Scotts Kino besteht nur noch aus Licht, Farbe, Dynamik, Kraft und Emotionen. Er erzählt in diesen vier Filmen keine großen Geschichten – eigentlich erzählt er gar keine Geschichten mehr. Hier ein entführtes Mädchen, da ein verwirrtes Leben, dort ein Anschlag und in „Unstoppable“ gilt es einen rasenden Zug aufzuhalten. Das sind lediglich Aufhänger, Vorwände, keine Geschichten.

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Das Leben als Kopfgeldjägerin ist gefährlich …

Geschichten haben Tony Scott nie interessiert, Dialoge auch nicht. Bei Tony Scott geht es um Bilder und Momente. Die Bilder sind für ihn die besseren Worte, mit ihnen erzählt er alles – wie sich die Menschen fühlen, wie zerrissen sie sind, wir kaputt sie sind. Alle erforderlichen Informationen stecken bei Tony Scott in den Bildern. Es sind Momente, die ihn umtreiben, Momente der Angst, der Wut, der Gewalt.

Denzel Washington als Jedermann

Sieht man eine Actionszene bei Tony Scott, dann ist sie losgelöst von allem anderen, ein Moment für sich allein. Die Actionszenen transzendieren in Tony Scotts Filmen zu unerbittlichen, von allem Kontext gelösten, von allem narrativen Ballast befreiten Überlebenskämpfen. Besonders radikal ist das in „Mann unter Feuer“. Der von Denzel Washington verkörperte Protagonist ist ein Wrack, kaputt und gebrochen – und so sind auch die Bilder: epileptisch, wild, wahnsinnig, zerrissen, unklar. Nichts trennt mehr die Bilder und die Gefühle der Figuren. Ein unfassbar purer Actionfilm.

Seine Figuren sind stets einfache Männer, ohne große Ambition außer der, das Richtige zu tun. Es sind Zugarbeiter, Polizisten, Angestellte. Es ist jedermann, es sind Filme fürs Proletariat. Seine „Jedermänner“ kochen vor Emotionen, denn er bringt sie immer in Situationen, denen sie nicht gewachsen sind, sie müssen über sich hinauswachsen. Denzel Washington war oft seine Wahl für derartige „Jedermänner“.

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… und wild

Doch auch vor 2004 ist Tony Scotts Weg sehr interessant. Der ironisch, leicht homoerotische U-Boot-Thriller „Crimson Tide“ ist eine durchaus subtile Satire auf amerikanischen Militarismus. „Last Boy Scout“ kann die Strukturen des Actiongenres in den 90ern nach unzähligen Wiederholungen nur noch satirisch aufgreifen, bedient sie gleichzeitig aber mit reichlich Verve. „Spy Game“ ist ein eher durchschnittlicher Thriller, eigentlich kaum der Rede wert, aber Tony Scott erzählt ihn gewitzt und lässt Robert Redford seinen Film tragen.

Erotischer Beginn mit Vampirdrama „Begierde“

„Begierde“, sein Kino-Regiedebüt, ist der erotischste Vampirfilm, den ich kenne. Scott hat damit einen klugen Film über den Eros und seine schmerzhafte Bindung an die Vergänglichkeit gedreht. Die Vergänglichkeit, das ist für Scott die große Bedrohung für die Liebe, aber die Liebe ist nichts wert, ohne die Vergänglichkeit. Kaum ein Regisseur hat Catherine Deneuves Gesicht so studiert und präzise beobachtet wie Tony Scott, kaum ein Regisseur hat David Bowies kühle Sexualität so brillant auf die Leinwand übertragen.

„Domiono“ nach „Mann unter Feuer“ entstanden, ist vielleicht der radikalste von Scotts Filmen. Domino Harvey (Keira Kneightley) war Model, Schauspielertochter und Kopfgeldjägerin. Zusammen mit ihrem Kopfgeldjägerteam Ed Mosbey (Micky Rourke) und Choco (Édgar Ramírez) ist sie ziemlich erfolgreich. Ein solch wildes Leben birgt natürlich Gefahren.

War so wirklich das Leben der Domino Harvey?

Ein Biopic ist „Domino“ nur oberflächlich. Am Ende sagt uns der Film, dass wir die „Wahrheit“ niemals erfahren werden. Es gibt keine schönen, sauberen, klaren Bilder, die ein Leben nachzeichnen, wie es nur vielleicht „wirklich“ gewesen ist. Es gibt Chaos, Rausch und Anarchie. Ein Leben zieht an uns vorbei, entstellt, verfremdet und diffus, lauter wirre Rückblenden. Die „Wahrheiten“ über Domino Hearvey sind irgendwo tief in den Bildern verborgen, finden müssen wir sie selber. Hier zeigt es sich wieder: Tony Scott überwindet das Erzählen. „Domino“ erzählt nicht von einem chaotischen Leben, „Domino“ ist wie das chaotische Leben und damit wohl doch ein radikal ehrliches Biopic.

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Domino fühlt sich dem gewachsen

Scotts letzter Film „Unstoppable“ ist vielleicht sein bester, sicher aber sein konsequentester. Ein Zug ist außer Kontrolle, zwei Arbeiter die zufällig da hineingeraten sind, wollen ihn stoppen. Nicht mehr und nicht weniger, keine Narration. Scotts brachiale Kamera fängt Kraft und Geschwindigkeit des Zugs ein. Immer wieder springen wir von normalen Bildern zu Nachrichtenaufnahmen, der Regisseur versucht die Überblickslosigkeit und die Hektik einer solchen Ausnahmesituation begreifbar und erfahrbar zu machen.

Erfahrbar machen, das ist es, was Tony Scott immer versucht hat und was ihm oft gelungen ist. Er ist ein eigenständiger Künstler, mit einem durchdachten, eigenständigen Stil. Ein großer Action-Auteur, der mehr Verständnis verdient, als ihm entgegengebracht wird.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Christopher Walken sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 7. Mai 2015 als Blu-ray 22. Juni 2006 als DVD

Länge: 128 Min. (Blu-ray), 122 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Domino
F/USA/GB 2005
Regie: Tony Scott
Drehbuch: Richard Kelly
Besetzung: Keira Knightley, Mickey Rourke, Édgar Ramírez, Delroy Lindo, Mo’Nique, Mena Suvari, Macy Gray, Jacqueline Bisset, Lucy Liu, Christopher Walken
Zusatzmaterial: Domino Harveys Leben (ca. 20 Min.), Blick hinter die Kulissen (ca. 6 Min.), Interviews (ca. 12 Min.), Trailer (ca. 3 Min.)
Vertrieb: Highlight Communications

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2015 Highlight Communications

 

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