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John Carpenter (XVI): Big Trouble in Little China – Die Parodie des Actionhelden

John Carpenter’s Big Trouble in Little China

Von Lucas Gröning

-Fantasy-Actionkomödie // Schauen wir uns John McTiernans „Stirb langsam“ (1988) an, so sehen wir so etwas wie einen prototypischen Actionfilm der 1980er- und frühen 1990er-Jahre. Wir haben einen furchtlosen, machomäßigen, coolen, starken Mann, der sich einer hohen Anzahl klischeebehafteter Gegner in den Weg stellt und diese, zwar mit einigen Schwierigkeiten, schlussendlich aber weitgehend gefahrlos besiegen kann. Andere Beispiele dafür sind „Rambo“ (1982), „Predator“ (1987) und „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“ (1991). Besonders dieses Coole und zugleich Machomäßige wird in „Stirb Langsam“ sehr deutlich – zum einen durch das generelle Verhalten des Protagonisten, zum anderen durch das weiße Unterhemd als typisches, ikonisches Bild für den handelnden, testosteronbeladenen Mann. Doch „Stirb Langsam“ war nicht der erste Film, der diese Ikonografie aufgegriffen und auf einen Actionhelden übertragen hatte. Bereits zwei Jahre bevor Bruce Willis sich durch das Nakatomi Plaza kämpfte, streifte ein anderer Actionheld sich das weiße Unterhemd über und zog gegen das Böse in den Kampf: Kurt Russell in John Carpenters „Big Trouble in Little China“.

Carpenter und Russell zum Dritten

Nach dem dystopischen Actionfilm „Die Klapperschlange“ (1981) und dem polaren Alien-Schocker „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1982) war es bereits die dritte Kooperation zwischen Carpenter und Russell. Später sollten sie noch einmal zusammenarbeiten – für „Flucht aus L.A.“ (1996), die Fortsetzung von „Die Klapperschlange“. Der vor allem im Horrorgenre beheimatete Carpenter („Halloween – Die Nacht des Grauens“, „The Fog – Nebel des Grauens“) machte sich auch als Regisseur von Actionfilmen einen Namen – „Die Klapperschlange“, „Sie leben“ (1988) und eben „Big Trouble in Little China“ seien hier erwähnt. Kurt Russell wiederum ist seit der Kindheit als Schauspieler aktiv. Seine coole Verkörperung des Snake Plissken in „Die Klapperschlange“ machte ihn zum gut beschäftigten Star. Nicht zuletzt dank Quentin Tarantino erlebte er zuletzt seinen zweiten Frühling – der besetzte ihn bislang dreimal: im „Grindhouse“-Segment „Death Proof – Todsicher“ (2007) sowie in „The Hateful Eight“ (2015) und „Once Upon a Time in Hollywood“ (2019). Es treffen bei „Big Trouble in Little China“ also zwei absolute Größen aufeinander und, so viel sei bereits erwähnt, es kam bei dieser erneuten Zusammenarbeit wieder ein toller Film heraus, wenn auch etwas vollkommen anderes, als das bei den anderen gemeinsamen Werken des Duos der Fall war.

Booklet des Arrow-Video-Steelbooks

Im Zentrum der Handlung steht der Trucker Jack Burton (Kurt Russell). Burton ist ein recht „einfacher“, latent rassistischer, frauenfeindlicher Macho mit großer Klappe. Gerade zu Beginn wird er mehrmals mit Sonnenbrille und Harley-Davidson-Cap gezeigt, was dieses Bild unterstützt. Seine Tage verbringt er auf dem Bock seines Trucks mit dem Transport verschiedener Güter und mit Glücksspielen im Restaurant seines chinesischen Freundes Wang Chi (Dennis Dun) im chinesischen Stadtteil von San Francisco: Chinatown. Eines Tages will Wang seine Verlobte Miao Yin (Suzee Pai) vom Flughafen abholen, wobei Jack ihn begleitet. Miao wird am Flughafen jedoch bereits von einigen ominösen Gestalten erwartet, die sie sogleich entführen. Wang und Jack folgen den Männern und können sie tatsächlich stellen, müssen angesichts der Macht ihrer Gegner jedoch kapitulieren – die Entführer setzen in der Auseinandersetzung schwarze Magie ein. Davon völlig überfordert bleibt den beiden Freunden nur die Flucht. Bald finden sie heraus, dass hinter der Entführung der Industrielle David Lo Pan (James Hong) steckt, der sich als 2200 Jahre alter Geist enpuppt, welcher durch die Opferung einer besonderen Frau im Zuge eines Rituals seine menschliche Form zurückgewinnen will. Gemeinsam mit dem Magier Egg Shen (Victor Wong), der Anwältin Gracie Law (Kim Cattrall), der Journalistin Margo Litzenberger (Kate Burton) und dem Ober Eddie Lee (Donald Li) sagen Jack und Wang dem Bösen den Kampf an.

Der Ernst weicht der Komik

Wie bereits erwähnt unterscheidet sich „Big Trouble in Little China“ fundamental von den vorherigen gemeinsamen Arbeiten des Duos Carpenter-Russell. Unterschieden sich der Horrorstreifen „Das Ding aus einer anderen Welt“ sowie die actionlastigen Science-Fiction-Filme „Die Klapperschlange“ und (der später entstandene) „Flucht aus L.A.“ zwar hinsichtlich der zugeordneten Genre, einte sie doch eine gewisse Ernsthaftigkeit. Für schräge Witze, Lächerlichkeiten und Slapstick war in der Regel kein Platz. Mit „Big Trouble in Little China“ änderte sich der Ton nun dramatisch. Bis auf die grundsätzlich ernsthafte Prämisse des Films gestaltet sich fast kein Aspekt noch humorfrei. Dramatische und spannungsgeladene Szenen wie die Blutabnahme in „Das Ding aus einer anderen Welt“ sucht man nun vergebens. Stattdessen finden wir hier ein Arbeiten mit Klischees, Stereotypen, Parodien und Situationskomik zum Erzeugen einer heiteren Atmosphäre. Vor allem die Stereotype stechen ins Auge. Wir haben mit Jack den einfachen, großmäuligen Macho, mit Margo die schwächliche, ab und an in Schwierigkeiten geratende, Frau, mit Egg den alten, weisen Asiaten und natürlich mit den Schergen von Lo Pan die chinesischen Martial-Arts-Kämpfer. Der Film erinnert zum einen damit, zum anderen aber auch durch seinen exorbitant häufigen Einsatz enorm plastischer und bewusst lächerlich wirkender Effekte stark an Trashfilme der 1960er- und 1970er-Jahre, deren Elemente das Actiongenre der 1980er aufgriff.

Entgegen der Sehgewohnheiten

Und doch muss man sagen, dass Carpenters Werk noch ein ganzes Stück weit von einem typischen Actionfilm dieses Jahrzehnts entfernt ist. Obwohl er mit seiner Figur des Jack Burton den Protagonisten aus „Stirb langsam“, John McClane, rein optisch vorweggenommen hat, unterscheiden sich die Figuren stark in ihrer Art des Voranschreitens und ihrer Beziehung zu den Nebenfiguren. John McClane geht fast über die gesamte Lauflänge von „Stirb langsam“ als Einzelkämpfer vor, kommt mit anderen Menschen nur sporadisch in Kontakt und repräsentiert das klassische Bild des agierenden, den Tag rettenden männlichen Helden, womit er in einer Reihe mit Rambo, Major „Dutch“ Schaefer aus „Predator“ und dem T-800 aus „Terminator 2“ steht. Jack Burton ist dagegen viel mehr eine Parodie dieser Actionhelden. Er tritt im ersten Moment auf ähnliche Weise wie die genannten Herren auf, der Verlauf des Films steht jedoch im Kontrast zu allem, was wir aus anderen Actionfilmen kennen.

Die Kastration des Actionhelden

Nur selten ist es Jack, der den Ton setzt oder den nächsten Schritt auf dem Weg zum Ziel vorgibt. Meist verkommt er zu einem passiven Subjekt, das zwar die agierende Rolle einnehmen will, sich jedoch für den Erfolg der Gruppe fügen muss. Aktionen auf eigene Faust, eine Seltenheit im Film, enden zumeist in Schwierigkeiten, aus denen sich Burton nie allein herauswinden kann und aus denen der Film einen Großteil seines Humors zieht. Umso mehr ist er auf das Kollektiv angewiesen, deren Mitglieder ihm stehts aus der Klemme helfen müssen. Die heimliche Anführerin der Gruppe ist passenderweise eine Frau: die Anwältin Gracie Law. Sie ist es, die meist den Ton angibt und die nächsten Aktionen vorgibt, ohne dass bei ihr jedoch eine Umkodierung im Stile klassischer Actionhelden vorgenommen wird, wie das beispielsweise mit Ellen Ripley in „Aliens – Die Rückkehr“ geschah. Sie bleibt die „normale“ Frau, also der Klischee-Charakter, wie man ihn aus vielen Actionfilmen kennt, und mutiert nicht zu einer Männerfigur. Vielmehr sind es ihre Worte, die Gewicht haben und mit denen die Macht in ihre Richtung verschoben wird. Mit dieser Verschiebung der Macht vom männlichen Helden zu einer Frau und zum Kollektiv steuert John Carpenter mit der Zeit auf eine Kastration seines Protagonisten zu, die sich auch im symbolischen Verlust des Phallus manifestiert – in diesem Fall im Diebstahl seines Trucks.

Für Trash-Fans und Carpenter-Fans

Das alles macht „Big Trouble in Little China“ zu einem großartigen Abenteuer. Zum einen ist der Film aufgrund der vielen slapstickartigen Momente, der trashigen Actionszenen und lächerlich wirkenden Effekte enorm unterhaltsam, zum anderen erleben wir hier Carpenter-typisch einen sehr intelligenten Film, der unter seiner Oberfläche deutlich mehr beinhaltet, als zunächst ersichtlich ist. Er reiht sich damit vorzüglich in die Filmografie des Regisseurs ein, stellt aber trotzdem etwas Einzigartiges in dessen Gesamtwerk dar. Es ist deswegen auch schwer zu bewerten, ob der Film nun besser oder schlechter als andere Carpenter-Filme ist. Er funktioniert in seiner Sparte als trashige Komödie hervorragend und steht dem, was der Regisseur uns bisher gezeigt hatte, in fast jeglicher Hinsicht entgegen. Für Actionfans ist „Big Trouble in Little China“ in jedem Fall eine Pflichtsichtung – für Fans von Großmeister John Carpenter sowieso. Beschaffungsprobleme gibt es hierzulande nicht, Blu-ray und DVD sind lieferbar, auch ein Mediabook mit beiden Formaten ist erschienen. Wer auf die deutsche Synchronisation verzichten mag, kann auf die Blu-ray des englischen Labels Arrow Video zugreifen, die qualitativ und bezüglich der Ausstattung keine Wünsche offen lässt. Das wunderbare Steelbook des Labels (siehe oberstes Foto) ist allerdings vergriffen und auf dem Sammlermarkt nicht mehr ganz preiswert zu haben.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Carpenter haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Kurt Russell unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 9. Juli 2018 als Mediabook in vier unterschiedlichen Covervariationen (eines davon wattiert), 20. Januar 2012 als DVD (Action Cult Uncut), 19. Juni 2009 als Blu-ray, 30. April 2007 als Special Edition DVD im Steelbook, 13. Januar 2001 als 2-Disc Special Edition DVD

Länge: 100 Min. (Blu-ray), 95 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Big Trouble in Little China
USA 1986
Regie: John Carpenter
Drehbuch: Gary Goldman, David Z. Weinstein, W. D. Richter
Besetzung: Kurt Russell, Kim Cattrall, Dennis Dun, James Hong, Victor Wong, Kate Burton, Donald Li, Carter Wong, Peter Kwong, James Pax, Suzee Pai, Chao Li Chi
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: 2018/2019: ’84 Entertainment
Label Vertrieb: 2001-2012: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2020 by Lucas Gröning

Packshot Blu-ray und DVDs: © Twentieth Century Fox Home Entertainment

 

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Gewinnspiel: 1 x Das mörderische Paradies als Limited Collector’s Edition Mediabook

Verlosung

Kurt Russell als Reporter in Miami, dessen Arbeit die Aufmerksamkeit eines Serienkillers weckt – das verspricht Spannung. OFDb Filmworks hat den Thriller „Das mörderische Paradies“ von 1985 im Mediabook-Format mit Blu-ray und DVD veröffentlicht und uns ein Exemplar der Covervariante B zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank im Namen der kommenden Gewinnerin oder des kommenden Gewinners!

Teilnahmebedingungen

Zwar bringt es mir Spaß, Filme unter die Leute zu bringen, weil sich die überwältigende Mehrzahl der Gewinnerinnen und Gewinner aufrichtig freut und höflich bedankt. Dennoch geht der Versand etwas ins Geld, zumal „Die Nacht der lebenden Texte“ nach wie vor keinen Cent Ertrag abwirft (die unten ab und zu eingeblendete Werbung schaltet WordPress). Daher: Auf völlig freiwilliger Basis darf mir jede/r Gewinner/in gern anbieten, das Porto in Höhe von 2,70 Euro zu übernehmen – oder höher beim Wunsch nach versichertem Versand. Gebt mir das aber bitte nicht schon im Kommentar mit eurer Antwort bekannt, sondern erst im Gewinnfalle. Ich will nicht in Verdacht geraten, die Sieger danach zuzuteilen.

Zwecks Teilnahme am Gewinnspiel sind bis Sonntag, 15. Dezember 2019, 22 Uhr, folgende Fragen zu beantworten, was euch nach Lektüre meiner Rezension des Films keine Probleme bereiten sollte:

1. Für welchen Film erhielt der Regisseur eine Oscar-Nominierung?

2. Was für ein Auto fährt die Hauptfigur?

3. Welcher Schauspieler ist in „Das mörderische Paradies“ in einer frühen Rolle als Cop zu sehen? Zwei Jahre später spielte er in „Die Unbestechlichen“ ebenfalls einen Ermittler.

4. Welcher Spannungs-Klassiker wird auf in meinen Augen plumpe Weise zitiert?

5. Von wem stammt der Soundtrack?

6. Wie viele Stunden Vorsprung bekommt das „Miami Journal“ bei der Informationspolitik der Polizei gegenüber der Konkurrenz eingeräumt?

7. Wie lautet der Name des Autors, der den Booklettext des Mediabooks verfasst hat?

Einen Fehlschuss gebe ich euch – jeder hat ja mal einen Blackout, daran soll die Teilnahme nicht scheitern, also landet Ihr mit sechs korrekten Antworten im Lostopf. Minimal fehlerhafte Schreibweisen und Tippfehler toleriere ich, wenn klar ist, wer oder was gemeint ist. Alle Kommentare werden erst nach Ende der Abgabefrist veröffentlicht. Während der Laufzeit des Gewinnspiels werde ich nach und nach die Namen aller bislang eingegangenen Kommentatorinnen und Kommentatoren hier unten auflisten.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert). Hat sich die Gewinnerin oder der Gewinner drei Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht gemeldet haben, verliert er oder sie den Anspruch auf das Mediabook. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Nur eine Teilnahme pro Haushalt. Ich behalte mir vor, Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht für den Lostopf zuzulassen oder ihnen im Gewinnfall nachträglich den Preis abzuerkennen, sofern mir Mehrfachteilnahmen unter Alias-Namen unterkommen. Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinnerin oder den Gewinner werde ich im Lauf von zwei Wochen nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie auch per E-Mail benachrichtigen.

Bislang teilgenommen haben (mit sieben korrekten Antworten, sofern nicht anders vermerkt):

01. Björn Kramer
02. michael
03. Jens Albers
04. Thomas Hortian
05. Mathias Wagner
06. Tim wolter
07. Matthias Klug
08. Andreas H.
09. Michael Behr
10. Rico Lemberger
11. Klaus
12. Frank H.
13. Jens
14. Jan R
15. Birgit
16. Thomas Oeller

Gewonnen hat Mathias Wagner. Herzlichen Glückwunsch! Du wirst benachrichtigt.

Die Rezension von „Das mörderische Paradies“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

 

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Das mörderische Paradies – Wenn der Serienkiller durchklingelt

The Mean Season

Von Volker Schönenberger

Thriller // Je von Philip Borsos gehört? Ich auch nicht. Sein IMDb-Eintrag bezeichnet ihn als leading Canadian Filmmaker (führenden kanadischen Filmemacher). Für seine dritte Kurzfilm-Doku „Nails“ erhielt er 1980 immerhin eine Oscar-Nominierung, im selben Jahr gewann er den Genie Award. Seinem ersten Langfilm „Der Fuchs“ (1982) folgte 1985 sein wohl bekanntestes Werk – der Thriller „Das mörderische Paradies“, den OFDb Filmworks gerade im formschönen Mediabook-Format mit Blu-ray und DVD veröffentlicht hat. Borsos’ nur acht Regiearbeiten umfassende Karriere endete leider frühzeitig – er starb 1995 im Alter von nur 41 Jahren an Leukämie.

Die vermeintlich intakte Beziehung zwischen Malcolm und Christine gerät auf den Prüfstand

„Das mörderische Paradies“ – das ist offenbar Miami, Schauplatz des Films. Eine Phase mit unbeständigem Wetter und Sturmgefahr setzt langsam ein, „The Mean Season“ lautet dann auch der Originaltitel. Wir lernen Malcolm Anderson (Kurt Russell) kennen, der mit seinem Mustang Cabriolet in die Redaktion fährt. Der erfahrene Polizeireporter des „Miami Journal“ wird sogleich mitsamt Fotograf Andy Porter (Joe Pantoliano) zu einem Leichenfund am Strand beordert – eine junge Frau wurde ermordet. Die beiden Journalisten haben keine Hemmungen, das Haus der Familie der Toten aufzusuchen und mit der Mutter des Opfers zu sprechen, um eine schön gefühlige Story zu bekommen. Malcolm nimmt sogar ohne zu fragen ein Foto mit. Aber nach acht Jahren im Job fühlt er sich ausgebrannt, beklagt sich bei seinem Boss Bill Nolan (Richard Masur), er wolle seinen Namen nicht mehr neben Fotos toter Menschen sehen. Der winkt ab, weil es nun mal der Job eines Reporters sei, zu berichten, etwas, das Malcolm zufälligerweise besonders gut könne.

Der Mörder und der Journalist

Nicht nur sein Boss mag Malcolms Schreibe, sein Bericht über den Fund der toten jungen Frau beschert ihm einen neuen Fan: den Mörder (Richard Jordan), der bald nur noch „Numbers Killer“ genannt wird, weil er seine Opfer nummeriert. Die junge Frau war nur die Nummer 1. Fortan führt Malcolm regelmäßige Telefonate mit dem Serienkiller. Er schneidet die Gespräche mit und gibt die Aufnahmen an die beiden Cops Phil Wilson (Richard Bradford) und Ray Martinez (Andy Garcia) weiter. Doch bald äußert Malcolms Gesprächspartner sein Missfallen darüber, dass der Reporter in den Medien all den Ruhm ernte. Und er entwickelt ein Interesse an Malcolms Freundin Christine Connelly (Mariel Hemingway). Der Lehrerin gefällt es gar nicht, dass ihr Liebster regelmäßig mit einem Mörder telefoniert und mehr und mehr zum Bestandteil der Mordserie wird. An sich wollen beide ohnehin ihre Jobs aufgeben und anderswo neu anfangen.

Der Reporter wird selbst zum Gegenstand des Medieninteresses

Was soll die plumpe „Psycho“-Anspielung? Christine steht unter der Dusche, vor dem Badezimmer bewegt sich zu dramatischer Musik ein Schatten, doch dann ist es natürlich nur Malcolm. Na ja, das gab dem Regisseur Gelegenheit, Mariel Hemingways Brüste in Szene zu setzen. Glücklicherweise bleibt es bei diesem einen unnötigen Versuch, Spannung aufzubauen, sie bildet sich mit der Entwicklung der Beziehung zwischen Malcolm und dem Serienmörder fast von allein. Dabei haben wir es gar nicht mit einem flirrenden und pulsierenden Thriller zu tun, wie man es erwarten könnte. Die Musik von Lalo Schifrin („Kobra, übernehmen Sie“, „Amityville Horror“) hält sich zurück, was gut passt: „Das mörderische Paradies“ lebt von seiner Dialogstärke, bei der keine Szene ohne die von Kurt Russell verkörperte Hauptfigur auskommt. Malcolm spricht mit dem Mörder, mit den Cops, mit Christine, mit seinem Boss und anderen. Das verlangt nach Aufmerksamkeit, dann aber erschließt sich der Reiz dieses „Beziehungs-Thrillers“, in welchem der Reporter mit dem Objekt seiner Berichterstattung eine verhängnisvolle Affäre eingeht.

Medienkritik nur am Rande

Weniger relevant erscheint mir das Thema Medienkritik. Zwar schimmern zwangsläufig Fragen nach der Verantwortung der Presse und ethischen Verhaltens ihrer Angehörigen durch, aber darum geht es letztlich nicht wirklich, auch wenn die Kamera permanent auf Malcolm hält und wir speziell im ersten Drittel viel Zeit in den Redaktionsräumen verbringen und die Atmosphäre dort glaubhaft inszeniert wirkt. Dazu mag beigetragen haben, dass echte Angestellte des „Miami Herald“ an der Produktion mitwirkten, etwa als Statisten und in beratender Funktion. Russell spielt diesmal keine spektakuläre Figur wie Snake Plissken in „Die Klapperschlange“ (1981) oder den Helikopterpiloten in der Antarktis in „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1982). Manche mögen Journalisten ein mondänes Dasein nachsagen, dieser Polizeireporter jedoch ist eher ein Normalbürger, der in etwas hineingezogen wird, das seine Fähigkeiten übersteigt. Auch das kann Kurt Russell also. Später bekommt dann auch die Psyche des Serienkillers mehr und mehr Gewicht – etwa dann, wenn wir ihn erstmals vollständig zu Gesicht bekommen.

Das bringt den Mörder auf die Palme

Wie arbeiten die Massenmedien mit den Behörden zusammen? Ein Deal kommt zustande: Weil Malcolms Draht zum Killer natürlich für die Polizei von höchstem Interesse ist, erklären sich die Ermittler bereit, das „Miami Journal“ exklusiv vorab mit Informationen zu versorgen. Bill Nolan fordert 24 Stunden vor allen anderen Medien, sein „Verhandlungspartner“ bietet 6 Stunden an – Noland reduziert auf 18 Stunden, man einigt sich auf 10. Läuft die Pressearbeit der Polizei wirklich so? Auch dieses Feld dient lediglich als Mittel zum Zweck, die Thriller-Handlung voranzutreiben. Mit seiner Düsternis und dem Blick in die Köpfe von Protagonist und Antagonist lässt sich „Das mörderische Paradies“ durchaus als Neo-noir-Thriller klassifizieren, auch wenn es an einer Femme fatale mangelt – Christine Connelly dient nicht diesem Zweck. Sie verstärkt Malcolms Zwiespalt, der zwar einerseits genug von seinem Job hat, andererseits aber Blut geleckt hat und womöglich doch etwas Ruhm einheimsen will, auch wenn er dies abstreitet. Anders als er seiner Lebensgefährtin gegenüber behauptet, hat er seinem Arbeitgeber noch gar nicht gekündigt, obwohl sie an ihrer Schule bereits ihren Abschied eingereicht hat.

Mediabook von OFDb Filmworks

Das letzte Drittel läuft dann auf einen Showdown hinaus, während sich ein Sturm zusammenbraut – „The Mean Season“ ist in vollem Gange. Ein zu Unrecht zu wenig beachteter Thriller, was sich hierzulande mit dem ansprechenden Mediabook von OFDb Filmworks vielleicht etwas ändert. Es enthält den Film auf Blu-ray und DVD in guter Bild- und Tonqualität, über die englischen Untertitel zusätzlich zu den deutschen freue ich mich besonders. Mit Ausnahme des Trailers in deutscher und englischer Version enthalten die Discs leider keinerlei Bonusmaterial. Immerhin ist der lange Booklettext von Stefan Jung erwartungsgemäß lesenswert, die Lektüre sei nach erfolgter Sichtung des Films empfohlen. OFDb Filmworks haut nicht eine Veröffentlichung nach der anderen raus, dafür aber stets interessante Filme. „Das mörderische Paradies“ reiht sich da gut ein.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Kurt Russell sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 22. August 2019 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, 2 Covervarianten à 1.000 und 333 Exemplare), 7. September 2004 als DVD

Länge: 104 Min. (Blu-ray), 100 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Mean Season
USA 1985
Regie: Philip Borsos
Drehbuch: Christopher Crowe, nach einem Roman von John Katzenbach
Besetzung: Kurt Russell, Mariel Hemingway, Richard Jordan, Richard Masur, Richard Bradford, Joe Pantoliano, Andy Garcia, Rose Portillo, William Smith
Zusatzmaterial Mediabook: Trailer, 16-seitiges Booklet mit einem Text von Stefan Jung
Label/Vertrieb Mediabook: OFDb Filmworks
Label/Vertrieb DVD: MGM

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2019 OFDb Filmworks

 
 

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