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Godzilla II – King of the Monsters: Ist er das wirklich?

Godzilla – King of the Monsters

Kinostart: 30. Mai 2019

Von Volker Schönenberger

Fantasy-Action // Erinnert ihr euch an die Szene am Ende der Credits von „Kong – Skull Island“ (2017)? Die Höhlenmalereien der Monster Godzilla, King Ghidorah, Mothra und Rodan weckten bei vielen Kaijū-Fans höchste Erwartungen an den nächsten Abstecher ins MonsterVerse. Das Film-Universum der US-Produktionsfirmen Warner Bros. und Legendary Pictures in Verbindung mit den japanischen Tōhō-Studios, den Schöpfern von Godzilla & Co., hatte 2014 mit „Godzilla“ einen fulminanten Start hingelegt. Löst der dritte Teil die Hoffnungen der Fans ein?

Dr. Emma Russell will das „Orca“ einsetzen …

Die Fanbedienung ist jedenfalls gegeben, die vier genannten Riesenkreaturen treten eindrucksvoll in Erscheinung – und bei ihnen bleibt es nicht, so viel sei verraten. Dieselbe Monster-Quartett-Konstellation hat es bereits 1964 im japanischen „Frankensteins Monster im Kampf gegen Ghidorah“ gegeben, aber natürlich stellt „Godzilla II – King of the Monsters“ kein Remake dar. Die Handlung setzt fünf Jahre nach den Ereignissen von „Godzilla“ (2014) ein. Die kryptozoologische Agentur Monarch hat die Kontrolle über diverse an verschiedenen weltweit verteilten Standorten aufgefundene Monster übernommen, muss sich aber heftigen Debatten stellen – die Angst vor den Titanen genannten riesigen Kreaturen und ihrer Zerstörungsgewalt ist so groß, dass viele sie trotz Godzillas damaliger Rettungstat lieber allesamt getötet sehen wollen. Übernimmt das Militär die Aufgabe? Bevor diese Frage geklärt werden kann, tritt Colonel Alan Jonah (Charles Dance, Tywin Lannister aus „Game of Thrones“) auf den Plan, Anführer einer Gruppe von Öko-Terroristen, der seine ganz eigenen Pläne mit den Titanen hat. Dafür benötigt er das „Orca“, ein von den Ex-Eheleuten Dr. Emma und Dr. Mark Russell (Vera Farmiga, Kyle Chandler) entwickeltes Gerät, das mittels bioakustischer Sonar-Technologie Kommunikation mit den Giganten ermöglicht, sogar ihre Kontrolle. Jonah dringt mit seinem Trupp in einen Monarch-Stützpunkt ein und bringt das „Orca“, Dr. Emma Russell und die halbwüchsige Madison Russell (Millie Bobby Brown, „Stranger Things“) in seine Gewalt – die Tochter der Russells dient ihm anscheinend als Geisel und Faustpfand. Die übrigen Monarch-Mitarbeiter vor Ort werden allesamt erschossen. Bald darauf trifft Godzilla erstmals auf das mächtige dreiköpfige Wesen King Ghidorah.

… und gerät in die Fänge von Öko-Terrorist Alan Jonah

Wie in „Godzilla“ sehen wir die Monstren vornehmlich bei Schmuddelwetter und des Abends oder Nachts über die Erde stapfen oder fliegen. Ein paar mehr klare Ansichten bei Tageslicht und Sonnenschein hätte ich mir gewünscht, das dürfte heutzutage an sich kein Problem sein. Angesichts der technischen Perfektion zahlreicher Hollywood-Blockbuster aus diversen Franchises stellt sich bei mir mittlerweile kaum noch ein Wow-Effekt ein, an den Tricks und der CGI von „Godzilla II – King of the Monsters“ gibt es erwartungsgemäß nichts auszusetzen. Wenn ein Monster gegen das andere kämpft und dabei Städte zu Trümmerhaufen werden, können wir das durchaus beeindruckend nennen. Die Szenerien geraten auch übersichtlich genug, sodass die Zuschauerinnen und Zuschauer stets im Bilde sind, welche Kreatur gerade die Oberhand hat.

Nicht kleckern, sondern klotzen

Story und Drehbuch tun das, was in „Nicht kleckern, sondern klotzen“-Filmen von ihnen verlangt wird: Sie treiben das Geschehen von einer bombastischen Actionszene zur nächsten. Zwischendurch menschelt es stark, erst recht, wenn Verluste zu beklagen sind. Aus „Godzilla“ treffen wir wieder auf den Wissenschaftler Dr. Ichiro Serizawa (Ken Watanabe) und seine Assistentin Vivienne Graham (Sally Hawkins). David Strathairn tritt erneut als Admiral William Stenz in Erscheinung. Neu dabei sind Aisha Hinds als kampfstarke Colonel Diane Foster, die ein militärisches Einsatzkommando von Monarch leitet, das die Wissenschaftler beschützen soll. Auch die weitere Besetzung besteht aus zum Teil namhaften Darstellerinnen und Darstellern, dementsprechend bekommen wir überzeugende Schauspielkunst geboten, die aber zwangsläufig nicht unbedingt im Fokus steht.

Gebannte Erwartung: Wird Godzilla angreifen?

Etwas geärgert habe ich mich über die von Vera Farmiga verkörperte Wissenschaftlerin Emma Russell: Obwohl sie als empathische und warmherzige, wenn auch schwer traumatisierte Frau charakterisiert wird, trifft sie Entscheidungen, die fatale Konsequenzen haben, was ihr stets bewusst ist. Um Spoiler zu vermeiden, erläutere ich das nicht weiter, nur so viel: Diese Entscheidungen treiben die Handlung maßgeblich voran und lösen Ereignisse von großer Tragweite aus. Das hätte man meiner Ansicht nach besser aufziehen können als anhand einer zwiespältig skizzierten Protagonistin. Etwas plump gerät auch die Botschaft vom durch Menschenhand gestörten Gleichgewicht der Natur.

Oder will er nur spielen?

Reden wir über Logik und Löcher – nein, lassen wir das. Wir wissen doch alle, dass diese Art Film gewisse diesbezügliche Defizite mit sich bringt. Das kann man bedauerlich finden und solche Produktionen deshalb meiden oder als gegeben hinnehmen und tolerieren. Sucht euch am besten selbst aus, welche Haltung euch besser gefällt! Die FSK-12-Freigabe geht natürlich völlig in Ordnung. Gestorben wird zwar in Massen, das aber unblutig und in der Regel nicht auf der Leinwand. Filme wie dieser sollen und müssen aufgrund ihrer immensen Kosten eben auch jugendliches Publikum ins Kino bringen, tatsächlich werden diese Produktionen ja sogar ganz besonders für junge Leute als Zielgruppe gedreht. Logisch, dass man sich das Geschäft nicht mit zu viel Gewalt und damit hoher Altersfreigabe verderben will.

King Ghidorah jedenfalls ist garstig

Dritter Film des MonsterVerse, dritter Regisseur: Mit Michael Dougherty übernahm ein recht unbeschriebenes Blatt die Aufgabe, in seiner Regisseurs-Filmografie stehen als Kinofilme lediglich „Trick ’r Treat – Die Nacht der Schrecken“ (2007) und „Krampus“ (2015) zu Buche. Allerdings hatten Gareth Edwards („Godzilla“) und Jordan Vogt-Roberts („Kong – Skull Island“) zuvor auch nicht gerade zahlreiche Referenzen zu bieten. Dougherty schrieb gemeinsam mit Zach Shields auch das Drehbuch zu „Godzilla II – King of the Monsters“. Die Insel Skull Island wird übrigens mehrfach kurz genannt, was die Brücke zu „Kong – Skull Island“ schlägt. Wer 2014 von Gareth Edwards’ Reboot „Godzilla“ angetan war und sich auch für „Kong – Skull Island“ erwärmen konnte, wird dem dritten Teil des MonsterVerse zweifellos ebenfalls viel abgewinnen können, am Ende womöglich sogar begeistert sein.

Bald kommt „Godzilla vs. Kong“

Wie das mit gigantomanischen Franchises wie diesem so ist: Kaum kommt der eine Film ins Kino, lechzen alle bereits nach dem nächsten. „Godzilla vs. Kong“ ist abgedreht und befindet sich in der Postproduktionsphase, und erneut hat sich ein neues Gesicht auf den Regiestuhl gesetzt: Adam Wingard, bekannt für „You’re Next“ (2011), „The Guest“ (2014) und „Blair Witch“ (2016). Der Titel deutet an, dass es zum gewaltigen Aufeinandertreffen der beiden Monster aus den zwei Vorgängern kommt – darauf hoffen sowieso viele.

Dr. Serizawa (r.) und seine Assistentin Vivienne Graham wollen den Tod der Titanen verhindern

Ich bin kein Kinogänger, der zum Filmenende gern den gesamten Abspann bis zur letzten Zeile aussitzt, auch wenn die Credits seit Jahren oft in recht hoher Geschwindigkeit abgespielt werden – ohnehin viel zu hoch, um alles zu lesen, hehe. Um meine Leserinnen und Leser ins Bild zu setzen, habe ich das diesmal aber auf mich genommen, und siehe da: Tatsächlich folgt – leider ganz am Ende – eine Szene, die einen Ausblick bietet auf – worauf eigentlich? Mit „Godzilla vs. Kong“ hat das Gezeigte jedenfalls nichts zu tun, sofern dessen Titel den Fokus der Handlung korrekt abbildet. Lugt da am Ende etwa schon Teil 5 des MonsterVerse hervor? Wir werden sehen …

Auch Rodan mischt mit

Abschließend ein Lektüretipp: Für die aktuelle Ausgabe von „Deadline – Das Filmmagazin“ hat „Die Nacht der lebenden Texte“- Autor Leonhard Elias Lemke sowohl die Titelgeschichte über „Godzilla II – King of the Monsters“ verfasst als auch ein Interview mit Regisseur Michael Dougherty geführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Vera Farmiga und Sally Hawkins sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Kyle Chandler und Ken Watanabe unter Schauspieler.

Es kommt zum Clash of the Titans

Länge: 132 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Godzilla – King of the Monsters
USA/JPN 2019
Regie: Michael Dougherty
Drehbuch: Michael Dougherty, Zach Shields
Besetzung: Kyle Chandler, Vera Farmiga, Millie Bobby Brown, Ken Watanabe, Ziyi Zhang, Bradley Whitford, Sally Hawkins, Charles Dance, Thomas Middleditch, Aisha Hinds, O’Shea Jackson Jr., David Strathairn
Verleih: Warner Bros. Pictures Germany

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc. and Legendary Pictures Productions, LLC

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/05/29 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Manchester by the Sea – Der Mann mit dem abwesenden Blick

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Manchester by the Sea

Kinostart: 19. Januar 2017

Von Andreas Eckenfels

Drama // Eigentlich hätte Matt Damon die Hauptrolle übernehmen sollen. Doch der „Jason Bourne“-Star entschied sich stattdessen für „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“, für dessen Hauptrolle er eine Oscar-Nominierung erhielt. Dennoch blieb Damon für „Manchester by the Sea“ als Produzent an Bord. Eine glückliche Fügung für seinen Ersatzmann: Casey Affleck gelingt es, mit der Rolle des Hausmeisters Lee Chandler endgültig, aus dem Schatten seines großen Bruders Ben herauszutreten. Seine Oscar-Nominierung gilt nur noch als Formsache – nach dem Gewinn des Golden Globes als Drama-Hauptdarsteller wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Goldjungen mit Ryan Gosling erwartet, der den Globe seinerseits in der Kategorie Musical/Komödie für „La La Land“ abgeräumt hat – anders als bei den Oscars werden bei den Globes die Hauptdarstellerpreise je Geschlecht in zwei Kategorien vergeben. Für mich geht Casey Affleck als klarer Favorit ins Rennen um den Academy Award.

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Früher ging Lee mit seinem Neffen Patrick häufig angeln

Es ist spekulativ, ob Kenneth Lonergans („You Can Count on Me“) meisterhaft geschriebenes Drama auch mit Damon in der Hauptrolle so gut funktioniert hätte. Sein Gesicht ist inzwischen zu bekannt, er ist Star und Sonnyboy zugleich – im Gegensatz zu Casey Affleck, der mit seinem Blick stets leicht abwesend wirkt. Nun könnten böse Zungen sagen, das liege in der Familie. Aber wie Casey schon im Thriller „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ und dem Western „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ (beide 2007), für den er seine erste Oscar-Nominerung als bester Nebendarsteller erhielt, bewies: Er ist der bessere Schauspieler der beiden Brüder – Ben gilt dafür nicht erst seit „Argo“ als der bessere Regisseur. Caseys Versuche als Filmemacher beschränken sich bisher auf einen Kurzfilm und die fragwürdige Mockumentary „I’m Still Here“ mit Joaquin Phoenix. Aber auch auf dem Regiestuhl eifert Casey seinem Bruder weiter nach, demnächst will er mit „Light of My Life“ ein weiteres Projekt verwirklichen.

Schmerzhafte Erinnerungen

Den abwesenden Blick bekommen auch die Mieter eines kleinen Wohnblocks in Boston zu spüren, die ihren Hausmeister Lee Chandler (Casey Affleck) bei großen und kleinen Arbeiten zu Hilfe rufen. Ohne viele Worte zu verlieren, erledigt der Einzelgänger seinen Job, wobei er mit seiner ruhigen, aber direkten Art häufig aneckt. Seine Abende verbringt er in einer nahegelegenen Kneipe. Die Avancen einiger Frauen interessieren Lee überhaupt nicht, dafür schlägt er grundlos auf Gäste ein, wenn er mal wieder ein paar Bier zu viel intus hat.

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Als sein Bruder Kyle (l.) stirbt …

An einem feuchtkalten Wintertag erhält Lee einen Anruf: Sein älterer Bruder Joe (Kyle Chandler), mit dem Lee nur selten Kontakt hat, wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Dessen Herzprobleme waren schon länger bekannt. Als Lee in der Klinik seiner einstigen Heimatstadt Manchester-by-the-Sea eintrifft, ist Joe bereits tot. Dessen Anwalt erklärt Lee, dass sein Bruder in seinem Testament festgelegt hat, dass er nun die Verantwortung für seinen 16-jährigen Neffen Patrick (Lucas Hedges) übernehmen soll. Seine alkoholkranke Mutter Elise (Gretchen Mol) hatte die Familie schon vor einiger Zeit verlassen. Widerstrebend nimmt Lee die neue Aufgabe an. Nicht, weil er sich mit dem Jungen nicht verstehen würde, sondern, weil er eigentlich nie wieder nach Manchester-by-the-Sea zurückkehren wollte. In dem Küstenort lauern an jeder Ecke schmerzhafte Erinnerungen aus seiner Vergangenheit, darunter seine erneut verheiratete und zudem auch noch schwangere Ex-Frau Randi (Michelle Williams).

Schlag in die Magengrube

In klug eingestreuten Rückblenden erfahren wir immer mehr von der Vergangenheit der beiden Brüder und steuern langsam aber sicher auf das geheimnisvolle Ereignis zu, welches Lee schließlich aus seiner Heimatstadt getrieben hat. Die Enthüllung dieses Schicksalsschlags ist auch für die Zuschauer ein Schock, fühlt sich an wie ein Schlag in die Magengrube. Danach versteht man, warum Lee zu dieser leeren und emotionslosen Hülle geworden ist; zu diesem Mann, mit dem abwesenden Blick, den Casey Affleck perfekt verkörpert. Nein, leicht zu verdauen ist „Manchester by the Sea“ nicht. Das wird erneut deutlich, als Ex-Frau Randi – bewundernswert gespielt von Michelle Williams – versucht, mit Lee ein klärendes Gespräch zu führen. Aber der Schutzschild, den sich Lee aufgebaut hat, ist bereits zu groß.

Lakonischer Humor

Was Lonergans Werk von anderen Dramen mit menschlichen Schicksalsschlägen abhebt und erst zu einem Meisterwerk macht, ist die zweite Thematik, die der Film aufgreift: die Beziehung zwischen Lee und seinem neuen Ziehsohn Patrick. Und diese ist von so viel lakonischem Humor geprägt, dass man die schmerzvollen Ereignisse fast vergisst. Beiden merkt man von außen betrachtet die Trauer um den verlorenen Bruder und Vater kaum an.

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… kehrt Einzelgänger Lee in seine Heimatstadt zurück

Während Lee die Vorbereitungen für die Beerdigung trifft, bleibt Patrick der hormongesteuerte Teenager, der er zuvor schon war. So erfährt Lee, dass sein Neffe gleich zwei Freundinnen hat, die angeblich nichts voneinander wissen. Silvie (Kara Hayward, „Moonrise Kingdom“) hat ihn bereits rangelassen, seine Bandkollegin Sandy (Anna Baryshnikov) allerdings noch nicht, da die beiden jedes Mal von ihrer alleinerziehenden Mutter (Mary Mallen) gestört werden. Deswegen bittet Patrick seinen Onkel darum, zur Ablenkung mit der Mutter zu flirten, worauf der wortkarge Lee aber überhaupt keine Lust hat.

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Kyles letzter Wille: Lee soll das Sorgerecht für Patrick übernehmen

Dennoch merkt man in vielen Szenen, wie schwer es Patrick fällt, den Verdrängungsprozess aufrechtzuerhalten. Die Trauer sitzt auch bei ihm tief, besonders, weil er feststellen muss, dass seine Mutter ihn ein weiteres Mal im Stich lässt. Dazu kann er nicht nachvollziehen, warum Lee nie wieder in Manchester-by-the-Sea leben will. Der Junge fühlt sich komplett alleingelassen.

Der Neuanfang ist möglich

So funktioniert „Manchester by the Sea“ gleich auf mehreren Ebenen, weckt Emotionen, lädt aber auch zum Lachen ein, welches die Traurigkeit ab und an unterbricht. Lonergan zeigt mit seinem fantastischen Ensemble, dass man auch nach schweren Schicksalsschlägen einen Neuanfang wagen kann. Bei manchen Menschen dauert es nur etwas länger, um die Vergangenheit endgültig zu begraben.

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Schmerzvolles Wiedersehen: Lee trifft auf Ex-Frau Randi

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Casey Affleck und Kyle Chandler sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 137 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Manchester by the Sea
USA 2016
Regie: Kenneth Lonergan
Drehbuch: Kenneth Lonergan
Besetzung: Casey Affleck, Michelle Williams, Kyle Chandler, Lucas Hedges, C. J. Wilson, Gretchen Mol, Tate Donovan, Matthew Broderick, Kara Hayward, Anna Baryshnikov, Jami Tennille
Verleih: Universal Pictures

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Universal Pictures (Photo Credit: Claire Folger Courtesy of Amazon Studios)

 

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Carol – Die Dame im Pelz

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Carol

Von Andreas Eckenfels

Liebesdrama // Durch Kriminalromane wie „Der Fremde im Zug“, „Der talentierte Mr. Ripley“ und „Die zwei Gesichter des Januars“ erlangte Patricia Highsmith Weltruhm. Doch zu einem ihrer Werke bekannte sich die Bestseller-Autorin erst knapp 40 Jahre nach dessen Erstveröffentlichung – und das obwohl er seit 1952 mehrere Millionen Mal verkauft wurde. Aufgrund des für die damalige Zeit delikaten Inhalts hatten sich Highsmith und der US-Verlag Coward-McCann entschieden, „Salz und sein Preis“ unter einem Pseudonym herauszugeben.

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Carol und Therese lernen einander in einem Kaufhaus kennen

Erst 1990 zur Veröffentlichung einer neu überarbeiteten Fassung mit dem Titel „Carol“ erklärte die Autorin, dass sie sich hinter dem Namen Claire Morgan verbirgt. Der Liebesroman trägt autobiografische Züge. Highsmith selbst arbeitete als Verkäuferin im Kaufhaus Bloomingdale’s in New York, wo eine „Dame im Pelz“ sie zu der Geschichte inspirierte. Außerdem pflegte die Autorin 1949 eine kurze Liebesbeziehung zu Kathryn Cohen, der Ehefrau eines englischen Verlegers, mit der sie ein paar Monate in Italien verbrachte.

Verbotene Liebe

New York, 1952: Die mondäne Carol (Cate Blanchett) befindet sich in einem Scheidungskrieg mit ihrem Mann Harge (Kyle Chandler) und kämpft um das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter Rindy. Die junge Verkäuferin Therese (Rooney Mara) weiß noch nicht, ob sie den Heiratsantrag ihres Freundes Richard (Jake Lacy) annehmen soll. Sie träumt vielmehr von einer Karriere als Fotografin. Während Carols Weihnachtseinkäufen lernen die beiden unterschiedlichen Frauen einander kennen. Ein vergessener Handschuh führt zu einer weiteren Begegnung. Trotz des großen Altersunterschieds entsteht eine emotionale Bindung zwischen Carol und Therese. Gemeinsam unternehmen sie eine Reise, um dem Alltag zu entfliehen. Doch Harge versucht alles, um seine Frau zurückzubekommen …

(L-R) JAKE LACY and ROONEY MARA star in CAROL

Richard macht Therese einen Heiratsantrag …

Sechs Nomierungen für den Oscar, fünf Nominierungen bei den Golden Globes. Ohne Frage hätte „Carol“ jede einzelne Auszeichnung verdient gehabt. Dass Todd Haynes‘ Romanadaption dennoch keine einzige Trophäe mit nach Hause nehmen durfte, lag wohl an der starken Konkurrenz im Kinojahr 2015. Kameramann Edward Lachmann drehte im Super-16-Format, welches dem Film einen wunderschönen, körnigen Look verleiht. Die hervorragende Ausstattung und der Soundtrack versetzen uns in die USA der 50er-Jahre.

Zwei starke Frauen

Aber erst das Zusammenspiel von Cate Blanchett, die nach „I’m Not There“ erneut mit Regisseur Haynes zusammenarbeitete, und Rooney Mara machen „Carol“ zum Erlebnis. Mit kleinen, überaus gefühlvollen Gesten und ohne das Wort Liebe in den Mund zu nehmen, entsteht eine sehnsuchtsvolle Verbindung zwischen den beiden grundverschiedenen Frauen. Mara kann sich dabei mühelos gegen die große Blanchett behaupten und wurde für ihre Leistung in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet.

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… aber sie lässt sich Zeit mit einer Antwort und träumt von einer Karriere als Fotografin

Dabei ist besonders die Wandlung der beiden Frauenfiguren interessant: Während die erfahrene Carol zunächst in der Beziehung über die junge Therese dominiert, wirkt sie zunehmend zerbrechlicher, je mehr sie unter Druck gerät, ihre Tochter zu verlieren. Therese reift dagegen vom scheuen Reh zur selbstbewussten Frau, die nicht gleich vor Glück auf die Knie fällt, wenn ihr ein Heiratsantrag gemacht wird, sondern ihre Zukunft selbst in die Hand nimmt. Haynes zeigt uns die 50er-Jahre zwar noch als große Moralanstalt, die solch eine verbotene Liebe nicht duldet. Dennoch wird klar, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse langsam im Wandel begriffen sind.

Ein moderner Klassiker

Zwar konnte „Carol“ keinen Oscar oder Golden Globe gewinnen, dennoch wurde dem meisterhaft inszenierten Liebesdrama eine andere große Ehrung zuteil: Bei einer Umfrage des British Film Institutes unter Filmexperten wurde „Carol“ noch vor Klassikern wie „Brokeback Mountain“, „Weekend“ und „Happy Together“ zum besten LGBT-Film aller Zeiten gewählt. Somit kann man Haynes‘ noch recht jungen Film schon jetzt als einen modernen Klassiker bezeichnen, den man nicht nur aufgrund seiner zwei starken Hauptdarstellerinnen gesehen haben sollte.

CATE BLANCHETT stars in CAROL

Carol wird von ihrem Noch-Ehemann zunehmend unter Druck gesetzt

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Cate Blanchett und Rooney Mara sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Kyle Chandler unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 22. April 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 118 Min. (Blu-ray), 114 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Carol
USA 2015
Regie: Todd Haynes
Drehbuch: Phyllis Nagy, nach dem Roman „Salz und sein Preis“ von Patricia Highsmith
Besetzung: Cate Blanchett, Rooney Mara, Kyle Chandler, Sarah Paulson, John Magaro, Jake Lacy
Zusatzmaterial: Interviews mit Cast & Crew, Behind the Scenes, Kinotrailer
Vertrieb: DCM Film Distribution GmbH / Universum Film

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels

Fotos © Wilson Webb / DCM, Packshot & Trailer: © 2016 DCM Film Distribution GmbH / Universum Film

 

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