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Nocturnal Animals – Kino als Obsession mit dem Vergangenen

Nocturnal Animals

Von Simon Kyprianou

Thrillerdrama // Die Rahmenhandlung von „Nocturnal Animals“ spielt sich in der Welt der Reichen und Schönen ab. Man konnte in der Rezeption des Films viele Stimmen hören und lesen, die ihn als Reflexion über die Oberflächlichkeit und Schrecklichkeit dieser Luxuswelt – eine Welt, die Regisseur Tom Ford sicher nur allzu gut kennt – gedeutet haben, und das trifft sicher auch zu. Allerdings ist das unangenehm distanziert beobachtete Leiden einer schönen Frau in einer schönen Umgebung eigentlich keine sonderlich gelungene Reflexion oder Kritik.

Susan ist unglücklich mit ihrem Leben

Aber der Film hat noch eine andere, wesentlich interessantere Ebene: Wenn Susan (Amy Adams) von ihrem früheren Freund Edward (Jake Gyllenhaal) ein bisher unveröffentlichtes Manuskript seines Romans „Nocturnal Animals“ zugeschickt bekommt, lässt Ford die den Rahmen bildende Geschiche über dieses Manuskript in zwei weitere Geschichten abgleiten. Beide verweisen mehr oder weniger unmittelbar in die Vergangenheit von Susan und Edward. Dabei erzählt uns Ford etwas Essenzielles über das Kino: dass das Kino immer die Obsession mit dem Vergangenen ist; die Möglichkeit, einen, wenn auch unweigerlich verzerrten Blick auf das ewig und zugleich flüchtig gewordene Vergangene zu werfen.

Verzahnung zweier Geschichten

Tom Fords Metalepse eröffnet gleich zwei unterschiedlich beschaffene Wege in das Vergangene: einmal als fiktionalisierte, in Genrekonventionen eingearbeitete Rape-and-Revenge-Geschichte in Form des Manuskripts, einmal als kurze, brüchige Erinnerungsfragmente von Susan, aus der Vergangenheit erinnert durch die Lektüre des Manuskripts.

Die Geschichte von Edwards Manuskript berührt sie

Die Entführungs- und Rachegeschichte des Manuskripts dreht sich um Tony Hastings (ebenfalls Jake Gyllenhaal), der mit seiner Familie von Fremden nachts auf dem Highway bedrängt wird, die dann seine Frau (Isla Fisher) und Tochter (Ellie Bamber) entführen, vergewaltigen und umbringen. Ford inszeniert das sehr effektiv, er findet Bilder unmittelbaren Schreckens, die Szenen nächtlicher Autofahrt beispielsweise sind hervorragend beklemmend inszeniert, und die (De-)Konstruktion der männlichen Figur und die Darstellung ihres Leids sind ebenfalls sehr gelungen.
Wieso Fords Perspektive auf Amy Adams’ Figur in der Rahmenhandlung so kalt und distanziert ist, jede Zartheit vermissen lassend, bleibt fraglich. Trotz ihrer Reue und ihres Schmerzes lässt er ihre Figur in den letzten Szenen endgültig in den Abgrund gleiten – ohne die geringste Empathie für Susan, das scheint dann doch einigermaßen befremdlich.

Zweite Regiearbeit nach „A Single Man“

Auch drücken sich die harten Konturen von Fords genau durchdachtem narrativem Konzept bisweilen allzu deutlich sichtbar durch. An einigen Stellen wäre vielleicht Zurückhaltung die bessere Lösung für „Nocturnal Animals“ gewesen, der sicher kein schlechter Film ist, Fords brilliantem Regiedebüt „A Single Man“ allerdings in keinem Moment das Wasser reichen kann.

Darin muss Familienvater Tony den Tod seiner Frau und Tochter erleben

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Amy Adams und Andrea Riseborough haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Jake Gyllenhaal, Armie Hammer und Michael Shannon unter Schauspieler.

Zusammen mit dem Sheriff will er Rache üben

Veröffentlichung: 27. April 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Spanisch, Italienisch, Türkisch, Hindi, Arabisch, Norwegisch,
Originaltitel: Nocturnal Animals
USA 2016
Regie: Tom Ford
Drehbuch: Tom Ford, nach dem Roman „Tony and Susan“ von Austin Wright
Besetzung: Jake Gyllenhaal, Amy Adams, Michael Shannon, Isla Fisher, Laura Linney, Aaron Taylor-Johnson, Armie Hammer, Michael Sheen, Andrea Riseborough
Zusatzmaterial: Making-of
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2017 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2017 Universal Pictures Germany GmbH

 

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Clint Eastwood (XV): Sully – Der Held vom Hudson River

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Sully

Kinostart: 1. Dezember 2016

Von Volker Schönenberger

Drama // Vogelschlag an Flugzeugen kann fatale Folgen haben. Im Falle von US-Airways-Flug 1549 verursachten Wildgänse am 15. Januar 2009 den Ausfall beider Triebwerke. Der Airbus vom Typ A320 war wenige Minuten zuvor vom Flughafen La Guardia in New York City gestartet. Flugkapitän Chesley B. „Sully“ Sullenberger gelang in Zusammenarbeit mit seinem Kopiloten Jeff Skiles das Husarenstück, die Maschine im Hudson River zu notwassern. Das Kabinenpersonal bewahrte ebenfalls die Ruhe. Eine Panik blieb aus, alle Passagiere und Besatzungsmitglieder überlebten.

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Triebwerksausfall – Kopilot Skiles (l.) und Pilot Sullenberger müssen Ruhe bewahren

Die Frage nach Leben und Tod stellt sich also gar nicht erst, und Clint Eastwood ist ein viel zu erfahrener Filmemacher, als dass er der Versuchung erliegen würde, einen Katastrophenthriller zu drehen. Jeder weiß ja, dass es keine Toten gab. Der Regisseur verärgert zwar gleich zu Beginn mit einer Absturzsequenz, die sich als Traum herausstellt, in der Folge inszeniert er aber ein dialogstarkes Drama um einen aufrechten Helden, wie ihn das amerikanische Volk immer wieder gern im Kino sieht.

Tom Hanks überzeugend wie eh und je

Sullenberger ist in der Notfallsituation die Ruhe selbst, wird anschließend von Zweifeln und Albträumen geplagt und grübelt über das Geschehen nach. Tom Hanks spielt diesen Helden mit der ihm eigenen Souveränität. An seiner schauspielerischen Leistung ist wie gewohnt nichts auszusetzen. Das gilt auch für Aaron Eckhart, der Sullenbergers Kopiloten ebenso besonnenen Jeff Skiles verkörpert. Die Schnauzbärte der beiden sind zwar furchtbar, aber das wollen wir nicht den Schauspielern anlasten.

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Sully entschließt sich, das Flugzeug im Hudson River zu wassern

Breiten Raum nimmt von Anfang an die Untersuchung des Vorfalls ein. Die Untersuchungskommission scheint es darauf anzulegen, Sullenberger die Schuld am Totalverlust des Flugzeugs in die Schuhe zu schieben. Man behauptet, er hätte noch Gelegenheit gehabt, eine Landebahn des Flughafens La Guardia oder den Flughafen Teterboro im US-Staat New Jersey zu erreichen. Wie befreit sich Sullenberger vom Vorwurf, grob fahrlässig gehandelt zu haben? Hier ist „Sully“ sogar richtig spannend und pointiert – allerdings womöglich auf Kosten anderer: In den USA verursachte Eastwoods Darstellung der scharfen Untersuchungskommission einige Proteste – er habe die Arbeit der US-Behörde für Verkehrssicherheit unfair dargestellt, um Sully heldenhafter aussehen zu lassen. Diese Unruhe legte sich aber bald wieder. Hollywood dreht nun mal selten bis ins letzte Detail akkurate Doku-Dramen, auch Clint Eastwood nimmt sich dramaturgische Freiheiten. Als Vorlage dienten ihm Sullenbergers Erinnerungen, die dieser unter dem Titel „Highest Duty. My Search for What Really Matters“ veröffentlichte. Das Buch ist in Deutschland unter dem Titel „Man muss kein Held sein. Auf welche Werte es im Leben ankommt“ erschienen, zum Kinostart der Verfilmung auch in Neuauflage als „Sully – Das Wunder vom Hudson“.

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Besonnen geleitet der Kapitän die Passagiere ins Freie

Auch die Katastrophensituation kommt nicht zu kurz. Eastwood baut sie in Rückblenden stückweise ein, verlässt dabei sogar die Chronologie der Situation: Bevor der Regisseur die Notwasserung in ihrer ganzen Dramatik zeigt, haben wir schon längst die Rettung aller Insassinnen und Insassen über die Notrutschen in den Hudson River gesehen. Ein geschickter Schachzug von Clint Eastwood. Positiv hervorzuheben ist obendrein der Verzicht auf pathetischen Soundtrack. Über weite Strecken kommt „Sully“ ohne musikalische Untermalung aus. Der Versuchung erliegt das moderne Hollywood ansonsten viel zu oft. Wenn aus dem im Wasser liegenden Flugzeug die Frauen und Männer entkommen, sich gleichzeitig diverse New Yorker Fähren zur Rettung nähern, die beiden Piloten pflichtbewusst an Bord bleiben, bis sie die letzten Personen im Flugzeug sind, funktioniert das auch ohne orchestrale Tünche. In Szenen zwischen Sullenberger und dessen Ehefrau Lorraine (Laura Linney) verzichtet Eastwood ebenfalls auf übergroße Rührseligkeit. Tatsächlich sind die beiden nie gemeinsam zu sehen, ihre gemeinsamen Szenen sind ausschließlich Telefonate, bei denen das Bild zwischen ihnen hin und her wechselt.

Clint Eastwoods kürzeste Regiearbeit

Die erste Kollaboration zwischen Clint Eastwood und Tom Hanks markiert gleichzeitig Eastwoods bislang kürzeste Regiearbeit, wenn man der Internet Movie Database Glauben schenkt. Ich war zu faul, zur Kontrolle jeden von Eastwood inszenierten Film anzuklicken, war aber ob der kompakten Länge von 96 Minuten einigermaßen erleichtert. Es muss nicht immer von epischer Länge sein, und der Regisseur erzählt alles Erzählenswerte. „Sully“ interessiert, vermag zu fesseln, nutzt geschickt Sprünge in der Zeit, um Spannung zu erzeugen, wo sie aufgrund des bekannten Ausgangs der Story schwer zu erzeugen ist. Insgesamt ist das etwas zu routinierter Hollywood-Mainstream, für großes beeindruckendes Kino reicht es nicht. Viel zu sagen hat Clint Eastwood damit nicht – er hat eben im wahren Leben eine Geschichte entdeckt, die er auf Leinwand bannen wollte. Das hat er auf versierte Weise erledigt.

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Sully wird von Journalisten bedrängt

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von oder mit Clint Eastwood haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Aaron Eckhart und Tom Hanks unter Schauspieler.

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Lorraine sorgt sich: Ist ihr Mann dem Trubel nach dem Ereignis gewachsen?

Länge: 96 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Sully
USA 2016
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Todd Komarnicki, nach der Buchvorlage „Highest Duty“ von Chesley „Sully“ Sullenberger
Besetzung: Tom Hanks, Aaron Eckhart, Laura Linney, Valerie Mahaffey, Mike O’Malley, Jamey Sheridan, Anna Gunn, Laura Lundy Wheale, Katie Couric, Michael Rapaport
Verleih: Warner Bros. Pictures Germany

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

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Die beiden Piloten bei der Anhörung

Filmplakat: © 2016 Warner Bros. Ent., Fotos: © 2016 Warner Bros. Ent., Village Roadshow Films North America and Ratpac-Dune Entertainment LLC – USA, Canada, Bahamas & Bermuda

 

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Peter Weir (II): Die Truman Show – Jim Carreys Reifeprüfung

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The Truman Show

Von Volker Schönenberger

Tragikomödie // Es ist nicht immer Shakespeare, aber es ist echt. Es ist das Leben. Regisseur Christoph (grandios: Ed Harris) glaubt, was er sagt. Er ist der Schöpfer der „Truman Show“, der weltweit erfolgreichen Fernsehserie, die seit 10.909 Tagen nonstop das Leben von Truman Burbank (Jim Carrey) zeigt: seine Geburt, von 1,7 Milliarden Menschen am Bildschirm verfolgt, Kindheit und Jugend, seinen Werdegang als Versicherungsvertreter.

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Der herzensgute Truman …

Truman ist echt. Seine Mitmenschen aber – allesamt Schauspieler, sogar sein bester Freund Marlon (Noah Emmerich) und selbst Ehefrau Meryl (Laura Linney). Einer ist ahnungslos: Truman selbst, der als ungewolltes Baby von dem Fernsehsender adoptiert und in die Kleinstadt Seahaven gesetzt worden ist – eine Kulisse, aufgebaut in einem TV-Studio unter einer gewaltigen Kuppel. 5.000 Kameras überwachen rund um die Uhr jeden seiner Schritte.

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… hat eine verlogene Ehefrau …

Aber plötzlich riecht der naiv-sympathische Truman Lunte: Eines schönen Sommermorgens fällt ein Scheinwerfer vom Himmel. Dann steht sein Vater vor ihm, der angeblich ertrank, als Truman ein Kind war. Und weshalb hat Ehefrau Meryl auf dem Hochzeitsfoto die Finger gekreuzt? Nur einige der Dinge, die Trumans Misstrauen wecken. Der „gebürtige“ Fernsehstar macht sich auf, das Geheimnis seines Lebens zu ergründen.

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… einen ebenso verlogenen besten Freund …

Peter Weirs bitterböse Mediensatire erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Jim Carrey und Ed Harris etwa bekamen verdiente Golden Globes – die beiden haben übrigens keine gemeinsamen Szenen im Film, wenn man von einem Dialog absieht, den Harris’ Figur als Stimme aus dem Off mit Truman führt. Bei den Oscars allerdings ging „Die Truman Show“ leer aus. Bedauerlich, handelt es sich doch um ein zutiefst bewegendes Meisterwerk – und Jim Carreys mit Bravour bestandene Reifeprüfung.

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… und wird eines Tages misstrauisch

Seinen Drehort fand Regisseur Weir in Florida: das 1980 gegründete Seaside, eine Gemeinde, dessen Bürger sich verpflichtet haben, einen bestimmten neoviktorianischen Baustil zu wahren. Für den Film wurde jede Straße nach einem Filmstar benannt. So gibt es etwa die Barrymore Road und den Lancaster Square.

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Regisseur Christoph …

Die Handlung ist originell, allerdings nicht neu: Ein ähnlicher Plot findet sich auch in „Der ahnungslose Fernsehstar“ („Special Service“, 1989), einer Folge der US-Fernsehserie „Twilight Zone“. Die Grundidee ist noch älter: Sie entstammt dem Roman „Zeitlose Zeit“ (auch: „Zeit aus den Fugen“, „Time out of Joint“, 1959) von Philip K. Dick. Ob sich der auch als Regisseur versierte Drehbuchautor Andrew Niccol („Good Kill – Tod aus der Luft“) für sein Skript zu „Die Truman Show“ davon inspirieren ließ, ist nicht bekannt. Niccol sollte den Film ursprünglich sogar inszenieren, doch die Produzenten trauten das dem Regiedebütanten dann doch nicht zu. Bevor schließlich Peter Weir übernahm, waren auch Brian De Palma, Tim Burton, Terry Gilliam, Barry Sonnenfeld und Steven Spielberg im Gespräch. Das zog sich etwas, sodass schließlich Andrew Niccols tatsächliches Regiedebüt, die Science-Fiction-Vision „Gattaca“, früher in die Kinos kam.

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… wacht über seinen Schützling

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Andrew Niccol und/oder Peter Weir sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Ed Harris in der Rubrik Schauspieler.

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Das Publikum liebt Truman

Veröffentlichung: 3. Juni 2009 als Blu-ray, 7. Februar 2006 als Special Collector’s Edition DVD, 2. Juni 2003 als DVD, 12. April 2000 als DVD

Länge: 103 Min. (Blu-ray), 99 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Truman Show
USA 1998
Regie: Peter Weir
Drehbuch: Andrew Niccol
Besetzung: Jim Carrey, Ed Harris, Laura Linney, Noah Emmerich, Natascha McElhone, Holland Taylor, Brian Delate, Peter Krause, Angel Schmiedt
Zusatzmaterial (nur Collector’s Edition & Blu-ray): Wie wird es enden? Das Making-of von „Die Truman Show“, Imitationsmalerei, Die Visual Effects der Truman Show, entfernte Szenen, Fotogalerie, Teasertrailer HD, Kinotrailer HD, TV-Spots
Vertrieb: Paramount Home Entertainment

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Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshots: © Paramount Home Entertainment

 
 

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