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Once Upon a Time in Hollywood – Zur Rettung des Kinos

Once Upon a Time in Hollywood

Kinostart: 15. August 2019

Von Lucas Gröning

Drama // Quentin Tarantino gilt als einer der besten Regisseure und Drehbuchautoren unserer Zeit. Seit 1992, als sein erster Film „Reservoir Dogs“ Einzug in die Lichtspielhäuser hielt, bereichert der Filmemacher mit Werken wie „Pulp Fiction“, den „Kill Bill“-Filmen und „Inglourious Basterds“ das Kinopublikum. Der Lohn: je zwei Oscars und Golden Globes für die Drehbücher von „Pulp Fiction“ und „Django Unchained“, dazu die Goldene Palme in Cannes für „Pulp Fiction“ sowie zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen etlicher prestigeträchtiger Preise der weltweiten Filmindustrie. Eine Industrie, die in den USA vor allem durch einen Ort geprägt wurde – Hollywood. Die Traumfabrik gilt seit jeher als das Zentrum der amerikanischen Filmwirtschaft. Wenn man es als Schauspieler, Regisseur oder Drehbuchautor dorthin geschafft hat, ist man gewissermaßen an der Spitze der Nahrungskette angekommen. Seine jüngste Arbeit „Once Upon a Time in Hollywood“ widmet Tarantino genau diesem Ort und zeigt uns die Traumfabrik im Jahr 1969. Ein Jahr, dass rückblickend vor allem durch ein Ereignis geprägt ist, welches sich am 9. August in Los Angeles ereignete: die Ermordung der hochschwangeren Schauspielerin Sharon Tate und vier weiterer Personen in ihrem Haus am Cielo Drive durch Mitglieder der Manson Family. Ein Ereignis, dass auch in Tarantinos Film einen zentralen Platz hat – er nimmt es zum Anlass, einigen aktuellen Debatten rund um die Entwicklung der amerikanischen Filmlandschaft auf den Grund zu gehen.

Hollywoods Goldene Ära ist passé

In jenem Jahr hat sich das Goldene Zeitalter Hollywoods längst dem Ende zugeneigt, New Hollywood hat das Zepter übernommen. Viele der einstigen Helden bleiben verloren zurück. Einer von ihnen ist Rick Dalton (Leonardo DiCaprio). Wie so viele aufstrebende Schauspieler hat er den endgültigen Durchbruch in der Traumfabrik nie geschafft. Oft war er lediglich in der Endauswahl, wenn es um die Besetzung der Hauptrolle in einer großen Hollywood-Produktion ging, die seinen Durchbruch hätte bedeuten können. So hat sich Rick als Fernsehstar durchgeschlagen, unter anderem in der (fiktiven) Westernserie „Bounty Law“, doch auch dies scheint vorbei, als der Filmproduzent Marvin Schwarz (Al Pacino) ihm unterschwellig zu verstehen gibt, dass seine Zeit in Hollywood abgelaufen ist. Trost findet der einstige B-Star bei seinem guten Freund und Stuntdouble Cliff Booth (Brad Pitt). Cliff fährt Rick zu seinen Jobs, fungiert für ihn als Haussitter seiner Villa, erledigt verschiedene Sachen für ihn und spendet dem Schauspieler Trost, wenn er mal wieder einem Anfall von Selbstmitleid erliegt. Eines Tages zieht mit Roman Polanski (Rafal Zawierucha) ein Filmemacher in die Nachbarschaft des abgehalfterten Fernsehstars, der aktuell als einer der heißesten Regisseure gilt. Mit dabei: die Schauspielerin Sharon Tate (Margot Robbie), Polanskis Ehefrau.

Cliff (l.) und Rick gehen ihrem Leben in Hollywood nach

In der Folge schwingt sich Sharon Tate neben Rick und Cliff zur Protagonistin des Films auf. Fortan beobachten wir die drei, wie sie ihrem Leben in Hollywood nachgehen. Rick versucht mithilfe kleinerer Serienproduktionen, im Gespräch zu bleiben und vielleicht doch noch den Durchbruch zu schaffen, Cliff fährt vor allem in der Stadt herum und läuft Gefahr, den Verführungskünsten eines jungen Hippiemädchens zu erliegen, und Sharon Tate sehen wir auf ihren Pfaden durch die Straßen Hollywoods, während sich der 9. August stetig nähert.

Ein Feuerwerk an Referenzen

Im Verlauf des Films passiert an sich relativ wenig. Bis ins letzte Drittel hinein ist keine klare Handlung zu erkennen. Die drei Protagonisten folgen einfach ihren individuellen Pfaden, ohne dass sich viel ereignet. Stattdessen nutzt Tarantino seine Figuren dazu, uns das Hollywood der damaligen Zeit zu präsentieren. An jeder Ecke sehen wir Plakate einst populärer Filme, berühmte Stars wie Steve McQueen, Einschübe von Fernsehserien klassischer Machart oder Filmausschnitte aus einigen großen Werken. „Once Upon a Time in Hollywood“ gibt uns Einblicke in Szenen aus unter anderem „Rollkommando“ („The Wrecking Crew“), „Gesprengte Ketten“ („The Great Escape“) und er zitiert Roman Polanskis „Rosemaries Baby“ (Rosemary’s Baby“). Tarantino demonstriert hier eine tiefe Liebe zum damaligen Hollywood und zum europäischen Autorenkino, welches langsam Einzug ins amerikanische Kino hält. Gleichwohl zitiert er auch moderne Werke, vor allem seine eigenen. Wir sehen eine Szene, in der Nazis verbrannt werden, wie in „Inglourious Basterds“. Ein schmutziges Buch, das Rick am Set einer Produktion liest, erinnert uns an „Pulp Fiction“. Und wenn Rick den Antagonisten in einem Western-Piloten spielen soll, ruft uns das Leonardo DiCaprios Rolle in „Django Unchained“ ins Gedächtnis. Vor allem über die Darsteller zitiert der Regisseur hier sehr viel. So wird etwa Cliff als Stuntman durch den von Kurt Russell porträtierten Randy ausgewählt – Eine Referenz an Russells Rolle in Tarantinos „Death Proof“. Tarantino, so muss man sagen, erschafft hier eine wunderschöne Welt und präsentiert uns ein Hollywood, das schon lange der Vergangenheit angehört. Doch wer jetzt glaubt, Tarantino schwelge mit seiner Darstellung lediglich in der Vergangenheit, der irrt. Der Regisseur nutzt diese Zeit und die sich anbahnenden Umstände rund um Sharon Tate, um einige aktuelle Fragen zu verhandeln, denen wir uns auch heute noch in Bezug zum Kino stellen müssen.

Die Zerstörung des Kinos

Um die Schönheit des Kinos im Generellen zu repräsentieren nutzt Tarantino in seinem neusten Film vor allem eine Person: Sharon Tate. In ihr findet sich alles, was das Medium in seiner reinen Form ausmacht und eine bis heute ungebrochene Faszination hervorruft. Zum Ersten einmal rein optisch eine Schönheit, die uns auch das Kino in Form von ästhetisch wundervollen Bildern vermitteln kann. Als Nächstes eine ungebrochene Naivität und Verträumtheit, mit der wir uns als Zuschauer einem jeden Werk hingeben können und uns fern von jedweder intellektueller Beschäftigung mit dem Medium auseinandersetzen können. Trotzdem ist Intellektualität ebenfalls ein Teil von Sharon Tate und somit, in diesem Verständnis, auch Teil des Mediums Film. Zu guter Letzt, und das ist vielleicht der wichtigste Punkt, ist es die Unschuld, die das einstige It-Girl repräsentiert. Tarantino begriff das Kino immer als einen unschuldigen Ort. Einen Ort, der nicht zum Instrument ideologischer Botschaften gemacht werden dürfe, um beispielsweise eine bestimmte politische Agenda durchzusetzen. Die Freiheit der Kunst an sich stellt das höchste Gut im Kino dar und darf die in keinster Weise beschnitten werden. Bereits in „Inglourious Basterds“ erteilte Tarantino der Instrumentalisierung des Lichtspielhauses eine Absage, indem er die Nazis für ihre Entweihung dieses für ihn heiligen Ortes bestrafte. Doch es sind nicht nur Nazis, die dem Kino ihre Unschuld nehmen wollen.

Auch im 21. Jahrhundert droht das Kino seine Unschuld zu verlieren, doch diesmal droht die Gefahr nicht ausschließlich von rechter Seite. Sowohl fehlgeleitete linksliberale Ideologien, als auch das von den Großkonzernen der Traumfabrik verfolgte Profitinteresse sorgen für eine Zerstörung des alten, ideologiefreien Hollywoodkinos. Im Vordergrund steht oftmals nicht mehr das Schaffen von künstlerisch wertvollen Werken, sondern die Durchsetzung einer bestimmten Agenda. So gibt es in Politik und in Wirtschaft seit geraumer Zeit die Diskussion rund um die Unterrepräsentation von Frauen oder Menschen anderer Hautfarben in bestimmten Berufszweigen. Eine Diskussion, die in der Realität durchaus zielführend und notwendig ist, wurde von manchen auch auf die Fiktion und speziell auf das Kino übertragen. Es führte dazu, dass man angefangen hat, die Frauen auf der Leinwand zu zählen und anschließend zu evaluieren, ob das weibliche Geschlecht im Vergleich zum Mann ausreichend repräsentiert wurde. Sobald ein Werk mit nur wenigen Frauen gearbeitet hatte, gab es einen großen Aufschrei, was eine bedenkliche Entwicklung in der Kinolandschaft zufolge hatte und sich in durch und durch „weiblichen“, pseudofeministischen, qualitativ jedoch unzureichenden Remakes und Fortsetzungen Ausdruck verschaffte. „Ghostbusters“ (2016) und „Ocean’s Eight“ seien beispielhaft genannt. Das Kino wurde zu einem Ort, in dem es nicht mehr darum ging, Kunst zu schaffen, sondern das Medium so zu gestalten, dass man zum einen möglichst viele Menschen „zufriedenstellen“ und zum anderen große finanzielle Erfolge unter dem Deckmantel der Diversität generieren kann.

Rick versucht, seine Karriere am Leben zu erhalten

In Verbindung dazu sind es die großen Konzerne, die das Kino zerstören. Konzerne, die Filme produzieren, welche finanziell natürlich erfolgreich sein sollen. Zu diesem Zweck wird zum einen der linksliberalen Forderung nach Diversität Genüge getan, zum anderen sind Entwicklungen zu erkennen, mit denen das Kino in gewisser Weise familienfreundlicher gestaltet werden soll. Dazu zählt immer häufiger der Verzicht auf expliziete Gewaltdarstellungen, Sex und auf den Konsum von Drogen. Lediglich in einigen Independent-Filmen finden sich noch Auszüge dieser Aspekte, in großen Kinoproduktionen geht man mittlerweile überwiegend konservativ damit um. Auch hier wird dem Kino seine Unschuld genommen und es findet eine große Einschränkung der Kunstschaffenden statt. Der Hays Code lässt grüßen.

Mit aller Gewalt

In „Once Upon a Time in Hollywood“ werden beide Aspekte durch die Manson Family repräsentiert. Die Gruppierung erscheint als durch und durch weibliche Organisation, nur vereinzelt kommen Männer vor. Die Family lebt auf einer alten Ranch, auf der früher einmal Westernfilme gedreht wurden. Der heruntergekommene Ort dient dabei als hässlicher Kontrapunkt zum leuchtenden Hollywood, nur vereinzelt ist zu erkennen, das die Ranch einmal Teil der Traumfabrik war. Hier haben wir die Vereinnahmung in Verbindung mit einer Einschränkung des alten Hollywoods durch die pseudofeministische Ideologie. Eine Ideologie, welche die Filmindustrie dazu verleitet, ihre alten Helden zu vergessen, kreativen Schaffensprozessen abzuschwören, somit träge zu werden und sich unter dem Deckmantel der Diversität im wahrsten Sinne des Wortes „befriedigen“ zu lassen. Zugleich sehen wir in der Manson Family eine Hippie-Bewegung, die auf den ersten Blick nichts als Liebe in die Welt hinaustragen will. Die Menschen der Bewegung lehnen Gewalt scheinbar ab und wollen alles Gewalttätige aus der Welt verbannen. Im Hollywoodkino der damaligen Zeit und somit all dem, was Tarantino über den Großteil der 161 Minuten zitiert und feiert, sehen sie eine Konzentration dieser Gewalt, die es zu bekämpfen gilt. Ihr Ziel ist somit eine Beschneidung der Filmindustrie und letztlich der Filmkunst an sich. Ein Vorhaben, das Tarantino in Gänze ablehnt. Mit aller Macht stellt er sich gegen jene, die dem Kino seine Unschuld nehmen wollen, und mobilisiert alles, was Hollywood seit jeher zu einem derart schönen Ort gemacht hat, gegen diejenigen, die das Kino zu einem Instrument der politischen Propaganda machen wollen. Wie in „Inglourious Basterds“, als das Kino zu einer Waffe gegen die Faschisten wurde, wird hier Hollywood zu einem Bollwerk gegen die drohende Gefahr. Ein Bollwerk, das mit aller Gewalt zurückschlägt, die dazu noch in einer Härte ästhetisiert wird, wie man sie selbst in einem Werk von Quentin Tarantino selten gesehen hat.

Phasenweise grandios

Der Film zeigt diesen Kampf für die Freiheit der Filmschaffenden in teilweise grandiosen Bildern, die von starren Einstellungen bis hin zu ewig lang gehaltenen Kamerafahrten variieren. Besonders die dadurch gezeigten, extra für den Film gebauten Kulissen sowie der tolle Soundtrack tragen einen großen Teil zur fantastischen Atmosphäre des Films bei. Auch die Darsteller machen hier einen grandiosen Job. Allen voran Leonardo DiCaprio zieht hier alle Register und schlüpft nicht nur in seine Rolle als Schauspieler Rick Dalton, sondern innerhalb dieses Charakters auch in die Rollen, in denen Dalton für seine Arbeitgeber performen muss. Auch Brad Pitt und Margot Robbie bieten herausragende Leistungen, genauso wie die zahlreichen weitere Darsteller der mit Stars gespickten Besetzung. Das alles macht „Once Upon a Time in Hollywood“ zu einem brillianten Film, der jedoch auch einige wenige Schwächen hat. Zum einen haben die Dialoge längst nicht die nötige Schärfe, die wir von einem Tarantino-Film gewohnt sind, zum anderen hatte ich an manchen Stellen das Gefühl, das ein Schnitt teilweise zu früh oder zu spät gesetzt wurde, sodass viele der duchaus starken Gags leider nicht zünden. Dennoch hält der Film vor allem durch das vorausgesetzte Wissen in Bezug zum Mord an Sharon Tate eine ungeheure Spannung aufrecht, die gerade gegen Ende der Handlung extrem gut ausgenutzt wird, um auf den Höhepunkt des Films zuzusteuern. Somit reiht sich „Once Upon a Time in Hollywood“ zwar nicht in die Riege der absoluten Meisterwerke des Regisseurs rund um „Pulp Fiction“ und „Inglourious Basterds“ ein, das Drama besticht dennoch durch ein nach wie vor enorm hohes Niveau – das konnte Tarantino ja allen Anfeindungen zum Trotz über seine gesamte Karriere hinweg konstant aufrechterhalten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Quentin Tarantino sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Bruce Dern, Leonardo DiCaprio, Al Pacino und Brad Pitt unter Schauspieler.

Währendessen genießt Sharon Tate das Leben in L.A.

Länge: 161 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Once Upon a Time in Hollywood
USA 2019
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
Besetzung: Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Al Pacino, Emile Hirsch, Margaret Qualley, Timothy Olyphant, Rafal Zawierucha, Julia Butters, Austin Butler, Dakota Fanning, Bruce Dern, Mike Moh, Luke Perry, Damian Lewis
Verleih: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

 
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Verfasst von - 2019/08/20 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Blood Diamond – Afrikanisches Leid à la Hollywood

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Blood Diamond

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Die Welt ist ein grausamer Ort, und Afrika macht da keine Ausnahme. Da werden Männern Hände abgehackt, damit sie nicht an den demokratischen Wahlen teilnehmen können. Jungen werden verschleppt und mit Gewalt und Gehirnwäsche zu Kindersoldaten erzogen, die kaltblütig Menschen abknallen. Und wofür? Macht und Mammon.

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Zwangsarbeiter Solomon hat einen riesigen Diamanten gefunden

Edward Zwicks „Blood Diamond“ folgt dem Pfad des Fischers Solomon Vandy (Djimon Hounsou), der in den Wirren des Bürgerkriegs in Sierra Leone von der Revolutionary United Front verschleppt und versklavt wird. Fortan muss er für den Warlord Captain Poison (David Harewood) in einer Mine Blutdiamanten suchen. Einen seiner Söhne wird die RUF bald zwangsrekrutieren und zum Killer machen. Als die Diamantenmine von Regierungstruppen gestürmt wird, wird Solomon mitsamt allen Arbeitern und Milizionären inhaftiert. Zuvor war es ihm allerdings gelungen, einen sehr großen Diamanten zu vergraben, den er gefunden hatte. Im Knast wird der Glücksritter und ehemalige Söldner Danny Archer (Leonardo DiCaprio) auf Solomon aufmerksam. Er war bei dem Versuch ertappt worden, Diamanten von Sierra Leone nach Liberia zu schmuggeln.

Journalistin als moralische Instanz

Als gutes Gewissen des Films fungiert die Journalistin Maddy Bowen (Jennifer Connelly). Sie und Danny Archer nehmen aus ganz unterschiedlichen Motiven Solomon in ihre Obhut: Danny ist scharf auf den Diamanten, Maddy will mehr über den Handel mit Blutdiamanten erfahren.

Solomons Schicksal und Maddys Menschenfreundlichkeit bringen Danny immerhin dazu, sein selbstsüchtiges Dasein zu überdenken. Keine Frage – das ist die Klaviatur von Moral und Gefühlen, auf der Hollywood gekonnt zu spielen versteht. Dabei ist der Soundtrack von ein paar Ausnahmen abgesehen glücklicherweise einigermaßen zurückhaltend eingesetzt. Und natürlich ist das poliertes Hochglanz-Starkino, obwohl das Thema mehr Dreck und Blut und Gnadenlosigkeit vertragen hätte. Auch die Action ist auf Blockbuster-Niveau, was man gut oder schlecht finden kann. Aber die beklemmenden Szenen entfalten ihre Wirkung, in manchen Sequenzen stellt sich ein Gefühl der Ausweglosigkeit ein. Und der Body Count ist hoch, phasenweise sterben die Menschen wie die Fliegen. Da verzeiht man auch das etwas pathetische Finale.

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Glücksritter Danny …

Starpower mit DiCaprio, Hounsou und Connelly

Die drei Stars spielen erwartungsgemäß überzeugend, wobei Jennifer Connellys recht eindimensionale Rolle die Oscar- und Golden-Globe-Preisträgerin („A Beautiful Mind“) nicht wirklich fordert. Mit Djimon Hounsous Figur des Fischers leidet man mit, seine Angst um die Familie ist jederzeit nachfühlbar. DiCaprio verleiht seiner Rolle die Facetten, die sie benötigt. Er erhielt dafür seine dritte Oscar-Nominierung – fünf als Schauspieler sind es bislang geworden, die jüngste für „The Revenant – Der Rückkehrer“. Auch Hounsou war für seine Rolle Oscar-nominiert – als Nebendarsteller, obwohl Solomon neben Danny im Film auf einer Höhe agiert. In drei technischen Kategorien gab es für „Blood Diamond“ ebenfalls Nominierungen: für den Schnitt, den Tonschnitt und die Tonmischung. Eine Trophäe sprang allerdings nicht dabei heraus.

Da der in Südafrika und Mosambik gedrehte „Blood Diamond“ als Action-Abenteuer angelegt ist, kommen die Machenschaften international agierender Diamantenhändler zwangsläufig zu kurz. Von dem skrupellosen Geschäftemacher Rupert Simmons, den Michael Sheen („The Damned United“) verkörpert, hätte man gern mehr erfahren, dafür war aber angesichts der ohnehin üppigen Länge von knapp zweieinhalb Stunden kein Raum mehr. Man kann dem Film vorwerfen, dass er seine bitteren Themen für Hollywood-Entertainment missbraucht – und der Vorwurf ist tatsächlich erhoben worden. Von einer anderen Blickrichtung aus hat „Blood Diamond“ aber den Handel mit Blutdiamanten und das Elend von Kindersoldaten ins Licht einer internationalen Öffentlichkeit gerückt. Handwerklich ist „Blood Diamond“ über jeden Zweifel erhaben, das politische Moment mag jede/r so bewerten, wie er/sie möchte. Großes Hollywood-Kino ist das so oder so.

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… jagt hinter Solomons Sohn her

Filmtipps zu Blutdiamanten und Kindersoldaten

Mit Blutdiamanten befasst sich auch der sehenswerte Kölner „Tatort: Blutdiamanten“, der im Januar 2006 erstmals im Ersten ausgestrahlt worden ist. 2008 entstand der französisch-belgisch-liberianische „Johnny Mad Dog“, in dem auf bedrückende Weise das Los von Kindersoldaten dargestellt wurde.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jennifer Connelly sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Leonardo DiCaprio unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 4. März 2012 als DVD im Steelbook, 19. September 2007 als Blu-ray, 13. Juni 2008 als 2-Disc Premium Edition DVD, 25. Mai 2007 als DVD und limited 2-Disc Edition DVD im Steelbook

Länge: 143 Min. (Blu-ray), 137 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Blood Diamond
USA 2006
Regie: Edward Zwick
Drehbuch: Charles Leavitt
Besetzung: Leonardo DiCaprio, Djimon Hounsou, Jennifer Connelly, Arnold Vosloo, Kagiso Kuypers, Michael Sheen, Benu Mabhena, David Harewood, Basil Wallace, Jimi Mistry, Ntare Guma Mbaho Mwine
Zusatzmaterial (Angaben für 2-DVD-Sets): Das Blut am Diamanten, Folge dem Weg eines Edelsteins bis ins Geschäft, Die Rolle des Archer – Leonardo DiCaprio und seine Filmfigur, Journalismus an der Front – Jennifer Connelly über weibliche Kriegsreporter, Die Belagerung von Freetown – Edward Zwick über eine der zentralen Szenen des Films, Musikvideo „Shine on ‘em“ von NAS, Audiokommentar von Regisseur Edward Zwick, US-Kinotrailer
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshots: © Warner Home Video

 

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The Revenant – Der Rückkehrer: Der mit dem Bären tanzt

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The Revenant

Kinostart: 6. Januar 2016

Von Andreas Eckenfels

Abenteuer // Wird Leonardo DiCaprio im sechsten Anlauf endlich zum Oscargewinner? Verdient hätte der stets jugendhaft aussehende Hollywood-Star den Goldbuben schon vor Jahren. Doch mit der Hauptrolle in „The Revenant – Der Rückkehrer“ kann Leo es endlich schaffen. Für den beinharten Überlebenskampf, den er als legendärer US-Trapper Hugh Glass durchleiden muss, aß der bekennende Vegetarier nicht nur die rohe Leber eines Bisons. Der Weg, den er beschreiten muss, ist noch wesentlich beschwerlicher als sein berühmter, drogengeschwängerter Gang von seinem Sportwagen in sein Haus in Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“.

Die Nerven liegen blank

Enorme Anstrengungen musste auch die komplette Produktion durchmachen. Neun Monate dauerte der Mammutdreh von „Birdman“-Regisseur Alejandro González Iñárritu. Die eiskalten Temperaturen in der kanadischen Wildnis zehrten an den Kräften der Filmcrew. Das Wetter machte den Aufnahmen häufig einen Strich durch die Rechnung. Weil am Ende des Drehs überraschend, da völlig untypisch für die Jahreszeit, der Schnee in Kanadas Bergen bereits geschmolzen war, wurde das Finale stattdessen in Argentinien gedreht.

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Hugh Glass ist ein erfahrener Trapper

Die steigenden Kosten brachten nicht nur Produzent Jim Skotchdopole auf die Palme, auch Crewmitglieder verließen aus Protest über die Arbeitsbedingungen das Set. Iñárritu bestand zudem darauf, den Film in chronologischer Reihenfolge und nur mit natürlichem Licht zu drehen. Was alles zusätzliches Geld, Zeit und vor allem viele Nerven verschlang.

Mann gegen Grizzly

Doch die Strapazen haben sich mehr als gelohnt: Iñárritu ist mit der wahren Geschichte von Hugh Glass, der Mitte der 1820er-Jahre die Truppe von Captain Andrew Henry (Domhnall Gleeson) auf der Jagd nach Tierfellen durch die kanadischen Wälder und entlang des Missouri River führt, ein ungeschliffenes, wildes und packendes Survival-Drama gelungen. Ein Grizzly kommt dem erfahrenen Scout in die Quere. Seine Flinte kann Glass nicht mehr rechtzeitig zücken.

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John Fitzgerald fällt eine folgenschwere Entscheidung

Der Kampf mit dem Bären ist unglaublich hart und authentisch inszeniert. Erinnerungen an die rohen Hundekämpfe aus Iñárritus brillantem Erstling „Amores Perros“ werden wach. Brüllen, Kratzen, Beißen – alles muss Glass über sich ergehen lassen, während das Tier mit seinem vollem Körpergewicht auf ihm herumtrampelt. Und ehe es sich Glass versieht, liegt er halb zerfetzt und mit gebrochenen Knochen am Boden. Doch wie durch ein Wunder hat er den Bären erlegt.

Totgeglaubt

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Im Bärenfell kämpft sich Glass zurück in die Zivilisation

Henry beschließt, den halbtoten Glass mit dessen halbindianischem Sohn Hawk (Forrest Goodluck), sowie dem kaltblütigen John Fitzgerald (Tom Hardy) und dem jungen Jim Bridger (Will Poulter) zurückzulassen. Doch die Wildnis und die Kälte machen ihnen zu schaffen. Zudem ist bei Glass‘ Zustand keine Besserung in Sicht und Indianer sind ihnen auf den Fersen. Schließlich eskaliert die Situation: Fitzgerald bringt Hawk um und überzeugt Bridger, ohne den dahinsichenden Glass abzuhauen. Doch Glass überlebt …

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Erinnerungen an bessere Zeiten

So wechselt „The Revenant“ vom Western zum Rachedrama. Es entspinnt sich ein knallhartes Epos über Naturgewalt, Habgier und Willenskraft, in dem auch immer wieder esoterische Elemente eingestreut sind. Die Bilder von Iñárritus Lieblingskameramann Emmanuel Lubezki – Oscar-gekrönt für „Gravity“ und „Birdman“ – tun ihr Übriges dazu, um für zweieinhalb Stunden in dieser rauen, eiskalten und brutalen Welt zu versinken.

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3.000 Meilen durch die eisige Wildnis – dann Rache!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Leonardo DiCaprio, Domhnall Gleeson und Tom Hardy haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 151 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Revenant
USA 2015
Regie: Alejandro González Iñárritu
Drehbuch: Alejandro González Iñárritu, Mark L. Smith nach dem Roman „Der Totgeglaubte: Eine wahre Geschichte“ von Michael Punke
Besetzung: Leonardo DiCaprio, Tom Hardy, Domhnall Gleeson, Will Poulter, Lukas Haas, Paul Anderson, Kristoffer Juan
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2016 Twentieth Century Fox

 

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