RSS

Schlagwort-Archive: Leslie Banks

Bosambo – Mit einem zweischneidigen Schwert Afrika entdecken

Sanders of the River

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // Um seinen Einfluss als Kolonialmacht in Nigeria erfolgreich zu verwalten, braucht Großbritannien Männer wie Distrikt-Kommissar Sanders (Leslie Banks), der sich bei den Eingeborenen einen durch Respekt, aber auch Ehrfurcht geprägten Ruf erworben hat. Vor allem dem sogenannten „Alten König“ Mofolaba (Tony Wane) ist die britische Übermacht allerdings ein Dorn im Auge. Der junge, aufstrebende Bosambo (Paul Robeson) warnt Sanders frühzeitig vor sich zusammenbrauendem Unheil. Mofolabas Krieger gehen beim Raubzug gern einmal bei anderen Stämmen auf Sklavenjagd. Sanders versteht sich darauf, wieder Ruhe herzustellen, wenn die Luft brennt, doch er kann nicht ewig bleiben – und ob auch ein Nachfolger der Aufgabe gewachsen sein wird, wird immer fraglicher.

Ursprünglich sollte Alfred Hitchcock die Regie bei diesem Projekt übernehmen, war aber nur in der Frühphase in die Entwicklung involviert. Schließlich erwählte Alexander Korda, der geldgebende Schirmherr, seinen Bruder Zoltan als Regisseur – damit wurde der Grundstein für eine Reihe exotischer Abenteuerfilme gelegt, die die beiden als Produzent/Regisseur-Gespann realisierten. Weitere Zusammenarbeiten sind „Elefanten-Boy“ (1937), „Gefahr am Doro-Pass“ (1938), „Die vier Federn“ (1939), „Der Dieb von Bagdad“ (1940) und „Das Dschungelbuch“ (1942), wenngleich Zoltan Korda nicht bei all den benannten Filmen alleiniger Regisseur war. Vor allem in Deutschland ist der Autor der Buchvorlagen, auf denen „Bosambo“ basiert, Edgar Wallace, natürlich primär für seine Kriminalromane und die daraus resultierenden (zu einem großen Teil deutschen) Filmproduktionen der späten 50er, der 60er und der frühen 70er bekannt, wobei auch in den 60ern noch parallel versucht wurde, seine Afrika-Geschichten wiederzubeleben: Für die entsprechenden Filme, „Todestrommeln am großen Fluss“ (1963) sowie „Sanders und das Schiff des Todes“ (1965), die gewissermaßen die Nachfolgeprojekte vom hier vorliegenden „Bosambo“ waren, wurde der auch in Hollywood bekannt gewordene irische Schauspieler Richard Todd als Zugpferd engagiert. Dessen internationale Bekanntheit resultierte unter anderem aus dem während Alfred Hitchcocks US-Phase in Großbritannien gedrehten Film „Die rote Lola“ (1950), wo er an der Seite von Marlene Dietrich zu sehen war.

Der Mann mit den vielen Gesichtern

Knapp 30 Jahre früher wurde bei der Vorbereitung von „Bosambo“ eine nicht minder interessante Besetzungsentscheidung für die Rolle des Distrikt-Kommissars Sanders getroffen: Leslie Banks. Legendär ist Banks heute vor allem für seine Schurkenrolle in dem Kult-Horrorfilm „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ (1932), die man hinsichtlich ihrer Bedeutung für Filmwissenschaft wie auch Genre-Fans beinahe auf Augenhöhe mit Bela Lugosis „Dracula“ und Boris Karloffs „Frankenstein“ ansiedeln kann, die zur selben Zeit berühmt wurden. Daneben zählen aber auch die Hauptrolle in der britischen Urfassung von Alfred Hitchcocks „Der Mann, der zu viel wusste“ (1934) und eine große Rolle im ersten im Drei-Farben-Verfahren von Technicolor gedrehten britischen Film, „Zigeunerprinzessin“ (1937), der gleichzeitig auch der überhaupt erste europäische Film in diesem dann lange Jahre federführenden Technicolor-Verfahren war, zu Leslie Banks’ durchaus illustrer Filmografie.

Interessant an seinen Filmen ist, neben seiner Begabung, sowohl Helden als auch Schurken nuancenreich umsetzen zu können, dass Leslie Banks auf einer Hälfte seines Gesichts große Vernarbungen und zudem paralysierte Stellen hatte, die aus Verwundungen im Ersten Weltkrieg resultierten. Diese werden von der Kamera im Regelfall weitestgehend ausgespart. Es ist spannend zu beobachten, wie dies von Hitchcock bis Korda und darüber hinaus immer wieder filmisch gelöst wurde, sodass dieser versierte Mime trotz alledem Hauptrollen vor der Kamera spielen konnte, ohne jedes Mal unfreiwillig sofort an den finsteren Graf Zaroff zu erinnern. Ich entsinne mich, dass ich vor einigen Jahren für ein Seminar einen Screenshot aus „Der Mann, der zu viel wusste“ erstellt habe, der einer Kampfszene entnommen war, in der Banks im Eifer des Gefechts einmal kurz die andere Seite seines Gesichts direkt der Kamera zuwandte. Da konnte man das Ausmaß der Verwundung recht deutlich erkennen, die er in düsteren Rollen aber offenbar auch gern ganz ungehemmt nutzte, um dem Publikum gewissermaßen seine dunkle Seite zu zeigen.

Visionen eines Kontinents und seiner Menschen

„Bosambo“ bzw. „Sanders of the River“ ist einer der nicht allzu häufigen Fälle, bei dem in der deutschen Fassung eine andere konkrete Figur des Films zum Titelhelden erhoben wurde als in der Originalfassung (in der britischen Version steht Sanders im Titel, in der deutschen Version Bosambo). In den meisten Ländern ging dieser Punkt hinsichtlich der Betitelung des Films offenbar an Bosambo. An der Seite von Leslie Banks wurde der sowohl als professioneller Sänger wie auch Profi-Sportler und Schauspieler erprobte Afro-Amerikaner Paul Robeson in der Rolle des Bosambo engagiert, der hier sowohl in Opernsänger-Manier agieren als auch einiges von seinem sportlich gebauten Leib zur Schau stellen darf, dem Umstand entspringend, dass sein Oberkörper rollenkonform standardmäßig unbekleidet bleibt. Paul Robeson erhoffte sich von seiner Figur – einem jungen, eingeborenen Königsanwärter – die Chance, durch gezielte darstellerische Einflussnahme ein neues, positives Licht auf die Kulturen der afrikanischen Ureinwohner zu werfen. Dem Vernehmen nach war auch das Drehbuch ursprünglich wesentlich positiver gegenüber den Eingeborenen eingestellt als es im fertigen Film der Fall zu sein scheint.

Die stärkste Performance des Films gelang allerdings einem offenbar in Afrika ansässig gewesenen Darsteller namens Tony Wane, der auch unter dem Namen Toto Ware und dem Pseudonym „Ecce Homo Toto“ firmierte. Seine Filmografie beschränkt sich auf wenige Produktionen zu der Zeit, als Afrika in den 30ern gerade als Drehort für große Ton-Spielfilmproduktionen aus Übersee erschlossen wurde. „Bosambo“ zeigt Tony Wane in seiner offenbar ebenso größten wie auch ersten Rolle im Rahmen derartiger Kinoproduktionen. Er spielt den verschlagenen, mit einer denkwürdigen Frisur gesegneten König Mofolaba bemerkenswert frech und mimisch ebenso aggressiv wie auch provokant. Im Gegensatz zu Paul Robeson hatte Wane offensichtlich kein Problem damit, dass der Film ein gewisses eindimensionales Licht auf die Kulturen der afrikanischen Eingeborenen werfen konnte, sondern machte sich stattdessen einen Spaß daraus, gewisse Klischees auf die Spitze zu treiben – Zähnefletschen, hinterlistiges Gebaren, dreistes Lügen ins Gesicht und weit aufgerissene Augen des blutdurstigen Bösewichts inbegriffen, alles herrlich extrovertiert gespielt. Spaß macht auch die Art und Weise, wie er seine Stimme recht lässig und redegewandt zum Einsatz bringt. Ich möchte sogar in Abrede stellen, dass seine Figur trotz ihrer recht eindimensionalen Bösartigkeit so etwas wie dumm wirkt. Eher im Gegenteil. Wanes Interpretation der Rolle ist schon allein gemessen daran, wie er die Dialoge abliefert, Welten von irgendwelchem stumpfen, abgehackt radebrechenden „Ich großer Häuptling! Trommeln – Tod – weiße Frau!“-Einerlei entfernt, was man doch im einen oder anderen oberflächlich mit Ureinwohnern hantierenden klassischen Abenteuerfilm vorfindet. Sein Mofolaba macht einen ziemlich cleveren, finster gerissenen Eindruck. Sogar den Briten gegenüber lässt er von Anfang an in erster Linie lässige Arroganz heraushängen und wirkt damit auf eine Art sogar cooler als die steifen Kolonialrepräsentanten. Von Opportunismus irgendwelcher Form kann da beim besten Willen keine Rede sein, weder mit Blick auf die Rolle noch die Darstellung. Zudem werden außer ihm nur wenige der negativ eingestellten Figuren wirklich konkret. Man hat bei näherer Betrachtung somit eigentlich auch nicht das Gefühl, dass die gezeigten Afrikaner mehrheitlich in ein negatives Licht gezogen werden.

Wenn Graf Zaroff zum Lord wird

Ob die generelle Darstellung der Eingeborenen in diesem Film aus heutiger Sicht nicht doch deutlich weniger das ad absurdum führende Problem ist als der Aspekt, dass der designierte Held des Films von ihnen immerfort mit dem peinlich-albernen Rufnahmen „Lord Sandi“ (ausgesprochen wie der Frauenname Sandy) tituliert wird, sei einmal dahingestellt. Spätestens als Sanders diese Bezeichnung sogar selbst benutzt, um sich gegenüber den Eingeborenen zu positionieren und Worte gebraucht wie, frei übersetzt: „Ich bin Sandi, der euch Recht und Ordnung bringt!“, um damit eine tobende Masse zu beruhigen – in einem Moment des Höhepunkts des gesamten Films –, kann man schon einmal kurz ins Grübeln kommen, was uns die Macher hier eigentlich punktuell für einen Blödsinn anbieten wollen. Man wünscht sich ein wenig, dass sich im nächsten Moment jemand mit den Worten „Ja, Lord! Was immer Ihr sagt, Lord!“ vor ihm in den Schmutz wirft – am besten streng in schwarzem Leder gekleidet – oder dass immer wieder ausführliche „Sandy! Sandy!“-Sprechchöre einsetzen. Aber Mel Brooks war damals leider noch nicht aktiv.

Die Schauwerte des Films jedoch übertrumpfen für meinen Geschmack den Aspekt, dass er natürlich das Vorgehen der Kolonialmacht in ein möglichst gutes Licht zu rücken versucht. Zwar ist „Bosambo“ sicherlich – unabhängig davon, wie streng kritisch man die Darstellung der Afrikaner nun bewerten will – zumindest Werbung für das Weltbild, dass es den klugen weißen Mann gebraucht habe, um in Afrika wirklich für Ordnung zu sorgen, da er nicht nur weißer, sondern auch weiser sei, allerdings ist dieser Film nichtsdestotrotz gleichzeitig hervorragende Werbung für den Kontinent Afrika, mitsamt seiner Tierwelt und seiner spannenden Kulturen. Schließlich werden ja auch einige Stämme, mitsamt fürs europäische Auge der 30er recht freizügigen Tänzen, Gesang, Signaltrommeln usw. gezeigt sowie diverse interessante Tieraufnahmen eingebunden. Man muss sich vor Augen führen: Das ist sogar nicht einfach nur Werbung mit hohen Schauwerten, sondern nicht weniger als dokumentarische Pionierarbeit innerhalb eines Spielfilms, in für die damalige Zeit revolutionärer Form. Eine Art Blockbuster – nach damaligen Maßstäben –, der gleichzeitig auch umfangreich Bild und Ton von einem anderen Kontinent zeigt. Hollywood hatte es mit „Trader Horn“ (1931) in Afrika vorgemacht, nun folgten die Briten. Filmisches Dokumentarmaterial aus Afrika war, zumal mit Ton, damals ganz generell noch als Rarität zu werten und ein Spielfilm obendrein natürlich eine exzellente Plattform. Der Tonfilm war noch jung und auch das affektive Kombinieren dokumentarisch gefilmter Eindrücke mit einer Spielfilm-Handlung ein Feld, in dem es viel zu entdecken gab. Das allein macht „Bosambo“ schon zu einem wichtigen, wenn auch – keine Frage – moralisch diskutablen Film.

Nein, ich will nicht mehr mitmachen! Ihr könnt allein weiterspielen!

Paul Robeson jedenfalls war sehr enttäuscht vom letztendlichen Ergebnis. Es wurde später behauptet, er sei schon bei der Premiere entrüstet aufgestanden und gegangen – wobei umstritten ist, wie nah diese Darstellung an der Wahrheit ist. Sein Ärger richtete sich vor allem dagegen, dass angeblich Änderungen am Film, die die afrikanischen Eingeborenen, nach Meinung mancher, in einem viel zu negativen, zu brutalen oder zu geistig minderbemittelten, kindisch-naiven Licht dastehen lassen, erst relativ kurz vor Drehschluss gemacht worden sein sollen. Verbunden mit Nachdrehs, zu denen Paul Robeson aufgefordert wurde, obwohl er die Rolle angeblich nur unter der strengen Bedingung angenommen hatte, dass die afrikanischen Kulturen positiv dargestellt werden sollten. Ich zweifle die Theorie von der plötzlichen 180-Grad-Wende allerdings etwas an, da der Film recht viele Szenen enthält, die ein, wenn man es denn so zu Ende denken will, in der Hinsicht dann doch mindestens leicht, für andere stark diskutables Bild zeichnen. Und dann muss man eigentlich feststellen: Das hätte man nicht alles noch „spontan“ in der letzten Drehwoche improvisieren können. Somit dürfte zumindest viel früher, als es die Theorie vom urplötzlichen Umwälzen des gesamten Konzepts, hin zum Negativen, Glauben zu machen versucht, ersichtlich gewesen sein, in welche Richtung der Film aufgefasst werden könnte, wenn man aus einer Bande meuchelnder Mofolaba-Anhänger und einem eben mit der Kolonialmacht so gut es geht zusammenarbeitenden jungen, friedlichen Häuptling denn nun unbedingt negative Rückschlüsse auf sämtliche Afrikaner schließen will. Vielleicht gingen Robeson auch primär die die britische Kolonialmacht glorifizierenden, rahmenden Textbeigaben gegen den Strich. Aber lächerlicher als Intros klassischer US-Filme, die mit einem Vorwort irgendwelcher Bürgermeister, Gouverneure oder meinetwegen Polizeibeamter beginnen, welche hölzern pathetisches Blabla in die Kamera sprechen, ist das beileibe nun auch wieder nicht.

Selbst Paul Robesons Rolle noch als mitschuldig ins negativ verfälschende Gesamtbild hineinzwingen zu wollen, finde ich besonders abwegig. Egal, ob er das nun höchstpersönlich tat oder andere es probieren wollen würden. Ich finde, dass er seinem Anspruch einer positiven Darstellung afrikanischer Kultur durchaus gerecht geworden ist, auch wenn die Gewalt der Wortgewandtheit natürlich bei Kommissar Sanders verbleibt. Die Art und Weise wie dieser Bosambo sich mit der Besatzungssituation arrangiert, empfinde ich als relativ realistisch dargestellt. Und zum Realismus gehört nun einmal auch eine gewisse Hochnäsigkeit im Umgang, seitens der Briten. Diese belehrende Art und Weise im Film auch zu zeigen, ist aus meiner Sicht daher lediglich akkurat und keine künstliche Abwertung der Afrikaner. Dass es in diesem Film somit natürlich Szenen gibt, in denen Sanders mit Bosambo in gewisser Hinsicht wie mit einem Jüngelchen redet, ist auf eine Art natürlich abstoßend – aber andererseits eben auch glaubwürdig. Ein Film, der die von einer Kolonialmacht unterdrückten Afrikaner als auf Augenhöhe agierende Partner zeigt, hätte sich vielleicht angenehmer angefühlt, wäre aber nicht unbedingt glaubhafter oder realitätsnäher gewesen. Dass der Film sicher nicht als so etwas wie ein identitätsstiftendes Werk oder inspirierendes Verständnis für die Wurzeln afrikanisch-afroamerikanischer Kulturen schaffendes Werk funktionieren kann, wenn nicht gar als Leitbild für nachwachsende afrikanische Generationen, für die sich Paul Robeson seinen Bosambo ursprünglich offenbar als Aufbruchsstimmung schaffenden Helden und Identifikationsfigur erhofft hatte, liegt, für meinen Geschmack, in der Natur der Sache. Möglicherweise waren die Erwartungen, gerade aufgrund des Pioniercharakters dieses Films, einfach unglaublich hoch angesiedelt und die Enttäuschung daher auch maximal, dass der Film hinsichtlich der Handlung nicht übermäßig innovativ geriet, sondern nur hinsichtlich der Schauwerte. Da mochte sich der Star dann eben auch mal so richtig beleidigt fühlen.

Ob es die deutsche(n) Kinofassung(en) noch gibt?

Es heißt, Paul Robeson habe sogar versucht, alle Kopien des Films vom Markt zu kaufen, um damit weitere Aufführungen zu verhindern. Der Versuch scheiterte aber. Zum Glück, wie ich meine – denn Filme, die ein recht eindimensionales Bild jedweder Ureinwohner zeichnen, ob nun Afrikas, Nordamerikas oder Asiens, gibt es wie Sand am Meer. Und ein Extremfall innerhalb dieser Kategorie ist „Bosambo“ keineswegs. Zudem haben viele dieser Filme auf ihre Art auch einen eigenen narrativen und/oder filmstilistischen Charme, und es ist zu simpel, sie zur bloßen Herabstufung von Kulturen zu stilisieren. Spielfilme, die dokumentarisch höchst bemerkenswerte und rare Schauwerte bieten, wie etwa die vorliegenden Kultur- und Tieraufnahmen aus dem Afrika der 30er-Jahre, sind zudem erheblich seltener – und auch dieser Kategorie gehört „Bosambo“ nun einmal an; das für mich schwerwiegendere Argument als die andere Seite des zweischneidigen Schwerts.

In den USA gibt es „Sanders of the River“ schon seit über 15 Jahren auf DVD. 2007 wurde er wohlgemerkt auch innerhalb der renommierten Criterion Collection in einer Box zu Ehren Paul Robesons aufgelegt, die darüber hinaus noch einiges mehr zu bieten hat. Mit einer Einzelveröffentlichung des Films im eigentlichen Herkunftsland Großbritannien – wenngleich Paul Robeson natürlich Amerikaner war – dauerte es dann auch nicht mehr lange. Auch in anderen europäischen Ländern scheint der Film zum Teil offiziell auf DVD veröffentlicht worden zu sein. Eine deutsche Kinofassung dürfte es in jedem Fall 1950 gegeben haben. Die zugehörige Synchronfassung habe ich allerdings noch nie gehört. Anscheinend wurde der Film aber sogar schon vorher, in den 30er-Jahren, in Deutschland gezeigt. Paul Robeson beklagte – in diesem Kontext bedeutsam – schon 1938, es sei aus inhaltlichen Gründen der einzige seiner Filme, den man im faschistischen Italien und in Nazi-Deutschland überhaupt vorführen könne. Schwer komplett von der Hand zu weisen, wenn die entsprechende Vorführung dieses Films im Deutschland der 30er offenbar auch tatsächlich geschehen ist. Aber unabhängig davon: Schon allein weil Edgar Wallace in Deutschland definitiv noch immer eine Marke ist, sollte man zumindest hoffen dürfen, dass die Jagd auf die Wiederentdeckung von „Bosambo“ bald eröffnet wird. Auch hier gilt im Zweifelsfall aus meiner Sicht, dass es notfalls auch eine engagiert gemachte Neusynchronisation tut.

Veröffentlichung (USA): 13. Februar 2007 als DVD (in der Box „Paul Robeson – Portraits of the Artist“), 13. Januar 2004 als DVD (als Double Feature mit „The Jackie Robinson Story”)

Länge: 98 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Sanders of the River
GB 1935
Regie: Zoltan Korda
Drehbuch: Lajos Biró, Jeffrey Dell, Arthur Wimperis, nach Geschichten von Edgar Wallace
Besetzung: Paul Robeson, Leslie Banks, Nora Mae McKinney, Tony Wane, Robert Cochran, Martin Walker, Richard Grey, Marqués De Portago, Eric Maturin, Allen Jeayes
Verleih: United Artists

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Horror für Halloween (XXVII): Graf Zaroff – Genie des Bösen: Das gefährlichste Spiel mit dem gefährlichsten Wild

The Most Dangerous Game

Von Volker Schönenberger

Horror-Abenteuer // 1987 war Arnold Schwarzenegger der „Running Man“. In dem dystopischen Actionfilm nach einem Roman von Stephen King rannte das österreichische Kraftpaket auf der Flucht vor gnadenlosen Killern um sein Leben. Schon 1970 hatte Tom Toelle fürs bundesdeutsche Fernsehen „Das Millionenspiel“ nach einem Drehbuch von Wolfgang Menge inszeniert, in dem sich Freiwillige für die Aussicht auf eine Million Mark von einer Bande von Killern (u. a. Dieter Hallervorden) jagen lassen. Von 1965 stammt der italienisch-französische Science-Fiction-Film „Das zehnte Opfer“, in dem es ebenfalls um eine Spielshow geht, in der Jäger auf menschliche Opfer gehetzt werden. 1993 inszenierte John Woo mit seinem Hollywood-Debüt „Harte Ziele“ mit Jean-Claude Van Damme eine Menschenjagd, die 2016 mit „Hard Target 2“ ein Sequel mit Scott Adkins erhielt.

Ein Schiff gerät auf die Klippen

Der womöglich früheste Vertreter dieser besonderen Spezies des Menschenjagd-Films ist „Graf Zaroff – Genie des Bösen“, der im September 1932 in die US-Kinos kam. Für Hinweise auf noch ältere Filme bin ich dankbar. Die beiden Regisseure Irving Pichel und Ernest B. Schoedsack drehten das Horror-Abenteuer parallel zu „King Kong und die weiße Frau“, bei dem Schoedsack ebenfalls Regie führte. Einige Dschungelkulissen in den RKO-Studios hielten für beide Filme her. Mit Robert Armstrong und Fay Wray spielten zwei namhafte Stars in beiden mit.

Aristokrat mit finsteren Absichten

Vor einer einsamen Insel läuft eine Passagieryacht auf Klippen und sinkt. Der Großwildjäger Robert Rainsford (Joel McCrea) rettet sich ans Ufer und gelangt zur Burg des Grafen Zaroff (Leslie Banks), der dort mit seiner Schar von Kosakendienern residiert. Mit Eve Trowbridge (Wray) und ihrem Bruder Martin (Armstrong) trifft Rainsford auf zwei weitere Überlebende des Schiffbruchs. Bald bestätigt sich der Verdacht, dass Graf Zaroff finstere Absichten hegt: Der gelangweilte Aristokrat lockt Schiffe auf Grund, um die Überlebenden anschließend auf seiner Insel zu jagen.

Graf Zaroff (l.) nimmt den Überlebenden Robert Rainsford auf

„The Most Dangerous Game“ lautet der Originaltitel von „Graf Zaroff – Genie des Bösen“, wobei „Game“ eine schöne Doppelbedeutung hat: Für die Schiffbrüchigen handelt es sich bei der Jagd mit ihnen als Beute in der Tat um das gefährlichste aller Spiele, da es um ihr Leben geht. „Game“ bedeutet aber auch „Wild“, und in dem Sinne gibt Graf Zaroff zu Beginn der Jagd zu, dass er es bevorzugt, das gefährlichste Wild zu jagen: den Menschen.

Haiangriff und Deutsche Doggen

Die Qualität dieses herrlichen alten Grusel-Abenteuers zeigt sich bereits beim Schiffsuntergang, der trotz Miniaturmodell in der Totale intensiv und beklemmend inszeniert worden ist – inklusive Haiangriff. Spannend wird es auch später, wenn Eve und Robert durch den Dschungel hetzen, den Jäger und seine großen dunklen Hunde stets auf den Fersen – Deutsche Doggen, die man geschwärzt hatte. Seine deutsche Synchronisation erhielt „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ erst 1976 anlässlich der TV-Premiere im ZDF. In die deutschen Kinos hatte es der Film nie geschafft. In den Trivia der IMDb ist obendrein zu erfahren, dass eine 78-minütige Fassung existierte, die in den Preview-Vorführungen allerdings dazu führte, dass Zuschauer den Saal verließen. Einige Ausstellungsstücke in Graf Zaroffs Trophäenraum waren offenbar zu drastisch ausgefallen, diese Szenen wurden somit entfernt. Auch so ist bei „The Most Dangerous Game“ klar zu erkennen, dass es sich um einen Pre-Code-Film handelt, der einige Elemente zwei Jahre vor der verbindlichen Einführung des Hays Codes noch deutlicher zeigen konnte, als es bald darauf möglich sein würde. Der sinistre Graf und seine ebenso bösartigen Helfershelfer kennen kein Pardon, ihre Hetzjagd durch den Dschungel, an steilen Küsten und am Wasserfall fesselt auch nach all den Jahren.

Von YouTube bis Criterion

Da „The Most Dangerous Game“ 1960 gemeinfrei bzw. Bestandteil der Public Domain geworden ist, besteht an mehr oder minder gelungenen Veröffentlichungen kein Mangel. Auch bei YouTube ist er in voller Länge zu finden. In Deutschland hat Anolis den Film als DVD veröffentlicht, in den USA findet sich eine empfehlenswerte DVD von The Criterion Collection. Einige Editionen enthalten auch die Anfang der 90er-Jahre entstandene nachkolorierte Fassung des Schwarz-Weiß-Films. Für Freunde klassischer Abenteuer aus der Frühphase des Tonfilms stellt „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ Pflichtprogramm dar.

Robert und Eve hetzen durch den Dschungel

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Joel McCrea haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Graf Zaroff nimmt seine Beute ins Visier

Veröffentlichung: 10. Januar 2014 und 2. August 2011 als „75th Anniversary Edition“ Doppel DVD Deluxe Editon, 17. Februar 2011 und 2. Januar 2010 als DVD inklusive Farbversion, 7. März 2006 als DVD

Länge: 63 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Most Dangerous Game
USA 1932
Regie: Irving Pichel, Ernest B. Schoedsack
Drehbuch: James Ashmore Creelman, nach einer Kurzgeschichte von Richard Connell
Besetzung: Joel McCrea, Fay Wray, Robert Armstrong, Leslie Banks, Noble Johnson, Steve Clemente, William B. Davidson, Oscar „Dutch“ Hendrian
Zusatzmaterial: Interviews mit Ray Harryhausen, John Morgan und James D’Arc, Bildergalerie, Trailershow, neu restaurierte Schwarz-Weiß-Version
Vertrieb: diverse

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Filmplakat: Fair Use

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: