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Horror für Halloween (XIX): Der Schrecken der Medusa – Wer zu groß für diese Welt ist, bekämpft Feuer mit Feuer

The Medusa Touch

Von Tonio Klein

Der folgende Text enthält Spoiler.

SF-Horrorthriller // Der französische Inspektor Brunel (Lino Ventura) ist auf Polizistenaustausch in London und ermittelt in einem Mordversuchsfall. Bald merkt er: Um den Täter zu ermitteln, ist es viel wichtiger, etwas über das Opfer herauszufinden, den exzentrischen Schriftsteller John Morlar (Richard Burton). Dass der überhaupt noch lebt, nachdem eine Statuette mehrfach heftig auf seine Schädeldecke niederging, kehrt die Naturgesetze anscheinend um: Während – sofern es nicht gleichzeitig geschieht – sonst der Hirntod dem Herztod vorausgeht, hat Morlar, der im Krankenhaus am Leben gehalten wird und sich nicht äußern kann, einen eigentlich nicht mehr zum Überleben befähigenden Puls, aber rege Gehirnströme.

Ein Katastrophenmann und ein exzellentes Booklet

Anhand von Aufzeichnungen Morlars stößt Brunel auf dessen Psychotherapeutin Zonfeld (Lee Remick). Gespräche mit ihr und anderen, die Morlar kennen, werden in Rückblenden illustriert, in denen Morlar von Kind an mit jeder Menge so seltsamer wie tödlicher Unfälle in Verbindung steht. Alles nur Zufälle, oder schickt er Menschen telekinetisch in den Tod, und kann er dergestalt gar Massenkatastrophen auslösen?

Augenblick mal – Hurra, hurra, die Schule brennt

Ein früheres Mediabook von Koch Films war extrem schnell vergriffen. Blogbetreiber Volker Schönenberger hat den Film auf dessen Grundlage bereits im Herbst 2020 rezensiert. Etwaige Überschneidungen sind meiner Entscheidung geschuldet, diesen Text vor Absendung meines eigenen nicht zu lesen. Das neue Mediabook unterscheidet sich nur im Cover. Die identischen Discs präsentieren den Film in hoher Qualität und mit reichhaltigen Extras. Das Booklet Oliver Nödings, meines geschätzten Kollegen bei „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“, ist so informativ wie leidenschaftlich geschrieben und ausgezeichnet redigiert. In vorbildlicher Weise geht Nödings Text zunächst auf den Film selbst, inklusive konkreter Einzelszenen, ein, verortet ihn dann im Kontext (der zivilisationskritischen Katastrophenfilme einerseits und des britischen Kinos andererseits), um sich schließlich Richard Burton zu widmen. Gerade Letzteres kann leicht einmal in ein bezugsloses Herunterrattern biografischer Daten abgleiten – bei Nöding nicht! Er hat ja Recht: Man mag von Burton halten, was man will (ich liebe ihn trotz Gurken wie „Im Morgengrauen brach die Hölle los“, 1971). Aber speziell bei diesem Film kommt man nicht umhin, zu bemerken, wie stark „Der Schrecken der Medusa“ von Burtons Charisma lebt, als habe der Mime, so Nöding sinngemäß, nur darauf gewartet, den Morlar zu spielen.

Nicht nur Richard Burton!

Der SF-Horrorthriller ist aber auch in den Nebenrollen mit renommierten britischen Charakterdarstellern besetzt, sowie in den Hauptrollen mit Importen aus Übersee und vom Kontinent: Die US-Amerikanerin Lee Remick könnte sich mit Burton ein Blaue-Augen-Duell liefern, und die beiden sind letztlich auch Antagonisten in ihren Rollen, denn Zonfeld weiß mehr über Morlar, als sie zunächst zugibt. Ich gestehe, eine Schwäche für Remick zu haben – wer je zweimal unter Blake Edwards und Elia Kazan spielte, kann nicht schlecht sein! Sie ist, so subjektiv das sein mag, sehr schön, hier als nicht mehr ganz junge Frau von einer eleganten statt aufdringlichen Schönheit mit schmalen, akkurat als „Schmetterlingsmund“ geschminkten Lippen. Wie Alfred-Hitchcock-Blondinen? Nein, hinter deren Contenance steckt Verführung, hinter Zonfeld tiefe Verunsicherung – und da passt es eben gut, dass es gerade Remicks Präsenz ist, die dagegen ankämpft. Sie verströmt schon äußerlich das Bild einer Frau, für die die Dinge ihre Ordnung haben. Somit kann Zonfeld umso eher erschüttert werden, wenn diese Ordnung ins Wanken gerät. Auch Lino Ventura ist ein Glücksgriff. In Würde gealtert, ist sein Stoizismus Traurigkeit – passend dazu, dass er aus der Gegenwart, in der vielleicht alles schon zu spät ist, in die Vergangenheit eintauchen muss. Gleichwohl wird er sich in einem dramatischen Finale zu einer Aktion aufraffen, aber müssen wir angesichts des Vorherigen und eben seines Spiels immer befürchten, dass auch diese vergeblich sein wird.

Gesellschaftskritischer Horror statt platte Moral

Der Film spielt virtuos mit den Genres und dadurch mit der Haltung des Zuschauers. Einige der Rückblenden sind schwarzer Humor in Reinkultur. Wobei das Horrorfilm-Klischee, dass es die erwischt, die es irgendwie verdienen, mal nicht in konservativer Weise (wer mit dem Quarterback in die Kiste steigt, wird abgestochen …), sondern sehr gesellschaftskritisch bedient und damit variiert wird. Von drakonischen Schulstrafen über druckvolle Frömmelei eines Kindermädchens über Eltern des kleinen Morlar, die ihre Kleinbürgerlichkeit mit einem Pseudo-Dünkel kaschieren, aber keinen Funken Liebe für das Kind übrig haben: Da ist alles dabei, und das ist very british in einer Gesellschaft, die im Grunde bis heute noch stärker Klassengesellschaft als manch andere ist. Höhepunkt ist, dass Morlar vor seiner Schriftstellerkarriere Rechtsanwalt war und in einer Verhandlung die perückten Organe der Rechtspflege und ein (relativ) langhaariger Angeklagter aufeinanderprallen. Dieser hat antimilitaristische Pamphlete verfasst – aber dadurch auch zu Gewalt aufgerufen? Hier treffen das alte Establishment und jugendlicher Aufruhr ungeschützt aufeinander, ungeschützt von Morlar auch, der äußerlich bei Ersterem, inhaltlich bei Letzterem ist, aber in seinem Plädoyer dermaßen überzieht, dass sein Mandant erst recht verknackt wird, mit absurd hohem Strafmaß.

Morlar, der Rächer: Ein Anwalt sieht rot

Die Gerichtsszene ist eine Schlüsselszene und ein Kipppunkt, vielleicht zusammengenommen mit der von Nöding besonders hervorgehobenen Rückblende, in der Morlar eine nervötende Nachbarin dazu bringt, aus dem Fenster zu springen. Ja, das ist irgendwie lustig, und sie nervt so, dass wir auf Morlars Seite sind. Aber wir sehen eben auch den Ehemann, der – obschon alles andere als grundsympathisch – die Nervensäge trotz des heftigen Streits gern hatte, sie vermisst und um sie trauert. Morlar ist einer, dessen Zorn von mir aus gerechter Zorn genannt werde, der aber Feuer mit Feuer bekämpft. Und in der einen wie der anderen Szene ist das kontraproduktiv.

Das Zerstörerische als Zwang

Nun ist es gar nicht einmal so, dass wir in Morlar zunächst einen Sympathieträger haben, der uns dann madig gemacht wird. Vielmehr studieren wir einen Mann der innerlichen Zerrissenheit. Seine Macht wird ihm zur Bürde, was mich bei allen Unterschieden an einen anderen, klassischen Horrorstoff erinnert hat: H. G. Wells’ „Der Unsichtbare“, speziell in der gleichnamigen Verfilmung von 1933. Der dortige Titelheld und Morlar sind hochintelligente Zyniker, letztlich aber Opfer ihrer eigenen Fähigkeiten, gegen deren Einsatz sie sich nicht wehren können – bis man sich fragt, ob sie das überhaupt noch wollen. Es ist großartig, wie das in „Der Schrecken der Medusa“ bis zuletzt in der Schwebe gehalten wird. Morlars Verhältnis zu Zonfeld ist im Grunde ein einziger an sie gerichteter Hilfeschrei. Lange will er gestoppt werden, will er das, was er aus eigener Kraft nicht mehr kann. Die Gleichgültigkeit der Menschen, der Gesellschaft, ist ihm zuwider, was sich vor allem im erschreckenden Finale zeigt, wo er an einem Bauwerk rüttelt, aber nicht schafft, Menschen aufzurütteln. Seinen Mörder scheint er mit offenen Armen zu empfangen: „Ah, endlich einmal eine Reaktion.“ Konsequent, dass offenbar weder Morlar noch die Gleichgültigkeit totzukriegen ist.

Therapeutin Zonfeld (l.) und Kriminalist Brunel im Krankenhaus: Kann Morlar nicht mal sterben?

Zonfeld sagt, zu ihr kämen meist Leute, für die die Welt zu groß sei, aber Morlar sei zu groß für diese Welt. Er ist zweifelsohne so hellsichtig wie hochbegabt wie mächtig. Ob man das nun mit Gott, dem Teufel, der Medusa (die auch als Caravaggio-Bild vorkommt) assoziiert oder als allgemeinere Symbolik deutet, ist letztlich egal. Wahrhaftigkeit gegen den Schein, gegen die tradierten Institutionen der Macht (vor allem Kirche, Rüstung, technischer Größenwahn). Aber Morlar, der im Kern aufrechte Streiter, verzweifelt so sehr an der Welt, dass er es ihr mit gleicher Münze und gleicher Gewalt heimzahlt. Damit ist er eher ein tragisch scheiternder Gewalttäter statt ein Problemlöser. Hier geht der Film von satirischer Genugtuung immer mehr zu blankem Terror über und verursacht extremes Magengrummeln, heutzutage sogar noch stärker als bei der Uraufführung: Anfangs werden die Rückblenden-Tode explizit, aber nicht übermäßig grausam gezeigt, später wird nur noch die jeweilige Vorgeschichte präsentiert, weil man sich im Stile eines Running Gag eben schon denken kann, dass es den jeweiligen Fiesling wenig später dahinrafft. Dann aber wird der Film wider Erwarten wieder explizit und steigert das Ausmaß der Gewalt: Wenn Morlar, was auch schon das Cover dieses Mediabooks andeutet, ein vollbesetztes Flugzeug in ein Hochhaus lenkt und die Kamera das eben nicht mehr ausklammert, sind heutzutage einfach die Bilder des Anschlags vom 11. September 2001 im Kopf. Und es sind nicht mehr die Fieslinge, die sterben.

Deklamierkunst trifft filmische Gestaltungskunst

„Der Schrecken der Medusa“ findet Bilder für seinen Parforceritt und für die Stärken der Hauptdarsteller, wobei er zudem Richard Burtons am Theater geschulte Deklamierkunst zur Entfaltung gelangen lässt, beispielsweise in der Gerichtsszene. Im Übrigen hat er vor allem bei Remick und Burton teils extreme (aber nie inflationäre) Großaufnahmen. Wir sehen bei ihr sozusagen die Risse in der scheinbar makellosen Oberfläche Zonfelds. Burton, schon früh mit pockennarbigem Gesicht als typenbesetzter Hollywoodschönling nicht zu gebrauchen, schenkt die Kamera nun wirklich nichts und zeigt Morlar als so Gepeinigten wie Peinigenden. Zudem immer wieder die blauen Augen der beiden. Auch Medusa konnte mit ihrem Blick andere versteinern. Dass die in Spiel und Aussehen stark unterschiedliche, bei der auffälligen Augenfarbe aber ähnliche Remick ebenfalls solche Großaufnahmen bekommt, zeigt, dass sie den Kampf aufnehmen will, dass es aber schwierig werden könnte.

Deine blauen Augen machen mich so sentimental

Ventura ist kameratechnisch etwas unauffälliger (und hat übrigens braune Augen), ist zunächst vom Antagonismus Morlar/Zonfeld getrennt, muss sich aus der Gegenwart erst in die Vergangenheit hineinwühlen. Wobei die Zeitebenenwechsel sehr geschickt gestaltet sind. Durch eine sehr lange Überblendung oder durch einen narrativ eigentlich unmöglichen Schwenk ohne Schnitt berühren Vergangenheit und Gegenwart einander, spielt Brunels Detektivarbeit mitnichten nur im Gestern, sondern ist die Vergangenheit noch in der Gegenwart, so wie der klinisch so gut wie Tote anscheinend eben doch noch (hirn-)aktiv ist. Und die Kamera spielt sinnfällig mit Brennweiten: Gelegentlich führen tiefenscharfe Bilder zu einer Überlagerung und simultanen Präsenz der Zeitebenen. In einer Szene mit Brunel und Zonfeld verändert die Kamera ohne Schnitt stufenlos die Brennweite, von Weitwinkel zu Tele. Die beiden, die in ein paar Metern Abstand hintereinander stehen und dies nicht ändern, rücken optisch näher zusammen, aber die Tiefenschärfe wird gleichzeitig deutlich geringer. Auf Handlungsebene schenkt Brunel Zonfeld, die an Morlars Fähigkeiten glaubt, nun auch Glauben. Die beiden nähern einander an, sind sozusagen nicht mehr „scharf getrennt“, was einerseits natürlich gut ist, andererseits das Ausmaß des Schreckens erst so richtig begreifen und die scheinbare Überschaubarkeit verschwimmen lässt.

Überinterpretation? Mag sein, aber Kunst lebt davon, dass jeder seine eigenen Betrachtungen anstellen kann, ob sie nun nachweislich vom Künstler intendiert sind oder nicht. Und dieser Film ist große Kunst, Satire, Horror, Katastrophenfilm und Zivilisationskritik in einem – ohne dass seine einzelnen Elemente einander auf die Füße treten.

Negatives im Nanobereich

Lediglich zwei kleine Szenen, in denen sich Brunels britischer Partner nähert und wir mit einer vermeintlichen Bedrohung rechnen sollen, hätte man lassen können: Solche stereotypen Spannungsmomente hat das Werk doch gar nicht nötig! Es ist intelligent, fulminant, empathisch, gestalterisch und darstellerisch hervorragend, erschreckend – und wirkt mit alldem lange nach. Vom britischen Regisseur Jack Gold der einzige mir bekannte Film, aber nach ihm würde ich dem Mann so ziemlich alles verzeihen, falls das nötig sein sollte.

Morlar, der Gepeinigte: die Kraft als Bürde

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lee Remick haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Richard Burton und Lino Ventura unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 10. Juni 2021 und 30. Januar 2020 als 2-Disc Limited Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 21. November 2007, 30. November 2006 und 1. August 2004 als DVD

Länge: 109 Min. (Blu-ray), 105 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Medusa Touch
GB/F 1978
Regie: Jack Gold
Drehbuch: John Briley, nach einem Roman von Peter Van Greenaway
Besetzung: Richard Burton, Lino Ventura, Lee Remick, Harry Andrews, Alan Badel, Marie-Christine Barrault, Jeremy Brett, Gordon Jackson, Michael Byrne, Derek Jacobi, Robert Lang, Robert Flemyng, Norman Bird, Jennifer Jayne, Michael Hordern
Zusatzmaterial Mediabook: Audiokommentar von Regisseur Jack Gold und den Filmhistorikern Kim Newman und Stephen Jones, Featurette „Destroying the Abbey“ (18 Min.), Super-8-Fassung (18 Min.), Bildergalerie mit seltenem Werbematerial und Fotos vom Set, Trailer, 16-seitiges Booklet von Oliver Nöding
Label/Vertrieb 2021/2020: Koch Films
Label/Vertrieb 2006/2006: Concorde Video
Label/Vertrieb 2004: Warner Home Video

Copyright 2021 by Tonio Klein

Szenenfotos & Doppel-Packshot: © 2020/2021 Koch Films

 

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Tatort Paris – Selig sind die geistig Armen?

125, rue Montmartre

Von Tonio Klein

Krimi // „Wenn etwas so verrückt klingt, muss es wahr sein“, so – sinngemäß – einmal der Pariser Zeitungs-Straßenverkäufer Pascal (Lino Ventura). Der Zuschauer ahnt: Ist es aber nicht. Pascal hat den (vorgeblich?) lebensmüden Didier (Robert Hirsch) aus der Seine gefischt und unter seine Fittiche genommen. Didier berichtet von einem wilden Komplott: Seine Frau Catherine (Andréa Parisy) und ihr Schwager und Geliebter Philippe (Alfred Adam) trachteten danach, ihn in die Klapse zu bringen, um sich sein Geld und seinen Grundbesitz unter den Nagel zu reißen. Schließlich willigt Pascal ein, nach Didiers Anweisungen Geld, welches ihm gehöre, aus der ehelichen Wohnung zu entwenden. Statt Didier nimmt ihn die Polizei in Empfang, und auf einmal liegt da eine Leiche, sodass Philippe nicht nur des Einbruchdiebstahls, sondern auch des Mordes verdächtig ist.

Man teilt sein Schicksal und sein Bett

Der Film nimmt sich zunächst viel (vielleicht ein bisschen zu viel) Zeit, um ins Milieu einzuführen. Sehr französisch und an Originalschauplätzen in Paris gefilmt ist das alles. Es gibt Musette-Akkordeonklänge und einen Einblick in das tägliche Leben der sogenannten einfachen Leute, die manchmal mürrisch sind, aber in einem Jeder-kennt-jeden zusammenhalten und dem gutbürgerlichen Essen und Rotwein in einem Restaurant frönen. Wer den Film völlig ohne Vorkenntnisse und Blick auf das Cover einlegt, weiß eine Weile nicht, ob dies ein Noir-Krimi oder ein völlig anderes Genre ist. Was aber höchstens minimal von Nachteil ist. Diese Milieuschilderung ist durchaus einen Blick wert und auch erfrischend offen in einer Zeit, in der in den USA die Zensur erst sehr langsam zu bröckeln begann und James Stewart in „Anatomie eines Mordes“ (1959) erstmals „slip“ (im Deutschen „Höschen“) sagen durfte und mit selbigem (der natürlich ein Damenslip ist) auch ausgiebig vor der Richterbank herumwedelt. „Tatort Paris“ hingegen nimmt es französisch selbstverständlich, dass Arbeitskollegin Germaine (die im Deutschen zu Babette wurde und von Dora Doll verkörpert wird) mit Pascal gelegentlich das Doppelbett teilt und nicht alle vier Füße auf dem Boden sind – ohne Trauschein. Das ist auch Pascals Lebensmotto: Gutes Essen und ab und an mal ’ne Frau. Er ist in seiner Schlichtheit nicht unsympathisch, auch wenn einem Germaine leidtut, die erkennbar mehr von dem Mann will als er von ihr.

Germaine wird da nicht hocken bleiben

Wenn Pascal seine Mischung aus instinktiver Aufrichtigkeit und sagenhafter Naivität in die Kalamitäten reitet, sind wir eben doch beim Film noir, nicht nur wegen der kontrast- und schattenreich fotografierten nächtlichen Hausflure. Das unsagbar perfide Komplott, der reine Tor (Ventura hat die Unbedarftheit eines Robert Cummings und die Schroffheit eines Humphrey Bogart), der zum nützlichen Idioten von Verbrechern wird, deren eine die Femme fatale ist. Das ist gute Unterhaltung und mit einem furiosen Finale Das ist gute Unterhaltung und mit einem furiosen Finale garniert. Zirkusmilieu als Metapher für Mimikry geht immer. Ob es eine direkte Verbindung gibt, ist mir nicht bekannt, aber sollte das starke Finale in Alfred Hitchcocks meisterlichem Frühwerk „Mord – Sir John greift ein“ (1930) Pate gestanden haben, wäre das nicht die schlechteste Reverenz und Referenz.

Gewisse Schwächen …

Als Krimi ist der Film indes auch nicht mehr als solide. Sehr entfernt erinnert die Konstruktion an Hitchcocks „Vertigo – aus dem Reich der Toten“ (1958), in dem eine Person ebenfalls unter falscher Identität Teil eines Mordkomplotts war. Hier wie dort ist von extremer Unwahrscheinlichkeit, dass das Verbrechen dergestalt auch nur ansatzweise klappen könnte, und im vorliegenden Film hat es etwas mehr gestört: Hitchcock, das kann man mögen oder nicht, ist zugutezuhalten, dass seine Intrigen konsequent Mittel zum Zweck des Psychologischen statt Logischen sind. Bei Gilles Grangiers „Tatort Paris“ werden die Schwächen nicht so gut überdeckt. Wie beispielsweise konnte Didier allen Ernstes davon ausgehen, dass der ihm beim Sturz in den Fluss nicht bekannte Pascal von einer Art ist, dass er sich unproblematisch einwickeln lässt und ihm noch den größten Quatsch abkauft? Wieso können sich die Verbrecher so sicher sein, dass die Polizei Pascal seine Geschichte nicht glaubt, wo doch Didier, den es laut dem Plan nie gegeben habe, Spuren hinterlassen und zwei Tage mit Pascal – auch in der Öffentlichkeit – verbracht hat? Wieso spielen sie ab einem gewissen Zeitpunkt Pascal gegenüber mit offenen Karten, obwohl sie sich noch gar nicht sicher sein können, dass diesem sowieso kein Gehör geschenkt werde? Und – etwas off topic, aber ein unnötiger Schnitzer – warum heißt der Film im Original eigentlich gemäß der Romanvorlage „125, rue Montmartre“, obwohl das titelgebende Haus nach „14, rue Mandel“ verlegt wurde? Und wieso ist der Grund, aus dem Germaine ihren Pascal schließlich entlastet, wirklich arg hanebüchen?

… und Stärken

Zumindest Letzteres immerhin lässt sich erklären, und damit kommen wir zu den Aktiva des Filmes: Germaines Erklärung ist wirklich himmelschreiend blöd, was Pascal ihr auch offen sagt – und sie in den Arm nimmt. Weil zu diesem Zeitpunkt offenkundig ist, dass Pascal selbst sich nicht minder blöde angestellt hat und er das dann auch weiß, ist der „Guck mal in den Spiegel“-Effekt der Szene sicherlich kein Betriebsunfall, sondern wohlkalkuliert. Das überzeugt: ein Plädoyer für die – nun, nicht Blödheit, aber Gutgläubigkeit, und wider die gerissene Falschheit. Das gibt es ja schon in der Bergpredigt – siehe die Überschrift dieses Textes. Wenn übrigens zwei Zirkusclowns am Ende eine Nummer aufführen, in der einer den anderen veräppelt und sie es sodann mit einem Dritten versuchen wollen, sagen sie sinngemäß: „Glaubst du, dass einer, der daherkommt, noch blöder ist als wir?“ Der dritte Clown – natürlich symbolisch für Pascal – kommt daher, scheint tatsächlich noch blöder, aber legt die beiden anderen herein. Das ist in der Krimihandlung etwas weniger überzeugend, da Pascal seine liebe lange Zeit dafür braucht und die Verbrecher erst im Taumel des Siegesgewissen Dummheiten anstellen. Gleichwohl eine schöne Metapher.

Pascal verkauft Zeitungen und lässt sich selbst für dumm verkaufen

Erfreulich ist in einem Film, in dem im Grunde nur der Kommissar (Jean Desailly) ein schlauer Kopf ist, dass er sein Lob der idealistischen Schlichtheit nicht romantisch verklärt. Pascal nimmt nämlich die Lehre mit, dass einem das Schicksal seines Umfeldes am besten piepegal sei und man sich nicht einmische. So wird er nicht nur den zum zweiten Mal vorkommenden heftigen Krach zwischen einer Nachbarin und ihrem Freund ignorieren, um ungestört die Nacht mit Germaine zu verbringen, sondern auch ansonsten (außer gegenüber Germaine) empathie- und teilnahmsloser, ja auch egoistischer sein als zuvor. „Misch dich nicht ein, dann bekommst du keinen Ärger.“ Ob die Welt besser ist, wenn man das Elend um sich herum ignoriert und (nicht nur vermeintliche) Selbstmörder einfach machen lässt? Wohl kaum, und der Film weiß das. Das letzte Bild ist sehr subtil, und eine Art Gag ist nur beim genauen Aufpassen bemerkbar, weil das Wort „fin“ da schon zum Bierholen einlädt: Anfangs haben wir erfahren, dass Pascal seinen Job derzeit nicht mit dem Fahrrad erledigen kann, weil die Kette immer rausspringt, und das könne der Mechaniker nicht sofort richten. Am Ende sehen wir erstmals, wie Pascal zurück im Job ist – mit dem Fahrrad. Ende gut, alles gut? Nein, nur ein Ruckeln und ein Stehenbleiben deuten an, dass die Kette schon wieder herausgesprungen ist.

Der Kommissar ganz oben, Pascal ganz unten und die Femme fatale noch auf komfortabler Höhe

Der Krimi liegt in hervorragender Bild- und ordentlicher Tonqualität vor; kleine Deutschfehler der alten Synchronisation („für einen wie du“) verzeihe ich gern. Wenn schon der französische Titel verrutscht ist, so ist der deutsche wenigstens nur ein nichtssagender Allerweltstitel. Das Extra (Nachdruck der „Illustrierte Film-Bühne“ 5187) zeigt, dass es den deutschen Titel schon vor der „Tatort“-Reihe gab, die sich ungebrochener Beliebtheit erfreut. Indes: Dass das DVD-Cover bei einem Film völlig ohne Schusswaffen mit einem Fadenkreuz-Logo arbeitet, ruft zusammen mit dem Wort „Tatort“ die Assoziation hervor, dass es für manche die größte Unhöflichkeit ist, wenn Menschen sie sonntags zwischen 20.15 und 21.45 Uhr anrufen. Das ist so durchschaubar wie unstimmig.

Auf die Dauer, Pascal-Schatz, ist Germaine dein Ankerplatz

Veröffentlichung: 20. August 2021 als DVD

Länge: 83 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: keine
Originaltitel: 125, rue Montmartre
F 1959
Regie: Gilles Grangier
Drehbuch: André Gillois (auch Romanvorlage), Jacques Robert, Gilles Grangier
Besetzung: Lino Ventura, Andréa Parisy, Robert Hirsch, Jean Desailly, Dora Doll, Alfred Adam
Zusatzmaterial: Trailer, Nachdruck „Illustrierte Film-Bühne“, Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 Pidax Film

 

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Gewinnspiel: 3 x Taxi nach Tobruk auf Blu-ray

Verlosung

Als unfreiwillig zusammengewürfelter Trupp müssen unter anderen Hardy Krüger, Lino Ventura und Charles Aznavour während des deutschen Afrikafeldzugs im Kriegsjahr 1942 mit einem Geländewagen die libysche Wüste bezwingen. Das Label explosive media hat das Kriegsdrama „Taxi nach Tobruk“ (1961) als Blu-ray und DVD veröffentlicht, der Vertrieb Koch Films hat uns davon drei Blu-rays zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank, auch im Namen der kommenden Gewinnerinnen und Gewinner.

Teilnahmebedingungen

Da „Die Nacht der lebenden Texte“ nach wie vor keinen Cent Ertrag abwirft (die unten ab und zu eingeblendete Werbung schaltet WordPress): Wer möchte, darf mir im Gewinnfalle gern anbieten, das Porto in Höhe von 1,55 Euro zu übernehmen – oder höher beim Wunsch nach versichertem Versand. Dies ist aber völlig freiwillig und keine Teilnahmevoraussetzung. Nicht freiwillig, sondern verbindlich hingegen: Zwecks Teilnahme am Gewinnspiel begebt Ihr euch zu Florians Rezension des Films und beantwortet dort (also nicht hier unter dem Gewinnspiel) bis Sonntag, 15. August 2021, 22 Uhr, im Kommentarfeld die Frage im letzten Absatz des Textes.

Seid Ihr dazu nicht in der Lage, so schreibt das einfach hin. Alle veröffentlichten Antworten landen im Lostopf. Nicht verzweifeln, wenn Ihr euren Kommentar nicht sogleich erblickt – aus Sicherheitsgründen schalten wir ihn erst frei. Das ist aber Formsache.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert). Gewinnerinnen oder Gewinner, die sich drei Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht gemeldet haben, verlieren den Anspruch auf die Blu-ray. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Nur eine Teilnahme pro Haushalt. Ich behalte mir vor, Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht für den Lostopf zuzulassen oder ihnen im Gewinnfall nachträglich den Preis abzuerkennen, sofern mir Mehrfachteilnahmen unter Alias-Namen unterkommen. Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner/innen werde ich im Lauf von zwei Wochen nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie auch per E-Mail benachrichtigen.

Gewonnen haben

– Alexandra Jotter,
– Ralf Kettenhofen,
– Ngyuen Loc.

Herzlichen Glückwunsch! Ihr werdet benachrichtigt.

Die Rezension von „Taxi nach Tobruk“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

 

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