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Sy Montgomery: Rendezvous mit einem Oktopus (Buchrezension)

The Soul of an Octopus – A Surprising Exploration into the Wonder of Consciousness

Von Axel Klatt

Meerestiere // In dem romanhaften Sachbuch „Rendezvous mit einem Oktopus“ von Sy Montgomery geht es um die Annäherung eines Menschen – der Autorin – zu dem körperlich so menschenfernen Kraken-Weichtier. Im Bostoner Aquarium (dort lebt auch die Grüne Meeresschildkröte Myrtle, die bei Facebook viele Freunde hat) begleitet die Erzählerin den Lebenszyklus mehrerer (pazifischer) Oktopusse in der Gefangenschaft. Von der Ankunft des im Ozean gefangenen Wildtiers über dessen Leben im Zoo bis zum schnellen Tod.

Drei Herzen schlagen im Weichtier

Der Leser wird mit unzähligen Infomationen versorgt, aber man wird nie satt, noch mehr zu erfahren. Oktopoden werden nicht sehr alt, wachsen extrem schnell, entfleuchen durch kleinste Öffnungen, haben drei Herzen und jeder Arm kann möglicherweise autark denken und agieren. Diese Details und noch viel mehr beschreibt Sy Montgomery detailliert anhand ihrer Besuche hinter den Kulissen des Aquariums. Man lernt die Menschen persönlich kennen, die dort arbeiten, und wird über die sozialen Funktionen informiert, die ein solches Tiergefängnis für die vielen Menschen in und um das Aquarium in New England ausübt. Interessant die Beschreibung der regelmäßigen physischen Kontakte zwischen Mensch und Tier. Beiderseitiges Interesse und Neugier, vor allem ausgehend von den Kraken, verblüffen mich. Der nächste Zoobesuch wird ein anderer sein. Ich werde den Kraken viel genauer und länger in Augenschein nehmen als bisher.

Das Erstaunen ob der Fähigkeiten und Eigenarten dieser Spezies verblüffen beim Lesen, und ich neige oft dazu, das Lesen zu pausieren und das Internet nach dem neu Gelernten zu durchforsten, um mir ein noch genaueres Bild zu machen.

Die Geschichte geht weit über die Aquarienbesuche hinaus. Der Faszination der Kraken erlegen, lernt die Autorin sogar extra das Tauchen, um den Tieren in der Freiheit und ihrer natürlichen Umgebung ganz nah zu sein.

Die Seele eines Oktopus

Die 1958 in Frankfurt/Main geborene und heute in New Hampshire lebende Naturforscherin sucht nach einer Antwort auf die Frage, ob ein Oktopus vielleicht eine „Seele“ im menschlichen Sinne hat. Dies ist das Kernthema des Buches. Vielleicht wird es am Ende etwas zu esoterisch und religiös. Und der Versuch der Vermenschlichung nichtmenschlichen Lebens kann nerven, aber egal – vielleicht bin das auch nur ich, und der Rest der Welt liebt diese Darstellung. Es hat mich deshalb auch irritiert, dass der originale Titel „The Soul of an Octopus“, der viel präziser auf den Punkt kommt, was den Inhalt des Buches angeht, durch den deutschen Titel „Rendezvous mit einem Oktopus“ ersetzt wurde. Aber das kennt man ja zur Genüge von Filmtiteln, die seltsame Wandlungen ins Deutsche erfahren.

Verzichtet man darauf, dieses Buch zu lesen, dann fehlt einem etwas. Ich habe das Buch im März dieses Jahres beendet und es beschäftigt mich nachhaltig. Eine klare Leseempfehlung.

Autorin: Sy Montgomery
Originaltitel (2015): The Soul of an Octopus – A Surprising Exploration into the Wonder of Consciousness
Deutsche Erstveröffentlichung: 29. August 2017
336 Seiten
Übersetzung: Heide Sommer
Verlag: Mare Verlag
Preis: 28 Euro

Copyright 2018 by Axel Klatt

 
 

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John Bellairs – Das Gesicht im Eis: So schön können Bücher sein (Buchrezension)

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The Face in the Frost

Fantasy // Small Press – Literatur in aufwendig gestalteten Liebhaberausgaben mit kleinen Auflagen, vom Autor und/oder Illustrator signiert, das ist ein hierzulande nicht allzu verbreitetes Sammelgebiet. Die Edition Phantasia von Joachim Körber existiert seit 1984 und hat einige herausragende Veröffentlichungen im Portfolio, darunter die längst vergriffenen und zu horrenden Preisen gesuchten sechs „Bücher des Blutes“ von Clive Barker und „Spiel des Verderbens“ vom selben Autor. Für Körbers Ausgaben von Stephen Kings „Es“, „Angst“ und „Nebel“ kann auf dem Sammlermarkt schon mal der Jahresurlaub draufgehen.

Ein Buch als Kunstwerk

Aber es sind nicht nur die großen Namen, die bei der Edition Phantasia faszinieren. Weniger bekannte Autoren haben den Vorteil, dass sie trotz der Kleinauflagen von 250 oder 300 Exemplaren noch zum Normalpreis lieferbar sind. Der liegt bei derlei Editionen zwar deutlich über den Preisen herkömmlicher gebundener Bücher ohne Limitierung, aber wer als Bibliophiler einmal eins der liebevoll gestalteten Werke der Edition Phantasia in den Händen gehalten und haptisch wahrgenommen hat, wird sich ihrem Reiz kaum entziehen können. Diese Bücher sind Kunstwerke.

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Das gilt ganz besonders für „Das Gesicht im Eis“ des 1991 verstorbenen US-Schriftstellers John Bellairs. Joachim Körber hat uns den Fantasy-Roman bereits 2009 in deutscher Erstausgabe im schönen Schuber zugänglich gemacht, daher war ich froh, erst kürzlich noch eins der 250 Exemplare erwerben zu können. Wer weiß schon, wann die letzten Bände das Lager der Edition Phantasia verlassen werden?

Zwei minderbegabte Magier als Helden

Bellairs’ Gesamtwerk ist geprägt von Schauerromanen um den Waisenjungen Lewis Barnavelt, die sich in erster Linie an Jugendliche richten. „Das Gesicht im Eis“ hingegen ist ein „erwachsenes“ Buch. Als Helden der Geschichte lernen wir schnell die beiden Zauberer Prospero und Roger Bacon kennen, die in England leben und deren Fähigkeiten bisweilen nicht ganz auf der Höhe der Zeit zu sein scheinen. Anders gesagt: Sie sind nicht die größten Leuchten auf ihrem Gebiet. Auf der Suchen nach einem mysteriösen Buch ziehen die beiden die Aufmerksamkeit des bösen, vermeintlich toten Magiers Melichus auf sich. Für Prospero und Roger beginnt ein gefährliches Abenteuer, in dessen Verlauf ihre Heimat von einem ewigen Winter bedroht wird. Prospero verschlägt es gar in eine völlig andere Welt.

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Fantasy hat Hochkonjunktur, nicht zuletzt dank der Erfolge von Peter Jacksons gigantomanischen „Der Herr der Ringe“- und „Der Hobbit“-Filmprojekten und des grandiosen „Das Lied von Eis und Feuer“ bzw. „Game of Thrones“, das als Romanreihe wie als TV-Serie Maßstäbe setzt. „Das Gesicht im Eis“ ist nicht ganz so episch angelegt wie die beiden genannten Werke, obendrein leichtfüßiger und verspielter, was ich nicht als Herabwürdigung verstanden wissen möchte. Düstere Elemente und humorige Einlagen halten sich auf angenehme Weise die Waage.

John Bellairs – bei uns nicht allzu bekannt

Der Roman hat über die Jahre im angelsächsischen Sprachraum seine verdiente Anhängerschaft erhalten, auch in der Gilde der Autoren: Zu seinen Fans zählen die Schriftsteller Lin Carter und Ursula K. Le Guin. In Deutschland ist Bellairs kaum bekannt, auch wenn einige seiner Lewis-Barnavelt-Romane um die Jahrtausendwende herum bei uns erschienen sind (mittlerweile vergriffen). Jedenfalls ist es sowohl der Edition Phantasia als auch dem Vermächtnis von John Bellairs durchaus zu wünschen, dass „Das Gesicht im Eis“ auch in deutscher Übersetzung mehr Aufmerksamkeit erhält.

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Bellairs hatte durchaus Ambitionen mit der Welt von Prospero und Roger Bacon. Ein Prequel, das das Kennenlernen der beiden thematisieren sollte, war für eine Anthologie vorgesehen, die leider nie veröffentlicht wurde. Die Geschichte gilt als verloren. Ein fragmentarisch erhaltenes Sequel mit dem Titel „The Dolphin Cross“ hingegen erschien 2009 in den USA in einer John-Bellairs-Anthologie mit dem Titel „Magic Mirrors“, die auch „The Face in the Frost“ enthält.

Ein Buch mit verschiedenen Sinnen erfahren

Seiner Leserschaft als Rezensent den Reiz eines Romans zu beschreiben, ist eine Sache. Ungleich schwieriger erscheint es mir – trotz Fotos –, den Reiz einer bibliophilen Sammlerausgabe zu vermitteln. An sich muss man ein solches Buch einmal in den Händen halten, darin blättern, es fühlen, daran riechen. Sollte ich mit dieser Rezension auch nur einen Leser auf das Sammelgebiet der limitierten literarischen Liebhaberausgaben geführt haben, so bitte ich schon jetzt um Vergebung für kommende Geldausgaben. Ich übernehme dafür keine Verantwortung!

Die wunderbare Vorzugsausgabe von „Das Gesicht im Eis“ kann hier direkt bestellt werden.

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Autor: John Bellairs
Originaltitel (1969): The Face in the Frost
Deutsche Erstveröffentlichung: 2009
312 Seiten
Übersetzung: Joachim Körber
Verlag: Edition Phantasia, Joachim Körber Verlag, Bellheim
Preis: 75 Euro

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Copyright 2015 by Volker Schönenberger

 

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Drecksau

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Filth

Kinostart: 17. Oktober 2013

Von Volker Schönenberger

Psychodrama // Gleich mit seinem Debütroman „Trainspotting“ wurde der Schotte Irvine Welsh zum Bestsellerautor und Enfant terrible der Literaturszene. Die Verfilmung des Buchs entwickelte sich gar zum Kultfilm (dieses inflationär verwendete Attribut ist in diesem Fall angebracht). Seine in der Regel in Edinburgh angesiedelten Werke handeln von Drogenkonsum, Gewalt und Kriminalität, so auch „Drecksau“, dessen Verfilmung nun ins Kino kommt.

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Auf der Weihnachtsfeier gibt Bruce den großen Zampano

Detective Sergeant Bruce Robertson (James McAvoy) ist ein korrupter und intriganter Mistkerl – eine Kokain schnupfende und misanthropische Drecksau. Die offene Position des Detective Inspector will er unbedingt ergattern, damit seine Frau zu ihm zurückkehrt. Also hetzt er die Kollegen gegeneinander auf, schmäht den einen hinter dessen Rücken als schwul, vögelt die Frau des anderen, obwohl er sie verachtet und auch so behandelt. Den jüngsten Mordfall darf Robertson immerhin schon mal kommissarisch als leitender Ermittler bearbeiten. Seine Ausfälle nehmen allerdings überhand, nach und nach wird sein Verhalten immer wahnwitziger.

„Die Hauptrolle musste mit einem Allroundtalent besetzt werden, weil sie einem Schauspieler alle Extreme zwischen Komödie, Tragödie, Gewalt, Sex und Wahnsinn abverlangen würde. Wer auch immer den Part bekommen sollte, er würde den ganzen Einsatz zeigen müssen. Denn Bruce Robertson taucht in jeder Szene auf.“ So äußert sich Regisseur John S. Baird im Presseheft zum Film. Er berichtet auch von seiner Annahme, James McAvoy sei wohlbehütet in bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, bis dieser ihm beim ersten Treffen erzählt habe, dass das gar nicht der Fall gewesen ist. Tatsächlich ist McAvoy in einfachen Verhältnissen in Glasgow aufgewachsen.

Jedenfalls äußert Baird, McAvoy sei für ihn der perfekte Bruce Robertson. Nun mag das keine überraschende Aussage eines Regisseurs sein, der seinen Film vermarkten will, schon gar nicht in einem Presseheft, das letztlich nichts weiter ist als ein PR-Produkt. Es sei auch eingestanden, dass James McAvoy dem Rezensenten anfangs in erster Linie in den schauspielerisch eher anspruchslosen „Die Chroniken von Narnia – Der König von Narnia“ und „Wanted“ aufgefallen ist. Aber „Der letzte König von Schottland“, „X-Men – Erste Entscheidung“ und jüngst „Trance – Gefährliche Erinnerung“ offenbarten vielseitige Qualitäten, die der 1979 geborene Schotte nun als „Drecksau“ voll ausspielt. Seine beeindruckende Darstellung trägt den Film, obwohl auch die Nebenrollen gut besetzt und gespielt sind, u. a. mit Jamie Bell („King Kong“), Eddie Marsan („The World’s End“), Imogen Poots („28 Weeks Later“) und Oscar-Preisträger Jim Broadbent („Iris“).

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Bladesey (l.) und Bruce machen den Hamburger Kiez unsicher

„Drecksau“ ist ein schmutziger Trip ins finstere Herz einer kranken Seele und Schauspielerkino par excellence. Es gibt leise Momente der Hoffnung, etwa mit der Witwe eines Mannes, dem Robertson vergeblich das Leben zu retten versucht hat, doch sie halten nicht lange vor. Mit solchen Rollen kann sich McAvoy in Gefilde begeben, in denen man wichtige Filmpreise gewinnt.

Länge: 97 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Filth
GB 2013
Regie: John S. Baird
Drehbuch: John S. Baird, nach einem Roman von Irvine Welsh
Besetzung: James McAvoy, Jamie Bell, Imogen Poots, Jim Broadbent, David Soul, Eddie Marsan
Verleih: Ascot Elite / 24 Bilder

Copyright 2013 by Volker Schönenberger
Filmplakat & Fotos: © 2013 Ascot Elite / 24 Bilder

 

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