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Fast & Furious 8 – Wenn es Autos regnet

The Fate of the Furious

Von Volker Schönenberger

Actionthriller // Erinnern wir uns: Am Ende von „Fast & Furious 7“ (2015) fuhren Dominic „Dom“ Toretto (Vin Diesel) und Brian O’Conner (Paul Walker) in ihren Autos nebeneinander her, bis sich ihre Wege an einer Gabelung trennten. Eine Schlussszene, die besonders den Fans des 2013 tödlich verunglückten Paul Walker sehr ans Herz ging, aber wohl niemanden kaltlassen konnte, der sich auf diese überdimensionale Actionreihe mit ihrem emotionalen Fokus auf die „Familie“ eingelassen hat. Glücklicherweise vermied es Drehbuchautor Chris Morgan, Brian synchron zu seinem Darsteller den Filmtod sterben zu lassen. Das wäre des Melodrams für Teil 8 wohl etwas zu viel des Guten gewesen. Kurz wird erwähnt, man wolle Brian mit seiner Frau Mia aus der Angelegenheit heraushalten, das war es dann – ein paar versteckte Tribute lassen sich noch entdecken. Angemessen.

Cipher plant Ungeheuerliches

Gleich zu Beginn von „Fast & Furious 8“ sprühen die Macker wieder vor Testosteron. Das Gedächtnis von Leticia „Letty“ Ortiz (Michell Rodriguez) ist wiederhergestellt, für sie und Dom ist endlich die Zeit für die Flitterwochen gekommen. Im kubanischen Havanna muss Dom seinem Cousin Fernando (Janmarco Santiago) aus der Patsche helfen – der hat Schulden beim lokalen Platzhirsch Raldo (Celestino Cornielle) und sein Auto verpfändet. Wir befänden uns nicht in der „The Fast and the Furious“-Reihe, wenn da nicht ein Rennen unter Kerlen eine Lösung bieten würde – ein illegales, ist ja klar. Kurz befreit Dom noch die Rostlaube seines Cousins von überflüssigem Ballast und motzt sie mit ein paar Boostern auf, dann kann es losgehen.

Deckard Shaw hat lange genug im Knast gesessen

Dieser so rasante wie explosive Start gibt die Turbo-Taktzahl vor, die der achte Teil des Franchises an den Tag legt. Er wurde tatsächlich in Kuba gedreht – als erster US-Film seit Beginn des amerikanischen Embargos gegen Kuba. Der sibirische Showdown des Films entstand in Island. Ich gebe gern zu, die Reihe jahrelang bewusst ignoriert zu haben, bis ich eines Tages zufällig dann doch mal in einen der Filme hineingeschaut habe – es mag Teil fünf gewesen sein. Kurz darauf hatte ich alle bis dato entstandenen Beiträge weggeatmet, hüstel. Es gibt eben eine Zeit für Over-the-Top-No-Brainer-Action wie diese. Obendrein birgt das Drumherum mit der aus im Lauf der Zeit zu einer echten Familie zusammengewachsenen Protagonistenschar dank der warmherzigen Werte Freundschaft, Liebe und Loyalität ein Identifikationspotenzial, das aus all der Coolness und – trotz starker Frauen – dem Machismo herausragt.

Dominic gegen die Familie

Kurz nach dem Rennen trifft Dom auf Cipher (Charlize Theron), die eine Mission für ihn und offenbar ein Faustpfand gegen ihn in der Hand hat. Luke Hobbs (Dwayne Johnson) lässt sich gleichzeitig von Mr. Nobody (Kurt Russell) für einen Auftrag anheuern, der die Mitwirkung der gesamten Familie erforderlich macht. Und so finden sich denn Hobbs, Dom und Letty, Tej Parker (Chris „Ludacris“ Bridges), Roman Pearce (Tyrese Gibson) und Ramsey (Nathalie Emmanuel, „Game of Thrones“) in Berlin ein und klauen ein EMP-Gerät. Dom jedoch linkt seine Lieben und befördert die Beute mit seinem Auto geradewegs ins Flugzeug von Cipher, die sich als Cyber-Terroristin mit gewaltigen Plänen entpuppt. Hobbs landet im Knast, wo er auf keinen Geringeren als Deckard Shaw (Jason Statham) trifft – die beiden haben noch die eine oder andere Rechnung miteinander offen.

Es regnet Autos

Eine Schande, wie in diesen Filmen mit tollen Autos umgegangen wird! Von leichten Dellen im Blech bis zum Totalschaden ist jede Stufe der Zerstörung vertreten – mit Tendenz zur Verschrottung. Wer beim Anblick von Luxus-Sportwagen nicht die kleinste Faszination verspürt, werfe den ersten Stein (auf eins der Autos). Von ihrem ersten Aufeinandertreffen im Knast an werden Hobbs und Deckard nicht müde zu betonen, wie sehr sie sich darauf freuen, einander beizeiten in einem kernigen 1:1-Zweikampf gegenüberzustehen. Wer da den Beginn einer wunderbaren Freundschaft vermutet, hat einiges verstanden, was die Reihe ausmacht (es führte 2019 zu „Fast & Furious – Hobbs & Shaw“). „Fast & Furious 8“ sprüht erwartungsgemäß vor knackigen Onelinern, die zwischen supercool und an der Grenze zur Selbstparodie lavieren.

Prominent besetzte Nebenfiguren

Mit Luke Evans als Deckard Shaws kleiner Bruder Owen konnte natürlich gerechnet werden. Die illustre Besetzung reichern auch Kristofer Hivju („Game of Thrones“) als Ciphers rechte Hand Rhodes und Scott Eastwood, Sohn von Clint, als Mr. Nobodys rechte Hand Little Nobody (sic!) an. Sogar Helen Mirren („Die Queen“) tritt in Erscheinung. Mittendrin gewann ich kurz den Eindruck, Éastwoods Little Nobody werde trotz anfänglicher Verspottung als festes Mitglied zur Familie stoßen, aber er taucht nicht in der Besetzungsliste von „Fast & Furious 9“ auf, also wird das wohl nichts. Teil 10 und 11 sind als vermeintlicher Abschluss übrigens auch schon angekündigt. Angesichts des weltweiten Riesenerfolgs von „Fast & Furious 8“ an den Kinokassen wundert das wohl niemanden. Der mit Corona-bedingt enormer Verspätung im Juli 2021 in den deutschen Kinos startende Teil 9 ist allerdings ohne Dwayne Johnson über die Bühne gegangen. Ob es daran liegt, dass er sich mit Hauptdarsteller und Produzent Vin Diesel in den nicht vorhandenen Haaren lag, weil dem während des Drehs von Teil 8 die Ankündigung des Spin-offs „Fast & Furious – Hobbs & Shaw“ sauer aufgestoßen war, bleibt spekulativ. So viel zum Thema Familie, aber was wäre ein Testosteron-geladenes Spektakel wie dieses ohne ein wenig Radau zweier Platzhirsche?

Die Familie rätselt: Weshalb hat Dom sie verraten?

Unverständlich: Universal Pictures hat den etwas mehr als zwölf Minuten längeren Extended Director’s Cut nicht auf Disc pressen lassen, sondern nur in Form eines digitalen Download-Codes zur Verfügung gestellt. Aber vielleicht bin ich dafür auch nur zu altmodisch. Um herauszufinden, ob sich die Langfassung lohnt, empfiehlt sich der Blick auf den Schnittbericht. Bei mir hat er dazu geführt, dass ich mich in Verzicht übe.

Glaubwürdig?

Kommen wir abschließend zum Aspekt der Glaubwürdigkeit. Kleiner Scherz, ein für die „Fast and Furious“-Reihe seit jeher irrelevantes Kriterium. „Fast & Furious 8“ wird dem Franchise vermutlich mit Ausnahme einiger frisch ins Filmalter hineingewachsener Jugendlicher kaum neue Fans bescheren, da es mittlerweile weltweit kaum noch Actionfreunde geben dürfte, denen die Sportwagen-Spektakel kein Begriff sind. Mir jedenfalls hat „Fast & Furious 8“ viel Spaß gemacht – ein „Guilty Pleasure“ sondergleichen, mit enorm hoher Starpower und ebenso hohen „Production Values“.

Hobbs fackelt nicht lange

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Nathalie Emmanuel, Helen Mirren, Michelle Rodriguez und Charlize Theron haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Vin Diesel, Scott Eastwood, Luke Evans, Tyrese Gibson, Dwayne Johnson, Kurt Russell und Jason Statham unter Schauspieler.

Dominic Toretto an seinem Lieblingsplatz: hinter dem Lenkrad

Veröffentlichung: 24. August 2017 als 4K Ultra HD Blu-ray, Blu-ray im Steelbook, Blu-ray, 2-Disc Special Edition DVD und DVD

Länge: 148 Min. (Digital Copy, Director’s Cut), 136 Min. (Blu-ray, Kinofassung), 131 Min. (DVD, Kinofassung)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Fate of the Furious
CHN/USA/JPN 2017
Regie: F. Gary Gray
Drehbuch: Chris Morgan
Besetzung: Vin Diesel, Jason Statham, Dwayne Johnson, Michelle Rodriguez, Tyrese Gibson, Chris „Ludacris“ Bridges, Charlize Theron, Kurt Russell, Nathalie Emmanuel, Luke Evans, Elsa Pataky, Kristofer Hivju, Scott Eastwood, Janmarco Santiago, Celestino Cornielle, Helen Mirren
Zusatzmaterial (z. T. nur Blu-ray): Audiokommentar von Regisseur F. Gary Gray, „Der kubanische Geist“, „In der Familie“, „Autokultur“, „Alles über die Stunts“, „Hinter den Kulissen – Die Familie“, erweiterte Kampfszenen, Trailershow, Kinofassung und Director’s Cut als Digital Copy, Wendecover
Label/Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Universal Pictures Germany GmbH

 

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Crisis – Von legalen und illegalen Drogen

Crisis

Von Volker Schönenberger

Thriller // Der DEA-Drogenfahnder Jake Kelly (Armie Hammer) bereitet als verdeckter Ermittler einen großen Fentanyl-Deal vor. Seine Chefin Garrett (Michelle Rodriguez) macht ihm Druck, in kurzer Zeit Verhaftungen zu liefern. Kelly will daraufhin seine kriminellen Handelspartner überzeugen, ganze Lkw-Ladungen des Rauschgifts über die Grenze von Kanada in die USA zu bringen. Zuvor war ein einzelner Kurier mit einer Tasche voller Fentanyl beim Versuch des Grenzübertritts geschnappt worden, was die Drogenbosse misstrauisch werden lässt und Kelly in Gefahr bringt. Zu allem Überfluss kämpft Jakes Schwester Emmie (Lily-Rose Depp) mit ihrer Drogensucht.

Ein Drogenkurier wird an der Grenze gestellt

Die alleinerziehende Detroiterin Claire Reimann (Evangeline Lilly) ist gerade von ihrer Oxycodon-Sucht runtergekommen, als die Nachricht vom Tod ihres Sohns sie aus der Bahn wirft. Er soll an einer Überdosis Rauschgift gestorben sein, doch etwas macht sie stutzig und sie versucht, auf eigene Faust herauszufinden, was geschehen ist.

Das große Geld in der Pharmabranche

Der von der knallharten Meg Holmes (Veronica Ferres) geleitete Pharmakonzern Northlight steht kurz davor, ein revolutionäres, nicht süchtig machendes Schmerzmittel auf den Markt zu bringen. Es winken gigantische Erlöse, weshalb eine vom Universitätsprofessor Dr. Tyrone Brower (Gary Oldman) vorgenommene Versuchsreihe an Mäusen mit fatalen Resultaten nicht ins Wunschbild passt. Browers Northlight-Verbindungsmann Dr. Bill Simons (Luke Evans) macht dem Akademiker deshalb ebenso Druck wie dessen Vorgesetzter Geoff Talbot (Greg Kinnear), der um die lukrativen Verbindungen der Bildungseinrichtung zu dem milliardenschweren Unternehmen fürchtet.

Drogenfahnder Jake Kelly fädelt undercover einen großen Deal ein

Mann, ist das spannend! Und clever konstruiert! Zwei der Handlungsstränge werden sich beizeiten miteinander verweben, nämlich die Ermittlungen der trauernden Mutter Claire mit den Ereignissen um den Drogenfahnder Jake. Die Geschichte um das anscheinend gefährliche Schmerzmittel und den bald von Skrupeln geplagten Universitätsprofessor weist dagegen keine direkten Verbindungen zu den erstgenannten Storylines auf. Brower entschließt sich, zum Whistleblower zu werden – er kontaktiert die zuständige Arzneimittelbehörde FDA, womit er seinen Job und seine Reputation gefährdet. Die drei Handlungsfäden entwickelten geradezu einen Sog, der mich tief in die Story hineinzog (nur widerwillig stoppte ich zwischendurch den Player, um die Wäsche aus der Maschine zu holen).

Claire Reimann will wissen, warum ihr Sohn sterben musste

Ein Blick auf die Filmografie des Regisseurs Nicholas Jarecki offenbart nur wenige Arbeiten, schon gar nicht einen solchen Knaller: Der Doku „The Outsider“ (2005) über die Dreharbeiten zu James Tobacks Thriller „When Will I Be Loved“ (2004) folgte erst 2012 mit dem Thriller „Arbitrage – Macht ist das beste Alibi“ mit Richard Gere und Susan Sarandon der erste lange Spielfilm. Zwischendurch hatte Jarecki gemeinsam mit Bret Easton Ellis („American Psycho“) dessen Kurzgeschichtensammlung „Die Informanten“ zum Drehbuch umgeschrieben – „Informers“ startete 2009 in den US-Kinos. Die neun Jahre Wartezeit vom Spielfilmdebüt bis zum Nachfolger „Crisis“ haben sich gelohnt.

Unsere Vroni!

Der Ensemblefilm mit namhafter Besetzung hätte trotz seiner ohnehin üppigen Laufzeit von knapp zwei Stunden sogar noch länger sein können, da aufgrund der vielschichtigen Story nicht jeder Star ausreichend Raum zum Atmen bekommt. Die Rollen der nicht nur aus der „Fast & Furious“-Reihe bekannten Michelle Rodriguez und Luke Evans beispielsweise fallen eher unbedeutend aus, was ich bedaure, da ich beide schätze. Aber es ist ohnehin kein Film der vielschichtigen Charaktere. Oldman liefert gewohnt souverän ab, seine Figur ist trotz einiger bald aufkommender Anschuldigungen aber gänzlich integer. Oldman hat eine feine Szene mit unserer Vroni – und auch Veronica Ferres gibt da eine gute Figur ab. Sie spielt ja immer wieder in internationalen Produktionen an der Seite großer Hollywoodstars, etwa Casey Affleck („Every Breath You Take“, 2021), Michael Caine („Best Sellers“, 2021) und Keanu Reeves („Siberia – Tödliche Nähe“, 2018).

Dr. Tyrone Brower muss sich seiner Verantwortung …

„Crisis“ thematisiert die Opioidkrise in den USA, was der Film am Ende auch mit einer Texteinblendung aufgreift. Am Rande kommt auch #metoo zum Tragen, aber nur nebenbei und nicht die Story überfrachtend. Die Gegenüberstellung der Storys um legale und illegale Rauschmittel übt einen unwiderstehlichen Reiz aus, wobei man aus einem anderen Blickwinkel gerade daran auch Kritik üben kann: Beide Storys hätten auch zwei Filme hergegeben, wobei die Northlight-Affäre dafür noch etwas aufgepeppt hätte werden müssen. Und wer ihre mangelnde Verbindung mit dem Fentanyl-Deal des Undercover-Agenten kritisiert, tut das mit einiger Berechtigung. Da mir beide Stränge unabhängig voneinander gefallen habe, wertet das den Film für mich nicht ab, aber das mögen andere anders sehen. Für mich gilt: Das Interessante ist gerade die Gegenüberstellung. Eine narrative Verzahnung kann da kontraproduktiv sein.

Karriereende für Armie Hammer?

Für Armie Hammer („Hotel Mumbai“, „Lone Ranger“) markiert „Crisis“ womöglich seine letzte große Rolle. Nach verschiedenen massiven Vorwürfen liegt seine Karriere auf Eis. Der Kinostart der längst fertigen Agatha-Christie-Verfilmung „Tod auf dem Nil“ von Kenneth Branagh wurde auf 2022 verschoben. Kevin Spacey wurde seinerzeit aus „Alles Geld der Welt“ (2017) komplett herausgeschnitten. Ob das Armie Hammer mit „Tod auf dem Nil“ auch blüht?

… und seinem Boss Geoff Talbot (l.) stellen

An Steven Soderberghs famosen „Traffic – Die Macht des Kartells“ (2000) kommt „Crisis“ nicht heran (Mensch, liegt auch schon zwei Jahrzehnte zurück), das muss aber auch nicht sein, da unter dieser Messlatte reichlich Raum für hervorragende Drogenthriller bleibt. Den nutzt „Crisis“ weidlich aus.

Bill Simons erledigt die Schmutzarbeit für …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Evangeline Lilly und Michelle Rodriguez haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Luke Evans, Armie Hammer, Greg Kinnear und Gary Oldman unter Schauspieler.

… die Konzernchefin Meg Holmes

Veröffentlichung: 21. Mai 2021 als Blu-ray und DVD

Länge: 118 Min. (Blu-ray), 113 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Crisis
KAN/BEL 2021
Regie: Nicholas Jarecki
Drehbuch: Nicholas Jarecki
Besetzung: Gary Oldman, Armie Hammer, Evangeline Lilly, Greg Kinnear, Michelle Rodriguez, Luke Evans, Lily-Rose Depp, Guy Nadon, Veronica Ferres, Kid Cudi, Indira Varma, Nicholas Jarecki
Zusatzmaterial: Making-of, Trailer, Wendecover
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 capelight pictures, Fotos: Philippe Bosse

 

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Anna – Matroschka Nikita

Anna

Von Lars Johansen

Actionthriller // Relativ am Anfang des Films verkauft die Titelfigur Anna (Sasha Luss) Matroschkas auf einem Markt. Bekanntermaßen sind das die russischen Figuren aus Holz, die sich öffnen lassen und in denen immer neue Matroschkas stecken. Irgendwann bist du bei der letzten angelangt und wenn du sie in einer Reihe aufstellst, steht dort immer die gleiche Figur, nur eine kleiner als die andere. Vielleicht kann man so am ehesten Luc Bessons Arbeiten der vergangenen Jahre beschreiben. „Lucy“ (2014) ist eine actionorientierte und gut choreografierte Science-Fiction-Variation von „Nikita“ (1990), ohne dessen Niveau zu erreichen. Die Verfilmung einer damals 50 Jahre alten Comicserie (die bei uns als „Valerian und Veronique“ veröffentlicht wurde) „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ (2017) ist die kindgerechte Fassung von „Das fünfte Element“ (1997), der von der gleichen Vorlage sehr stark beeinflusst war. Und „Anna“ ist erneut „Nikita“ mit Elementen von den nicht von Besson, aber nahezu zeitgleich gedrehten „Atomic Blonde“ (2017) und „Red Sparrow“ (2018).

„Ich bin nicht Nikita, kapiert?“

Unschwer ist zu erkennen, dass man immer wieder bei dem beinahe 30 Jahren alten „Nikita“ landet, der nicht nur ein direktes amerikanisches Remake, sondern auch mindestens zwei aus Hongkong, diverse Imitate aus aller Welt und gleich zwei Fernsehserien (1997–2001; 2010–2013) nach sich zog. Die Geschichte handelt von einer drogensüchtigen jungen Frau, die nach einem Polizistenmord im Knast landet, von einer obskuren Regierungsorganisation befreit, für tot erklärt und zu einer Auftragsmörderin ausgebildet wird. Der Film wurde damals von der Kritik verrissen, entwickelte sich aber zu einem gigantischen Publikumserfolg und tatsächlich wahren Kultfilm. Er wirkte stilbildend für das Actionkino der 90er und erzählte eine neue, unverbrauchte Geschichte, die zur Abwechslung einmal eine starke Frau in den Mittelpunkt stellte, welche als Actionheldin mit gebrochener Biografie überzeugte. Wenn dann noch eine Ikone wie Jeanne Moreau als Lehrmeisterin mitwirkt, schlägt das gleichzeitig den Bogen zur französischen Filmgeschichte.

Luc Besson und die Frauen

Seit „Nikita“ spielen häufig solche starken Frauenfiguren eine wichtige Rolle in Bessons Kino-Universum. Auffallend oft werden diese von sehr jungen Frauen gespielt, manchmal auch ehemaligen Models, die bei ihm zum ersten Mal in größeren Rollen auftreten. Oftmals werden sie dann auch noch seine Partnerinnen im Leben, sodass der Eindruck entsteht, seine Filmarbeit mit ihnen gehe weit über eine reine Arbeitsbeziehung hinaus. Dieses geradezu Obsessive vermag intensive Filmerlebnisse zu erzeugen, wie zum Beispiel bei „Johanna von Orleans“ (1999), in dem seine Ehefrau Milla Jovovich so stark spielte, wie es ihr danach nie wieder gelingen sollte. Kennengelernt hatte er die damals Elfjährige zwölf Jahre zuvor beim Dreh für einen Werbespot von L’Oréal. Mit der dreizehnjährigen Natalie Portman drehte er 1994 „Léon – Der Profi“, in dem sie zur Killerin wird. Immer wieder sind es im wahrsten Sinne des Wortes männermordende Kindfrauen, die er hier einsetzt.

Rosa Klebb

„Anna“ ist die etwas verschachtelt erzählte x-te Variation dieses Themas. Für das russische Model Sasha Luss ist es ihr zweiter Filmauftritt nach einer Minirolle in Bessons „Valerian …“. Sie ist eine drogensüchtige junge Russin, die Ende der 80er-Jahre versucht, sich in Moskau durchzuschlagen. Der KGB macht ihr ein Angebot, das sie nicht abschlagen kann und sie wird zu einem männermordenden Mannequin in Mailand, Moskau und dem Rest der Welt. Als die CIA ihr auf die Schliche kommt, muss sie in der Wendezeit von 1989 zwischen den beiden Weltmächten lavieren. Sie soll sogar den Chef des KGB ermorden. Das klingt nicht nur nikitaesk, das ist es auch, ganze Handlungsstränge werden repetiert, aus dem fehlenden Ausgang beim ersten Auftrag im Original wird eine ungeladene Waffe in „Anna“. In beiden Fällen muss die Heldin unerwartet improvisieren. Helen Mirren spielt die Jeanne-Moreau-Rolle als völlig aus der Zeit gefallene Version von Lotte Lenyas Rosa Klebb in „Liebesgrüße aus Moskau“ (1963). Man wartet fast auf eine Giftspitze im Schuh. Luke Evans auf russischer und Cillian Murphy auf amerikanischer Seite teilen sich die Ausbilderrolle, die in „Nikita“ mit Tchéky Karyo besetzt worden war. Ihr Freund und Liebhaber im Alltag ist hier zu einer Modelkollegin geworden, mit der sie eine homosexuelle Beziehung zu haben scheint, die aber keine große Rolle für die Handlung spielt, was der Dramatik nicht unbedingt bekommt.

„Ihr Auftrag, Nikita.“

Immer wieder sehen wir einer Variation des besseren Originals zu. Das beginnt schon damit, dass „Anna“ in der gleichen Zeit wie „Nikita“ spielt, ohne dass dieser Zeitbezug sich wirklich herstellt. Mobiltelefone, Laptops, mobile Datenspeicher und SUVs tauchen auf, die es so zu dieser Zeit nicht gegeben hat. Dadurch bekommt die Geschichte, die eigentlich in einem sehr konkreten historischen Kontext spielt, etwas eigenartig Zeitloses, als sei es Besson vollkommen egal, wo und wann die Geschichte verortet wird. Die verschachtelte Erzählweise, die immer wieder vor und zurück springt, nutzt sich schon nach relativ kurzer Zeit ab, denn eigentlich verläuft sie immer nach dem gleichen Schema. Wir sehen eine Handlung, die uns dann mit einer Rückblende erklärt wird. Da sind wir wieder bei der Matroschka, denn in jeder Szene steckt eine andere. Leider sind die Erklärungen eher banal und lassen sich kilometerweit vorausahnen, was die Spannung beträchtlich mindert.

Ein künftiger Kultfilm?

Aber vielleicht ist es auch hier der Kritiker, der sich irrt, und ein künftiger Kultfilm wartet auf uns. Eigentlich gefällt mir die Idee sehr gut, einen Film wieder und wieder zu drehen, bis er endlich die perfekte Version seiner selbst geworden ist. Aber das Problem ist, dass Besson es zwar versucht, dabei aber von Mal zu Mal etwas mehr nachlässt, so als seien die alten Ideen aufgebraucht und die neuen nicht zu gebrauchen. Die Actionszenen sind ordentlich choreografiert, gehen aber nicht über das hinaus, was er vor 30 Jahren gemacht hat. Da haben mittlerweile andere Regisseure größere Maßstäbe gesetzt. Die politisch brisante Situation der späten 80er wird leichtfertig verschenkt und zu kleinen Privatfehden der beteiligten Personen umgedeutet. Das nimmt dem Plot die gesamtgesellschaftliche Brisanz, die er entwickeln könnte. Nun war Gesellschaftskritik nie die Stärke oder überhaupt ein Anliegen Bessons, dem es in seinen Geschichten eigentlich fast immer eher um durchschnittliche Menschen in Ausnahmesituationen ging, die über sich hinauswachsen mussten. Der Look der Filme spielte in Bessons Karriere durchgehend eine größere Rolle als der Inhalt. Das liebt oder hasst man an seinen Werken. Wenn es einen gleichgültig lässt oder gar ein wenig langweilt wie bei „Anna“, dann ist das ein Alarmsignal. Der Luc könnte ganz gut etwas neuen Input vertragen.

„Sehe ich so etwa aus wie Nikita?“

Die Qualität der Blu-ray ist sehr gut, die Extras sind knapp gehalten, gehen aber in Ordnung. Kein Pflichtkauf, aber für Besson-Enthusiasten ein energisches „Vielleicht“.

„Sag mal, bist du jetzt eigentlich Nikita oder nicht?“

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Luc Besson haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Helen Mirren unter Schauspielerinnen, Filme mit Luke Evans und Cillian Murphy in der Rubrik Schauspieler.

„Na gut, von mir aus: Dann bin ich eben Nikita.“

Veröffentlichung: 28. November 2019 als 4K UHD Blu-ray, Blu-ray und DVD

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 114 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Anna
F 2019
Regie: Luc Besson
Drehbuch: Luc Besson
Besetzung: Sasha Luss, Helen Mirren, Cillian Murphy, Luke Evans, Lera Abova, Alexander Petrov, Nikita Pavlenko, Anna Krippa
Zusatzmaterial: Making-of-Featurettes („Die Kostüme“, „Der Restaurant-Kampf“, „Die Produktion“, „Die Verfolgungsjagd“), Wendecover
Label/Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2019 by Lars Johansen

Felix Leiter

Szenenfotos & Packshot: © 2019 Studiocanal Home Entertainment

 

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