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Gewinnspiel: 3 x Der Don ist tot auf Blu-ray

Verlosung

„Der Don ist tot“ (1973) zeigt Anthony Quinn, der in Las Vegas den Platz eines verstorbenen Mafiabosses einnimmt, einen Gangsterkrieg um die Macht aber nicht verhindern kann. explosive media hat den Gangsterthriller von Richard Fleischer („Die Wikinger“) kürzlich als Blu-ray und DVD veröffentlicht. Der Vertrieb Koch Films hat uns davon drei Blu-rays zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank im Namen der kommenden Gewinnerinnen und Gewinner.

Teilnahmebedingungen

Zwar bringt es mir Spaß, Filme unter die Leute zu bringen, weil sich die überwältigende Mehrzahl der Gewinnerinnen und Gewinner aufrichtig freut und höflich bedankt. Dennoch geht der Versand etwas ins Geld, zumal „Die Nacht der lebenden Texte“ nach wie vor keinen Cent Ertrag abwirft (die unten ab und zu eingeblendete Werbung schaltet WordPress). Daher: Auf völlig freiwilliger Basis darf mir jede/r Gewinner/in gern anbieten, das Porto in Höhe von 1,55 Euro zu übernehmen – oder höher beim Wunsch nach versichertem Versand. Gebt mir das aber bitte nicht schon im Kommentar mit eurer Antwort bekannt, sondern erst im Gewinnfalle. Ich will nicht in Verdacht geraten, die Sieger danach zuzuteilen.

Zwecks Teilnahme am Gewinnspiel begebt Ihr euch zu Lucas Grönings Rezension des Films und beantwortet dort (also nicht hier unter dem Gewinnspiel) bis Sonntag, 13. September 2020, 22 Uhr, im Kommentarfeld die Frage im letzten Absatz des Textes.

Seid Ihr dazu nicht in der Lage, so schreibt das einfach hin. Alle nach Start des Gewinnspiels veröffentlichten Antworten landen im Lostopf. Das „nach Start“ erwähne ich, weil sich aufgrund eines vorherigen Gewinnspiels unter der Rezension bereits Antworten finden. Wer seinerzeit bereits kommentiert hat und erneut teilnehmen will, muss also erneut kommentieren, kann dies aber natürlich mit einer identischen Antwort. Nicht verzweifeln, wenn Ihr euren Kommentar nicht sogleich erblickt – aus Sicherheitsgründen schalten wir ihn erst frei. Das ist aber Formsache.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Ich benötige obendrein die Zusage, dass die Sendung von keinem Minderjährigen entgegengenommen werden kann. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert). Gewinnerinnen oder Gewinner, die sich drei Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht gemeldet haben, verlieren den Anspruch auf die Blu-ray. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Nur eine Teilnahme pro Haushalt. Ich behalte mir vor, Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht für den Lostopf zuzulassen oder ihnen im Gewinnfall nachträglich den Preis abzuerkennen, sofern mir Mehrfachteilnahmen unter Alias-Namen unterkommen. Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner/innen werde ich im Lauf der Woche nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie auch per E-Mail benachrichtigen.

Gewonnen haben

– Alexandra Jotter,
– Christoph Marek,
– Jürgen Winterstein.

Herzlichen Glückwunsch! Ihr werdet benachrichtigt.

Die Rezension von „Der Don ist tot“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

 

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Der Don ist tot – Des Paten kleiner Bruder

The Don Is Dead

Von Lucas Gröning

Thriller // 1972 erschien mit Francis Ford Coppolas „Der Pate“ einer der berühmtesten Mafiafilme überhaupt, wenn nicht der berühmteste. Vor allem die Rolle des Don Vito Corleone (Marlon Brando) gilt bis heute als ikonisch und dürfte selbst jenen Menschen schon einmal begegnet sein, welche sich wohl nicht vordergründig als Filmfans identifizieren. Weitgehend in Vergessenheit geraten ist dagegen ein anderes Werk aus demselben Jahr, welches in Bezug zu seinem Narrativ einen ganz ähnlichen Weg geht wie Coppolas monumentales Mafia-Epos: der Roman „The Don Is Dead“ von Marvin H. Albert. Wie in „Der Pate“ so geht es auch in Alberts Geschichte um einen Don, welcher versucht, seinen Platz in einer Stadt zu sichern, sich gegen andere Parteien durchzusetzen und zugleich seine Macht auszuweiten.

Don Angelo (r.) übernimmt die Territorien des verstorbenen Don Paolo

Klar, dass der immense Erfolg von „Der Pate“ zwangsweise eine Verfilmung von „The Don Is Dead“ mit sich bringen musste. Ein Jahr später inszenierte Richard Fleischer die Adaption unter gleichem Namen. In Deutschland wurde der Titel anschließend wortgetreu übersetzt und unter „Der Don ist tot“ veröffentlicht. Fleischer war zu diesem Zeitpunkt bereits ein etablierter Regisseur in Hollywood, was sein 1948 errungener Oscar für den Dokumentarfilm „Design for Death“ (1947) bezeugen dürfte, in dem er skizziert, welche politischen und wirtschaftlichen Einflüsse dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor zugrunde lagen. Darüber hinaus zählen die Disney-Verfilmung „20000 Meilen unter dem Meer“ (1954), das Historien-Abenteuer „Die Wikinger“ (1958), das Pearl-Harbor-Kriegsdrama „Tora! Tora! Tora!“ (1970) und die SF-Dystopie „Jahr 2022 … die überleben wollen“ (1973) zu seinen bekanntesten Werken. In diesen Filmen, wie auch in seiner gesamten Karriere, arbeitete er dabei gleich mit einer ganzen Reihe an hervorragenden Darstellerinnen und Darstellern wie Kirk Douglas, Charlton Heston, Henry Fonda und Meg Ryan zusammen.

Auch für „Der Don ist tot“ wurde ihm eine Riege an Schauspielern zur Verfügung gestellt, deren Namen über die Zeit eine gewisse Bekanntheit erlangten. Die Hauptrolle verkörpert Anthony Quinn, welcher unter anderem aus Federico Fellinis Meisterwerk „La Strada“ (1954) oder Daid Leans Romanverfilmung „Lawrence von Arabien“ (1962) bekannt sein dürfte. Frederic Forrest wiederum, hier in einem seiner ersten Filme zu sehen, erlangte durch seine Teilnahme an Fleischers Film ironischerweise Rollen in mehreren Filme von Francis Ford Coppola, unter anderem in „Der Dialog“, welcher ein Jahr später folgte, und „Apocalypse Now“ (1979). Darüber hinaus ergatterte er je eine Nominierung für den Oscar und den Golden Globe für seine Rolle in Mark Rydells „The Rose“ (1979). Als dritter exemplarischer Darsteller sei der im vergangenen Jahr verstorbene Robert Forster zu nennen, welcher hier ebenfalls noch am Beginn seiner Karriere stand und später unter anderem Rollen in Quentin Tarantinos „Jackie Brown“ (1997), David Lynchs „Mulholland Drive“ (2001) und der Fernsehserie „Breaking Bad“ (2013) ergatterte. Ein vielversprechender Regisseur und vielversprechende Darsteller also, die in Kombination einen enorm interessanten Film abgeliefert haben.

Kampf um die Hegemonie

Die Handlung spielt in Las Vegas in den 1970er-Jahren. Erst vor Kurzem ist der Mafiaboss Don Paolo gestorben, er hinterlässt eine Stadt mit vielen Fragen. Gleich mehrere Familien streiten sich um die übrigen Gebiete des Verstorbenen, zugleich soll jedoch unbedingt der Frieden in Vegas gewahrt werden. Anspruch auf das hinterlassene Erbe erhebt vor allem der Sohn des Toten, Frank Regalbuto (Robert Forster). Dieser wird jedoch von den übrigen Bossen als zu jung und unerfahren eingestuft, und so kommt es zu dem Kompromiss, dass Don Angelo DiMorra (Anthony Quinn) die Gebiete zunächst erhält und den jungen, aufbrausenden Frank unter seine Fittiche nimmt. Der soll die Gebiete nach einiger Zeit übernehmen, wenn er Erfahrung gesammelt hat. So weit, so gut, wäre da nicht Franks Freundin Ruby (Angel Tompkins), welche für das Vorankommen ihrer Karriere als Sängerin eine Nacht mit Angelo verbringt. Als Frank davon erfährt, trifft ihn das sichtlich, und es entbrennt nun doch ein Krieg um die Stadt, in welchen außerdem die Brüder Tony (Frederic Forrest) und Vince Fargo (Al Lettieri) hineingezogen werden, wobei erstgenannter sich eigentlich aus dem Mafiageschäft verabschieden wollte. Ein Plot also, in welchem enorm viele Figuren vollends widersprüchlicher Interessen verfolgen, und eine für alle Beteiligten befriedigende Auflösung aussichtslos erscheint.

Frank ist noch zu unreif und scheint nicht bereit für die Rolle des Don

Die Folge kann so nur ein Kampf um die Hegemonie sein, sodass nur bestimmte Seiten ihre Ziele durchsetzen können, wohingegen andere schlussendlich zurückstehen müssten. Wie so viele Gangsterfilme, so viel lässt sich aus der Inhaltsangabe bereits herauslesen, ist auch „Der Don ist tot“ in erster Linie ein Film über Macht, wobei das Machtgefüge im Verlauf des Films variiert und der Umgang mit der Macht von Charakter zu Charakter unterschiedlich ist. Die mächtigste Figur zu Beginn des Films ist ganz klar Don Angelo DiMorra, was sich bereits in seiner Einführung zeigt. Wenn er spricht, hören alle zu und alle scheinen sich seinem Willen zu beugen, ohne dass er als tyrannischer Despot auftreten muss. Vielmehr spielt er die Rolle eines lieben, fürsorglichen, weisen Alten, dessen schiere Erfahrung, gekoppelt mit enormen ökonomischen Möglichkeiten für einen selbstverständlich anmutenden Machterhalt sorgt. Als „selbstverständlich“ sei diese Zuschreibung hier in doppelter Hinsicht zu verstehen: Zum einen nehmen die anderen Familien die Rolle von DiMorra als Herrscher ohne Widerworte an, zum anderen erscheint auch uns Rezipierenden die Wahl aufgrund seiner Inszenierung als logisch, wenn nicht zwangsläufig, zeigt sich doch bereits zu Beginn die aufbrausende Art von Frank, die ihn als Erben der Territorien des Verstorbenen disqualifiziert. Ein Vergleich zu „Der Pate“ scheint an dieser Stelle naheliegend, ist hier doch ein ähnlicher Kontrast zwischen Vito Corleone und seinem von James Caan verkörperten Sohn Sonny zu erkennen. Somit verbleibt DiMorra als einzige ernstzunehmende und auch vom Rezipierenden akzeptierte Wahl, werden doch den anderen Dons im Streit vor allem eindimensionale oder rein egoistische Motive zugeteilt, die sie für eine derartige Verantwortung ebenso disqualifizieren wie Frank.

Dezentralisierung und Demokratisierung

Die Macht des neuen Don zeigt sich aber nicht nur in der Aufteilung der Territorien, sondern eben auch in der Beziehung zu Franks Freundin Ruby. Interessant sei an dieser Stelle, dass er den Sex mit ihr zunächst ablehnt und Rubys Plan, durch eine Nacht mit ihm ihre Karriere zu pushen, entgegensteht. Er sieht sich vielmehr als väterlich-fürsorgliche Figur, die lediglich etwas Gutes für ein junges Mädchen tun will, jedoch durch sein Alter in der direkten Konfrontation mit Ruby sexuell äußerst unsicher, fast sogar jungfräulich wirkt. Ruby jedoch drängt sich ihm förmlich auf, entblößt sich vor ihm und schlussendlich gelingt ihr die Verführung des alten Don.

Neben dem offensichtlichen biblischen Bezug zu Adam und Eva und dem mit der Verführung einhergehenden Sturz ins Unglück will ich auch den Bezug zu ökonomischer Macht ins Zentrum dieser Rezension rücken. So sehr sich nämlich Don Angelo auch gegen den Sex mit Ruby zunächst wehrt, so sehr drängt sie sich ihm förmlich auf. Es besteht an einem Punkt überhaupt kein Weg mehr heraus. Die Macht des Don ist derart groß, dass sich ihm selbst die Dinge aufdrängen, die er überhaupt nicht intendierte zu besitzen. Seine ökonomische Macht gibt ihm hier, erneut wie selbstverständlich, auch die Macht über Ruby. Dies steht im krassen Gegensatz zu Frank. Wo dieser seine Freundin in jeglicher Hinsicht überreden muss, beispielsweise bei ihm zu bleiben und ein bestimmtes Jobangebot nicht wahrzunehmen, ist das Gegenteil in der Beziehung zwischen ihr und Don Angelo der Fall. Ökonomische Macht bedeutet, egal ob gewollt oder ungewollt, Macht über Menschen und zugleich, so zeigt der Film recht subtil, sexuelle Potenz.

Angelo kommt Franks Freundin Ruby äußerst nah …

Eine Lösung kann also unmöglich in einer Zentralisierung der Macht, beispielsweise bei einem noch so freundlichen, weisen Herrscher liegen; einzig eine Dezentralisierung der Macht, wenn man so will eine Demokratisierung, bietet einen Ausweg. Der Film skizziert diesen Ausweg anhand der Figur des Tony Fargo. Dieser muss einsehen, dass sein Ausstieg aus den mafiösen Strukturen der Stadt unmöglich erscheint, im Angesicht der Tatsache, lediglich eine Schachfigur in den Plänen autoritärer Machtmenschen zu sein. Sein Ziel ist folglich eine Dezentralisierung der Macht und das damit einhergehende Ende eines zutiefst maskulinen Kampfes um die Hegemonie in der Stadt und nicht zuletzt um die Frauen, welche repräsentativ über den gesamten Film hinweg, deutlich jedoch gegen Ende, als die wahren Profiteure eines patriarchalischen Kampfes der Männer um die Spitze in Las Vegas inszeniert werden. Diese Konflikte müssen aufgelöst werden, jedoch steht Tony hier vor einem Dilemma, denn um die Machtverhältnisse aufzulösen, müsste er selbst über die Macht verfügen, einen derartigen Kurswechsel überhaupt auf den Weg zu bringen. Das Ausbrechen aus dem System kann also nur mit einem Erklimmen der Spitze des Systems erreicht werden, was wiederum eine Verantwortung zum Sichern der zu erreichenden Verhältnisse mit sich bringen würde und somit eine Notwendigkeit zum Erhalt der Hegemonie. Es führt so oder so kein Ausweg aus diesem System, was der Film in seinen knapp zwei Stunden in virtuoser Weise hervorragend herausarbeitet.

Klarheit führt zu Aufklärung

Dabei beschränkt sich Fleischer auf seine wesentliche Aussage und führt keine detaillierten psychologischen Charakterstudien durch, wie das Francis Ford Coppola tat, bei dem das Individuum, als Teil einer mafiösen Familiengemeinschaft, eine viel größere Rolle einnahm. Vielmehr geht es Fleischer darum, die grundlegenden systemischen Widersprüche der Gemeinschaft aufzuzeigen, was ihm auf furiose Weise gelingt. Der Film erreicht durch diese bewusste Beschränkung zwar bei Weitem nicht die intellektuelle Höhe eines „Der Pate“, was auch für die inszenatorische Ebene gilt. Jedoch gelingt „Der Don ist tot“ durch diese Vereinfachung eine Klarheit auf Seiten der Rezipierenden, die „Der Pate“, mit seinem allein auf der Bildebene hoch-symbolischem Gehalt und der damit einhergehenden Herausforderung zur Interpretation, nicht schafft. Hier tritt die Form klar hinter Inhalt und Aussage zurück, denn allein das Narrativ sorgt bei Richard Fleischers Film für einen Effekt. Dies macht „Der Don ist tot“ zwar zu einem wenig komplexen Film, jedoch begünstigt er durch diese Einfachheit einen politischen Auseinandersetzungsrahmen und bietet so das Potenzial, eine aufklärerische Dimension zu erreichen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Richard Fleischer haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Robert Forster und Anthony Quinn unter Schauspieler. Welchen hier bislang nicht rezensierten Regiearbeiten Fleischers sollten wir uns noch widmen, um ihm gerecht zu werden?

… doch die Beziehung der beiden führt zu Komplikationen

Veröffentlichung: 9. Juli 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 110 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Don Is Dead
USA 1973
Regie: Richard Fleischer
Drehbuch: Christopher Trumbo, Michael Butler, Marvin H. Albert,
Besetzung: Anthony Quinn, Frederic Forrest, Robert Forster, Al Lettieri, Angel Tompkins, Charles Cioffi, Jo Anne Meredith, Barry Russo, Louis Zorich
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Bildergalerie, Wendecover
Label: explosive media
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2020 by Lucas Gröning

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 explosive media

 
 

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The Irishman – Das Vermächtnis eines Genies

The Irishman

Kinostart: 14. November 2019 (eine Liste der deutschen Kinos, die den Film zeigen, findet sich hier)

Von Kay Sokolowsky, der in seinem Weblog „Abfall aus der Warenwelt“ mehr über seine Liebe zum Kino im Allgemeinen und für das Werk Martin Scorseses im Besonderen erzählt.

Gangsterdrama // Kurz nachdem Martin Scorsese sein Missionarsdrama „Silence“ (2016) in die Kinos gebracht hatte, wurde der Regisseur gefragt, ob er auch künftig Spielfilme drehen werde. Scorsese mochte sich nicht festlegen. Er verwies auf sein Alter und die beträchlichen Strapazen bei den Dreharbeiten. Schon zwei Jahrzehnte früher, während der Inszenierung von „Casino“ (1995), hatte er über die Mühseligkeiten am Set gejammert: „Alle sind größer als ich, und überall stehen Lampen im Weg.“ Damals war er 53 Jahre alt und machte sich ein bisschen über sich selber lustig. Heute, mit 77, hätte er zweifellos Grund zum Klagen.

Scorsese hat sich der Plackerei trotzdem noch einmal unterzogen, und es nötigt nichts als Bewunderung ab, dass er sich auf seine alten Tage einen derart schwierigen, technisch wie erzählerisch hochkomplexen Stoff vornahm. „The Irishman“ wäre eine gewaltige Leistung, selbst wenn Scorsese künstlerisch gescheitert wäre. Die Zahl an Schauplätzen, Kulissen, Kostümen und Figuren, die er bedenken und dirigieren musste, war ungeheuer, eine Herkulesaufgabe. Wer nur ein wenig vom Filmemachen versteht, kann nichts als Hochachtung empfinden, wenn ein Regisseur sich an ein solches Monstrum von Story wagt, zumal einer in Scorseses Alter.

Aber „The Irishman“ ist keineswegs gescheitert und weit mehr als respektabel. Nämlich das Werk eines Meisters, ein Monument der Filmkunst, ein Stück, wie es niemand außer Scorsese hätte anfertigen können, dieser bedeutendste Regisseur nicht nur unserer Zeit, dies Ausnahmegenie der bewegten Bilder. „The Irishman“ ist ein Vermächtnis an alle, die Filme machen und lieben, und zugleich die Bilanz, die Martin Scorsese aus seinem einzigartigen Schaffen zieht.

Ein Schurkenstück

Der Film beginnt mit einer minutenlangen, hinreißend choreografierten Kamerafahrt durch die Gänge und Räume eines noblen Altersheims. Die Einstellung endet im Gesicht eines Greisen, der beichten will. Und dann erzählt dieser Mann namens Frank Sheeran (Robert De Niro) ebenso ehrlich wie zynisch aus seinem Leben – wie er nach seinem Dienst an der italienischen Front als unterbezahlter Trucker durch Amerika kurvte, wie er sich Ende der 1940er-Jahre der Mafia als Hitman andiente, wie er in den 50ern zum Leibwächter und Vertrauten des legendären Gewerkschaftsbosses Jimmy Hoffa (Al Pacino) aufstieg.

Keine Freunde der freien Presse: Jimmy Hoffa (l.) und sein Bodyguard Frank Sheeran

Frank Sheeran hat tatsächlich gelebt (und gekillt). „The Irishman“ basiert auf dem 2004 veröffentlichten Buch „I Heard You Paint Houses“ von Charles Brandt, einer Biografie Sheerans, die wiederum auf zahlreichen Interviews mit dem Mobster beruht. Scorsese hätte den kuriosen Titel wohl gern übernommen, unmittelbar nach der Anfangsszene sind die Worte in großen weißen Lettern auf schwarzem Grund zu lesen. „Ich hab gehört, dass Sie Häuser streichen“, soll Jimmy Hoffa zu Sheeran gesagt haben, als die beiden einander vorgestellt wurden. Hoffa hielt Sheeran allerdings nicht irrtümlich für einen Maler. Im Mafia-Jargon bedeutet die Wendung, dass einer Leute abknallt und dabei deren Blut auf den Wänden verspritzt.

Scorsese übernimmt die Perspektive seines Titelhelden, lässt sich von den sprunghaften, unsortierten Erinnerungen mitreißen, vermeidet jeden moralisierenden Kommentar und schafft es auf diese Art – wie vormals in „GoodFellas“ (1990) und „Casino“ –, den Soziopathen als Menschen erscheinen zu lassen, der Verständnis, vielleicht sogar Mitleid verdient. Was Sheeran sein Leben lang getrieben hat, ist verwerflich und böse, aber während wir der mäandernden Reise durch sein Leben folgen, stellt sich immer drängender die Frage, ob wir an seiner Stelle, in seiner Zeit, unter seinen Bedingungen nicht ebenso verwerflich und böse gehandelt hätten. Nur die größten Autoren – Dostojewski zum Beispiel, Shakespeare und Nabokov – bringen es fertig, dass wir mit den Schurken fühlen. Scorsese mischt in dieser Ersten Liga mit.

An die Leinwand gespielt

Weil die Geschichte sechs Jahrzehnte – von 1943 bis 1999 – umspannt, musste Scorsese tief in die digitale Trickkiste greifen. Mittels CGI wurden die Gesichter der Darsteller an die jeweilige Zeit angepasst. Diese Retusche ist nicht immer geglückt, insgesamt aber überzeugt, ja, überwältigt die Computerzauberei. Kino war seit den ersten Tagen eine Fabrik der Illusionen, und was jedem Blockbuster-Kurbler billig ist, darf einem Bildermagier wie Scorsese nur recht sein.

Pane e vino e sangue: Russell Buffalino hat einen Auftrag für den „Irishman“

Und man wüsste auch gar nicht, wer den jungen Frank Sheeran und den 40-jährigen Jimmy Hoffa ebenso charismatisch hätte darstellen können wie De Niro beziehungsweise Pacino. Ich kenne keinen lebenden Schauspieler, der als Volkstribun und Demagoge eine derartige Präsenz entwickelt wie Al Pacino mit seinen raumgreifenden Gesten und seiner machtvollen Stimme. Mir fällt niemand ein, der so effektiv mit einem einzigen Blick, einem Zucken der Mundwinkel seine Wut, sein Amüsement, seinen Abscheu auszudrücken vermag wie Robert De Niro.

Die erstaunlichste mimische Darbietung liefert Joe Pesci. Er spielt Russell Bufalino, einen Granden der New Yorker Mafia, der so etwas wie der CEO des Mobs war. Anders als in „GoodFellas“ und „Casino“, wo Pesci ebenso vital wie furchteinflößend einen hemmungslosen Bully verkörperte, tritt er in „The Irishman“ mit einer Ruhe, Gelassenheit und Würde auf, die stark an Marlon Brandos Darstellung des Vito Corleone in „Der Pate“ (1972) erinnert. Es scheint, als hätten die ziemlich besten Freunde Pesci und Scorsese sich zusammengetan, um den Eindruck zu korrigieren, Joe Pesci könne nichts anderes spielen als hektische Quassler, die gern Blut sehen. Das ist ihnen umwerfend gelungen.

Den tiefsten Eindruck allerdings hinterlassen Miene und Augen der dreizehnjährigen Lucy Gallina. Sie spielt Peggy, die jüngste Tochter Sheerans, und zugleich so etwas wie das fleischgewordene schlechte Gewissen des „Häuserstreichers“. In einer zentralen Szene des Films prügelt Sheeran einen Drugstore-Inhaber halbtot, der es gewagt hat, die kleine Peggy mies zu behandeln. Sie muss die Gewaltorgie mitansehen, und das Entsetzen in ihrem Gesicht wirkt so echt und erschütternd, wie es in einem Spielfilm irgend möglich ist.

Das Ziel ist der Weg

„The Irishman“ zeichnet die Geschichte eines Mannes nach, dessen Bosse ihm nie eine Wahl lassen, der freilich auch nie daran denkt, sich aufzulehnen. Der endlich zur Ruhe kommen will und dafür rastlos unterwegs ist. Der ahnt, dass er das Falsche tut, aber sich einredet, es sei das einzig Richtige. Frank Sheeran sucht am Ende seines Lebens eine Antwort darauf, warum er zum Sünder wurde, und weiß doch nicht mal, ob er überhaupt bereut, was er angerichtet hat.

Sein Name ist Hase: Jimmy Hoffa vor einem Ausschuss des US-Senats

Um die Widersprüche dieses Charakters und die allgegenwärtige Paranoia im Mob-Milieu zu reflektieren, ist der Film konstruiert wie ein Labyrinth. In Rückblenden etwa sind weitere Rückblenden eingefügt. Einige Motive – das Rauchen, das Trinken, das Essen, das Schießen – werden in allen denkbaren Variationen gezeigt, als Repetitionen von Repetitionen, Spiegelungen von Spiegelbildern. Die famose Kamerafahrt vom Beginn wird kurz vor Schluss symmetrisch wiederholt. Die entscheidende Sequenz des letzten Akts zeigt dreimal die gleiche Einstellung: Aus der Vogelsicht wird ein Auto gefilmt. Es fährt unter einem Gewirr von Oberleitungen, das nicht zufällig an ein Spinnennetz erinnert. Frank Sheeran mag sich von allen moralischen Bedenken befreit haben, doch er ist ein Gefangener des Systems, das Ungeheuer wie ihn hervorbringt.

Gleichsam als roter Faden dient dem Film eine dreitägige Highway-Reise von New York nach Denver im Jahr 1975. Sheeran, Russell Buffalino und ihre Ehefrauen unternehmen den mühsamen Trip aus geschäftlichen Gründen, treiben unterwegs Schutzgelder ein, besuchen kleine Angestellte des Mobs – doch erst im Finalakt erfahren wir, was der eigentliche Zweck des langen Ausflugs ist. Nämlich ein beispielloser Verrat, eine Sünde, die eine Million Ave Marias nicht abwaschen können.

Wenn „Stopp!“ wirklich „Stopp!“ heißt: Sheeran bahnt seinem Chef den Weg

Drei Stunden lang rannten wir mit Frank Sheeran durch das Labyrinth seines Lebens, und nun, da er endlich ans Ziel kommt, wird „The Irishman“ sehr still. Wo vorher noch fast jede Szene mit Popmusik der jeweiligen Epoche unterlegt war, gibt es plötzlich überhaupt keine Musik mehr, nur ein paar Akzente, die Scorseses bewährter musikalischer Berater Robbie Robertson mit der Mundharmonika setzt.

Der Schlussakt des Films zählt zum Beklemmendsten, Ergreifendsten, was ich je im Kino gesehen habe. Er ist eine Meditation über das Bösesein und das Altwerden, über Schuld, die nie vergeht, und Einsamkeit als Sühne – sehr katholisch, wie bei Scorsese nicht anders zu erwarten, und zugleich voller Empathie. Sheeran, der Greis, erkennt, dass sein Leben nichts als erbärmlich war. Und Martin Scorsese, der sich in den Killer einfühlt wie in einen Handschuh, erbarmt sich seiner.

He did it

Zur raffinierten Textur des Films hat die seit vier Jahrzehnten wichtigste Mitarbeiterin Scorseses entscheidend beigetragen, die Cutterin Thelma Schoonmaker. Noch mit 79 Jahren schneidet sie wie mit dem Skalpell, verleiht den Szenen eine Dynamik und einen Rhythmus, die geradezu elektrisieren. Falls das Wort „kongenial“ je einen Sinn hatte, dann für das Teamwork von Schoonmaker und Scorsese. „The Irishman“ mag mit dreieinhalb Stunden Laufzeit viel Sitzfleisch erfordern, aber die Eleganz und Musikalität der Erzählung lassen das Stück viel kürzer erscheinen, als es ist. Kein Bild, das überflüssig, keine Kleinigkeit, die nicht bedeutsam wäre.

Rodrigo Prieto, der hier zum dritten Mal mit Scorsese zusammengearbeitet hat, setzt als Kameramann die Vorstellungen des Maestro in Einstellungen um, die sich nie verstecken müssen vor dem, was früheren Kollaborateuren wie Michael Ballhaus oder Robert Richardson einfiel. Weil Frank Sheeran pausenlos in Bewegung ist, muss ihm die Kamera durch enge Gänge, verwinkelte Zimmer, auf den Straßen der Bronx und des Mittleren Westens und sogar durch die Luft folgen. Prieto löst die gewaltigen Herausforderungen, die dieses Rattenrennen an ihn stellt, mit erstaunlicher Lässigkeit, der Souveränität eines Meisters. Dabei beweist er auch, dass er mit ebensoviel Geschmack wie Respekt die Maschen von Kollegen nachstricken kann.

Die Mörder und der Engel: Buffalino begrüßt Sheerans Töchterchen Peggy

Denn „The Irishman“ ist gespickt mit Einstellungen, die auf frühere Scorsese-Filme anspielen. Diese Verweise sind nicht immer so deutlich zu erkennen wie bei jener Szene, in der Sheeran seine Pistolensammlung auf einer Bettdecke ausbreitet – eine fast deckungsgleiche Übernahme aus „Taxi Driver“ (1976). Oft ist es nur eine bestimmte Perspektive, eine gewisse Beleuchtung, die an Einstellungen aus älteren Werken Scorseses erinnern. Der Regisseur zieht, wie gesagt, eine Bilanz seines Schaffens, und weil Film eine visuelle Kunst ist, bilanziert er in Bildern, Kamerabewegungen und Schnittsequenzen. Wäre ich ein Filmstudent, der nach einem Thema für seine Master-Arbeit sucht, ich würde mir „The Irishman“ vorknöpfen und nach all den halben und ganzen Zitaten, den Travestien und Andeutungen suchen, mit denen Scorsese sein einzigartiges Œuvre Revue passieren lässt. Ich bin schon beim ersten Anschauen circa dreißigmal fündig geworden; womöglich versteckt sich in jeder Einstellung ein Souvenir du Scorsese.

Derlei Zitataufspürerei ist vermutlich nur für eingeschworene Verehrer ein Vergnügen. Zum Glück macht dieser Film, so beklemmend und dunkel er endet, auch sonst viel Spaß. Das verdankt er nicht zuletzt den messerscharfen Dialogzeilen von Steven Zaillian. So sagt Frank Sheeran, der es sich angewöhnt hat, benutzte Waffen in den Hudson zu schmeißen: „Wenn Sie Taucher da runterschicken würden, könnten Sie ein kleines Land bewaffnen.“ Ein anderes Mal, es geht um einen kniffligen Hit-Job, lernen wir diese Weisheit: „Drei Männer können ein Geheimnis bewahren. Wenn zwei von ihnen tot sind.“ Den lautesten Lacher bei der Pressevorführung erntete eine Szene, in der Sheeran erfährt, dass einer seiner Mafia-Buddys gestorben ist, und fragt: „Who did it?“

Die Frage, wer „The Irishman“ gemacht hat, stellt sich jedenfalls nicht; kein anderer als Martin Scorsese hätte so etwas hingekriegt, ein Werk von solcher Subtilität und Tiefgründigkeit, solchem Einfallsreichtum und Witz. Dies ist ein Denkmal, das Scorsese sich und seiner Kunst errichtet hat, wahrhaftig ein Kinoereignis. Und darum sollten Sie „The Irishman“, sofern Sie es einrichten können, auch im Kino ansehen, nicht bei Netflix. Kein Home-Cinema-Apparat kann die Wucht dieser Bilder, die Opulenz der Ausstattung, die Überlebensgröße der drei Hauptdarsteller angemessen fassen. Sie würden damit übrigens auch einen Wunsch Martin Scorseses erfüllen. Und wie könnte man einem wie ihm etwas abschlagen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Martin Scorsese haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Stephen Graham, Jack Huston, Harvey Keitel, Robert De Niro und Al Pacino unter Schauspieler. Kays Scorsese-Huldigung „Matinee mit Mozart“ findet Ihr auch hier.

Das Gewicht der Bilder: Buffalino erteilt Sheeran eine Lektion über Mafia-Werte

Veröffentlichung: 27. November 2019 auf Netflix

Länge: 209 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Irishman
USA 2019
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Steven Zaillian, nach der Buchvorlage „I Heard You Paint Houses“ von Charles Brandt
Besetzung: Robert De Niro, Jesse Plemons, Al Pacino, Anna Paquin, Joe Pesci, Bobby Cannavale, Stephen Graham, Harvey Keitel, Jack Huston, Kathrine Narducci, Dascha Polanco, Domenick Lombardozzi, Aleksa Palladino, Ray Romano
Verleih: Filmwelt Verleihagentur GmbH

Copyright 2019 by Kay Sokolowsky

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Netflix

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/11/15 in Film, Kino, Rezensionen

 

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