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Antiviral – Setz dir einen Schuss Berühmtheit: In großen Fußstapfen

Antiviral

Von Lutz R. Bierend

SF-Thriller // Es muss schon schwer sein, wenn man als Spross von berühmten Eltern ins Rampenlicht treten möchte. Zu verführerisch ist für Kritiker der Vergleich mit dem berühmten Verwandten. Nicolas Cage änderte deshalb gleich seinen Nachnamen Coppola, um nicht nicht die Vorwürfe seiner Cousine Sofia zu hören, deren Rolle in „Der Pate – Teil III“ nur der Tatsache zugeschrieben wurde, dass ihr Vater der legendäre Regisseur war. Besonders schwer wird es, wenn die Kinder auch noch im selben Beruf wie der berühmte Verwandte ihre Lorbeeren verdienen wollen (in der Hinsicht hat sich Sofia 2003 mit „Lost in Translation“ immerhin etwas freigeschwommen).

Als Regiedebüt prämiert

Dieser Aufgabe hatte sich Brandon Cronenberg bereits 2012 gestellt, als er mit seinem „Antiviral“ nach eigenem Drehbuch aus dem Schatten seines Vaters David heraustrat. Mit der Busch Media Group hat sich jetzt endlich jemand gefunden, der Cronenberg Juniors Langfilm-Regiedebüt sechs Jahre nach seiner Erstaufführung auch dem deutschen Publikum näherbringt. Erstaunlich, dass dies so lange gedauert hat, hatte „Antiviral“ bei den Filmfestspielen doch sogar in Cannes seine Premiere in der Certain Regards Section und war dort für die Camera d‘Or als bestes Debüt nominiert. Bei drei weiteren Festivals hat er sogar die Preise für das beste Regiedebüt gewonnen (u. a. beim Toronto International Film Festival und beim Sitges). Eigentlich ein Armutszeugnis für die deutsche Filmlandschaft. Allerdings muss man auch sagen, dass Brandon der Erwartung des Publikums durch seinen Vater David wenigstens in einem Punkt sehr gerecht wird: „Antiviral“ ist nicht leicht zu verdauen, ebenso wie viele Filme seines Vaters, die zwar eine unglaubliche visuelle Kraft und viel Spielraum für Interpretation lassen, aber auch schwere Kost sind. Selbst Fans des Body Horrors von David Cronenberg sind fast erleichtert, wenn Max Renn in „Videodrome“ (1983) das Publikum nach 89 Minuten mit seinem Selbstmord endlich aus dem Kinosaal entlässt. Von dem Gynäkologen-Horror von „Die Unzertrennlichen“ (1988) wollen wir da ebenso wenig reden und wie über den vielfach verbotenen „Crash“ (1996), über den Roger Ebert treffend sagte: I admired it, although I cannot say I „liked“ it.

Die schöne Hannah Geist und das Biest Syd March, der ihre Krankheiten vermarktet

„Antiviral“ erzählt von einer degenerierten Gesellschaft, in der das Leben der Menschen so sinnentleert ist, dass sie sich nur noch am Dasein der Stars ergötzen. Das endet hier nicht in sozialpornografischen Fernsehformaten wie dem „Dschungelcamp“, sondern in der Lucas Clinic. Hier können sich Fans die Krankheiten ihrer Idole injizieren lassen. Der Exklusiv-Vertrag mit Hannah Geist (Sarah Gadon, „Das 9. Leben des Louis Drax“), einer Art Scarlett Johansson dieses Universums, lässt die Kassen klingeln, und an den Kopierschutz wurde auch gedacht. All die Viren, welche von den Berühmtheiten eingesammelt wurden und als Kulturen gehalten werden, sind dank spezieller Behandlung nicht mehr ansteckend. Wer also den Herpes-Simplex-Virus von Hannah Geist erhalten will, muss für die Spritze schon zahlen, um die authentischen Lippenbläschen des Stars zu bekommen. Einfach nur einen anderen Nerd küssen, der seine Starentstellung zur Schau stellt – das hilft nicht.

Herpes vom Star

Syd March (Caleb Landry Jones, „Get Out“) ist Angestellter der Lucas Clinic und überzeugt die Fans, für das bisschen extra Verbundenheit mit den Stars die Brieftasche aufzumachen. Wo genau muss man die Herpesspritze ansetzen, damit die Erkrankung genauso aussieht, als rühre sie von einem echten Kuss Hannah Geists her? Dafür muss man schon arg besessen sein.

In der Klinik gibt es eine strenge Überwachung der Mitarbeiter, damit das infektiöse Material nicht herausschmuggelt und auf eigene Rechnung verkauft werden kann. An das Originalmaterial kommt niemand ran, denn Syds Kollege Derek Lessing (Reid Morgan) ist der einzige, der Hannahs Viren einsammeln darf. Aber Syd hat einen Weg gefunden, trotzdem etwas Geld zu machen: Von den Spritzen der Kunden spritzt er sich die Reste der Promiviren selbst, auf diese Weise vermehrt er die Erreger in seinem eigenen Körper. Das Ergebnis verkauft er auf dem Schwarzmarkt an Arvid (Joe Pinge), der in Astral Bodies arbeitet, einem Fleischmarkt für die Berühmtheiten, wo aus einzelnen Zellen der Stars Steaks für die Fans gezüchtet werden. Zugegeben, ein argentinisches Rindssteak sieht leckerer aus, aber solange man Originalzellen ihres Hollywood-Stars essen kann, stört es doch nicht, wenn diese wie überlagertes Tofu aussehen. Und die Diskussion, ob das nun Kannibalismus ist, wird ja auch überbewertet. Immerhin wird hierfür niemand in Massentierhalten zur Schlachtbank geführt.

Genau zielen, damit die Herpesbläschen auch an der richtigen Stelle sitzen

Als Derek beim Schmuggeln und Verkaufen von Hannahs Viren erwischt wird, tut sich für Syd eine Chance auf: Er wird zu Hannah geschickt, um dort ihren neuesten Infekt zu ernten, der sie gerade ans Bett fesselt. Im Überschwang der Begeisterung nimmt er etwas mehr Blut ab und spritzt es sich auf dem Heimweg sogleich, in der Hoffnung, diesmal etwas Geld extra zu machen. Dummerweise handelt es sich nicht um einen einfachen Herpesvirus, sondern eine Krankheit, die ihn auf einen üblen halluzinatorischen Trip schickt. Und als er am Morgen schwer krank aufwacht, ist Hannah Geist tot. Als einziger lebender Träger dieses Promivirus wird Syd plötzlich zum vielgesuchten Mann.

Die Bürde des großen Vaters

Wie schon erwähnt: Es ist bestimmt nicht einfach, in ein Geschäft einzusteigen, in dem bereits der Vater sein Revier mit einer ganz eigenen Handschrift markiert hat.
Glücklicherweise hat David Cronenberg mit seinem Regiedebüt „Stereo“ (1969) und anderen Frühwerken durchaus Luft nach oben gelassen. Eine Chance, die George Cameron Romero beispielsweise kaum hatte, hatte sein Vater George A. Romero doch gleich mit seinem Erstling ein ganzes Genre umgekrempelt und mit „Die Nacht der lebenden Toten“ (1968) einen Klassiker geschaffen. Cronenberg hingegen hat erst später mit den genannten „Videodrome“ „Die Fliege“, „Crash“ und „The Naked Lunch“ und auch den – leider weit unter wert gelaufenen – Science-Fiction-Film „eXistenZ“(1999) sein wahres Potenzial als visionärer Regisseur entfaltet. Insofern ließ er seinem Sohn eine gute Chance, die Erwartungen in sein Debüt zu erfüllen.

Mit einem Erstling wie „Antiviral“ kann Papa David stolz auf seinen Sohn sein. Verglichen mit Davids Frühwerk ist „Antiviral“ eine Offenbarung und selbst im Verhältnis zu seinem Spätwerk schlägt er sich äußerst wacker. Fans von David Cronenberg sollten dem Film definitiv eine Chance geben, nicht nur weil Brandon auch dem Body Horror seines Vaters frönt und mit ekligen Körperflüssigkeiten nicht geizt.

Vom „Dschungelcamp“ zu „Antiviral“

Wenn „Antiviral“ vorgeworfen wurde, dass er eine unangenehme Kälte ausstrahlt und seine Charakteren Tiefe fehlt, dann wirkt dies (ähnlich wie in David Cronenbergs „Crash“) durchaus beabsichtigt und passend für eine Welt, dessen Gesellschaft so sinnentleert und entfremdet ist, dass ihre Einwohner ihrem Leben überhaupt nur noch anhand der Identifikation mit irgendwelchen Berühmtheiten Inhalt und Sinn geben können. Das ist zwar so unangenehm, dass es fast weh tut, aber wenn man sich ansieht, dass es selbst Formate wie „Dschungelcamp“, „Germany’s Next Topmodel“ und „Deutschland sucht den Superstar“ immer noch schaffen, nicht nur die Twittertrends zu beeinflussen, sondern auch in den ernst zu nehmenden Medien Aufmerksamkeit generieren, die sich nicht nur auf der Metaebene der Kritik darstellt, dann legt Brandon Cronenberg den Finger genau dahin, wo es wehtut. „Antiviral“ ist eine zynische Überspitzung einer sinnentleerten Gesellschaft, deren Bevölkerung zum Konsum herangezogen wurde. Der Fankult, welcher Stars zu gottgleichen Gestalten erhebt, ist ein perfekter Ausdruck der inneren Leere von Menschen, deren Leben ohne diesen Konsum wertlos geworden ist. Wenn „Antiviral“ wehtut, dann weil Brandon Cronenberg mit seinem Gesellschaftsbild leider nicht so weit von unserer Realität entfernt ist. Auch wenn die radikal unangenehme Stimmung, die der SF-Thriller verbreitet, vermutlich eher in den 70ern erfolgversprechend gewesen wäre, wo ähnlich schmerzhafte Dystopien wie „Uhrwerk Orange“ noch Kassenschlager werden konnten und ein nicht ganz so ekliger, aber auch nicht sehr optimistischer Film wie „THX 1138“ immerhin die Grundlage für die Karriere eines George Lucas bilden konnte. Bedauerlich, denn auch unsere Wohlfühlgesellschaft, in der Kino hauptsächlich der harmlosen Unterhaltung dient, könnte etwas mehr von dieser subversiven Botschaft vertragen. Welche unangenehm schmerzhaften Dystopien könnt Ihr empfehlen?

Hannah Geist sah attraktiver aus, als Syd sich die Viren aus ihren Venen zog

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Malcolm McDowell sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 19. Oktober 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 107 Min. (Blu-ray), 103 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Antiviral
KAN/F 2012
Regie: Brandon Cronenberg
Drehbuch: Brandon Cronenberg
Besetzung: Caleb Landry Jones, Lisa Berry, Sarah Gadon, Malcolm McDowell
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover
Label: Busch Media Group
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Lutz R. Bierend
Szenenfotos: © 2018 Busch Media Group

 
 

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Death Race 2050 – Die Zukunft ist jetzt!

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Roger Corman’s Death Race 2050

Von Volker Schönenberger

SF-Action // Wir befinden uns in den United Corporations of America (UCA) des Jahres 2050. Im National Coliseum von Nueva York beginnt das alljährliche „Death Race“, ein interkontinentales Autorennen mit Ziel Los Angeles, bei dem keine Gefangenen gemacht werden. Aufgrund der Automatisierung durch Roboter ist die Arbeitslosigkeit enorm, gleichzeitig werden die Menschen zu alt. Gegen die Überbevölkerung des Landes helfen nur Tote! Deshalb schert es das Publikum in der Arena auch nicht, dass Teilnehmerin „Tammy the Terrorist“ (Anessa Ramsey) gleich eine Bombe mit zum Start gebracht hat, dem 17 Zuschauer zum Opfer fallen. So geht es denn nicht nur darum, so schnell wie möglich in Los Angeles anzukommen; das Überfahren von Passanten bringt Punkte, wobei der Tod alter und gebrechlicher Menschen besonders hoch bewertet wird.

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Mögen die Spiele beginnen!

Der Präsident (Malcolm McDowell) mag solche Veranstaltungen. Brot und Spiele haben das Volk eben schon immer vor aufrührerischem Gedankengut abgelenkt. Unter den übrigen Piloten des Rennens: der genetisch optimierte Jed Perfectus (Burt Grinstead), die Hip-Hopperin Minerva Jackson (Folake Olowofoyeku) und mit ABE sogar eine künstliche Intelligenz. Star des Ensembles ist jedoch Frankenstein (Manu Bennett), vierfacher Champion des Death Race.

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Frankenstein schreitet zum Todesrennen

Es ist kein Zufall, dass der schrille Präsident der UCA an einen gewissen Donald Trump erinnert, was Frisur und Gebaren angeht. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten war der US-Präsidentschaftswahlkampf in vollem Gange. Im Interview mit dem Filmmagazin Deadline gab der unermüdliche Produzent Roger Corman zu, man habe sich von dem damaligen republikanischen Präsidentschaftskandidaten inspirieren lassen. Corman räumte ein, er hätte es sich nie träumen lassen, dass dieser Mann tatsächlich Präsident werden würde. Damit steht er wohl nicht allein. „Es sollte ein Witz sein“, so Corman. Nun ist der Witz Wirklichkeit …

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Jed Perfectus hat ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt

Diese satirischen Aspekte funktionieren gut, aber natürlich ist „Death Race 2050“ in erster Linie ein knallbuntes Exploitation-Spektakel mit Renn-Action futuristischer Fahrzeuge, so lässigen wie peinlichen Sprüchen und ganz viel Blut inklusive herumfliegender Körperteile. Die FSK hatte glücklicherweise ein Einsehen und winkte den Film ungeschnitten mit 18er-Freigabe durch. Das ebenfalls von Roger Corman produzierte Original „Frankensteins Todesrennen“ („Death Race 2000“, 1975) mit Sylvester Stallone und David Carradine war seinerzeit auf dem Index gelandet, ist mittlerweile aber ab 16 Jahren freigegeben.

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Auch Minerva Jackson will den Sieg beim Death Race

Zwischen beiden gab es 2008 das Remake „Death Race“ von Paul W. S. Anderson („Resident Evil“-Reihe) mit Jason Statham, gefolgt von zwei Fortsetzungen. Und dann gibt es noch den von Roger Corman produzierten „Giganten mit stählernen Fäusten“ („Deathsport“, 1978) mit David Carradine, der in Deutschland als „Death Race 2050“ auf DVD veröffentlicht worden ist und mit etwas gutem Willen auch schon als erste Fortsetzung des Originals durchgeht. Der aktuelle „Death Race 2050“ wäre demnach ein Reboot. Als sei das nicht kompliziert genug, entstand 2008 ohne Corman-Beteiligung im Fahrwasser des Anderson-Films auch noch „Death Racers“, hierzulande als „Death Race 3000“ auf DVD erschienen. Würdigster Nachfolger von „Frankensteins Todesrennen“ ist ohne Frage „Death Race 2050“ von 2017. Es versprüht einfach zu jedem Zeitpunkt den derben Charme Cormanscher Prägung, und das bis zum vergnüglichen Finale – vergnüglich zumindest für all jene, die den Ausgang der jüngsten US-Präsidentschaftswahl für einen ganz schlechten Witz halten.

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Die Flagge der UCA – immerhin ehrlich

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Roger Corman – Regiearbeiten wie Produktionen – sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Malcolm McDowell in der Rubrik Schauspieler.

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Frankenstein weiß sich zu wehren

Veröffentlichung: 16. Februar 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Roger Corman’s Death Race 2050
USA 2017
Regie: G. J. Echternkamp
Drehbuch: G. J. Echternkamp
Besetzung: Manu Bennett, Malcolm McDowell, Marci Miller, Burt Grinstead, Folake Olowofoyeku, Anessa Ramsey, Yancy Butler, Charlie Farrell Shanna Olson
Zusatzmaterial: Making-of, Featurette „Der Stil von 2050“, „Autos! Autos! Autos!“, Casting-Auto-Touren, unveröffentlichte Szenen
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 Universal Pictures Germany GmbH

 

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31 – A Rob Zombie Film: Von Clowns gejagt

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Kinostart: 27. Oktober 2016

Von Volker Schönenberger

Horror-Action // 2012 verstörte Rob Zombie die Fans seiner Filme gleich doppelt: Zum einen war sein Okkult-Schocker „The Lords of Salem“ nicht die Schlachtplatte, die sie sich erhofft hatten – gleichwohl ein sperriges, aber intelligentes Stück Independent-Horror; zum anderen kündigte er an, vorerst keine Horrorfilme mehr drehen zu wollen. Dieses „vorerst“ entpuppte sich als Zeitraum von vier Jahren. Ob Zombie mit „31“ die verstörten Fans versöhnen kann, ist schwer einzuschätzen. Die dünne Story dient letztlich nur als Aufhänger für brutale Jagdszenen, aber das reicht vielen ja.

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Mögen die Spiele beginnen!

„31“ beginnt mit einem ansprechend inszenierten Schwarz-Weiß-Prolog, in der ein gewisser Doom-Head (Richard Brake) in Nahaufnahme ein paar obskure Weisheiten zum Besten gibt. Es ist, als würde er die Zuschauer anreden, die vierte Wand durchbrechen – bis die Kamera umschwenkt und wir den Gefesselten erblicken, der ihm zitternd gegenübersitzt. Ihm gelten Doom-Heads Worte. Will man sich in seinen letzten Momenten ein so wirres Zeug anhören? Nun ja, der Bedauernswerte hat keine Wahl.

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Passend dazu geht es in den Zirkus

Die titelgebende 31 erklärt sich auf zweierlei Weise: „31“ spielt am 31. Oktober des Jahres 1976 – also an Halloween –, obendrein ist „31“ der Titel eines Spiels, welches ein Trio, das sich „Devils“ nennt, mit einigen bedauernswerten Opfern spielt, die zur falschen Zeit am falschen Ort aufgetaucht sind. Die „Devils“, das sind Father Murder (Malcolm McDowell), Sister Serpent (Jane Carr) und Sister Dragon (Judy Geeson), die das Spiel aus sicherer Entfernung beobachten und hohe Wetteinsätze bringen. Sie tragen barocke Kostüme und Perücken, sind weiß geschminkt, lassen sich von nackten Damen mit Masken bedienen – hat sich Rob Zombie da ein wenig von Stanley Kubricks „Eyes Wide Shut“ inspirieren lassen?

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Lasset alle Hoffnung fahren!

Die Opfer, das sind Charly (Sheri Moon Zombie), Roscoe Pepper (Jeff Daniel Phillips) und drei ihrer Freunde, die in ihrem schäbigen Wohnmobil als Jahrmarkts-Hilfskräfte durchs Hinterland ziehen – bis sie gekidnappt werden – ein paar Kollegen gehen dabei gleich drauf. In einem verrottenden Fabrikgebäude müssen sie nun zwölf Stunden ums Überleben kämpfen. Die „Devils“ hetzen nach und nach ein paar allerfeinste Psychopathen in grotesken Clownskostümen auf sie. Da ist beispielsweise der kleinwüchsige Sick-Head (Pancho Moler), ein Nazi mit Hitlerbärtchen und -frisur. Eine Karikatur, keine Frage – aber eine tödliche.

Die Reihen lichten sich

Die Opfer sind allerdings keineswegs wehrlos. Das mag im Sinne von Father Murder und seinen beiden Wettspielpartnerinnen sein, macht es das Spiel doch erst interessant. Und so lichten sich im Lauf der Nacht nicht nur die Reihen der Gejagten. Bei Charly und ihren Leidensgenossen fallen im Kampf ums Überleben bald die Hemmungen.

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Father Murder spielt mit hohem Einsatz

Die Storys von Backwoods-Terrorfilmen sind selten komplex oder überdurchschnittlich intelligent. Sehen wir „31“ das simple Sujet nach. Das brutale Katz-und-Maus-Spiel durch die düstere Industrie-Ruine hat nicht zuletzt dank seines stark an John Carpenter erinnernden Scores seinen Reiz. Die Brutalität des Geschehens ist heftig, dem deutschen Verleih Tiberius Film ist es erst in der Berufung gelungen, die ungeschnittene Fassung mit einer FSK-18-Freigabe in die Kinos zu bringen. Das heißt nicht, dass wir es mit einem Splatter-Spektakel zu tun bekommen. Blut fließt zwar reichlich, Hieb- und Stichwaffen sowie Kettensägen kommen ausgiebig zum Einsatz. Der Regisseur verzichtet aber darauf, die klaffenden Wunden und zertrümmerten Knochen zur Schau zu stellen. Immerhin hat er für die Heimkino-Auswertung bereits eine Unrated-Fassung angekündigt.

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Grotesker Killer: Death-Head (l.)

Ein paar Mal lässt Rob Zombie seine Opfer etwas zu stereotyp agieren. Wenn man sich nicht sicher ist, ob der niedergestreckte Killer auch wirklich tot ist, sollte man das nicht auf sich beruhen lassen. Und immer wieder ungern genommen ist es, wenn sich die Gejagten aus unerfindlichen Gründen mal kurz trennen. Okay, schon klar, dass die Figuren im Überlebenskampf gegen mordgierige Psychopathen ungeübt sind, aber an derlei Verhaltensweisen stören sich mittlerweile viele Horrorfans.

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Überlebenskampf gegen Clowns

Bedauerlich ist, dass sowohl die „Devils“ als auch ihre Jäger ohne echtes Interesse für ihre Hintergrundgeschichte modelliert sind. Father Murder und seine beiden Gefährtinnen sind eben irgendwelche Snobs, die aus Langeweile ein tödliches Spiel ersonnen haben und über ausreichend finanzielle Mittel verfügen, es zu organisieren. Zwischendurch kommentiert speziell Wortführer Father Murder immer wieder, aber Interesse an seinem Gefasel kommt nicht auf.

Graf Orlok und Analverkehr

Die Jäger in ihrer verschmierten Maskerade – wo kommen sie her? Was hat sie zu dem gemacht, was sie sind? So recht interessiert es nicht. Über Doom-Head erfahren wir etwas mehr, aber viel mehr als ein White-Trash-Hintergrund ist das nicht. In seiner Bude penetriert er gerade den Anus irgendeiner billigen Schnepfe von der Straße, während er gleichzeitig den Stummfilm-Klassiker „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ im Fernsehen schaut. Dann wird er vom Anruf in seinem Tun gestört, der ihm den Auftrag beschert, als einer der Jäger im Spiel „31“ zu agieren. Der hagere Killer trägt bald darauf im „Dienst“ sogar kurz einen taillierten schwarzen Mantel, wodurch seine Statur frappierend an Graf Orlok aus besagtem Stummfilm erinnert – ein schöner kleiner Bogen, den Rob Zombie da schlägt.

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Charly wehrt sich

So richtig ans Herz wachsen uns die Verschleppten nicht, aber man wünscht ihnen doch, dass sie das mörderische Treiben überstehen. Mit dem auch per Crowdfunding finanzierten „31“ verfehlt es Rob Zombie, dem Horrorgenre neue Impulse zu geben. Das ist routiniertes Terrorkino, sicher besser als vieles, was wir in dem Segment vorgesetzt bekommen, aber irgendwie auch nur Hausmannskost ohne nachhaltige Wirkung. „The Lords of Salem“ hat mich mehr beeindruckt.

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Doom-Head greift ein …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Rob Zombie sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Malcolm McDowell in der Rubrik Schauspieler.

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… und nimmt sich Charly vor

Länge: 102 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Originaltitel: 31
USA 2016
Regie: Rob Zombie
Drehbuch: Rob Zombie
Besetzung: Sheri Moon Zombie, Malcolm McDowell, Richard Brake, Jeff Daniel Phillips, Lawrence Hilton-Jacobs, Meg Foster, Kevin Jackson, Pancho Moler, Elizabeth Daily, Torsten Voges, Lew Temple, Jane Carr, Judy Geeson
Verleih: Tiberius Film

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Filmplakat & Fotos: © 2016 Tiberius Film

 
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Verfasst von - 2016/10/25 in Film, Kino, Rezensionen

 

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