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Tausendundeine Nacht – Warum ernst, wenn’s auch verrückt geht?

A Thousand and One Nights

Von Ansgar Skulme

Fantasy-Abenteuer // Im kunterbunten Bagdad aus Tausendundeiner Nacht unterhält Aladdin (Cornel Wilde) Tag für Tag, Jung und Alt mit seinem Gesang – vor allem die Damen lieben den Burschen. Indes nutzt sein Freund Abdullah (Phil Silvers) das Durcheinander zwischen den Marktständen, um sich mit geschickten Diebeshandgriffen die Taschen zu füllen. Wenn es darauf ankommt, ist Aladdin aber derjenige, der sogar zu weitaus waghalsigeren Abenteuern bereit ist. So lässt er es sich nicht einmal nehmen, sich in sie Sänfte der Prinzessin Armina (Adele Jergens) zu schleichen und den Schleier zu lüften, hinter dem sich das Gesicht verbirgt, das niemand sehen darf – mag der Spaß nun unter Todesstrafe stehen oder auch nicht. Ihr riskanter Lebensstil bringt Aladdin und Abdullah gern in Situationen, in denen es verdammt schnell um Leben und Tod geht, überstürzte Flucht und das Verbergen in abgelegenen Verstecken die letzten Auswege sind. Für den Hexenmeister Kofir (Richard Hale) sind die beiden Abenteuerlustigen ein gefundenes Fressen, um an die von ihm ersehnte Wunderlampe zu gelangen, für die er zwar Leben zu riskieren bereit ist, aber nicht sein eigenes.

Nach dem Erfolg der aus dem Vereinigten Königreich in die USA gelangten Produktion „Der Dieb von Bagdad“ (1940) versuchte sich Hollywood bald selbst an farbenfrohen Technicolor-Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“. Den Grundstein legte Universal Pictures mit „Arabische Nächte“ (1942) und fütterte dieses Subgenre des Abenteuer- und Fantasy-Films bis weit in die 50er-Jahre hinein mit Regelmäßigkeit. Auch andere Studios wollten ihren Teil vom Kuchen – MGM sprang mit „Der Kalif von Bagdad“ (1944) auf den Zug auf, RKO mit „Sindbad, der Seefahrer“ (1947). Am meisten jedoch schöpfte Columbia Pictures den Windschatten von Universal aus, mit Filmen wie „Der rote Falke von Bagdad“ (1951), „Abu Andar, Held von Damaskus“ (1952) und „Zaubernächte des Orients“ (1953).

Neue Impulse mit frechen Ideen

„Tausendundeine Nacht“ (1945) markierte Columbias standesgemäßen Technicolor-Einstand im Genre von Aladdin, Sindbad, Scheherazade, Ali Baba, Harun ar-Raschid und Jaffar, dem Genre der Sultane, Großwesire, Zauberer, schönen Prinzessinnen und Lampengeister, zwischen Bagdad, Basra, Damaskus und Samarkand. Ein Film, der gewissermaßen das gesamte Genre von vornherein im Titel trägt und deswegen geradezu dazu verdammt war, ein Meilenstein zu werden. Ob „Tausendundeine Nacht“ seinem vielversprechenden Namen gerecht wird, liegt natürlich im Auge des Betrachters, aber eindeutig festzuhalten ist, dass dieser Film sich insofern von seinen Vorgängern seit 1940 abhebt, als er die bonbonfarbene Technicolor-Orientwelt weitaus spaßbetonter und augenzwinkernder zum Leben erweckt als man das bis dato gewohnt war. Humorvoll gezeichnete Figuren und Szenen machten den Tausendundeine-Nacht-Film zwar auch schon zuvor immer wieder aus, jedoch war „Tausendundeine Nacht“ im Grunde das erste Technicolor-Orientabenteuer, bei dem Spaß und Gags, trotz einiger für Kinder sicher recht gruseliger Szenen, absolut im Vordergrund stehen. Das beginnt bereits mit dem einleitend eingeblendeten flapsigen Text und damit, dass Phil Silvers den ganzen Film über mit einer Brille umherläuft, obwohl dieses Hilfsmittel in der gezeigten Epoche eigentlich gar nichts verloren hat. Aus der Not, dass Silvers extrem kurzsichtig war und ohne eine Brille nicht arbeiten konnte, machte man also eine Tugend und sich einen Spaß daraus – zumal der talentierte, heute etwas im Schatten seiner mit vielen Hauptrollen in dieser Epoche berühmt gewordenen Komiker-Kollegen stehende Silvers ohnehin für Gags zuständig und nicht umsonst in einer großen Rolle besetzt worden war.

Damit nicht genug, ließ man aus der Lampe eine bildhübsch anzuschauende und von Evelyn Keyes überaus sympathisch verkörperte junge Dame mit grellem rotem Haar als guten und sich schnell verliebenden Geist auftauchen. Eine sehr amüsante Figur, die sich von ihren Freunden schlicht „Babs“ statt Dschinni nennen lässt, deren ehrliche Liebe zum Helden aber durchaus auch mit einer gewissen berührenden Würde und Verletzlichkeit vermittelt wird und dem ansonsten im positiven Sinne recht überdrehten Film seine wärmsten Momente beschert. Allein die Darbietungen von Evelyn Keyes und Phil Silvers sind für „Tausendundeine Nacht“ mehr als die halbe Miete. Die beiden fangen die leider stellenweise recht hölzernen Auftritte von Cornel Wilde und Adele Jergens mehr als gut auf. Dann ist da noch Rex Ingram, der in „Der Dieb von Bagdad“ den Lampengeist gespielt hatte und hier als gigantisch großer Wächter der Lampe erneut auftritt – und zwar in geradezu identisch aussehender Kostümierung. Nicht die einzige ziemlich direkte Hommage an die 1940 erschienene Produktion der Korda-Brüder: Ähnlichkeiten zu „Der Dieb von Bagdad“ fallen schon bei der Einführung des Helden und seines treuesten Gefährten im Umfeld des belebten Marktes, zudem natürlich der Präsenz einer Diebesfigur in einer zentralen Rolle sowie der Prinzessin auf, die niemand sehen darf, und die viel Zeit, umgeben von Dienerinnen im Garten, nahe des Palastes, verbringt. Auch der Zauberer Kofir weckt mit seinen finsteren Blicken und düsteren Fähigkeiten Erinnerungen – an Conrad Veidt als Jaffar.

Sprung zurück in die Kindheit

Wie in vielen anderen Tausendundeine-Nacht-Filmen der 40er und 50er fällt hier überhaupt eine bis in kleine Rollen sehr spielfreudige Besetzung auf. Man hat bei diesem Genre oft das Gefühl, dass sich die beteiligten Schauspieler wie ins Schlaraffenland teleportiert oder in ihre Kindheit zurückbeförderte Glückspilze fühlen, die einen Heidenspaß bei der Sache haben. Denkbar lustig sind vor allem die Auftritte von Murray Leonard in einer kuriosen Szene mit einem echten Kamel, das herrlich trocken direkt in die Kamera schaut, während er seinem Redeschwall frönt, und von John Abbott als Schneider Ali. Auch Gus Schilling und Nestor Paiva als stockdumme Wächter am Hofe des Sultans machen Spaß. Angesichts all dessen ist es relativ überraschend, dass der böse Prinz Hadji ausgerechnet von Dennis Hoey gespielt wurde, der in den Sherlock-Holmes-Filmen mit Basil Rathbone damals regelmäßig als trotteliger Inspektor Lestrade zu sehen war. Er war hier nun also in erster Linie für die finsteren Töne zuständig – und zeigt, dass er auch das, selbst inmitten einer ansonsten überwiegend spaßig-quirlig agierenden Besetzung, trotz seines durch den tapsigen Lestrade geprägten Leinwand-Images, gut darzustellen vermochte. Eine kurze Passage, in der man ihn plötzlich wider Willen nur noch mit einer Unterhose bekleidet und im dreistesten Sinne des Wortes demaskiert sieht, gibt es aber dennoch. Seine rechte Hand spielt Philip Van Zandt („In den Kerkern von Marokko“), der zu einem charakteristischen Gesicht des Tausendundeine-Nacht-Films der 40er und 50er werden sollte, ehe er 1958, nach einer langen und sehr produktiven Karriere, tragisch mit nur 53 Jahren durch Suizid aus dem Leben schied, nachdem er sein ganzes Vermögen durch Glücksspielsucht verloren hatte.

Die Liebe ist manchmal ein Krampf

Berechtigte Oscar-Nominierungen für das beste Szenenbild in einem Farbfilm – für das unter anderem ein gewisser Frank Tuttle zuständig war, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen „Die Narbenhand“-Regisseur – und für die besten visuellen Effekte komplettieren das unterhaltsame Abenteuer. Ein bisschen unfreiwillige Komik gibt es allerdings auch: So ist Adele Jergens – bei allem Respekt – als mutmaßlich bildschönste aller Frauen, die aufgrund ihrer Schönheit niemand ohne Erlaubnis sehen darf und die aus selbigen Gründen Aladdin nicht mehr aus dem Kopf gehen will, einfach nicht glaubwürdig besetzt und überzeugt ebenso wenig schauspielerisch. Ich würde das hier auch nicht so direkt schreiben wollen, hätte ich in dem Moment, in dem Aladdin den Schleier lüftet – da ich zu der Schauspielerin auch gerade kein Gesicht vor Augen hatte – bei der Sichtung für diese Rezension nicht tatsächlich sofort selbst den Impuls gehabt mit einem kräftigen, einleitenden „Pfff ….“ auf der Zunge loszulachen und zu denken: „Jetzt nicht wirklich euer Ernst, oder?“, nach dem ganzen Aufriss der die Begegnung mit dieser Figur bis dahin schon eingeleitet hat (und der dann über den Film hinweg auch weiter gemacht wird). Adele Jergens fehlt absolut jegliches Besondere in der Rolle – das wäre nach dem ernüchternden ersten Eindruck auch immer noch schauspielerisch zu lösen gewesen, was aber nicht passiert. Am Ende versteht man als Zuschauer genauso wenig wie die verschmähte „Babs“ aus der Lampe, warum Aladdin sich ausgerechnet in diese Prinzessin so sehr verguckt hat, dass er trotz beträchtlicher Auswahl, die sich über den Film hinweg in diversen wirklich schönen Frauen offenbart, eisern in sie verschossen bleibt. Schon allein Dusty Anderson, die stattdessen die Dienerin Novira verkörpert, wäre als Prinzessin Welten überzeugender besetzt gewesen. Adele Jergens mit Ernsthaftigkeit in dieser Rolle anbieten zu wollen, ist allerdings schlichtweg ein Grund, wenn nicht der gravierendste, warum man diesen Film einem heutigen jungen Publikum, trotz vieler neckischer Gags und der ziemlich provokant angelegten, liebenswerten Frauenfigur „Babs“, die den Mädels einiger Generationen gut gefallen dürfte, nur noch schwerlich wird verkaufen können. So forsch und frech „Tausendundeine Nacht“ auch in vielen anderen Momenten ist – was den Umgang mit der Prinzessin angeht, ist dieser Film unglaublich altbacken und von einer faustdicken Staubschicht überzogen. Übrigens: Dusty Anderson, die als Novira insofern fehlbesetzt ist, als sie die bessere Prinzessin gewesen wäre, wird am 17. Dezember 2019 zwar nicht 1001, allem Anschein nach aber immerhin stattliche 101 Jahre alt. Sie lebt offenbar schon lange zurückgezogen und ihre Filmkarriere ist noch länger beendet, jedoch sollte man davon ausgehen können, dass ein eventuelles Sterbedatum dennoch überliefert wäre. In den 40ern war Dusty Anderson in den USA ein bekanntes Pin-up-Girl.

Neben dem Scheitern von Adele Jergens gelingt es Cornel Wilde – einem von mir eigentlich sehr geschätzten, vor allem ungemein sympathischen Schauspieler mit recht natürlichem Charme – in den meisten Gesangsszenen leider auch nicht wirklich, wenigstens überzeugend so zu tun als würde er tatsächlich beim Singen mit seiner eigenen Stimme zu hören sein. Seine Gesangspassagen wurden von Tom Clark synchronisiert. Cornel Wildes teils ziemlich verkrampfte Körperhaltung beim Singsimulieren tut punktuell schon allein beim Zuschauen weh. Es macht keinen rechten Spaß, ihn im Korsett einer Strahlemann-Rolle zu sehen – das steht ihm nicht gut zu Gesicht und lag ihm offensichtlich auch nicht wirklich. Jedoch muss man fairerweise sagen, dass er seine Dialogpassagen weitaus besser spielt als dies in der mittlerweile in Deutschland im Umlauf befindlichen Neusynchronisation zur Geltung kommt. Und die hervorragende, wenngleich natürlich ebenfalls von Tom Clark synchronisierte Gesangsnummer „No More Women“ gegen Ende – eine mit breiter Brust den Frust herauslassende Abrechnung mit der Damenwelt, die Aladdin im Wechselspiel mit Abdullah als positiv denkendem Gegenpart vorträgt – ist sowohl musikalisch als auch hinsichtlich der Performance der Schauspieler wiederum so gut gelungen, dass sie die vorherigen Wackelakte Cornel Wildes als Scheinsänger recht gut vergessen macht. So oder so muss man das etwas kuriose Fazit ziehen, dass in diesem Film eigentlich fast alles harmoniert und auf seine Art schlüssig wirkt, abgesehen ausgerechnet von der Hauptfigur und seiner Angebeteten. Das macht den Zugriff für den Zuschauer dann leider einfach etwas schwerer als es gut ist und erzeugt somit mehr Distanz zum Publikum als es die Warmherzigkeit dieser Produktion eigentlich verdient hat. Wenn man so will, war „Tausendundeine Nacht“ 1945 Aladdins Technicolor-Debüt als Protagonist in einem Hollywood-Abenteuerfilm, nachdem ein paar andere bekannte Tausendundeine-Nacht-Figuren bereits vorangeschritten waren. Angesichts dessen hätte man sich irgendwie mehr bleibende Erinnerungen an diese Figur in diesem Film gewünscht.

Oh, Frankie!

Abgerundet von einer herrlichen Sinatra-Persiflage durch Phil Silvers bleibt „Tausendundeine Nacht“ am Ende aber doch als der Film der 40er/50er-Technicolor-Orientepoche in Erinnerung, der sich zwar bereits bewährter Muster bediente, aber, aus meiner Sicht, als erster freche Späße wirklich in den Vordergrund rückte (ohne deswegen aber wiederum gleich auf ein eingespieltes Komiker-Duo oder -Trio in den Hauptrollen zu setzen). Dadurch ist er auf seine Art in jedem Fall ein Meilenstein für das Genre – und Phil Silvers ein Komiker, dessen Talent mehr Beachtung verdient. Erstaunlicherweise ist „Tausendundeine Nacht“ selbst in den USA offenbar erst vor kurzem erstmalig – und nur im Rahmen einer Box – auf DVD erschienen, wenngleich schon vorher eine digital überarbeitete Fassung existierte und es auch schon zuvor in anderen Ländern DVD-Veröffentlichungen in mir unbekannter Qualität gegeben hat. Der Film galt bis zur US-DVD-Veröffentlichung im Jahr 2019 selbst amerikanischen Sammlern als Rarität – angesichts des Titels, der ansehnlichen Technicolor-Produktion und der Größenordnung des Projekts für Columbia durchaus überraschend, dass es so weit gekommen ist. Es ist also wirklich an der Zeit, hier einen merkwürdigen Missstand angemessen zu korrigieren.

Man sollte nicht vergessen, dass es sich um einen Film handelt, für den Columbia die größten hauseigenen Sets seit 1939 bauen ließ – allein das und die beiden Oscar-Nominierungen verbieten schon die Bezeichnung B-Film, auch wenn Columbia als Studio nicht die Größe von MGM, Paramount, Warner, Fox und RKO hatte. Leider liegen nicht nur hierzulande immer noch viele Columbia-Farbabenteuerfilme und -Western aus den 40ern und 50ern (trotz vorhandener deutscher Synchronfassungen) im Schatten, von denen etliche eine Neuentdeckung verdienen. Was speziell den deutschen Markt angeht, kranken viele dieser Columbia-Produktionen unglücklicherweise auch etwas daran, dass viele der Kinosynchronfassungen dieser Filme nicht mehr im Umlauf oder nicht mehr erhalten sind und die fürs Fernsehen entstandenen Neusynchronisationen einfach nicht den klassischen Charme widerspiegeln, auch wenn sie handwerklich und schauspielerisch zum Teil dennoch gut gemacht sind. Zudem kranken solche Neusynchronisationen auch gern einmal an nicht mehr verfügbaren Original-Musikspuren, was zu behelfsweise angelegten Spuren mit irgendwie greifbarer Musik (beispielsweise aus anderen Szenen des Films, in denen gerade niemand spricht) führt, die dann auch gern einmal sehr unpassend geraten oder überladen sind. „Tausendundeine Nacht“ im Speziellen hat bedauerlicherweise eine der eher misslungenen Neusynchronisationen erwischt. Aber man darf wenigstens hoffen, dass die ursprüngliche Synchronfassung von 1950, in der Hans Nielsen Cornel Wilde gesprochen haben soll, irgendwann doch wiederauftaucht.

Veröffentlichung (USA): 28. Mai 2019 als DVD (in der Box „The Story of Aladdin – 8 Magical Tales“)

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: A Thousand and One Nights
USA 1945
Regie: Alfred E. Green
Drehbuch: Wilfred H. Petitt, Richard English, Jack Henley
Besetzung: Cornel Wilde, Evelyn Keyes, Phil Silvers, Adele Jergens, Dennis Hoey, Philip Van Zandt, Dusty Anderson, Richard Hale, John Abbott, Rex Ingram
Verleih: Columbia Pictures

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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November – Faszinierende Horrormärchen aus Estland

November

Von Andreas Eckenfels

Fantasy-Horror // Es ist wohl eine der kuriosesten Eröffnungssequenzen der Filmgeschichte: Ein dreibeiniges Gestell mit einem Tierskelettkopf in der Mitte wandert durch eine karge, herbstliche Landschaft. An seinen Enden befinden sich scharfe Sicheln. Es begibt sich quietschend zu einem Stall und schnappt sich das Kalb, dass darin sein Dasein fristet. Das Tier wird an der Kette ins Freie gezogen. Dann beginnen die drei Beine zu rotieren. Wie ein Helikopter erhebt sich das Gestell in die Lüfte – das Kalb weiterhin im Schlepptau. Schließlich wird es vor einem kleinen Hof abgeladen. Ein Bauer tritt aus dem Haus, hoch erfreut darüber, dass das Kalb heil eingetroffen ist, schließt er es in seine Arme.

Der Kratt geht um

Wie wir erfahren, handelt es sich bei diesem grotesken, dreibeinigen Wesen um einen sogenannten Kratt, ein magisches Geschöpf aus der estnischen Mythologie, welches für seinen Besitzer auf Raubzüge geht. Vorher muss dieser aber einen Bund mit dem Teufel eingehen. „Die Idee ist, dass man durch das Blutopfer seine Habseligkeiten zum Leben erwecken kann. Dies kann alles sein: Äste, Gartengeräte, altes Eisen; man benennt es. Wer sein Blut gibt, bläst eine Seele in das Material. Die Kreatur, die daraus hervorgeht, arbeitet dann für einen. Obwohl es nie so läuft wie geplant“, erklärt der estnische Regisseur Rainer Sarnet im Interview, welches im beiliegenden Booklet zusammen mit einem lesenswerten Essay von Falk Straub über den Film in der Heimkino-Veröffentlichung von „November“ abgedruckt ist. Wer „The Witch“ (2016) und „Hagazussa – Der Hexenfluch“ (2017) etwas abgewinnen konnte, sollte auch hier einen Blick riskieren.

Der Kratt macht sich auf den Weg

Sarnet verfilmte mit seinem dritten Langfilm den Roman „Rehepapp ehk November“ seines langjährigen Freunds Andrus Kivirähk, der in Estland zum Bestseller avancierte. Ich habe keine deutsche Übersetzung für den Titel gefunden. Aber anders als das Backcover des Blu-ray-Schubers behauptet, reden alle anderen Quellen nicht von „Der Scheunenvogel“, sondern von „Der Tennenwart“, was die gleiche Bedeutung wie die am häufigsten genannte Übersetzung „Der Scheunenvogt“ hätte. Wohl ein kleiner Schönheitsfehler, einer sonst wunderbaren Veröffentlichung dieser kleinen Filmperle. Dem estnischen Wikipedia-Eintrag zum Roman zufolge handelt es sich beim „Rehepapp“ um einen vom Gutshof angeheuerten Bauern oder einfachen Arbeiter, dessen Aufgabe es war, das Getreide zu dreschen, den Dreschstall zu heizen, das Getreide dort zu trocknen und auf das Getreide aufzupassen. Der „Rehepapp“ kam aus dem Dorf und hat im Dreschstall gearbeitet. „Rehepapp“ waren meisten schmutzig und staubig von der Arbeit, hatten zottelige Haare, waren eher tollpatschig, aber auch ein bisschen unheimlich, waren ungläubige Heiden und wurden wegen ihres Äußeren oft als Teufel bezeichnet. In dem Kontext sei auch der „Vanapagan“ erwähnt, eine Figur aus der estnischen Mythologie. Für diese Erläuterungen bedanke ich mich bei einem mit Blogger Volker befreundeten deutsch-estnischen Ehepaar. Wie dem auch sei: In „Rehepapp ekh November“ verknüpft Kivirähk zahlreiche Märchen, Folklore, und Mythen aus seiner Heimat zu einer fantastischen Geschichte, die im 19. Jahrhundert angesiedelt ist und an einem 1. November ihren Anfang nimmt.

Liebe, Hunger und Tod

Der Herbst legt sich wie ein trister Schleier über ein kleines estnisches Dorf, in dem die Armut regiert. Die Bewohner versuchen die spärlichen Essensvorräte vor den nahenden Wintermonaten noch zu füllen. Doch viel Nahrhaftes findet sich nicht, weder auf den abgewirtschafteten Feldern noch im Wald mit seinen dürren Bäumen. Sie müssen wohl doch wieder mit Weidenrinde und Schlick vorliebnehmen. Zum Sattwerden reicht dies nicht aus. Vielleicht wissen die Toten, die an Allerseelen durch die Landschaft wandeln, wo der legendäre Silberschatz einer reichen Familie vergraben ist?! Die Pest geht um und nimmt verschiedene Formen an – zunächst als schöne Frau. Als sie von einem Mann übers Wasser getragen wird, erhält er dafür zum Dank den Todeskuss. Die Seuche nimmt auch die Gestalt einer Ziege und eines Schweines an. Die Dorfbewohner wissen jedoch, wie man die Krankheit täuscht und mit ihr verhandeln kann. Auch wenn ihre Gier und Lust sie manchmal übermütig werden lässt.

Aus Eifersucht will Liina (r.) die Tochter …

Eine tragische Liebesgeschichte verbindet die episodenhaften Erzählungen, die wie fremdartige Träume wirken. Das Bauernmädchen Liina (Rea Lest) ist in den Bauernjungen Hans (Jörgen Liik) verliebt. Doch der hat nur Augen für die hübsche Tochter (Jette Loona Hermanis) des deutschen Barons (Dieter Laser), die nachts schlafwandelnd auf dem Dach ihres prunkvollen Hauses herumbalanciert. Um Hans für sich zu gewinnen, vollzieht Liina ein Hexenritual, nach dem sie ihre Rivalin umbringen soll. Doch bringt sie die Tat auch übers Herz?

Expressionistische Gesichter in Schwarz-Weiß

Regisseur Rainer Sarnet dienten Fotografien von Johannes Pääsuke (1892–1918) als Inspiration für seine beeindruckend-poetischen Schwarz-Weiß-Bilder, die er mit einem stimmungsvollen Sounddesign verbindet. Mal erklingen bedrohliche, mal ruhige Chöre, verzerrte Streicher oder sphärische Ambient-Musik. Mit Dieter Laser („Human Centipede – Der menschliche Tausendfüßler“, 2009) findet sich immerhin ein hierzulande bekanntes Gesicht unter den Darstellern – sein Auftritt fällt allerdings kurz aus. Seine markante Physiognomie fügt sich bestens ins Ensemble ein, die meisten Schauspieler wurden wohl genau wegen ihrer expressionistischen Gesichtszüge ausgewählt, die allein schon Bände sprechen. Somit ist „November“ trotz aller märchenhaft-verstörender Elemente und der symbolisch aufgeladenen Bildsprache auch eine authentisch wirkende Zeitreise ins 19. Jahrhundert, in der das einfache, mit einem großen Sack voller Aberglaube beladene Volk sich gegenseitig faszinierende Geschichten erzählt hat, um die dunklen, kalten und hungrigen Zeiten zu überstehen.

… des Barons töten

Veröffentlichung: 22. Februar 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Estnisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: November
EST/NL/IT 2017
Regie: Rainer Sarnet
Drehbuch: Rainer Sarnet, nach einem Roman von Andrus Kivirähk
Besetzung: Rea Lest, Jörgen Liik, Arvo Kukumägi, Jette Loona Hermanis, Dieter Laser, Meelis Rämmeld, Taavi Eelmaa, Heino Kalm
Zusatzmaterial: Der Kratt-Testdreh, deutscher Trailer, Originaltrailer, Bildergalerie, Kurzfilm „Eine Reise durch Setomaa“ (1913), Booklet
Label: donau film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Zwischen Leben und Tod: Seltsame Gestalten bevölkern das estnische Dorf

Szenenfotos: © 2019 donau film

 
 

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Pans Labyrinth – Der Bürgerkrieg und die Fabelwesen

El laberinto del fauno

Von Simon Kyprianou

Fantasy-Drama // Der Spanische Bürgerkrieg ist vorbei, die Faschisten haben gewonnen, von den Revolutionären sind nur noch kleine Splittergruppen übrig, die sich vor der Armee verstecken.

Ofelia geht gern in den Wäldern spazieren

In der Unterwelt – nicht jene düstere altgriechische Vorstellung, wo die Seelen nach dem Tod hinwandern, sondern schlicht eine andere Welt unter der unsrigen – ist lange Zeit vorher die Tochter des Königs ausgerissen. Auf der Oberfläche angekommen starb sie, und eine Legende erzählt von ihrer Wiedergeburt als Menschenkind.

Die Wiedergeburt der Prinzessin?

In den Nachkriegswirren reist die junge Ofelia (Ivana Baquero) mit ihrer Mutter Carmen (Ariadna Gil) zu einem Außenpunkt des Militärs, wo Hauptmann Vidal (Sergi López), der Ehemann von Carmen, den letzten Revolutionären nachjagt, die sich dort in den Wäldern verstecken. In eben jenen Wäldern kommt Ofelia zum ersten Mal mit den Repräsentanten der Unterwelt in Berührung, einem Pan (Doug Jones) samt Elfen, die in ihr die Wiedergeburt der Prinzessin entdecken und ihr drei Prüfungen auferlegen, die ihre Herkunft beweisen mögen.

Dabei trifft sie auf einen Pan

Seit März 2018 doppelter Oscar-Preisträger (bester Film und beste Regie für „Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“), bewies Guillermo del Toro schon 2006 seinen unbändigen Drang darzustellen, zu zeigen, vorzuführen, abzubilden was geschieht, sowohl auf der realen als auch auf der magischen Ebene. Und der mexikanische Regisseur spielt diese beiden Ebenen nicht gegeneinander aus, lässt auch nicht zu, dass die eine die andere ausblendet. Die Brutalität der Realität wird nicht etwa durch eine Flucht in die Märchenebene ausgeblendet, im Gegenteil: del Toro ist sehr gewissenhaft darin, die kriegerischen Gewalttaten samt der dazugehörigen Ideologien explizit abzubilden, aber auch die Gewalt und Unheimlichkeit der magischen Aventüren, sodass die magische Welt nicht vorbehaltlos als Eskapismusstrategie funktioniert, wohl auch nicht funktionieren soll. Strukturell gibt es also keinen Schwarz-Weiß-Dualismus, es wirkt eher so, als schwappe die Gewalt des Krieges auch auf diesen magischen Ort über. Bis zum Schluss bleibt er ein Ort der Unsicherheit, lässt del Toro es doch offen, ob die Absichten des Pans wirklich gut sind.

Für den muss das Mädchen drei Prüfungen bestehen

Getrieben von diesem Drang zu zeigen, gestaltet del Toro seine Bilder sehr detailliert, auch die Bilder der Gewalt sind genau und direkt. Auf der Märchenebene scheint es, als könne sich die Kamera ebenso wie Ofelia und der Zuschauer nicht entscheiden, mal will sie in die Welt hineingleiten, mal verharrt sie unsicher auf Distanz. Handwerklich ist „Pans Labyrinth“ ein Genuss: Ausstattung, Set-Design – das alles ist hervorragend und detailversessen, das muss es auch, um del Toros Ambition der genauen Abbildung gerecht werden zu können. Verdienter Lohn: die Oscars für Szenenbild und Make-up 2007, einen dritten Academy Award gab’s für die Kamera. Beim spanischen Filmpreis Goya hatte „Pans Labyrinth“ kurz zuvor schon die Kategorien Originaldrehbuch, Nachwuchsdarstellerin (Ivana Baquero), Kamera, Ton, Maske, Spezialeffekte und Schnitt gewonnen.

Im Double Feature mit „The Devil’s Backbone“

„Pans Labyrinth“ funktioniert auch als Schwesternfilm oder auch als Weiterführung in größerem Rahmen zu „The Devil’s Backbone – Das Rückgrat des Teufels“ (2001), deshalb ist es sehr schön, dass beide Filme in jüngster Zeit aufwendig wiederveröffentlicht wurden – del Toros Frühwerk im März dieses Jahres von Wicked-Vision Media, „Pans Labyrinth“ vier Monate später von capelight pictures. Beide Veröffentlichungen haben eine ausgezeichnete Bildqualität und lassen sich hervorragend zusammen anschauen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Guillermo del Toro sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Hauptmann Vidal macht gnadenlose Jagd auf Partisanen

Veröffentlichung: 19. Juli 2018 als 3-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (2 Blu-rays & DVD) und Ultimate Edition (Mediabook, 2 weitere Blu-rays & Soundtrack-CD), 3. Juni 2009 als Blu-ray, 15. Januar 2015 und 30. Juli 2007 als DVD (Senator Film), 30. Juli 2007 als 3-Disc Limited Collector’s Edition DVD

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 114 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Spanisch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: El laberinto del fauno
SP/MEX/USA 2006
Regie: Guillermo del Toro
Drehbuch: Guillermo del Toro
Besetzung: Ivana Baquero, Ariadna Gil, Sergi López, Maribel Verdú, Doug Jones, Álex Angulo, Manolo Solo, César Vea, Roger Casamajor, Ivan Massagué, Juanjo Cucalón
Zusatzmaterial Mediabook: 24-seitiges Booklet, Ultimate Edition zusätzlich auch: Blu-ray mit der Dokumentation „Creature Designers – The Frankenstein Complex“ (102 Min., OmeU), Blu-ray mit vier Stunden weiteren Extras, inklusive der Vortragsreihe „Masterclass mit Guillermo del Toro“, Soundtrack-CD, 100-seitiges Storyboard-Booklet, 6 Postkarten, Poster, nummeriertes Zertifikat
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2018 capelight pictures

 

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