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Once Upon a Time in Hollywood – Zur Rettung des Kinos

Once Upon a Time in Hollywood

Kinostart: 15. August 2019

Von Lucas Gröning

Drama // Quentin Tarantino gilt als einer der besten Regisseure und Drehbuchautoren unserer Zeit. Seit 1992, als sein erster Film „Reservoir Dogs“ Einzug in die Lichtspielhäuser hielt, bereichert der Filmemacher mit Werken wie „Pulp Fiction“, den „Kill Bill“-Filmen und „Inglourious Basterds“ das Kinopublikum. Der Lohn: je zwei Oscars und Golden Globes für die Drehbücher von „Pulp Fiction“ und „Django Unchained“, dazu die Goldene Palme in Cannes für „Pulp Fiction“ sowie zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen etlicher prestigeträchtiger Preise der weltweiten Filmindustrie. Eine Industrie, die in den USA vor allem durch einen Ort geprägt wurde – Hollywood. Die Traumfabrik gilt seit jeher als das Zentrum der amerikanischen Filmwirtschaft. Wenn man es als Schauspieler, Regisseur oder Drehbuchautor dorthin geschafft hat, ist man gewissermaßen an der Spitze der Nahrungskette angekommen. Seine jüngste Arbeit „Once Upon a Time in Hollywood“ widmet Tarantino genau diesem Ort und zeigt uns die Traumfabrik im Jahr 1969. Ein Jahr, dass rückblickend vor allem durch ein Ereignis geprägt ist, welches sich am 9. August in Los Angeles ereignete: die Ermordung der hochschwangeren Schauspielerin Sharon Tate und vier weiterer Personen in ihrem Haus am Cielo Drive durch Mitglieder der Manson Family. Ein Ereignis, dass auch in Tarantinos Film einen zentralen Platz hat – er nimmt es zum Anlass, einigen aktuellen Debatten rund um die Entwicklung der amerikanischen Filmlandschaft auf den Grund zu gehen.

Hollywoods Goldene Ära ist passé

In jenem Jahr hat sich das Goldene Zeitalter Hollywoods längst dem Ende zugeneigt, New Hollywood hat das Zepter übernommen. Viele der einstigen Helden bleiben verloren zurück. Einer von ihnen ist Rick Dalton (Leonardo DiCaprio). Wie so viele aufstrebende Schauspieler hat er den endgültigen Durchbruch in der Traumfabrik nie geschafft. Oft war er lediglich in der Endauswahl, wenn es um die Besetzung der Hauptrolle in einer großen Hollywood-Produktion ging, die seinen Durchbruch hätte bedeuten können. So hat sich Rick als Fernsehstar durchgeschlagen, unter anderem in der (fiktiven) Westernserie „Bounty Law“, doch auch dies scheint vorbei, als der Filmproduzent Marvin Schwarz (Al Pacino) ihm unterschwellig zu verstehen gibt, dass seine Zeit in Hollywood abgelaufen ist. Trost findet der einstige B-Star bei seinem guten Freund und Stuntdouble Cliff Booth (Brad Pitt). Cliff fährt Rick zu seinen Jobs, fungiert für ihn als Haussitter seiner Villa, erledigt verschiedene Sachen für ihn und spendet dem Schauspieler Trost, wenn er mal wieder einem Anfall von Selbstmitleid erliegt. Eines Tages zieht mit Roman Polanski (Rafal Zawierucha) ein Filmemacher in die Nachbarschaft des abgehalfterten Fernsehstars, der aktuell als einer der heißesten Regisseure gilt. Mit dabei: die Schauspielerin Sharon Tate (Margot Robbie), Polanskis Ehefrau.

Cliff (l.) und Rick gehen ihrem Leben in Hollywood nach

In der Folge schwingt sich Sharon Tate neben Rick und Cliff zur Protagonistin des Films auf. Fortan beobachten wir die drei, wie sie ihrem Leben in Hollywood nachgehen. Rick versucht mithilfe kleinerer Serienproduktionen, im Gespräch zu bleiben und vielleicht doch noch den Durchbruch zu schaffen, Cliff fährt vor allem in der Stadt herum und läuft Gefahr, den Verführungskünsten eines jungen Hippiemädchens zu erliegen, und Sharon Tate sehen wir auf ihren Pfaden durch die Straßen Hollywoods, während sich der 9. August stetig nähert.

Ein Feuerwerk an Referenzen

Im Verlauf des Films passiert an sich relativ wenig. Bis ins letzte Drittel hinein ist keine klare Handlung zu erkennen. Die drei Protagonisten folgen einfach ihren individuellen Pfaden, ohne dass sich viel ereignet. Stattdessen nutzt Tarantino seine Figuren dazu, uns das Hollywood der damaligen Zeit zu präsentieren. An jeder Ecke sehen wir Plakate einst populärer Filme, berühmte Stars wie Steve McQueen, Einschübe von Fernsehserien klassischer Machart oder Filmausschnitte aus einigen großen Werken. „Once Upon a Time in Hollywood“ gibt uns Einblicke in Szenen aus unter anderem „Rollkommando“ („The Wrecking Crew“), „Gesprengte Ketten“ („The Great Escape“) und er zitiert Roman Polanskis „Rosemaries Baby“ (Rosemary’s Baby“). Tarantino demonstriert hier eine tiefe Liebe zum damaligen Hollywood und zum europäischen Autorenkino, welches langsam Einzug ins amerikanische Kino hält. Gleichwohl zitiert er auch moderne Werke, vor allem seine eigenen. Wir sehen eine Szene, in der Nazis verbrannt werden, wie in „Inglourious Basterds“. Ein schmutziges Buch, das Rick am Set einer Produktion liest, erinnert uns an „Pulp Fiction“. Und wenn Rick den Antagonisten in einem Western-Piloten spielen soll, ruft uns das Leonardo DiCaprios Rolle in „Django Unchained“ ins Gedächtnis. Vor allem über die Darsteller zitiert der Regisseur hier sehr viel. So wird etwa Cliff als Stuntman durch den von Kurt Russell porträtierten Randy ausgewählt – Eine Referenz an Russells Rolle in Tarantinos „Death Proof“. Tarantino, so muss man sagen, erschafft hier eine wunderschöne Welt und präsentiert uns ein Hollywood, das schon lange der Vergangenheit angehört. Doch wer jetzt glaubt, Tarantino schwelge mit seiner Darstellung lediglich in der Vergangenheit, der irrt. Der Regisseur nutzt diese Zeit und die sich anbahnenden Umstände rund um Sharon Tate, um einige aktuelle Fragen zu verhandeln, denen wir uns auch heute noch in Bezug zum Kino stellen müssen.

Die Zerstörung des Kinos

Um die Schönheit des Kinos im Generellen zu repräsentieren nutzt Tarantino in seinem neusten Film vor allem eine Person: Sharon Tate. In ihr findet sich alles, was das Medium in seiner reinen Form ausmacht und eine bis heute ungebrochene Faszination hervorruft. Zum Ersten einmal rein optisch eine Schönheit, die uns auch das Kino in Form von ästhetisch wundervollen Bildern vermitteln kann. Als Nächstes eine ungebrochene Naivität und Verträumtheit, mit der wir uns als Zuschauer einem jeden Werk hingeben können und uns fern von jedweder intellektueller Beschäftigung mit dem Medium auseinandersetzen können. Trotzdem ist Intellektualität ebenfalls ein Teil von Sharon Tate und somit, in diesem Verständnis, auch Teil des Mediums Film. Zu guter Letzt, und das ist vielleicht der wichtigste Punkt, ist es die Unschuld, die das einstige It-Girl repräsentiert. Tarantino begriff das Kino immer als einen unschuldigen Ort. Einen Ort, der nicht zum Instrument ideologischer Botschaften gemacht werden dürfe, um beispielsweise eine bestimmte politische Agenda durchzusetzen. Die Freiheit der Kunst an sich stellt das höchste Gut im Kino dar und darf die in keinster Weise beschnitten werden. Bereits in „Inglourious Basterds“ erteilte Tarantino der Instrumentalisierung des Lichtspielhauses eine Absage, indem er die Nazis für ihre Entweihung dieses für ihn heiligen Ortes bestrafte. Doch es sind nicht nur Nazis, die dem Kino ihre Unschuld nehmen wollen.

Auch im 21. Jahrhundert droht das Kino seine Unschuld zu verlieren, doch diesmal droht die Gefahr nicht ausschließlich von rechter Seite. Sowohl fehlgeleitete linksliberale Ideologien, als auch das von den Großkonzernen der Traumfabrik verfolgte Profitinteresse sorgen für eine Zerstörung des alten, ideologiefreien Hollywoodkinos. Im Vordergrund steht oftmals nicht mehr das Schaffen von künstlerisch wertvollen Werken, sondern die Durchsetzung einer bestimmten Agenda. So gibt es in Politik und in Wirtschaft seit geraumer Zeit die Diskussion rund um die Unterrepräsentation von Frauen oder Menschen anderer Hautfarben in bestimmten Berufszweigen. Eine Diskussion, die in der Realität durchaus zielführend und notwendig ist, wurde von manchen auch auf die Fiktion und speziell auf das Kino übertragen. Es führte dazu, dass man angefangen hat, die Frauen auf der Leinwand zu zählen und anschließend zu evaluieren, ob das weibliche Geschlecht im Vergleich zum Mann ausreichend repräsentiert wurde. Sobald ein Werk mit nur wenigen Frauen gearbeitet hatte, gab es einen großen Aufschrei, was eine bedenkliche Entwicklung in der Kinolandschaft zufolge hatte und sich in durch und durch „weiblichen“, pseudofeministischen, qualitativ jedoch unzureichenden Remakes und Fortsetzungen Ausdruck verschaffte. „Ghostbusters“ (2016) und „Ocean’s Eight“ seien beispielhaft genannt. Das Kino wurde zu einem Ort, in dem es nicht mehr darum ging, Kunst zu schaffen, sondern das Medium so zu gestalten, dass man zum einen möglichst viele Menschen „zufriedenstellen“ und zum anderen große finanzielle Erfolge unter dem Deckmantel der Diversität generieren kann.

Rick versucht, seine Karriere am Leben zu erhalten

In Verbindung dazu sind es die großen Konzerne, die das Kino zerstören. Konzerne, die Filme produzieren, welche finanziell natürlich erfolgreich sein sollen. Zu diesem Zweck wird zum einen der linksliberalen Forderung nach Diversität Genüge getan, zum anderen sind Entwicklungen zu erkennen, mit denen das Kino in gewisser Weise familienfreundlicher gestaltet werden soll. Dazu zählt immer häufiger der Verzicht auf expliziete Gewaltdarstellungen, Sex und auf den Konsum von Drogen. Lediglich in einigen Independent-Filmen finden sich noch Auszüge dieser Aspekte, in großen Kinoproduktionen geht man mittlerweile überwiegend konservativ damit um. Auch hier wird dem Kino seine Unschuld genommen und es findet eine große Einschränkung der Kunstschaffenden statt. Der Hays Code lässt grüßen.

Mit aller Gewalt

In „Once Upon a Time in Hollywood“ werden beide Aspekte durch die Manson Family repräsentiert. Die Gruppierung erscheint als durch und durch weibliche Organisation, nur vereinzelt kommen Männer vor. Die Family lebt auf einer alten Ranch, auf der früher einmal Westernfilme gedreht wurden. Der heruntergekommene Ort dient dabei als hässlicher Kontrapunkt zum leuchtenden Hollywood, nur vereinzelt ist zu erkennen, das die Ranch einmal Teil der Traumfabrik war. Hier haben wir die Vereinnahmung in Verbindung mit einer Einschränkung des alten Hollywoods durch die pseudofeministische Ideologie. Eine Ideologie, welche die Filmindustrie dazu verleitet, ihre alten Helden zu vergessen, kreativen Schaffensprozessen abzuschwören, somit träge zu werden und sich unter dem Deckmantel der Diversität im wahrsten Sinne des Wortes „befriedigen“ zu lassen. Zugleich sehen wir in der Manson Family eine Hippie-Bewegung, die auf den ersten Blick nichts als Liebe in die Welt hinaustragen will. Die Menschen der Bewegung lehnen Gewalt scheinbar ab und wollen alles Gewalttätige aus der Welt verbannen. Im Hollywoodkino der damaligen Zeit und somit all dem, was Tarantino über den Großteil der 161 Minuten zitiert und feiert, sehen sie eine Konzentration dieser Gewalt, die es zu bekämpfen gilt. Ihr Ziel ist somit eine Beschneidung der Filmindustrie und letztlich der Filmkunst an sich. Ein Vorhaben, das Tarantino in Gänze ablehnt. Mit aller Macht stellt er sich gegen jene, die dem Kino seine Unschuld nehmen wollen, und mobilisiert alles, was Hollywood seit jeher zu einem derart schönen Ort gemacht hat, gegen diejenigen, die das Kino zu einem Instrument der politischen Propaganda machen wollen. Wie in „Inglourious Basterds“, als das Kino zu einer Waffe gegen die Faschisten wurde, wird hier Hollywood zu einem Bollwerk gegen die drohende Gefahr. Ein Bollwerk, das mit aller Gewalt zurückschlägt, die dazu noch in einer Härte ästhetisiert wird, wie man sie selbst in einem Werk von Quentin Tarantino selten gesehen hat.

Phasenweise grandios

Der Film zeigt diesen Kampf für die Freiheit der Filmschaffenden in teilweise grandiosen Bildern, die von starren Einstellungen bis hin zu ewig lang gehaltenen Kamerafahrten variieren. Besonders die dadurch gezeigten, extra für den Film gebauten Kulissen sowie der tolle Soundtrack tragen einen großen Teil zur fantastischen Atmosphäre des Films bei. Auch die Darsteller machen hier einen grandiosen Job. Allen voran Leonardo DiCaprio zieht hier alle Register und schlüpft nicht nur in seine Rolle als Schauspieler Rick Dalton, sondern innerhalb dieses Charakters auch in die Rollen, in denen Dalton für seine Arbeitgeber performen muss. Auch Brad Pitt und Margot Robbie bieten herausragende Leistungen, genauso wie die zahlreichen weitere Darsteller der mit Stars gespickten Besetzung. Das alles macht „Once Upon a Time in Hollywood“ zu einem brillianten Film, der jedoch auch einige wenige Schwächen hat. Zum einen haben die Dialoge längst nicht die nötige Schärfe, die wir von einem Tarantino-Film gewohnt sind, zum anderen hatte ich an manchen Stellen das Gefühl, das ein Schnitt teilweise zu früh oder zu spät gesetzt wurde, sodass viele der duchaus starken Gags leider nicht zünden. Dennoch hält der Film vor allem durch das vorausgesetzte Wissen in Bezug zum Mord an Sharon Tate eine ungeheure Spannung aufrecht, die gerade gegen Ende der Handlung extrem gut ausgenutzt wird, um auf den Höhepunkt des Films zuzusteuern. Somit reiht sich „Once Upon a Time in Hollywood“ zwar nicht in die Riege der absoluten Meisterwerke des Regisseurs rund um „Pulp Fiction“ und „Inglourious Basterds“ ein, das Drama besticht dennoch durch ein nach wie vor enorm hohes Niveau – das konnte Tarantino ja allen Anfeindungen zum Trotz über seine gesamte Karriere hinweg konstant aufrechterhalten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Quentin Tarantino sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Bruce Dern, Leonardo DiCaprio, Al Pacino und Brad Pitt unter Schauspieler.

Währendessen genießt Sharon Tate das Leben in L.A.

Länge: 161 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Once Upon a Time in Hollywood
USA 2019
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
Besetzung: Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Al Pacino, Emile Hirsch, Margaret Qualley, Timothy Olyphant, Rafal Zawierucha, Julia Butters, Austin Butler, Dakota Fanning, Bruce Dern, Mike Moh, Luke Perry, Damian Lewis
Verleih: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

 
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Verfasst von - 2019/08/20 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Maria Stuart, Königin von Schottland – Eine Klage über vergebene Möglichkeiten

Mary Queen of Scots

Kinostart: 17. Januar 2019

Von Philipp Ludwig

Historiendrama // Einsam wartet Maria Stuart (Saoirse Ronan) in einer mit schummrigem Licht erfüllten Zelle auf ihr unausweichliches Schicksal. Eine Stundenkerze zittert in ihren letzten Zügen auf ihrem abgebrannten Stummel, da kommt auch schon ein Wärter und informiert die ehemalige Monarchin, für sie sei es nun „an der Zeit“. Erhobenen Hauptes und gefasst macht sie sich, ganz in Schwarz gekleidet, auf den Weg zu ihrer Hinrichtung. Dort angekommen, wirkt es, als würde sie den mit Menschen dicht gefüllten Saal wie durch die Hintertür betreten – die ihr den Rücken zuwendenden Schaulustigen bemerken ihre Ankunft zunächst kaum. Über allem thront die leicht erhobene Bühne samt Henker und Schafott, die Maria unweigerlich vor Augen führt, dass sie nun tatsächlich am Ende ihres so kurzen wie ereignisreichen Lebens angekommen ist.

Die 18-jährige Maria Stuart erreicht die Küste Schottlands …

Für mit latenter Spoiler-Phobie ausgestattete Filmgucker startet „Maria Stuart, Königin von Schottland“ als hartes Brett – beginnt der neueste Historienfilm zum Leben der ehemaligen schottischen Königin doch direkt mit seinem beziehungsweise ihrem Ende. Aber bei Filmen über tatsächliche Ereignisse sind Zuschauerinnen und Zuschauer mit Kenntnissen der Materie natürlich zwangsläufig gespoilert. Bevor auch diese ihr endgültiges Ende aber tatsächlich bezeugen können, werden wir zunächst zurückgeworfen an die Strände Schottlands. Dort beobachten wir die Ankunft der damals achtzehnjährigen Maria in ihrer Heimat, in der sie ihren rechtmäßig angestammten Platz auf dem Thron einnehmen will.

… doch was erwartet die junge Monarchin in ihrer Heimat?

Als überaus geschichtsinteressierter Mensch und weiterhin begeisterter Liebhaber der britischen Inseln – das tragische Brexit-Desaster mal außen vor gelassen – stellt die historische Figur der „Mary, Queen of Scots“ (1542–1587) für mich persönlich seit langer Zeit eine besonders faszinierende und hochinteressante Persönlichkeit der Menschheitsgeschichte dar. So war ich beispielsweise erst im vergangenen Oktober im wahrlich beeindruckenden Stirling Castle, wo sie im Alter von wenigen Monaten zur Königin von Schottland gekrönt wurde, sodass mich die Pressevorführung der neuesten Verfilmung ihrer spannenden Lebensgeschichte natürlich besonders interessierte. Vor allem, wenn man sich zudem auch noch dessen hervorragende Besetzungsliste anschaut. Warum mich der Film trotz all dieser guten Vorzeichen meinerseits dennoch nicht richtig überzeugen konnte? Lest selbst!

Ein wenig Geschichtskunde

Im Säuglingsalter von gerade einmal sechs Tagen als Thronfolgerin ihres verstorbenen Vaters Jakob/James V. bereits zur Königin von Schottland ernannt, wird sie zu ihrem eigenen Schutz schon bald nach Frankreich gebracht – zu groß ist vor allem die Gefahr durch den großen Nachbarn England. Dessen König Heinrich/Henry VIII. weiß um den Anspruch der Stuarts auch auf den englischen Thron und will deren Schwäche nun ausnutzen, um diesen ein für allemal zu beenden. Ihre Kindheit und den Großteil ihrer Jugend verbringt Maria daher am Hof des französischen Königs. Nach der Heirat mit dessen Erben, dem Dauphin, mit 16 Jahren ebenfalls Königin von Frankreich und dessen plötzlichen Ableben drei Tage vor ihrem 18. Geburtstag schon verwitwet, kehrt sie schließlich in ihr Heimatland zurück, um dort ihre rechtmäßige Rolle als Herrscherin anzutreten.

Marias Cousine: Elisabeth I., Königin von England

Mit ihrer Ankunft an den Stränden Schottlands setzt nun auch „Maria Stuart, Königin von Schottland“ als Erzählung von Marias Lebensgeschichte ein. Hier sieht sich diese im Zentrum einer außerordentlich undurchschaubaren politischen Lage, gespickt mit Intrigen, fragwürdigen Loyalitäten und teils purer Ablehnung. Insbesondere der protestantischen schottischen Kirche unter Führung des wortgewaltigen John Knox (David Tennant, „Broadchurch“) ist sie als Katholikin und Frau ein Dorn im Auge. Und auch die Loyalitäten ihrer engsten Verbündeten, wie etwa ihrem Halbbruder, dem Earl of Moray (James McArdle), der als Regent in Marias Abwesenheit über Schottland herrschte, wie auch ihrem Leibwächter, dem Earl of Bothwell (Martin Compston), sind mehr als fraglich. Ebenso wie die zahlreichen Heiratsgesuche an die heißbegehrte, mächtige Witwe, sodass die junge Königin von Beginn an um den Erhalt ihrer Macht und ihre Krone kämpfen muss und dafür auch vor einem Bürgerkrieg nicht zurückschreckt.

Hat stets das Ohr der mächtigen englischen Herrscherin: William Cecil

Auch in England regt sich zunehmend Widerstand gegen die junge Monarchin. Denn den Beratern der protestantischen Machthaberin Königin Elisabeth/Elizabeth I. (Margot Robbie) ist deren Cousine Maria als Katholikin ebenfalls nicht geheuer – hat Elizabeth doch zu Hause schon genug Ärger im nach der Reformation stetig drohenden Bürgerkrieg mit den dortigen Katholiken am Hals. Ebenso wirkt der weiterhin bestehende rechtmäßige Anspruchs der Stuarts auf die englische Krone angesichts der Kinderlosigkeit Elizabeths in den Augen der machtvollsten Mitglieder des englischen Adels umso bedrohlicher – allen voran ihrem engsten Vertrauten, William Cecil (Guy Pearce, „Brimstone – Erlöse uns von dem Bösen“).

Nachdem Maria mit ihrem zweiten Ehemann, dem undurchschaubaren Wendehals Lord Darnley (Jack Lowden, „Dunkirk“) ihren Sohn Jakob/James zur Welt gebracht hat, wird sie nach einer Reihe weiterer, mitunter erneut durch England gelenkter Intrigen und Aufstände schlussendlich zum Verzicht ihrer Krone zugunsten ihres Sohns gezwungen. Maria muss aus Schottland fliehen und steht als Gefangene Englands fortan unter dem Schutz Elizabeths, die ihrer Cousine prinzipiell mit Respekt und Wohlwollen gegenübersteht – auch wenn sich die beiden Monarchinnen wohl niemals persönlich begegnet sind und ihre Kommunikation allein auf umfangreichen Briefwechseln beruht. Nach etwa 18 Jahren kann Elizabeth dem Druck ihres Adels jedoch nicht mehr länger widerstehen, da die unter Hausarrest stehende Maria vermutlich zum wiederholten Male in ein Mordkomplott gegen sie verwickelt war. Am 9. Februar 1587 wird sie daher schließlich doch hingerichtet, nach Ablegen ihres schwarzen Überkleides ganz in Rot gekleidet, der Farbe der Märtyrer. Nachdem auch Elizabeth einige Jahre später kinderlos stirbt, wird Marias Sohn James VI. als erster Monarch rechtmäßig gleichzeitig sowohl zum König von England als auch von Schottland gekrönt – das Vereinigte Königreich ward geboren.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann reden sie noch heute

Wie man sieht, im Leben Maria Stuarts war einiges los. Aufgrund der hohen Bekanntheit ihrer Lebensgeschichte und vor allem ihres uns gewissen Endes ist die Herausforderung, einen spannenden wie auch interessanten Film zu erzählen, daher umso gewaltiger. Insbesondere, da diese bereits in der Vergangenheit zahlreich verfilmt wurde – genannt seien beispielhaft John Fords „Maria von Schottland“ (1936) mit Katharine Hepburn in der Titelrolle, „Das Herz der Königin“ (1940) von Carl Froelich mit Zarah Leander in der Rolle der Regentin und Charles Jarrots „Maria Stuart, Königin von Schottland“ (1971) mit Vanessa Redgrave. Eine der größten Schwächen des ambitionierten Historiendramas liegt im sperrigen Skript von Beau Willimon begründet. Als Showrunner und Mitentwickler der Netflix-Erfolgsserie „House of Cards“ ist dieser kein unbeschriebenes Blatt und hat sein Talent bereits eindrucksvoll bewiesen. Leider hat er sich für sein Drehbuch zu „Maria Stuart, Königin von Schottland“ dazu entschlossen, die umfangreichen und höchst undurchschaubaren, mehrere Jahre umfassenden historischen Ereignisse größtenteils durch schier unzählige Dialoge erklären zu wollen.

Komprimiertes „House of Cards“ vor historischer Kulisse – kann das gutgehen?

Vergleichbar mit „House of Cards“, haben wir es zudem nicht nur mit einer Fülle an Figuren, sondern ebenso mit einer noch größeren Portion an Intrigen, Verschwörungen und wechselnden Loyalitäten zu tun. Was bei einer Serie mit einem Umfang mehrerer Staffeln natürlich super funktionieren kann, ist bei einer auf knappe zwei Stunden gepressten Filmhandlung jedoch äußerst riskant. Und selbst wenn man mit den historischen Ereignissen einigermaßen vertraut ist, fällt es mitunter doch schwer, bei der Vielzahl an handelnden Figuren und der unübersichtlichen, permanent wechselnden politischen Lage sowie der großen Zeitspanne stets den Überblick zu behalten. Den langatmigen und zu oft einfach sperrig geschriebenen Dialogen daher immer mit dem nötigen Interesse zu folgen, fällt mit zunehmender Dauer des Films leider enorm schwer.

Trotz vieler Widerstände gibt sich Maria kämpferisch …

Dies liegt nicht zuletzt an der Inszenierung von Regisseurin Josie Rourke – seit 2012 vor allem als künstlerische Leiterin des Donmar Warehouse in London bekannt. Die renommierte englische Theaterregisseurin gibt hier ihr Spielfilmdebüt. Ihre Herkunft aus dem Theater schimmert durch die Dialoglastigkeit des Drehbuchs daher besonders oft hervor, was ja kein Nachteil sein muss. Aufgrund der Komplexität des Stoffes und all den damit verbundenen Problemen des schwächelnden Skripts macht die häufig starre, theaterlastige Inszenierung das Seherlebnis dann zusätzlich aber bedauerlicherweise auch nicht wirklich besser. Trotz immer wieder durchscheinender, guter Ansätze und toller Momentaufnahmen kommt der Film somit leider nur selten wirklich in Fahrt. Dass Rourke auch in der Lage ist, tolle Filmbilder und -szenen zu entwickeln, beweist sie dennoch wiederholt eindrucksvoll. Vor allem den heimlichen Star des Films, die beeindruckenden Landschaften Schottlands und Nordenglands setzt sie gleich mehrfach wundervoll in Szene – ein Kompliment gilt hier auch der tollen Kameraarbeit von John Mathieson („Gladiator“).

… und schreckt auch vor kriegerischen Auseinandersetzungen nicht zurück

Auf die mittlerweile von einigen Historikern als Kritikpunkte geäußerten, mitunter bestehenden historischen Ungereimtheiten will ich an dieser Stelle nicht näher eingehen. Sollte doch Historiendramen, als Gratwanderer zwischen Wirklichkeit und Fiktion ein gewisses Maß an künstlerischer Freiheit zugestanden werden, sofern zumindest die Essenz der Vergangenheitsdarstellung stimmt. Bezogen auf zwei Dinge will ich dennoch mein Unverständnis äußern: Bei gegenwärtigen Historienfilmen nehme ich einen Trend wahr, allzu oft krampfhaft unseren gegenwärtigen Zeitgeist auf frühere Epochen übertragen zu wollen. „Maria Stuart, Königin von Schottland“ treibt dies mitunter nahezu auf die Spitze, ist doch beispielsweise Lord Randolph, Elisabeths Botschafter in Schottland, mit dem dunkelhäutigen Darsteller Adrian Lester besetzt worden. Man verstehe mich bitte nicht falsch, ich stehe mit ganzem Herzen für eine moderne, offene, gleichberechtigte, freie und vor allem von Diversität geprägte Gesellschaft ein. Ich verstehe aber nicht den Ansatz, dieses Konzept auch dem England des 16. Jahrhunderts unbedingt aufstülpen zu müssen, wo die Welt nun einmal leider noch gänzlich anders aussah. Rourke macht dies übrigens ganz bewusst, da sie, wie sie selbst sagt, einen weiteren von „Weißen dominierten“ Historienfilm vermeiden wollte. Finde ich ihren Grundgedanken natürlich an sich nicht verkehrt, so sollte man meiner Meinung nach doch bei den grundlegenden historischen Begebenheiten bleiben. Die Vergangenheit war nun einmal, wie sie war – ob es einem nun gefällt oder nicht. Es mag aber natürlich sein, dass ich hier ein wenig zu kleinlich bin. Was meint ihr? Hinterlasst gern eure Meinungen dazu in den Kommentaren.

Königinnen in einer männerdominierten Welt

Gleiches gilt für die Bewerbung von „Maria Stuart, Königin von Schottland“ als ein Werk über zwei starke Frauen, die ihrer Zeit in einer patriarchalen Gesellschaft voraus waren – so beeindruckend die Tatsache weiblicher Herrscherinnen in einer von Männern absolut dominierten Welt auch sein mag. Sie waren weder feministische Aktivistinnen, die sich dieses Recht mühevoll erkämpft haben, da sie dies in erster Linie durch Thronfolge erhielten, noch jemals in der Lage, sich wirklich aus der Umklammerung der zeitgenössischen männlichen Dominanz zu befreien. Im Gegenteil, diese waren stets darauf aus, die Monarchinnen schnellstmöglich zu verehelichen und auf männlichen Nachwuchs eben dieser zu hoffen, damit sich wieder die „Normalität“ einstellen würde. Dennoch haben beide Herrscherrinnen es natürlich auf imposante Weise geschafft, ihre Duftmarken in der Geschichte zu hinterlassen. Gerade Elisabeths lange Herrschaft gilt bis heute als eines der Goldensten Zeitalter Englands. Umso erstaunlicher wirken auf mich dann auch die dieser bis heute ungemein populären wie geachteten Monarchin im Film mitunter in den Mund gelegten Worte. Begründet sie hier, bei einem einzigen fiktiven Zusammentreffen der beiden Cousinen, ihre Bewunderung gegenüber Maria doch vor allem in deren Schönheit sowie ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau. Und nicht etwa mit deren Vehemenz, ihre Position trotz aller Widerstände behaupten zu wollen – auch wenn Maria da zugegebenermaßen natürlich leider nicht sonderlich erfolgreich war.

Saoirse Ronan – einfach königlich

Genug der Kritik, denn „Maria Stuart, Königin von Schottland“ hat auch einiges an positiven Aspekten zu bieten. Neben den tollen Landschaften ist ein weiteres Prunkstück des Films natürlich eine absolut beeindruckende schauspielerische Besetzungsliste. Überstrahlt wird der namhafte Cast insbesondere durch die wunderbare Saoirse Ronan als Maria Stuart. Nicht nur durch die optische Ähnlichkeit stellt sie eine absolute Traumbesetzung dar, denn wie die irisch-amerikanische Schauspielerin diese Rolle mit Leben ausfüllt und mit ihrer Präsenz jede Szene förmlich an sich reißt, ist wahrlich phänomenal – eine wirklich tolle Leistung und ein wahrer Hochgenuss, dabei zusehen zu dürfen. Nach „Lady Bird“ dürfte sie damit innerhalb kürzester Zeit erneut Hoffnungen auf den einen oder anderen renommierten Preis haben. Einfach toll!

Die ebenfalls großartige Margot Robbie („I, Tonya“) steht ihr in nichts nach – auch wenn das Drehbuch ihrer Elisabeth leider nur wenige Szenen zugesteht und sie statt einer Neben- schon fast zu einer Randfigur sowie Stichwortgeberin degradiert wird. Die Momente, die wir mit der berühmten englischen Monarchin im Film verbringen dürfen, meistert Robbie mit außerordentlicher Bravour. Ebenso lässt sich der restliche, eher männlich dominierte Cast mehr als sehen. Seien es die bekannten Gesichter Guy Pearce, David Tennant und Jack Lowden oder eher unbekannte Darsteller, von denen vor allem James McArdle als wiederholt die Seiten wechselnder Halbbruder der schottischen Königin Eindruck hinterlässt. An dieser Stelle weise ich darauf hin, dass in der Pressevorführung dankenswerterweise die Originalfassung des Films gezeigt wurde und die schauspielerischen Leistungen insbesondere durch die hier präsentierte, wundervolle dialektische Vielfalt der englischen Sprache nochmals profitieren konnten. Wie das in der deutschen Fassung den gleichen Effekt erzeugen soll, kann ich daher über den unten verlinkten Trailer hinaus nicht erahnen. Wie soll man einen sprachlich so gesegneten Darsteller wie David Tennant synchronisieren?

Zwei Königinnen zum Trotz – die Geschicke werden in erster Linie von Männern gelenkt

Wer meine bisherigen Texte verfolgt hat, mag das eine oder andere Mal meine ausgeprägte Liebe zur Filmmusik bemerkt haben. Auch in „Maria Stuart, Königin von Schottland“ stellt diese ein wahres Highlight dar. Komponiert von niemand geringerem als Max Richter („Shutter Island“) für mich persönlich vielleicht sogar eines der zentralen Highlights dieses Films, das neben der Hauptdarstellerin am meisten Eindruck bei mir hinterlassen hat – habe ich mich doch über die vergangenen Monate zu einem Fan des Stils des deutschen Komponisten entwickelt, der in jüngster Vergangenheit etwa auch bei „Werk ohne Autor“ zu überzeugen wusste. Insbesondere beim variationsreichen musikalischen Thema für die Hauptfigur Maria gelingt es ihm auf beeindruckende Weise, sowohl majestätische, jugendlich-leichte als auch verletzliche Töne zu einer musikalischen Untermalung zu kombinieren, die dieser tragischen Figur in all ihren Facetten gerecht wird. So ist es neben Ronan und Robbie insbesondere Max Richter zu verdanken, dass der Film auch immer mal wieder den Rahmen bekommt, den er eigentlich verdient. Dazu muss ich anmerken, dass ich erst beim Abspann erfahren habe, dass es sich bei dem Komponisten um Richter handelt, sodass ich den Soundtrack zuvor vollkommen unvoreingenommen als herausragend empfunden habe.

Wie lange kann Elisabeth ihre geachtete Kontrahentin vor dem Lauf der Geschichte schützen?

An kaum einer anderen Stelle des Films verbinden sich dessen positive Aspekte dann auch so gekonnt wie in der imposanten Einstiegssequenz. Nachdem bereits der Start mit dem bedrückend dargestellten Gang Marias zum Richtblock außerordentlich gelungen ist, übertrifft Regisseurin Rourke dies mit der anschließenden Inszenierung von deren erstmaliger Ankunft an der Küste Schottlands sogar. Hier verbinden sich alle positiven Einzelstücke zu einem beeindruckenden Seh- und Hörerlebnis: die Präsenz und die schauspielerische Kraft von Saoirse Ronan, der Ritt samt ihres Gefolges durch die imposante Landschaft der Berge Schottlands, getragen von der majestätischen musikalischen Untermalung Max Richters – nach diesen ersten Minuten saß ich beeindruckt, erwartungsvoll und beinahe schon frohlockend in meinem Kinosessel und erfreute mich ein ums andere Mal an meinem Kritikerdasein.

Da war mehr drin

Leider werden diese filmischen Lichtblicke in „Maria Stuart, Königin von Schottland“ danach nur noch viel zu selten erreicht. Stattdessen verlor ich aufgrund der Vielzahl an zähen Dialogstafetten irgendwann tatsächlich häufig einfach das Interesse daran, was denn nun eigentlich auf der Leinwand passiert. So muss ich leider konstatieren, dass Josie Rourke mit ihrem Werk bei mir keinen sonderlich bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Auch wenn er seine tollen Momente hat und daher auch trotz viel Leerlauf immer noch sehenswert ist – bei den herausragenden Möglichkeiten kann man daher leider nur von einer vertanen Chance auf großes Kino sprechen. Schade.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Guy Pearce sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Das Schicksal meint es nicht gut mit der schottischen Monarchin

Länge: 124 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Mary Queen of Scots
GB 2018
Regie: Josie Rourke
Drehbuch: Beau Willimon, nach einer Vorlage von John Guy
Musik: Max Richter
Besetzung: Saoirse Ronan, Margot Robbie, Guy Pearce, David Tennant, James McArdle, Jack Lowden, Gemma Chan, Adrian Lester, Brendan Coyle, Joe Alwyn, Martin Compston, Maria-Victoria Dragus, Ismael Cruz Cordova
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat & Trailer: © 2018 Universal Pictures Germany GmbH,
Szenenfotos: © 2018 Focus Features LLC. All rights reserved.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/01/14 in Film, Kino, Rezensionen

 

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I, Tonya – Schneewittchen und die Eishexe

I, Tonya

Von Andreas Eckenfels

Tragikomödie // Basierend auf ironiefreien, extrem widersprüchlichen, und absolut wahren Interviews mit Tonya Harding und Jeff Gillooly.

Kurz vor den Olympischen Winterspielen in Lillehammer erschütterte am 6. Januar 1994 ein Skandal die Sportwelt: In Detroit, Michigan wurde die Eiskunstläuferin Nancy Kerrigan Opfer eines brutalen Angriffs. Ein Mann schlug der amerikanischen Medaillenhoffnung nach dem Training mit einer Eisenstange auf ihr rechtes Knie und flüchtete. Shane Stant erhielt für die Aktion 6.500 US-Dollar von seinem Onkel Derrick Smith, der den Fluchtwagen steuerte.

Von Kindesbeinen an steht Tonya auf dem Eis

Wie sich herausstellte, hatte Smith die Tat gemeinsam mit dem Bodyguard Shawn Eckhardt und Jeff Gillooly geplant. Gillooly war pikanterweise ausgerechnet der Ex-Ehemann von Tonya Harding, der großen Rivalin von Nancy Kerrigan. Bei den folgenden Ausscheidungskämpfen konnte Kerrigan nicht antreten. Harding dagegen gelang die Qualifikation und durfte ihr Land in Lillehammer im Eiskunstlaufen vertreten. Da Kerrigans Knochen nicht gebrochen war, erholte sie sich allerdings schnell von ihrer Verletzung und durfte nach einem Beschluss des US-Komitees als zweite Starterin ebenfalls zu den Olympischen Winterspielen reisen. Tonya Harding hatte stets bestritten, etwas über den geplanten Angriff auf ihre Konkurrentin gewusst zu haben. Erst Anfang 2018 – 24 Jahre nach dem Vorfall – gab sie in einem Interview mit dem US-Sender ABC zu, wenigstens etwas von den Plänen geahnt zu haben. Dieses Geständnis wurde öffentlich, nachdem „I, Tonya“ in den US-Kinos angelaufen war.

Jeder hat seine eigene Wahrheit

Als Autor Steven Rogers nach Sichtung der ESPN-Dokumentation „The Price of Gold“ (2014) beschloss, ein Drehbuch über den Fall zu schreiben, merkte er schnell, dass er die Frage, ob Tonya Harding etwas gewusst hatte, nicht so einfach beantworten konnte. Bei seinen Interviews mit Harding und Jeff Gillooly sprachen sie zwar viel und offen über die Vergangenheit. Dennoch widersprachen sich ihre Aussagen fast komplett – selbst auf die Frage, wie ihr erstes Date verlaufen war, machte das Ex-Paar völlig unterschiedliche Angaben. Rogers verfasste das Drehbuch auf Basis der Interviews mit den beiden Beteiligten und fügte zahlreiche zeitgenössische O-Töne aus Video- und Audioaufnahmen hinzu. Am Ende obliegt es somit dem Zuschauer zu entscheiden, was nun Fakt und Fiktion ist. Und das entpuppt sich durchaus als reizvolle Aufgabe.

Früh zieht Tonya mit Jeff zusammen

Was unbestritten ist: Tonya Harding (Margot Robbie) wuchs in ärmlichen Verhältnissen bei ihrer alleinerziehenden Mutter LaVona (Allison Janney) auf. Die tyrannische und alkoholkranke Frau schickte Tonya bereits im Kindesalter aufs Eis. Um ihr zu entfliehen, zog Tonya früh mit ihrem späteren Ehemann Jeff Gillooly (Sebastian Stan) zusammen. Doch ihre Liebe zum Eiskunstlaufen verlor sie nie. 1991 wurde sie US-Meisterin und trug sich in die Geschichtsbücher ein: Als erster Amerikanerin und zweiter Frau überhaupt gelang Tonya ein dreifacher Axel. Insgesamt meisterten bis heute nur sieben anderen Eiskunstläuferinnen diesen technisch extrem anspruchsvollen Sprung. Der Name Tonya Harding war nun weltweit bekannt.

Mockumentary mit großartigen Darstellern

Regisseur Craig Gillespie („Lars und die Frauen“) gelang mit „I, Tonya“ ein durchaus unorthodoxes Biopic, welches in großen Teilen als schwarzhumorige „Mockumentary“ inszeniert ist. Immer wieder streut er fiktionale Interview-Schnipsel in die Handlung ein, in denen die verschiedenen Figuren ihre Sicht auf die Dinge schildern – ebenso verwirrend, doppelbödig und selbstentlarvend, wie Drehbuchautor Steven Rogers die widersprüchlichen Aussagen aller damals Beteiligten wahrgenommen hat. Gleichzeitig lässt Gillespie die Charaktere auch immer wieder überraschend die vierte Wand durchbrechen. Wenn sich Tonya ans Filmpublikum wendet, verstärkt das die empathische Bindung zu ihrer tragischen Figur, es wirkt aber aufgrund der ironischen Erzählweise nie mitleidheischend.

Nach dem gelungenen dreifachen Axel ist Tonya auf dem Höhepunkt ihrer Karriere

Ich muss gestehen: Von Margot Robbie habe ich zuvor nicht viel gehalten. In ihrem Hollywood-Durchbruch „The Wolf of Wall Street“ und „Legend of Tarzan“ tat sie sich mehr wegen ihres attraktiven Äußeren als ihrer Schauspielkunst hervor. Im miesen „Suicide Squad“ war Robbie als Harley Quinn immerhin einer der rar gesäten Pluspunkte. Doch ihre Leistung in „I, Tonya“ ist phänomenal. Mit den 90er-Jahre-Kostümen und -Frisuren, die sie tragen muss, geht sie völlig in der Rolle als verletzliche Kämpfernatur mit White-Trash-Attitüde auf. Die Nominierungen für Golden Globe und Oscar waren hochverdient. Derzeit steht die Australierin für den neuen Tarantino-Thriller „Once Upon a Time in Hollywood“ vor der Kamera, in dem sie Sharon Tate spielen wird.

LaVona empfindet keine Liebe für Tonya

Einen Golden Globe und einen Oscar für die beste Nebenrolle gewann dafür verdientermaßen Allison Janney als Tonyas gnadenlose Mutter, die selbst dann keine Miene verzieht, wenn ihr Vogel während eines Interviews an ihrem Ohr herumkaut. Die Szenen sind nicht erfunden. Die echte LaVona Harding gab im schrecklichen Pelzmantel tatsächlich ein Interview mit ihrem Haustier auf der Schulter.

Die Macht der Massenmedien

„Ich war die zweitberühmteste Person der Welt – nach Bill Clinton“, sagt Tonya Harding in einer Szene. Neben dem Blick auf Tonya Hardings Leben gelingt es „I, Tonya“ ebenfalls großartig, ein Bild auf das Amerika der 90er-Jahre und dem aufkommenden Einfluss der Massenmedien zu werfen. Der Fall war ein gefundenes Fressen für die weltweiten TV-Anstalten, Zeitungen und Zeitschriften, die jeden Schritt von Tonya begleiteten und ihr Privatleben ausschlachteten. Die Medien prägten ihr Bild in der Öffentlichkeit und kochten das Duell zwischen Nancy Kerrington und Tonya Harding bei den Olympischen Winterspielen 1994 zur Seifenoper hoch. Die brünette Kerrington wurde liebevoll „Schneewittchen“ genannt, passend dazu war Harding schlicht als verhasste „Eishexe“ verschrien. Ob es allein am Eiskunstlauf-Wettbewerb lag, ist nicht mehr nachvollziehbar, aber selbst das ZDF nannte die Winterspiele in Lillehammer diejenigen mit den höchsten Einschaltquoten. Diese wurden erst 2014 mit der Übertragung der Winterspiele in Sotschi übertroffen.

Ob Tonya Harding nun von den Anschlagplänen wusste oder nicht – es nutzte ihr nichts. In Lillehammer erreichte sie nur den achten Platz, während Nancy Kerrigan die Silbermedaille gewann.

Die Medien verfolgen jeden Schritt der „Eishexe“

Veröffentlichung: 24. August 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 120 Min. (Blu-ray), 115 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: I, Tonya
USA 2017
Regie: Craig Gillespie
Drehbuch: Steven Rogers
Besetzung: Margot Robbie, Allison Janney, Sebastian Stan, Julianne Nicholson, Paul Walter Hauser, Bobby Cannavale, Bojana Novakovic, Caitlin Carver
Zusatzmaterial: Making-of, Trailer, Trailershow, Wendecover
Label: DCM Film Distribution GmbH
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2018 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2018 DCM Film Distribution GmbH / Universum Film

 

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