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Meuterei auf der Bounty (1962) – Die tiefgreifendste Gehorsamsverweigerung der Filmgeschichte

Mutiny on the Bounty

Von Lucas Knabe

Abenteuer // Ein rar gesäter und heute mit Ausnahme von Quentin Tarantino nahezu ausgestorbener Kunstgriff ziert den Prolog des über dreistündigen Abenteuers: Die Ouvertüre gehört schon seit Jahrzehnten nicht mehr zum Usus der Filmwelt. Vor allem in den 50er- und 60er-Jahren dekorierte sie Monumentalepen wie „In 80 Tagen um wie Welt“ (1956), „Ben Hur“ (1959) oder „Lawrence von Arabien“ (1962) und stimmte durch ausladende und Spannung erzeugende Orchestermusik auf das Sujet des Films ein, so auch hier. Das exakt siebenminütige, prachtvolle musikalische Vorspiel von Bronisław Kaper, das zwischen Bedrohung, Abenteuerlust und Spielwitz rangiert, offeriert eine Kostprobe dessen, was hiernach im Jahr 1787 seine nervenaufreibenden Register ziehen wird.

Ehrenhafte Gründe: Die Brotfrucht gegen den Hunger …

Im britischen Hafen von Portsmouth formiert sich Ende des 18. Jahrhunderts eine Schiffsbesatzung aus erfahrenen Seeleuten, die unter dem Kommando von Kapitän William Bligh (Trevor Howard) auf dem Dreimaster der Admiralität, der „HMS Bounty“, nach Tahiti segeln sollen, um die dort wachsende Brotfrucht nach Jamaika zu schaffen. In der Führungsriege des hochdekorierten und raubeinigen Kapitäns befindet sich als erster Stellvertreter der Offizier Fletcher Christian (Marlon Brando), ein scharfzüngiger junger Lebemann aus edlem Hause, dessen Charisma ins Auge sticht. Das honorige Ziel dieser Mission besteht in der sicheren Überführung und anschließenden Kultivierung der exotischen Brotfrucht, weswegen auch der Gärtner William Brown (Richard Haydn) anheuerte, der das potenzielle Grundnahrungsmittel finden und umsorgen soll.

… doch der Teufel fährt mit

Einmal in See gestochen, wird der Crew bald darauf offensichtlich, dass sie unter dem Kommando eines ehrgeizigen Tyrannen stehen, dem Recht ein Fremdwort ist. Der Ton ist rau, ohne jeglichen Anklang von Empathie und kleine Delikte der Matrosen werden an Bord fernab jeglicher Humanität mit der neunschwänzigen Katze oder anderen Seefahrt-Peinigungen mitleidlos bestraft. Obendrein verfolgt Bligh den irrwitzigen Plan, die kürzere, aber weitaus gefährlichere Route um das berüchtigte Kap Hoorn an der Südspitze Südamerikas zu segeln, um zum einen Zeit zu sparen und zum anderen dem eigennützigen Prestige zu frönen, eine Route von hoher Schwierigkeit bewältigt zu haben. Doch meterhohe Wellen und tosende Stürme zwingen das Selbstmordkommando zum Scheitern, sodass selbst Kapitän Bligh einsehen muss, dass die reguläre Route vorbei an Afrika und Australien der einzige sinnhafte Weg zum Ziel ist.

Auf Tahiti angekommen bewahrheitet sich die Sorge, dass die Brotfruchtpflanzen bereits in einer Ruhephase stecken und nicht transportiert werden können. Aus diesem Grund muss die gesamte Besatzung fünf Monate auf der Insel verbringen, unter der herzlichen Gastfreundschaft des ansässigen indigenen Volkes, das von Häuptling Hitihiti (Matahiarii Tama) beherrscht wird. Nachdem die Pflanzen ihre Ruheperiode überschritten haben, kann die Expedition die Weiterfahrt antreten. Nur murrend löst sich die Crew von der angenehmen Abwechslung auf dem paradiesischen Eiland. Zurück auf Kurs setzt Bligh seine Willkürherrschaft jedoch zu jedermanns Übel fort, denn der Kapitän erachtet die Brotpflanzen an Bord nun für wichtiger als die Leben seiner Besatzung. Bewegt durch dieses unerträgliche Martyrium nimmt ein mutiger Mann dem Kapitän den Wind aus den Segeln und schreitet zur Tat, die dem Film den Namen gab: Der erste Offizier Fletcher Christian, der seine tiefe Empörung und Verachtung gegen den Kapitän bisher zynisch ertrug, setzt sich über die Befehle Blighs hinweg und ruft die Meuterei auf der „Bounty“ aus, im Wissen, dass er sein und das Leben seiner Getreuen aufs Spiel setzt …

Ein kostspieliges Unterfangen für MGM

1935 hatte die Erstverfilmung der wahren Begebenheit das Fundament der „Bounty“-Filme gelegt. Mit der Neuauflage demonstrierte Regisseur Lewis Milestone („Im Westen nichts Neues“) eindrucksvoll, was in den 60er-Jahren filmtechnisch mit hoher Budgetierung aus den Ereignissen herauszuholen war. Denn trotz einiger Querelen am Set, die nicht zuletzt durch den „Klaus Kinski ähnlichen Charakter“ Marlon Brandos bedingt waren, kann man bei diesem Film bedenkenfrei von einem imposanten und zeitlosen Klassiker der Filmgeschichte sprechen. Brando hatte sich mit dem ursprünglich als Regisseur engagierten Carol Reed („Der dritte Mann“) angelegt, der daraufhin durch Milestone ersetzt wurde. Das für damalige Zeiten gigantische Budget von etwa 19 Millionen Dollar ermöglichte dem produzierenden Studio Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) die Präsentation exotischer Schauplätze und eindrückliche Kulissenarrangements, sodass der Film schon mal optisch eines Epos würdig ist – man vergegenwärtige sich nur die zeremoniellen Szenen bei der Ankunft der „Bounty“ auf Tahiti. An den Kinokassen spielte er seine Kosten allerdings nicht ein, der Flop brachte MGM für eine Weile in Schieflage. Sieben Oscar-Nominierungen und drei für den Golden Globe gab’s immerhin, jedoch konnte das Werk keine der Trophäen nach Hause tragen. Mit „Lawrence von Arabien“, „Wer die Nachtigall stört“ und „Der längste Tag“ waren 1963 auch harte Konkurrenten in der Award-Saison am Start.

Optische und dramaturgische Haute Cuisine

Wider Erwarten besitzt der Film seine besten Seiten indes im Dramaturgischen und Figurativen. Hierbei möchte ich besonders auf das Verhältnis zwischen Fletcher Christian und William Bligh eingehen, um zu den Motiven des Films zu führen. Allein die Positionierung und herausstechende schauspielerische Leistung des Trevor Howard in der Rolle des alternden, menschenverachtenden, barschen und egozentrischen Kapitäns William Bligh und die des Marlon Brando als junger, arroganter, herausfordernder, aber immerhin gerechter Fletcher Christian auf den Brettern der „Bounty“ bietet derart viel Spannung auf, dass allein jene beiden Charakterköpfe, die zum Schneiden dicke Atmosphäre des Films tragen. Jeder Dialog oder sogar Gesichtsausdruck wird zum geistigen Schlag in die Magengrube, sodass die klagende Hinführung zum Höhepunkt, der quälend hinausgezögert wird, schließlich die säbelrasselnde Erlösung bringt, die unblutig und mit einem fantastischen Stil Marlon Brandos abgehandelt wird, dass man neidisch werden kann. Man kann sagen, dass sich die Spannung des Films auf dem Rücken der Antipathie zwischen Fletcher Christian und Captain William Bligh aufschaukelt, die Motive der Gerechtigkeit, der Missgunst und der Menschenführung grandios thematisiert.

Zweifelsohne kann man diese Motive auf die Gegenwart übertragen und als eine gesellschaftskritische Milieustudie deuten, die im Antlitz der malerischen und gleichfalls grausamen frühneuzeitlichen Seefahrt verdeutlicht, wie überbordende Autorität und Rigorismus eine im Grunde funktionierende Gemeinschaft physisch wie psychisch zerstört. Diese fürchtet trotz einer nachvollziehbaren Revolte um ihr Leben, da die Machtstrukturen so ausgelegt sind, dass der „kleine Mann“ kein spürbares Recht besitzt, um souverän für sein eigenes Recht einzustehen – Angst, Abschottung und Mutlosigkeit waren die Folge.

Ein episches Abenteuerdrama, das Warner Home Video 2011 in Deutschland in einer optisch und tonal hervorragenden Amaray-Fassung als Blu-ray und DVD veröffentlicht hat, die obendrein eine anständige Menge an Zusatzmaterial bereithalten.

Die bei „Die Nacht der lebenden Texte vorgestellten filmischen Adaptionen der Meuterei:

Die Bounty (USA 1984)
Meuterei auf der Bounty (USA 1962)
Meuterei auf der Bounty (USA 1935)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Marlon Brando sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 2. September 2011 als Blu-ray und DVD

Länge: 185 Min. (Blu-ray), 178 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch, Englisch
Untertitel: Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Dänisch, Finnisch, Norwegisch, Schwedisch
Originaltitel: Mutiny on the Bounty
USA 1962
Regie: Lewis Milestone, Carol Reed
Drehbuch: Charles Lederer
Besetzung: Marlon Brando, Trevor Howard, Richard Harris, Hugh Griffith, Richard Haydn, Tarita, Percy Herbert, Duncan Lamont, Gordon Jackson, Chips Rafferty, Noel Purcell, Ashley Cowan, Eddie Byrne, Frank Silvera, Tim Seely, Keith McConnell , Rahera Tuia, Ruita Salmon, Nathalie Tehahe, Tematai Tevaearai, Odile Hinano Paofai, Teretiaiti Teyahineheipua Maifano, Virau Tepii, Maeva Maitihe, Louise Tefaafana, Tinorua Vaitahe, Adrien Vaatete Mahitete, Tufariu Tumatana Haamoeura
Zusatzmaterial: Prolog und Epilog, Dokumentation von 2006: Nach den Dreharbeiten: Die Geschichte der „H.M.S Bounty“, Eine Reise auf der „Bounty“ nach St. Petersburg, „Die Bounty“ – Hauptattraktion auf der New York Weltausstellung, Eine Tour auf der „Bounty“, US-Kinotrailer
Label/Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2019 by Lucas Knabe

 

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Duell am Missouri – Zwei Schauspiel-Giganten im gefloppten Spätwestern

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The Missouri Breaks

Von Volker Schönenberger

Western // Mit seinem Gangsterdrama „Bonnie & Clyde“ setzte Arthur Penn 1967 eine der ersten Duftmarken des New Hollywood. 1958 hatte er mit „Einer muss dran glauben“ mit Paul Newman noch einen klassisch anmutenden Western gedreht, 1970 dann aber mit „Little Big Man“ mit Dustin Hoffman das Genre auf eine neue Stufe geführt. Sein Spätwestern „Duell am Missouri“ (1976) allerdings fiel bei Publikum wie Kritikern durch, obwohl er mit Jack Nicholson und Marlon Brando zwei Stars der A-Liga an Bord hatte. Ein Grund dafür mag Brandos überkandidelte Auslegung seiner Rolle gewesen sein. Der von ihm verkörperte Kopfgeldjäger Robert E. Lee Clayton trägt sonderbare Klamotten und Parfüms, spricht mit irischem Akzent, gibt exzentrische Weisheiten zum Besten und sich samt Fernglas und Lehrbuch als Vogelkundler aus. Regisseur Penn ließ Brando offenbar an der langen Leine und nach Herzenslust improvisieren. In Nebenrollen sind Randy Quaid („Das letzte Kommando“) und Harry Dean Stanton („Paris, Texas“) zu sehen.

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Tom Logan (r.) heckt einen Plan aus

Der reiche Rancher David Braxton (John McLiam) lässt in Montana einen Pferdedieb hängen, der zur Bande von Tom Logan (Nicholson) gehört. Die Ganoven revanchieren sich, indem sie Braxtons Vorarbeiter am selben Baum aufknüpfen, an dem ihr Kumpan starb. Gleichzeitig kauft Logan in der Nähe von Braxtons Anwesen eine kleine Farm. Sein Plan: Er will den Rancher in den Ruin treiben. Das hindert ihn allerdings nicht daran, mit Braxtons aparter Tochter Jane (Kathleen Lloyd) romantische Bande zu knüpfen. Ihr Vater hingegen heuert den Regulator Clayton (Brando) an, um mit den Gaunern kurzen Prozess zu machen. Die Eskalation der Gewalt ist damit unausweichlich.

Ein Western des New Hollywood

„Duell am Missouri“ setzt stark auf Dialoge und eine sorgfältige Ausformung der Figuren, deren Psychologie und Motive überzeugen. Ein Outlaw als Protagonist und Hauptfigur, der sogar sympathisch gezeichnet wird, auf der anderen Seite ein selbstherrlicher Rancher und ein durchgeknallter Kopfgeldjäger – diese Pole sind New Hollywood in Reinkultur. Über Brandos Interpretation seiner Rolle mag man schmunzeln, aber gerade in einem mit vielen Stereotypen arbeitenden Genre wie dem Western ist ein solch überdrehter Antagonist eine willkommene Abwechslung, auch wenn sie der zeitgenössischen Filmgemeinde gar zu überdreht gewesen war. Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger bezeichnet „Duell am Missouri“ im sehr lesenswerten Booklet-Text des Mediabooks gar als groteske Dekonstruktion eines einst aufrechten amerikanischen Genres. Das erscheint nicht zu hoch gegriffen.

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Zwischen Jane und Tom bahnt sich etwas an

Die Gewalt ist gar nicht mal allgegenwärtig, aber Clayton ist unerbittlich und mit seiner Sharps Rifle vom Typ Creedmoor auch auf lange Distanz zielsicher. Als Kontrast dazu hat „Duell am Missouri“ auch Humor zu bieten: Wenn Tom Logan früh im Film einen Zug ausraubt, dafür den Wagen mit der Geldkiste vom Rest abkoppelt, nicht merkt, dass er auf einer Brücke zum Stehen kommt und beim Aussteigen beinahe zu Tode stürzt, hat das sogar ein wenig Slapstick-Charakter. Der schlägt allerdings schnell um.

Die Missouri Breaks von Montana

Der Originaltitel „Missouri Breaks“ bezieht sich auf die Steilhänge des Missouri River. Diese Landschaftsformation im Hochland von Montana ist als Upper Missouri River Breaks National Monument mittlerweile ein Naturschutzgebiet. Und so hat „Missouri Breaks“ dann auch ein paar feine Landschaftsbilder vorzuweisen, die an sich jeden Westernfan zufriedenstellen müssten. Einen Status als großer Klassiker des Spätwesterns wird „Duell am Missouri“ wohl dennoch nicht mehr erlangen, aber gegenüber seiner Entstehungszeit ist der Film heutzutage rehabilitiert. Leicht macht er es dem Zuschauer nicht, ist eigenwillig, ja störrisch, nicht zuletzt dank Brando. Diese fremdartige Genre-Auslegung mag Freunden klassischer Western damals übel aufgestoßen sein, heute genießen wir sie als willkommene Abwechslung. Ein hochinteressantes Werk des 2010 im Alter von 88 Jahren gestorbenen Arthur Penn. Schön, dass es nun in Deutschland in guter Qualität auch als Blu-ray lieferbar ist, und das sogar im ansprechenden Mediabook der Reihe „FilmConfect Essentials“ inklusive eines Nachdrucks des Filmplakats.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Marlon Brando und Jack Nicholson sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 11. November 2016 als Blu-ray im Mediabook, 30. Oktober 2006 als DVD

Länge: 126 Min. (Blu-ray), 121 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Missouri Breaks
USA 1976
Regie: Arthur Penn
Drehbuch: Thomas McGuane
Besetzung: Marlon Brando, Jack Nicholson, Randy Quaid, Kathleen Lloyd, John McLiam, Frederic Forrest, Harry Dean Stanton, John P. Ryan, Steve Franken, Richard Bradford
Zusatzmaterial Blu-ray: Filmplakat, Booklet
Vertrieb Blu-ray: FilmConfect Home Entertainment
Vertrieb: DVD: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

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Fotos & Packshot Blu-ray: © 2016 FilmConfect Home Entertainment
Packshot DVD: © 2006 Twentieth Century Fox Home Entertainment

 

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Apocalypse Now – Die wahnwitzige Mutter aller Kriegsfilme

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Apocalypse Now

Von Simon Kyprianou und Volker Schönenberger

I love the smell of napalm in the morning. Lieutenant Colonel Bill Kilgore (Robert Duvall)

Kriegsdrama // Zuerst sehen wir einen Dschungel, der in einem Flammenmeer untergeht, während Jim Morrison „The End“ anstimmt. Dann sehen wir Captain Benjamin L. Willard (Martin Sheen) in einem versifften Hotelzimmer in Saigon im Alkoholrausch auf dem Bett liegen. Die Kamera verharrt über ihm, Überblendungen lassen das Bild diffus und ungenau werden, Regisseur Francis Ford Coppola legt Bilder übereinander, montiert den Vietnamkrieg und den Menschen zu einer schrecklichen Einheit zusammen. Willard zerschlägt einen Spiegel, lässt seiner Wut und Ohnmacht freien Lauf. Schon am Anfang des Films ist er gebrochen.

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Offensive am Strand

Als Ein-Mann-Killerkommando in den Dschungel

Willard bekommt den Auftrag, den außer Kontrolle geratenen Colonel Walter E. Kurtz (Marlon Brando) auszuschalten, der sich tief im Dschungel ein mysteriöses kleines Regime errichtet hat – in Kambodscha, fern der vietnamesischen Kampfschauplätze. Es ist kein Krieg mehr gegen einen Feind, es ist nur noch der Krieg gegen sich selbst, gegen die eigenen seelischen Wunden, den Coppola hier bebildert.

Francis Ford Coppola erzählt seinen Film in Fragmenten. Kohärenz gesteht er dem Krieg nicht zu, jede Einstellung, jeder Abschnitt und jede Szene stehen für sich – ganz im Sinne von Bertolt Brechts epischem Theater. Zusammengehalten werden diese Momentaufnahmen des Schreckens von dem Fluss, also dem Motiv der Reise, das den Film einklammert. Jede Station auf der Reise ist eine Geschichte ganz für sich allein, jede Station ist eine Facette, die zusammengesetzt das Mosaik des Krieges ergeben, das Mosaik eines Albtraums.

Kurtz als Personifizierung des Krieges

In „True Detective“ sagt Matthew McConaughey: „At the end of every nightmare, there is a monster“. Das Monster am Ende des „Apocalypse Now“-Albtraums ist Colonel Kurtz. Er verkörpert die Schrecken des Krieges, er ist ein abstraktes Objekt – eigentlich völlig entmenschlicht –, auf das Coppola all den Wahnsinn und all das Grauen projiziert. Daher ist Kurtz für den Zuschauer auch beinahe den gesamten Film über abstrakt, er wird nur passiv charakterisiert, er wird zu einer Vorstellung in den Köpfen der Soldaten und auch in den Köpfen der Zuschauer, zu einer Vorstellung des Krieges an sich.

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Kilgore (M.) kann nichts etwas anhaben

Von Station zu Station wird die Reise immer wahnsinniger. Gegen Ende finden wir uns in einem Schützengraben wieder, bei Soldaten, die nicht wissen, wo ihr Befehlshaber ist, ob er lebt oder bereits tot ist, die nicht einmal mehr auf den Gegner schießen, die aufgegeben haben. In der Dauerkonfrontation vegetieren sie nur noch vor sich hin, ohne Ziel, ohne Hoffnung, ohne Grund.

Herz der Finsternis

Das Ende in Kurtz’ Dschungelkönigreich ist dann die Explosion des Wahnsinns, ein Ort im Herzen des Krieges, an dem nichts mehr Sinn ergibt – in der Tat im „Herz der Finsternis“, wie es der Titel von Joseph Conrads Romanvorlage schon sagt, auch wenn die auf dem Kongo spielt. So psychedelisch, hypnotisch und unsinnig die Momente in der Festung auch sein mögen, es sind Momente höchster Klarheit und Wahrheit. Das Bild vom Trip ins Herz der Finsternis ist zum geflügelten Wort geworden, gern verwendet, auch schon bei „Die Nacht der lebenden Texte“. „Apocalypse Now“ jedoch ist die wahre Reise ins Herz der Finsternis, nicht nur wegen der Vorlage.

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Die Playmates kommen!

Satte 46 Minuten länger ist die sogenannte Redux-Schnittfassung, die am 11. Mai 2001 beim Filmfestival von Cannes Premiere feierte. Es ist der von Francis Ford Coppola abgesegnete Director’s Cut. Zu den exakten Unterschieden zwischen der ursprünglichen Kinofassung und dem Redux-Schnitt sei auf die Kollegen von Schnittberichte verwiesen.

Sogar Colonel Kilgore zeigt menschliche Züge

Francis Ford Coppola hat die neue Schnittfassung nicht nur genutzt, um bislang nicht verwendetes Material einzufügen, sein Augenmerk galt auch der Korrektur von Anschlussfehlern und Stimmungsbrüchen. Die auffälligsten Neuerungen der Redux-Fassung sind rund um die Person von Lieutenant Colonel Bill Kilgore (Robert Duvall) zu bemerken, dessen Einheit Willards Boot durch einen heftig umkämpften Engpass schleusen soll. In Kilgore manifestiert sich der ganze Irrwitz des Vietnamkrieges, was die Redux-Fassung noch verstärkt, indem dort auch humanistisches Verhalten Kilgores betont wird. Auch der Surf-Aspekt wird verstärkt, allein schon durch den Diebstahl von Kilgores Surfboard durch Willard, was Kilgore veranlasst, Willard per Helikopter zu verfolgen und übers Megaphon um die Herausgabe anzuflehen.

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Apocalypse Now

Vom Schicksal der Playmates

Eine vollständig neue Sequenz handelt vom Los der bedauernswerten Playboy-Playmates, die nur einige Zeit zuvor vor einer Horde notgeiler US-Soldaten getanzt hatten. Willard und sein Team treffen die jungen Frauen flussaufwärts in einem völlig verschlammten Zeltlager. Es ist keine kriegerische Szene, aber sie drückt den ganzen Wahnsinn des Krieges in schmutzigen, bisweilen surreal wirkenden Bildern aus.

Das Herrenhaus der Franzosen

In der ursprünglichen Kinofassung ebenfalls nicht enthalten ist der bald darauf folgende Besuch auf dem Anwesen der Franzosen. Es geht friedlich zu: Willard wird zu Tisch gebeten, erlebt gar ein sexuelles Abenteuer mit einer jungen Witwe (Aurore Clément), Tochter des Hauses. Stellt schon die Playmates-Szene eine Unterbrechung der Reise und damit einen Bruch des Tempos dar, so gilt das für diese Sequenz erst recht. Das kann man kritikwürdig finden, doch „Apocalypse Now“ ist schon in der ursprünglichen Kinofassung dermaßen lang, dass ein Moment des Innehaltens gut zu verkraften ist. Den Krieg für einen Moment zu vergessen, muss ohnehin misslingen, dafür sorgt schon die hitzige Diskussion der Franzosen am Esstisch. Willards Aufenthalt dort ist quasi ein Durchatmen, wenn auch ein bizarres, das sich unmittelbar auf den Zuschauer überträgt – umso mehr, als es wenig später endlich ins Herz der Finsternis geht: das Reich von Colonel Kurtz.

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Kurtz’ Chronist: der Fotoreporter

Angemessene Editionen in Deutschland

Es mag anmaßend sein, dennoch verkünden wir hier: Wer einmal die Redux-Fassung geschaut hat, wird kein Bedürfnis mehr nach der älteren Version haben. Für hiesige Filmfreunde besteht bei „Apocalypse Now“ glücklicherweise keine Notwendigkeit, sich in Großbritannien oder den USA nach einer Referenz-Edition umsehen zu müssen: Die Full Disclosure Blu-ray-Edition mit drei Discs im Schuber lässt keine Ausstattungswünsche offen (siehe unten). Wer auf das physische Bonusmaterial verzichten kann und noch keinen Blu-ray-Player hat, ist mit dem Full-Disclosure-DVD-Steelbook ebenfalls sehr gut bedient. Deutlich spartanischer ausgestattet ist die neue Blu-ray-Version der Kinofassung, die Studiocanal im Rahmen der Edition „Award Winning Collection“ am 19. Februar parallel mit anderen preisgekrönten Filmen herausbringt.

Prämiertes Meisterwerk

Apropos Award: Für Kamera und Ton erhielt „Apocalypse Now“ Oscars, Golden Globes gab’s für Nebendarsteller Robert Duvall, Regisseur Francis Ford Coppola und die Musik von Francis Ford Coppola und seinem Vater Carmine. Nicht zu vergessen die Goldene Palme (zusammen mit Volker Schlöndorffs „Die Blechtrommel“) sowie den FIPRESCI Prize in Cannes.

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Willard (2. v. l.) gelangt ins Herz der Finsternis

Zusammen mit Michael Ciminos „Die durch die Hölle gehen“ ist „Apocalypse Now“ der wohl beste Film über den Vietnamkrieg – mit gigantischem Abstand zu jedem anderen Film, der sich damit beschäftigt. Ist er ein zynisches Actiondrama? Ein irrsinniges Statement gegen den Krieg? So oder so: ein Meisterwerk.

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Ist Colonel Kurtz wahnsinnig? Oder hat er lediglich das Wesen des Kriegs verstanden?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Francis Ford Coppola sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Marlon Brando, Robert Duvall, Laurence Fishburne, Harrison Ford und Dennis Hopper unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 19. Februar 2015 als Blu-ray und DVD (Award Winning Collection), 9. Juni 2011 als Full Disclosure 3-Disc Blu-ray im Schuber, 5. Januar 2012 als Blu-ray (Kinofassung und Redux), 22. September 2011 als Full Disclosure 4-Disc Limited Steelbook Edition DVD

Länge: 202 Min. (Blu-ray Redux-Version), 153 Min. (Blu-ray Kinofassung), 194 Min. (DVD Redux-Version), 147 Min. (DVD Kinofassung)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch
Originaltitel: Apocalypse Now
USA 1979
Regie: Francis Ford Coppola
Drehbuch: John Milius, Francis Ford Coppola, Michael Herr (Voice-over-Texte), nach Motiven von Joseph Conrads „Herz der Finsternis“
Besetzung: Marlon Brando, Martin Sheen, Dennis Hopper, Robert Duvall, Laurence Fishburne, Harrison Ford, Sam Bottoms, Frederic Forrest, Scott Glenn
Zusatzmaterial Full Disclosure: „Hearts of Darkness: A Filmmaker’s Apocalypse – Reise ins Herz der Finsternis“ (96 Min.), Martin Sheen im Gespräch mit Francis Ford Coppola, Interview mit John Milius und Francis Ford Coppola, Freed Roos: „Casting Apocalypse“ mit nie zuvor gesehenen Probeaufnahmen, zusätzliche und geschnittene Szenen, das komplette Interview mit Roger Ebert und Francis Ford Coppola beim Cannes Film Festival 2001, Featurettes zu Schnitt, Musik und Sound Design von „Apocalypse Now“, Audiokommentar von Francis Ford Coppola, Original-Radiosendung des „Mercury Theatre on the Air“ mit Orson Welles, Auszüge aus dem Drehbuch von John Milius mit Anmerkungen von Francis Ford Coppola, Storyboard-Galerie mit über 200 Zeichnungen, Fotoarchiv, Marketingarchiv, exklusive Sammlerstücke: Booklet „In the Heart of the Movie“, das die Geschichte des Films aus Sicht von Francis Ford Coppola erzählt, Nachdruck des Original-Kinoprogramms von 1979, das den ersten Besuchern des Films zur Verfügung gestellt wurde, 5 exklusive Postkarten von Fotografin Mary Ellen Mark
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

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Copyright 2015 by Simon Kyprianou / Volker Schönenberger
Fotos & Packshots: © 2015 Studiocanal Home Entertainment

 
 

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