RSS

Schlagwort-Archive: Marlon Brando

Sidney Lumet (VI): Der Mann in der Schlangenhaut – Von grausamen Ver- und Enthüllungen

The Fugitive Kind

Von Tonio Klein

Drama // Niemand kann aus seiner Haut. Aber einer versucht es doch, und er weiß, dass das schmerzhaft sein wird, darum hat er sich einen Schutzpanzer zugelegt, den allegorischen Mantel aus Schlangenhaut. Es handelt sich um Val (Marlon Brando), mit dreißig noch wie ein junger Wilder aussehend, aber als solcher ist er ein ums andere Mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten und will ein neues Leben beginnen, an einem neuen Ort. In der Anfangsszene spricht er zu einem nicht sichtbaren Richter und damit zu uns; wir identifizieren uns sofort mit dem Mann oder fühlen zumindest mit, haben eine Ahnung von seiner Motivation, und dass es ihm mit seinen Vorsätzen ernst ist.

Es soll aber nicht sein: Zu Beginn wird er aus einer Zelle in einem Wohnhaus geholt, wie man das bei Dorfsheriffs halt so hat. Zu Beginn seines neuen Lebens bekommt er in einer anderen Stadt in einer ebensolchen Zelle Obdach. Diese fiktive Kleinstadt befindet sich in Mississippi, und sie fährt an Rassismus, Bigotterie und gebrochenen/eingezwängten Seelen alles auf, was ein saftiges Theaterstück von Tennessee Williams zu bieten hat.

Die liederliche Carol und Lady Torrance

Erst einmal beschäftigt sich Val mit der gleichsam vulgären wie zerbrechlichen Carol Cutrere (Joanne Woodward), bevor die von allen „Lady“ genannte italienischstämmige Mrs. Torrance (Anna Magnani) ins Zentrum des Geschehens rückt. Obschon älter als Val, fühlt sie sich von ihm angezogen. Er erzählt ihr eine Geschichte von Vögeln, die keine Beine haben und niemals auf der Erde landen können, außer zum Sterben. Das erinnert an eine andere Williams-Metapher, an die Katze, die immer dazu verurteilt ist, auf dem heißen Blechdach zu tanzen. Es passt hie wie dort. Es geht um ruhelose Menschen, und wir ahnen, dass zumindest einige der Protagonisten beim Versuch, ihren Landepunkt zu finden, sterben müssen. Val hat seine Schlangenhaut, Lady hat den Mantel der Ehe gewählt, mit dem sadistischen und nun kranken Jabe (Victor Jory), der sie nie und den sie nie geliebt hat. Sie hat sich verkauft, sie hat alle Demütigungen ertragen. Sie lebt in einem nicht mal goldenen Käfig, so wie die erwähnten Zellen für Val gleichsam Schutz wie Zwang bedeuten. Auch Gegenstände in dem Laden der Torrances, in dem Val nun arbeitet, bilden oft Gittermuster vor ihm.

Carol hingegen schreit ihre Liederlichkeit demonstrativ heraus, um nicht zu werden wie der ganze Ort, in dem sich jeder auf die eine oder andere Weise verkauft. Darin neigt Woodward ein wenig zum Overacting; Styling und meterdicker Kajalstift tun ihr Übriges, um sie als zerbrechlich, wenn nicht schon zerbrochen, also „kaputt“, zu zeigen. Die Stimme: fast immer laut, aggressiv, geradeheraus, oft schreiend, dadurch wenig moduliert. Schade, dabei kann es Woodward doch besser! Glaubt man Wikipedia, so ist diese Überzeichnung eine Antwort auf die Frage, warum Val sich nicht Carol, sondern Lady zuwendet. Wenn Carol dadurch weniger Empathie wecken sollte, so ist den Machern das zu Beginn des Filmes gelungen. Es schwächt aber auch die erste halbe Stunde, in der die beiden zusammen sind und Lady noch gar nicht vorkommt. Im Kopf verstehen können wir schon, dass sich der Außenseiter zu der Außenseiterin hingezogen fühlt. Vom Bauchgefühl her aber funktioniert die Paarung nicht so gut. Erst kurz vor Schluss dieses Teiles spüren wir Carols Zerbrechlichkeit voll und ganz, und der Tod wirft erstmals Licht und Schatten voraus, auf einem Friedhof. Oftmals noch sehen wir eine irreale Beleuchtung, eine starke Lichtquelle, die ihre Strahlen durch ein Dickicht wirft, aber nicht so recht durchzukommen scheint. Und der Tod ist sowieso allgegenwärtig, in der Friedhofsszene, in der Metapher der Vögel ohne Beine, in der Erzählung, wie Ladys Vater zu Tode gekommen war, in der Figur des todkranken Jabe, dessen Libido übrigens ebenfalls tot zu sein scheint.

Verkommene Dörfler

Lady will aber endlich leben, aus ihrem Leben als lebende Tote ausbrechen, was mit Val sogar trotz nicht nur des Unterschieds im Alter für einen Moment möglich scheint. Statt aber ausschließlich nach vorn zu schauen, will sie ein Unrecht der lange zurückliegenden Vergangenheit wieder geraderücken. Wir ahnen, dass dies in der fast schon auf überzeichnete Weise verkommenen Dorfgemeinschaft nicht möglich ist, wünschen es Lady aber dennoch: Vor Jahren hatte ein Mob die Gaststätte ihres Vaters angezündet („Er hatte einen Fehler gemacht, er hatte Niggern Whiskey verkauft“), und der ganze Ort hatte sich geweigert, die Flammen zu löschen, sodass Ladys Vater beim aussichtslosen Versuch, dieses zu tun, umkam. Nun hat Lady an den Laden ihres Mannes eine Gaststätte angebaut und selbst gestaltet; in einer seltsamen, leicht kitschigen, aber doch märchenhaften Schönheit. Man merkt, das ist in jeglichem Sinne „ihr Traum“. Und sie ist zu allem entschlossen bei dem Wunsch, dieses Lokal auch zu eröffnen.

Zu viel Methode beim Method Actor

Anna Magnani: Beim Dreh 51 Jahre alt, immer noch schön und von wilder Entschlossenheit, hinter der aber auch Traurigkeit und Verbitterung stecken. Die Kamera beschönigt ihre Fältchen nicht, liebt sie aber dennoch oder auch deswegen ungemein, was man gerade im Schuss-Gegenschuss mit Jabe spürt, bei dem eine ausgesprochen harte, kontrastreiche Fotografie jede Gesichtsunebenheit und jede Schweißperle betont. Marlon Brando: Der Wilde ist nachdenklich geworden, ist dies von Anfang an, ist ein Bedächtiger, zunächst Unentschlossener, der erst einmal alles beobachtet, in sich aufnimmt und verarbeitet, bevor er handelt. Dies lässt ihn sanfter, sympathischer und ambivalenter erscheinen, und Brando spielt das einzigartig aus – vielleicht sogar ein bisschen zu sehr. Man hat das Gefühl, er will sich einfach nur perfekt in Szene setzen; allein diese Szene mit seinem Empfehlungsschreiben: Ob er eines habe, fragt Lady. Ja, habe er. Und dann kramt Brando ewig in seiner Hosentasche herum, holt einen völlig verknitterten Briefumschlag heraus, braucht ewig, um ihn mehr schlecht als recht zu entknittern … Hier ist Brando nicht mehr Val, hier ist er nur noch Brando (und zeigt, dass „die Methode“ des Method Acting gelegentlich genau das Gegenteil von dem bewirkt, was sie bewirken soll).

Allzu schlimm ist das nicht. Die gewagte Paarung Brando/Magnani (neben dem Altersunterschied auch völlig verschiedene Schauspielstile; Magnani war nie klassisch ausgebildet worden, konnte nicht besonders gut Englisch und hatte halt entweder eine magische Präsenz oder nicht) kann durchaus faszinieren. Magnani/Lady würde ich vorziehen, weil sie letztlich die größere Bandbreite in Schauspielkunst wie Charakter der Figur hat, vom abgehärteten, stillen Erdulden über Trauer und Wut bis schließlich zum trotzigen Aufbegehren, in das sich neben gerechtem Zorn auch aggressiver Hass mischt. Brando ist sehr gut, aber sein Spiel ist ab und an als Masche durchschaubar. Woodward wurde leider über weite Strecken verheizt, auch wenn ihre Figur – gerade gegen Ende und besonders in der allerletzten Szene – bei weitem nicht so abstoßend ist, wie es zu Beginn scheint. Regisseur Sidney Lumet inszeniert nach den Regeln der Kunst, der Stoff ist anspruchsvoll. Dennoch: Lange Zeit konnte ich das alles zwar intellektuell würdigen, fragte mich aber, warum mich diese verkommenen, aus vielen Williams-Stücken bekannten und hier teils recht dick aufgetragenen Figuren begeistern sollten. Die große Anteilnahme kommt im letzten Akt, wenn es mit Ladys geplanter Restaurant-Eröffnung auf den dramatischen Höhepunkt zusteuert. Warum man ihr unbedingt wünscht, dass ihr Traum in Erfüllung gehe, habe ich hoffentlich hinlänglich deutlich gemacht, und dies können das Spiel der Magnani, die Erzählung und die filmische Gestaltung mit dem „märchenhaften“ Aspekt des Restaurants wunderbar transportieren. Was aus dem Traum wird, ist ohne Spoiler nicht zu schildern, man überspringe gegebenenfalls den nächsten Absatz.

Warnung vor dem Spoiler

Die Hoffnungen werden bitter enttäuscht, wenn Lady am Ende erkennen muss: Jabe war beim Mob dabeigewesen. Das fällt auf sie zurück. Seine Mitschuld hätte sie meines Erachtens ahnen oder wissen können, wenn sie sich nicht wegen ihres Sicherheitsbedürfnisses den Erstbesten ohne genaues Nachdenken genommen hätte. Da ist Williams wunderbar ambivalent, und es erweist sich endgültig, dass seine Lady keine ausschließlich positiv konnotierte Figur ist. Nein, in dieser selbst mitverschuldeten schicksalhaften Verstrickung steckt, in der Figur der Lady steckt die ganze Wucht einer Tragödie. Mehr darf nun wirklich nicht verraten werden, nur: Vielleicht gelingt dem einen oder anderen die Häutung ja. Die Schlangenhaut wird jedenfalls in der Schlussszene eine schöne Bedeutung erfahren.

Fazit: Etwas zu saftige Williams-Adaption mit kleinen Problemchen bei zwei von drei Hauptfiguren/-darstellern, die gegen Ende immer besser wird und nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen und im Bauch begeistern kann.

Die deutsche DVD ist vergriffen, findet sich auf dem Gebraucht- und Sammlermarkt nicht mehr ganz billig. Des Englischen Mächtige und mit Codefree-Player ausgestattete Filmgucker seien auf die US-Veröffentlichung von „The Criterion Collection“ hingewiesen. Damit macht nichts falsch, wer auf deutsche Synchronisation keinen Wert legt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Sidney Lumet haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Marlon Brando unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 3. Dezember 2012 als DVD

Länge: 117 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Fugitive Kind
USA 1960
Regie: Sidney Lumet
Drehbuch: Tennessee Williams, Meade Roberts, nach Williams’ Bühnenstück
Besetzung: Marlon Brando, Anna Magnani, Joanne Woodward, Maureen Stapleton, Victor Jory, R. G. Armstrong, Virgilia Chew
Zusatzmaterial: Wendecover
Label/Vertrieb: KSM GmbH

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & Packshots: © 2012 KSM GmbH

 

Schlagwörter: , , , , , , , ,

Meuterei auf der Bounty (1962) – Die tiefgreifendste Gehorsamsverweigerung der Filmgeschichte

Mutiny on the Bounty

Von Lucas Knabe

Abenteuer // Ein rar gesäter und heute mit Ausnahme von Quentin Tarantino nahezu ausgestorbener Kunstgriff ziert den Prolog des über dreistündigen Abenteuers: Die Ouvertüre gehört schon seit Jahrzehnten nicht mehr zum Usus der Filmwelt. Vor allem in den 50er- und 60er-Jahren dekorierte sie Monumentalepen wie „In 80 Tagen um wie Welt“ (1956), „Ben Hur“ (1959) oder „Lawrence von Arabien“ (1962) und stimmte durch ausladende und Spannung erzeugende Orchestermusik auf das Sujet des Films ein, so auch hier. Das exakt siebenminütige, prachtvolle musikalische Vorspiel von Bronisław Kaper, das zwischen Bedrohung, Abenteuerlust und Spielwitz rangiert, offeriert eine Kostprobe dessen, was hiernach im Jahr 1787 seine nervenaufreibenden Register ziehen wird.

Ehrenhafte Gründe: Die Brotfrucht gegen den Hunger …

Im britischen Hafen von Portsmouth formiert sich Ende des 18. Jahrhunderts eine Schiffsbesatzung aus erfahrenen Seeleuten, die unter dem Kommando von Kapitän William Bligh (Trevor Howard) auf dem Dreimaster der Admiralität, der „HMS Bounty“, nach Tahiti segeln sollen, um die dort wachsende Brotfrucht nach Jamaika zu schaffen. In der Führungsriege des hochdekorierten und raubeinigen Kapitäns befindet sich als erster Stellvertreter der Offizier Fletcher Christian (Marlon Brando), ein scharfzüngiger junger Lebemann aus edlem Hause, dessen Charisma ins Auge sticht. Das honorige Ziel dieser Mission besteht in der sicheren Überführung und anschließenden Kultivierung der exotischen Brotfrucht, weswegen auch der Gärtner William Brown (Richard Haydn) anheuerte, der das potenzielle Grundnahrungsmittel finden und umsorgen soll.

… doch der Teufel fährt mit

Einmal in See gestochen, wird der Crew bald darauf offensichtlich, dass sie unter dem Kommando eines ehrgeizigen Tyrannen stehen, dem Recht ein Fremdwort ist. Der Ton ist rau, ohne jeglichen Anklang von Empathie und kleine Delikte der Matrosen werden an Bord fernab jeglicher Humanität mit der neunschwänzigen Katze oder anderen Seefahrt-Peinigungen mitleidlos bestraft. Obendrein verfolgt Bligh den irrwitzigen Plan, die kürzere, aber weitaus gefährlichere Route um das berüchtigte Kap Hoorn an der Südspitze Südamerikas zu segeln, um zum einen Zeit zu sparen und zum anderen dem eigennützigen Prestige zu frönen, eine Route von hoher Schwierigkeit bewältigt zu haben. Doch meterhohe Wellen und tosende Stürme zwingen das Selbstmordkommando zum Scheitern, sodass selbst Kapitän Bligh einsehen muss, dass die reguläre Route vorbei an Afrika und Australien der einzige sinnhafte Weg zum Ziel ist.

Auf Tahiti angekommen bewahrheitet sich die Sorge, dass die Brotfruchtpflanzen bereits in einer Ruhephase stecken und nicht transportiert werden können. Aus diesem Grund muss die gesamte Besatzung fünf Monate auf der Insel verbringen, unter der herzlichen Gastfreundschaft des ansässigen indigenen Volkes, das von Häuptling Hitihiti (Matahiarii Tama) beherrscht wird. Nachdem die Pflanzen ihre Ruheperiode überschritten haben, kann die Expedition die Weiterfahrt antreten. Nur murrend löst sich die Crew von der angenehmen Abwechslung auf dem paradiesischen Eiland. Zurück auf Kurs setzt Bligh seine Willkürherrschaft jedoch zu jedermanns Übel fort, denn der Kapitän erachtet die Brotpflanzen an Bord nun für wichtiger als die Leben seiner Besatzung. Bewegt durch dieses unerträgliche Martyrium nimmt ein mutiger Mann dem Kapitän den Wind aus den Segeln und schreitet zur Tat, die dem Film den Namen gab: Der erste Offizier Fletcher Christian, der seine tiefe Empörung und Verachtung gegen den Kapitän bisher zynisch ertrug, setzt sich über die Befehle Blighs hinweg und ruft die Meuterei auf der „Bounty“ aus, im Wissen, dass er sein und das Leben seiner Getreuen aufs Spiel setzt …

Ein kostspieliges Unterfangen für MGM

1935 hatte die Erstverfilmung der wahren Begebenheit das Fundament der „Bounty“-Filme gelegt. Mit der Neuauflage demonstrierte Regisseur Lewis Milestone („Im Westen nichts Neues“) eindrucksvoll, was in den 60er-Jahren filmtechnisch mit hoher Budgetierung aus den Ereignissen herauszuholen war. Denn trotz einiger Querelen am Set, die nicht zuletzt durch den „Klaus Kinski ähnlichen Charakter“ Marlon Brandos bedingt waren, kann man bei diesem Film bedenkenfrei von einem imposanten und zeitlosen Klassiker der Filmgeschichte sprechen. Brando hatte sich mit dem ursprünglich als Regisseur engagierten Carol Reed („Der dritte Mann“) angelegt, der daraufhin durch Milestone ersetzt wurde. Das für damalige Zeiten gigantische Budget von etwa 19 Millionen Dollar ermöglichte dem produzierenden Studio Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) die Präsentation exotischer Schauplätze und eindrückliche Kulissenarrangements, sodass der Film schon mal optisch eines Epos würdig ist – man vergegenwärtige sich nur die zeremoniellen Szenen bei der Ankunft der „Bounty“ auf Tahiti. An den Kinokassen spielte er seine Kosten allerdings nicht ein, der Flop brachte MGM für eine Weile in Schieflage. Sieben Oscar-Nominierungen und drei für den Golden Globe gab’s immerhin, jedoch konnte das Werk keine der Trophäen nach Hause tragen. Mit „Lawrence von Arabien“, „Wer die Nachtigall stört“ und „Der längste Tag“ waren 1963 auch harte Konkurrenten in der Award-Saison am Start.

Optische und dramaturgische Haute Cuisine

Wider Erwarten besitzt der Film seine besten Seiten indes im Dramaturgischen und Figurativen. Hierbei möchte ich besonders auf das Verhältnis zwischen Fletcher Christian und William Bligh eingehen, um zu den Motiven des Films zu führen. Allein die Positionierung und herausstechende schauspielerische Leistung des Trevor Howard in der Rolle des alternden, menschenverachtenden, barschen und egozentrischen Kapitäns William Bligh und die des Marlon Brando als junger, arroganter, herausfordernder, aber immerhin gerechter Fletcher Christian auf den Brettern der „Bounty“ bietet derart viel Spannung auf, dass allein jene beiden Charakterköpfe, die zum Schneiden dicke Atmosphäre des Films tragen. Jeder Dialog oder sogar Gesichtsausdruck wird zum geistigen Schlag in die Magengrube, sodass die klagende Hinführung zum Höhepunkt, der quälend hinausgezögert wird, schließlich die säbelrasselnde Erlösung bringt, die unblutig und mit einem fantastischen Stil Marlon Brandos abgehandelt wird, dass man neidisch werden kann. Man kann sagen, dass sich die Spannung des Films auf dem Rücken der Antipathie zwischen Fletcher Christian und Captain William Bligh aufschaukelt, die Motive der Gerechtigkeit, der Missgunst und der Menschenführung grandios thematisiert.

Zweifelsohne kann man diese Motive auf die Gegenwart übertragen und als eine gesellschaftskritische Milieustudie deuten, die im Antlitz der malerischen und gleichfalls grausamen frühneuzeitlichen Seefahrt verdeutlicht, wie überbordende Autorität und Rigorismus eine im Grunde funktionierende Gemeinschaft physisch wie psychisch zerstört. Diese fürchtet trotz einer nachvollziehbaren Revolte um ihr Leben, da die Machtstrukturen so ausgelegt sind, dass der „kleine Mann“ kein spürbares Recht besitzt, um souverän für sein eigenes Recht einzustehen – Angst, Abschottung und Mutlosigkeit waren die Folge.

Ein episches Abenteuerdrama, das Warner Home Video 2011 in Deutschland in einer optisch und tonal hervorragenden Amaray-Fassung als Blu-ray und DVD veröffentlicht hat, die obendrein eine anständige Menge an Zusatzmaterial bereithalten.

Die bei „Die Nacht der lebenden Texte vorgestellten filmischen Adaptionen der Meuterei:

Die Bounty (USA 1984)
Meuterei auf der Bounty (USA 1962)
Meuterei auf der Bounty (USA 1935)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Lewis Milestone haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Marlon Brando, Richard Harris und Trevor Howard unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 2. September 2011 als Blu-ray und DVD

Länge: 185 Min. (Blu-ray), 178 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch, Englisch
Untertitel: Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Dänisch, Finnisch, Norwegisch, Schwedisch
Originaltitel: Mutiny on the Bounty
USA 1962
Regie: Lewis Milestone, Carol Reed
Drehbuch: Charles Lederer
Besetzung: Marlon Brando, Trevor Howard, Richard Harris, Hugh Griffith, Richard Haydn, Tarita, Percy Herbert, Duncan Lamont, Gordon Jackson, Chips Rafferty, Noel Purcell, Ashley Cowan, Eddie Byrne, Frank Silvera, Tim Seely, Keith McConnell , Rahera Tuia, Ruita Salmon, Nathalie Tehahe, Tematai Tevaearai, Odile Hinano Paofai, Teretiaiti Teyahineheipua Maifano, Virau Tepii, Maeva Maitihe, Louise Tefaafana, Tinorua Vaitahe, Adrien Vaatete Mahitete, Tufariu Tumatana Haamoeura
Zusatzmaterial: Prolog und Epilog, Dokumentation von 2006: Nach den Dreharbeiten: Die Geschichte der „H.M.S Bounty“, Eine Reise auf der „Bounty“ nach St. Petersburg, „Die Bounty“ – Hauptattraktion auf der New York Weltausstellung, Eine Tour auf der „Bounty“, US-Kinotrailer
Label/Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2019 by Lucas Knabe

 

Schlagwörter: , , , , , , , ,

Duell am Missouri – Zwei Schauspiel-Giganten im gefloppten Spätwestern

duell_am_missouri-packshot-br

The Missouri Breaks

Von Volker Schönenberger

Western // Mit seinem Gangsterdrama „Bonnie & Clyde“ setzte Arthur Penn 1967 eine der ersten Duftmarken des New Hollywood. 1958 hatte er mit „Einer muss dran glauben“ mit Paul Newman noch einen klassisch anmutenden Western gedreht, 1970 dann aber mit „Little Big Man“ mit Dustin Hoffman das Genre auf eine neue Stufe geführt. Sein Spätwestern „Duell am Missouri“ (1976) allerdings fiel bei Publikum wie Kritikern durch, obwohl er mit Jack Nicholson und Marlon Brando zwei Stars der A-Liga an Bord hatte. Ein Grund dafür mag Brandos überkandidelte Auslegung seiner Rolle gewesen sein. Der von ihm verkörperte Kopfgeldjäger Robert E. Lee Clayton trägt sonderbare Klamotten und Parfüms, spricht mit irischem Akzent, gibt exzentrische Weisheiten zum Besten und sich samt Fernglas und Lehrbuch als Vogelkundler aus. Regisseur Penn ließ Brando offenbar an der langen Leine und nach Herzenslust improvisieren. In Nebenrollen sind Randy Quaid („Das letzte Kommando“) und Harry Dean Stanton („Paris, Texas“) zu sehen.

duell_am_missouri-1

Tom Logan (r.) heckt einen Plan aus

Der reiche Rancher David Braxton (John McLiam) lässt in Montana einen Pferdedieb hängen, der zur Bande von Tom Logan (Nicholson) gehört. Die Ganoven revanchieren sich, indem sie Braxtons Vorarbeiter am selben Baum aufknüpfen, an dem ihr Kumpan starb. Gleichzeitig kauft Logan in der Nähe von Braxtons Anwesen eine kleine Farm. Sein Plan: Er will den Rancher in den Ruin treiben. Das hindert ihn allerdings nicht daran, mit Braxtons aparter Tochter Jane (Kathleen Lloyd) romantische Bande zu knüpfen. Ihr Vater hingegen heuert den Regulator Clayton (Brando) an, um mit den Gaunern kurzen Prozess zu machen. Die Eskalation der Gewalt ist damit unausweichlich.

Ein Western des New Hollywood

„Duell am Missouri“ setzt stark auf Dialoge und eine sorgfältige Ausformung der Figuren, deren Psychologie und Motive überzeugen. Ein Outlaw als Protagonist und Hauptfigur, der sogar sympathisch gezeichnet wird, auf der anderen Seite ein selbstherrlicher Rancher und ein durchgeknallter Kopfgeldjäger – diese Pole sind New Hollywood in Reinkultur. Über Brandos Interpretation seiner Rolle mag man schmunzeln, aber gerade in einem mit vielen Stereotypen arbeitenden Genre wie dem Western ist ein solch überdrehter Antagonist eine willkommene Abwechslung, auch wenn sie der zeitgenössischen Filmgemeinde gar zu überdreht gewesen war. Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger bezeichnet „Duell am Missouri“ im sehr lesenswerten Booklet-Text des Mediabooks gar als groteske Dekonstruktion eines einst aufrechten amerikanischen Genres. Das erscheint nicht zu hoch gegriffen.

duell_am_missouri-3

Zwischen Jane und Tom bahnt sich etwas an

Die Gewalt ist gar nicht mal allgegenwärtig, aber Clayton ist unerbittlich und mit seiner Sharps Rifle vom Typ Creedmoor auch auf lange Distanz zielsicher. Als Kontrast dazu hat „Duell am Missouri“ auch Humor zu bieten: Wenn Tom Logan früh im Film einen Zug ausraubt, dafür den Wagen mit der Geldkiste vom Rest abkoppelt, nicht merkt, dass er auf einer Brücke zum Stehen kommt und beim Aussteigen beinahe zu Tode stürzt, hat das sogar ein wenig Slapstick-Charakter. Der schlägt allerdings schnell um.

Die Missouri Breaks von Montana

Der Originaltitel „Missouri Breaks“ bezieht sich auf die Steilhänge des Missouri River. Diese Landschaftsformation im Hochland von Montana ist als Upper Missouri River Breaks National Monument mittlerweile ein Naturschutzgebiet. Und so hat „Missouri Breaks“ dann auch ein paar feine Landschaftsbilder vorzuweisen, die an sich jeden Westernfan zufriedenstellen müssten. Einen Status als großer Klassiker des Spätwesterns wird „Duell am Missouri“ wohl dennoch nicht mehr erlangen, aber gegenüber seiner Entstehungszeit ist der Film heutzutage rehabilitiert. Leicht macht er es dem Zuschauer nicht, ist eigenwillig, ja störrisch, nicht zuletzt dank Brando. Diese fremdartige Genre-Auslegung mag Freunden klassischer Western damals übel aufgestoßen sein, heute genießen wir sie als willkommene Abwechslung. Ein hochinteressantes Werk des 2010 im Alter von 88 Jahren gestorbenen Arthur Penn. Schön, dass es nun in Deutschland in guter Qualität auch als Blu-ray lieferbar ist, und das sogar im ansprechenden Mediabook der Reihe „FilmConfect Essentials“ inklusive eines Nachdrucks des Filmplakats.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Marlon Brando und Jack Nicholson haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 11. November 2016 als Blu-ray im Mediabook, 30. Oktober 2006 als DVD

Länge: 126 Min. (Blu-ray), 121 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Missouri Breaks
USA 1976
Regie: Arthur Penn
Drehbuch: Thomas McGuane
Besetzung: Marlon Brando, Jack Nicholson, Randy Quaid, Kathleen Lloyd, John McLiam, Frederic Forrest, Harry Dean Stanton, John P. Ryan, Steve Franken, Richard Bradford
Zusatzmaterial Blu-ray: Filmplakat, Booklet
Vertrieb Blu-ray: FilmConfect Home Entertainment
Vertrieb: DVD: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

duell_am_missouri-packshot-dvd

Fotos & Packshot Blu-ray: © 2016 FilmConfect Home Entertainment
Packshot DVD: © 2006 Twentieth Century Fox Home Entertainment

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: