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Mordanklage gegen einen Studenten – Alle sind gleich, aber manche sind gleicher

Imputazione di omicidio per uno studente

Von Ansgar Skulme

Politdrama // Bei einer studentischen Demonstration kommt es zu einem Zusammenstoß mit der Polizei, der Todesopfer auf beiden Seiten fordert. Der Student Trotti (Luigi Diberti) wird daraufhin des Mordes beschuldigt, obwohl es keine Beweise gibt. Während die Polizei wütend über das Opfer in den eigenen Reihen ist und ein schnelles Exempel zu statuieren versucht, will der wirkliche Täter Fabio Sola (Massimo Ranieri), dessen Vater (Martin Balsam) den Fall als zuständiger Richter bearbeitet, verhindern, dass sein Freund für ihn die Strafe antreten muss. Er kann sich jedoch nicht sofort stellen, wenn er gleichzeitig bewirken will, dass der Mörder des getöteten Studenten mit gleichem Maß bewertet und mit gleichem Aufwand unter den Polizisten ermittelt wird, ehe der Fall einseitig abgehandelt zu den Akten gelegt werden kann.

Das politische Kino der 70er-Jahre schaffte es in Europa vor allem in Italien und Frankreich auf ein besonders hohes und über Jahre konstantes Niveau, mit vielen guten Beiträgen. „Mordanklage gegen einen Studenten“ ist ein filmischer Höhepunkt dieser Epoche. Im Allgemeinen bisher eher wenig bekannt, selbst im Herkunftsland Italien offenbar noch nicht mit einer DVD gewürdigt worden, dafür aber in Frankreich und Spanien. Bezeichnend, dass man so gerade auf diese drei westeuropäischen Länder zu sprechen kommt, denn grundsätzlich ist zu wünschen, dass auch aktuelle Filme aus Spanien, Italien und Frankreich im deutschen Raum, vor allem im Kino, öfter gezeigt werden würden – insbesondere das Spannungs-, Thriller- und Action-Kino aus diesen Nationen ist derzeit leider stark unterschätzt, Italien und Spanien dabei noch mehr als Frankreich. Zum Zeitpunkt des Drehs von „Mordanklage gegen einen Studenten“ hatte das italienische Kino über alle Genregrenzen hinweg ein recht großes Gewicht innerhalb Europas und der Welt. Der Film hat mittlerweile allerdings schon fast 50 Jahre auf dem Buckel, was man seinen zeitlosen Themen und der zeitlosen Machart absolut nicht anmerkt.

Kinder, die wie ihre Eltern werden sollen, aber eine andere Gesellschaft wollen

Die große Stärke von „Mordanklage gegen einen Studenten“ ist, wie er es schafft, das politische Drama auf eine ungewohnt persönlich enge Ebene zu befördern und dabei ein letztlich allgegenwärtiges Thema der Menschheit – den Generationenkonflikt – mit einem großen Bemühen um faire Abwägung von Argumenten zu beleuchten. Der Film macht eindringlich den engen Zusammenhang von politischem Geschehen und sozialem, sogar familiärem Alltag transparent. Die Konstellation, dass der Täter und der Richter aus demselben Haushalt kommen, mag man zwar als drastische Überspitzung werten, sie ist aber eine solide Grundlage, um die Entfremdung innerhalb vieler Familien, die politisch bedingt sein kann oder aber zumindest politische Relevanz zu bekommen vermag, zu unterstreichen. So kommt ein argumentativer Diskurs im Film zustande, der konstant auf einer Ebene geführt werden kann, die sowohl das Privatleben als auch die Öffentlichkeit betrifft.

Man kann diesen Film daher als eine Art indirekt entstandenen Gegenentwurf zum ebenfalls in den Siebzigern zur Blüte gelangten Paranoia-Kino sehen, das im Endeffekt davon dominiert wird, dass die politischen Geschehnisse nun einmal oft undurchschaubar sind und damit einher eine gewisse Hoffnungs- und Machtlosigkeit vermittelt. „Mordanklage gegen einen Studenten“ zeigt stattdessen auf, dass der politische Alltag letztlich eben doch im Dialog der Generationen und somit meist schon am heimischen Abendbrottisch beginnt – was eine völlige Macht- und Hoffnungslosigkeit folglich keineswegs nahelegt. Zwar spielt der Film vor dem Hintergrund einer relativ starken Rechts-Links-Polarisierung im damaligen Italien, aber seine Denkansätze verweisen auf eine Ebene, die letztlich die politischen Konflikte in allen Nationen betrifft und zudem auch in der Zukunft aktuell bleiben wird.

Der Farbkasten des Polizei-Apparats

Eine kleine Schwachstelle dieses ungemein wichtigen Beitrages zum politischen Kino ist, dass die Polizisten sicherlich etwas differenzierter hätten dargestellt werden können. Allerdings ist dieser Schwachpunkt so groß nun auch wieder nicht, dass er den Film negativ aus irgendeinem Rahmen fallen lassen würde. Man wünscht sich dennoch ein wenig, die beiden ständig sogar untereinander im politischen Streit feststeckenden Ermittler aus Fernando Di Leos Gangsterthriller „Milano Kaliber 9“ (1972), in dem unter anderem Mario Adorf mitwirkte, würden auch hier auftreten. In Italien starteten beide Filme im Februar 1972; es hätte schon verdammt gut gepasst. Berühmt ist die Anekdote, dass Di Leo den Dialogen zwischen dem konservativen und dem linken Polizisten in „Milano Kaliber 9“ in der finalen Schnittfassung mehr Räume zugestand als es, aus seiner Sicht, für die Haupthandlung notwendig war, da ihm die schauspielerischen Darbietungen von Frank Wolff und Luigi Pistilli und die dabei aufgegriffenen politisch-gesellschaftlichen Streitthemen so gut gefielen. Eine derartige Gestaltung der Polizistenfiguren hätte „Mordanklage gegen einen Studenten“ um ein weiteres Level nach oben katapultiert. Frank Wolff kann man unter Mauro Bologninis Regie zumindest in „Metello“ (1970) sehen; die Hauptrolle in dieser Produktion spielte ebenfalls Massimo Ranieri – wie in „Mordanklage gegen einen Studenten“. Der 1951 geborene, damals blutjunge Ranieri war Anfang der Siebziger in insgesamt drei von Bolognini inszenierten Filmen als Protagonist zu sehen, unter denen „Metello“ gleichzeitig auch sein Filmdebüt gewesen ist.

Martin Balsam zeigt in „Mordanklage gegen einen Studenten“ einmal mehr, warum er eine Bereicherung für das italienische Kino darstellte und dort auch, wie im vorliegenden Film, mit zentralen Rollen betraut wurde, während er in Hollywood stets ein gefragter Charakterdarsteller, aber klassischer Nebendarsteller war, woran auch sein Oscar-Gewinn 1966 bedauerlicherweise nichts Elementares änderte. Balsam beherrschte es wunderbar, Rollenbildern, die ein relativ kaltherziges oder negatives Image haben, eine ungewöhnliche Menge an menschlicher Glaubhaftigkeit abzugewinnen – ohne deswegen gleich auf derartige Figuren abonniert gewesen zu sein. Das zeigt sich sowohl in „Mordanklage gegen einen Studenten“, wo er einen Repräsentanten des juristischen Systems Italiens spielt, als auch in „Im Dutzend zur Hölle“ (1973), mit seiner Verkörperung eines in die Jahre gekommenen Mafia-Paten.

Einen Vorzug des damaligen italienischen Kinos, der sich auch in „Mordanklage gegen einen Studenten“ zeigt, bilden ferner die des Öfteren sowohl narrativ als auch visuell und akustisch verschwimmenden Grenzen. Man bewegt sich in etlichen Filmen zwischen semi-dokumentarischen, politisch interessierten, gesellschafts-/sozialkritischen Aspekten, die geschickt und spannend als fesselnde Unterhaltung verpackt sind, somit zwischen Drama und gegebenenfalls Kriminal- oder Thriller-Handlung wandeln. Oft gehen auch Politik und Action erstaunlich gut im selben Film zusammen, wobei Action in „Mordanklage gegen einen Studenten“ kaum eine Rolle spielt. Ein Kino also, das vieles zu ergründen, zu durchleuchten und zu erklären versucht, aber trotzdem nicht unnötig hochtrabend philosophisch und belehrend daherkommt, vielmehr jedoch das sehr schlaue Potenzial birgt, sogar denjenigen Zuschauern hinterfragende, kritische Denkanstöße zu geben, die gar nicht allein deswegen ins Kino gehen würden.

Selten lag das Arthaus-Kino, mit manchmal sogar experimentellen visuellen und akustischen Ideen, so dicht mit dem Mainstream-Spannungskino und dem Genrekino beieinander wie im italienischen Film der 70er. Es kam unter Umständen sogar zum Zusammentreffen von Facetten, die man sicherlich „Kunstfilm-Aspekte“ nennen könnte, und typischen erzählerischen Gedankengängen des Mainstream-Kinos innerhalb der Handlung ein- und desselben Films – und das häufig mit brisanten Themen des aktuellen Zeitgeschehens kombiniert.

Der Vater von MacGyver

Erfreulicherweise wurde „Mordanklage gegen einen Studenten“ innerhalb der vergangenen Jahre noch gelegentlich in guter Bildqualität im deutschen Fernsehen gezeigt, dabei recht gut versteckt im Nachtprogramm des Ersten Deutschen Fernsehens. Wie man nun den Umstand werten will, dass ein Film dieser politischen Schlagkraft in der Bundesrepublik nie deutsch synchronisiert wurde, sondern nur in der DDR – dort aber auch schon recht bald nach dem italienischen Kinostart und nicht erst wesentlich später –, mag jeder für sich selbst einschätzen. Es war bei italienischen Filmen aus dieser Epoche – und nicht nur bei diesen – durchaus keine Seltenheit, dass sowohl in der BRD als auch von der DEFA jeweils eine eigene deutsche Synchronfassung angefertigt wurde. Irgendwelche Gründe dafür, dass der vorliegende Film demgegenüber in der Bundesrepublik geraume Zeit vergessen, missachtet oder unterschlagen wurde, muss es also gegeben haben. Das Vorhandensein einer DDR-Synchronfassung erklärt die Abwesenheit einer BRD-Synchro nicht automatisch, nur weil dieselbe Sprache gesprochen wird. Man darf das nicht insofern missverstehen, dass eine für die damalige Epoche zeitgenössische Synchronfassung aus der Bundesrepublik dahingehend wünschenswert oder nötig wäre, weil sie qualitativ oder schauspielerisch mutmaßlich eine Steigerung bedeuten würde. Handwerklich ist die DDR-Synchronfassung hervorragend und eine weitere Fassung so gesehen nicht nötig. Aber das Fehlen einer BRD-Synchronfassung weist bedauerlicherweise nach, dass der Film dem westdeutschen Publikum geraume Zeit nicht vorgeführt wurde. Erst 1986 kam es zu einer BRD-Videopremiere unter dem irreführend reißerischen Titel „Italian Streetfighters“, die kurioserweise aber auch die DEFA-Tonfassung beinhaltet. Martin Balsam hat in der deutschen Fassung die Stimme von Norbert Christian – Vater des späteren „MacGyver“-Sprechers Michael Christian –, der so ausgezeichnet passt, dass ich ihn sogar auf Augenhöhe mit meinem bisher favorisierten Balsam-Sprecher Gerhard Geisler („Psycho“, „Im Dutzend zur Hölle“) ansiedeln würde. Man muss allerdings fairerweise anmerken, dass sich für Martin Balsam verhältnismäßig viele durchaus gut funktionierende deutschsprachige Varianten finden.

Es bleibt zu hoffen, dass „Mordanklage gegen einen Studenten“ bald auf DVD oder Blu-ray einem breitgefächerten deutschen Publikum zugänglich gemacht werden wird. Ein kluger Film, den man unbedingt gesehen haben sollte. Das notwendige Ausgangsmaterial hinsichtlich Bild und Ton ist augenscheinlich bereits vorhanden und sogar für das deutsche Fernsehen schon wiederentdeckt worden – obwohl dieses das italienische Zeitgeschehen der 70er beleuchtende Drama- und Thriller-Kino im deutschen Fernsehen im Allgemeinen leider recht wenig präsent ist (teils vermutlich durch FSK-18-Freigaben bedingt). Man muss also eigentlich nur noch zugreifen – und das sei jedem Label und Zuschauer wärmstens ans Herz gelegt. Die Tatsache, dass „Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen“ (1973) den Sprung aus dem ARD-Blickfeld auf Blu-ray und DVD beim Label Camera Obscura bereits geschafft hat, als ein ebenfalls im Nachtprogramm des „Ersten“ vor Jahren mit DDR-Synchro ausgestrahlter italienischer Film aus demselben Zeitfenster und mit vergleichbarem politik-, sozial- und gesellschaftskritischem Anstrich, macht immerhin Mut.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Martin Balsam haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (Frankreich): 5. September 2018 und 1. Juli 2009 als DVD

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Imputazione di omicidio per uno studente
Deutscher Alternativtitel: Italian Streetfighters
Internationaler Titel: Chronicle of a Homicide
IT 1972
Regie: Mauro Bolognini
Drehbuch: Ugo Pirro, Ugo Liberatore
Besetzung: Massimo Ranieri, Martin Balsam, Valentina Cortese, Turi Ferro, Pino Colizzi, Salvo Randone, Luigi Diberti, Petra Pauly, Mariano Rigillo, Carlo Valli
Verleih: Documento Film / Compass Film

Copyright 2020 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Der Pazifikkrieg (I): Tora! Tora! Tora! Die Erweckung des schlafenden Riesen

Tora! Tora! Tora!

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Kuriosum bei den Regiepersonalien: Am Ende des Vorspanns der internationalen Kinofassung von „Tora! Tora! Tora!“ wird Richard Fleischer mit dem Vermerk „Directed by“ als Hauptregisseur genannt, eine Einblendung zuvor sind seine beiden Kollegen Toshio Masuda und Kinji Fukasaku mit der Bemerkung „Japanese Sequences Directed by“ etwas in die zweite Reihe gerückt worden; in der japanischen Fassung hingegen ist es genau umgekehrt: Auf „American Sequences Directed by Richard Fleischer“ folgt „Directed by Toshio Masuda [and] Kinji Fukasaku“. Ohne mit der Stoppuhr die japanischen und US-Sequenzen gegeneinander abzuwägen, belassen wir es doch einfach dabei, die drei Herren als gleichberechtigte Regisseure zu betrachten. Bemerkenswert genug, dass ein solches Projekt ein knappes Vierteljahrhundert nach den von japanischer wie amerikanischer Seite gleichermaßen erbittert geführten Schlachten, Kämpfen und Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs von Produktionsfirmen beider Nationen umgesetzt worden ist. Noch kurioser mutet eine Anekdote bezüglich der Regiestühle an, die ich in den Trivia der Internet Movie Database fand: Demnach war kein Geringerer als Akira Kurosawa („Die sieben Samurai“) als Regisseur der japanischen Sequenzen vorgesehen. Der war dazu bereit, weil man ihm weisgemacht hatte, bei den amerikanischen Szenen werde David Lean („Lawrence von Arabien“) auf dem Regiestuhl sitzen – Lean war allerdings zu keinem Zeitpunkt in das Projekt involviert. Als Kurosawa das herausfand, war es das mit seiner Beteiligung.

Die Kaiserlichen Streitkräfte sind gerüstet

Der als Angriff auf Pearl Harbor in die Geschichtsbücher eingegangene Überfall der Kaiserlich Japanischen Marineluftstreitkräfte auf die Pazifikflotte der USA am 7. Dezember 1941 stellt eines der prägenden und richtungsweisenden Ereignisse des Zweiten Weltkriegs dar. Zuvor galten die später Pazifikkrieg genannten Konflikte im Pazifischen Ozean noch nicht als Teil der globalen militärischen Auseinandersetzungen, man spricht vom Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg, der bereits am 7. Juli 1937 mit der japanischen Invasion Chinas begonnen hatte. Pearl Harbor machte die USA zur Kriegspartei, der flugs – am 11. Dezember 1941 – auch das Deutsche Reich und Italien als Verbündete Japans den Krieg erklärten.

Japans Botschafter schindet in Washington Zeit

Zu Beginn lernen wir Lieutenant Commander Fuchida Mitsuo (Takahiro Tamura) kennen, der den Angriff auf Pearl Harbor führen wird. Von seinem neuen Oberbefehlshaber Vize-Admiral Isoroku Yamamoto (Sô Yamamura) scheint er nicht viel zu halten. Im fernen Berlin wird am 27. September 1940 zwischen dem Deutschen Reich, Italien und Japan der sogenannte Dreimächtepakt abgeschlossen, der die drei Staaten fortan zu Bündnisgenossen macht – den „Achsenmächten“. In Washington DC schindet der japanische Botschafter Kichisaburo Nomura (Shôgo Shimada) gegenüber US-Außenminister Cordell Hull (George Macready) und Kriegsminister Henry L. Stimson (Joseph Cotten) Zeit. Und im Pazifik trainieren die Piloten japanischer Kampfflugzeuge mit Torpedo-Ladung, ihre tödliche Fracht zielgenau abzuwerfen. Insgesamt mehr als 300 Jäger, Sturzkampfbomber und Torpedobomber sollen den Schlag gegen Pearl Harbor in zwei Wellen ausführen.

Erfolg in Japan, Misserfolg in den USA

1970 war der Vietnamkrieg in vollem Gange, was ein Grund dafür gewesen sein mag, dass „Tora! Tora! Tora!“ an den US-Kinokassen floppte. In Japan hingegen lief das Kriegsdrama erfolgreich. Vielleicht war es auch die vergleichsweise konventionelle Machart des Films zu einem Zeitpunkt, als „New Hollywood“ bereits mächtig frischen Wind durch die Traumfabrik wehen ließ, ein wenig für den Misserfolg verantwortlich. „Tora! Tora! Tora!“ atmet jedenfalls klassische Erzählstrukturen, Bilder und Heldenporträts aus jeder Pore. Die Vielzahl der Figuren und der Wechsel der Schauplätze der Szenen inklusive Freund und Feind erinnerte mich stark an das Invasionsdrama „Der längste Tag“ („The Longest Day“). Vor allem die ausgiebige Einführung der Figuren und die langen beidseitigen Vorbereitungen auf den in der Rückschau unausweichlichen Ausbruch der feindseligen Auseinandersetzungen liefern einige Parallelen zu dem ebenso monumentalen Kriegs-Epos von 1962.

Soundtrack von Jerry Goldsmith

Diese Einleitung endet nach 83 Minuten, eine zweiminütige orchestrale „Intermission“ ohne Bilder unterbricht die Handlung, bevor für eine gute Stunde der Angriff auf Pearl Harbor breiten Raum einnimmt. Für dieses musikalische Intermezzo wie für den gesamten, stets passenden Score zeichnet der für einige Jahrzehnte gut beschäftigte Jerry Goldsmith verantwortlich, 18-fach Oscar-nominiert, aber nur einmal prämiert: 1977 für seinen Soundtrack für den okkulten Horrorschocker „Das Omen“.

Zur Entstehung des Filmtitels „Tora! Tora! Tora!“: Lieutenant Commander Fuchida ließ seinen Funker übrigens als Signal für den Überraschungsangriff to ra to ra to ra senden, wobei to für „totsugeki“ (Angreifen) und ra für „raigeki“ (Torpedos) steht. Amerikanische Funker verstanden jedoch tora (Tiger).

Überraschung während der Flugstunde

Unmittelbar vor den ersten Attacken der japanischen Flugzeuge lockert ein ungewöhnliches Aufeinandertreffen in der Luft die große Spannung kurzzeitig auf: In einem quietschgelben Doppeldecker-Zivilflugzeug gibt eine Fluglehrerin einem Schüler gerade eine Übungsstunde, als plötzlich zahlreiche japanische Kampfflugzeuge über und neben den beiden den Himmel säumen – man könnte einander zuwinken. Die Lehrerin zieht es vor, das Weite zu suchen. Eine solche Szene soll es während des japanischen Angriffs tatsächlich gegeben haben.

Japanische Bomber auf dem Weg zum Ziel

In Pearl Harbor ahnen die Soldaten an diesem sonnigen Morgen nichts Böses. Zwei Kadetten wollen auf einem U-Boot gerade das Sternenbanner hissen und können sich vor den ersten Salven mit Müh und Not ins Wasser retten. Auf einem Schlachtschiff spielt ein Orchester die Nationalhymne, als das Inferno losbricht. Der moderne Kriegsfilm mag sich seit Beginn der 1970er-Jahre entwickelt haben, das ändert aber nichts daran, dass die Actionszenen in „Tora! Tora! Tora!“ auch heute noch angetan sind, schweißnasse Hände zu verursachen. Die Kombination aus Luftaufnahmen und Bildern der attackierten Schiffe im Wasser beeindruckt ungemein.

Martin Balsam und Jason Robards als US-Offiziere

Unter der illustren Besetzung finden sich Martin Balsam als Admiral Husband E. Kimmel, seinerzeit Oberbefehlshaber der US-Pazifikflotte, und Jason Robards als General Walter C. Short, Befehlshaber der amerikanischen Armeestreitkräfte auf Hawaii. Obwohl auch politische Entscheidungsträger auftreten, vermeidet das Kriegsdrama jedwede Schuldzuweisung. Ansonsten wäre es bei der Produktion des Films womöglich auch nicht zur japanisch-amerikanischen Kooperation gekommen. Die militärischen Befehlshaber auf japanischer Seite folgen Befehlen von oben und schwören ihre Untergebenen auf das große Ziel ein. Sie sind fester Überzeugung, ebenso im Dienst der großen – richtigen – Sache zu stehen wie ihre Pendants auf der Gegenseite, die immerhin lediglich defensiv agieren und sich auf den japanischen Schlag vorbereiten.

„Tora! Tora! Tora!“ stellt zweifellos die Referenz dar, was Verfilmungen des Angriffs auf Pearl Harbor angeht. Fred Zinnemanns „Verdammt in alle Ewigkeit“ (1953) mit Burt Lancaster, Montgomery Clift, Frank Sinatra, Ernest Borgnine, Deborah Kerr und Donna Reed ist zwar herausragend, der japanische Überfall steht darin aber nicht im Fokus. Michael Bays „Pearl Harbor“ (2001) mit Ben Affleck, Josh Hartnett und Kate Beckinsale mag modernen Sehgewohnheiten stärker entgegenkommen, ist insgesamt aber nicht groß der Rede wert.

Japanische Fassung etwa vier Minuten länger

Die Japan-Fassung von „Tora! Tora! Tora!“ fällt knapp vier Minuten länger aus als die internationale Kinofassung. Sie enthält zwei zusätzliche Szenen, die dem Geschehen auf japanischer Seite minimal mehr inhaltliche Tiefe geben. Die Unterschiede können im Schnittbericht nachgelesen werden. Die deutsche Blu-ray beeindruckt mit sehr guter Bildqualität, beiden Schnittfassungen und massig Bonusmaterial. Die zusätzlichen Szenen der japanischen Fassung sind nicht synchronisiert, dafür mit Untertiteln unterlegt worden.

Die Amerikaner werden überrascht …

Laut einer 1994 am USS Arizona Memorial vorgenommenen Umfrage stellt „Tora! Tora! Tora!“ für Amerikaner die geläufigste Quelle ihrer Kenntnisse über den Angriff auf Pearl Harbor dar (for Americans the film was the most common source of popular knowledge about the Pearl Harbor attack).

Kritik am Krieg – Fehlanzeige

Wer epischem Kriegskino zum Zweiten Weltkrieg etwas abgewinnen kann, sollte sich dieses handwerklich herausragende, aufwendig inszenierte Werk auf jeden Fall einmal angeschaut haben. Einen kritischen Kommentar zum Wesen des Kriegs darf sich aber niemand erhoffen, hier geht es einzig um die Nachstellung eines gravierenden militärischen Akts von höchster kriegshistorischer Bedeutung. Diesen Anspruch erfüllt „Tora! Tora! Tora!“ auf formidable Weise. Ob jedes militärische Gerät authentisch und nicht etwa anachronistisch gezeigt wird, entzieht sich meinem Urteilsvermögen, erscheint auch nicht sonderlich relevant, sofern dem Laien keine gravierenden Fehler auffallen. Der renommierte Filmkritiker Roger Ebert mochte das Werk zwar überhaupt nicht, bezeichnete es als one of the deadest, dullest blockbusters ever made. Dem kann ich mich aber nicht anschließen. Wir haben es mit Hochglanz-Kriegskino in technischer Perfektion zu tun, der Oscar für die besten visuellen Spezialeffekte 1971 geht für das Spektakel völlig in Ordnung.

Fast 2.500 Tote

Auf Seiten der US Army starben beim Angriff auf Pearl Harbor mehr als 2.400 Mann. Zwölf Schiffe wurden versenkt oder strandeten, 164 Flugzeuge wurden zerstört. Die Japaner hatten den Tod von 65 Piloten oder U-Boot-Besatzungsmitgliedern zu beklagen. I fear all we have done is to awaken a sleeping giant and fill him with a terrible resolve. (Es ist, als ob wir einen schlafenden Riesen aufgeweckt und den Willen in ihm entfacht haben, mit allen Kräften zu kämpfen.) So spricht’s der japanische Oberbefehlshaber Yamamoto am Ende von „Tora! Tora! Tora!“. Diese bedeutungsschwangeren Worte sind allerdings nicht wörtlich verbürgt, gleichwohl prophetisch.

Die Hoheit über den Pazifik währte nicht lange

Der Erfolg der Kaiserlich Japanischen Marineluftstreitkräfte in Pearl Harbor war in der Tat trügerisch. Zwar gewann die japanische Flotte dadurch für eine Weile die militärische Hoheit im Pazifik, diese Überlegenheit endete jedoch bereits nach sechs Monaten im Juni 1942 mit der Schlacht um Midway. Aber das ist eine andere Geschichte, die 1976 mit „Schlacht um Midway“ und 2019 mit „Midway – Für die Freiheit“ fürs Kino erzählt worden ist.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Richard Fleischer haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Martin Balsam, Joseph Cotten und Jason Robards unter Schauspieler.

… und sterben wie die Fliegen

Veröffentlichung: 20. November 2009 als Blu-ray, 23. Mai 2005 als DVD

Länge: 149 Min. (Blu-ray, japanische Fassung), 145 Min. (Blu-ray, Kinofassung), 139 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch/Japanisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Tora! Tora! Tora!
JAP/USA 1970
Regie: Richard Fleischer, Kinji Fukasaku, Toshio Masuda
Drehbuch: Larry Forrester, Hideo Oguni, Ryûzô Kikushima sowie ohne Credits Akira Kurosawa, nach Vorlagen von Gordon W. Prange und Ladislas Farago
Besetzung: Martin Balsam, Sô Yamamura, Jason Robards, Joseph Cotten, Tatsuya Mihashi, E. G. Marshall, Takahiro Tamura, James Whitmore, Eijirô Tôno, Wesley Addy, Shôgo Shimada, Frank Aletter, Koreya Senda, Leon Ames, Shôgo Shimada, George Macready
Zusatzmaterial Blu-ray: Audiokommentar von Regisseur Richard Fleischer, Audiokommentar von Stuart Galbraithiv, Dokumentarfilm: „Der Tag der Schande“, „Geschichte durch die Kamera: Ein Riese erwacht“, „AMC Backstory: Tora! Tora! Tora!“, 2 Bildergalerien, Fox Movietonews, Original Kinotrailer
Label/Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2009 Twentieth Century Fox Home Entertainment

 

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Zum 100. Geburtstag von Martin Balsam: Im Dutzend zur Hölle – Man bleibt in der Familie

Il consigliori

Von Ansgar Skulme

Thriller // Don Antonio (Martin Balsam) hat seine Mafia-Familie in San Francisco gut im Griff – bis eines Tages sein Ziehsohn Thomas (Tomas Milian) aus dem Gefängnis kommt. Dem Don vergeht das erleichterte Lächeln schnell, als der geläuterte Thomas ihn informiert, den Clan verlassen zu wollen. Jedoch hadert Antonio nicht mit sich, weil er nun auf Rache sinnt, sondern weil er väterliche Gefühle für den Abtrünnigen hat und somit vor einem großen inneren Konflikt steht. Die Familie zu verlassen, ist ein Tabu – ganz besonders, wenn man so viel über die anderen Mitglieder weiß wie der versierte junge Anwalt Thomas. Schon bald versucht sich der ambitionierte Garofalo (Francisco Rabal) daran, den Don, nach langen Jahren an der Macht, über diesen Verrat am Ehrenkodex stolpern zu lassen.

Unter den zahlreichen italienischen Thrillern der 70er-Jahre mit Mafia-Bezug zählt „Im Dutzend zur Hölle“ zu einer überschaubaren Gruppe an Filmen, die mit US-amerikanischen Schauplätzen aufwartet und zudem zu einem wesentlichen Teil in den Vereinigten Staaten gedreht wurde. Eine auf US-Boden angesiedelte Italo-Produktion – zwar nicht komplett, aber weitreichend vor Ort realisiert – war für den Regisseur Alberto De Martino allerdings kein Neuland, wie man eindrucksvoll an einem seiner besten Filme, „Exzess – Mord im schwarzen Cadillac“ (1969), sehen kann.

Balsam für die unter Wert verkaufte Nebendarsteller-Seele

Für die Hauptrolle konnte Martin Balsam gewonnen werden, der nach einem langjährigen Nebendarsteller-Dasein in Hollywood – seit Ende der 40er –, Anfang der 70er in italienischen Produktionen die Chance für sich entdeckte, vermehrt größere Filmrollen zu spielen. Er war nicht der einzige US-Schauspieler, der in den 60ern und 70ern in Richtung des florierenden italienischen Kino-Marktes abwanderte. Zu unterscheiden ist dahingehend zwischen Schauspielern, die schon in Hollywood diverse Hauptrollen für ihr Konto gesammelt hatten – wie beispielsweise Joseph Cotten –, und denen, die, wie Martin Balsam, erst in Italien zu Hauptdarsteller-Starruhm gelangten, nachdem Hollywood für sie bis dato so gut wie nur Nebendarsteller-Parts übriggehabt hatte. Für die zweite Kategorie dürfte vor allem Lee Van Cleef als populärstes Beispiel durchgehen.

Selbst sein Nebenrollen-Oscar für „Tausend Clowns“ (1965) hatte Balsam in Hollywood offenbar nicht für große Hauptrollen interessant gemacht. Am 4. November 2019 wäre er 100 Jahre alt geworden. Seine Verbundenheit zu Italien und der dortigen Filmindustrie hielt geraume Zeit über den Höhepunkt des Italo-Kinos hinaus. Martin Balsam starb am 13. Februar 1996 in Rom, und war auch noch in den 90ern in italienischen TV- und Kino-Produktionen zu sehen. Wie schon zwei Jahrzehnte früher abwechselnd mit Beteiligungen an US-amerikanischen Projekten. In den 70ern richtete er seine Karriere klug nach den Möglichkeiten aus, die ihm der italienische und der US-Markt boten und kam auf diese Weise parallel zu guten Hauptrollen in durchaus anspruchsvollen, zumindest aber solide unterhaltenden, nicht selten auch politisch ambitionierten Thrillern in Italien, wie aber auch Nebenrollen in namhaften US-Serien und -Filmen. Man denke nur an „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ (1974) oder „Die Unbestechlichen“ (1976). Schon in den 50ern und 60ern hatte Balsam in Hollywood in diversen sehr berühmten Filmen mitgewirkt – allen voran „Die 12 Geschworenen“ (1957), „Psycho“ (1960) und „Ein Köder für die Bestie“ (1962). Im italienischen Film der 70er wurde er meist als Polizei-Kommissar, vereinzelt auch Anwalt oder Richter besetzt – insofern ist seine Figur in „Im Dutzend zur Hölle“ für seine italienische Phase eher ungewöhnlich.

Der Pate ohne künstliche Maske

Martin Balsams Performance in „Im Dutzend zur Hölle“ war, mitsamt des bei ihm nicht üblichen zarten Oberlippen-Bärtchens, sicherlich eine unmittelbare filmische Reaktion auf „Der Pate“ (1972), ist jedoch eigentlich mehr als das, da Balsam seinem Paten ein durchaus großes Bröckchen Menschlichkeit und väterliche, ja fast schon großväterliche Wärme abgewinnt. Zudem hat es seine Vorzüge, dass er – im Gegensatz zu Marlon Brando – nicht darauf angewiesen war, mit einem Eimer Make-up im Gesicht aufzutreten. Es ist fast schon schade, dass der Film sich mit zunehmender Dauer recht stark auf Action-Elemente verlegt und nicht noch mehr aus dem schauspielerischen Potenzial der Besetzung und der spannenden Figuren-Konstellation – angefangen bei den drei Hauptrollen, die Balsam, Tomas Milian und Francisco Rabal verkörpern – herauskitzelt. Dass Dagmar Lassander am Ende nicht darüber hinauskommt, schmückendes, wenn auch angenehm natürlich wirkendes Beiwerk zu sein und die im damaligen Italo-Kino durchaus namhaften Eduardo Fajardo („Django“) und George Rigaud („Das Geheimnis der blutigen Lilie“) nur in kleinen Rollen zu sehen sind, ist schade und auch irgendwie unnötig. So richtig gänzlich lässt sich die These, Alberto De Martino habe sich vorzugsweise auf die Beziehungen der Figuren in seinen Filmen konzentriert, was teilweise zu Lasten der Spannung gehe, mit „Im Dutzend zur Hölle“ nicht bestätigen, da es dafür ab einem gewissen Punkt einfach zu viele Geschosse hagelt, wenngleich zunächst viele zwischenmenschliche Weichen gestellt werden. Das tragische, sanftmütige Ende entschädigt aber letztlich auch diejenigen, denen ein bisschen weniger Geballer lieber gewesen wäre.

An sich gibt es schon allein verdammt viel her, neben dem sympathischen Balsam in einer nicht liebenswürdigen, aber doch Verständnis erobernden Rolle den Vollblut-Schauspieler Tomas Milian, der stets Wert auf politisch anspruchsvolle Filme in seinem Portfolio legte, mal ausgesprochen ruhig und introvertiert zu erleben. Ausgerechnet Milian, der das italienische Kino in den 60ern vor allem mit energiegeladenen, lauten Auftritten gestürmt hatte, insbesondere als überkandidelter Mexikaner im Italowestern. Wem der ruhige Milian gefällt, der sollte auch einen Blick auf „Der Todesengel“ (1971) werfen – ein interessantes Remake zu Alfred Hitchcocks „Der Fremde im Zug“ (1951), mit schönen neuen Ideen, einem überraschenden Ende und Milian in der Farley-Granger-Rolle.

Was wäre der Filmwelt für ein riesiges Talent entgangen, hätten die Italiener in den 60ern nicht in einer für den Tonfilm bis dato beispiellosen Form ihre Tore geöffnet und Schauspielern aus aller Welt – auch aus Ländern, die keine international relevante Filmindustrie besaßen – bunt gemischt eine Plattform im Kino gegeben. Dadurch wurde es Menschen wie dem in Kuba geborenen Milian überhaupt erst möglich, zu einem internationalen Star zu werden. Eine solch bunte, erfolgreiche Mischung an Akteuren aus aller Herren Länder hatte es im Grunde schon seit Stummfilmzeiten in keiner Kinoindustrie mehr gegeben. Eine umstrittene, aber mehr oder minder unumgängliche Folge war, dass man sich praktisch grundsätzlich entschied, auf Live-Ton vom Set in den Filmen zu verzichten, die Schauspieler teilweise beim Dreh sogar unterschiedliche Sprachen sprechen zu lassen und demzufolge ausgiebig – auch die italienischen Fassungen – zu synchronisieren. Bedauerlich ist, dass man allerdings noch nicht einmal bei den englischen Muttersprachlern eine gewisse Konsequenz dahingehend erreichte, dass diese sich wenigstens in den englischen Synchronfassungen selbst sprachen, obwohl diese Synchronfassungen auch direkt in Rom angefertigt werden konnten. Das mag aufgrund der Vielzahl an kleinen Produktionen, mit denen der Markt seinerzeit aus Italien überschwemmt wurde, aber auch oft an der Verfügbarkeit der Schauspieler und engen Zeitplänen bis zum Kinostart gescheitert sein.

Die Synchro: Ein Gedicht

Auf der 2015 vom Label filmArt herausgebrachten deutschen DVD ist der Film in ordentlicher Bildqualität und mit der deutschen sowie auch der englischen Synchronfassung enthalten. Dazu gibt es ein Booklet mit Texten zum Film und zum Regisseur, eine kleine Bildergalerie und eine sehenswerte Trailershow zu anderen Raritäten aus derselben filmArt-Italo-Edition. Ein Dutzend Euros reicht für den Erwerb derartiger Liebhaber-Veröffentlichungen zwar nicht, aber das ist als Beteiligung am digitalen Erschließen des italienischen Kinos der 60er & 70er auch angemessen, da sich hier ohne ambitioniertes Hervorpreschen der Labels, inklusive des mühevollen Auftreibens tauglicher Kopien, kein Rad drehen würde.

Die deutsche Synchronfassung überrascht mit der Reaktivierung von Gerhard Geisler nach über zehn Jahren, der Martin Balsam zuvor einzig in „Psycho“ gesprochen hatte und auch danach, bis zu seinem Tod im Jahr 1977, nicht mehr synchronisierte. Diese Besetzung ist eine der passendsten, die Martin Balsam in all den Jahren vergönnt gewesen ist – und ein gutes Beispiel für eine nahezu, wenn nicht gänzlich ideale Sprecherwahl bei einem durch Hauptrollen bekannt gewordenen Schauspieler, die allerdings leider selten zum Einsatz gekommen ist. Gerhard Geisler ist aus heutiger Sicht vor allem als Stimme von Anthony Quinn geläufig, bei dem er ab 1959 als Nachfolger seines bisherigen, seinerzeit überraschend verstorbenen Stammsprechers Wolf Martini etabliert wurde. Die weiteren Rollen veredeln die in München entstandene deutsche Fassung von „Im Dutzend zur Hölle“ zu einem wirklichen Genuss für Fans des Genres und Fans von klassischen Synchros: Zu hören gibt es Christian Wolff („Forsthaus Falkenau“) für Tomas Milian, der schon seit den frühen 60ern nicht nur vor der Kamera, sondern auch im Synchron rege aktiv war – beispielsweise als Stimme von Pierre Brice im ersten Teil der „Winnetou“-Trilogie und in „Old Shatterhand“ (1964) – und der ausgesprochen gut zur ruhigen Tomas-Milian-Variante passt. Daneben „Mr. Spock“ Herbert Weicker für Francisco Rabal; der kernige Klaus W. Krause als Stimme von Carlo Tamberlani, der einen in die Jahre gekommenen Mafiosi spielt; der nicht minder prägnante Leo Bardischewski als deutschsprachige Variante von John Anderson, eines weiteren Hollywood-Gastes in diesem Film; und Manfred Andrae, der für Eduardo Fajardo ähnlich ungewöhnlich, aber interessant besetzt ist wie Christian Wolff für Tomas Milian.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Martin Balsam haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt. Ein lesenswerter Text zu „Im Dutzend zur Hölle“ findet sich auch im Filmforum Bremen.

Veröffentlichung: 23. September 2015 als DVD

Länge: 98 Min.
Altersfreigabe: DVD ungeprüft; Film FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine (Deutsch in einer kurzen Passage, die mit italienischem Ton enthalten ist)
Originaltitel: Il consigliori
IT/SP/USA 1973
Regie: Alberto De Martino
Drehbuch: Adriano Bolzoni, Vincenzo Mannino, Leonardo Martín, Alberto De Martino
Besetzung: Martin Balsam, Tomas Milian, Francisco Rabal, Dagmar Lassander, Carlo Tamberlani, John Anderson, Jackson D. Kane, Eduardo Fajardo, George Rigaud, Franco Angrisano
Zusatzmaterial: Booklet, Bildergalerie, Trailershow zu anderen filmArt-Italo-Veröffentlichungen
Label: filmArt
Vertrieb: Media Target Distribution GmbH

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