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Silence – Das Schweigen Gottes

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Silence

Kinostart: 2. März 2017

Von Andreas Eckenfels

These people are the most devoted of God’s creatures on earth. Father Valignano, I confess, I began to wonder. God sends us trials to test us, and everything He does is good. And I prayed to undergo trials, like his Son. But why must their trial be so terrible? And why, when I look in my own heart, do the answers I give them seem so weak? (Sebastião Rodrigues)

Religionsdrama // Nach einer Sondervorführung seines Skandalfilms „Die letzte Versuchung Christi“ in New York überreichte Erzbischof Paul Moore Martin Scorsese 1988 ein Exemplar des historischen Romans „Schweigen“ des japanischen Autors Shūsaku Endō (1923–1996). Das Werk hinterließ einen tiefen Eindruck beim Meisterregisseur: Das Thema, das Endō hier behandelt, ist in meinem Leben seit meiner frühesten Jugend präsent. Ich wurde in einer streng katholischen Familie groß und beschäftigte mich stark mit Religion. Die Spiritualität des römischen Katholizismus, in die ich als Kind eintauchte, ist das Fundament meines Lebens, und diese Spiritualität hing mit dem Glauben zusammen. Scorseses vorige Versuche, den Stoff zu verfilmen, scheiterten meist an der Finanzierung. Erst mehr als 25 Jahre nachdem der Regisseur den Roman erstmals in den Händen hielt, sollte er die Adaption endlich realisieren.

Verschollen in Japan

Im Jahr 1638 brechen Pater Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) und Pater Francisco Garpe (Adam Driver) von Portugal nach Japan auf. Dort wollen die beiden Jesuiten nach ihrem verschollenen Lehrer und Mentor Christovão Ferreira (Liam Neeson) suchen, der als christlicher Missionar nach Fernost reiste und dort seinem Glauben abgeschworen haben soll. Vom Christentum sei er zum Buddhismus übergetreten und habe eine Japanerin geheiratet.

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Die jungen Pastoren Sebastião Rodrigues (r.) und Francisco Garpe suchen in Japan nach ihrem Mentor Ferreira

Doch in Japan dürfen die jungen Pastoren keinen warmen Empfang erwarten. Es ist die Zeit der Shimabara-Aufstände. Christen werden von den Machthabern gnadenlos verfolgt, gefoltert und getötet, da die zunächst geduldete fremde Religion zunehmend als Gefahr für die Shōguns angesehen wird. Schon der Besitz eines Kruzifixes kann den Tod bedeuten. Der christliche Glauben ist besonders beim einfachen Volk verbreitet. So werden Rodrigues und Garpe von Bauern versteckt gehalten, die als Kakure Kirishitan ihren Glauben im Verborgenen ausüben müssen. Ständig in Gefahr entdeckt zu werden, machen sich die Jesuiten auf die Spurensuche nach ihrem einstigen Lehrmeister.

Quälende Fragen, brutale Folter

Der später im Verlauf der Handlung in Gefangenschaft geratene Rodrigues, aus dessen Perspektive ein Großteil des Films erzählt wird, setzt sich mit tiefgreifenden Glaubensfragen auseinander. Die quälendste Frage dabei: Warum schweigt Gott zu diesen Zuständen und diesem Leid? So eine Brutalität, mit der die japanischen Machthaber gegen die Christen vorgehen, hat der junge Pastor noch nicht erlebt. Und Scorsese spart dabei nicht mit grausamen Details: Menschen werden an Kreuze gehängt, ihre nackten Körper mit heißem Wasser übergossen oder sie werden kopfüber in eine Grube gesteckt. Wenn sie nach all den Qualen nicht dem Christentum entsagen, werden auch ihre Angehörigen bei lebendigem Leibe verbrannt. Das ist schwer zu ertragen. Dennoch muss man Scorsese zugutehalten, dass er diese Szenen nicht bis zur letzten Konsequenz ausschlachtet. Er dokumentiert lediglich die Zustände dieser Zeit. Auch die Japaner werden nicht als Monster gezeichnet; Scorsese betrachtet ihre Taten und Gründe stets so objektiv, wie ihm das möglich ist.

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Verboten: Rodrigues und Garpe halten für christliche Bauern eine geheime Messe ab

Um den Grausamkeiten zu entgehen, genügt ein Schritt, der sich für Nichtgläubige einfach anhört, für gläubige Christen aber die eigentliche Folter darstellt, weil sie damit eines ihrer heiligsten Sakrilege begehen: Wenn sie den nackten Fuß auf ein Abbild von Jesus Christus stellen, entsagen sie damit ihrer Religion und dürfen auf Begnadigung hoffen. Erst, wenn Rodrigues nach etwa zweistündiger Laufzeit endlich auf Ferreira trifft, kann der Jesuit auf mögliche Antworten auf seine drängendsten Fragen hoffen.

Reale Vorbilder

Schon die Romanvorlage, die in Japan zum Besteller avancierte, basierte auf der wahren Geschichte von Cristóvão Ferreira (1580–1650), der seinen Glauben ablegte. Auch die Figur Sebastião Rodrigues ist angelehnt an einen italienischen Jesuiten: Giuseppe Chiara (1602–1685), der als Missionar in Japan tätig war. Wie von Scorsese gewohnt, packt er sein mediatives Glaubensdrama und den spannenden historischen Kontext in mächtige Bilder, für die Kameramann Rodrigo Prieto eine Oscar-Nominierung erhielt. Das karge Leben der einheimischen Christen, die die Pastoren begeistert aufnehmen, ist beeindruckend eingefangen. Endlich, nachdem sie so viel Leid erfahren haben, können sie wieder Predigten lauschen und ihre Sünden beichten – auch, wenn dies nur im Verborgenen stattfinden darf. Muss man also mächtige Kirchen bauen, wenn der ganze Glaube sich vornehmlich im eigenen Geist abspielt?

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Rodrigues (l.) nimmt Kichijiro die Beichte ab

Für die rauhen Naturaufnahmen wurde als Drehort allerdings nicht Japan gewählt, sondern Taiwan. Passend zum Titel entschied man sich für einen ruhigen Soundtrack, der sich häufig auf die Umweltgeräusche beschränkt.

Harte Geduldsprobe

Nach einer hervorragenden ersten Hälfte stellt Scorsese die Geduld der Zuschauer zunehmend auf die Probe. Besonders Nichtgläubige könnten Rodrigues‘ spirituellen Überlebenskampf, seine Zweifel an sich selbst und an Gottes Existenz als zu ausufernd und Garfields mit sanfter Stimme vorgetragene Voice-overs als zunehmend ermüdend empfinden. Die Motive wiederholen sich: Während draußen Christen zu Tode gefoltert werden, sitzt der Jesuit grübelnd mit seinen Gedanken und Gebeten beschäftigt in seinem Gefängnis. Rodrigues selbst könnte das sinnlose Töten verhindern, wenn er nur seinen Fuß auf das Heiligenbild stellt. Ist er also ein Egoist, weil er nichts dagegen tut, oder ist dies seine Prüfung, die ihm von Gott auferlegt wurde? Der eigene Glaubenskampf und die Suche nach religiöser Wahrheit sind zwar die zentralen Punkte der Geschichte, aber eine etwas kürzere Laufzeit hätte „Silence“ dennoch gutgetan. Hier hat sich Scorsese wohl etwas zu sehr in die Leidenschaft zum Ausgangsmaterial und den eigenen Überlegungen über seinen Glauben verrannt.

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In Gefangenschaft zweifelt Rodrigues zunehmend an seinem eigenen Glauben

Auf seine Darsteller kann sich Scorsese verlassen. Nach seinem Oscar-nominerten Auftritt in „Hacksaw Ridge – Die Entscheidung“ spielt Andrew Garfield erneut einen zutiefst religiösen Menschen, der für und mit seinem Glauben kämpft. Wie sein Partner Adam Driver („Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“) gab Garfield auch körperlich alles für die Rolle: Beide magerten für den Film mehrere Dutzend Kilos ab. Den stets verlässlichen Liam Neeson kannte Scorsese schon von ihrer gemeinsamen Arbeit an „Gangs of New York“ (2002). Neeson konnte in seine Figur sicherlich auch sein Wissen aus „The Mission“ einbringen, in dem er ebenfalls einen missionarischen Jesuiten spielte.

Glauben und Zweifel

2007 schrieb Scorsese für die englische Ausgabe des Romans ein Vorwort, in dem er auch sein eigenes Glaubensbekenntnis und die Faszination des Stoffes darstellt: Das Christentum gründet sich auf den Glauben. Aber wenn man seine Geschichte studiert, so zeigt sich, dass es sich ständig neu anpassen musste – und stets mit enormen Schwierigkeiten kämpft, wenn es als Glauben weiter gedeihen will. Das ist ein Paradox, das sehr quälend sein kann. Auf den ersten Blick stehen Glauben und Zweifel im Gegensatz zueinander. Und doch glaube ich, dass sie Hand in Hand gehen. Der eine nährt den anderen. Aus Zweifel mag große Einsamkeit entstehen, aber wenn er mit dem Glauben eine Koexistenz eingeht – dem wahren, beständigen Glauben – dann kann er ein überaus freudenvolles Gemeinsamkeitsgefühl bringen. Und genau diesen schmerzvollen Prozess – von Sicherheit über die Einsamkeit bis hin zur Gemeinsamkeit – versteht Endō so gut.

Es handelt sich übrigens nicht um die erste Verfilmung von Endōs Roman. Bereits 1971 – gerade mal fünf Jahre nach Veröffentlichung des Bestsellers – entstand „Chinmoku“ des japanischen Regisseurs Masahiro Shinoda, für den Endō auch das Drehbuch beisteuerte. Der Film ist unter dem Titel „Silence“ vom britischen Label Eureka! in deren „Masters of Cinema“-Reihe auf DVD erschienen.

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Liefert Ferreira (r.) die nötigen Antworten auf Rodrigues quälende Fragen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Martin Scorsese sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Adam Driver und Liam Neeson in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 162 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Silence
USA 2016
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Martin Scorsese, Jay Cocks, nach dem Roman „Schweigen“ von Shūsaku Endō
Besetzung: Andrew Garfield, Adam Driver, Liam Neeson, Tadanobu Asano, Ciarán Hinds, Yōsuke Kubozuka, Yoshi Oida, Shin‘ya Tsukamoto
Verleih: Concorde Filmverleih

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Concorde Filmverleih

 

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Die letzte Versuchung Christi – Skandal um Jesus

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The Last Temptation of Christ

Von Volker Schönenberger

Der folgende Text enthält massive Spoiler.

Religionsdrama // The dual substance of Christ – the yearning, so human, so superhuman, of man to attain God… has always been a deep inscrutable mystery to me. My principle anguish and source of all my joys and sorrows from my youth onward has been the incessant, merciless battle between the spirit and the flesh… and my soul is the arena where these two armies have clashed and met. So zitiert eine Texttafel zu Beginn von Martin Scorseses „Die letzte Versuchung Christi“ den griechischen Schriftsteller Nikos Kazantzakis, Autor der Romanvorlage „The Last Temptation of Christ“, deutscher Titel: „Die letzte Versuchung“. Der 1883 auf Kreta Geborene zählt zu den bedeutendsten griechischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Weltweite Bekanntheit erlangte er nicht zuletzt dadurch, dass Papst Pius XII. den Roman 1954 auf den Index Librorum Prohibitorum (Index verbotener Bücher) setzte. Der Index wurde 1966 abgeschafft, der Roman hat überdauert und dank Scorseses Adaption weitere Verbreitung erfahren.

Anspruch: eine fiktive Annäherung an den Menschen Jesus

Die Texttafel des Films fährt fort: This film is not based upon the Gospels but upon this fictional exploration of the eternal spiritual conflict. Der römisch-katholische Scorsese betont also gleich zu Beginn, dass seine Version des Lebens und Leidens Christi nicht auf den Evangelien beruht, sondern auf Kazantzakis‘ fiktionaler Erforschung des ewigen spirituellen Konflikts – des Konflikts Jesu wie des Konflikts aller Menschen gleichermaßen. Ein bedeutsamer Hinweis, glauben manche Menschen doch, die Evangelien seien mit Geschichtsschreibung über das Leben und Wirken des Heilands gleichzusetzen und ihrerseits eben keine Fiktion.

Der Nazarener als Kollaborateur

Wir lernen Jesus von Nazareth (Willem Dafoe) als Zimmermann in Judäa kennen. Er baut Kreuze, hilft so den römischen Besatzern bei ihren Hinrichtungen, wird dafür von seinen Mitmenschen als Kollaborateur verachtet. Kaum kann ihn seine Mutter Maria (Verna Bloom) vor dem Zorn des Volks schützen. Zweifel, Visionen und Kopfschmerzen plagen Jesus. Er hadert mit seiner Entscheidung, Maria Magdalena (Barbara Hershey) nicht zur Frau genommen zu haben. Hat er sie so in die Prostitution getrieben? Sein Kumpel Judas Iscariot (Harvey Keitel) erhält den Auftrag, Jesus zu töten, bedrängt ihn aber stattdessen, von seinem Tun abzulassen und gegen die Römer aufzubegehren. Jesus verspürt keine Furcht vor dem Tod, will den Weg des Mitgefühls und der Liebe gehen. Judas schließt sich ihm an, verspricht aber, den Freund zu töten, komme er nur einen Hauch vom Wege ab. Eine erste Prüfung erwartet die beiden sogleich: Ein empörter Mob will Maria Magdalena steinigen – die Jüdin habe am Sabbat gearbeitet! Aber wir kennen ja alle das Wort, das die Missetat verhindert: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein! Es findet sich niemand. Schnell hat Jesus eine Gemeinde um sich geschart, die wie gebannt an seinen Lippen hängt, auch wenn seine Botschaft anfangs missverstanden wird.

Ein Herzenswunsch von Martin Scorsese

Lange war Martin Scorsese mit dem Gedanken schwanger gegangen, Kazantzakis‘ 1951 veröffentlichten Roman zu verfilmen. Er wollte Jesus nicht als fernab über allem schwebende, ikonenhaft überhöhte Figur darstellen, sondern als Mensch aus Fleisch und Blut, der nur aufgrund seines irdischen, gar profanen Daseins in der Lage gewesen sei, in anderen die Gefühle hervorzurufen, die er hervorrief. Die literarische Vorlage gab Scorsese die Möglichkeit dazu – er hatte sie 1972 kennengelernt, Ende des Jahrzehnts die Option auf eine Verfilmung erworben und Paul Schrader mit der Erstellung des Drehbuchs beauftragt – Schrader hatte ihm auch die Skripts zu „Taxi Driver“ (1976) und „Wie ein wilder Stier“ (1980) geschrieben.

Proteste fundamentalistischer christlicher Rechter

An sich konnte es also losgehen. 1983 begann die Vorproduktion für Paramount Pictures, doch fundamentalistische christliche Gruppierungen in den USA organisierten eine Briefkampagne. Angeblich solle Jesus als Homosexueller dargestellt werden – Skandal! Paramount kniff, Scorsese jedoch bewies Durchhaltevermögen und drehte den Film vier Jahre später für Universal Pictures – auch diesmal begleitet von einem Aufruhr extremistischer christlicher Rechter. In den USA wie auch in Deutschland kamen die schärfsten Proteste oft von Leuten, die „Die letzte Versuchung Christi“ gar nicht gesehen hatten. Wer mehr dazu erfahren will: David Ehrenstein thematisiert den Widerstand gegen die Verfilmung in seinem Essay „Passion Project“ im Booklet der Criterion-DVD sowie aktualisiert der Criterion-Blu-ray. Auch Thomas R. Lindlofs Aufarbeitung „Hollywood Under Siege – Martin Scorsese, The Religious Right, and the Cultural Wars“ erscheint interessant, mangels Lektüre kann ich aber nichts Aufschlussreiches darüber schreiben.

Hinfort, Fanatiker!

Es ist eben unter religiösen Fanatikern üblich, andere Sichtweisen auf das ihnen Heiligste zu verdammen, selbst wenn sich diese Sichtweisen aus dem gleichen Glauben speisen. Selbst religiöse Menschen ohne Fanatismus sind bisweilen ja verstimmt, wenn man ihren Glauben nicht so respektiert, wie sie das verlangen. Und nach meiner Erinnerung waren es nicht nur Fanatiker, die Scorsese und „Die letzte Versuchung Christi“ für seinen alternativen Blick auf Jesus von Nazareth seinerzeit scharf kritisierten. Nach heutigen Maßstäben erscheint der damalige Aufruhr lächerlich, auch wenn christliche Fanatiker sicher nach wie vor kein gutes Haar an dem Werk lassen. Lasst Jesus doch einfach mal auch fleischliche Gelüste verspürt haben! Auch Scorseses Rehabilitation von Judas mag in den 80ern manche Christen verstört haben, heute erscheint sie weniger kontrovers, wenn man nicht gerade ein bornierter Judas-Hasser ist.

Jesus als Rambo mit rollenden Augen?

Das Lexikon des internationalen Films schrieb: Zuschauer, die den dargestellten Jesus als Jesus der Bibel (miss-)verstehen, können zu Recht Anstoß nehmen. Ja, Hergott nochmal, dann nehmen sie eben Anstoß. Da müssen sie durch. Freiheit der Kunst nennt sich das, und man kann dem Katholiken Scorsese sicher nicht vorwerfen, er habe Blasphemie um ihrer selbst willen erschaffen, um Glaubensgenossen vor den Kopf zu stoßen. Auch Walter Jens war seinerzeit nicht angetan, er hielt „Die letzte Versuchung“ für eine barbarische Bearbeitung: grob, plump, oberflächlich und jener Dialektik bar, die „den einen und denselben“ in seiner Zwienatur zeigen könnte. Jesus von Nazareth ist zu einem wild gestikulierenden Rambo geworden: am liebsten in action, mit dramatischem Gesichtsausdruck, rollenden Augen, verzerrten Minen oder – eine Stelle von unfreiwilliger Komik – mit feixendem Lächeln. Aha – Dafoe gibt Jesus also als Rambo. Ist mir nicht aufgefallen. Vielleicht sollten manche Zeitgenossen die Kirche einfach mal im Dorf lassen – man verzeihe mir die Metaphorik des Sakralbaus. Überhaupt: Hat Rambo je mit den Augen gerollt und sich einen gefeixt? Okay, Live for nothin‘ or die for somethin‘ – mein Lieblingszitat aus „Rambo 4“ – schlägt einen Bogen zu Jesus, aber der ist doch weit hergeholt.

Scorseses Stamm-Kameramann Michael Ballhaus

Verlassen wir die Polemik (die von Walter Jens und meine): Was ist von „Die letzte Versuchung Christi“ denn nun zu halten? Gegenfrage: Kann Martin Scorsese einen wirklich schlechten Film drehen? Mit seinem deutschen Kameramann Michael Ballhaus arbeitete er von „Die Zeit nach Mitternacht“ (1985) bis „Departed – Unter Feinden“ (2006) gern zusammen. „Die Farbe des Geldes“ (1986), „GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“ (1993), „Zeit der Unschuld“ (1993) und „Gangs of New York“ (2002) entstanden in diesen Jahren. In „Die letzte Versuchung Christi“ konzentriert sich die Kamera sehr auf die Menschen – in erster Linie steht natürlich stets Jesus im Fokus – und verzichtet weitgehend auf Panorama-Totalen. Erwähnt sei auch der durchdachte Score von keinem Geringeren als Peter Gabriel. Schön!

Lazarus und die Tempelreinigung

Ein paar Fixpunkte aus den Evangelien handelt Scorsese natürlich ab – die Auferweckung des Lazarus (Tomas Arana) sei genannt, auch Jesus‘ Zorn auf die Händler im Tempel. Doch obwohl chronologisch erzählt, vermeidet es der Regisseur, zu sehr auf die sichere Biopic-Schiene zu setzen. Jesus‘ Ringen mit sich, das Hadern gerade zu Beginn, all seine Gedanken kommen zum Tragen.

Vision am Kreuz

Und dann sind da seine Kreuzigung und die Erscheinung des Mädchens (Juliette Caton), das sich als sein Schutzengel zu erkennen gibt, Jesus von der Pein befreit und vom Kreuz holt. Er gründet nun – also doch – eine Familie mit Maria Magdalena, hat sogar Sex mit ihr. Das war für manch frommen Kinogänger natürlich zu viel, erst recht für Kritiker, die den Film ohnehin und ohne Sichtung mit Verachtung straften. Nach Marias Tod heiratet Jesus zwei andere Frauen, hat viele Kinder – um sich am Ende seines langen Lebens dann doch wieder bei seiner Kreuzigung in jüngeren Jahren wiederzufinden. Alles nur Einbildung, eine Vision der Nahtoderfahrung? Ein Traum wie Bobby Ewings Tod in „Dallas“? Hat Jesus somit seiner letzten Versuchung widerstanden, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen und dank des Schutzengels – Teufel, Teufel! – weiterzuleben? Hat er sein Schicksal akzeptiert, am Kreuz zu sterben und damit die Menschen zu erretten? Ihr merkt schon – ich flüchte mich in Fragen, um keine Antworten liefern zu müssen. Martin Scorsese mag feste Absichten mit seiner Inszenierung der Kreuzigung gehabt haben, sie bleibt doch Subjekt individueller Interpretation jedes einzelnen Zuschauers. Es ist vollbracht!

Fiktiv hin oder her: Als Versuch einer Annäherung an den Menschen hinter dem Mythos ist „Die letzte Versuchung Christi“ auch heute unbedingt sehenswert, sowohl für religiöse Personen als auch für Skeptiker, Agnostiker oder Atheisten wie mich – und zur Sichtung im Kontext von Martin Scorseses aktuellem Missionarsdrama „Silence“ sowieso.

Referenz-Edition von Criterion

Die oben erwähnte Veröffentlichung des US-Labels „The Criterion Collection“ stellt wie so oft die Referenz-Edition von „The Last Temptation of Christ“ dar, was technische Qualität und Bonusmaterial angeht. Wer eine deutsche Synchronisation bevorzugt oder keinen Codefree-Player besitzt, mag auch mit der deutschen DVD oder Blu-ray zufrieden sein.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Martin Scorsese sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Willem Dafoe in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 16. Mai 2013 als Blu-ray, 2. Dezember 2010 und 11. Januar 2001 als DVD

Länge: 163 Min. (Blu-ray), 156 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch u. a.
Originaltitel: The Last Temptation of Christ
USA/KAN 1988
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Paul Schrader, nach einem Roman von Nikos Kazantzakis
Besetzung: Willem Dafoe, Harvey Keitel, Barbara Hershey, Paul Greco, Steve Shill, Verna Bloom, Roberts Blossom, Barry Miller, Gary Basaraba, Irvin Kershner, Victor Argo, John Lurie, Leo Burmester, Michael Been, Tomas Arana
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

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Packshots: © Universal Pictures Germany GmbH

 

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Besessen – Das Loch in der Wand: Ein großes Verwirrspiel

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Bezeten – Het gat in de muur

Von Ansgar Skulme

Thriller // Nils Janssen (Dieter Geissler) entdeckt hinter einem altehrwürdigen Bild in seiner Wohnung, als dieses zufällig herunterfällt, ein Loch in der Wand. Er wagt den Blick in die Nachbarswohnung und beobachtet dort über geraume Zeit allerlei nackte Haut und wildes sexuelles Treiben. Ihm fallen jedoch auch merkwürdige Zusammenhänge auf. Gemeinsam mit seiner Freundin Marina (Alexandra Stewart) – einer Journalistin, die gerade einen Mordfall untersucht – steigert er sich obsessiv in das Gesehene und bricht schließlich sogar in die Nachbarswohnung ein. Alles Einbildung oder sind beide vielleicht doch näher an der Wahrheit, als es zunächst den Anschein hat?

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Marina erkundet das Loch in der Wand

Fans von Giallo-Thrillern werden an dieser auf Englisch gedrehten niederländischen Produktion ihre helle Freude haben. Es überrascht ganz und gar nicht, dass der Film in Italien besonders erfolgreich in den Lichtspielhäusern lief. Auch in Deutschland wurde er synchronisiert und kam ins Kino, hatte später in Folge seiner Videoauswertung aber recht abstruse Probleme mit der Zensur und landete für etliche Jahre auf dem Index. Wie es dazu kam, erklärt Hauptdarsteller Dieter Geissler in dem sympathischen, von Uwe Huber produzierten Featurette, das sich in den Extras der Veröffentlichung findet.

Wer Blut erwartet, ist auf dem Holzweg

Sogar das Prädikat „wertvoll“ erhielt der Film im Zuge seiner Erstveröffentlichung und wer das Wort „sleaze“ in Unkenntnis missversteht, etwa von einem Schlitzer-Film mit reichlich Blut ausgeht, ist auf dem Holzweg. Die Gewaltdarstellung ist im Vergleich zu vielen Gialli genau genommen eher harmlos, beschränkt sich im Grunde auf Andeutungen. Blut bekommt man auch nur wenig zu sehen, aber psychologisch ist das Werk stimmig und fesselnd.

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Nils behält das Wesentliche im Auge

Abgerundet wird all das mit einem genialen, feinsinnigen Score von Hitchcock-Veteran Bernard Herrmann, der pompös startet und danach sehr suggestiv und unnachgiebig immer wieder die Lust am Verbotenen hervorkitzelt. Die Obsession kommt im ständigen Wiederaufgreifen weniger, dezent gehaltener, gleichzeitig aber auch gewieft penetranter Themen sehr gut zur Geltung. Der niederländische Regisseur des Films, Pim de la Parra, war ein großer Hitchcock-Freund und orientierte sich auch hinsichtlich Bildsprache und Einstellungslängen sehr am Meister. Zudem finden sich diverse szenische Referenzen an Hitchcock-Filme wie etwa „Das Fenster zum Hof“ und „Psycho“.

Zuweilen etwas durcheinander und am Ziel vorbei

Die größte Schwäche des Films ist, dass er viele falsche Fährten legt, die etwas unbefriedigend im Sande verlaufen, auch wenn das Finale schlussendlich trotzdem Sinn macht. Einige Figuren tauchen recht plötzlich auf, ihre Bedeutung kann man allenfalls grob erahnen, zumal mehrere scheinbar fiese Charaktere stumm bleiben. Der Film schwelgt manchmal etwas zu sehr in der Präsentation mysteriös erscheinender Figuren, die sich mysteriös verhalten – um ihrer selbst und ihres Erscheinungsbildes willen. Die Auflösung ist letztlich zwar schlüssig, allerdings wäre sie genialer, würde der Film am Ende wirklich alle Stränge zusammenführen. Dies bleibt leider aus.

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Wer ist die mysteriöse Nackte?

In manchen Momenten bewegt sich das Werk in seinem deutlichen Bemühen um Hommagen zudem bedrohlich eng am Rande zur Parodie. Dies gilt insbesondere für die Figur eines Handlangers, der mit einem demolierten Auge und ohne ein Wort zu sagen allzu deutlich als bedrohliche Figur charakterisiert wird und in dieser Eigenschaft plötzlich durch ein paar Einstellungen flaniert, ohne dass die Figur aber jemals wirklich erklärt werden würde. Was bei den Einstellungen, in denen diese Figur zu sehen ist, eigentlich nur noch fehlt, sind die pseudo-bedrohlichen Fanfaren in der Musik zu Mel Brooks‘ „Frankenstein Junior“. So bleibt man mit Nils und Marina also weitgehend allein. Der Film hat zwar etliche Figuren, aber manche davon sind im wahrsten Sinne des Wortes nichtssagend und werden lediglich demonstrativ zur Schau gestellt. Held und Heldin kämpfen sich gewissermaßen durch ein Labyrinth der Schatten, das dafür aber letztlich nicht düster genug inszeniert ist.

Genug der kritischen Worte

Man sollte die Kritik aber auch nicht zu sehr in den Vordergrund spielen. Alles in allem ist entscheidend, dass der Film für eineinhalb Stunden gute, spannende Unterhaltung bietet und mit einem recht finsteren Ende auch einen souveränen Abgang hinbekommt. Ferner ist er visuell auch für Liebhaber des eher künstlerischen Films durchaus lohnend – ein gutes Beispiel dafür, was man aus dem mittlerweile als veraltet geltenden 4:3-Format alles machen konnte. Dass Dieter Geissler, der mit „48 Stunden bis Acapulco“ gerade erst seinen Durchbruch geschafft hatte, danach keine Filmhauptrolle mehr spielte, liegt darin begründet, dass er sich auf seine Produzententätigkeit konzentrierte. Geissler, der auch am vorliegenden Film als Produzent beteiligt war, hätte sowohl in Deutschland als auch Italien mit diesem Film im Portfolio sicherlich gute Karrierechancen als Schauspieler gehabt, machte als Produzent aber sogar wesentlich nachhaltiger Karriere – bis heute. 1990 gründete er zudem ein eigenes Studio für Spezialeffekte in Babelsberg.

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Unter der Dusche lässt Hitchcock grüßen

„Augen der Angst“ (Originaltitel: „Peeping Tom“), der neben „Das Fenster zum Hof“ als großes Vorbild für „Besessen“ gilt, hatte Karlheinz Böhm 1960 internationale Aufmerksamkeit, aber auch einen nachhaltigen Karriereknick beschert. Das Potenzial, internationale Aufmerksamkeit zu erregen, hatte „Besessen“ für Dieter Geissler sicherlich auch, wenngleich der Spanner hier gleichzeitig auch der Held und nicht die Bedrohung ist und die Rolle dementsprechend nicht derart intensiv und beklemmend ausfällt. Der Story nach ist der Film tatsächlich eher mit „Das Fenster zum Hof“ vergleichbar – wenn man so will eine Giallo-Version des Hitchcock-Klassikers, nur eben nicht aus Großbritannien, Italien oder den USA, sondern aus den Niederlanden und mit einer Kanadierin und einem Deutschen in den Hauptrollen.

Verstärkung für das Koch-Sortiment

Thematisch passt der Film also bestens ins Programm von Koch Films, ehemals Koch Media, das sich schon seit über zehn Jahren dem italienischen Genrekino der 60er- und 70er-Jahre verschrieben hat und insbesondere zu Anfang in diesem Sektor sehr aktiv war. Zudem hat sich Koch in den vergangenen Jahren immer wieder durch Veröffentlichungen von Filmen verdient gemacht, die es in Deutschland schon jahrzehntelang nicht mehr zu sehen gab – auch da bewegt sich „Besessen“ in bester Tradition. Das Bild der DVD ist hervorragend, insbesondere wenn man bedenkt, dass der Film wirklich wiederentdeckt und vorher nie adäquat für das Heimkino veröffentlicht wurde. Auch der Ton lässt nichts zu wünschen übrig. Die englischsprachige Originalfassung ist ebenfalls enthalten und Dieter Geissler redet im Featurette über den Film, als hätte er ihn erst im letzten Jahr gedreht. Ein kleiner Vorteil sicherlich, dass sein Part in „Besessen“ seine letzte Hauptrolle beim Film war und die Erinnerung somit weniger zu Streichen aufgelegt ist als bei einer 40 Jahre überdauernden Schauspieler-Karriere im Filmgeschäft. Doch zudem erweist sich Geissler auch als wortgewandter und humorvoller Erzähler. Gut angelegte knapp 25 Minuten.

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Kaum eine Frau geizt mit ihren Reizen

Veröffentlichung: 2. Juni 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 91 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Bezeten – Het gat in de muur
NL/BRD 1969
Regie: Pim de la Parra
Drehbuch: Martin Scorsese, Pim de la Parra, Wim Verstappen
Besetzung: Alexandra Stewart, Dieter Geissler, Tom van Beek, Marijke Boonstra, Vibeke Løkkeberg, Donald Jones, Fons Rademakers, Victoria Naelin
Zusatzmaterial: Interview mit Hauptdarsteller & Produzent Dieter Geisler, Bildergalerie
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2016 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2016 Koch Films

 

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