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The Irishman – Das Vermächtnis eines Genies

The Irishman

Kinostart: 14. November 2019 (eine Liste der deutschen Kinos, die den Film zeigen, findet sich hier)

Von Kay Sokolowsky, der in seinem Weblog „Abfall aus der Warenwelt“ mehr über seine Liebe zum Kino im Allgemeinen und für das Werk Martin Scorseses im Besonderen erzählt.

Gangsterdrama // Kurz nachdem Martin Scorsese sein Missionarsdrama „Silence“ (2016) in die Kinos gebracht hatte, wurde der Regisseur gefragt, ob er auch künftig Spielfilme drehen werde. Scorsese mochte sich nicht festlegen. Er verwies auf sein Alter und die beträchlichen Strapazen bei den Dreharbeiten. Schon zwei Jahrzehnte früher, während der Inszenierung von „Casino“ (1995), hatte er über die Mühseligkeiten am Set gejammert: „Alle sind größer als ich, und überall stehen Lampen im Weg.“ Damals war er 53 Jahre alt und machte sich ein bisschen über sich selber lustig. Heute, mit 77, hätte er zweifellos Grund zum Klagen.

Scorsese hat sich der Plackerei trotzdem noch einmal unterzogen, und es nötigt nichts als Bewunderung ab, dass er sich auf seine alten Tage einen derart schwierigen, technisch wie erzählerisch hochkomplexen Stoff vornahm. „The Irishman“ wäre eine gewaltige Leistung, selbst wenn Scorsese künstlerisch gescheitert wäre. Die Zahl an Schauplätzen, Kulissen, Kostümen und Figuren, die er bedenken und dirigieren musste, war ungeheuer, eine Herkulesaufgabe. Wer nur ein wenig vom Filmemachen versteht, kann nichts als Hochachtung empfinden, wenn ein Regisseur sich an ein solches Monstrum von Story wagt, zumal einer in Scorseses Alter.

Aber „The Irishman“ ist keineswegs gescheitert und weit mehr als respektabel. Nämlich das Werk eines Meisters, ein Monument der Filmkunst, ein Stück, wie es niemand außer Scorsese hätte anfertigen können, dieser bedeutendste Regisseur nicht nur unserer Zeit, dies Ausnahmegenie der bewegten Bilder. „The Irishman“ ist ein Vermächtnis an alle, die Filme machen und lieben, und zugleich die Bilanz, die Martin Scorsese aus seinem einzigartigen Schaffen zieht.

Ein Schurkenstück

Der Film beginnt mit einer minutenlangen, hinreißend choreografierten Kamerafahrt durch die Gänge und Räume eines noblen Altersheims. Die Einstellung endet im Gesicht eines Greisen, der beichten will. Und dann erzählt dieser Mann namens Frank Sheeran (Robert De Niro) ebenso ehrlich wie zynisch aus seinem Leben – wie er nach seinem Dienst an der italienischen Front als unterbezahlter Trucker durch Amerika kurvte, wie er sich Ende der 1940er-Jahre der Mafia als Hitman andiente, wie er in den 50ern zum Leibwächter und Vertrauten des legendären Gewerkschaftsbosses Jimmy Hoffa (Al Pacino) aufstieg.

Keine Freunde der freien Presse: Jimmy Hoffa (l.) und sein Bodyguard Frank Sheeran

Frank Sheeran hat tatsächlich gelebt (und gekillt). „The Irishman“ basiert auf dem 2004 veröffentlichten Buch „I Heard You Paint Houses“ von Charles Brandt, einer Biografie Sheerans, die wiederum auf zahlreichen Interviews mit dem Mobster beruht. Scorsese hätte den kuriosen Titel wohl gern übernommen, unmittelbar nach der Anfangsszene sind die Worte in großen weißen Lettern auf schwarzem Grund zu lesen. „Ich hab gehört, dass Sie Häuser streichen“, soll Jimmy Hoffa zu Sheeran gesagt haben, als die beiden einander vorgestellt wurden. Hoffa hielt Sheeran allerdings nicht irrtümlich für einen Maler. Im Mafia-Jargon bedeutet die Wendung, dass einer Leute abknallt und dabei deren Blut auf den Wänden verspritzt.

Scorsese übernimmt die Perspektive seines Titelhelden, lässt sich von den sprunghaften, unsortierten Erinnerungen mitreißen, vermeidet jeden moralisierenden Kommentar und schafft es auf diese Art – wie vormals in „GoodFellas“ (1990) und „Casino“ –, den Soziopathen als Menschen erscheinen zu lassen, der Verständnis, vielleicht sogar Mitleid verdient. Was Sheeran sein Leben lang getrieben hat, ist verwerflich und böse, aber während wir der mäandernden Reise durch sein Leben folgen, stellt sich immer drängender die Frage, ob wir an seiner Stelle, in seiner Zeit, unter seinen Bedingungen nicht ebenso verwerflich und böse gehandelt hätten. Nur die größten Autoren – Dostojewski zum Beispiel, Shakespeare und Nabokov – bringen es fertig, dass wir mit den Schurken fühlen. Scorsese mischt in dieser Ersten Liga mit.

An die Leinwand gespielt

Weil die Geschichte sechs Jahrzehnte – von 1943 bis 1999 – umspannt, musste Scorsese tief in die digitale Trickkiste greifen. Mittels CGI wurden die Gesichter der Darsteller an die jeweilige Zeit angepasst. Diese Retusche ist nicht immer geglückt, insgesamt aber überzeugt, ja, überwältigt die Computerzauberei. Kino war seit den ersten Tagen eine Fabrik der Illusionen, und was jedem Blockbuster-Kurbler billig ist, darf einem Bildermagier wie Scorsese nur recht sein.

Pane e vino e sangue: Russell Buffalino hat einen Auftrag für den „Irishman“

Und man wüsste auch gar nicht, wer den jungen Frank Sheeran und den 40-jährigen Jimmy Hoffa ebenso charismatisch hätte darstellen können wie De Niro beziehungsweise Pacino. Ich kenne keinen lebenden Schauspieler, der als Volkstribun und Demagoge eine derartige Präsenz entwickelt wie Al Pacino mit seinen raumgreifenden Gesten und seiner machtvollen Stimme. Mir fällt niemand ein, der so effektiv mit einem einzigen Blick, einem Zucken der Mundwinkel seine Wut, sein Amüsement, seinen Abscheu auszudrücken vermag wie Robert De Niro.

Die erstaunlichste mimische Darbietung liefert Joe Pesci. Er spielt Russell Bufalino, einen Granden der New Yorker Mafia, der so etwas wie der CEO des Mobs war. Anders als in „GoodFellas“ und „Casino“, wo Pesci ebenso vital wie furchteinflößend einen hemmungslosen Bully verkörperte, tritt er in „The Irishman“ mit einer Ruhe, Gelassenheit und Würde auf, die stark an Marlon Brandos Darstellung des Vito Corleone in „Der Pate“ (1972) erinnert. Es scheint, als hätten die ziemlich besten Freunde Pesci und Scorsese sich zusammengetan, um den Eindruck zu korrigieren, Joe Pesci könne nichts anderes spielen als hektische Quassler, die gern Blut sehen. Das ist ihnen umwerfend gelungen.

Den tiefsten Eindruck allerdings hinterlassen Miene und Augen der dreizehnjährigen Lucy Gallina. Sie spielt Peggy, die jüngste Tochter Sheerans, und zugleich so etwas wie das fleischgewordene schlechte Gewissen des „Häuserstreichers“. In einer zentralen Szene des Films prügelt Sheeran einen Drugstore-Inhaber halbtot, der es gewagt hat, die kleine Peggy mies zu behandeln. Sie muss die Gewaltorgie mitansehen, und das Entsetzen in ihrem Gesicht wirkt so echt und erschütternd, wie es in einem Spielfilm irgend möglich ist.

Das Ziel ist der Weg

„The Irishman“ zeichnet die Geschichte eines Mannes nach, dessen Bosse ihm nie eine Wahl lassen, der freilich auch nie daran denkt, sich aufzulehnen. Der endlich zur Ruhe kommen will und dafür rastlos unterwegs ist. Der ahnt, dass er das Falsche tut, aber sich einredet, es sei das einzig Richtige. Frank Sheeran sucht am Ende seines Lebens eine Antwort darauf, warum er zum Sünder wurde, und weiß doch nicht mal, ob er überhaupt bereut, was er angerichtet hat.

Sein Name ist Hase: Jimmy Hoffa vor einem Ausschuss des US-Senats

Um die Widersprüche dieses Charakters und die allgegenwärtige Paranoia im Mob-Milieu zu reflektieren, ist der Film konstruiert wie ein Labyrinth. In Rückblenden etwa sind weitere Rückblenden eingefügt. Einige Motive – das Rauchen, das Trinken, das Essen, das Schießen – werden in allen denkbaren Variationen gezeigt, als Repetitionen von Repetitionen, Spiegelungen von Spiegelbildern. Die famose Kamerafahrt vom Beginn wird kurz vor Schluss symmetrisch wiederholt. Die entscheidende Sequenz des letzten Akts zeigt dreimal die gleiche Einstellung: Aus der Vogelsicht wird ein Auto gefilmt. Es fährt unter einem Gewirr von Oberleitungen, das nicht zufällig an ein Spinnennetz erinnert. Frank Sheeran mag sich von allen moralischen Bedenken befreit haben, doch er ist ein Gefangener des Systems, das Ungeheuer wie ihn hervorbringt.

Gleichsam als roter Faden dient dem Film eine dreitägige Highway-Reise von New York nach Denver im Jahr 1975. Sheeran, Russell Buffalino und ihre Ehefrauen unternehmen den mühsamen Trip aus geschäftlichen Gründen, treiben unterwegs Schutzgelder ein, besuchen kleine Angestellte des Mobs – doch erst im Finalakt erfahren wir, was der eigentliche Zweck des langen Ausflugs ist. Nämlich ein beispielloser Verrat, eine Sünde, die eine Million Ave Marias nicht abwaschen können.

Wenn „Stopp!“ wirklich „Stopp!“ heißt: Sheeran bahnt seinem Chef den Weg

Drei Stunden lang rannten wir mit Frank Sheeran durch das Labyrinth seines Lebens, und nun, da er endlich ans Ziel kommt, wird „The Irishman“ sehr still. Wo vorher noch fast jede Szene mit Popmusik der jeweiligen Epoche unterlegt war, gibt es plötzlich überhaupt keine Musik mehr, nur ein paar Akzente, die Scorseses bewährter musikalischer Berater Robbie Robertson mit der Mundharmonika setzt.

Der Schlussakt des Films zählt zum Beklemmendsten, Ergreifendsten, was ich je im Kino gesehen habe. Er ist eine Meditation über das Bösesein und das Altwerden, über Schuld, die nie vergeht, und Einsamkeit als Sühne – sehr katholisch, wie bei Scorsese nicht anders zu erwarten, und zugleich voller Empathie. Sheeran, der Greis, erkennt, dass sein Leben nichts als erbärmlich war. Und Martin Scorsese, der sich in den Killer einfühlt wie in einen Handschuh, erbarmt sich seiner.

He did it

Zur raffinierten Textur des Films hat die seit vier Jahrzehnten wichtigste Mitarbeiterin Scorseses entscheidend beigetragen, die Cutterin Thelma Schoonmaker. Noch mit 79 Jahren schneidet sie wie mit dem Skalpell, verleiht den Szenen eine Dynamik und einen Rhythmus, die geradezu elektrisieren. Falls das Wort „kongenial“ je einen Sinn hatte, dann für das Teamwork von Schoonmaker und Scorsese. „The Irishman“ mag mit dreieinhalb Stunden Laufzeit viel Sitzfleisch erfordern, aber die Eleganz und Musikalität der Erzählung lassen das Stück viel kürzer erscheinen, als es ist. Kein Bild, das überflüssig, keine Kleinigkeit, die nicht bedeutsam wäre.

Rodrigo Prieto, der hier zum dritten Mal mit Scorsese zusammengearbeitet hat, setzt als Kameramann die Vorstellungen des Maestro in Einstellungen um, die sich nie verstecken müssen vor dem, was früheren Kollaborateuren wie Michael Ballhaus oder Robert Richardson einfiel. Weil Frank Sheeran pausenlos in Bewegung ist, muss ihm die Kamera durch enge Gänge, verwinkelte Zimmer, auf den Straßen der Bronx und des Mittleren Westens und sogar durch die Luft folgen. Prieto löst die gewaltigen Herausforderungen, die dieses Rattenrennen an ihn stellt, mit erstaunlicher Lässigkeit, der Souveränität eines Meisters. Dabei beweist er auch, dass er mit ebensoviel Geschmack wie Respekt die Maschen von Kollegen nachstricken kann.

Die Mörder und der Engel: Buffalino begrüßt Sheerans Töchterchen Peggy

Denn „The Irishman“ ist gespickt mit Einstellungen, die auf frühere Scorsese-Filme anspielen. Diese Verweise sind nicht immer so deutlich zu erkennen wie bei jener Szene, in der Sheeran seine Pistolensammlung auf einer Bettdecke ausbreitet – eine fast deckungsgleiche Übernahme aus „Taxi Driver“ (1976). Oft ist es nur eine bestimmte Perspektive, eine gewisse Beleuchtung, die an Einstellungen aus älteren Werken Scorseses erinnern. Der Regisseur zieht, wie gesagt, eine Bilanz seines Schaffens, und weil Film eine visuelle Kunst ist, bilanziert er in Bildern, Kamerabewegungen und Schnittsequenzen. Wäre ich ein Filmstudent, der nach einem Thema für seine Master-Arbeit sucht, ich würde mir „The Irishman“ vorknöpfen und nach all den halben und ganzen Zitaten, den Travestien und Andeutungen suchen, mit denen Scorsese sein einzigartiges Œuvre Revue passieren lässt. Ich bin schon beim ersten Anschauen circa dreißigmal fündig geworden; womöglich versteckt sich in jeder Einstellung ein Souvenir du Scorsese.

Derlei Zitataufspürerei ist vermutlich nur für eingeschworene Verehrer ein Vergnügen. Zum Glück macht dieser Film, so beklemmend und dunkel er endet, auch sonst viel Spaß. Das verdankt er nicht zuletzt den messerscharfen Dialogzeilen von Steven Zaillian. So sagt Frank Sheeran, der es sich angewöhnt hat, benutzte Waffen in den Hudson zu schmeißen: „Wenn Sie Taucher da runterschicken würden, könnten Sie ein kleines Land bewaffnen.“ Ein anderes Mal, es geht um einen kniffligen Hit-Job, lernen wir diese Weisheit: „Drei Männer können ein Geheimnis bewahren. Wenn zwei von ihnen tot sind.“ Den lautesten Lacher bei der Pressevorführung erntete eine Szene, in der Sheeran erfährt, dass einer seiner Mafia-Buddys gestorben ist, und fragt: „Who did it?“

Die Frage, wer „The Irishman“ gemacht hat, stellt sich jedenfalls nicht; kein anderer als Martin Scorsese hätte so etwas hingekriegt, ein Werk von solcher Subtilität und Tiefgründigkeit, solchem Einfallsreichtum und Witz. Dies ist ein Denkmal, das Scorsese sich und seiner Kunst errichtet hat, wahrhaftig ein Kinoereignis. Und darum sollten Sie „The Irishman“, sofern Sie es einrichten können, auch im Kino ansehen, nicht bei Netflix. Kein Home-Cinema-Apparat kann die Wucht dieser Bilder, die Opulenz der Ausstattung, die Überlebensgröße der drei Hauptdarsteller angemessen fassen. Sie würden damit übrigens auch einen Wunsch Martin Scorseses erfüllen. Und wie könnte man einem wie ihm etwas abschlagen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Martin Scorsese haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Robert De Niro und Al Pacino unter Schauspieler. Kays Scorsese-Huldigung „Matinee mit Mozart“ findet Ihr auch hier.

Das Gewicht der Bilder: Buffalino erteilt Sheeran eine Lektion über Mafia-Werte

Veröffentlichung: 27. November 2019 auf Netflix

Länge: 209 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Irishman
USA 2019
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Steven Zaillian, nach der Buchvorlage „I Heard You Paint Houses“ von Charles Brandt
Besetzung: Robert De Niro, Jesse Plemons, Al Pacino, Anna Paquin, Joe Pesci, Bobby Cannavale, Stephen Graham, Harvey Keitel, Jack Huston, Kathrine Narducci, Dascha Polanco, Domenick Lombardozzi, Aleksa Palladino, Ray Romano
Verleih: Filmwelt Verleihagentur GmbH

Copyright 2019 by Kay Sokolowsky

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Netflix

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/11/15 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Silence – Das Schweigen Gottes

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Silence

Kinostart: 2. März 2017

Von Andreas Eckenfels

These people are the most devoted of God’s creatures on earth. Father Valignano, I confess, I began to wonder. God sends us trials to test us, and everything He does is good. And I prayed to undergo trials, like his Son. But why must their trial be so terrible? And why, when I look in my own heart, do the answers I give them seem so weak? (Sebastião Rodrigues)

Religionsdrama // Nach einer Sondervorführung seines Skandalfilms „Die letzte Versuchung Christi“ in New York überreichte Erzbischof Paul Moore Martin Scorsese 1988 ein Exemplar des historischen Romans „Schweigen“ des japanischen Autors Shūsaku Endō (1923–1996). Das Werk hinterließ einen tiefen Eindruck beim Meisterregisseur: Das Thema, das Endō hier behandelt, ist in meinem Leben seit meiner frühesten Jugend präsent. Ich wurde in einer streng katholischen Familie groß und beschäftigte mich stark mit Religion. Die Spiritualität des römischen Katholizismus, in die ich als Kind eintauchte, ist das Fundament meines Lebens, und diese Spiritualität hing mit dem Glauben zusammen. Scorseses vorige Versuche, den Stoff zu verfilmen, scheiterten meist an der Finanzierung. Erst mehr als 25 Jahre nachdem der Regisseur den Roman erstmals in den Händen hielt, sollte er die Adaption endlich realisieren.

Verschollen in Japan

Im Jahr 1638 brechen Pater Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) und Pater Francisco Garpe (Adam Driver) von Portugal nach Japan auf. Dort wollen die beiden Jesuiten nach ihrem verschollenen Lehrer und Mentor Christovão Ferreira (Liam Neeson) suchen, der als christlicher Missionar nach Fernost reiste und dort seinem Glauben abgeschworen haben soll. Vom Christentum sei er zum Buddhismus übergetreten und habe eine Japanerin geheiratet.

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Die jungen Pastoren Sebastião Rodrigues (r.) und Francisco Garpe suchen in Japan nach ihrem Mentor Ferreira

Doch in Japan dürfen die jungen Pastoren keinen warmen Empfang erwarten. Es ist die Zeit der Shimabara-Aufstände. Christen werden von den Machthabern gnadenlos verfolgt, gefoltert und getötet, da die zunächst geduldete fremde Religion zunehmend als Gefahr für die Shōguns angesehen wird. Schon der Besitz eines Kruzifixes kann den Tod bedeuten. Der christliche Glauben ist besonders beim einfachen Volk verbreitet. So werden Rodrigues und Garpe von Bauern versteckt gehalten, die als Kakure Kirishitan ihren Glauben im Verborgenen ausüben müssen. Ständig in Gefahr entdeckt zu werden, machen sich die Jesuiten auf die Spurensuche nach ihrem einstigen Lehrmeister.

Quälende Fragen, brutale Folter

Der später im Verlauf der Handlung in Gefangenschaft geratene Rodrigues, aus dessen Perspektive ein Großteil des Films erzählt wird, setzt sich mit tiefgreifenden Glaubensfragen auseinander. Die quälendste Frage dabei: Warum schweigt Gott zu diesen Zuständen und diesem Leid? So eine Brutalität, mit der die japanischen Machthaber gegen die Christen vorgehen, hat der junge Pastor noch nicht erlebt. Und Scorsese spart dabei nicht mit grausamen Details: Menschen werden an Kreuze gehängt, ihre nackten Körper mit heißem Wasser übergossen oder sie werden kopfüber in eine Grube gesteckt. Wenn sie nach all den Qualen nicht dem Christentum entsagen, werden auch ihre Angehörigen bei lebendigem Leibe verbrannt. Das ist schwer zu ertragen. Dennoch muss man Scorsese zugutehalten, dass er diese Szenen nicht bis zur letzten Konsequenz ausschlachtet. Er dokumentiert lediglich die Zustände dieser Zeit. Auch die Japaner werden nicht als Monster gezeichnet; Scorsese betrachtet ihre Taten und Gründe stets so objektiv, wie ihm das möglich ist.

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Verboten: Rodrigues und Garpe halten für christliche Bauern eine geheime Messe ab

Um den Grausamkeiten zu entgehen, genügt ein Schritt, der sich für Nichtgläubige einfach anhört, für gläubige Christen aber die eigentliche Folter darstellt, weil sie damit eines ihrer heiligsten Sakrilege begehen: Wenn sie den nackten Fuß auf ein Abbild von Jesus Christus stellen, entsagen sie damit ihrer Religion und dürfen auf Begnadigung hoffen. Erst, wenn Rodrigues nach etwa zweistündiger Laufzeit endlich auf Ferreira trifft, kann der Jesuit auf mögliche Antworten auf seine drängendsten Fragen hoffen.

Reale Vorbilder

Schon die Romanvorlage, die in Japan zum Besteller avancierte, basierte auf der wahren Geschichte von Cristóvão Ferreira (1580–1650), der seinen Glauben ablegte. Auch die Figur Sebastião Rodrigues ist angelehnt an einen italienischen Jesuiten: Giuseppe Chiara (1602–1685), der als Missionar in Japan tätig war. Wie von Scorsese gewohnt, packt er sein mediatives Glaubensdrama und den spannenden historischen Kontext in mächtige Bilder, für die Kameramann Rodrigo Prieto eine Oscar-Nominierung erhielt. Das karge Leben der einheimischen Christen, die die Pastoren begeistert aufnehmen, ist beeindruckend eingefangen. Endlich, nachdem sie so viel Leid erfahren haben, können sie wieder Predigten lauschen und ihre Sünden beichten – auch, wenn dies nur im Verborgenen stattfinden darf. Muss man also mächtige Kirchen bauen, wenn der ganze Glaube sich vornehmlich im eigenen Geist abspielt?

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Rodrigues (l.) nimmt Kichijiro die Beichte ab

Für die rauhen Naturaufnahmen wurde als Drehort allerdings nicht Japan gewählt, sondern Taiwan. Passend zum Titel entschied man sich für einen ruhigen Soundtrack, der sich häufig auf die Umweltgeräusche beschränkt.

Harte Geduldsprobe

Nach einer hervorragenden ersten Hälfte stellt Scorsese die Geduld der Zuschauer zunehmend auf die Probe. Besonders Nichtgläubige könnten Rodrigues‘ spirituellen Überlebenskampf, seine Zweifel an sich selbst und an Gottes Existenz als zu ausufernd und Garfields mit sanfter Stimme vorgetragene Voice-overs als zunehmend ermüdend empfinden. Die Motive wiederholen sich: Während draußen Christen zu Tode gefoltert werden, sitzt der Jesuit grübelnd mit seinen Gedanken und Gebeten beschäftigt in seinem Gefängnis. Rodrigues selbst könnte das sinnlose Töten verhindern, wenn er nur seinen Fuß auf das Heiligenbild stellt. Ist er also ein Egoist, weil er nichts dagegen tut, oder ist dies seine Prüfung, die ihm von Gott auferlegt wurde? Der eigene Glaubenskampf und die Suche nach religiöser Wahrheit sind zwar die zentralen Punkte der Geschichte, aber eine etwas kürzere Laufzeit hätte „Silence“ dennoch gutgetan. Hier hat sich Scorsese wohl etwas zu sehr in die Leidenschaft zum Ausgangsmaterial und den eigenen Überlegungen über seinen Glauben verrannt.

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In Gefangenschaft zweifelt Rodrigues zunehmend an seinem eigenen Glauben

Auf seine Darsteller kann sich Scorsese verlassen. Nach seinem Oscar-nominerten Auftritt in „Hacksaw Ridge – Die Entscheidung“ spielt Andrew Garfield erneut einen zutiefst religiösen Menschen, der für und mit seinem Glauben kämpft. Wie sein Partner Adam Driver („Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“) gab Garfield auch körperlich alles für die Rolle: Beide magerten für den Film mehrere Dutzend Kilos ab. Den stets verlässlichen Liam Neeson kannte Scorsese schon von ihrer gemeinsamen Arbeit an „Gangs of New York“ (2002). Neeson konnte in seine Figur sicherlich auch sein Wissen aus „The Mission“ einbringen, in dem er ebenfalls einen missionarischen Jesuiten spielte.

Glauben und Zweifel

2007 schrieb Scorsese für die englische Ausgabe des Romans ein Vorwort, in dem er auch sein eigenes Glaubensbekenntnis und die Faszination des Stoffes darstellt: Das Christentum gründet sich auf den Glauben. Aber wenn man seine Geschichte studiert, so zeigt sich, dass es sich ständig neu anpassen musste – und stets mit enormen Schwierigkeiten kämpft, wenn es als Glauben weiter gedeihen will. Das ist ein Paradox, das sehr quälend sein kann. Auf den ersten Blick stehen Glauben und Zweifel im Gegensatz zueinander. Und doch glaube ich, dass sie Hand in Hand gehen. Der eine nährt den anderen. Aus Zweifel mag große Einsamkeit entstehen, aber wenn er mit dem Glauben eine Koexistenz eingeht – dem wahren, beständigen Glauben – dann kann er ein überaus freudenvolles Gemeinsamkeitsgefühl bringen. Und genau diesen schmerzvollen Prozess – von Sicherheit über die Einsamkeit bis hin zur Gemeinsamkeit – versteht Endō so gut.

Es handelt sich übrigens nicht um die erste Verfilmung von Endōs Roman. Bereits 1971 – gerade mal fünf Jahre nach Veröffentlichung des Bestsellers – entstand „Chinmoku“ des japanischen Regisseurs Masahiro Shinoda, für den Endō auch das Drehbuch beisteuerte. Der Film ist unter dem Titel „Silence“ vom britischen Label Eureka! in deren „Masters of Cinema“-Reihe auf DVD erschienen.

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Liefert Ferreira (r.) die nötigen Antworten auf Rodrigues quälende Fragen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Martin Scorsese sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Adam Driver und Liam Neeson in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 162 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Silence
USA 2016
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Martin Scorsese, Jay Cocks, nach dem Roman „Schweigen“ von Shūsaku Endō
Besetzung: Andrew Garfield, Adam Driver, Liam Neeson, Tadanobu Asano, Ciarán Hinds, Yōsuke Kubozuka, Yoshi Oida, Shin‘ya Tsukamoto
Verleih: Concorde Filmverleih

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Concorde Filmverleih

 

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Die letzte Versuchung Christi – Skandal um Jesus

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The Last Temptation of Christ

Von Volker Schönenberger

Der folgende Text enthält massive Spoiler.

Religionsdrama // The dual substance of Christ – the yearning, so human, so superhuman, of man to attain God… has always been a deep inscrutable mystery to me. My principle anguish and source of all my joys and sorrows from my youth onward has been the incessant, merciless battle between the spirit and the flesh… and my soul is the arena where these two armies have clashed and met. So zitiert eine Texttafel zu Beginn von Martin Scorseses „Die letzte Versuchung Christi“ den griechischen Schriftsteller Nikos Kazantzakis, Autor der Romanvorlage „The Last Temptation of Christ“, deutscher Titel: „Die letzte Versuchung“. Der 1883 auf Kreta Geborene zählt zu den bedeutendsten griechischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Weltweite Bekanntheit erlangte er nicht zuletzt dadurch, dass Papst Pius XII. den Roman 1954 auf den Index Librorum Prohibitorum (Index verbotener Bücher) setzte. Der Index wurde 1966 abgeschafft, der Roman hat überdauert und dank Scorseses Adaption weitere Verbreitung erfahren.

Anspruch: eine fiktive Annäherung an den Menschen Jesus

Die Texttafel des Films fährt fort: This film is not based upon the Gospels but upon this fictional exploration of the eternal spiritual conflict. Der römisch-katholische Scorsese betont also gleich zu Beginn, dass seine Version des Lebens und Leidens Christi nicht auf den Evangelien beruht, sondern auf Kazantzakis‘ fiktionaler Erforschung des ewigen spirituellen Konflikts – des Konflikts Jesu wie des Konflikts aller Menschen gleichermaßen. Ein bedeutsamer Hinweis, glauben manche Menschen doch, die Evangelien seien mit Geschichtsschreibung über das Leben und Wirken des Heilands gleichzusetzen und ihrerseits eben keine Fiktion.

Der Nazarener als Kollaborateur

Wir lernen Jesus von Nazareth (Willem Dafoe) als Zimmermann in Judäa kennen. Er baut Kreuze, hilft so den römischen Besatzern bei ihren Hinrichtungen, wird dafür von seinen Mitmenschen als Kollaborateur verachtet. Kaum kann ihn seine Mutter Maria (Verna Bloom) vor dem Zorn des Volks schützen. Zweifel, Visionen und Kopfschmerzen plagen Jesus. Er hadert mit seiner Entscheidung, Maria Magdalena (Barbara Hershey) nicht zur Frau genommen zu haben. Hat er sie so in die Prostitution getrieben? Sein Kumpel Judas Iscariot (Harvey Keitel) erhält den Auftrag, Jesus zu töten, bedrängt ihn aber stattdessen, von seinem Tun abzulassen und gegen die Römer aufzubegehren. Jesus verspürt keine Furcht vor dem Tod, will den Weg des Mitgefühls und der Liebe gehen. Judas schließt sich ihm an, verspricht aber, den Freund zu töten, komme er nur einen Hauch vom Wege ab. Eine erste Prüfung erwartet die beiden sogleich: Ein empörter Mob will Maria Magdalena steinigen – die Jüdin habe am Sabbat gearbeitet! Aber wir kennen ja alle das Wort, das die Missetat verhindert: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein! Es findet sich niemand. Schnell hat Jesus eine Gemeinde um sich geschart, die wie gebannt an seinen Lippen hängt, auch wenn seine Botschaft anfangs missverstanden wird.

Ein Herzenswunsch von Martin Scorsese

Lange war Martin Scorsese mit dem Gedanken schwanger gegangen, Kazantzakis‘ 1951 veröffentlichten Roman zu verfilmen. Er wollte Jesus nicht als fernab über allem schwebende, ikonenhaft überhöhte Figur darstellen, sondern als Mensch aus Fleisch und Blut, der nur aufgrund seines irdischen, gar profanen Daseins in der Lage gewesen sei, in anderen die Gefühle hervorzurufen, die er hervorrief. Die literarische Vorlage gab Scorsese die Möglichkeit dazu – er hatte sie 1972 kennengelernt, Ende des Jahrzehnts die Option auf eine Verfilmung erworben und Paul Schrader mit der Erstellung des Drehbuchs beauftragt – Schrader hatte ihm auch die Skripts zu „Taxi Driver“ (1976) und „Wie ein wilder Stier“ (1980) geschrieben.

Proteste fundamentalistischer christlicher Rechter

An sich konnte es also losgehen. 1983 begann die Vorproduktion für Paramount Pictures, doch fundamentalistische christliche Gruppierungen in den USA organisierten eine Briefkampagne. Angeblich solle Jesus als Homosexueller dargestellt werden – Skandal! Paramount kniff, Scorsese jedoch bewies Durchhaltevermögen und drehte den Film vier Jahre später für Universal Pictures – auch diesmal begleitet von einem Aufruhr extremistischer christlicher Rechter. In den USA wie auch in Deutschland kamen die schärfsten Proteste oft von Leuten, die „Die letzte Versuchung Christi“ gar nicht gesehen hatten. Wer mehr dazu erfahren will: David Ehrenstein thematisiert den Widerstand gegen die Verfilmung in seinem Essay „Passion Project“ im Booklet der Criterion-DVD sowie aktualisiert der Criterion-Blu-ray. Auch Thomas R. Lindlofs Aufarbeitung „Hollywood Under Siege – Martin Scorsese, The Religious Right, and the Cultural Wars“ erscheint interessant, mangels Lektüre kann ich aber nichts Aufschlussreiches darüber schreiben.

Hinfort, Fanatiker!

Es ist eben unter religiösen Fanatikern üblich, andere Sichtweisen auf das ihnen Heiligste zu verdammen, selbst wenn sich diese Sichtweisen aus dem gleichen Glauben speisen. Selbst religiöse Menschen ohne Fanatismus sind bisweilen ja verstimmt, wenn man ihren Glauben nicht so respektiert, wie sie das verlangen. Und nach meiner Erinnerung waren es nicht nur Fanatiker, die Scorsese und „Die letzte Versuchung Christi“ für seinen alternativen Blick auf Jesus von Nazareth seinerzeit scharf kritisierten. Nach heutigen Maßstäben erscheint der damalige Aufruhr lächerlich, auch wenn christliche Fanatiker sicher nach wie vor kein gutes Haar an dem Werk lassen. Lasst Jesus doch einfach mal auch fleischliche Gelüste verspürt haben! Auch Scorseses Rehabilitation von Judas mag in den 80ern manche Christen verstört haben, heute erscheint sie weniger kontrovers, wenn man nicht gerade ein bornierter Judas-Hasser ist.

Jesus als Rambo mit rollenden Augen?

Das Lexikon des internationalen Films schrieb: Zuschauer, die den dargestellten Jesus als Jesus der Bibel (miss-)verstehen, können zu Recht Anstoß nehmen. Ja, Hergott nochmal, dann nehmen sie eben Anstoß. Da müssen sie durch. Freiheit der Kunst nennt sich das, und man kann dem Katholiken Scorsese sicher nicht vorwerfen, er habe Blasphemie um ihrer selbst willen erschaffen, um Glaubensgenossen vor den Kopf zu stoßen. Auch Walter Jens war seinerzeit nicht angetan, er hielt „Die letzte Versuchung“ für eine barbarische Bearbeitung: grob, plump, oberflächlich und jener Dialektik bar, die „den einen und denselben“ in seiner Zwienatur zeigen könnte. Jesus von Nazareth ist zu einem wild gestikulierenden Rambo geworden: am liebsten in action, mit dramatischem Gesichtsausdruck, rollenden Augen, verzerrten Minen oder – eine Stelle von unfreiwilliger Komik – mit feixendem Lächeln. Aha – Dafoe gibt Jesus also als Rambo. Ist mir nicht aufgefallen. Vielleicht sollten manche Zeitgenossen die Kirche einfach mal im Dorf lassen – man verzeihe mir die Metaphorik des Sakralbaus. Überhaupt: Hat Rambo je mit den Augen gerollt und sich einen gefeixt? Okay, Live for nothin‘ or die for somethin‘ – mein Lieblingszitat aus „Rambo 4“ – schlägt einen Bogen zu Jesus, aber der ist doch weit hergeholt.

Scorseses Stamm-Kameramann Michael Ballhaus

Verlassen wir die Polemik (die von Walter Jens und meine): Was ist von „Die letzte Versuchung Christi“ denn nun zu halten? Gegenfrage: Kann Martin Scorsese einen wirklich schlechten Film drehen? Mit seinem deutschen Kameramann Michael Ballhaus arbeitete er von „Die Zeit nach Mitternacht“ (1985) bis „Departed – Unter Feinden“ (2006) gern zusammen. „Die Farbe des Geldes“ (1986), „GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“ (1993), „Zeit der Unschuld“ (1993) und „Gangs of New York“ (2002) entstanden in diesen Jahren. In „Die letzte Versuchung Christi“ konzentriert sich die Kamera sehr auf die Menschen – in erster Linie steht natürlich stets Jesus im Fokus – und verzichtet weitgehend auf Panorama-Totalen. Erwähnt sei auch der durchdachte Score von keinem Geringeren als Peter Gabriel. Schön!

Lazarus und die Tempelreinigung

Ein paar Fixpunkte aus den Evangelien handelt Scorsese natürlich ab – die Auferweckung des Lazarus (Tomas Arana) sei genannt, auch Jesus‘ Zorn auf die Händler im Tempel. Doch obwohl chronologisch erzählt, vermeidet es der Regisseur, zu sehr auf die sichere Biopic-Schiene zu setzen. Jesus‘ Ringen mit sich, das Hadern gerade zu Beginn, all seine Gedanken kommen zum Tragen.

Vision am Kreuz

Und dann sind da seine Kreuzigung und die Erscheinung des Mädchens (Juliette Caton), das sich als sein Schutzengel zu erkennen gibt, Jesus von der Pein befreit und vom Kreuz holt. Er gründet nun – also doch – eine Familie mit Maria Magdalena, hat sogar Sex mit ihr. Das war für manch frommen Kinogänger natürlich zu viel, erst recht für Kritiker, die den Film ohnehin und ohne Sichtung mit Verachtung straften. Nach Marias Tod heiratet Jesus zwei andere Frauen, hat viele Kinder – um sich am Ende seines langen Lebens dann doch wieder bei seiner Kreuzigung in jüngeren Jahren wiederzufinden. Alles nur Einbildung, eine Vision der Nahtoderfahrung? Ein Traum wie Bobby Ewings Tod in „Dallas“? Hat Jesus somit seiner letzten Versuchung widerstanden, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen und dank des Schutzengels – Teufel, Teufel! – weiterzuleben? Hat er sein Schicksal akzeptiert, am Kreuz zu sterben und damit die Menschen zu erretten? Ihr merkt schon – ich flüchte mich in Fragen, um keine Antworten liefern zu müssen. Martin Scorsese mag feste Absichten mit seiner Inszenierung der Kreuzigung gehabt haben, sie bleibt doch Subjekt individueller Interpretation jedes einzelnen Zuschauers. Es ist vollbracht!

Fiktiv hin oder her: Als Versuch einer Annäherung an den Menschen hinter dem Mythos ist „Die letzte Versuchung Christi“ auch heute unbedingt sehenswert, sowohl für religiöse Personen als auch für Skeptiker, Agnostiker oder Atheisten wie mich – und zur Sichtung im Kontext von Martin Scorseses aktuellem Missionarsdrama „Silence“ sowieso.

Referenz-Edition von Criterion

Die oben erwähnte Veröffentlichung des US-Labels „The Criterion Collection“ stellt wie so oft die Referenz-Edition von „The Last Temptation of Christ“ dar, was technische Qualität und Bonusmaterial angeht. Wer eine deutsche Synchronisation bevorzugt oder keinen Codefree-Player besitzt, mag auch mit der deutschen DVD oder Blu-ray zufrieden sein.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Martin Scorsese sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Willem Dafoe in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 16. Mai 2013 als Blu-ray, 2. Dezember 2010 und 11. Januar 2001 als DVD

Länge: 163 Min. (Blu-ray), 156 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch u. a.
Originaltitel: The Last Temptation of Christ
USA/KAN 1988
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Paul Schrader, nach einem Roman von Nikos Kazantzakis
Besetzung: Willem Dafoe, Harvey Keitel, Barbara Hershey, Paul Greco, Steve Shill, Verna Bloom, Roberts Blossom, Barry Miller, Gary Basaraba, Irvin Kershner, Victor Argo, John Lurie, Leo Burmester, Michael Been, Tomas Arana
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

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Packshots: © Universal Pictures Germany GmbH

 

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