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Martyrium – Grotesker Horrortrip ins belgische Hinterland

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Calvaire

Von Volker Schönenberger

Horror-Groteske // Für schmales Honorar tingelt Kleinkünstler Marc Stevens (Laurent Lucas) mit seinem Musikprogramm durch die belgische Provinz. Nach einem Auftritt im Altersheim wird er schon mal von einer Bewohnerin unsittlich angegangen. Auch die Pflegedienstleiterin (Brigitte Lahaie) ist von ihm mehr als angetan, kaum kann sich Marc aus ihrer Umarmung lösen, bevor er aufbricht. Dass sie ihm einige freizügige Fotos in seinen Honorarumschlag gepackt hat, bemerken wir etwas später.

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Was treibt den sonderbaren Gastwirt Bartel an?

So unbehaglich, wie sich Marc dabei fühlt, fühlt sich auch der Zuschauer von Beginn an. Ein paar Zudringlichkeiten im Pflegeheim bereiten aber weder Marc noch den Filmgucker auf den irrwitzigen Trip in die belgischen Backwoods vor, der nun folgt. Der junge Eigenbrötler gerät in eine abgelegene Gegend, wo sein Lieferwagen mit einer Panne liegenbleibt. Der einsame Gastwirt Bartel (Jackie Berroyer) erweist sich als hilfsbereit, nimmt Marc auf, schleppt am nächsten Morgen sogar dessen Auto zum Gasthof. Doch dann beginnt der Leidensweg des jungen Musikers – Bartel steigert sich in den Wahn hinein, Marc sei seine Frau Gloria, die ihn vor Jahren verlassen hat. Der Gastwirt ist nicht willens, die geliebte Gloria noch einmal ziehen zu lassen …

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Marc gerät in einen Albtraum …

Wem das schon absurd vorkommt, der möge sich bei den übrigen belgischen Hinterwäldlern auf etwas gefasst machen. Das bekommt beispielsweise ein Kalb zu spüren, dass von einem Knilch kurzerhand sodomiert wird, während dessen Genossen das Geschehen anerkennend verfolgen. Es wird nicht das einzige kranke Erlebnis bleiben, das Marc mitbekommt, bald steht er selbst im Zentrum der Aufmerksamkeit.

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… aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint

Ursprünglich in Deutschland unter dem plakativen, aber ebenso zutreffenden Titel „Calvaire – Tortur des Wahnsinns“ veröffentlicht, ist der Film 2010 als Nummer 9 der schönen Reihe Störkanal erschienen, die anscheinend leider mittlerweile eingestellt worden ist. Die alternativen Titel „Martyrium“ und „The Ordeal“ (englisch für Tortur) passen ebenso, muss Marc doch eine Leidenstour durchlaufen, die sich gewaschen hat und mit religiösen Anspielungen bis hin zu einer Kreuzigung gespickt ist. Der Originaltitel „Calvaire“ ist das französische Wort für den Kalvarienberg, die Hinrichtungsstätte Christi – heute steht das Wort auch für Nachbildungen der Passion Christi.

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Schließlich gelingt ihm doch die Flucht …

2004 lief „Martyrium“ beim Fantasy Filmfest, wo ich ihn erstmals gesehen habe. Seinen Platz als Centerpiece des Festivals hatte sich die Horror-Groteske redlich verdient, auch wenn sie sich gängigen Genre-Zuweisungen entzieht. Ja, man kann den Film als europäischen Beitrag zum Backwoods-Horror sehen, aber er ist weit mehr als eine Europäisierung eines US-Sujets. Seinerzeit ist er in die Nähe des französischen Terrorbeitrags „High Tension“ von Alexandre Aja („Horns“) gerückt worden. Obwohl der dort den ultrabrutalen Killer spielende Philippe Nahon auch in „Martyrium“ mitwirkt, hinkt der Vergleich aber, da Fabrice Du Welz‘ erster Kinofilm weitaus bizarrer und grotesker daherkommt. Das ist alles andere als leichter Mainstream-Stoff, wobei es Du Welz nicht um eine Leistungsschau von Brutalitäten geht. Horrorvielgucker werden Härteres gewohnt sein. Zum harten Stoff wird „Martyrium“ dadurch, dass sich Opfer Marc wie in einem surrealen Albtraum wähnen muss, was für die Zuschauer durch den gezielten Einsatz von Farbe und Entzug von Farbe verstärkt wird. Einer fiesen Sumpfszene im Finale zum Trotz gönnt der Regisseur weder Marc noch den Filmguckern eine Katharsis in Form eines Akts der Vergeltung.

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… aber seine Häscher blasen zur Jagd

Etliche Szenen lassen herbstliche Kälte und Nässe körperlich spürbar werden und kulminieren am Ende in winterlichen Waldmotiven, die frösteln lassen. Auch der Verzicht auf einen Score verstärkt die außergewöhnliche Wirkung, sind wir doch heute aufgrund ausufernder Soundtracks anderes gewohnt. „Martyrium“ ist ein Juwel unter den Hinterland-Terrorfilmen für Freunde abseitiger cineastischer Erlebnisse. Lasst alle Hoffnung fahren!

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Martyrium

Veröffentlichung: 26. November 2010 und 29. September 2006 als DVD

Länge: 88 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Calvaire
Alternativtitel: The Ordeal / Calvaire – Tortur des Wahnsinns
BEL/F/LUX 2004
Regie: Fabrice Du Welz
Drehbuch: Fabrice Du Welz, Romain Protat
Besetzung: Laurent Lucas, Jackie Berroyer, Philippe Nahon, Brigitte Lahaie, Gigi Coursigny, Philippe Grand’Henry
Zusatzmaterial: Making-of, Audiokommentar von Regisseur Fabrice Du Welz, Trailer, Trailershow, Booklet, O-Card (Vertikalschuber)
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2010 WVG Medien GmbH / I-On New Media GmbH

 
 

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