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Ridley Scott (IX): The Last Duel – Historischer Zweikampf mit aktueller Botschaft

The Last Duel

Kinostart: 14. Oktober 2021

Von Andreas Eckenfels

Historiendrama // Mit einem Zweikampf begann Ridley Scotts Regiekarriere: Für „Die Duellisten“ mit Harvey Keitel und Keith Carradine gewann er 1977 bei den Filmfestspielen von Cannes den Preis für das beste Debüt. Seitdem wurden viele weitere Kämpfe in seinen Filmen ausgefochten: Ellen Ripley gegen den Xenomorph in „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (1979), Rick Deckard gegen den Replikantenanführer Roy Batty in „Blade Runner“ (1982) oder Maximus gegen Commodus in „Gladiator“ (2000). Nun blickt Ridley Scott in „The Last Duel“ auf ein historisch verbrieftes Duell um Leben und Tod zurück, welches zum Ende des 14. Jahrhunderts in Frankreich stattgefunden haben soll.

Freunde werden zu Rivalen

1386 stehen sich in einer Arena der Ritter Jean de Carrouges (Matt Damon) und der Junker Jacques Le Gris (Adam Driver) auf ihren Pferden in voller Rüstung mit Lanzen unter dem Arm geklemmt gegenüber. Nachdem die zwei Duellanten das erste Mal ineinandergekracht sind, springt die Handlung zurück ins Jahr 1370. Damals, so erfahren wir, kämpften der tapfere Recke Carrouges und der gebildete Le Gris, Sohn eines normannischen Gutsherrn, Seite an Seite für den französischen König. Le Gris verteidigt seinen Freund sogar vor dem Lehnsherren Graf Pierre d’Alençon (Ben Affleck), als Carrouges in finanzielle Not gerät und seine Pacht nicht zahlen kann.

Die Freunde Jean de Carrouges (l.) und Jacques Le Gris kämpfen Seite an Seite für den französischen König

Carrouges Geldsorgen und der Zwang einen männlichen Erben zu bekommen, führen dazu, dass er Marguerite (Jodie Comer) zur Frau nimmt. Die Tochter von Sir Robert de Thibouville (Nathaniel Parker) bringt eine beträchtliche Mitgift in die Ehe ein, darunter an sich auch einen Landbesitz, den sich aber zuvor schon Le Gris unter den Nagel gerissen hatte. Carrouges legt Klage ein. Doch da Graf Pierre d’Alençon im Grundstücksstreit natürlich zugunsten seiner rechten Hand Le Gris entscheidet, beginnt die Freundschaft zwischen Le Gris und Carrouges langsam zu bröckeln. Die Rivalität zwischen den zwei Männern steigert sich über die Jahre durch weitere Ereignisse immer mehr und gipfelt schließlich in einer brutalen Attacke: Als Carrouges von einer Reise nach Paris zurückkehrt, berichtet Marguerite ihm, Le Gris habe sie überraschend besucht und vergewaltigt. Obwohl Le Gris die Tat bestreitet, bleibt Marguerite bei ihrer Aussage – für die sie ihr Gatte in diesen Zeiten töten könnte.

Doch Carrouges entscheidet sich dagegen: Um die Schande von seiner Familie zu nehmen, zieht er schließlich zum Justizpalast nach Paris und bittet Charles VI. (Alex Lawther) erfolgreich um ein Gottesurteil: Ein Duell zwischen Carrouges und Le Gris um Leben und Tod soll über die Wahrheit in dem Streit entscheiden. Verliert Carrouges, muss auch Marguerite sterben – auf dem Scheiterhaufen.

Erzählmuster à la Akira Kurosawa

Angeblich soll dies der letzte offiziell dokumentierte gerichtliche Zweikampf seiner Art in Europa gewesen sein. Nach jahrelanger Recherche hatte der US-Autor und Mittelalterexperte Eric Jager die wahre Geschichte in „The Last Duel: A True Story of Trial by Combat in Medieval France“ 2004 in Romanform veröffentlicht. Matt Damon und Ben Affleck übernahmen in Ridley Scotts mitreißender Verfilmung nicht nur tragende Rollen, erstmals seit ihrem mit dem Oscar-gekrönten Skript für „Good Will Hunting“ (1997) schrieben beide auch gemeinsam wieder das Drehbuch. Um der weiblichen Perspektive auf den Fall gerecht zu werden, engagierten sie zusätzlich Nicole Holofcener („Can You Ever Forgive Me?“, 2018) als Unterstützung hinzu.

Graf Pierre d’Alençon fördert den belesenen Jacques Le Gris

Die Autoren bedienen sich dabei eines alten Drehbuchkniffs, der seit Akira Kurosawas „Rashomon – Das Lustwäldchen“ (1950) weit verbreitet ist: Die Geschichte ist in drei Kapitel unterteilt. Wie bei einer Zeugenbefragung erfahren wir zunächst Jean de Carrouges’ Sicht auf die Ereignisse, die zu dem Konflikt führten, anschließend folgt die Perspektive von Jacques Le Gris, zuletzt ist Marguerite an der Reihe. Somit bekommen die Zuschauer und Zuschauerinnen mehrmals die gleiche Geschichte erzählt. Obwohl sich einige Passagen zwangsläufig wiederholen, kommt keine Langeweile auf: Es sind die kleinen, aber feinen Unterschiede in den Aussagen, die für Spannung sorgen und zuvor gefasste Meinungen verschieben. Zudem ist der authentische Blick auf das mittelalterliche Rechtssystem höchst interessant – Jager konnte für seinen Roman die originale, handgeschriebene Akte mit den juristisch gültigen Zeugenaussagen einsehen, die dank des im 14. Jahrhundert benutzten robusten Pergaments sehr gut erhalten und klar leserlich waren.

An Originalschauplätzen gedreht, verströmen die epischen Bilder zusammen mit den Kostümen und der Ausstattung mittelalterliches Flair durch und durch. Wer bei „The Last Duel“ ein großes Schlachtenepos erwartet hat, wird aber etwas enttäuscht werden. Das Drama steht hier mehr als die Action im Vordergrund – allerdings: Wenn im Finale das letzte Duell ausgefochten wird, geschieht dies mit solch brachialer Gewalt und enormer Intensität, dass einem der Atem stockt. Da werden Erinnerungen an die Kämpfe aus Ridley Scotts „Gladiator“ wach.

Parallelen zu #metoo

Was der Geschichte von „The Last Duel“ für ein modernes Publikum die nötige Relevanz verleiht, ist nicht der Streit der beiden Männer, sondern die Rolle von Marguerite de Carroughes. Sie wird zur eigentlichen Heldin der Handlung, nicht die tapferen Rittersleute. In einer Zeit, als Frauen über keinerlei Rechte verfügten und nur als Gebärmaschinen sowie für den Triebabbau der Männer dienten, fasste sie den Mut, nicht zu schweigen – trotz des hohen Risikos, von ihrem Ehemann wegen Untreue getötet oder für immer öffentlich gebrandmarkt zu werden. Hier werden unübersehbare Parallelen zur #metoo-Bewegung gezogen – selbst heutzutage werden Frauen leider noch stigmatisiert, wenn sie ihre Stimmen wegen sexuellen Missbrauchs erheben. Dass es zwischen mächtigen Männern eine Art „Schweigegelübde“ bei solchen Taten gibt, wird im Film durch die Beziehung von Graf Pierre d’Alençon und Jacques Le Gris demonstriert, die sich für ihre Gelüste gern mal die Frauen teilen. Zudem will Jean de Carrouges mit dem damals schon veralteten Brauch des Gottesurteils nur seinen eigenen Namen reinwaschen und seine Ehre wieder herstellen. Das Schicksal seiner Ehefrau ist ihm relativ egal – Hauptsache sie bringt ihm einen männlichen Nachkommen auf die Welt.

Marguerite will nicht schweigen

Wenn man bedenkt, dass Matt Damon und Ben Affleck zu Beginn ihrer Karrieren stark von Harvey Weinstein profitiert haben und gefördert wurden – unter anderem wurden „Good Will Hunting“, „Dogma“ (1999) und „Der talentierte Mr. Ripley“ (1999) von dessen Firma Miramax produziert beziehungsweise verliehen –, kann man „The Last Duel“ fast als reumütiges Entschuldigungsschreiben der beiden Hollywood-Stars interpretieren. Vielleicht haben sie sich zur Buße deshalb auch solche schrägen – wenn auch historisch wohl korrekten – Frisuren für ihre Figuren auferlegt.

Ridley Scott und die Frauen

Betrachtet man die Filmografie von Ridley Scott sind solche selbstbewussten Frauenfiguren, die in typische Männerrollen schlüpfen oder sich gegen Männer behaupten, nicht ungewöhnlich: Die schon erwähnte Ellen Ripley gilt nicht umsonst als eine der ersten weiblichen Actionheldinnen der Filmgeschichte. Im gefloppten „Die Akte Jane“ (1997) will Demi Moore als Soldatin als erste Frau bei den US Navy SEALs aufgenommen werden – hartes Ausbildungsprogramm und Glatze inklusive. Dann ist da natürlich das Roadmovie „Thelma & Louise“ (1991) mit Susan Sarandon und Geena Davis, die sich als Freundinnen gegen die Unterdrückung durch die Männerwelt auflehnen. Zudem startet am 25. November Scotts „House of Gucci“ in den Kinos, in welchem Lady Gaga als Patrizia Reggiani das Modehaus Gucci zum Wanken bringt.

Gott soll sie richten!

In diese Riege passt Marguerite de Carroughes bestens hinein, hervorragend verkörpert von Jodie Comer, die dank ihrer Leistung in der grandiosen schwarzhumorigen Thrillerserie „Killing Eve“ nun den Sprung nach Hollywood geschafft hat, zuletzt in „Free Guy“ (2021). Auch Ridley Scott setzt erneut auf das Talent der Britin und besetzte sie neben Joaquin Phoenix in seinem kommenden Napoleon-Biopic „Kitbag“. Die Dreharbeiten sollen Anfang 2022 beginnen. Ach, ja. Danach will der aktuell 83-jährige Ridley Scott wirklich noch „Gladiator 2“ drehen, wie er in einem Interview bekräftigte.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Ridley Scott haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Ben Affleck, Matt Damon, Adam Driver, Zeljko Ivanek und Michael McElhatton unter Schauspieler.

Das Duell auf Leben und Tod beginnt

Länge: 152 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Last Duel
USA/GB 2021
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Matt Damon, Ben Affleck, Nicole Holofcener
Besetzung: Matt Damon, Ben Affleck, Jodie Comer, Adam Driver, Harriet Walter, Alex Lawther, Zeljko Ivanek, Michael McElhatton, Marton Csokas, Nathaniel Parker, Serena Kennedy
Verleih: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Copyright 2021 by Andreas Eckenfels

Filmplakat & Trailer: © 2021 Walt Disney Studios Motion Pictures Germany,
Fotos: © 2021 20th Century Studios, Fotos 1, 3 & 4: Patrick Redmond, Foto 2: Jessica Forde

 

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Geronimo – Eine amerikanische Legende: Macht und Ohnmacht der „Kraft“

Geronimo – An American Legend

Von Tonio Klein

Western // Zunächst war da „Der mit dem Wolf tanzt“ (1990). Nicht der erste größere Western auf Seiten und mit Binnenperspektive der Indianer (mein früherer Favorit: „Chatos Land“, 1972). Aber ein so großer Erfolg, dass er Walter Hills schon früher gehegtes „Geronimo“-Projekt finanzierbar machte. Und das ist auch gut so, wenngleich man sich von gewissen Genre-Erwartungen verabschieden muss. Ähnlich dem ungleich populäreren „Erbarmungslos“ (1992) von und mit Clint Eastwood ist „Geronimo“ Western und Anti-Western zugleich. Er lässt die Pracht scheinbar (und bildlich nicht nur scheinbar) noch einmal aufleben, um die Erwartungen an einen actionreichen Unterhaltungs-Western gleichzeitig zu schüren und zu zerstören. Erstaunlicherweise, indem er sie sogar bedient, aber ganz anders als erwartet.

Geronimo: immer gravitätisch

Doch nähern wir uns Film und Mythos ganz allmählich. Regisseur Walter Hill und sein Co-Drehbuchautor John Milius sind für ruppige Action bekannt, waren aber an der Wirklichkeit und am Mythos mehr als am Knalleffekt interessiert. Die Figuren basieren auf realen Personen. Soweit bekannt, hat der Film deutlich weniger Veränderungen vorgenommen als Hills späterer „Wild Bill“ (1995). In einem Spielfilm den „wilden Westen“ zu zeigen, wie er (wohl) wirklich war, das ist eine Herkulesaufgabe, an der schon viele gescheitert sind, falls sie es überhaupt ernsthaft versucht haben. „Geronimo“ ist da Beachtliches gelungen, und zwar auf die einzige Weise, in der dies in Spielfilmform möglich ist: indem er gar nicht daran denkt, das notwendig Künstlerische und Künstliche des Mediums zu verleugnen. Stattdessen macht er es sich zunutze. Farb- und Bildkompositionen, Montage, Symbole, Erzählperspektive, Schnittfolgen – alles ist bis ins Letzte durchkomponiert. Und damit legt er etwas frei, statt es zuzukleistern, das muss man erst einmal hinbekommen.

Der grüne Junge und der ältere weise Mann

Während in „Wild Bill“ der Ich-Erzähler fast zum gesichtslosen Chronisten zu verkommen droht, hat Hill hier einen Erzähler, der zwar auch nicht die Hauptrolle, aber eine Entwicklung durchzumachen hat. Scheinbar archetypisch und schon oft verwendet: Der frischgebackene Jungoffizier Britton Davis (ein ganz junger Matt Damon!) kommt von der Militärakademie West Point zur 6. Kavallerie nach Arizona, um unter First Lieutenant Gatewood (Jason Patric) die Apachen-Leitfigur Geronimo (der übrigens nie „Häuptling“ war) nach dessen erster Kapitulation in ein Reservat zu eskortieren. Davis’ Perspektive ist klug gewählt, denn wir kommen mit ihm in eine unbekannte Welt, und wir lernen mit ihm. Die Tatsache, dass fiese Indianerhasser eher nur am Rande auftreten, gerät dem Film zum enormen Gewinn, denn wir können uns nicht darauf zurückziehen, diese zu verdammen. Stattdessen werden viel grundsätzlichere Probleme verhandelt. Nicht obwohl, sondern WEIL viele Männer der Armee als im Wesentlichen human präsentiert werden (hier gibt es großartige Rollen für Gene Hackman und Robert Duvall), muss man einen Widerspruch aushalten: Wie lässt sich eine indianerfreundliche Haltung bloß mit dem Ansinnen vereinbaren, diese Völker in Reservate zu verpflanzen, in denen sie nicht nur den überwiegenden Teil ihres angestammten Landes, sondern vor allem ihre Lebensweise und damit ihre Kultur aufgeben müssen? Hier ist der Film sozusagen radikal, indem er nicht barbarische Auswüchse, sondern die Indianerpolitik als Ganzes in Frage stellt. Und damit den einen oder anderen Mythos der Besiedelung des wilden Westens durch die Weißen, der doch in so vielen Western verklärt worden war.

Noch ist der gezielte Schuss nicht tödlich

Der Darstellung der Apachen (in den Rollen sind amerikanische Ureinwohner zu sehen) krankt höchstens minimal daran, dass ihre Dialoge ständig zu gravitätisch daherkommen, sodass sie eben doch nicht wie Menschen wie du und ich wirken. Immerhin wird die indianische Kultur zelebriert, aber nicht romantisiert. Und Geronimo (Wes Studi) ist alles andere als das Klischee des „edlen Wilden“; der Mann ist ein Krieger und hat jede Menge Menschenleben auf dem Gewissen! Zunächst führt der Film den Mann ehrfurchtgebietend ein und betont auch dabei die Lern-Perspektive Davis’ – der grüne Junge und der ältere weise Mann. Letzterer scheint nicht besonders gewalttätig, und als er erstmals präzise ein Gewehr einsetzt, geschieht dies höchst effektvoll, um eine „Posse“ ohne Blutvergießen zu vertreiben.

Ordnung, Chaos und Anti-Action

Doch dabei wird es nicht bleiben, und nun sei einmal auf Bildgestaltung und Erzähltechnik zu sprechen gekommen. Hills Film ist schön. Sehr schön. Unglaublich schön. Zu schön, um gut zu sein? Nein – der Mann scheint sehr genau zu wissen, was er da tut. Natürlich haben viele Regisseure die Originallandschaften traumhaft eingefangen, John Ford das Monument Valley, Raoul Walsh (mit düsteren Untertönen) Arizona. Dort und im angrenzenden Mexiko spielt auch „Geronimo“. Hill schafft beeindruckend arrangierte Panoramen vor statischer Kamera, in denen er nicht einfach draufhalten lässt und alles in ein (manchmal etwas übertriebenes) Rotgoldbraun taucht. Er achtet sehr genau, fast wie ein Maler, auf die Bildkomposition: Da gibt es Linien, die in der Horizontalen kontrastierende Streifen von Himmel, Bergen (teils schneebedeckt, also blau, grau, weiß), näheren Felsen und dem Wüstenboden (rötlich) bilden. Aber genau diese Bilder sind so erhaben schön wie trügerisch. Das ist nämlich kein Schlachtenepos, sondern ein Film, in den die Aktion wie ein brutaler Fremdkörper hereinbricht – durch schnelle, schroffe „Inserts“, Nahaufnahmen, die das Chaos in die scheinbare Ordnung bringen. „Geronimo“ scheint immer wieder große Actionszenen anzukündigen, also solche, die choreografierte und ästhetisierte Schauwerte über viele Minuten verheißen. Aber die Zeiten sind vorbei, in denen es daraufhin bleihaltige, doch immer noch prächtige Pferdeopern zu sehen gab – „Der Verrat des Surat Khan“ (1936, deutscher DVD-Titel: „Der Angriff der leichten Brigade“) und „Sein letztes Kommando“ (1941) kommen in den Sinn. Hill würgt die Action durchweg schnell ab und geht mit raschen Schnitten und oft mit Nahaufnahmen vor. Gewalt ist nichts Durchgeplantes, sie ist eine so plötzliche wie heftige Eruption, die schnell vorbei ist. Aber sie hinterlässt blutige Spuren (über FSK 12 ließe sich streiten).

Gatewood wird nicht auf Distanz bleiben

Und vor allem hat sie Folgen! Als ähnlich wie oben beschrieben eine Konfrontation aus dem Ruder läuft und ein Medizinmann unnötigerweise erschossen wird, entschließt sich Geronimo zur Flucht und zum Leben eines (aus US-Sicht) Gesetzlosen in den Bergen Mexikos. Seine Schüsse werden jetzt auch tödlich sein. Gemäß den realen Geschehnissen hat er der Getreuen nur wenige, aber hält erstaunlich lange stand, schließlich mit seinen Leuten ausgehungert. Eine Selbstbehauptung, die ihm seinen Stolz zurückgibt, die aber nicht in einen glorreichen letzten Kampf führen kann, nicht einmal in eine actionreiche Selbstaufopferung: Hill hat die Chuzpe, das Finale geradezu antiklimaktisch zu erzählen; es ist ein actionloses Fatum. Gut, wer Hill kennt, weiß, dass man sich bei ihm nicht immer auf einen traditionellen Erzählbogen verlassen kann. Beispielsweise ist sein „Last Man Standing“ (1996) eine noch hinterhältigere finale Action-Verweigerung, da – anders als hier – Ballereien zuvor regelrecht zelebriert worden waren.

Die Tragik des Unvermeidlichen

Hinterhältig ist in „Geronimo“ indes nichts, sondern konsequent. Der Mann und sein Volk können nur verlieren. Da nützt es auch nichts, dass Geronimo und Lieutenant Gatewood einander immer weiter annähern und einander sogar anvertrauen, was in ihrer Religion das Heiligste ist. Denn das Kreuz, dessen Friedensbotschaft Gatewood ernst nimmt, diente bekanntermaßen allzu oft dem glatten Gegenteil, gerade bei der „Eroberung des gelobten Landes“ im Westen. Und das Spirituelle, was die Apachen ihre „Kraft“ nennen, nützt ihnen nichts. Am Ende wird sie Ohnmacht statt Macht. Eine bittere Pointe in einem sich mit gegensätzlicher Bedeutung wiederholenden Bild einer Eisenbahn sei nicht verraten. How the West was lost. Koch Films präsentiert den Film in hervorragender Bild- und Tonqualität.

Gatewood gebietet (Ein-)Halt

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Walter Hill haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Matt Damon, Robert Duvall und Gene Hackman unter Schauspieler.

Schönheit vor dem Chaos und der Gewalt

Veröffentlichung: 20. Juni 2019 als Blu-ray, 9. Oktober 2001 als DVD

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 110 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Geronimo – An American Legend
Alternativtitel: Geronimo – Das Blut der Apachen
USA 1993
Regie: Walter Hill
Drehbuch: John Milius, Larry Gross
Besetzung: Wes Studi, Jason Patric, Gene Hackman, Robert Duvall, Matt Damon, Rodney A. Grant, Kevin Tighe, Steve Reevis, Stephen McHattie, Victor Aaron, John Finn
Zusatzmaterial: Trailer, nur Blu-ray: Bildergalerie, isolierte Musiktonspur, Booklet, Vertikalschuber, nur DVD: Filmografien
Label Blu-ray: explosive media
Vertrieb Blu-ray: Koch Films
Label/Vertrieb DVD: Sony Pictures Entertainment

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & Packshot Blu-ray: © 2019 explosive media,
Packshot DVD: © 2001 Sony Pictures Entertainment

 

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Contagion – Die Realität ist klüger

Contagion

Von Lucas Gröning

Thrillerdrama // 2020 wird als das Jahr in die Geschichte eingehen, welches von einem Thema dominiert wurde: das Coronavirus. Noch nie gab es in den westlichen Demokratien derartig einschneidende Beschränkungen der Grundrechte und doch erscheinen sie angesichts der vorliegenden Bedrohung gerechtfertigt – je nachdem, welchem öffentlich auftretenden Virologen man sein Vertrauen schenkt. Klar ist nur, dass das Virus die Welt vor enorme Herausforderungen stellt und das Interesse an Informationen über die Sachlage enorm ist. So verwundert es nicht, dass damit ein neues Interesse an Filmen einhergeht, die in der Vergangenheit bereits Pandemien thematisierten, seien es reale oder fiktive. So erlangen etwa Wolfgang Petersens „Outbreak – Lautlose Killer“ (1995) und Steven Soderberghs „Contagion“ (2011) nun Aufmerksamkeit. Um letztgenanntes Werk geht es in der vorliegenden Rezension, und bei „Contagion“ verwundert es auf den ersten Blick doch, dass sich der Film nicht ins kollektive Gedächtnis einbrennen konnte.

Tod nach Asienreise

Zunächst zur Handlung: Beth Emhoff (Gwyneth Paltrow), kehrt von einer Dienstreise aus Asien zurück zu ihrem Ehemann Mitch (Matt Damon). Kurz darauf fühlt sie sich sonderbar, bekommt hohes Fieber und muss schlussendlich ins Krankenhaus eingeliefert werden, wo sie stirbt. Währenddessen zeigt ihr Sohn aus einer vorherigen Ehe, Clark (Griffin Kane), ähnliche Symptome und stirbt ebenfalls, während Mitch erst noch den Verlust von Beth verarbeiten muss. Es zeigt sich, dass Mutter und Sohn Opfer eines in Asien aufgetretenen Virus geworden sind, welcher bald eine weltweite Pandemie auslöst. Während die Menschen in der Folge mit der Krankheit, den Einschränkungen ihrer Grundrechte und leergekauften Supermarktregalen zu kämpfen haben, begibt sich ein Team um Dr. Ellis Cheever (Laurence Fishburne) und Dr. Erin Meers (Kate Winslet) auf die Suche nach dem Erreger und an die Entwicklung eines Impfstoffs.

Auflauf der Stars

Regisseur Steven Soderbergh hatte sich damals mit Filmen wie „Erin Brokovich“ (2000), „Solaris“ (2002) und der „Ocean’s“-Trilogie (2001-2007) bereits einen Namen gemacht. Gerade in den „Ocean’s“-Filmen bewies Soderbergh, dass er es schaffen kann, einen mit Stars gespickten Cast zu einem funktionierenden Kollektiv zusammenzufügen – eine Herausforderung, die ihn auch beim Dreh von „Contagion“ erwarten sollte. So schmücken illustre Namen wie Matt Damon („Bourne“-Reihe, „Le Mans 66 – Gegen jede Chance“), Kate Winslet („Titanic“, „Vergiss mein nicht“), Laurence Fishburne („John Wick“-Reihe, „Matrix“-Reihe), Jude Law („Duell – Enemy at the Gates“, „Road to Perdition“), Marion Cottilard („La vie en rose“, „Macbeth“), Gwyneth Paltrow („Sieben“, „Iron Man“-Reihe) und viele andere die Leinwand – zum Teil mit kurzen Auftritten. Bemerkenswert beispielsweise, dass sich Oscar-Preisträgerin Paltrow („Shakespeare in Love“) mit einem solchen Kurzauftritt als erstes Opfer der Pandemie begnügt. Mehr Stars sieht man in dieser Konzentration selten auf der Leinwand. Doch warum erreichte der Film 2011 nicht jene Bekanntheit, welche er gegenwärtig genießt?

Dramaturgische Schwächen und Abziehbilder

Das mag vor allem daran liegen, dass Soderberghs Werk als Unterhaltungsfilm nur sehr eingeschränkt funktioniert. Der Regisseur konzentriert sich eher auf die sachliche und kühle Bearbeitung einer solchen Ausnahmesituation. Im Fokus stehen die Suche nach dem Erreger und der Entwicklung des Impfstoffs, Einzelschicksale spielen eine untergeordnete Rolle. So verwenden die dargestellten Ärzte, Wissenschaftler und Entscheidungsträger meist Fachvokabular und treiben damit eine trotzdem zu jedem Zeitpunkt nachvollziehbare Geschichte voran – jedoch keine besonders spannende. So „korrekt“ und realitätsgetreu sich die Protagonisten auch ausdrücken, so wenig trägt diese Ausdrucksweise zu einer funktionierenden Dramaturgie bei. Das wird am besten daran deutlich, dass die wenigen Momente, in denen der Film versucht, sein Publikum eine Bindung zu den Figuren aufbauen zu lassen, misslingen. Zum einen liegt das an der hohen Zahl an Figuren, von denen keine genügend Zeit bekommt, sodass kein echtes Kennenlernen möglich ist. Zum anderen liegt es an der schablonenhaften Zeichnung der Charaktere. Diese sind lediglich Abziehbilder klassischer Hollywoodfiguren, außergewöhnliche Motive bleiben ihnen verwehrt. Es gibt den treusorgenden Vater, die aufständische Tochter und den klugen, älteren Wissenschaftler. Selbstverständlich ist es tragisch, wenn ein Familienvater seine Frau und ein Kind verliert, aber das wurde in anderen fiktiven Werken des Mediums auch schon tausendmal erzählt – oftmals glaubwürdiger.

Die gesichtslose Masse

Neben der holprigen Geschichte hat der Film weitere Schwächen. Zwar wird hier ein durchaus glaubwürdiges und von der Grundidee spannendes Thema aufbereitet, jedoch ist der Film in dessen Ausbreitung recht einfältig und ideologisch fragwürdig: Skizziert wird hauptsächlich das Verhalten der intellektuellen und ökonomischen Elite, deren Protagonisten als Retter der Gesellschaft gezeigt werden. Ihre Handlungs- und Opferbereitschaft sollen der Menschheit die Befreiung vom tödlichen Virus bringen. Die Arbeiter und weniger Privilegierten werden im Gegenzug als mehr oder weniger gesichtslose Masse dargestellt, die zum passiven Objekt elitärer Entscheidungsträger verkommt. Selbst der von Matt Damon porträtierte Mitch Emhoff wird zu einer Figur degradiert, welcher außer ihrer strengen Autorität gegenüber seiner Tochter keine Handlungsvollmachten gegönnt werden. Zum Lösen der globalen Krise kann er als Teil der Arbeiterschicht nichts beitragen. Stattdessen wird er, genau wie der von Jude Law verkörperte Alan Krumwiede, durch seine Passivität zur Symbolfigur einer dummen Masse, welche Märkte leerkauft, Läden plündert und Verschwörungstheorien verbreitet. Mehrmals im Film wird dazu das Verschweigen von Informationen mit der Angst vor einer Massenpanik gerechtfertigt, ein demokratischer Diskurs um den Umgang mit dem Virus soll nach Möglichkeit vermieden werden. Die Aussage hier: Demokratie ist schön und gut, aber wenn es um wirklich wichtige Entscheidungen geht, muss die Öffentlichkeit nicht allzu viel davon erfahren. Zwar wird diese Haltung von einigen Figuren auch mal hinterfragt, nach einem kurzen Abwägen entscheidet man sich aber doch dazu, den bereits eingeschlagenen Weg des geringsten Übels weiter zu verfolgen – willkommen im postdemokratischen Zeitalter!

Innovation und Gewöhnlichkeit

Das alles präsentiert uns Soderbergh in einer recht ansprechenden, teilweise sogar innovativen, am Ende aber doch recht einfachen und typischen Hollywoodästhetik. Hierbei ragen vor allem zwei Stilmittel aus der Gewöhnlichkeit heraus: Beleuchtung und Montagen. Sehen wir beispielsweise den Großteil des Films in einem Grünstich, welcher perfekt dazu geeignet ist, die toxische Umgebung adäquat zu unterstreichen, so sind Bilder, in denen gegen das Virus immune Figuren wie etwa einige Ärzte gezeigt werden, in einem hell und „rein“ anmutendem Blau zu sehen. Die Montagen wiederum dienen dazu, die Verbreitung des Virus paralell an mehreren Orten zu zeigen und so ein Gefühl von Gleichzeitigkeit zu erzeugen. Darüber hinaus versteht es Soderbergh, der unter dem Pseudonym Peter Andrews auch die Kameraarbeit übernommen hat, einzelne Aspekte des Films rein über die Bildsprache zu erzählen. Gerade die Szenen, in denen uns der Regisseur die Übertragung des Virus über verschiedene Objekte wie Haltestangen in Straßenbahnen und Bussen zeigt, sind recht schön anzuschauen und markieren neben einigen schön auskomponierten Einzelbildern und Jump Cuts die filmischen Highlights von „Contagion“. Leider ist der Rest typisches Hollywoodkino. Die Bilder sind meist schön glattgebügelt und auf Hochglanz poliert. Hier hätte etwas mehr Mut zum „Dreck“ dem Film sicher gutgetan und ihm zu einer eigenen Identität verhelfen können.

Realität über Fiktion

Soderbergh zeichnet mit „Contagion“ eine Welt, in der die Ereignisse zwar zum Teil stark überzeichnet werden, in deren Gundzügen jedoch viele Aspekte erkennt, mit denen auch die reale Weltbevölkerung gegegenwärtig konfroniert wird. Die Paralellen zur aktuellen Entwicklung des Coronavirus sind dabei erstaunlich, sowohl was das Zeigen von Konsequenzen der Pandemie wie dem Leerkaufen von Supermärkten angeht als auch die Entstehung von Verschwörungstheorien. Zugleich finden sich hier bereits Begriffe wie Herdenimmunität und Reproduktionsrate, mit denen spätestens seit Corona viele Menschen etwas anfangen können. Diese Paralellen sind es wohl auch, welche der Popularität des Films seinen zweiten Frühling bescheren – oder gar ersten, bedenkt man die moderate Aufmerksamkeit, die „Contagion“ zum Zeitpunkt der Kinopremiere beschert war. Die Parallelen enden jedoch gerade im interessanten Teil der Pandemie, nämlich dem Politischen. Hier geht das Thrillerdrama einen anderen Weg, denn während in unserer westlichen Welt vor allem der Ruf nach Transparenz herrscht und es einen breiten öffentlichen Diskurs gibt, ist der Virus in „Contagion“ eine Angelegenheit für die Eliten. Bei Soderbergh geht es da vor allem um die Frage „Wie können die Menschen möglichst schnell zur Normalität zurückkehren?“, während die Öffentlichkeit in der Realität auch Fragen der Nachhaltigkeit stellt sowie alternative Wirtschaftsformen, Lebens- und Gesellschaftsentwürfe ins Zentrum der Diskussion stellt. So ist es ausgerechnet die tatsächliche Coronakrise, welche die Einfältigkeit und den Konservatismus von „Contagion“ entlarvt, denn die breite Masse erscheint in Wirklichkeit deutlich klüger und differenzierter, als Soderbergh es sich in seinem Film eingestehen will.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Steven Soderbergh haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Marion Cotillard, Gwyneth Paltrow und Kate Winslet unter Schauspielerinnen, Filme mit Matt Damon, Laurence Fishburne und Jude Law in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 24. Februar 2012 als Blu-ray und DVD

Länge: 106 Min. (Blu-ray), 102 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Contagion
USA 2011
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Scott Z. Burns
Besetzung: Matt Damon, Gwyneth Paltrow, Laurence Fishburne, Jude Law, Kate Winslet, Marion Cotillard, Tien You Chui, Josie Ho, Daria Strokous, Griffin Kane, Yoshiaki Kobayashi, John Hawkes, Monique Gabriela Curnen
Zusatzmaterial: Featurette „Contagion – Wie ein Virus die Welt verändert“
Label/Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2020 by Lucas Gröning

Unterer Packshot: © 2012 Warner Home Video

 
 

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