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Im Netz der Versuchung – Wenn ein Thunfisch dich zum Wahnsinn treibt

Serenity

Von Philipp Ludwig

Thriller // Matthew McConaughey hat ein Problem: Nachdem er, durch einen geschickten Wechsel im Rollenrepertoire, in den vergangenen Jahren zwar erfolgreich sein Image als RomCom-Darsteller schlechthin – das dem gutaussehenden Texaner nicht nur Lob und Anerkennung, sondern mitunter auch eine gehörige Portion Häme einbrachte – ablegen konnte, scheint er zuletzt dieses glückliche Händchen für gute Filmstoffe ein wenig verloren zu haben. Oder, um in der Metaphorik seines neuesten Fehlgriffs „Im Netz der Versuchung“ zu bleiben: Der letzte große Fang lässt, nach mittlerweile erlangten Oscar-Ehren (2014 für seine Hauptrolle in „Dallas Buyers Club“) und weiterer, allseits gefeierter, darstellerischer Leistungen in Werken wie „Interstellar“ und der Serie „True Detective“ (beide 2014), nun doch schon etwas länger auf sich warten.

Baker Dill – ein lässiger und geheimnisvoller Einzelgänger

In dem wilden Genre-Mix von Steven Knight („No Turning Back“) gibt er den geheimnisvollen Eigenbrötler Baker Dill. Dieser lebt seit einigen Jahren zurückgezogen auf dem karibisch anmutenden Insel-Idyll Plymouth Island, gelegen vor der Küste von Florida. Über seine Vergangenheit ist herzlich wenig bekannt, Dill ist nicht wirklich als gesellige Plaudertasche in aller Munde. Seine sozialen Kontakte beschränken sich vielmehr auf regelmäßige Besuche der einzigen Bar der Insel sowie bei seiner Liebhaberin Constance (Diane Lane, „Untreu“) und seinem Geschäftspartner Luke (Djimon Hounsou, „Blood Diamond“). Mit Luke bietet der leidenschaftliche Angler auf seinem kleinen Boot Angeltrips für gutverdienende Touristen an. Ein Geschäft, das allerdings mehr schlecht als recht zu laufen scheint. Denn wirklich zu interessieren scheint Dill sich vor allem für eine andere Angelegenheit: die Ergreifung eines riesenhaften Thunfisches, der ihm bereits wiederholt vom Haken entwischt ist und von ihm zunächst nur ehrfurchtsvoll das „Biest“ genannt wird.

Hier lässt es sich aushalten: Dill macht es sich im Inselparadies gemütlich

Und so würden seine Tage auf Plymouth Island wohl in einem immer gleichen Rhythmus aus zahlreichen Drinks, erotischen Stelldicheins und auslaugenden Angeltouren auf dem Meer ablaufen, würde da nicht eines Tages seine Ex Karen (Anne Hathaway, „Ocean’s 8“), auf der Matte stehen. Diese ist mittlerweile seit Jahren mit dem zwielichtigen wie äußerst erfolgreichen Geschäftsmann Frank Ziriakis (Jason Clarke, „Friedhof der Kuscheltiere“) liiert und hat dessen Trinksucht sowie Ausbrüche häuslicher Gewalt ein für allemal satt. Für die stolze Belohnung von zehn Millionen US-Dollar bittet sie Baker um Hilfe. Er könnte doch, bei einem gemeinsamen Angelausflug mit ihrem ebenfalls angereisten, heißspornigen und dabei vermutlich sowieso wieder betrunkenen Ehemann, diesen auf dem offenen Meer einfach „verschwinden“ lassen. Dill würde seine Verflossene gern direkt wieder zum Teufel schicken, wäre da nicht ihr gemeinsamer Sohn, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Und der scheint besonders unter den Spannungen zwischen der Mutter und dem neuen Stiefvater zu leiden und hat sich in eine Welt aus Computerspielen zurückgezogen. Was wird der vom Thunfisch besessene Baker tun? Wird er seine manische Jagd nach dem „Biest“ zurückstellen, um seinem Sohn zuliebe der verflossenen Liebe bei ihrem unmoralischen Unterfangen zu helfen?

Hommage oder Parodie?

Mit dem Auftreten von Anne Hathaway beginnt bei „Im Netz der Versuchung“ dann leider auch langsam der rapide Verfall des Niveaus im fortan zunehmend abstrusen Plot-Verlauf. Allerdings ohne dies nun an ihrer Person festmachen zu wollen und somit in die ungerechtfertigten wie völlig überzogenen, im Netz stets tobenden Hasstiraden gegen die eigentlich tolle und sympathische Darstellerin einzustimmen. Die Schwächen liegen vielmehr in dem ab diesem Zeitpunkt völlig einfallslosen und thematisch überladenen Skript des Regisseurs Knight. Umso auffallender wird dieser Niveauabfall, da sein Werk eigentlich recht solide beginnt und somit bis hierhin zumindest die Erwartungen auf ein halbwegs ansprechendes Filmerlebnis wecken konnte. Gerade die sonnige Urlaubsatmosphäre des Inselparadieses Plymouth Island ist anfangs hervorragend in Szene gesetzt, ebenso weiß McConaughey als eigenbrötlerischer Angelrowdy durchaus zu überzeugen. Auch wenn seine Figur des Baker Dill von Beginn an bereits stets, wie alle Figuren, leicht überzeichnet wirkt und daher auch gut zu dem Darsteller, der stets mit einem latenten Hang zum Overacting ausgestattet ist, zu passen scheint.

Wird Baker Dill auf das unmoralische Angebot seiner Ex eingehen?

Ebenso wird zu Beginn eine grundsolide Thriller-Atmosphäre im Stile alter Film-noir-Streifen geschaffen, dank passender musikalischer Untermalung, regnerischen Nachtszenen und dem wenig sozialen Antihelden Dill. Der Regisseur spielt hier also bewusst mit etablierten Genrekonventionen, die dann in der Figur von Hathaways Karen als geheimnisvolle Femme fatale ihren ersten klischeebeladenen Höhepunkt finden. Funktioniert der Film bis dahin noch als halbwegs gelungene Hommage an den Glanz eines mittlerweile in die Jahre gekommenen Genres und kann durch die hierbei hervorgerufenen Nostalgiewerte durchaus punkten, so kippt er durch die zunehmend überzeichneten Figuren und wirren Story schnell unfreiwillig ins parodistische – dies gilt insbesondere für den von Clarke verkörperten Ziriakis als Karikatur eines Antagonisten. Aufgrund des schnellen Verlaufs der Handlung im ersten Drittel und im Angesicht der daher noch ausstehenden Restlaufzeit des Films wird aufmerksamen Zuschauerinnen und Zuschauern beim Schauen vermutlich schnell die Ahnung befallen, dass dies noch längst nicht alles sein könnte. Leider wird man damit dann auch recht behalten, womit das eigentliche Problem des Films erst so richtig beginnt.

Käpt’n Ahab trifft „Inception“ trifft „Black Mirror“

Der knapp 60-jährige Brite Steven Knight hat sich als Drehbuchautor für tolle Erfolgsserien wie beispielsweise „Peaky Blinders“ (seit 2013) sowie beeindruckende Thriller wie David Cronenbergs „Tödliche Versprechen – Eastern Promises“ (2007) mit Viggo Mortensen und Naomi Watts durchaus einen Namen in der Branche gemacht. Darüber hinaus ist er in seiner Heimat als Miterfinder der britischen Variante von „Wer wird Millionär?“ bekannt, einen Lebenslaufeintrag, den auch nicht jeder für sich verbuchen kann. Ein weiterer Fun Fact am Rande ist, dass er damals im Vorfeld ebenfalls einen Drehbuchentwurf zu dem Film „Shutter Island“, auf Grundlage des gleichnamigen Romans von Dennis Lehane, verfasst hat, für den Film aus dem Jahre 2010 wurde schlussendlich aber das Drehbuch von Laeta Kalogridis verwendet. Die mit „Im Netz der Versuchung“ gezeigte Vorliebe für die Genres Thriller und Film noir kommt also nicht von ungefähr – zum dritten Mal nahm er dafür auch auf dem Regiestuhl Platz.

Oder steht für den Neuzeit-Käpt’n Ahab die Thunfischjagd weiterhin im Vordergrund?

Ebenso ist offensichtlich, dass sich der britische Regisseur von einer Fülle an verschiedensten Werken hat beeinflussen lassen. Neben der inszenatorischen Orientierung an gängigen Thriller-Klassikern ist dies inhaltlich vor allem an einer ganzen Reihe an philosophischen und gesellschaftspolitischen Themen zu beobachten, mit denen sich „Im Netz der Versuchung“ nach dem Auftreten von Karen und dem ersten großen Plot-Twist beschäftigt. Um Spoiler zu vermeiden, gehe ich hier nicht näher ins Detail; erwähnt sei, dass sich Knight in seinem filmischen Diskurs elementarer philosophischer Fragen wie Realität, persönlicher Identität und Moral widmet, wie sie etwa bei „Inception“ (2010) und „Elysium“ (2013) bereits deutlich ansprechender vollzogen wurden. Zudem sei hier an dieser Stelle, in Bezug auf die Grenze zwischen Realität und Einbildung, einmal auf den wunderbaren und viel zu wenig beachteten Film „Mr. Nobody“ (2010) mit Jared Leto verwiesen. Knight scheint somit auch ein wenig den Versuch zu unternehmen, auf den Zug des Zeitgeistes aufzuspringen, der in den vergangenen Jahren durch philosophisch angehauchte Erfolgsserien wie „Black Mirror“ (seit 2011) massiv geprägt wurde.

Die Gefahr der Küchentisch-Philosophie

Philosophische Diskurse und Filme schließen sich ganz sicher nicht aus. Ganz im Gegenteil, das Medium Film bietet hervorragende Möglichkeiten, um philosophische Gedankenexperimente kreativ und anschaulich durchzuspielen, wie eine ganze Reihe an Beispielen, auch neben den zuvor genannten, beweist. Allerdings birgt das auch die Gefahr, schnell ins Reich der Küchentisch-Philosophie oder den Nonsens-Bereich abzudriften, wenn dem Gezeigten zumindest ein Mindestmaß an intellektuellem Tiefgang und die nötige Leidenschaft fehlt. „Im Netz der Versuchung“ spielt leider eindeutig in dieser Kategorie. So fehlt dem Film, durch den Ideenklau bei einer Reihe anderer Werke, nicht nur die kreative Originalität, als Zuschauerin oder Zuschauer fühlt man sich ob der plump vorgetragen thematischen Diskurse auch schnell ein wenig veräppelt. Dazu werden einem die einzelnen thematischen Verweise und Metaphern dann doch zu sehr quasi mit dem Holzhammer eingeprügelt. Auch sind die Plot-Twists nur wenig überraschend, wenn man halbwegs filmaffin ist. Die Richtung, in die sich der Plot von „Im Netz der Versuchung“ nach etwa einem Drittel entwickelt, lässt sich leider bereits meilenweit gegen den Wind riechen. Nun mag man selbstverständlich entgegnen: Es ist ja nur ein Film und kein philosophisches Seminar – der soll mich unterhalten und gut ist. Dem wäre im Prinzip auch nichts entgegenzusetzen, würde „Im Netz der Versuchung“ nicht auch an dieser Stelle schlussendlich auf beinahe ganzer Linie scheitern. Denn trotz des relativ guten Beginns und der vielen Plot-Twists sowie philosophischen und metaphorischen Einschübe ist der Film inhaltlich zwar mehr als gut gefüllt, kommt aber doch nur selten wirklich mal in Fahrt. Zu sehr dreht er sich dafür gerade im Mittelteil schier endlos um sich selbst und die zentralen Fragen – Baker Dills Thunfisch-Obsession; der Frage, ob er seiner Ex helfen wird; sowie seine zunehmend wahnsinnig anmutenden Überlegungen zur Unterscheidung zwischen Wahn und Realität.

Mode-Clown, Gangster und fieser Trunkenbold in Personalunion: Frank Ziriakis

Bemerkenswert ist dagegen, mit welcher Vehemenz wenigstens die Darsteller ernsthaft und mit vollem Einsatz ihr Ding durchziehen – und das trotz der zahlreichen Logiklöcher, ins Nichts verlaufender Handlungsstränge und platter Figuren (wofür der spätere Handlungsverlauf zwar eine logische Begründung liefern möchte, die dann aber auch nicht mehr viel helfen kann). Man kommt tatsächlich nicht umhin, sich gelegentlich an Tommy Wiseaus „Meilenstein“ „The Room“ (2003) zu erinnern, dem „besten schlechtesten Film aller Zeiten“: Figuren tauchen urplötzlich auf und werden später nie wieder gesehen, Themen und Ereignisse werden angesprochen oder gezeigt und nicht weiter berücksichtigt. Man bekommt den Eindruck, Knight hätte ein wenig zu viel gewollt und am Ende selbst den Überblick über sein Werk verloren. Im Gegensatz zum erwähnten Kulthit von Wiseau gibt es bei „Im Netz der Versuchung“ allerdings so gar keinen Grund zum Schmunzeln. Denn das Ding wird fernab jeder Selbstironie von allen Beteiligten gewissenhaft durchgezogen. Dabei könnte gerade der zunehmend mürrisch agierende Baker Dill durchaus als Analogie zu seinem Darsteller interpretiert werden, der sich ebenso wie seine Figur zunehmend zu fragen scheint, wo er hier eigentlich reingeraten ist. Schade ist auch, dass tolle Darstellerinnen und Darsteller wie Diane Lane und Djimon Hounsou zu nahezu komplett unnützen Nebenfiguren degradiert werden. Einzig Jason Clarkes Fiesling Ziriakis passt mit seiner Volltrunkenheit ins Bild, wäre ein entsprechender Alkoholkonsum am Set doch vielleicht nicht die schlechteste Lösung gewesen, das ganze Wirrwarr halbwegs angemessen über die Bühne zu bringen.

Schicksal: Ladenhüter

Technisch ist an der dieser Rezension zugrundeliegenden Blu-ray nichts auszusetzen, Bild und Ton sind zumindest hervorragend. So kann man sich wenigstens an den schönen Bildern der fiktiven Plymouth Island erfreuen, ebenso an dem schönen und stimmigen Soundtrack von Benjamin Wallfisch. Auch das Bonusmaterial erfüllt mit Interviews der Beteiligten und B-Roll den minimalen Standard für heutige Veröffentlichungen. Dennoch kann man für „Im Netz der Versuchung“ definitiv keine Kauf- oder Leihempfehlung aussprechen. Aufgrund der inhaltlichen und inszenatorischen Mängel wird dem bereits an den Kinokassen gefloppten Film (der dort nur knapp die Hälfte seiner Produktionskosten von 25 Millionen US-Dollar einspielen konnte) wohl auch in den Kaufregalen und den letzten, noch verbliebenen Videotheken ein Schicksal als Staubfänger blühen. Da hilft leider auch keine Starbesetzung.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jason Clarke und Matthew McConaughey sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Wenn Figur und Darsteller gemeinsam grübeln: Wo bin ich hier nur hineingeraten?

Veröffentlichung: 13. September 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 103 Min. (DVD), 106 Min. (Blu-ray)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Serenity
USA 2019
Regie: Steven Knight
Drehbuch: Steven Knight
Besetzung: Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Djimon Hounsou, Jason Clarke, Diane Lane, Jeremy Strong
Zusatzmaterial: Interviews, B-Roll
Label/Vertrieb: Universum Film

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Szenenfotos, Trailer & Packshot: © 2019 Universum Film

 

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Horror für Halloween (XXXV): Dämonisch – Axtmorde von der Hand Gottes

Frailty

Von Volker Schönenberger

Zur Erinnerung an Bill Paxton und Powers Boothe.

Horrorthriller // Sonderbar – bis heute ist Bill Paxtons 2001er-Kino-Regiedebüt „Dämonisch“ bei uns nicht auf Blu-ray erschienen. Und obwohl die 2003 erschienene Doppel-DVD im Handel vergriffen ist, ist sie auf dem Gebrauchtmarkt für vergleichsweise günstigen Kurs zu haben. Sollte der Schocker, der hierzulande beim Fantasy Filmfest 2002 umjubelte Premiere gefeiert hatte, etwa in Vergessenheit geraten sein? Höchste Zeit, das zu ändern! Verdient hat es der im Februar dieses Jahres mit nur 61 Jahren verstorbene Bill Paxton allemal. Vier Jahre nach „Dämonisch“ drehte er mit dem Golf-Biopic „Das größte Spiel seines Lebens“ seinen zweiten und letzten Kinofilm als Regisseur.

„God’s Hand“ („Hand Gottes“) nennt sich der Serienmörder, der Texas seit zwei Jahrzehnten heimsucht. Eines Abends sitzt ein Mann (Matthew McConaughey), der sich als Fenton Meiks vorstellt, beim mit dem Fall betrauten FBI-Agenten Wesley Doyle (Powers Boothe) im Büro und behauptet, den Täter zu kennen: Es sei sein Bruder Adam. Doyle reagiert erwartungsgemäß skeptisch, hört sich aber nichtsdestoweniger Meiks’ Geschichte an, die im Sommer 1979 ihren Anfang nahm:

Vision vom Engel

Die beiden Brüder Fenton (Matt O’Leary) und Adam Meiks (Jeremy Sumpter) leben mit ihrem Vater (Bill Paxton), einem Kfz-Mechaniker, in der Kleinstadt Thurman. Ihre Mutter starb bei Adams Geburt. Die drei haben es sich in ihrem Männerhaushalt gut eingerichtet – bis eine Nacht alles verändert: Ihr Vater weckt seine Söhne und berichtet ihnen von einer Vision, die er gerade hatte: Ein Engel sei ihm erschienen und habe ihnen eine Aufgabe übertragen: die Welt von Dämonen zu befreien, die die Erde bevölkern. Während Adam seinem Vater bereitwillig Glauben schenkt, will sein älterer Bruder damit nichts zu tun haben. Doch bald darauf hat Vater Meiks durch Visionen die Instrumente zum Kampf gegen die Dämonen erhalten – darunter eine Axt; und noch ein wenig später hat er eine Liste mit den Namen der ersten Dämonen in Menschengestalt, die es von der Erde zu tilgen gilt. Damit er nicht versehentlich Unschuldige tötet, hat er die Fähigkeit erhalten, die Missetaten der Dämonen zu erkennen, wenn er sie berührt.

Ein Vater und seine Söhne gegen die Dämonen

Über weite Strecken speist sich das Grauen in „Dämonisch“ daraus, dass der Vater seinen Söhnen seine Vision aufnötigt und sie zwingt, an seinem grausigen Tun teilzuhaben. Das steht und fällt mit den schauspielerischen Leistungen des Trios – es steht, die drei harmonieren vorzüglich miteinander. Die Szenen, in denen Papa Meiks – sein Vorname wird nicht genannt – vor den Augen seiner Söhne die Axt gegen seine gefesselten Opfer hebt, prägen sich nachhaltig ein. Wenn sich der junge Fenton mehr und mehr verstört zeigt und überlegt, wie er seinem Vater Einhalt gebieten kann, überträgt sich seine Verängstigung auf die Zuschauer.

Die 18er-Freigabe erfolgt vermutlich eher aufgrund der eben dieser verstörenden Wirkung, die das Einbeziehen der beiden Kinder in das tödliche Treiben des Vaters ausübt, und weniger aufgrund der Gewaltdarstellung: Die Gewalt ist zwar jederzeit präsent, wird aber nicht drastisch gezeigt – sobald die Axt schwingt, folgt der Schnitt. Splatterfans mögen das missbilligen, es nimmt „Dämonisch“ aber nicht ein bisschen von der Intensität, die den Horrorthriller auszeichnet. „Frailty“ (englisch für Zerbrechlichkeit, Schwächlichkeit) lautet der Originaltitel, das war dem deutschen Verleih vielleicht fürs hiesige Publikum zu vage, weshalb man sich für das etwas deutlichere „Dämonisch“ entschied – kann man machen. Eine Wendung zum Finale setzt dem hoch spannenden Geschehen dann noch die Krone auf.

Bill Paxton und Powers Boothe

Aus dem Cast war in diesem Jahr nicht nur Bill Paxton zu betrauern: Auch Powers Boothe starb – im März mit 68 Jahren. Außer in „Dämonisch“ hatten die beiden auch in der Western-Miniserie „Hatfields & McCoys“ (2012) zusammen gespielt, 2011 hatte Boothe eine Rolle in Paxtons Kurzfilm „Tattoo“ übernommen. Ihr erster gemeinsamer Kinoauftritt im Wyatt-Earp-Western „Tombstone“ datiert von 1993. Der großartige „Dämonisch“ zeigt eindrucksvoll, was Paxton mit einem ausgeklügelten Horrorthriller-Plot und passender Besetzung anstellen konnte. Er und Boothe mögen in Frieden ruhen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Matthew McConaughey und/oder Bill Paxton sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 28. Oktober 2003 als Doppel-DVD

Länge: 95 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Frailty
USA/D 2001
Regie: Bill Paxton
Drehbuch: Brent Hanley
Besetzung: Bill Paxton, Matthew McConaughey, Powers Boothe, Matt O’Leary, Jeremy Sumpter, Luke Askew, Levi Kreis, Derk Cheetwoo, Missy Crider
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Bill Paxton, Drehbuchautor Brent Hanley, Cutter Arnold Glassman, Komponist Brian Tyler und Produzent David Kirschner, Interviews mit Bill Paxton, Matt O’Leary und Matthew McConaughey, geschnittene Szenen (mit optionalem Audiokommentar von Bill Paxton), „Anatomy of a Scene“ (Dokumentation der Entstehung einer Szene, „Behind the Scenes“-Footage, Making-of, TV-Spots
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Filmplakat: Fair Use

 

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The Sea of Trees – Im Wald der Selbstmörder

The Sea of Trees

Von Volker Schönenberger

Drama // Der mythen- und legendenumwobene Wald Aokigahara am Fuß des Fuji in Japan hat seit den 60er-Jahren als Selbstmörderwald traurige Berühmtheit erlangt. Jährlich versuchen dort etliche Verzweifelte, sich das Leben zu nehmen – viele erfolgreich. Regelmäßig durchsucht die Polizei den Wald auf der Suche nach Leichen und Überlebenden, die sich im dichten Gehölz verirrt haben. Die Popularität des Waldes unter Selbstmordkandidaten wird auf einen 1960 erschienenen Roman von Matsumoto Seichō zurückgeführt, in welchem eine Protagonistin der Erzählung im Aokigahara den Freitod wählt – ein Werther-Effekt also.

Arthur Brennan fliegt nach Japan …

Der Aokigahara ist auf vielfältige Weise kulturell aufgearbeitet worden ob in Mangas und Animes, Filmen oder Musikstücken. Zuletzt in Gus Van Sants („Good Will Hunting“) Drama „The Sea of Trees“. Matthew McConaughey spielt den Selbstmordkandidaten Arthur Brennan, der eigens aus den USA nach Japan gereist ist, um sich im Aokigahara zu entleiben.

Im Gehölz verlaufen

Als sich Arthur gerade eine Überdosis Tabletten verpassen will, bemerkt er den Japaner Takumi Nakamura (Ken Watanabe, „Godzilla“), der sich die Pulsadern aufschlitzen wollte, dann aber beschloss, am Leben zu bleiben. Nakamura hat im dichten Wald die Orientierung verloren. Arthur will ihm helfen, doch bald müssen die beiden feststellen, dass sie sich hoffnungslos verirrt haben. Ihre Suche nach einem Weg hinaus wird zu einer inneren Einkehr und Reflexion über das Leben. Wird der Wald die beiden Todeskandidaten freigeben?

… um Selbstmord zu begehen

In Rückblenden lernen die Zuschauer Arthurs Frau Joan (Naomi Watts) kennen und erfahren, wie die Ehe der beiden verlaufen ist, letztlich auch, was ihn zu einem Selbstmordandidaten werden ließ.

Buhrufe in Cannes

„The Sea of Trees“ wurde von der Kritik wenig wohlwollend aufgenommen. Bei der Weltpremiere im Mai 2015 als Wettbewerbsbeitrag in Cannes gab es Buhrufe und Gelächter unter den anwesenden Kritikern, wobei anzuführen ist, dass so ein Festivalpublikum bisweilen gnadenlos ist. Bei Rotten Tomatoes hat das Drama eine Kritikerwertung von nur 12 Prozent positiven Rezensionen – bei einer Publikumswertung von immerhin 40 Prozent.

Im Aokigahara trifft er auf einen anderen Verzweifelten

Ganz so arg mies ist „The Sea of Trees“ nicht. Regisseur Gus Van Sant verlässt sich zugegebenermaßen etwas zu sehr auf seine tollen Stars. McConaughey und Watanabe überzeugen erwartungsgemäß, wobei der Fokus mehr auf dem US-Star liegt als auf dem Japaner, was schade ist. Auch an Naomi Watts‘ Schauspiel ist nichts auszusetzen. Phasenweise – aber eben nicht durchgehend – gelingt es auch, den Mythos des Waldes in düstere Atmosphäre umzusetzen. Insgesamt fehlt es „The Sea of Trees“ aber an Tiefe, in der Rückschau unter Berücksichtigung einiger Wendungen auch an Plausibilität. Ob das Drama wirklich einen „bedrückender Tiefpunkt in Gus Van Sants Karriere“ darstellt, möge jeder Zuschauer selbst entscheiden. Eine Sichtung hat es verdient, nachhaltige Wirkung entfaltet es nicht.

Die beiden wollen dem dichten Gehölz entrinnen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Matthew McConaughey und Ken Watanabe sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Erinnerung an die Zeit mit Ehefrau Joan

Veröffentlichung: 13. Januar 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 107 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Sea of Trees
USA 2015
Regie: Gus Van Sant
Drehbuch: Chris Sparling
Besetzung: Matthew McConaughey, Naomi Watts, Ken Watanabe
Zusatzmaterial: Featurette: „A Story of Beauty and Tragedy“, deutscher Trailer, internationaler Trailer, US-Trailer, Wendecover
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 Ascot Elite Home Entertainment

 

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