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Horror für Halloween (XXI): Hammer House of Horror – Die komplette Serie: Gänsehaut-Garantie

Hammer House of Horror

Von Andreas Eckenfels

Antholgie-Horrorserie // In den 1970er-Jahren waren die Tage der einst so glorreichen Hammer Studios gezählt. Klassischer Gothic-Horror war beim Publikum nicht mehr gefragt. Und weder der im zeitgenössischen „Swinging London“ spielende „Dracula jagt Mini-Mädchen“ (Dracula A.D. 1972, 1972) noch die Zusammenarbeit mit dem legendären Hongkong-Studio der Shaw Brothers, „Die sieben goldenen Vampire“ (The Legend of the 7 Golden Vampires, 1974), konnten den Abwärtstrend stoppen. 1979 erschien mit dem starbesetzten Hitchcock-Remake „Tödliche Botschaft“ (The Lady Vanishes) der vorerst letzte Kinofilm der Hammer Studios – Firmenchef Michael Carreras (1927–1994) musste Insolvenz anmelden.

Vom Kino ins Fernsehen

Wie Uwe Huber im Blu-ray-Mediabook von Wicked-Vision Media schreibt – übrigens handelt es sich um nahezu den gleichen Text inklusive Episodenbeschreibung, der schon der 2006er DVD-Veröffentlichung von Koch beilag – wurden die Hammer-Mitarbeiter Ray Skeggs (1934–2018) und Brian Lawrence (1920–2004) von den Schuldnern als Insolvenzverwalter eingesetzt. Mit der Anthologieserie „Hammer House of Horror“ wollten sie den traditionsreichen Namen „Hammer“ weiterleben lassen und wechselten vom Kino ins Fernsehen. Dabei gelang es ihnen, einen Deal mit dem britischen Produktionsstudio ITC auszuhandeln, welches einen Großteil der Finanzierung übernahm. So konnten Stars wie Peter Cushing, Denholm Elliott und Sian Phillips sowie erfahrene TV-Autoren wie Anthony Read („Doctor Who“) und Jeremy Burnham („Mit Schirm, Charme und Melone“) verpflichtet werden. Die Premierenfolge „Die Hexe von Woodstock-Farm“ („Witching Time“) von Don Leaver („Kein Pardon für Schutzengel“) feierte am 13. September 1980 auf dem Sender ITV ihre Erstausstrahlung im Vereinigten Königreich. Erst 1989 wurde die Serie unter dem Titel „Gefrier-Schocker“ im deutschen Fernsehen auf Sat.1 ausgestrahlt.

Von Hexen und Werwölfen

Der markerschütternde Schrei und das fiese Lachen in Verbindung mit der pompösen Titelmelodie sorgt schon im Vorspann für Gänsehaut. Bei dem darin sichtbaren altehrwürdigen Anwesen handelt es sich um das Hampden House, ein ehemaliges Mädcheninternat in Great Hampden, welches der Produktion als Hauptsitz diente. Es wäre perfekt als Kulisse für einen klassischen Hammer-Film geeignet, dennoch führt es die Seriengucker ein wenig in die Irre: Unter den 13 Episoden gibt es kein „period piece“, alle Folgen spielen im England der Moderne.

Dafür greifen die jeweils eigenständigen und in sich abgeschlossenen Geschichten klassische Horrorfiguren und -motive auf: In der Pilotfolge entdeckt Filmkomponist David (Jon Finch) eine junge Frau (Patricia Queen) in einer Scheune, die behauptet, eine Hexe zu sein. Um Voodoo geht es in „Charlie Boy“ und um dämonische Besessenheit in „Die Handlanger des Satans“. Auch das Mad-Scientist-Motiv fehlt nicht: Wissenschaftler Terence (Gary Bond) experimentiert in „Die Rache der Ungeliebten“ mit exotischen Pflanzen. Tierversuche liebt auch Peter Cushing in „Die Experimente des Mr. Blueck“ – allerdings weitet er diese auch auf Menschen aus, was Brian Cox als Ex-Knacki Chuck schmerzhaft zu spüren bekommt. In einer seiner ersten Rollen fällt der damals noch unbekannte Pierce Brosnan in „Das Vermächtnis des Faulkners“ einem Serienkiller zum Opfer. Auch Kannibalen, Werwölfe und Untote tummeln sich in den jeweils knapp 54-minütigen Folgen. Im „Hammer House of Horror“ findet sich also jeder Horrorfan schnell heimisch.

Makabre Wendungen

Wie bei Anthologieserien üblich, ist die Qualität nicht immer gleichbleibend: Manche der für die damalige Zeit verhältnismäßig blutigen und freizügigen Folgen ragen heraus, manche dehnen ihre knappe Grundidee ein wenig zu sehr in die Länge. Ein Happy End gibt es selten, die Zuschauer und Zuschauerinnen werden meist dank einer makabren Wendung mit einem unwohlen Gefühl entlassen. An den 80er-Look und die mitunter etwas behäbig wirkende Inszenierung muss man sich etwas gewöhnen – besonders, wenn man nur noch das Tempo aktueller Streamingserien zum Vergleich hat. Dennoch: Für Hammer-Fans ist die Serie sowieso ein Muss und auch bei allen anderen Horrorliebhabern wird bei den 13 „Gefrier-Schockern“ garantiert der eine oder andere Schauer über den Rücken laufen. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass einige Folgen nicht komplett synchronisiert auf den drei Blu-rays vorliegen. Hier wird dann kurz in den englischen Originalton gewechselt.

Hammers Aufstieg und Fall in Spielfilmlänge

Neben der kompletten Serie in Top-HD-Qualität bietet das beim Label nur noch in Restbeständen verfügbare Mediabook von Wicked-Vision Media einen weiteren Kaufanreiz: Die großartige 156-minütige Dokumentation „Flesh & Blood – The Hammer Heritage of Horror“ (1994) von Ted Newsom in der erweiterten Fassung als Deutschland-Premiere. Hier erfahren Interessierte alles Wissenswerte über den Aufstieg und Fall des legendären Studios. Dabei kommen zahlreiche ehemalige Cast- und Crewmitglieder zu Wort, zudem fungieren Peter Cushing und Christopher Lee als Erzähler. Die erweitere Fassung wurde 2018 in Großbritannien auf DVD veröffentlicht, die unter anderem ein Kapitel über das Comeback des Studios mit Filmen wie „The Resident“ (2011) hinzufügt. Übrigens eröffnete die aktuellste Hammer-Produktion „The Lodge“ von den „Ich seh, ich seh“-Machern Veronika Franz und Severin Fiala 2019 das Fantasy Filmfest.

Wer danach noch Horror-Nachschub benötigt, dem sei die Nachfolgeserie „Vorsicht, Hochspannung!“ („Hammer House of Mystery and Suspense“, 1984) empfohlen, die Pidax Film auf DVD veröffentlicht hat. Nach dieser schlossen sich allerdings endgültig die Türen von Hammer – bis das Studio einige Jahre später wie oben erwähnt von den Toten auferstand.

01. Die Hexe von Woodstock-Farm (Witching Time)
02. Die Dinner-Party (The Thirteenth Reunion)
03. Alptraum ohne Ende (Rude Awakening)
04. Die Rache der Ungeliebten (Growing Pains)
05. Das Haus des Grauens (The House That Bled to Death)
06. Charlie Boy (Charlie Boy)
07. Das Experiment des Mr. Blueck (The Silent Scream)
08. Kinder des Vollmonds (Children of the Full Moon)
09. Das Vermächtnis des Faulkners (Carpathian Eagle)
10. Der Wächter des Höllenschlundes (Guardian oft he Abyss)
11. Besucher aus dem Jenseits (Visitor from the Grave)
12. Die zwei Gesichter des Bösen (The Two Faces of Evil)
13. Die Handlanger des Satans (The Mark of Satan)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Pierce Brosnan und Peter Cushing haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 14. Dezember 2018 als 3-Disc Collector’s Edition im limitierten Mediabook (3 Blu-rays), 15. Mai 2015 als 4-DVD-Set, 15. September 2006 als 4-DVD-Digipack

Länge: 702 Min. (Blu-ray), 666 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Hammer House of Horror
Alternativtitel: Gefrier-Schocker
GB 1980
Regie: Peter Sasdy, Don Leaver, Alan Gibson u.a.
Drehbuch: Bernie Cooper, Francis Megahy, Don Shaw u.a.
Besetzung: Peter Cushing, Nicholas Ball, Denholm Elliott, Anna Calder-Marshall, Denholm Elliott, Sian Phillips, Christopher Cazenove, Julia Foster, Pierce Brosnan, Barbara Kellerman, Brian Cox
Zusatzmaterial: Mediabook: 24-seitiges Booklet mit einem Text von Uwe Huber, Episode 10 „Der Wächter des Höllenschlunds“ als Widescreen-Fassung, Einblender für Werbepausen, „Albtraum ohne Erwachen“ – Archivmaterial, Bildergalerien, Dokumentation „Flesh & Blood – The Hammer Heritage of Horror“ – Extended-Version (ca. 156 min.), DVD 2006: 24-seitiges Booklet mit einem Text von Uwe Huber, Bildergalerie
Label/Vertrieb: Wicked-Vision Media
Label 2015: Pidax Film (Vertrieb: Al!ve AG)
Label/Vertrieb 2006: Koch Media

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

 

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Horror für Halloween – Das nächste Gewinnspiel: 1 x Die Schlange im Regenbogen als Limited Collector’s Edition Mediabook

Verlosung

Zombies haben weit mehr zu bieten als bräsig durch die Gegend zu schlurfen und Menschen anzuknabbern. 1988 ging Wes Craven („The Last House on the Left“) weit zurück in der Mythologie der Untoten und schuf mit „Die Schlange im Regenbogen“ einen höchst ansehnlichen Grusler, in welchem er seine Horrorstory auf clevere Weise mit der politischen und gesellschaftlichen Situation im diktatorisch geführten Haiti vermengte. Koch Films hat das Werk im Mediabook-Format mit Blu-ray und DVD veröffentlicht und uns ein Exemplar zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank im Namen der kommenden Gewinnerin oder des kommenden Gewinners!

Teilnahmebedingungen

Zwar bringt es mir Spaß, Filme unter die Leute zu bringen, weil sich die überwältigende Mehrzahl der Gewinnerinnen und Gewinner aufrichtig freut und höflich bedankt. Dennoch geht der Versand etwas ins Geld, zumal „Die Nacht der lebenden Texte“ nach wie vor keinen Cent Ertrag abwirft (die unten ab und zu eingeblendete Werbung schaltet WordPress). Daher: Auf freiwilliger Basis darf mir jede/r Gewinner/in gern anbieten, das Porto in Höhe von 2,70 Euro zu übernehmen – oder höher beim Wunsch nach versichertem Versand. Gebt mir das aber bitte nicht schon im Kommentar mit eurer Antwort bekannt, sondern erst im Gewinnfalle. Ich will nicht in Verdacht geraten, die Sieger danach zuzuteilen.

Zwecks Teilnahme am Gewinnspiel sind bis Sonntag, 20. Oktober 2019, 22 Uhr, folgende Fragen zu beantworten, was euch nach Lektüre von meiner Rezension des Films und einem Blick auf meine Zombies-Rubrik keine Probleme bereiten sollte:

1. Auf welchem Platz meiner persönlichen und höchst subjektiven Rangliste der Zombiefilme befindet sich „Die Schlange im Regenbogen“ derzeit?

2. Welche Ungenauigkeit enthält der deutsche Filmtitel?

3. Unter welchem politischen Regime ist die Handlung angesiedelt?

4. Von wessen Schicksal ist die Figur Christophe Durand inspiriert?

5. Welche beiden Filme, die Zombies nicht als Menschenfresser zeigen, sondern das klassische Voodoo-Motiv des Untoten als willenloser Sklave aufgreifen, siedle ich in meiner Zombiefilm-Rangliste noch etwas höher an?

Einen Fehlschuss gebe ich euch – jeder hat ja mal einen Blackout, daran soll die Teilnahme nicht scheitern, also landet Ihr mit vier korrekten Antworten im Lostopf. Minimal fehlerhafte Schreibweisen und Tippfehler toleriere ich, wenn klar ist, wer oder was gemeint ist. Alle Kommentare werden erst nach Ende der Abgabefrist veröffentlicht. Während der Laufzeit des Gewinnspiels werde ich nach und nach die Namen aller bislang eingegangenen Kommentatorinnen und Kommentatoren hier unten auflisten.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert). Die Gewinnerin oder den Gewinner werde ich im Lauf von etwa zwei Wochen nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie oder ihn auch per E-Mail benachrichtigen. Wer sich spätestens drei Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht zurückmeldet, verliert den Anspruch auf das Mediabook. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Nur eine Teilnahme pro Haushalt. Ich behalte mir vor, Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht für den Lostopf zuzulassen oder ihnen im Gewinnfall nachträglich den Preis abzuerkennen, sofern mir Mehrfachteilnahmen unter Alias-Namen unterkommen. Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Achtung, Sonderregel: Im Rahmen der diesjährigen „Horror für Halloween“-Strecke wird es fünf Gewinnspiele geben – vier davon, bei denen je ein Mediabook zu gewinnen ist, gefolgt vom Hauptgewinnspiel mit zahlreichen Preisen, darunter wiederum einige Mediabooks. Um eine einigermaßen gerechte Verteilung zu gewährleisten, lege ich fest: Wer eines der vier Mediabooks aus den Einzel-Gewinnspielen gewinnt, verwirkt sein Recht auf eines der drei übrigen einzeln ausgelobten Mediabooks sowie darauf, sich beim Hauptgewinnspiel als eine/r der ersten acht einen Preis aussuchen zu dürfen.

Bislang teilgenommen haben (mit fünf korrekten Antworten, sofern nicht anders vermerkt):

01. Jens Albers
02. Filmschrott
03. Frank Warnking sollte bei den Fragen 2 und 5 noch nachbessern.
04. Thomas
05. Oliver Maey
06. Daniel hat bei Frage 5 drei Titel genannt, landet aber dennoch im Lostopf.
07. Rainer Pampuch
08. Christian Anger
09. Klaus Marquardt
10. DirkB
11. Andreas H.
12. Thomas Hortian, dessen Hinweis auf einen dritten Film nicht von der Hand zu weisen ist, auch wenn sie in diesem nicht als willenlose Sklaven gezeigt werden, aber in der Tat auch nicht als Menschenfresser. Das von Thomas genannte, bei mir weit vorn platzierte Werk habe ich erst kürzlich wieder geschaut, Rezension folgt noch im Rahmen der diesjährigen „Horror für Halloween“-Strecke.
13. Rico Lemberger

Die Rezension von „Die Schlange im Regenbogen“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

 

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Das mörderische Paradies – Wenn der Serienkiller durchklingelt

The Mean Season

Von Volker Schönenberger

Thriller // Je von Philip Borsos gehört? Ich auch nicht. Sein IMDb-Eintrag bezeichnet ihn als leading Canadian Filmmaker (führenden kanadischen Filmemacher). Für seine dritte Kurzfilm-Doku „Nails“ erhielt er 1980 immerhin eine Oscar-Nominierung, im selben Jahr gewann er den Genie Award. Seinem ersten Langfilm „Der Fuchs“ (1982) folgte 1985 sein wohl bekanntestes Werk – der Thriller „Das mörderische Paradies“, den OFDb Filmworks gerade im formschönen Mediabook-Format mit Blu-ray und DVD veröffentlicht hat. Borsos’ nur acht Regiearbeiten umfassende Karriere endete leider frühzeitig – er starb 1995 im Alter von nur 41 Jahren an Leukämie.

Die vermeintlich intakte Beziehung zwischen Malcolm und Christine gerät auf den Prüfstand

„Das mörderische Paradies“ – das ist offenbar Miami, Schauplatz des Films. Eine Phase mit unbeständigem Wetter und Sturmgefahr setzt langsam ein, „The Mean Season“ lautet dann auch der Originaltitel. Wir lernen Malcolm Anderson (Kurt Russell) kennen, der mit seinem Mustang Cabriolet in die Redaktion fährt. Der erfahrene Polizeireporter des „Miami Journal“ wird sogleich mitsamt Fotograf Andy Porter (Joe Pantoliano) zu einem Leichenfund am Strand beordert – eine junge Frau wurde ermordet. Die beiden Journalisten haben keine Hemmungen, das Haus der Familie der Toten aufzusuchen und mit der Mutter des Opfers zu sprechen, um eine schön gefühlige Story zu bekommen. Malcolm nimmt sogar ohne zu fragen ein Foto mit. Aber nach acht Jahren im Job fühlt er sich ausgebrannt, beklagt sich bei seinem Boss Bill Nolan (Richard Masur), er wolle seinen Namen nicht mehr neben Fotos toter Menschen sehen. Der winkt ab, weil es nun mal der Job eines Reporters sei, zu berichten, etwas, das Malcolm zufälligerweise besonders gut könne.

Der Mörder und der Journalist

Nicht nur sein Boss mag Malcolms Schreibe, sein Bericht über den Fund der toten jungen Frau beschert ihm einen neuen Fan: den Mörder (Richard Jordan), der bald nur noch „Numbers Killer“ genannt wird, weil er seine Opfer nummeriert. Die junge Frau war nur die Nummer 1. Fortan führt Malcolm regelmäßige Telefonate mit dem Serienkiller. Er schneidet die Gespräche mit und gibt die Aufnahmen an die beiden Cops Phil Wilson (Richard Bradford) und Ray Martinez (Andy Garcia) weiter. Doch bald äußert Malcolms Gesprächspartner sein Missfallen darüber, dass der Reporter in den Medien all den Ruhm ernte. Und er entwickelt ein Interesse an Malcolms Freundin Christine Connelly (Mariel Hemingway). Der Lehrerin gefällt es gar nicht, dass ihr Liebster regelmäßig mit einem Mörder telefoniert und mehr und mehr zum Bestandteil der Mordserie wird. An sich wollen beide ohnehin ihre Jobs aufgeben und anderswo neu anfangen.

Der Reporter wird selbst zum Gegenstand des Medieninteresses

Was soll die plumpe „Psycho“-Anspielung? Christine steht unter der Dusche, vor dem Badezimmer bewegt sich zu dramatischer Musik ein Schatten, doch dann ist es natürlich nur Malcolm. Na ja, das gab dem Regisseur Gelegenheit, Mariel Hemingways Brüste in Szene zu setzen. Glücklicherweise bleibt es bei diesem einen unnötigen Versuch, Spannung aufzubauen, sie bildet sich mit der Entwicklung der Beziehung zwischen Malcolm und dem Serienmörder fast von allein. Dabei haben wir es gar nicht mit einem flirrenden und pulsierenden Thriller zu tun, wie man es erwarten könnte. Die Musik von Lalo Schifrin („Kobra, übernehmen Sie“, „Amityville Horror“) hält sich zurück, was gut passt: „Das mörderische Paradies“ lebt von seiner Dialogstärke, bei der keine Szene ohne die von Kurt Russell verkörperte Hauptfigur auskommt. Malcolm spricht mit dem Mörder, mit den Cops, mit Christine, mit seinem Boss und anderen. Das verlangt nach Aufmerksamkeit, dann aber erschließt sich der Reiz dieses „Beziehungs-Thrillers“, in welchem der Reporter mit dem Objekt seiner Berichterstattung eine verhängnisvolle Affäre eingeht.

Medienkritik nur am Rande

Weniger relevant erscheint mir das Thema Medienkritik. Zwar schimmern zwangsläufig Fragen nach der Verantwortung der Presse und ethischen Verhaltens ihrer Angehörigen durch, aber darum geht es letztlich nicht wirklich, auch wenn die Kamera permanent auf Malcolm hält und wir speziell im ersten Drittel viel Zeit in den Redaktionsräumen verbringen und die Atmosphäre dort glaubhaft inszeniert wirkt. Dazu mag beigetragen haben, dass echte Angestellte des „Miami Herald“ an der Produktion mitwirkten, etwa als Statisten und in beratender Funktion. Russell spielt diesmal keine spektakuläre Figur wie Snake Plissken in „Die Klapperschlange“ (1981) oder den Helikopterpiloten in der Antarktis in „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1982). Manche mögen Journalisten ein mondänes Dasein nachsagen, dieser Polizeireporter jedoch ist eher ein Normalbürger, der in etwas hineingezogen wird, das seine Fähigkeiten übersteigt. Auch das kann Kurt Russell also. Später bekommt dann auch die Psyche des Serienkillers mehr und mehr Gewicht – etwa dann, wenn wir ihn erstmals vollständig zu Gesicht bekommen.

Das bringt den Mörder auf die Palme

Wie arbeiten die Massenmedien mit den Behörden zusammen? Ein Deal kommt zustande: Weil Malcolms Draht zum Killer natürlich für die Polizei von höchstem Interesse ist, erklären sich die Ermittler bereit, das „Miami Journal“ exklusiv vorab mit Informationen zu versorgen. Bill Nolan fordert 24 Stunden vor allen anderen Medien, sein „Verhandlungspartner“ bietet 6 Stunden an – Noland reduziert auf 18 Stunden, man einigt sich auf 10. Läuft die Pressearbeit der Polizei wirklich so? Auch dieses Feld dient lediglich als Mittel zum Zweck, die Thriller-Handlung voranzutreiben. Mit seiner Düsternis und dem Blick in die Köpfe von Protagonist und Antagonist lässt sich „Das mörderische Paradies“ durchaus als Neo-noir-Thriller klassifizieren, auch wenn es an einer Femme fatale mangelt – Christine Connelly dient nicht diesem Zweck. Sie verstärkt Malcolms Zwiespalt, der zwar einerseits genug von seinem Job hat, andererseits aber Blut geleckt hat und womöglich doch etwas Ruhm einheimsen will, auch wenn er dies abstreitet. Anders als er seiner Lebensgefährtin gegenüber behauptet, hat er seinem Arbeitgeber noch gar nicht gekündigt, obwohl sie an ihrer Schule bereits ihren Abschied eingereicht hat.

Mediabook von OFDb Filmworks

Das letzte Drittel läuft dann auf einen Showdown hinaus, während sich ein Sturm zusammenbraut – „The Mean Season“ ist in vollem Gange. Ein zu Unrecht zu wenig beachteter Thriller, was sich hierzulande mit dem ansprechenden Mediabook von OFDb Filmworks vielleicht etwas ändert. Es enthält den Film auf Blu-ray und DVD in guter Bild- und Tonqualität, über die englischen Untertitel zusätzlich zu den deutschen freue ich mich besonders. Mit Ausnahme des Trailers in deutscher und englischer Version enthalten die Discs leider keinerlei Bonusmaterial. Immerhin ist der lange Booklettext von Stefan Jung erwartungsgemäß lesenswert, die Lektüre sei nach erfolgter Sichtung des Films empfohlen. OFDb Filmworks haut nicht eine Veröffentlichung nach der anderen raus, dafür aber stets interessante Filme. „Das mörderische Paradies“ reiht sich da gut ein.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Kurt Russell sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 22. August 2019 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, 2 Covervarianten à 1.000 und 333 Exemplare), 7. September 2004 als DVD

Länge: 104 Min. (Blu-ray), 100 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Mean Season
USA 1985
Regie: Philip Borsos
Drehbuch: Christopher Crowe, nach einem Roman von John Katzenbach
Besetzung: Kurt Russell, Mariel Hemingway, Richard Jordan, Richard Masur, Richard Bradford, Joe Pantoliano, Andy Garcia, Rose Portillo, William Smith
Zusatzmaterial Mediabook: Trailer, 16-seitiges Booklet mit einem Text von Stefan Jung
Label/Vertrieb Mediabook: OFDb Filmworks
Label/Vertrieb DVD: MGM

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2019 OFDb Filmworks

 

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