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Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo: Die Nacht der lebenden Junkies

Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

Von Lucas Gröning

Drama // Wenn man an jene Filme zurückdenkt, die einem während der Schulzeit von der verantwortlichen Lehrerschaft vorgeführt wurden, sind die Erinnerungen bei den meisten Menschen wohl von nicht allzu großer Glückseligkeit geprägt. Es tauchen Lehrfilme auf, welche den ersten Zugang zu einem sexuellen Leben ermöglichen sollten (oder dies zumindest versuchten), mal mehr und mal weniger ansprechende Literaturverfilmungen im Deutschunterricht oder auch Dokumentationen, die in Geschichtsstunden einen Eindruck von bestimmten historischen Zeiten vermitteln sollten. Oftmals ist das für die Schülerschaft zunächst nur von geringem Interesse und man lernt jene Werke erst in einem späteren Stadium seines Lebens zu schätzen. Ein Film, der mich bereits in der Schulzeit in seinen Bann zog und in dieser subjektiven Betrachtungsweise seine Faszination bis heute nicht eingebüßt hat, ist Uli Edels „Christiane F – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ aus dem Jahr 1981. Um dieses Werk soll es in den vorliegenden Zeilen gehen und ich will herausarbeiten, warum diesem Film durchaus ein affektives Potenzial zur Verstörung innewohnt, wie „Christiane F“ ein zumeist unangenehmes Gefühl der Ablehnung hervorruft und warum gerade dadurch eine spezifische Wirkung erzielt werden kann.

Christiane geht regelmäßig ins „Sound“ in Berlin

Das Drama basiert auf dem 1978 veröffentlichten Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, einer Biografie der ehemaligen drogenabhängigen Christiane Felscherinow, die selbst in den Entstehungsprozess des Textes involviert war und hierfür mit den Journalisten Kai Herrmann und Horst Rieck vom Magazin „Stern“ zusammenarbeitete. Das Buch schildert die Situation drogenabhängiger Kinder und Jugendlicher im Berliner Bezirk Neukölln und stellt dazu den Lebensweg von Felscherinow exemplarisch ins Zentrum seiner Betrachtung. Drei Jahre nach Erscheinen der Biografie verfilmte Uli Edel den Stoff mit Natja Brunckhorst in der Rolle der titelgebenden Protagonistin. Für Edel war es die erste Regiearbeit an einem Kinofilm. Später war er als Regisseur unter anderem für „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ (1989), „Der kleine Vampir“ (2000) und „Der Baader Meinhof Komplex“ (2008) verantwortlich. Eine derartige Aufmerksamkeit, begleitet von der einen oder anderen Kontroverse, wie bei „Christiane F“, sollte er jedoch später nur bedingt erhalten, wodurch man die Verfilmung von Felscherinows Biografie wohl als das zentrale Werk in seiner Filmografie bezeichnen kann. Stellt sich nun die Frage, was den Film im Kontext von Edels Gesamtwerk so herausragend erscheinen lässt.

Inhaltlich orientiert sich „Christiane F“, mit Ausnahme einiger weniger nicht weiter bemerkenswerter Entscheidungen, recht nah an der Literaturvorlage. Wir begleiten die zu Beginn 13-jährige Christiane F. zunächst auf ihren ersten Schritten ins Berliner Nachtleben. Sie freundet sich recht schnell mit einigen Jugendlichen an, welche ihr die Vorzüge der nächtlichen Metropole näherbringen. Sie sammelt erste sexuelle Erfahrungen, nimmt zunächst leichte Drogen und bekommt somit die ersten relevanten Möglichkeiten in ihrem Leben, sich an verbotenen Früchten zu bedienen. Bald jedoch präferiert der neue Freundeskreis kollektiv härtere Rauschgifte, vor allem Heroin, und ein zwanghaftes Zugehörigkeitsgefühl, sowie die Verführung der ersten echten Liebe in Form des attraktiven Detlef (Thomas Haustein), sorgen für ein Mitziehen der bis dato unschuldigen Christiane. Der Film zeichnet von da an den Niedergang seiner Protagonistin und ihrer neuen Freunde, bis hin zur Andeutung der real geschehenen Rehabilitation von Christiane Felscherinow.

Die faszinierende Unterwelt

Interessant sind nun zunächst das Porträt des innerdiegetischen Berlin und die Form der Einführung von Christiane in die dargestellten Orte. Es handelt sich bei „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ um einen sehr dunklen Film, genauer gesagt kann man die Tagszenen zumindest in der ersten Hälfte an einer Hand abzählen. Sie sind zwar vorhanden, jedoch spielen sie sich vor allem in geschlossenen Räumen ab, die ein „außerhalb“ nur schwerlich zulassen. Immer wieder sehen wir zwar Einschübe, in denen Gebäude der Stadt ins Zentrum des Interesses gerückt werden, diese sind jedoch eher als Mittel der Verortung und als klassische Establishing-Shots zu verstehen, als dass sie wirklich als handlungstragend erscheinen. Die interessanten Aspekte, so erzählen uns die Aufnahmen, finden nicht am helllichten Tag auf offener Straße statt, sondern in den von Dunkelheit geprägten Kontexten des Untergrundes, womit der Film in Bezug auf die Darstellung von Großstädten zum Beispiel verweisend auf William Friedkins „Cruising“ (1980) und „Maniac“ (1980) von William Lustig betrachtet werden kann.

Dort verliebt sie sich in Detlef …

Die gezeigten Berliner Orte sind somit alles andere als angenehm und heimelig, gewinnen jedoch gerade dadurch einen Reiz des Verbotenen und Verführerischen. Diese Aspekte spielen eine große Rolle in der Einführung von Christiane in diese Orte. Die Kamera folgt der Protagonistin auf ihren ersten Schritten durch den Club „Sound“ zunächst mit einer gewissen Distanz. Ein erster vorsichtig bestellter Drink, einhergehend mit der mitschwingenden Frage, ob sie für eine Bestellung überhaupt alt genug sei, und die erste langsame Annäherung an den späteren Liebhaber Detlef, lassen Christiane zaghaft in das Nachtleben des Berliner Untergrundes eintauchen. Wenig später geht es in ein Kino, dass in einem angrenzenden Raum als Teil des Clubs ausgewiesen wird. Es läuft George A. Romeros Klassiker „Die Nacht der lebenden Toten“ aus dem Jahre 1968 – zweifellos eine Vorwegnahme, denn die Kinder werden wenig später von den kinematografisch präsentierten Zombies kaum noch zu unterscheiden sein. Immer mehr wird Christiane folglich in die Welt der potenziellen Untoten hineingezogen, einhergehend mit einer immer weniger distanzierten Kamera, welche die Faszination für das nächtliche Berlin mit Christiane, aber zunächst auch mit dem Publikum des Films zu teilen scheint.

Zu dieser Faszination trägt nicht zuletzt das Kollektiv der Jugendlichen bei, unter dessen Schirm Christiane zu Beginn Anschluss findet. Ohne auf die einzelnen Figuren genauer einzugehen, soll ein Blick auf jenen Geist geworfen werden, der die Indivividuen zu einer Gemeinschaft zusammenschweißt. Im Zentrum steht hierbei vor allem ein Hang zum Antiautoritären und zur Rebellion, sowohl gegenüber der phasenweise präsentierten bürgerlichen Gesellschaft, als auch gegenüber dem eigenen Elternhaus. Dieser Drang scheint jedoch nicht aus dem Nichts zu kommen, sondern ist vielmehr Ausdruck einer von verschiedenen Vorbildern, vor allem Musikern, geprägten und stark mit dem Punk assoziierten Jugendkultur. Als zentrales Idol wird David Bowie herausgearbeitet, welcher bei der Realisierung des Dramas mitwirkte und dessen extra für den Film aufgezeichneten Konzertaufnahmen zentral für die Deutung des Films sind. Christiane F., die in ihrem realen Leben ebenfalls eine Aufführung des exzentrischen Ausnahmekünstlers besuchte, wird hier als Teil des Publikums direkt an der Bühne präsentiert und ihre Interaktion beziehungsweise ausbleibende Interaktion mit Bowie nimmt eines der zentralen Motive des Werkes vorweg und bietet eine Leseanleitung für die grundsätzliche Interaktion des Films mit seinem Publikum.

Christiane im Kino-Dispositiv

Christiane befindet sich während des Konzerts selbst in einer Situation, die signifikante Ähnlichkeiten zu jener Situation aufweist, in der sich die Zuschauer eines Kinofilms befinden. Sie ist nah dran am Leben einer Person oder gewissen Situationen, hat die Möglichkeit, einzelne Züge von Verhalten, Handeln und verschiedene Merkmale zu registrieren und sie teilt die Momente mit den beobachteten Personen im Rahmen einer Simulation von Gegenwärtigkeit. Mit anderen Worten: So wie wir Christiane, ihre Freunde und David Bowie in diesem Moment beobachten und Teil ihrer gemeinsamen Momente werden, so beobachtet Christiane David Bowie und kommt ihm ähnlich nahe, wie wir den Figuren des Films. Doch man muss festhalten, dass diese Nähe nur Teil einer Täuschung ist, denn genauso wie Christiane durch die Absperrung und die erhöhte Position von Bowie durch diesen getrennt ist, so sind wir durch die Leinwand von Christiane und ihren Lebensumständen getrennt. So sehr wir also, vermittelt durch die Leinwand, in den meisten Momenten einen Bezug zu Christiane und dem drohenden Abgrund haben, so sehr sorgt die Trennung der Leinwand für eine Sicherheit, die uns als Zuschauer in eine privilegierte Position verhilft. Dieses Privileg besteht darin, sicher sein zu können, eine entsprechend hohe Distanz zu den Ereignissen des Films zu haben, sodass diese nicht Teil unserer unmittelbaren Realität werden können. Wir haben also die Möglichkeit, die Zombies in „Die Nacht der lebenden Toten“ zu betrachten und wir wissen zugleich, uns werden jene Zombies auf den Straßen der Wirklichkeit nicht begegnen. Doch was wäre, wenn jene Trennung nicht mehr existiert? Wenn also der gezeigte Horror Teil der Lebensrealität des Publikums wird?

… und wird Teil seines Freundeskreises

Genau darum nämlich scheint es „Christiane F“ zu gehen. Der Film zeigt den Schrecken des körperlichen und moralischen Zerfalls eines Menschen durch den Konsum von harten Rauschgiften und verortet diesen zunächst zwar im realen Berlin, die gezeigten Orte haben jedoch lange Zeit keinen offenkundigen Bezug zur Lebensrealität der meisten Bewohner. Gleichwohl finden die Szenen zumeist nachts statt und verringern so auf einer temporären Ebene das Begegnungspotenzial mit den innerdiegetischen Figuren. Dieses Potenzial erhöht sich jedoch nach einiger Zeit schlagartig und wird durch den titelgebenden Bahnhof Zoo hergestellt, welcher auf einer metareflexiven Ebene des Films als ein Portal zwischen der realen und der Filmwelt fungiert. Hier findet sich genau jener potenzieller Begegnungsort zwischen den Rezipienten von „Christiane F“ und den Figuren des Films sowie jenen Individuen, die sich in vergleichbaren Lebensumständen befinden. Doch damit nicht genug: Mit der Etablierung des Bahnhof Zoo und der gleichzeitigen quantitativen Erhöhung von Tagszenen erweitern die Figuren auch ihren Bewegungsradius in der Stadt. Die Aufnahmen beginnen, in größer werdenden Einstellungen, einen Bezug zwischen dem Bahnhof Zoo, den Bewegungen der Figuren und anderen Teilen der Stadt herzustellen. Die Barriere ist also aufgebrochen und der Bahnhof Zoo als einzige potenzielle Begegnungsstätte eliminiert.

Die Zombies brechen in den Alltag

Umso erschreckender ist dies, wenn man die im Bahnhof Zoo gezeigten Szenen und die hier präsentierten Figuren beobachtet. An einer Stelle ist dies besonders einprägend. Die Kamera verschafft sich Freiraum, löst sich von der subjektiven Perspektive Christianes und beobachtet in mehreren Close-Ups die Individuen in den Innenräumen des Bahnhofs. Fast auschließlich drogenabhängige Personen finden hier den Weg auf die Leinwand und werden formal durch die Montage und vereinzelte Halbtotalen zu einer Schicksalsgemeinschaft vereint. Sie alle eint zudem eine optische Gesaltung, die an jene Zombies aus George R. Romeros erwähntem Klassiker von 1968 erinnert. Durch die Möglichkeit einer Überschreitung der Grenze zwischen dem Bahnhof Zoo und dem Rest Berlins (oder der Welt) schürt der Film die Angst, dass eine reale Entsprechung von lebenden Toten aus der Fiktion ihren Weg in die Realität des Alltags der Rezipienten des Films findet. Hier liegt der Schrecken von „Christiane F“, und zwar nicht nur für die Menschen allgemein, sondern vor allem für die Eltern und Kinder im Publikum. Denn neben der Grenzüberschreitung der „Zombies“ bedeutet die Verbindung beider Welten auch die Möglichkeit, dass man selbst oder das eigene Kind zu einem Teil dieser Welt werden könnte und wie die Untoten sein Bewusstsein und die eigene Persönlichkeit an den unbedingten Willen der Bedürfnisbefriedigung durch die im Film gezeigten Drogen verlieren könnte. Eine effektivere Prävention gegen den Konsum von Rauschmitteln hat es, gebannt auf Film und mit dieser Massenwirkung, vielleicht nie gegeben.

Bald beginnen die neuen Freunde zu härteren Drogen zu greifen …

Doch auch abgesehen vom pädagogischen Wert ist „Christiane F – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ein herausragendes Filmdrama. Kaum ein Werk stellt den Verfall von Heroinkonsumenten auf eine derart effektive und transgressive Weise dar wie das Drama von Uli Edel. Exemplarisch und in besonderer Weise herausragend sei jene Szene angeführt, die einen kalten Entzug der Protagonistin und ihres Freundes zeigt. Unerträgliche Szenen des Leidens werden in einer Schnittfolge verarbeitet, die eine übergeordnete Form von Zeitlichkeit repräsentiert und die Figuren in einen nicht enden wollenden Strudel der Qual hineinzieht, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Vergessen kann man diese Szene nicht, genauso wie man diesen Film in seiner Gänze nicht vergessen kann.

Das kürzlich veröffentlichte Mediabook von EuroVideo Medien lag mir zur Sichtung leider nicht vor, weshalb ich über die Booklettexte von Stefan Jung und Marcus Stiglegger nichts schreiben kann. Beide sind aber als versierte und filmkundige Autoren bekannt. Sie sind gemeinsam mit Regisseur Uli Edel auch im Audiokommentar zu hören. Jung und Stiglegger haben kürzlich im Martin Schmitz Verlag den Essayband „Berlin Visionen – Filmische Stadtbilder seit 1980“ veröffentlicht, was natürlich bestens zu ihrer Mitwirkung an der Veröffentlichung von „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ passt. Im Bonusmaterial auf den Discs findet sich auch ein knapp halbstündiges Interview mit Hauptdarstellerin Natja Brunckhorst und ein Featurette mit Einblicken in das Casting des Rauschgiftdramas. Welche Berlinfilme könnt ihr empfehlen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Uli Edel haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

… was zu Spannungen zwischen Christiane und Detlef führt

Veröffentlichung: 7. April 2022 als 2-Disc Limited Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), UHD Blu-ray und DVD, 1. August 2014 und 10. Mai 2012 als Blu-ray, 1. Oktober 2012 als DVD

Länge: 131 Min. (Blu-ray), 126 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
BRD 1981
Regie: Uli Edel
Drehbuch: Herman Weigel
Besetzung: Natja Brunckhorst, Eberhard Auriga, Peggy Bussieck, Lothar Chamski, Rainer Woelk, Uwe Diderich, Jan Georg Effler, Ellen Esser, Andreas Fuhrmann, Thomas Haustein
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Uli Edel, Stefan Jung und Marcus Stiglegger, Interview mit Hauptdarstellerin Natja Brunckhorst (27:03 Min.), Casting-Einblicke (5:03 Min.), Originaltrailer, 24-seitiges Booklet mit dem Text „Sehnsuchtstadt Berlin – Zur filmischen Topographie von Christiane F.“ von Stefan Jung und dem Essay „Das Erbe von Christiane F.“ von Marcus Stiglegger
Label/Vertrieb: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2021 by Lucas Gröning

Szenenfotos & Packshots: © 2022 EuroVideo Medien GmbH

 

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The Paper Tigers – Gealtertes Kung-Fu-Trio will es noch einmal wissen

The Paper Tigers

Von Volker Schönenberger

Actionkomödie // Einst war ihr Kung Fu berühmt, als die drei Tiger genossen sie einen legendären Ruf. Ihr Coach Sifu Cheung (Roger Yuan) trainierte sie als Kinder und Jugendliche bis zur Perfektion. 30 Jahre später sind Danny (Alan Uy), Hing (Ron Yuan) und Jim (Mykel Shannon Jenkins) drei mittelalte Typen, die sich in Seattle mit ungeliebten Jobs, gesundheitlichen Problemen und sonstigem Ungemach herumplagen. Aus dem unzertrennlichen Trio sind drei Einzelgänger geworden.

Bei der Wahl zum Vater des Jahres würde Danny wohl nicht einmal zugelassen werden

Als die Kunde vom Tod ihres Meisters sie erreicht, treffen die drei wieder aufeinander. Angeblich ist er einem Herzleiden erlegen. Aber was, wenn ihn jemand mit der mystischen „Poison Fingers“-Technik getötet hat? Danny, Hing und Jim machen sich auf, herauszufinden, was dahinter steckt.

Die drei Freunde müssen wieder zusammenwachsen

Gealterte Kampfkunst-Recken kennt das Martial-Arts-Actiongenre zur Genüge. „The Paper Tigers“ allerdings zeigt tatsächlich, was mit dem Alterungsprozess und den Jahren einhergeht. Da sind die körperlichen Gebrechen – Hing plagt sich mit einem kaputten Knie und verbirgt seine Glatze mit einem Toupet. Da ist das Scheitern im Leben – Danny hat eine zerbrochene Ehe hinter sich und enttäuscht als Teilzeitvater immer wieder seinen Sohn Ed (Joziah Lagonoy). Da sind die Handicaps beim Kämpfen – bei einem Tritt zieht es gewaltig im Oberschenkel, ein Faustschlag ins Gesicht des Gegners lässt auch schon mal die eigenen Finger schmerzen.

Vater werden ist nicht schwer …

Einige Fremdschämmomente sind zu überstehen, etwa wenn Danny seinen Sohn verleitet, Dannys Ex-Frau und Eds Mutter Caryn (Jae Suh Park) über einen Vater-Sohn-Ausflug zu belügen, weil Danny doch wieder ins Büro musste. Diese Charakterzeichnung wirkt nicht zu Ende gedacht und befindet sich nicht recht im Einklang mit dem gealterten Athleten, der insgesamt als Typ recht sympathisch wirkt, diese Sympathien aber aufgrund seiner väterlichen Defizite und einiger anderer Verhaltensweisen komplett verspielt. Wer ein perfekter Vater ist, werfe den ersten Stein, aber hier wird in puncto Fehlverhalten doch etwas zu dick aufgetragen. Zudem ist drei Meilen gegen den Wind zu riechen, dass Danny am Ende geläutert aus den Ereignissen hervorgehen wird – und das, ohne auf dem Weg dorthin einen Erkenntnisgewinn erlebt zu haben, der angetan wäre, die Läuterung plausibel zu erklären. Ein grober Pinselstrich, vielleicht der mangelnden Erfahrung von Drehbuchautor und Regisseur Quoc Bao Tran bei seinem ersten langen Spielfilm geschuldet. Das mag auch auf die Charakterisierung von Carter (Matthew Page) zutreffen, einer etwas rätselhaften Figur, schon zu Teenagerzeiten (dort Mark Poletti) Gegner des Trios, den speziell Danny im Kampf demütigte. Als Erwachsener in der Haupthandlung ist Carter weder Feind noch Freund, teils boshaft, dann aber eine eher traurige Gestalt. Ein schwer zu deutender Charakter. Irgendwann taucht fast wie aus dem Nichts ein echter Antagonist auf, gegen den die drei Freunde bestehen müssen.

Ob sich drei Jungspunde von den alten Herren in die Schranken weisen lassen?

Noch einmal zu Danny: Irgendwann überkommt ihn die Einsicht, es wieder mit dem Training zu versuchen. Hier ist das Martial-Arts-Genre randvoll mit Beispielen, wie sich diese Quälerei in faszinierenden Bildern inszenieren lässt. „The Paper Tigers“ bietet in der Hinsicht leider nichts dergleichen. Danny schnappt sich einen einem per Gummiband an seinem Körper fixierten Tennisball, gegen den er boxt, um Reaktion und Trefferquote zu optimieren. Nach ein paar eher dürftigen Versuchen hat er den Dreh raus. So weit, so lahm, wobei es durchaus löblich ist, dass diese Trainingseinheit nicht über Gebühr ausgewalzt wurde. Aber es bleibt die einzige.

Carter (l.) hat mit Jim …

Auf der Habenseite stehen ein paar feine Kampfsporteinlagen, etwa im kurzen Prolog aus der Teenagerzeit des Trios sowie beim „Bosskampf“ im Finale. Den erzählerischen Defiziten zum Trotz gewann „The Paper Tigers“ 2020 beim Boston Asian American Film Festival den Publikumspreis als „Best Narrative Film“. 2021 folgte beim Seattle Asian American Film Festival der Große Preis der Jury als „Best Feature Film“. Das sei Regisseur Quoc Bao Tran und den Produzenten gegönnt, Potenzial genug hat die Actionkomödie. Für einen großen Wurf reicht es nicht, dazu sind einige Handlungsfäden zu wenig durchdacht gesponnen und etwas Leerlauf ist nicht zu übersehen. Da sich Quoc Bao Tran von eigenen Erinnerungen und seiner Liebe zur Kampfkunst zu der Story inspirieren ließ, ergibt der Blick aufs Bonusmaterial des Mediabooks von capelight pictures umso mehr Sinn, etwa die beiden Q&As von 2020 und das Interview mit dem Regisseur im Booklet.

… und Hing noch eine Rechnung offen

Alle als „Limited Collector’s Edition” von capelight pictures veröffentlichten Filme haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Abgerechnet wird zum Schluss

Veröffentlichung: 25. März 2022 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 110 Min. (Blu-ray), 106 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Chinesisch traditionell, Chinesisch vereinfacht, Koreanisch, Vietnamesisch
Originaltitel: The Paper Tigers
USA 2020
Regie: Quoc Bao Tran
Drehbuch: Quoc Bao Tran
Besetzung: Alain Uy, Ron Yuan, Mykel Shannon Jenkins, Yuji Okumoto, Andy Le, Brian Le, Matthew Page, Jae Suh Park, Yoshi Sudarso, Roger Yuan, Peter Adrian Sudarso, Gui DaSilva-Greene, Ken Quitugua, Raymond Ma, Annette Toutonghi, Phillip Dang, Ray Hopper, Mark Poletti, Joziah Lagonoy, Kieran Tamondong, La’Tevin Alexander, Malakai James, Tee Dennard, Richard Cranor, Bryan Kinder
Zusatzmaterial: Making-of-Featurettes (Hinter den Kulissen, Produktionsdesign, Das Tai Tung Restaurant), entfallene Szenen, Outtakes, Kurzfilm „The Challenger“ (7:56 Min.), Q&A beim Anomaly Film Festival 2020, Q&A beim Hawai’i International Film Festival 2020, Kinotrailer, Trailershow, nur Mediabook: 24-seitiges Booklet mit einem von Heiko Thiele geführten Interview mit Regisseur Quoc Bao Tran, nur Blu-ray und DVD: Wendecover
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & gruppierter Packshot: © 2022 capelight pictures

 

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Coming Home in the Dark – Düsterer neuseeländischer Roadtrip

Coming Home in the Dark

Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // Ein Trip zum Wandern und Zelten in der rauen Wildnis – genau das Richtige für die neuseeländische Familie Hoaggenraad. Mit dem Auto fahren der Lehrer Alan „Hoaggie“ (Erik Thomson), die Lehrerin Jill Marama Booth (Miriama McDowell) und ihre gemeinsamen Söhne Maika (Billy Paratene) und Jordan (Frankie Paratene) in die Abgeschiedenheit, parken das Fahrzeug und ziehen los. Doch schon nach kurzer Zeit ist die familiäre Idylle dahin; unvermittelt tauchen zwei Typen auf: Mandrake (Daniel Gillies) und Tubs (Matthias Luafutu). Und Mandrake hat ein Gewehr dabei …

Mandrake – Strauchdieb oder Racheengel?

Fängt „Coming Home in the Dark“ anfangs noch die betörende Schönheit der neuseeländischen Landschaft ein, spielt sich das Geschehen bald darauf für eine ganze Weile im Auto der Familie ab. Die zwei düsteren Gesellen nehmen ihre Geiseln auf einen Trip mit, der zügig die Vergangenheit zum Vorschein bringt. Speziell offenbar Hoaggies Vergangenheit, denn schnell kommt das Gespräch auf Hakawai Point, ein Jugendheim, in dem er vor vielen Jahren eine Weile als Hilfslehrer tätig war. Eines der Jugendheime, in denen die minderjährigen Insassen missbraucht worden sind und andere Torturen erleiden mussten.

Tubs bleibt schweigsam

Unter weitgehendem Verzicht auf musikalische Untermalung entspinnt sich ein intensives Psychoduell zwischen den Geiselnehmern und ihren Opfern, das mit wenigen kurzen Gewaltausbrüchen gespickt ist. Diese kommen teils wie aus dem Nichts und wirken umso verstörender. Vieles geschieht über Dialoge, die phasenweise sehr präzise die Handlung vorantreiben, phasenweise aber auch als Füller dienen. Das mag der Tatsache geschuldet sein, dass es sich bei „Coming Home in the Dark“ um die Adaption einer gleichnamigen Kurzgeschichte handelt. Diese ohne Längen aufs Format eines anderthalbstündigen Spielfilms zu strecken, dazu mangelte es dem Neuseeländer James Ashcroft bei seinem Langfilm-Regiedebüt wohl an Erfahrung. Ein wenig scheint dem Regisseur und Ko-Drehbuchautor die zündende Idee gefehlt zu haben, wie er die Story auf einen Höhepunkt zusteuern lässt.

Jill und ihr Ehemann …

Als Produzent zeichnete Ashcroft 2015 für die Dokumentation „Little Criminals“ verantwortlich, die sich mit den Zuständen in den 26 staatlichen Jugendheimen Neuseelands und speziell dem berüchtigten Epuni Boys’ Home befasste. Diese waren dafür berüchtigt, dass viele ihrer Insassen zu Kriminellen wurden. Das Thema inspirierte Ashcroft dazu, den Stoff in einem Horrorthriller erneut aufzugreifen.

… Hoaggie müssen leiden

Seine Weltpremiere feierte „Coming Home in the Dark“ im Januar 2021 beim Sundance Film Festival im US-Staat Utah, um im Anschluss eine ausgedehnte Festivaltour zu absolvieren, die das Werk unter anderem zum FrightFest in London, dem Internationalen Festival des fantastischen Films im katalanischen Sitges und dem deutschen Fantasy Filmfest führte. Einen regulären Kinostart bekam der Film bei uns nicht, dafür veröffentlicht capelight pictures ihn in gewohnt ansprechender Form als Mediabook mit Blu-ray und DVD. Lesenswert ausgefallen ist das ausführliche Interview im Booklet, in welchem Regisseur Ashcroft Sam Peckinpahs „Wer Gewalt sät“ („Straw Dogs“, 1971) als wichtigen Einfluss auf ihn nennt. Allerdings rate ich dringend vom Blättern im Booklet vor Sichtung des Films ab, da man ansonsten Gefahr läuft, in einem per Textlayout deutlich hervorgehobenen Satz des Interviewers Leonhard Elias Lemke einen massiven Spoiler zu erblicken.

Ein düsterer Trip …

„Coming Home in the Dark“ ist nicht frei von Makeln, was bei einem Debütfilm aber nicht überraschend kommt. Mit dem fesselnden, unbequemen Horrorthriller setzt James Ashcroft eine interessante Duftmarke aus Neuseeland, die Lust auf weitere Arbeiten macht. Etwa den Bigfoot-Film, an dessen Drehbuch Ashcroft zum Zeitpunkt des Interviews gerade arbeitete.

Bleibt die Frage: War es ein zufälliges Aufeinandertreffen? Dazu Mandrake: Na ja, is’n kleines Land, Kumpel.

… nimmt seinen Lauf

Veröffentlichung: 22. April 2022 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Coming Home in the Dark
NZ 2021
Regie: James Ashcroft
Drehbuch: Eli Kent, James Ashcroft, nach der gleichnamigen Kurzgeschichte von Owen Marshall
Besetzung: Matthias Luafutu, Miriama McDowell, Erik Thomson, Billy Paratene, Frankie Paratene, Desray Armstrong, Alan Palmer, Daniel Gillies, Ike Hamon, Sam Carter, Bailey Cowan, Timon Zeiss, Tioti O’Donnell, Kaira O’Donnell, Emma Jonnz
Zusatzmaterial: Making-of (12:53 Min.), Kinotrailer, Trailershow, nur Mediabook: 24-seitiges Booklet mit einem von Leonhard Elias Lemke geführten Interview mit Regisseur James Ashcroft, nur Blu-ray und DVD: Wendecover
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & gruppierter Packshot: © 2022 capelight pictures

 
 

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