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Dragged Across Concrete – Cop-Duo plant riskanten Coup

Dragged Across Concrete

Von Andreas Eckenfels

Thrillerdrama // Wenn man der Geschichte Glauben schenken mag – und warum sollte man auch nicht? – überzeugte Vince Vaughn während der gemeinsamen Dreharbeiten zu „Hacksaw Ridge – Die Entscheidung“ Mel Gibson davon, dass der an seiner Seite eine der Hauptrollen in S. Craig Zahlers dritter Regiearbeit „Dragged Across Concrete“ übernehmen sollte. Zahler hatte Vaughn zuvor sein Vertrauen geschenkt, nun konnte er dies zurückzahlen. Der „Bone Tomahawk“-Regisseur besetzte ihn als bulligen Kriminellen Bradley Thomas, der im knallharten Knast-Kracher „Brawl in Cell Block 99“ sein eigenes „Dantes Inferno“ erlebt, komplett gegen sein Image. Allein Vaughns enorme Präsenz haute einen um. So hatte man den „Hochzeits-Crasher“ noch nie gesehen. Wobei man bei ihm gern mal vergisst, dass er besonders zu seinem Karrierebeginn in der Tragikomödie „Swingers“ (1996), im Drama „Für das Leben eines Freundes“ (1998) und sogar im „Psycho“-Remake (1998) als Norman Bates sein Können bewiesen hat – bevor er in den folgenden Jahren seinen Comedy-Autopiloten einschaltete. Erst mit der zweiten Staffel von „True Detective“ wandelte sich Vaughn langsam wieder zum ernst zu nehmenden Schauspieler. Das kann gern so bleiben.

Ohne Ausweg

Brett Ridgeman (Mel Gibson) hat die Schnauze voll: Der 59-jährige Cop hat mit seinem jüngeren Partner Anthony Lurasetti (Vince Vaughn) gerade einen Drogendealer geschnappt, da werden beide bis auf Weiteres suspendiert. Als Grund nennt ihnen Chief Lieutenant Calvert (Don Johnson) – ausgerechnet Bretts Ex-Partner –, sie seien bei der Verhaftung etwas zu ruppig vorgegangen; ein Nachbar hat das Duo im Einsatz mit dem Smartphone gefilmt. Nun stürzen sich die Medien auf den Mitschnitt. Weil sich Brett sonst nirgends die Miete leisten kann, lebt er mit seiner an Multipler Sklerose erkrankten Frau Melanie (Laurie Holden) und Teenager-Tochter Sara (Jordyn Ashley Olsen) bereits in einem miesen Viertel. Da die kommenden Gehaltsschecks nun ausbleiben werden, sieht er keinen anderen Ausweg mehr und plant mit Anthony einen riskanten Coup: Sie wollen einer Bankräuber-Bande die Beute abjagen. Gar nicht so einfach, denn besonders deren Anführer Lorentz Vogelmann (Thomas Kretschmann) erweist sich als eiskalter Psychopath, der ohne mit der Wimper zu zucken über Leichen geht.

Abschied vom Amerikanischen Traum

Wie schon bei seinen ersten beiden Filmen scheut Regisseur S. Craig Zahler keine lange Laufzeit: Stolze 160 Minuten dauert „Dragged Across Concrete“! Unruhige Zuschauer, die alle fünf Minuten ihre Actionszenen brauchen, sind hier fehl am Platz. Zahlers ruhige Erzählweise macht sich auch durch die Kameraarbeit bemerkbar: Bis auf wenige Ausnahmen bewegt sich die Kamera nur, wenn sich auch die szenenspezifische Figur bewegt. Wenn Brett und Anthony die Gang aus ihrem parkenden Auto heraus für lange Zeit observieren, passiert nun mal nicht so viel – dennoch sind diese Szenen wichtig, weil durch die starken Dialoge die loyale Beziehung der Arbeitskollegen und deren privaten Probleme weiter ausgelotet werden. Gleichzeitig erkennt man auch, dass Brett und Anthony ihren lausigen Job trotz allen Frusts mit Akribie ausüben, auch wenn sie nicht immer nach den Regeln spielen, was in dieser kriminellen Welt eben auch für einen Cop nicht immer möglich ist.

Brett kann mit seinem kargen Lohn als Cop kaum seine Familie über Wasser halten

Dass das grimmige und sehr realistisch wirkende Thrillerdrama keine Sekunde langweilig ist, liegt auch daran, dass sich Zahler erneut als exzellenter Geschichtenschreiber erweist. Wieder einmal erzählt er vom Scheitern des Amerikanischen Traums. Nur dreht er diesmal die Perspektive um. Während in „Brawl in Cell Block 99“ der Kriminelle trotz aller Bemühungen daran scheiterte, ehrbar zu werden, schaffen es hier die beiden Cops trotz ihrer erfolgreichen Arbeit nicht, dass sie beruflich aufsteigen und ihre Familie versorgen können. So stürzt Zahler seine Protagonisten in ein moralisches Dilemma: Um über die Runden zu kommen, müssen sich Brett und Anthony gegen das Gesetz wenden.

Anthony (l.) und Brett können sich aufeinander verlassen

Dabei versuchen sie ihre Zweifel dadurch zu legitimieren, dass sie „nur“ Ganoven überfallen und sonst niemand zu Schaden kommen wird. Spätestens, wenn sie Vogelmanns Raubzug in aller Ruhe beobachten und später erst erfahren, dass einige Bankangestellte getötet wurden, fällt ihre fadenscheinige Legitimation zusammen: Denn hätten sie wenigstens rechtzeitig die Polizei gerufen, hätte es vielleicht einige Opfer weniger gegeben. Spätestens dann erkennen Brett und Anthony, dass es von nun an keinen Weg zurück mehr gibt – sie müssen ihren Plan umsetzen. Koste es, was es wolle.

Shotgun Safari

Eine dritte Hauptfigur hatte ich bislang nicht erwähnt: Der afroamerikanische Kleinkriminelle Henry Johns (Tory Kittles) ist frisch aus dem Knast entlassen worden. Auch er wollte eigentlich nicht wieder gegen das Gesetz verstoßen, doch er hat ähnliche Beweggründe wie Brett, um bei Vogelmanns Bande als Fahrer anzuheuern: Als Henry nach Hause kommt, erfährt er, dass seine Mutter als Prostituierte arbeitet, während sein jüngerer, gehbehinderter Bruder im Nachbarzimmer Videospiele spielt. Eines seiner Lieblingsspiele ist „Shotgun Safari“ – eine Großwild-Jagd, bei der in der Savanne an jeder Ecke Löwen und andere Raubtiere lauern, die getötet werden müssen, wenn man überleben will. Eine passende Parallele zur Welt, in der Brett, Anthony und Henry leben. Interessanterweise zeigt hier der ehemalige Heavy-Metal-Schlagzeuger Zahler nach „Brawl in Cell Block 99“ wieder seine Vorliebe für Soul-Musik: Er schrieb den Abspannsong „Shotgun Safari“, welcher von der besonders in den 1970er-Jahren erfolgreichen Band The O’Jays eingesungen wurde.

Figuren aus Fleisch und Blut

Die Haupthandlung unterbricht Zahler immer wieder kurz für kleine Zwischenepisoden: Vogelmann überfällt einen Lebensmittelladen und holt den extra bestellten, schusssicheren Transporter ab, den er für den Überfall nutzen will. Bretts Tochter Sara wird kurz vor ihrem Zuhause auf der Straße von Jugendlichen mit einem Getränk übergossen – und dann ist da noch die junge Mutter Kelly (Jennifer Carpenter), die nach ihrer verlängerten Babypause ihren ersten Arbeitstag hat, aber große Probleme damit hat, sich von ihrem Nachwuchs zu lösen. All diese Szenen bringen uns die Charaktere und ihre Hintergründe präzise näher, ohne, dass es große Erklärungen braucht. Sie werden zu Figuren aus Fleisch und Blut. Das ist meisterlich und auf den Punkt genau von Zahler geschrieben und wird durch eine großartige Besetzung getragen. Dabei kann sich der Regisseur nicht nur auf das perfekte Zusammenspiel von Vince Vaughn und Mel Gibson verlassen. Er vertraute auch neben Vaughn erneut in kleinen Rollen auf Don Johnson, Jennifer Carpenter, Udo Kier und Fred Melamed, die bereits in Zahlers früheren Filmen dabei waren.

Henry (l.) vertreibt den Freier seiner Mutter aus der Wohnung

Wer „Bone Tomahawk“, „Brawl in Cell Block 99“ oder „Puppet Master – Das tödlichste Reich““, für den Zahler das Drehbuch schrieb, gesehen hat, weiß dass der Regisseur nicht zimperlich mit blutigen Szenen umgeht. „Dragged Across Concrete“ ist dabei sein erster Film, der in Deutschland nicht mindestens eine Freigabe ab 18 Jahren erhalten hat. Hier schraubt er die Gewalt zwar deutlich zurück – dennoch setzt er sie treffsicher und völlig unerwartet ein, was für den Zuschauer dann umso mehr durch Mark und Bein geht. Für die beteiligten Figuren bleibt aber keine Zeit für Trauer oder Triumph, denn sie alle wissen, dass die Großwild-Jagd noch lange nicht vorbei ist. An jeder Ecke kann ein weiteres, hungriges Raubtier lauern, das ebenfalls ums Überleben kämpft.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von S. Craig Zahler sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Mel Gibson und Vince Vaughn unter Schauspieler.

Kellys Bank wird von Vogelmann und seiner Bande überfallen

Veröffentlichung: 23. August 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 163 Min. (Blu-ray), 159 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Dragged Across Concrete
USA 2018
Regie: S. Craig Zahler
Drehbuch: S. Craig Zahler
Besetzung: Mel Gibson, Vince Vaughn. Don Johnson, Tory Kittles, Jennifer Carpenter, Michael Jai White, Laurie Holden. Fred Melamed, Thomas Kretschmann, Udo Kier
Zusatzmaterial: Featurettes „Moral Conflict”, „Elements of Crime Part 1-3“, Trailer
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2019 Universum Film

 

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Die Bounty (1984) – Meuterei auf hoher See

The Bounty

Von Lucas Gröning

Abenteuer // Im Jahre 1787 stach der britische Dreimaster „HMS Bounty“ unter der Führung von Lieutenant William Bligh in See und machte sich auf eine Reise durch die Südsee. Das Schiff und seine Crew sollten Stecklinge des Brotfruchtbaumes von Tahiti zu den Antillen bringen, deren Früchte als Nahrungsmittel für die von der britischen Regierung gehaltenen Sklaven vorgesehen waren. Während des langen Trips lief einiges aus dem Ruder, sodass es 1789 auf der Rückfahrt des Schiffes zur Meuterei unter der Führung des Oberbootsmanns Fletcher Christian kam, in deren Folge William Bligh gemeinsam mit 18 weiteren Crewmitgliedern von den Meuterern ausgesetzt wurde. Mit diesen gelang dem Lieutenant eine außergewöhnliche Leistung: Er und seine Leute legten 3.600 Seemeilen von Tonga bis Timor zurück und schafften es so, in ihre britische Heimat zurückzukehren. Teile der Meuterer wiederum besiedelten die entlegene Südseeinsel Pitcairn und versteckten sich so vor der britischen Regierung.

Drei große Kinoversionen der Meuterei

Die Geschichte von William Bligh, der „Bounty“ und der Meuterei diente als Vorlage für zahlreiche künstlerische Darstellungen. Die älteste davon ist wohl die Kurzgeschichte „Les Révoltés de la Bounty“ aus dem Jahre 1879 von Jules Verne. Später wurde diese Geschichte von den Autoren Charles Nordhoff und James Norman Hall zu einer Buchtrilogie ausgebaut. Diese Reihe stammt aus den 1930er-Jahren und umfasst die Titel „Meuterei auf der Bounty“ (1932), „Männer gegen das Meer“ (1933) und „Pitcairns Insel“ (1934). Die Buchtrilogie wiederum lieferte die Vorlage für die wohl bekanntesten Filmumsetzungen zu diesem historischen Ereignis: 1935, ein Jahr nach Veröffentlichung des letzten Romans, inszenierte Regisseur Frank Lloyd, welcher 1942 als Produzent mit Alfred Hitchcock an „Saboteure“ zusammenarbeitete, die Umsetzung „Meuterei auf der Bounty“ mit den Oscar-Preisträgern Charles Laughton („Das Privatleben Heinrichs VIII.“, „Spartacus“) und Clark Gable („Es geschah in einer Nacht“, „Vom Winde verweht“). 1962 folgte unter Lewis Milestone („Frankie und seine Spießgesellen“) eine gleichnamige Zweitverfilmung mit Hollywood-Legende und Academy-Award-Gewinner Marlon Brando („Der Pate“, „Apocalypse Now“) und Trevor Howard („In 80 Tagen um die Welt“, „Gandhi“). Die dritte große Kinoumsetzung des Stoffs schließlich stammt aus dem Jahr 1984, trägt den Titel „Die Bounty“ und basiert auf dem Buch „The Bounty“ von Richard Hough aus demselben Jahr. In dieser Verfilmung von Regisseur Roger Donaldson („No Way Out“, „Cocktail“) werden die beiden Hauptfiguren von den Oscar-Preisträgern Anthony Hopkins („Das Schweigen der Lämmer“, „Was vom Tage übrig blieb“) und Mel Gibson („Braveheart“, Lethal Weapon“) verkörpert. Diese bislang letzte große Verfilmung des Stoffs soll Gegenstand des vorliegenden Textes sein.

Der zahme Kapitän

Bleiben wir zunächst bei der logischerweise größten Gemeinsamkeit aller drei Verfilmungen: dem Plot. Bei der Inszenierung eines historischen Ereignisses sind die Freiheiten einer Filmcrew in der Regel recht begrenzt. Dementsprechend ähnlich sind sich die Drehbücher, dementsprechend gering fallen die Unterschiede in der Geschichte aus. Alle drei Filme eint somit die grundlegende Ausgangssituation: Lieutenant William Bligh (Hopkins) wird damit beauftragt, die angesprochenen Stecklinge zu transportieren. Sein erster Offizier Fletcher Christian (Gibson) unterstützt ihn dabei. In Folge der tyrannischen Herrschaft an der Bord der „Bounty“, welche sich vor allem durch übertriebene Strafen für kleinste Vergehen oder Undiszipliniertheiten auszeichnet, kommt es auf der Rückfahrt zur Meuterei, in deren Folge Bligh mit mehreren Männern ausgesetzt wird und die Reise über 3.600 Meilen nach Timor zurücklegt. Diese Story ist in allen drei Verfilmungen gleich. Doch es gibt einige entscheidende Aspekte, die die 1984er-Version anders macht.

Bligh und Christian segeln zunächst Seite an Seite

So wird die Haupthandlung in Donaldsons Film von einer Rahmengeschichte begleitet. In dieser steht Lieutenant Bligh bereits nach seiner Heimkehr vor Gericht und muss sich dafür verantworten, warum sein Schiff einer Meuterei zum Opfer fiel. Er muss sich also rechtfertigen, seine Führungsqualitäten werden von den zuständigen Richtern infrage gestellt. Diese Verhandlung dient dazu, die Schuldfrage zu beantworten und uns Zuschauern die Frage zu stellen, wem wir selbst die Schuld an der Eskalation geben. Ist diese Frage in den vorherigen beiden Filmen eindeutig zu beantworten, können wir uns bei Donaldsons Adaption nicht sicher sein, was einem anderen wichtigen Herausstellungsmerkmal im 1984er-Film geschuldet ist: Im Gegensatz zu den anderen beiden Filmen erscheint William Bligh nämlich zu Beginn, bis zur Landung auf Taiti, als besonnener Mensch, über den wir auch recht viele Hintergrundinformationen erfahren. So wissen wir nach der Einführung, dass er sehr ehrgeizig ist und in der königlichen Marine eine steile Karriere anstrebt und außerdem, dass er eine Frau hat, die in der Heimat auf ihn wartet. Er und Christian werden hier zunächst als alte Freunde dargestellt. Zwischen ihnen besteht eine Beziehung, die derart innig ist, dass Bligh Christian unbedingt als seinen Ersten Offizier auf der Reise dabei haben will. Und auch auf der Reise selbst deutet sich zunächst nicht an, dass Bligh zu eben jenem Tyrann werden könnte, der er in den vorangegangenen Filmen ist, womit auch kein Grund vorhanden wäre, dass die Crew gegen ihn meutern könnte. Zwar ist Bligh auch in dieser Verfilmung ein Kapitän, der Undiszipliniertheiten durchaus bestraft und Wert auf autoritäre Führung legt, doch ist er zunächst weit entfernt davon, ein wirklich unfairer und tyrannischer Herrscher über sein Schiff zu sein.

Zwei Positionen

Vielmehr ist es seine Mannschaft, durch die er sich im Verlaufe der Geschichte zu eben jenem entwickelt. Das Gebilde seiner Crew wirkt von Beginn an instabil und weist antiautoritäre Tendenzen auf. So machen sich die Mitglieder beispielsweise hinter dem Rücken ihrer Vorgesetzten immer wieder über diese lustig. Dieses Antiautoritäre ist dabei zunächst nicht besonders schädlich, jedoch gibt es auch unter den ranghöheren Mitgliedern der Gruppe Individuen, denen dies auffällt und die versuchen, ihre Macht mit entsprechender Strenge zu erhalten. Repräsentiert wird diese Strenge vor allem durch den Steuermann John Fryer (Daniel Day-Lewis), der gegen Undiszipliniertheiten besonders rigoros vorgeht und dafür von Bligh zu Beginn auch nicht besonders geschätzt wird. Ihm gegenübergestellt wird Charles Churchill (Liam Neeson), welcher Teil der Crew ist und sich als besonders aufmüpfig herausstellt. In diesen beiden haben wir die zwei Extrempositionen vertreten, deren Aufeinanderprallen schlussendlich dazu führt, dass es auf der Bounty zur Eskalation kommt. Bligh und Christian hingegen repräsentieren eine vermittelnde Position zwischen den beiden Extremen, wodurch die Crew zunächst noch zusammengehalten wird.

Die Landung auf Tahiti ändert alles

Dies ändert sich mit der Ankunft in Tahiti, wo die Mannschaft für mehrere Monate bleiben muss. Das freie und unbeschwerte Leben auf der Insel wird hier als krasser Gegenentwurf zu dem autoritären Regiment gezeigt, aus dem die Briten kommen. Alles ist so frei und unbeschwert. So verlieben sich diverse Crewmitglieder mit der Zeit in tahitische Frauen, was dazu führt, dass sie die Insel nicht mehr verlassen wollen. Hier findet eine Verstärkung des antiautoritären Gedankenguts der niederen Ränge statt, was im Konflikt mit der Tatsache steht, dass sie sich nach wie vor im Dienst der britischen Marine befinden. Auch Fletcher Christian wird mit der Zeit von dem Leben auf der Insel angesteckt, er verliebt sich in eine der dort lebenden Frauen, welche von ihm sogar schwanger wird. Somit ist es tatsächlich die Liebe, die ihn aus den strengen Strukturen der Briten löst und dafür sorgt, dass er sich mit den übrigen Crewmitgliedern solidarisiert.

Bligh hingegen wirkt im Umfeld der Tahitianer wie ein Fremdkörper. Während die meisten Besatzungsmitglieder sich längst den lockeren Strukturen angepasst haben, die auf der Insel herrschen, besteht Bligh nach wie vor darauf, dass dieselben Regeln gelten wie auf dem Schiff. Dies wird besonders durch seine Kleidung deutlich. So ist er einer der Wenigen, die ihre Uniform nach wie vor tragen, was in der Umgebung zahlreicher halbnackter und ungepflegter Menschen vollkommen lächerlich und überzogen wirkt. Zugleich ist es gerade diese Nacktheit und offen zur Schau getragene Sexualität, die dem Kapitän fremd vorkommt. Während er sich durch ein Erinnerungsbild seine in der Heimat zurückgelassene Frau ins Gedächtnis ruft, die in der fernen Heimat auf ihn wartet, lebt seine Crew ihre Sexualität ohne Hemmungen aus. So ist es unmöglich für Bligh, selbst auch nur annährernd sexuell befriedigt zu werden, während um ihn herum alle Menschen Freiheiten ausleben, die sie bisher auf ihrer Reise nicht hatten. Dieser Faktor ist es, der ihn schlussendlich zu jenem Tyrann macht, der von der Mannschaft, angeführt von Fletcher Christian, im Verlaufe der Meuterei abgesetzt wird.

Unspektakuläre Kameraarbeit

Die Geschichte bietet somit tatsächlich psychologisch interessante Aspekte, die die beiden vorangegangenen Filme ausgeklammert haben. Insbesondere diese Aspekte machen Donaldsons Regiearbeit zu einem sehr guten Film. Die fantastischen schauspielerischen Leistungen einer Riege großartiger Darsteller tun ihr Übriges dazu. „Die Bounty“ weist jedoch auch kleinere Schwächen auf. Zuerst genannt sei ein Aspekt, für den der Film selbst relativ wenig kann: Wenn man mit den Ereignissen rund um die historische Meuterei auf der „Bounty“ vertraut ist, fällt es relativ schwer, gespannt und aufmerksam am Ball zu bleiben. Donaldsons Werk tut sich dahingehend relativ schwer, Spannung aufzubauen, diese konstant über die volle Länge zu halten und sich weit genug vom historischen Ereignis abzusetzen. Auch aus handwerklicher Sicht bietet seine Regiearbeit Anlass zur Kritik: So sind die Bilder insgesamt doch eher unspektakulär und bleiben nicht besonders nachhaltig im Gedächtnis hängen. Kameramann Arthur Ibbetson („Agenten sterben einsam“) hat hier wenige wirklich kreative Einstellungen gefunden, sodass sich der Film zu keinem Zeitpunkt fundamental von anderen großen Werken abhebt, in denen es um Seefahrten geht. Auch das Piratengenre hätte hier als Inspirationsquelle dienen können, klare Verweise sucht man jedoch vergebens. So bleibt der Film durch die hervorragende Charakterzeichnung zwar sehr gut, bietet jedoch davon abgesehen, sowohl filmhistorisch als auch im Kontext zu den vorangegangenen Werken rund um die Meuterei auf der „Bounty“ wenig Erfrischendes.

Bald kommt es zur Eskalation

Ccapelight pictures hat das Werk kürzlich im Mediabook-Format veröffentlicht. Die gewohnt sorgfältig prpduzierte Edition enthält den Film als Blu-ray und DVD. Geschichtsinteressierte Rezipienten finden im Booklet eine genaue Beschreibung der realen historischen Ereignisse sowie eine Passage, in der auf die historische Genauigeit der Filmumsetzungen eingegangen wird. Die Neuveröffentlichung ergibt Sinn, da die 2007 von Twentieth Century Fox Home Entertainment veröffentlichte DVD des Films inzwischen vergriffen ist. Parallel zum Mediabook hat capelight „Die Bounty“ auch einzeln neu auf DVD herausgebracht. Löblich, da trotz des mittlerweile nicht mal mehr neuen Formats Blu-ray DVDs nach wie vor nachgefragt werden.

Die bei „Die Nacht der lebenden Texte vorgestellten filmischen Adaptionen der Meuterei:

Die Bounty (USA 1984)
Meuterei auf der Bounty (USA 1962)
Meuterei auf der Bounty (USA 1935)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Daniel Day-Lewis, Mel Gibson, Anthony Hopkins, Liam Neeson und Laurence Olivier sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

17. Mai 2019 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD) und DVD, 5. Februar 2007 als DVD

Länge: 141 Min. (Blu-ray), 135 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Bounty
USA 1984
Regie: Roger Donaldson
Drehbuch: Robert Bolt
Besetzung: Mel Gibson, Anthony Hopkins, Laurence Olivier, Edward Fox, Daniel Day-Lewis, Bernard Hill, Phil Davis, Liam Neeson
Label 2019: capelight pictures
Vertrieb 2019: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2007: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Szenenfotos & Packshot DVD: © 2019 capelight pictures

 

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Daddy’s Home 2 – Mehr Väter. Mehr Probleme. Generationen im Weihnachts-Trubel

Daddy’s Home 2

Kinostart: 7. Dezember 2017

Von Iris Janke

Weihnachtskomödie // Zweiter Aufguss, alles auf Anfang: Die einst um Mutter Sara (Linda Cardellini) und die Kinder konkurrierenden Daddys Dusty (Mark Wahlberg) und Brad (Will Ferrell) aus dem ersten Teil haben sich miteinander arrangiert. Doch im zweiten Teil von „Daddy’s Home“ ziehen neue Wolken am Patchwork-Himmel auf: Autor und Regisseur Sean Anders („Der Chaos-Dad“) lässt seine Daddys Dusty und Brad auf ihre eigenen Väter treffen – und das an Weihnachten.

Super-Softies unter sich: Brad (r.) und sein Vater Don

Zwischen den Generationen und den Vätern untereinander brodelt es. Für den Familienfrieden ebenfalls nicht gerade förderlich ist, dass zwar Opa Don (John Lithgow) von seinem Sohn Brad zur Familienfeier eingeladen und sogar vom Flughafen abgeholt wird, Dustys Vater Kurt (Mel Gibson) sich hingegen kurzerhand selbst zur Familienfeier einladen muss. Mentalitätsmäßig ähneln die älteren Väter ihren Söhnen: Kurt ist ein Macho, wie er im Buche steht, Don ein noch schlimmerer Softie als sein Sohn: Er steht auf Theater und Kommunikation! Als unwillkommenes fünftes Rad am Wagen lässt Kurt nichts aus, um den fragilen Familienfrieden zu stören und Unruhe zwischen den gerade erst versöhnten Brad und Dusty zu stiften. Dafür ist ihm beinahe jedes Mittel recht: Erst bucht er online spontan eine megateure Skihütte, dann lädt er auch noch den biologischen Vater von Dustys Stiefkindern ein.

Krawall liegt ihnen im Blut: Dusty (r.) und sein Vater Kurt

Inhaltlich eingebettet ist die Fortsetzung des Komödienerfolgs „Daddy’s Home“ in den Generationskonflikt zwischen Vätern zu Weihnachten. Damit ist auch eigentlich schon fast alles erzählt. Dass auch Väter Väter haben, ist eigentlich klar, dass sich auch unter Vätern die familiäre Situation anspannt, ebenfalls nicht überraschend. Wer auf derb-komische Weihnachtsfilme wie „Schöne Bescherung“ mit Klamauk-Urvater Chevy Chase steht, kann sicher auch herzhaft über diese hemmungslose Klamotte lachen. Zu Weihnachtskult wie „Schöne Bescherung“ wird „Daddy’s Home 2“ aber nie werden. Wenn man sich auf die derben Sprüche und die durchaus funktionierenden Gags einlässt, macht immerhin auch diese Weihnachtskomödie Spaß. Dafür sorgen sowohl die Ur-Daddys Wahlberg und Ferrell, als auch die Opas Gibson und Lithgow, deren versiertes komödiantisches Können ziemlich prima unterhält.

Scheinbarer Familienfrieden an Weihnachten

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Will Ferrell, Mel Gibson, John Lithgow und Mark Wahlberg sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Vorübergehende Waffenruhe: Dusty (l.) und Brad

Länge: 95 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Daddy’s Home 2
USA 2017
Regie: Sean Anders
Drehbuch: Sean Anders
Besetzung: Mel Gibson, Will Ferrell, Mark Wahlberg, John Lithgow, Linda Cardellini,Alessandra Ambrosio,Owen Vaccaro, Scarlett Estevez, John Cena, Didi Costine
Verleih: Paramount Pictures Germany GmbH

Copyright 2017 by Iris Janke

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Paramount Pictures Germany GmbH

 

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