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Clint Eastwood (XXIII): Nur Du allein – Kluger Taschentuch-Alarm

Never Say Goodbye

Von Tonio Klein

Melodram // „Nur Du allein“ ist ein reichlich tränendrückendes Melodram von 1956 mit Qualitäten – hatte doch der Meister Douglas Sirk seine Finger im Spiel. Der bereitete den Dreh vor, überließ die Regie in der Folge wegen eines anderen Projekts Jerry Hopper, drehte aber später ein paar Szenen mit seinem Freund George Sanders nach. Natürlich ist das auch ein gut geöltes Studioprodukt mit manch üblichem Universal-Verdächtigen wie Rock Hudson und Komponist Frank Skinner. Aber Sirks Einfluss ist deutlich spürbar. Das gilt schon für die dreiaktige Struktur, an deren Ende sich ein Kreis schließen wird, was in einem echten Sirk-Titel („Never Say Goodbye“) bereits antizipiert wird: Eine Familie wird wieder vereint sein.

Zufall oder Schicksal?

Sehr unwahrscheinliche Zufälle sind als schicksalhaft zu deuten. Am ehesten erinnert alles an die Sirk-Melodramen „All meine Sehnsucht“ (1953), in der die Rückkehr zur Familie nach zehn Jahren zurückliegenden Ereignissen beschrieben wird, und an „Die wunderbare Macht“ (1954), in dem das Heilende der Tätigkeit eines Arztes genauso symbolische Bedeutung hat wie die Blindheit. Wie hier Dr. Parker (Hudson) bei der Begegnung mit einem Blinden seine eigene Blindheit erkennt, ist ein kleines Meisterstück. Und dabei ist er doch Experte im Röntgen, was er auch gleich bei der schönen, verunfallten Lisa (Cornell Borchers) macht, die zudem nicht ganz ohne Parkers Zutun schicksalhaft vor ein Auto läuft wie zwei Jahre zuvor Jane Wyman in „Die wunderbare Macht“. Aber durch die Haut seiner eigenen, obsessiven Eifersucht (der Oberflächlichkeit von Hudsons Rolle in „Die wunderbare Macht“) wird er lange nicht sehen können. Und so hat Parker ein Lügengebäude als alleinerziehender Vater errichtet, welches gut zu funktionieren scheint, in dem die zehnjährige Suzy (Shelley Fabares) aber letztlich kaum Kind sein kann: Sie idolisiert die totgeglaubte Mutter und muss für den geliebten Vater Tochter und treusorgende Ehefrau zugleich sein (und nein, das ist nicht inzestuös gemeint). Dabei ist Mutter Lisa gar nicht tot, wie wir im Mittelteil erfahren, der im Viersektorenwien von 1945 bis 1947 spielt …

Die Ambivalenz von Gelb

Es mag sein, dass Sirk das Ganze noch etwas delirierender inszeniert hätte – der war am Wahnsinn jedenfalls gelegentlich so nah wie am Weinen. Aber „Nur Du allein“ ist – mindestens – sehr solide Handwerkskunst. Es ist schon interessant zu sehen, wann auffällig platzierte Blumen die Szenerie rot aufhübschen, wie bei einer schnittarmen Kameraführung mehrere Personen zueinander und im Bild platziert sind, wie Menschen über Spiegel kommunizieren, einander Abbild nur sehen, aneinander vorbeireden. Oder wie sie im Hintergrund auftauchen, manchmal durch Gegenstände im Raum abgetrennt und auch von den anderen unbemerkt, was narrativ Dramatisches auslösen wird. Oder wie Lisa ein dunkelgrünes Kleid reduzierter Eleganz trägt, in der Finalszene aber in einem sehr ambivalenten Gelb gekleidet ist (Gelb kann sonnenklar, aber auch leicht fäulnishaft sein, es ist die Farbe der Verfolgten, Ausgestoßenen, was sich laut der Habilitationsschrift „Farbe im Kino“ von Susanne Marschall selbst noch in der Perfidie des „Judensterns“ gezeigt hat).

Der Schuft?

Neben Vielem steckt in dem Film auch eine Dreiecksgeschichte, oder besser gesagt: eine Andeutung davon, die uns eher den Blick des argwöhnischen Dr. Parker einnehmen lässt. Hierbei zeigt sich die kluge Besetzung des vielleicht nebenbuhlenden Mannes mit George Sanders, der ganz nach dem Titel seiner Autobiografie auf den „professional cad“ abonniert war. Hier ist die Sache etwas komplizierter, aber Sanders als Künstler Victor, mit dem Lisa schon in Wien gemeinsam aufgetreten ist, bringt immer einen Sanders-typischen Hauch von abgeklärter Fiesheit in seine „wittiness“ – sodass wir zu Dr. Parker werden und ebenfalls argwöhnen, Victor habe mehr als nur berufliches Interesse an Lisa. Was wohl auch stimmt, aber noch lange nichts darüber sagt, ob er seinen Charme auch ausnutzen wird und ob Lisa darauf eingehen wird, obschon bereits mit Parker verheiratet. Sanders’ nuanciertes Spiel hält den Verdacht immer aufrecht, aber auch in der Schwebe – wunderbar.

Das deutsche Heimkino wartet

Auch wenn das Ende erwartbar ist und man darum den letzten Akt vielleicht etwas hätte kürzen können, ist schließlich der entscheidende Clou wieder besonders gelungen und erinnert ebenfalls an Sirk. In „Die wunderbare Macht“ spielen Porträtbilder eine Rolle, und man hat es schon religiös gedeutet, dass dort ein Mann sämtliche Personen malen kann, nur einen Mann nicht, dem eine gottgleiche Verehrung gebührt. Hier nun andersherum: Erst, als Victor für die kleine Suzy ein Bild der Mutter malt, ist diese ihrer Tochter nicht mehr Göttin, sondern Mensch. Die Familie kommt wieder zusammen, entgegen der hochgeschätzten Sirk-Biografin Elisabeth Läufer nicht eventuell ironisch. Schön, klug, und dem Taschentuchabsatz extrem förderlich. Warum noch nicht in Deutschland auf DVD? In Westeuropa haben das Vereinigte Königreich, Frankreich und Spanien jedenfalls vorgelegt.

Wo bleibt denn nun Clint Eastwood

Ach ja, Clint Eastwood. Auch in seinem fünften Spielfilm erhielt er lediglich eine Minirolle mit einem einzigen Kurzauftritt in der vierten Minute und einmal mehr keine Credits. Laut Trivia der IMDb trug er dafür eine Brille, doch Hauptdarsteller Rock Hudson forderte sie für sich ein, da er ja einen Arzt spiele. Es blieb die einzige Szene des gesamten Films, in der Hudson eine Brille trägt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von und mit Clint Eastwood haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Rock Hudson unter Schauspieler.

Veröffentlichung (USA): 30. Oktober 2015 als DVD

Länge: 97 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Never Say Goodbye
USA 1956
Regie: Jerry Hopper, ohne Credits: Douglas Sirk
Drehbuch: Charles Hoffman, nach einem Theaterstück von Luigi Pirandello
Besetzung: Rock Hudson, Cornell Borchers, George Sanders, Shelley Fabares, Ray Collins, David Janssen, Helen Wallace, John Wengraf, Raymond Greenleaf, John Banner, Clint Eastwood
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb USA: Universal

Copyright 2020 by Tonio Klein
Filmplakat: Fair Use

 

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Little Women – Dank Greta Gerwig ganz groß

Little Women

Kinostart: 30. Januar 2020

Von Iris Janke

Melodram // „Little Women“ – nur eine Romanverfilmung oder einfach die dritte Regiearbeit einer Schauspielerin? Beides richtig, und doch zu wenig: Greta Gerwig („Frances Ha“) gelingt mit der Verfilmung von Louisa May Alcotts Kinderbuch aus dem Jahr 1868 ein bemerkenswertes Kunststück. Zuvor hatte sie sich mit ihrer viel gelobten und fünffach Oscar-nominierten Regiearbeit „Lady Bird“ (2017) ihre eigenen, überdimensional großen Fußstapfen geschaffen. Nun gelingt es ihr, diese mehr als auszufüllen.

Die drei Schwestern Amy, Jo und Meg (v. l.) suchen ihren Weg

Völlig zu Recht ist Greta Gerwigs Romanverfilmung also auch dieses Mal Oscar-nominiert, und das gleich sechsfach – in der Königsdisziplin als bester Film, zudem für das beste adaptierte Drehbuch, die beste Hauptdarstellerin (Saoirse Ronan), die beste Nebendarstellerin (Florence Pugh) sowie die Filmmusik und das Kostümdesign. Die Konkurrenz ist in diesem Jahr zwar mächtig, aber wer weiß, ob die „Little Women“ den Platzhirschen „Joker“ (elf Nominierungen), „1917“, „Once Upon a Time in Hollywood“ und „The Irishman“ (jeweils zehn Nominierungen) nicht doch den einen oder anderen Goldjungen abluchsen können?

Der heiratswillige Laurie versteht sich mit allen March-Schwestern

Alcotts Roman „Little Women“ wurde im vergangenen Jahrhundert mehrfach verfilmt, 1933 etwa unter dem Titel „Vier Schwestern“ von George Cukor mit Katherine Hepburn als Schwester Jo – eine noch frühere englische Verfilmung von 1917 ist verschollen. 1949 adaptierte Mervyn LeRoy „Little Women“ als „Kleine tapfere Jo“, unter anderem mit Janet Leigh und Elisabeth Taylor als Schwestern. 1994 folgte die Buch-Adaption von Gillian Armstrong unter dem Titel „Betty und ihre Schwestern“ mit Winona Ryder in der Hauptrolle.

Jo will unbedingt ihr Buch veröffentlichen

Feinfühlig, humorvoll und ohne jeden Kitsch rankt sich Gerwigs Romanverfilmung um die vier ungleichen March-Schwestern. Dabei führt Mutter Marmee (Laura Dern) ein sanftes, aber bestimmtes Regiment unter den Schwestern Meg (Emma Watson), die nach Höherem strebt, Jo (Saoirse Ronan), die gern eine erfolgreiche Schriftstellerin wäre, Beth (Eliza Scalen), die stets kränkelt, und Amy (Florence Pugh), die als Gesellschafterin ihrer reichen Tante (Meryl Streep) nach Paris reist.

Herausragende Besetzung

Nachweislich hat Gerwig mit der Besetzung der Schwestern ein glückliches Händchen bewiesen, wie die Oscar-Nominierungen für Pugh und Ronan belegen. Nicht minder gelungen: die Besetzung der Nebenrollen mit Laura Dern als Mutter der vier Mädchen, Meryl Streep in der Rolle der reichen Tante und die des umschwärmten reichen, heiratswilligen Exzentrikers Laurie (Timothée Chalamet). Fast wundert man sich, dass Streep für ihren Part nicht unter den diesjährigen Kandidatinnen für einen Academy Award auftaucht, hat die dreifache Oscar-Preisträgerin mit 21 Nominierungen seit 1979 doch speziell nach der Jahrtausendwende ein Abonnement auf die begehrteste Trophäe, die der Film zu bieten hat.

Meg träumt davon, einen reichen Mann zu heiraten

Schwierig hätten die inhaltlichen Zeitsprünge innerhalb von „Little Women“ werden können. Stattdessen verfolgt man gebannt das Schicksal der vier Schwestern. Gerwigs Kunstgriff mutet elegant an, gekonnt verknüpft die Regisseurin die Handlung für den Zuschauer jederzeit nachvollziehbar. Nach dem Genuss des Films bleibt die Gewissheit, mit einer munteren Literaturverfilmung zwei äußert angenehme, kurzweilige Stunden im Kino verbracht zu haben – ohne nervige Klischees, mit charmanten Dialogen und tollen Kostümen.

Mutter Marmee hält die familiären Fäden fest zusammen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Laura Dern, Greta Gerwig, Meryl Streep und Emma Watson haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet.

Jede der vier March Schwestern versucht ihre Persönlichkeit zu entdecken

Länge: 135 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Little Women
USA 2019
Regie: Greta Gerwig
Drehbuch: Greta Gerwig, Louisa May Alcott
Besetzung: Saoirse Ronan, Emma Watson, Florence Pugh, Eliza Scanlen, Laura Dern, Timothée Chalamet, Tracy Letts, Bob Odenkirk, James Norton, Louis Garrel, Chris Cooper, Meryl Streep
Verleih: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Copyright 2020 by Iris Janke

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

 

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Zum 100. Geburtstag von Jennifer Jones: Duell in der Sonne – Lektionen in Lust und Leidenschaft

Duel in the Sun

Von Ansgar Skulme

Western // Pearl Chavez (Jennifer Jones) wird nach dem Verlust ihrer Eltern auf der riesigen Ranch von Senator Jackson McCanles (Lionel Barrymore) aufgenommen. McCanles’ Ehefrau Laura Belle (Lillian Gish) war früher einmal eng mit Pearls Vater (Herbert Marshall) befreundet. Die Söhne der McCanles-Familie, Jesse (Joseph Cotten) und Lewt (Gregory Peck), werfen beide sofort ein Auge auf Pearl. Doch während der bodenständige Jesse die ruhigere Gangart wählt, zeigt sich der nur den Willen seines Vaters als Gesetz akzeptierende Unruhestifter Lewt schnell als notorischer Aufreißer, der Frauen genauso zu zähmen versucht wie frisch eingefangene Wildpferde.

Nach dem Welterfolg von „Vom Winde verweht“ (1939) hegte der Produzent David O. Selznick den verständlichen Wunsch, ein Projekt zu realisieren, das diese gigantischen Fußstapfen zu füllen vermochte. Ein paar Jahre zogen freilich ins Land, denn ein geplanter großer Wurf dieser Art wollte gut vorbereitet sein. Die Dreharbeiten forderten 1945 viele Monate, seine Premiere feierte der Western schließlich kurz vor Ende des Folgejahres. Davor befand sich „Duell in der Sonne“ geraume Zeit im Schnitt. Eine ursprüngliche Version des geordneten Rohmaterials, wenn nicht sogar eine frühe Schnittfassung, soll eine Länge von etwa 26 Stunden gehabt haben. Diese galt es zuschauerfreundlich zu straffen. Von Sittenwächtern als zu freizügig empfundene Szenen landeten im Zuge des Kürzungsprozesses nicht in der finalen Schnittfassung. Der Film ist in der bekannten Form schon äußerst offensiv für damalige Hollywood-Verhältnisse, wäre ansonsten aber noch viel deftiger geraten. „Duell in der Sonne“ machte bereits während der Produktionsphase als provokantes Werk mit Mut zur Sünde von sich reden. Die Zuschauer konnten und sollten lange vor der Veröffentlichung erahnen, was da auf sie zukam. Unterfüttert von der Affäre zwischen Produzent Selznick und Hauptdarstellerin Jennifer Jones, die zum Scheitern ihrer damaligen Ehen führte, ehe sie schließlich selbst ein Ehepaar wurden. So vermischten sich Elemente des wahren Lebens mit der Handlung des Films, was den wilden Charakter dieser Produktion für damalige Verhältnisse umso frecher machte. In manchen Regionen der USA wurde „Duell in der Sonne“ auch in seiner finalen Schnittfassung lange nicht aufgeführt, weil diese dem einen oder anderen immer noch zu sexy und moralisch verdorben erschien. Selznick investierte für die damalige Zeit beispiellose Summen in das Marketing. Die Werbung für den Film zeigte sich letztlich als so teuer, dass er unter dem Strich zwar kein Verlustgeschäft war, aber trotz immensen Publikumserfolges aufgrund der unglaublich hohen Ausgaben keine großen Gewinne generierte. Bei der zeitgenössischen Kritik scheiterte „Duell in der Sonne“, doch offenkundig wollten die zahlenden Zuschauer genau ein solches wildes, leidenschaftliches Kino sehen. Mag der Film vielen älteren Betrachtern auch aufgestoßen sein, dürfte er jüngeren Zuschauern, die gerade alt genug waren, um ein Ticket ergattern zu können, häufig gut gefallen haben.

Viele Köche veredeln den Brei

Zu den Superlativen dieses Films zählt auch ein hoher Verschleiß an Regisseuren. Darunter Produzent Selznick und einige große Namen wie William Dieterle („Der Wendepunkt“), William Cameron Menzies („Invasion vom Mars“) und Josef von Sternberg („Der blaue Engel“). Sternberg soll, dem Vernehmen nach, nur als Experte für die Beleuchtung, zur bestmöglichen Inszenierung von Jennifer Jones engagiert worden sein, Menzies wohl sogar nur Teil der „Second Unit“-Regisseure gewesen sein. Vermutlich hatte Dieterle neben King Vidor den Hauptanteil an den in der finalen Schnittfassung sichtbaren Szenen. Wenn man so will ist der Film also – ähnlich wie „Der Dieb von Bagdad“ (1940) – ein Puzzle aus von unterschiedlichen Regisseuren, die einander ablösten, realisierten Sequenzen, die nebeneinanderstehen und eine Einheit bilden sollen, wobei King Vidor, dem der Film auch in den Credits zugeschrieben wird, doch den mit Abstand deutlichsten Anteil am finalen Produkt haben dürfte.

Allerdings fungiert die grandiose Technicolor-Fotografie als Bindeglied, das den Einfluss der einzelnen Regisseure mit wunderbaren visuellen Ideen und Farbkompositionen gewissermaßen übertrumpft und rahmt. An dieser Stelle muss einmal mehr der Name des bedeutenden Kameramannes Ray Rennahan erwähnt werden, der zu den größten Technicolor-Virtuosen dieser Epoche gehörte und für seine Arbeit an Selznicks „Vom Winde verweht“ seinen ersten Oscar gewonnen hatte. An „Duell in der Sonne“ arbeitete er gemeinsam mit seinen ebenfalls preisgekrönten Kollegen Hal Rosson und Lee Garmes. Der Film ist schon allein aufgrund der Bilder jede Sichtung wert; eine der größten Errungenschaften, die Technicolor im klassischen Hollywood hervorgebracht hat und nicht umsonst 2015 in der Technicolor-Retrospektive der Berlinale vertreten gewesen. Es fällt schwer, hier einzelne Szenen hervorzuheben und dafür andere zu vernachlässigen. Dass die Farbe Rot als Farbe des Blutes und der roten Lippen hier eine ganz besondere Rolle spielt – kein Wunder. Ein Gesamtkunstwerk mit kameraästhetisch nur wenigen Mängeln. Zu epischer Größe gelangt „Duell in der Sonne“ ferner durch die Musik von Dimitri Tiomkin, für den die Zusammenarbeit mit Selznick zwar anstrengend war – da ihre Vorstellungen oft auseinandergingen –, der hier aber, einschließlich Ouvertüre und Schlussmusik in der sogenannten „Roadshow-Fassung“, eine seiner mitreißendsten Arbeiten hinterließ. Selznick war bekannt dafür, häufig künstlerische Differenzen mit seinen Crews zu haben, weil er gewissermaßen von anderen verlangte, seine eigenen Ideen perfektionistisch zu bebildern beziehungsweise zu vertonen, was sich bei der Produktion dieses Films am Regisseur-Verschleiß wie auch am Zwist mit Tiomkin zeigte. Aus heutiger Sicht wird sein launisches Verhalten aber auch auf Selznicks damalige Abhängigkeit von Amphetaminen zurückgeführt.

Wenn man sich Bizet im Western vorstellt

Jennifer Jones, die am heutigen 2. März 2019 einhundert Jahre alt geworden wäre, erinnert in „Duell in der Sonne“ vom ersten Augenblick an recht deutlich an Georges Bizets „Carmen“, und auch im weiteren Handlungsverlauf finden sich gewisse Parallelen zur berühmten Oper. Nur ist Pearl noch lange nicht die gewiefte Verführerin im Stil von Carmen, sondern macht sich diese Facette erst mit der Zeit immer mehr zu eigen. Sie macht ihre ersten forschen Versuche, den Männern auffordernde Blicke zuzuwerfen, ihnen ihr Interesse mit den Augen und ihrer Körperhaltung offensiv zu signalisieren, und bringt schon damit manch einen schnell um den Verstand. Dem Film gelingt es zudem gut, das von Pearl Chavez ständig durchlebte emotionale Hin und Her melodramatisch zu verpacken – bis zu einem Punkt, als sie sich einem ihrer Verehrer im wahrsten Sinne des Wortes ans Bein schmeißt. Wenn man so will, treibt „Duell in der Sonne“ das Bild von einer Frau, die sich einfach nicht entscheiden kann, die nicht weiß, was sie will und in ihrer Jugend vor allem Orientierung, Halt und Liebe sucht, gnadenlos auf die Spitze – sie verrennt sich, sie liebt, sie leidet, sie lockt, sie durchlebt Versuchung und Lust. Und die Männer, die sie kennenlernt, bilden ein breites Spektrum an unterschiedlichen Eigenschaften ab, mit denen sie sich auseinandersetzen muss. Insofern ist dieser Western ein äußerst konsequentes Melodram, manchmal opernartig extrovertiert, aber sehr klug darin, komplizierte Gefühlswelten zum vollen Ausbruch kommen zu lassen. Jennifer Jones erhielt zu Recht eine Oscar-Nominierung für diese Performance mit voller Hingabe, gespickt mit denkwürdigen, attraktiven Nah- und Großaufnahmen und einem wilden Wechselspiel aus Unsicherheit und erotischer Provokation. Ihren einzigen Oscar hatte sie 1944 für ihre Haupt- und Titelrolle in Henry Kings „Das Lied von Bernadette“ erhalten, ebenso den Golden Globe. „Duell in der Sonne“ lädt die Dynamiken zwischen Mann und Frau, über die Pearl im Verlauf der Handlung immer mehr lernt, mit sehr viel Energie auf und bebildert dies eindrücklich. Interessant ist dabei nicht nur die Unterschiedlichkeit der Herangehensweisen ihrer Verehrer, sondern auch wie sich die Problematik von verkannter Liebe und gespielter Ignoranz parallel in der Beziehung von Senator McCanles und seiner Frau spiegelt – in einer deutlich älteren Generation und mit anderen Typen Mensch. Auch die Reife des Alters schützt vor gewissen Torheiten nicht.

Lillian Gish, früher ein großer Stummfilmstar, erhielt für ihre Rolle der Laura Belle McCanles in „Duell in der Sonne“ – eine starke, weise Frau, die bereits viel Zurückweisung und gespielten Hass erdulden musste und versucht, die Familie zusammenzuhalten – ebenfalls eine Oscar-Nominierung, erstaunlicherweise ihre erste und einzige. Und ihr Film-Ehemann Lionel Barrymore, der nicht nur als Senator McCanles, sondern damals bereits seit mehreren Jahren wirklich im Rollstuhl saß, sich hier aber sogar einmal im Sattel eines Pferdes zeigt und obendrein einen wahrlich bemerkenswerten Stunt mitmachte, hätte eine Nominierung genauso verdient gehabt. Barrymore verstand sich bestens darauf, den verbohrten Kauz mit rassistischem Unterton zu geben, entlockt seiner Figur gegen Ende aber auch eine unerwartete emotionale Tiefe, die wirklich berührt. Seine finale Szene, an der Seite von Harry Carey, vor glühend rotem Himmel, ist nicht nur eine der visuell genialsten des Films, sondern im Grunde auch inhaltlich viel stärker und ergreifender als das folgende Finale von Pearl Chavez, das es mit der Melodramatik grenzwertig auf die Spitze treibt und aus heutiger Sicht leider etwas angestaubt wirkt.

Starke Präsenzen

Man könnte hier ohnehin über etliche Darstellerleistungen ganze Seiten schreiben. Wundervoll beispielsweise auch Walter Hustons bitterböse, sarkastisch-lustige Darbietung als geistlicher Sündenaustreiber, der sich immer wieder im Ton vergreift, dadurch selbst ad absurdum führt und in seinen Predigten so ausschweifend gestikuliert und betont, dass man kein Wort davon ernst nehmen mag. Der Vater der späteren Regielegende John Huston gewann bald darauf, unter der Regie seines Sohnes, seinen einzigen Oscar für „Der Schatz der Sierra Madre“ (1948), ehe er leider schon 1950 starb. Überraschend und tragisch, da er in diesen berühmten späten Rollen wahrlich vor Lebensfreude und Energie sprudelt.

Dann ist da Herbert Marshall, ein verdienstvoller Schauspieler und früher Tonfilmstar mit interessanter Stimme, der hier für eine Art Cameo, für die ersten zehn Minuten des Films gewonnen werden konnte. Marshall verstand sich gut darauf, theaterhafte Melodramatik mimisch und sprachlich auf die Erfordernisse eines Spielfilms herunterzubrechen, was gerade in dieser Rolle sehr wichtig ist und bestens gelingt. Sein Scott Chavez ist ein moralischer Hardliner, der zum Glück nie erfahren wird, was später im Verlauf des Films aus seiner Tochter wird, obwohl er sich im Angesicht des Todes das komplette Gegenteil erhofft. Der Film provoziert also nicht nur mit Versuchung, sondern schon zu Anfang auch mit dem Gegenteil – der radikalen Abkehr von Versuchung: Scott Chavez, der für sich selbst den Tod fordert und es als Verbrechen bezeichnet, den Namen seiner Familie mit einer Frau wie der Mutter seines Kindes entehrt zu haben, weil diese untreu ist und es sogar in der Öffentlichkeit bunt treibt. Selbst eine solch kurze Rolle mit einem Schauspieler des Renommees von Herbert Marshall zu besetzen oder einen Stummfilmstar wie Lillian Gish für eine große Rolle zu reaktivieren, sind Aspekte, die in etwa eine Vorstellung von der Größe des Projekts geben. Selznick wollte die ganz pompöse Bühne. Auch in weiteren relativ kleinen Rollen finden sich Schauspieler, die dem Publikum bereits durch Filmhauptrollen bekannt sein konnten. Wobei manche dieser Auftritte – wenn nicht sogar der von Herbert Marshall – eventuell erst in der finalen Schnittfassung so kurz geraten sind.

Nicht zuletzt sollte Gregory Peck hervorgehoben werden, der seine Darbietung in dem Film zwar offenbar rückblickend als keine besondere Herausforderung empfand – jedoch fällt sie aus heutiger Sicht ziemlich aus dem Rahmen vieler anderer seiner berühmtesten Rollen. Peck spielte häufig recht verschlossene, zugeknöpfte Charaktere und bekam ab den 50ern wenig Gelegenheit gegen den Strich zu agieren. In „Duell in der Sonne“ stellt er jedoch das krasse Gegenteil dar: einen Aufreißer, dessen Blick schon in seiner ersten Szene von Pearl Chavez’ Rücken abwärts wandert. Und er macht sich verdammt gut auf diesem ungewöhnlichen Terrain. Wäre der Film zehn Jahre später entstanden, hätte er vermutlich die Rolle von Joseph Cotten gespielt, aber hier ist er das schwarze Schaf unter den beiden Brüdern und es macht Spaß, ihn einmal so zu sehen.

Frisches Blut aus den Staaten

„Duell in der Sonne“ wurde in den USA offenbar bereits 1999 erstmalig auf DVD veröffentlicht. 1999, das Jahr in dem auch in Deutschland der DVD-Boom ganz langsam ins Rollen kam. Man kann also behaupten, dass es sich wohl um einen der ersten Filmklassiker handelt, die man in den Staaten unbedingt auf DVD herausbringen wollte. Erstaunlicherweise hat eine US-Blu-ray allerdings wesentlich länger auf sich warten lassen. Dieser Umstand macht jedoch auch Hoffnung dahingehend, dass der Sprung nach Deutschland noch gelingt, denn es ist zwar nicht immer so, dass dafür erst einmal die Blu-ray in den USA erscheinen muss, aber der Regelfall. Spätestens jetzt sollte also der Weg für eine solche offizielle Veröffentlichung hierzulande geebnet sein. Dann aber bitte auch mit integrierter Ouvertüre und Schlussmusik, so wie der Film auch im Kino als „Roadshow-Fassung“ und 2015 auf der Berlinale lief. Diese Bestandteile des Films werden gern einmal vergessen oder in den „Extras“ versteckt, obwohl es im klassischen Hollywood in einigen ganz großen Projekten Ouvertüren, Intermezzo-Musik im Mittelteil und Schlussmusiken nach dem Abspann zu hören gab. Bezüglich der klassischen deutschen Synchronfassung besteht auch jeder Grund zur Freude. Mit Peck und Cotten treten zwei Schauspieler auf, die des Öfteren von Wolfgang Lukschy synchronisiert wurden. Hier spricht er Peck, aber Heinz Engelmann macht sich für Joseph Cotten sogar noch besser als Lukschy – irgendwie lebendiger und tiefgründiger.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von King Vidor haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Joseph Cotten und Gregory Peck unter Schauspieler.

Veröffentlichung (USA): 15. August 2017 als Blu-ray und DVD, 25. Mai 2004 als DVD, 19. Januar 1999 als DVD

Länge: 138 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Duel in the Sun
USA 1946
Regie: King Vidor u. v. m.
Drehbuch: David O. Selznick, Oliver H. P. Garrett & Ben Hecht, nach einem Roman von Niven Busch
Besetzung: Jennifer Jones, Joseph Cotten, Gregory Peck, Lionel Barrymore, Lillian Gish, Herbert Marshall, Walter Huston, Charles Bickford, Joan Tetzel, Harry Carey
Verleih: The Selznick Studio

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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