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Zum 100. Geburtstag von Harry Carey Jr. / Wyatt Earp (VII): Tombstone – Das Gesetz sind wir: Der Mythos lebt

Tombstone

Von Volker Schönenberger

Western // Im Jahr 1879 reiten die an ihren roten Schärpen zu erkennenden „Cochise County Cowboys“ in eine Kleinstadt in Mexiko ein. Die von Curly Bill Brocius (Powers Boothe) angeführte berüchtigte Gangsterbande richtet bei der Hochzeit eines mexikanischen Polizisten ein Massaker an – Vergeltung für zwei getötete Bandenmitglieder. Johnny Ringo (Michael Biehn), Billy Clanton (Thomas Haden Church), Johnny Barnes (John Corbett), Sherman McMasters (Michael Rooker), Billy Claiborne (Wyatt Earp III) und andere Revolverschwinger kennen kein Erbarmen.

Familientreffen der Earp-Brüder

Derweil trifft der Ex-Marshal Wyatt Earp (Kurt Russell) mit seiner Ehefrau Mattie (Dana Wheeler-Nicholson) per Eisenbahn in Tucson, Arizona ein. Dort trifft er auf seine Brüder Virgil (Sam Elliott) mit Ehefrau Allie (Paula Malcomson) und Morgan (Bill Paxton) mit Ehefrau Louisa (Lisa Collins). Die Ehepaare zieht es ins Cochise County nach Tombstone, wo sie als Geschäftsleute reüssieren wollen. Der freundliche Sheriff John Behan (Jon Tenney) vermittelt ihnen eine Unterkunft, und als Marshal Fred White (Harry Carey Jr.) die Brüder auf den Saloon „The Oriental“ hinweist, gelingt es Wyatt zügig, in dem Etablissement das Glücksspielgeschäft zu übernehmen. Den zuvor auf dem Sessel sitzenden Rowdy Johnny Tyler (Billy Bob Thornton) vertreibt er mit ein paar Ohrfeigen.

Doc Holliday!

Zufällig hält sich auch Wyatts alter Weggefährte Doc Holliday (Val Kilmer) mit seiner Freundin Kate (Joanna Pacula) in Tombstone auf. Der professionelle Glücksspieler hofft, dass ihn im trockenen Klima von Arizona seine Tuberkulose weniger plagt. Fast gleichzeitig treffen auch die Schauspielerin Josephine Marcus (Dana Delany) und ihr Kollege Mr. Fabian (Billy Zane) dort ein. Sie wirft zügig ein Auge auf Wyatt Earp, und weil dessen Ehe mit Mattie nicht zuletzt aufgrund ihrer Abhängigkeit von Laudanum kriselt, zeigt er sich für ihre Avancen durchaus anfällig.

Die Schießerei am O. K. Corral

Ein erstes Aufeinandertreffen mit Curly Bill Brocius und seinen Männern lässt nicht lange auf sich warten. Schließlich kommt es zur Schießerei am O. K. Corral (Gunfight at the O.K. Corral) am 26. Oktober 1881, bei der die Earps und Doc Holliday gegen Billy und Ike Clanton (Stephen Lang) sowie Tom (John Philbin) und Frank McLaury (Robert John Burke) antreten.

Die Earp-Vendetta

Diese zum Mythos gewordene bewaffnete Auseinandersetzung ist im Westerngenre wiederholt als finaler Showdown inszeniert worden, auf den der jeweilige Film zielgenau hinausläuft, so etwa in John Fords „Faustrecht der Prärie“ (1946) mit Henry Fonda als Wyatt Earp und Victor Mature als Doc Holliday und in John Sturges’ „Zwei rechnen ab“ (1957) mit Burt Lancaster als Earp und Kirk Douglas als Holliday. Tatsächlich aber war die Schießerei am O. K. Corral lediglich eines von diversen blutigen Ereignissen – und nicht das letzte. In der Folge kam es zur berüchtigten Earp-Vendetta, die wiederum John Sturges in „Die fünf Geächteten“ (1967) aufgriff. Sie wird auch in „Tombstone“ ausgiebig präsentiert und zeigt Wyatt Earp als so gnadenlos wie rachsüchtig. Der Stern des Marshals, den er sich nach einiger Zeit erneut ansteckt, dient ihm als Alibi, um die Bande der „Cowboys“ zu jagen und niederzuknallen. Ein immerhin differenziertes Porträt des schillernden Gesetzeshüters, der in der Realität wohl kein so strahlender Held war, wie es manche Western darstellen. Historische Freiheiten nimmt sich „Tombstone“ dennoch zur Genüge.

Val Kilmer

Die namhafte Besetzung bürgt für Schauspielkunst, und diese bekommen wir auch ausgiebig zu sehen. Hervorheben will ich lediglich Val Kilmer, der würdig in die Fußstapfen berühmter Doc-Holliday-Darsteller wie Victor Mature („Faustrecht der Prärie“), Kirk Douglas („Zwei rechnen ab“), Jason Robards („Die fünf Geächteten“) und Stacy Keach („Doc“, 1971) tritt. Für mich vielleicht Val Kilmers beste Rolle, zumal er womöglich noch ein wenig von seiner abgründigen Attitüde als Jim Morrison vom zwei Jahre früher entstandenen Biopic „The Doors“ auf die Rolle von Doc Holliday übertragen hat.

Auffällig an „Tombstone“ ist der fehlende Schmutz. Vom Einfluss des Italowesterns hat sich Regisseur George P. Cosmatos („Rambo II – Der Auftrag“) zumindest visuell völlig freigemacht – oder war es Kurt Russell? Dazu später mehr. Das Tombstone des Films ist ein dank Silberminen prosperierendes, fast schon glamouröses Städtchen, in welchem sich die Bürgerinnen und Bürger adrett kleiden und über die breiten Straßen flanieren. Mit Rauschmitteln geht der Western durchaus ins Gericht, wie nicht nur die Laudanum-Abhängigkeit von Wyatt Earps Ehefrau Mattie belegt; Doc Hollidays diverse Zusammenbrüche resultieren nicht nur aus der Tuberkulose, sondern auch aus seinem ungehemmten Alkoholkonsum. Dann haben wir die unabhängige und damit starke Frau Josephine Marcus, die mit forscher Initiative das Heft des Handelns in die Hand nimmt. Der Handlungsstrang ihrer sich anbahnenden Romanze mit Wyatt Earp läuft etwas nebenher. In Vergessenheit gerät sie nicht, aber ein wenig fehlt die Verbindung zum Hauptplot. Immerhin unterstreicht sie die Ambivalenz von Wyatt Earp. Ebenso wie er sich sträubt, wieder zur Waffe zu greifen, weil er weiß, dass das Töten eines Menschen seiner Seele Schaden zufügt, ringt er mit dem Zwiespalt, sich als pflichtbewusster Ehemann einer drogensüchtigen Frau zu einer freigeistigen Lebedame hingezogen zu fühlen.

Robert Mitchum und Charlton Heston

Für die Rolle von Old Man Clanton war Robert Mitchum vorgesehen, der sie jedoch aufgrund eines Reitunfalls nicht ausüben konnte. Der Part wurde daraufhin aus dem Film herausgeschrieben, Mitchum ist in der Original-Sprachfassung als Stimme aus dem Off mit einigen einleitenden Worten zu Beginn und abschließenden Worten am Ende zu hören. Charlton Heston hat einen kurzen Part als wohlhabender Rancher Henry Hooker übernommen, der Earp und seinen Leuten Unterschlupf gewährt.

Jubilar Harry Carey Jr.

Mit 62 Jahren war Harry Carey Jr. doppelt so alt wie der Marshal Fred White, den er verkörpert. Carey hätte am 16. Mai 2021 seinen 100. Geburtstag gefeiert. Das Dasein als Westerndarsteller wurde ihm bereits in die Wiege gelegt: Seine als Olive Fuller Golden (1896–1988) geborene Mutter und sein Vater Harry Carey (1878–1947) hatten beide seit der Frühzeit des Kinos in vielen Western mitgewirkt. Sein Leindwanddebüt gab der kleine Harry bereits im Geburtsjahr 1921 in John Fords „Desperate Trails“, in welchem sein Vater die Hauptrolle spielte. Mit ihm spielte er später zwei weitere Male zusammen: 1948 in John Fords „Spuren im Sand“ mit John Wayne und im selben Jahr in „Red River“ von Howard Hawks mit John Wayne und Montgomery Clift. Auch mit seiner Mutter Olive Carey stand Harry Jr. mehrfach gemeinsam vor der Kamera, darunter in John Fords „Der schwarze Falke“ (1956) mit John Wayne und „Zwei ritten zusammen“ (1961) mit James Stewart und Richard Widmark. Nicht zuletzt der langen und tiefen Freundschaft seiner Eltern mit Regie-Legende John Ford ist es zu verdanken, dass auch der Junior in diversen Western des Filmemachers mitwirkte, darunter „Der Teufelshauptmann“ (1949), „Rio Grande“ (1950) und „Cheyenne“ (1964), dazu in weiteren John-Wayne-Western anderer Regisseure, etwa „Die Unbesiegten“ (1969). Für „Rio Bravo“ (1959) gedrehte Szenen mit Harry Carey Jr. fielen der Schere zum Opfer. In den 1970er-Jahren trat er auch in Italowestern auf, etwa den Komödien „Vier Fäuste für ein Halleluja“ (1971) an der Seite von Terence Hill und Bud Spencer sowie „Verflucht, verdammt und Halleluja“ (1972) mit Terence Hill. Zwischendurch war er auch im Horrorgenre präsent, so in Joe Dantes „Gremlins – Kleine Monster“ (1984) und „Der Exorzist III“ (1990) von William Peter Blatty. Dem Westerngenre blieb Harry Carey Jr. bis zum Karriereende treu, wie beispielsweise Walter Hills „Long Riders“ (1980) und eben „Tombstone“ belegen. Der Kalifornier starb am 27. Dezember 2012 im Alter von 91 Jahren.

Konkurrent Kevin Costner

Einigermaßen parallel zu „Tombstone“ entstand auch Lawrence Kasdans „Wyatt Earp – Das Leben einer Legende“ mit Kevin Costner in der Titelrolle. Costner und „Tombstone“-Drehbuchautor Kevin Jarre hatten an sich einen gemeinsamen Wyatt-Earp-Film geplant, waren aber getrennte Wege gegangen, weil sie sich nicht über den Fokus der Handlung einigen konnten. Dem Vernehmen nach versuchte Costner in der Folge, der Produktion des Konkurrenzfilms ein paar Steine in den Weg zu legen. Geholfen hat es nichts: Während „Wyatt Earp – Das Leben einer Legende“ an den Kinokassen abschmierte, entwickelte sich „Tombstone“ immerhin zu einem moderaten Erfolg und erhielt auch mehr Kritikerzuspruch.

Wer führte Regie?

Apropos Kevin Jarre. Der war an sich gebucht, sein Skript auch selbst zu inszenieren, wurde aber aus mir unbekannten Gründen kurz nach Beginn der Dreharbeiten als Regisseur gefeuert (er hat wohl hauptsächlich die Szenen mit Charlton Heston gedreht). Kurt Russell hat 2006 in einem auch ansonsten lesenswerten Interview mit dem True West Magazine enthüllt, er selbst habe anschließend den Rest des Films gedreht, der als Jarre-Nachfolger verpflichtete George P. Cosmatos sei nur als Strohmann oder Geisterregisseur am Set gewesen. Wenn es denn so war, überrascht es ein wenig, dass die Produzenten Kurt Russell den Regiestuhl zutrauten, der zuvor noch nie auf einem gesessen hatte (und es auch anschließend nie wieder tun sollte), aber das Ergebnis gibt ihnen doch recht. „Tombstone“ ist nicht frei von Kritik, als klassischer Western mit ein paar modernen Einsprengseln aber aller Ehren wert. Der Mythos Wyatt Earp ist nicht nur nicht totzukriegen, er funktioniert auch im modernen Kino.

Bis zur Schießerei am O. K. Corral läuft der Film recht zielstrebig auf diesen zwischenzeitlichen Höhepunkt hinaus, in Kombination mit einigen Ereignissen kurz darauf ist sie eindeutig der Höhepunkt des Films. Anschließend verliert sich der Western etwas in der repetitiven Ziellosigkeit der oben bereits erwähnten Earp-Vendetta. Unterhaltsam genug ist das immer noch, aber vielleicht fehlte Regisseur Cosmatos die Vision, wo der Rachefeldzug hinführen soll. Vielleicht hätte es geholfen, wenn die eine oder andere der vielen Figuren weiteres Profil bekommen hätte, aber dann wäre der Film wohl überlang geworden, was auch problematisch sein kann.

Der Director’s Cut

Bereits 2002 ist in den USA ein Director’s Cut von „Tombstone“ erschienen, der es hierzulande bislang nur auf DVD geschafft hat, die allerdings im Handel vergriffen ist. Dem Schnittbericht zufolge stellen die zusätzlichen knapp sechs Minuten eine sinnvolle Ergänzung dar, weil sie einige Handlungslücken schließen. So wird etwa Wyatt Earps schwierige Beziehung zu seiner Frau Mattie mit einer zusätzlichen Szene erhellt, in einer anderen erfahren wir, weshalb im Film Doc Hollidays Freundin Kate plötzlich nicht mehr auftaucht.

Allerdings sind im Netz unterschiedliche Längenangaben der deutschen Director’s-Cut-DVD zu finden – mal 127 Minuten, mal 134 Minuten. Beide Laufzeiten sind mehr als sechs Minuten länger als die 119 Minuten der Kinofassungs-DVD. Da mir lediglich die Kinofassung auf Blu-ray vorliegt, kann ich darüber keine abschließende Aufklärung liefern. Bleibt nur die Hoffnung auf eine Blu-ray mit dem Director’s Cut.

Filme mit dem Protagonisten Wyatt Earp finden sich in unserer Rubrik Filmreihen. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Michael Biehn, Powers Boothe, Harry Carey Jr., Charlton Heston, Robert Mitchum, Bill Paxton, Michael Rooker, Kurt Russell und Billy Bob Thornton haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 20. Mai 2010 als Blu-ray, 13. August 2009 im Director’s Cut als Limited 2-Disc Edition DVD, 2. Oktober 2000 als DVD

Länge:130 Min. (Blu-ray, Kinofassung), 127 Min. (DVD, Director’s Cut), 119 Min. (DVD, Kinofassung)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen Blu-ray: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel Blu-ray: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Tombstone
USA 1993
Regie: George P. Cosmatos
Drehbuch: Kevin Jarre
Besetzung: Kurt Russell, Val Kilmer, Sam Elliott, Bill Paxton, Powers Boothe, Michael Biehn, Charlton Heston, Jason Priestley, Jon Tenney, Stephen Lang, Thomas Haden Church, Dana Delany, Paula Malcomson, Lisa Collins, Dana Wheeler-Nicholson, Joanna Pacula, Michael Rooker, Billy Bob Thornton, John Corbett, John Philbin, Robert John Burke, Billy Zane, nur Stimme: Robert Mitchum
Zusatzmaterial Blu-ray und 2-DVD-Edition: Making-of (27:19), Storyboard des Regisseurs (4:00), Trailer & TV-Spots, Trailershow
Label/Vertrieb Blu-ray: Walt Disney / Buena Vista
Label/Vertrieb DVD 2009: Hollywood Pictures / Touchstone
Label/Vertrieb DVD 2000: BMG Video / UFA

Copyright 2021 by Volker Schönenberger
DVD-Packshot: © 2009 Hollywood Pictures / Touchstone

 

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Cherry Falls – Sex oder stirb: Ein Opfer widriger Umstände

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Cherry Falls

Von Andreas Eckenfels

Horror // Mitte der 1990er-Jahre kam es zu einer Renaissance des Slasher-Films: Im Fahrwasser des Erfolgs der „Scream“-Reihe wetzten zahlreiche maskierte Killer ihre Messer und suchten hilflose Teenager heim, die sie blutig um die Ecke bringen konnten. Und wer überlebte nach der üblichen Formel am Ende? Genau: das „Final Girl“, eine tapfere Heldin, die sich meist dadurch auszeichnete, dass sie keusch geblieben ist und sich ihre Jungfräulichkeit brav bewahrt hat.

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Jody hat ihren Freund Kenny noch nicht rangelassen

Doch 2000 kam mit „Cherry Falls“ ein Film, der diese häufig durchgekaute Prämisse gewitzt umkehrte und dessen deutscher Titel die Handlung reißerisch auf den Punkt brachte: Sex oder stirb! Denn der Killer, der im passend benannten Städtchen Cherry Falls sein Unwesen treibt, hat es offenbar nur auf Jungfrauen abgesehen. Während also der örtliche Sheriff Maken (Michael Biehn) auf Mörderjagd geht, beschließen seine Tochter Jody (Brittany Murphy) und die anderen Teenager der Stadt, dass es nur einen Schutz vor der Ermordung gibt: Sie müssen Sex haben, um zu überleben.

Killer stört Sex-Orgie unter Teenies

Diese ironischen Spitzen auf das Slasher-Genre in „Cherry Falls – Sex oder stirb“ würdigte man seinerzeit: Der Australier Geoffrey Wright („Romper Stomper“) wurde beim Sitges Film Festival 2000 mit dem Regiepreis geehrt. Es amüsiert noch heute. Wenn Sheriff Maken seine Tochter hoffnungsvoll fragt, ob sie schon mit ihrem Freund Kenny (Gabriel Mann) geschlafen habe, ist das durchaus ungewohnt und überraschend. Dazu hat das Finale auch noch eine Sex-Orgie unter den Schülern zu bieten. Da alle das gleiche Ziel haben, nehmen die cleveren Damen die Macht über ihren Körper selbst in die Hand. Sie bringen die schüchternen Jungs dazu, ihnen Geschenke zu versprechen, die sie im Gegenzug für den Sex erhalten. Natürlich stört am Ende der Killer das Massen-Techtelmechtel, was zu einem ordentlichen Blutbad führt.

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Jody und Kumpel Timmy lauschen beim Elternabend und erfahren, auf welche Art von Opfern es der Killer abgesehen hat: Jungfrauen!

So eine Offenheit war man von den durchkalkulierten Hollywood-Schlitzern wie „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ (1997) und „Düstere Legenden“ (1998) nicht gewohnt, die ernst und konservativ daherkamen. Genau diese unbekümmerte Art sollte auch zur Mythenbildung des Films beitragen. Zuletzt drehte übrigens der großartige „It Follows“ (2014) die Verhältnisse der Formel „Sex führt zum Tod“ ebenfalls um.

Ins US-TV verbannt

Als „Cherry Falls – Sex oder stirb“ am 26. Oktober 2000 in den deutschen Kinos anlief, war schon bekannt, dass Wrights US-Debüt nichts Gutes widerfahren war: Es hieß, der Slasher sei heftig verstümmelt worden, nur bei einer Testvorführung in den USA sei der Film ungekürzt gelaufen. Dabei führten mehrere Faktoren zu den extremen Kürzungen: Die Produktionsfirma Rogue Pictures wurde von Polygram an die Universal Studios verkauft. Die neuen Eigentümer hatten keine Lust darauf, dass ihr erster Kinofilm in den Blickpunkt einer zu dieser Zeit landesweit geführten Debatte rückte, für die er prädestiniert erschien: Im US-Senat wurde das Thema „Sex und Gewalt in Filmen und die Auswirkungen auf Jugendliche“ heftig diskutiert. Um Negativschlagzeilen zu verhindern, beschlossen die neuen Studiobosse, den Film so gut es ging aus dem Verkehr zu ziehen.Wenige Wochen vor dem offziellen Start in den USA wurde beschlossen, dass der Film nicht im Kino, sondern nur im US-TV seine Premiere feiern sollte. Wie die Produzentin Marschall Persinger im Bonusmaterial berichtet, wurde der Slasher mit einem Budget von 14 Millionen US-Dollar somit zu einem der teuersten Fernsehfilme aller Zeiten.

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Die Teenager aus Cherry Falls reagieren zunächst besorgt …

Ein Grund für die TV-Ausstrahlungen war auch, dass die amerikanische Filmfreigabestelle MPAA etliche Szenen beanstandete, die am Ende der Schere zum Opfer fielen. Wie Wright im Audiokommentar berichtet, waren etliche Morde in ihrer ursprünglichen Form wesentlich blutiger und auch die Sex-Orgie um einiges freizügiger. Viele Detailaufnahmen der Kills fehlen und es gibt lediglich Blümchensex unter den Teenies zu sehen – ganz ohne nackte Tatsachen. Besonders bei dem Rückblick, der die dunkle Hintergrundgeschichte erzählt, sei einiges an Material herausgeschnitten worden. In dieser entschärften Fassung kam der Slasher auf den weltweiten Markt.

Wo sind die fehlenden Schnipsel?

Als der US-Distributor „Shout! Factory“ die Blu-ray von „Cherry Falls – Sex oder stirb“ ankündigte, war somit die Hoffnung der Horrorgemeinde groß, dass endlich die ungekürzte Fassung des Slashers veröffentlicht werden würde. Schließlich hatte das Filmlabel das Unmögliche unter anderem bereits bei Clive Barkers „Cabal – Die Brut der Nacht“ („Nightbreed“) und aktuell bei William Peter Blattys „Der Exorzist III“ möglich gemacht.

Doch die Fans wurden enttäuscht: So sehr sich „Shout! Factory“ bemühte, die fehlenden Schnipsel konnten nicht aufgetrieben werden. Schön, dass wenigstens das teilweise eigenproduzierte und hochwertige Bonusmaterial der US-Horrorexperten auch auf der deutschen Scheibe von Koch Films zu finden ist. Darin ist auch zu erfahren, dass anfangs keinem Geringeren als David Lynch der Regiejob angeboten worden war.

Mit der Entstehungsgeschichte des Slashers im Hinterkopf merkt man dem Film an, dass er nicht nur in den Gewaltspitzen und den Sexszenen, sondern auch in der Handlung etwas zerstückelt zusammengesetzt wirkt. Dennoch wird mit Blut nicht gespart und die subversiven Untertöne wirken für das Genre immer noch erfrischend. Die viel zu früh verstorbene Brittany Murphy (1977–2009) ist hinreißend als Final Girl. Hier sei speziell auf die wunderbar gespielte Fußfetisch-Szene hingewiesen, in der sie ihren Freund mit ihren Verführungskünsten ganz schön unter Druck setzt. Michael Biehn („Terminator“) ist in Genreproduktionen sowieso ein gern gesehener Darsteller. Wie er im Interview ausführt, hatte er das Drehbuch bereits nach 15 Seiten weggelegt, weil er den Film für einen herkömmlichen Slasher hielt. Sein Agent riet ihm, weiterzulesen – daraufhin sagte Biehn für die Rolle des Sheriffs zu. Eine gute Entscheidung.

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… doch sie beschließen, dass sie nur eine Sache schützen kann: Sex!

„Cherry Falls – Sex oder stirb“ wurde seinerzeit leider ein Opfer widriger Umstände. Wahrscheinlich wäre er in der heutigen Zeit, in der Sex und Gewalt etwa in HBO-Serien sogar als Gütesiegel angesehen wird, besser aufgehoben gewesen. Hoffentlich kommt es eines Tages so, wie Wright es vorausgesagt hat: Der Regisseur geht davon aus, dass kein Studio gefilmtes Material verliert – es muss also nur gefunden werden. Dann könnten wir den Slasher endlich in seiner vollen Pracht erleben.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Michael Biehn haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 27. Oktober 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Cherry Falls
USA 2000
Regie: Geoffrey Wright
Drehbuch: Ken Selden
Besetzung: Brittany Murphy, Michael Biehn, Jay Mohr, Amanda Anka, Jesse Bradford, DJ Qualls, Candy Clark, Joe Inscoe, Gabriel Mann, Michael Weston
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Geoffrey Wright, Featurette „Lose it or die“, Featurette „Cherry Falls Deputy Mina“, Interviews, Behind-the-Scenes-Featurette, Bildergalerie
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2016 Koch Films

 

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