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Schlagwort-Archive: Michael Fassbender

Centurion – Fight or Die: Römer gegen Pikten

Centurion

Von Volker Schönenberger

Action-Abenteuer // Erstmals nahm ich Neil Marshall im Sommer 2002 wahr, als sein Langfilm-Regiedebüt „Dog Soldiers“ beim Fantasy Filmfest lief. Der Werwolf-Schocker mit humorigen Einlagen gehört zu meinen Lieblingsfilmen mit den haarigen Kreaturen. Drei Jahre später drehte The Descent – Abgrund des Grauens unerbittlich an der Spannungsschraube und etablierte Marshall für mich endgültig als einen der besten Genre-Regisseure. Den Horror verließ er dann – eine Episode der Anthologie „Tales of Halloween“ (2015) bildete eine Ausnahme –, blieb aber dem weiten Feld der Genrefilme verhaftet, wie etwa der Endzeit-Actioner „Doomsday – Tag der Rache“ (2008) belegt.

Die Schlachten von „Game of Thrones“

Nicht zu vergessen seine beiden großen Schlachtenepisoden „Blackwater“ (2012) und „The Watchers on the Wall“ (2014) für die zweite beziehungsweise vierte Staffel des Serien-Highlights „Game of Thrones“. Gerade diese beiden Regiearbeiten weckten in mir die Lust, endlich wieder „Centurion – Fight or Die“ zu schauen, den ich erstmals 2010 auf der großen Leinwand gesichtet hatte – einmal mehr war das Fantasy Filmfest verantwortlich. Seinerzeit hatte ich Michael Fassbender („X-Men – Dark Phoenix“) noch gar nicht als den großen Schauspieler auf dem Zettel, der er ist. Dass es bis zur Zweitsichtung dann doch bis 2019 gedauert hat, ist dem großen Ungesehen-Stapel an Filmen geschuldet. Wer davon frei ist, werfe den ersten Stein.

Ruhe vor dem Sturm

Wer denkt bei der römischen Besetzung Britanniens nicht gleich an „Asterix bei den Briten“? Okay, viel hat Neil Marshalls Film damit nicht zu tun, aber immerhin leisten die Pikten unbeugsamen Widerstand. Die historische Einordnung der Handlung erfolgt zu Beginn über Texteinblendungen: Im Jahr 117 n. Chr. erstreckte sich das Römische Reich von der afrikanischen Wüste bis zum Kaspischen Meer. Aber seine entlegenste und am wenigsten gesicherte Grenzlinie war der Norden Britanniens. In diesem gnadenlosen Land trafen die römischen Legionen auf den erbitterten Widerstand der heimischen Völker, die man Pikten nannte. Durch ihre Überfälle aus dem Hinterhalt und die Nutzung ihrer Ortskenntnisse zu ihrem Vorteil geboten sie der römischen Invasion Einhalt. Fast zwanzig Jahre währte dieser Patt-Zustand. Nun gab Rom Order, die festgefahrene Situation mit allen Mitteln zu beenden.

Endlich die Pikten bezwingen

Mit nacktem Oberkörper und gefesselten Händen rennt der römische Zenturio Quintus Dias (Fassbender) durch den Schnee. Dann springt die Handlung zwei Wochen zurück, zur Garnison Inch-Tuth-II, dem nördlichsten römischen Außenposten des Grenzgebiets. Des Nachts überfallen die Pikten das Fort und metzeln die Römer nieder. Einzig Quintus Dias wird verschont, weil er die Sprache der Angreifer spricht. Die Pikten verschleppen ihn zu ihrem König Gorlacon (Ulrich Thomsen). Der Römer wird gefoltert, bis ihm die Flucht gelingt. Er wird gejagt, aber in letzter Sekunde von einem von General Titus Flavius Virilus (Dominic West) angeführten Trupp der Neunten Legion gerettet. Die legendäre Einheit soll im Auftrag des römischen Statthalters Agricola (Paul Freeman) endlich die Pikten besiegen.

Niemand will diese Frau zur Feindin haben

Ich mag diese Schlachtengemälde, sei es der in derselben historischen Phase und Lage angesiedelte „Der Adler der Neunten Legion“ (2011) oder die Mittelalter-Metzelei „Ironclad – Bis zum letzten Krieger“ (2011). „Centurion – Fight or Die“ überragt die beiden genannten, nicht zuletzt dank der guten Besetzung. Als römische Soldaten sind Liam Cunningham (Davos Seaworth aus „Game of Thrones“) und David Morrissey (der Governor aus „The Walking Dead“) zu sehen. Das ukrainische Topmodel Olga Kurylenko („The Man Who Killed Don Quixote“) sowie Imogen Poots („Green Room“) sind als Piktinnen zu sehen, beide sogar mit nicht unbedeutenden Parts, aber da will ich nicht zu viel verraten.

Geschichtlich wenig akkurat

Um historische Authentizität scherte sich Neil Marshall nicht besonders, also halten wir uns gar nicht erst damit auf. Im weiteren Verlauf mutiert „Centurion – Fight or Die“ zum kernigen Survival-Abenteuer, wenn eine Gruppe Römer unter Führung von Zenturio Quintus Dias ihr Heil in der Flucht durch feindliches Gebiet sucht. Es spricht für Marshalls Geschick als Regisseur, dass bei all der kostümierten Action Raum für die charakterliche Entwicklung der Figuren bleibt. Das ändert nichts daran, dass Marshall die brutale Action mitreißend inszeniert hat, und das weitgehend handgemacht – gelegentlich mit dem Computer eingefügte Blutspritzer trüben den Eindruck nur gering. Visuell dominieren kühle Blautöne.

Auf ins Getümmel

Marshalls jüngste Regiearbeit „Hellboy – Call of Darkness“ wurde zwiespältig aufgenommen. Ich habe sie mir gespart, weil mein Interesse an diesen hoch budgetierten Comicverfilmungen gering ist. Mit dem im England der Frühen Neuzeit, der Hexenverfolgung und der Pest angesiedelten „The Reckoning“ hat sich der Regisseur wieder in Horrorgefilde begeben – ich bin gespannt. Einen Starttermin hat das Werk noch nicht, zuletzt befand es sich noch in der Vorproduktionsphase. Und was aus „Skull Island – Blood of the Kong“ werden wird, für dessen Regiestuhl Marshall schon lange im Gespräch ist, steht in den Sternen. „Centurion – Fight or Die“ hat mir jedenfalls auch bei der zweiten Sichtung viel Freude bereitet.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Neil Marshall sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Olga Kurylenko unter Schauspielerinnen, Filme mit Michael Fassbender in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 30. September 2010 als Blu-ray und DVD

Länge: 97 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel:
Originaltitel: Centurion
GB/F/USA 2010
Regie: Neil Marshall
Drehbuch: Neil Marshall
Besetzung: Michael Fassbender, Dominic West, Olga Kurylenko, David Morrissey, Ulrich Thomsen, Andreas Wisniewski, Dave Legeno, Axelle Carolyn, Simon Chadwick, Paul Freeman, Imogen Poots, Liam Cunningham
Zusatzmaterial: Featurette, entfernte Szenen, Outtakes, Interviews, Blick hinter die Kulissen, Darstellerinfos, DVD-Empfehlung, Trailershow
Label/Vertrieb: Constantin Film

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Szenenfotos: © 2010 Constantin Film

 

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X-Men – Dark Phoenix: Die Tragik der Jean Grey

Dark Phoenix

Kinostart: 6. Juni 2019

Von Volker Schönenberger

Fantasy-Action // Das Überangebot an Kino-Superhelden aus Gelddruckmaschinen wie dem Marvel Cinematic Universe und dem DC Extended Universe hat mich zuletzt so genervt, dass ich sogar meiner Lieblingshelden „X-Men“ überdrüssig geworden bin und sowohl „X-Men – Apocalypse“ (2016) als auch „Logan“ (2017) bis dato nicht geschaut habe. Erstgenannten Film habe ich immerhin kürzlich nachgeholt. So kam die Einladung zur Pressevorführung von „X-Men – Dark Phoenix“ recht überraschend, weil ich den Film gar nicht auf dem Zettel hatte, und plötzlich verspürte ich auch wieder Lust dazu.

Heikler Einsatz im Weltraum

Im Presseheft ist vom „bis dato radikalsten ,X-Men‘-Film“ die Rede, von „diesem Höhepunkt der Superheldensaga“ und der „Krönung von fast zwanzig Jahren Superheldenfilmen“. Große Worte, die „X-Men – Dark Phoenix“ trotz unbestrittener Qualitäten nicht einlösen kann. In einem Prolog erhalten wir einen Einblick in ein tragisches Ereignis aus der Kindheit von Jean Grey (Summer Fontana). Die Haupthandlung setzt 1992 ein, vielleicht knapp zehn Jahre nach den Ereignissen von „X-Men – Apocalypse“. Menschen und Mutanten haben sich arrangiert und leben friedlich miteinander – doch es ist eine brüchige Gemeinschaft, wie sich später zeigen wird. Als Weltenretter genießen die X-Men den Status von Stars, sind beinahe schon im Boulevard angekommen. Als einer Raumfähre der NASA im Weltall Unheil durch ein außergewöhnliches Phänomen droht, schickt Professor Xavier (James McAvoy) ein Rettungsteam hinterher, dem unter anderen Hank McCoy alias Beast (Nicholas Hoult), Ororo Munroe alias Storm (Alexandra Shipp), Kurt Wagner alias Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee) und Raven alias Mystique (Jennifer Lawrence) angehören. Auch Jean Grey (Sophie Turner) ist dabei, und nicht zuletzt ihren besonderen Fähigkeiten ist es zu verdanken, dass alle Astronauten der Raumfähre mit dem Leben davonkommen. Dabei jedoch wird sie der Wirkung des Phänomens voll ausgesetzt, was in der jungen Mutantin etwas auslöst, das ihre Gabe der Telepathie und Telekinese ins Unermessliche verstärkt. Nach und nach mutiert sie zu Dark Phoenix …

Eine außerirdische Bedrohung

Bald darauf erfährt Jean von Professor Xavier ein Detail ihrer familiären Vergangenheit, das dieser ihr bislang vorenthalten hatte und das sie bis ins Mark erschüttert. Sie verlässt die X-Men, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, während ihr Zorn mehr und mehr wächst. Parallel erwächst Menschen wie Mutanten weiteres Ungemach: Außerirdische sind auf der Erde gelandet und haben sich der Körper einiger Menschen (u. a. Jessica Chastain) bemächtigt.

Auch Mystique ist mit von der Partie

Gleich im nächsten Teil nach „X-Men – Apocalypse“ droht also erneut das Ende der Menschheit inklusive der Mutanten. Das Endzeit-Szenario des Vorgängers war wuchtig und beeindruckend genug geraten, damit kann „X-Men – Dark Phoenix“ nicht mithalten. So mächtig die Außerirdischen auch sind, ihr Erscheinen scheint mir in erster Linie als eine Art Katalysator zu dienen, um den Fokus auf Jean Grey alias Phoenix zu legen – denn deren Fähigkeiten wecken bei den Aliens Begehrlichkeiten. Und daher kommt es auch keineswegs erneut zu Szenen, in denen die Welt am Abgrund steht, dafür aber zu einigen atemraubenden Begegnungen von Mutanten und Aliens in Menschengestalt. Speziell eine Sequenz in und auf einem auf den Gleisen dahinrasenden Militär-Zug hat es in sich. Angesichts der Größe der Bedrohung durch die Außerirdischen wäre es angebracht gewesen, dem mehr Raum oder zumindest den extraterrestrischen Wesen mehr Profil zu verleihen, das war aber aufgrund der Konzentration der Geschichte auf Jean Grey wohl nicht gewollt. So ganz überzeugt mich das nicht, eine Lösung kann ich dafür aber auch nicht anbieten – ich bin ja kein Drehbuchautor.

The Dark Phoenix Saga

Grundzüge der Handlung basieren auf der Comicvorlage „The Dark Phoenix Saga“. „Game of Thrones“-Star Sophie Turner verleiht Jean Grey das nötige Profil, um die schwierige Entwicklung der Figur glaubhaft zu machen. Da sich die erste Jean-Grey-Darstellerin Famke Jansen großer Beliebtheit erfreut, hat Sophie Turner mit ihrem nunmehr zweiten Auftritt in der Rolle kein leichtes Erbe angetreten, aber sie macht ihre Sache gut. Das gilt für auch für alle übrigen Schauspielerinnen und Schauspieler, Turners Leistung ist aber natürlich die bedeutsamste, da der Film mit ihrer Figur steht und fällt.

Jean Grey mutiert zu Dark Phoenix

Professor Charles Xavier wird gewohnt souverän von James McAvoy verkörpert, der ohnehin problemlos in die Fußstapfen des ersten Xavier-Darstellers Patrick „Captain Picard“ Stewart getreten und längst aus dessen Schatten herausgewachsen ist. Xaviers Heiligenschein bekommt diesmal ein paar trübe Flecken, welche die Figur interessanter machen, als sie sowieso ist. Er gefällt sich in der Rolle des Weltenretters und schickt seine Schützlinge in riskante Einsätze, ohne selbst etwas zu riskieren. Auch Erik Lehnsherr alias Magneto (Michael Fassbender) kommt zum Einsatz – einem „X-Men“-Film ohne ihn würde auch etwas fehlen. Bedauerlich genug, dass wir auf Wolverine verzichten müssen. Die Mutationen beziehungsweise besonderen Fähigkeiten der X-Men sind erwartungsgemäß technisch perfekt inszeniert.

Keine Pause von Hans Zimmer

Auch wenn ich mich damit für manche meiner Leserinnen und Leser zum Soundtrack-Banausen mache: Ich kann die typischen Hans-Zimmer-Scores langsam nicht mehr hören, die nahezu jede Szene bedeutungsschwanger aufladen. Vor allem nervt mich, dass es in Hollywood-Blockbustern wie diesem kaum noch Momente zu geben scheint, die ohne musikalische Untermalung auskommen. In den großen Actionszenen funktionieren Zimmers Klänge sehr gut, tragen zur Wirkung des Gezeigten wesentlich bei. In vielen anderen Sequenzen von „X-Men – Dark Phoenix“ hätte ich gern darauf verzichtet. Aber auf mich hört ja keiner. Ich gönne dem Deutschen Hans Zimmer seine zehn Oscar-Nominierungen und den Oscar für „Der König der Löwen“ (1994) sowie all seine weiteren Auszeichnungen, darunter zwei Golden Globes, habe davon aber mittlerweile mehr als genug.

Die junge Mutantin weckt außerirdische Begehrlichkeiten

Letztlich ist es mir aber gelungen, den in manchen Szenen übertrieben eingesetzten Score auszublenden und mich einmal mehr mit Vergnügen ins „X-Men“-Universum zu begeben. Simon Kinberg ist als Produzent und Drehbuchautor schon lange Teil des Teams, für „X-Men – Dark Phoenix“ hat er sich nun erstmals auf den Regiestuhl gesetzt. Es sei ihm gegönnt, grobe Regieschnitzer habe ich nicht bemerkt. Zu meinen Favoriten der Reihe schließt sein Debüt zwar nicht auf, das sind nach aktuellem Stand „Wolverine – Weg des Kriegers“ (2013) und „X-Men – Zukunft ist Vergangenheit“ (2014); Kinbergs Arbeit reiht sich insgesamt aber gut in den „X-Men“-Kosmos ein und bietet außer massig Action auch Tragik und charakterliche Tiefe.

Keine Post-Credit-Szene

Die Post-Credit-Szene von „X-Men – Apocalypse“ konnte ich übrigens nicht mit dem Geschehen in „X-Men – Dark Phoenix“ in Einklang bringen, sie verwies wohl eher auf „Logan“ (2017), den ich noch schauen muss. Wie bei der Pressevorführung von „Godzilla II – King of the Monsters“ habe ich es – selbstlos, wie ich bin – für die Leserinnen und Leser von „Die Nacht der lebenden Texte“ auf mich genommen, den Abspann bis zum Ende auszusitzen, doch diesmal erfolglos: Es folgte überhaupt keine Szene, somit gibt es auch keinen Ausblick auf einen nächsten Teil.

Doch die X-Men haben etwas dagegen

Damit ist es aber natürlich nicht getan: Zum Kino-Universum der „X-Men“ gehören bekanntermaßen auch „Deadpool“ (2016) und „Deadpool 2“ (2018). Als sei das nicht genug, wird es 2020 einen weiteren Ableger geben: den bereits 2017 abgedrehten „New Mutants“, dessen mehrfache Verschiebung jedoch die Hoffnung trübt, dass wir es mit einem herausragenden Beitrag zum Franchise zu tun bekommen werden. Wie der Titel bereits andeutet, stehen neue Mutanten im Fokus der Story – tatsächlich wohl einige der ersten Schülerinnen und Schüler von Professor Xaviers Schule. Die uns wohlbekannten Figuren der bisherigen „X-Men“-Filme kommen offenbar nicht vor. Allerdings steht hinter dem US-Starttermin im April ein großes Fragezeichen in Form der kürzlichen Übernahme von Fox durch den Disney-Konzern für satte 71 Milliarden Dollar. Unter dem Micky-Maus-Dach befinden sich auch Marvel und damit das Marvel Cinematic Universe. Wer will ausschließen, dass sich die Mutanten auf Disney-Geheiß künftig mit den Avengers zusammentun? Mir würde das womöglich endgültig den Superheldenrest geben. Auch „X-Men – Dark Phoenix“ wurde übrigens bereits 2017 gedreht, etwa zum gleichen Zeitpunkt wie „Deadpool 2“ und „New Mutants“. Für mich war der zwölfte Film des „X-Men“-Franchises ein schönes Wiedersehen mit den Mutanten, das Lust gemacht hat, mir die gesamte Reihe erneut anzuschauen. Und wer weiß, welche Filme dann meine Favoriten bilden?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jessica Chastain, Jennifer Lawrence und Sophie Turner sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Michael Fassbender, Nicholas Hoult und James McAvoy unter Schauspieler.

Länge: 114 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Dark Phoenix
USA 2019
Regie: Simon Kinberg
Drehbuch: Simon Kinberg, nach der Comic-Story „The Dark Phonix Saga“ von John Byrne, Chris Claremont und Dave Cockrum
Besetzung: Sophie Turner, Jessica Chastain, James McAvoy, Nicholas Hoult, Jennifer Lawrence, Michael Fassbender, Evan Peters, Tye Sheridan, Kodi Smit-McPhee, Alexandra Shipp, Evan Jonigkeit
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakate, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Twentieth Century Fox

 

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Das Gesetz der Familie – Im White Trash Englands

Trespass Against Us

Kinostart: 3. August 2017

Von Volker Schönenberger

Krimidrama // Brendan Gleeson („Am Sonntag bist du tot“) als Vater und Michael Fassbender („Alien – Covenant“) als sein Sohn in einem Gangsterfamiliendrama – da kann man eigentlich nicht viel falsch machen. Und an der Schauspielkunst der beiden ist dann auch nichts auszusetzen – an der ihrer Mitstreiter ebenfalls nicht. Trotzdem fehlt es bei der Ausgestaltung von Fassbenders Figur an ein paar Details, was ich aber nicht ihm anlasten will. Insgesamt hinterlässt „Das Gesetz der Familie“ einen zwiespältigen Eindruck.

Familienoberhaupt Colby Cutler duldet keine Widerworte

Gleeson spielt Colby Cutler, Oberhaupt einer Familie von Kriminellen, die in der englischen Grafschaft Gloucestershire am Rande der Gesellschaft lebt – haust, ist an sich der passendere Begriff für das Dasein in schäbigen Wohnwagen, umgeben von Chaos und Schrott. Bei ihren Raubzügen sitzt Colbys Sohn Chad (Fassbender) am Lenkrad, schlägt den Polizeiwagen mit Chuzpe und Glück stets ein Schnippchen. Er unterwirft sich den Regeln, die Colby macht, der seine Kinder bewusst nie zur Schule geschickt hat. Insgeheim wünscht sich Chad jedoch für seine Kinder ein anderes Leben als das vermeintlicher Freigeister ohne Sinn für die Bedeutung von Bildung und ohne Krankenversicherung. Auch seine Frau Kelly (Lyndsey Marshal) sorgt sich um die Zukunft der gemeinsamen Kinder, erkennt aber, dass Colby die Zügel in der Hand hält.

Chad lenkt die Fluchtautos …

Der White Trash strömt „Das Gesetz der Familie“ aus allen Poren. Die Bezeichnung „Heim“ verbietet sich für die Wohnwagensiedlung der Cutlers. Kein Wunder, dass Chad aussteigen will, aber Blut war schon immer dicker als Wasser. Ohne dass das jemals ausgesprochen wird, ist anzunehmen, dass der Clan zu den Pavees zu zählen ist, einer im angelsächsischen Sprachraum beheimateten Volksgruppe von Jenischen oder Travellern.

… selbst wenn sie arg auffällig lackiert sind

So recht deutlich wird nicht, weshalb Colby Cutler das Heft so stark in der Hand hält. Sohn Chad erscheint deutlich cleverer, auch wenn er bisweilen zu viel riskiert. Sympathieträger sind Vater und Sohn beide nicht. Chad noch am ehesten – bis er den etwas zurückgebliebenen Gordon (Sean Harris, „Prometheus – Dunkle Zeichen“), den Colby einst in die Familie aufnahm, auf eine Weise demütigt, die beim Zusehen schmerzt. Colby hingegen mangelt es an Empathie dafür, was in seinen Kindern und Enkelkindern vorgeht. Zwar geht ihm die Familie über alles, aber viel tut er nicht dafür.

Für seine Familie will er nur das Beste

Der breite, undefinierbare englische Slang der Originalfassung ist als Pluspunkt des Milieufilms zu werten, verlangt aber nach Untertiteln. Ob die deutsche Synchronisation das auffangen kann, vermag ich nicht zu beurteilen. Hier sind wir dann bei Michael Fassbender. Der in Heidelberg geborene und in Irland aufgewachsene Schauspieler ist längst im großen Hollywood angekommen, wo klares Englisch gesprochen wird. In „Trespass“ Against Us“, so der Originaltitel, spricht er Slang wie alle anderen, so weit, so gut. Er raucht überall, auch im Wohnwagen direkt neben seinen Kindern, kann nicht mal lesen. Trotzdem wirkt Fassbenders Aussehen eine Nuance unvollständig, Gesicht und Frisur mögen nicht recht zur White-Trash-Existenz im Südwesten Englands passen. Aber vielleicht habe ich auch nur zu viele Fassbender-Darbietungen aus Hollywood gesehen.

Aber was ist das Beste für die Cutlers?

Ein paar Verfolgungsjagden peppen „Das Gesetz der Familie“ auf. Die Actionszenen sind rasant inszeniert. Das Finale hinterlässt die Zuschauer dann mit einem unbequemen Gefühl der Unvollständigkeit. Wo die Reise für die einzelnen Mitglieder des Cutler-Clans hinführt, bleibt offen – auch und besonders bei Chad, der eine Dummheit begeht, die aber vielleicht doch gar nicht so dumm ist. Darüber mehr zu schreiben, wäre allerdings ein unfairer Spoiler. Ob einem der Ausklang ge- oder missfällt, liegt vermutlich auch sehr im Auge des Betrachters.

Überraschender Besuch am Morgen

Als Mischung aus Familien- und Krimidrama funktioniert „Das Gesetz der Familie“ recht gut, seine Botschaft bleibt aber unklar. Für einen Unterhaltungsfilm ist er in einigen Sequenzen zu unangenehm zu schauen, zu tiefergehender Auseinandersetzung mit Fragen zur britischen Unterschicht regt er aber auch nicht an. So bleibt sehenswertes Schauspielerkino, das aber vermutlich wenig Aufmerksamkeit erhalten wird.

Chad wird festgenommen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Michael Fassbender und/oder Brendan Gleeson sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Das Ehepaar erhält bittere Nachricht von der Schule seiner Kinder

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Trespass Against Us
GB 2016
Regie: Adam Smith
Drehbuch: Alastair Siddons
Besetzung: Michael Fassbender, Brendan Gleeson, Lyndsey Marshal, Rory Kinnear, Killian Scott, Sean Harris, Kingsley Ben Adair, Gerard Kearns, Tony Way, Barry Keoghan, Alan Williams
Verleih: Koch Films

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Filmplakat & Fotos: © 2017 Koch Films

 

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