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Ridley Scott (VII): Alien – Covenant: Geldmaschine mit Konstruktionsfehlern

Alien – Covenant

Kinostart: 18. Mai 2017

Von Kay Sokolowsky

SF-Horror // Drehen schlechte Regisseure schlechte Filme, ist das weder eine Überraschung noch ein Grund zum Ärger. Wenn aber einer, der’s draufhat, einen Murks abliefert, für den sich sogar Zack Snyder schämen würde, darf der Kritiker die Fassung verlieren und schimpfen. Gerade weil Ridley Scott mehrere Klassiker des modernen Unterhaltungskinos verantwortet hat, ist es eine Riesenenttäuschung, wie er sein Talent und seine Erfahrung an etwas wie „Alien – Covenant“ verschwendet.

Aber durfte man nach dem ebenso wirren wie platten „Prometheus – Dunkle Zeichen“ (2012) mehr erwarten? Natürlich. Der Kinomagier, der „Blade Runner“ und „Gladiator“ zauberte, hätte vieles wiedergutmachen können. Aber in „Alien – Covenant“ macht er es genauso schlecht wie in „Prometheus“, vielleicht sogar schlechter. Er wiederholt die dümmsten Fehler, als wären sie ihm egal. Oder als gäbe es in seinem Team niemand, der es wagt, dem Maestro zu widersprechen. Ich weiß nicht, was schlimmer ist.

Guy Pearce (l.) und Michael Fassbender simulieren ein philosophisches Gespräch

Dies wird, wie Sie wohl ahnen, ein Verriss, und ich zögere nicht, beim Schimpfen eine Menge zu verraten. Wenn Ihnen Spoiler egal sind, kann ich versprechen, es so kurz und schmerzhaft wie möglich zu machen.

In space no one can hear you honk

Das Raumschiff „Covenant“ ist unterwegs zu einem fernen Sternsystem. Auf dem Planeten Origae-6 wollen sich 2.000 Kolonisten eine neue Welt erobern. Während sie und die Schiffscrew im Tiefkühlschlaf liegen, wacht der Android Walter (in einer Doppelrolle: Michael Fassbender) über die Mission. Am 5. Dezember 2104 gerät die „Covenant“ in die Ausläufer einer Sternexplosion und kann nur knapp vor der Vernichtung bewahrt werden. Der Kapitän (bloß in Rückblenden zu sehen und heute wahrscheinlich froh drum: James Franco) verbrennt (sic!) in seiner Kühlbox, Dutzende andere Menschen werden gleichfalls Opfer der Havarie.

Während der Reparaturarbeiten erreicht ein verrauschtes Funksignal die „Covenant“: Um eine Sonne, die nur wenige Wochen Flugzeit entfernt ist, scheint ein wahrer Garten Eden zu kreisen. Gegen den energischen Rat der Ersten Offizierin Daniels (schwer erträglich: Katherine Waterston) beschließt der neue Käptn Oram (stark überfordert: Billy Crudup), die Quelle des Signals anzusteuern.

Ein schöner Platz zum Sterben

Der fremde Planet sieht aus wie der Milford Sound in Neuseeland, also sehr romantisch und grün. Allerdings gibt es dort kein tierisches Leben, allein der Wind sorgt für Geräusche. Wie es bei jahrelang gedrillten Astronauten üblich ist, die außerdem akademische Kenntnisse in Biologie, Chemie, Medizin und dergleichen Zeug haben, kommt der Expeditionstrupp der „Covenant“ gar nicht auf die Idee, das Terrain in Schutzanzügen zu erkunden. Wie jedem guten Ami genügen ihnen fette Wummen als Lebensversicherung.

Und so kommt, was in einem „Alien“-Film kommen muss: Befruchtung (in der neuesten Variante eher eine Bestäubung), rasend schnelle Schwangerschaft, Kaiserschnitt von innen. Es entspringt ein seltsam Mittelding aus Mensch und Alien, der „Neomorph“, nicht unähnlich der Kreatur, die in Jean-Pierre Jeunets „Alien – Die Wiedergeburt“ so albern wirkte. Mehrere Metzgereieffekte und viele unfassbar dumme Entscheidungen später werden die Trottel der „Covenant“ von einem mysteriösen Kapuzenkuttenträger – scheinbar – gerettet.

„Black Hawk Down“, Weltraumversion

Er führt sie in eine Stadt der Toten. Jene Außerirdischen, die ihren ersten Auftritt in „Prometheus“ hatten, waren einst dort zu Hause, doch überdauert haben von ihnen nur verkohlte Kadaver. Derweil versuchen die auf der „Covenant“ verbliebenen Raumfahrer vergebens, Kontakt mit den Kameraden aufzunehmen. Wie es im Handbuch für miese SF-Filme steht, ist das Expeditionsteam während eines schweren Ionensturms losgezogen. Nur so lassen sich Funk- und dramaturgische Löcher rechtfertigen.

Der Kuttenmann gibt sich als David zu erkennen, als jener Android also, der in „Prometheus“ damit nervte, für Lawrence of Arabia in der Rolle des Peter O’Toole zu schwärmen. Oder war es umgekehrt? Jedenfalls lüftet Offizierin Daniels, wiederum einige Tote und manch hirnrissige Handlung später, das Geheimnis um die Nekropole – anschließend muss sie alles geben, um die sinistren Pläne von David zu durchkreuzen.

Horror vacui

Den Rest sollten Sie selbst sehen, es ist der Teil mit den besten Actionszenen. Die leider nicht rausreißen können, was insgesamt in den zähen zwei Stunden von „Alien – Covenant“ an Schmierentheater, Heckmeck und Bedeutungshuberei veranstaltet wird. Die Fallhöhe vom ersten „Alien“-Spielfilm hinab zu dieser Nullnummer ist astronomisch. Ridley Scott brauchte 38 Jahre, um sie zurückzulegen. Über sein geniales Horrorstück von 1979 sagt der Regisseur heute: „Ich habe ‚Alien‘ in gewisser Weise immer für ein B-Movie gehalten, ein richtig gut gemachtes.“ O ja, das war es! „Alien – Covenant“ hingegen ist bloß Trash, obschon kein billiger. Die Produktionskosten sollen sich auf 111 Millionen Dollar belaufen. So viel kann es kosten, ein Nichts herzustellen.

Ziemlich spektakulär: die Stadt der Toten

Immerhin sieht man, wo das Geld geblieben ist. Die Sets und Artefakte, die Chris Seagers designt hat, sind von atemberaubender Größe und Exotik. Das Riesenraumschiff „Covenant“ gleichwie die Nekropole auf dem Alien-Planeten zählen zum Besten an erfundener Welt, was seit „Avatar“ in SF-Filmen bestaunt werden konnte. Die CGI ist solide gefertigt, die Make-up-Abteilung darf bei den Splatter-Einlagen zünftig die Sau rauslassen, und Ridley Scotts Hauskameramann Dariusz Wolski gelingt es, die düsteren Szenen so auszuleuchten, dass noch in den Schatten der Schatten etwas zu erkennen bleibt.

Nicht alle Brustschmerzen sind ein Herzinfarkt. Leider

Die enorme Könnerschaft des Regisseurs erweist sich in den technischen Aspekten von „Alien – Covenant“ allemal. Umso frustrierender wirkt die Fahrlässigkeit, mit der Scott den großen Rest behandelt – das Drehbuch, die Logik, die Schauspielerei, den Sinn vons Janze. Der erschließt sich nämlich bloß den härtesten „Alien“-Fans, also jenen Geeks, denen ein Facehugger hier und ein platzender Brustkorb da für die Illusion genügen, einem Gruselfilm (mit SF-Dekor) beizuwohnen. Wenn denn in diesem Streifen irgendwas gruselig wäre!

„Ridleys Motto lautete: ‚Wir werden einen harten Film mit R-Rating machen und viel Rotwein brauchen‘ – Rotwein ist ein anderes Wort für Filmblut.“ Das berichtet Mark Huffam, einer der Produzenten, und er fährt fort: „Wir wollen, dass den Leuten die Hosen schlottern.“ Aber den Leuten dreht sich allenfalls der Magen um vor all dem verspritzten Vino. Ridley Scott verwechselt Horror mit Ekel, physischen Terror mit psychologischem Grauen, und diese Verwechslung ist unter der Würde und dem Format eines Meisters seiner Klasse. Ein R-Rating ist leicht zu haben, viel schwerer jedoch, einen filmischen Albtraum zu inszenieren, in dem die Angst der Protagonisten zu unserer Angst wird. Und genau das gelingt Scott in „Alien – Covenant“ nicht.

Letzte im Sigourney-Weaver-Ähnlichkeitswettbewerb: Katherine Waterston

Denn seine Figuren sind von geradezu empörender Flachheit – am Reißbrett skizziert, durch die Klischeemühle gedreht, in Schablonen verpackt. Es wird grässlich viel geheult und gebrüllt, aber diesen hyperhysterischen Typen, zumal der „Heldin“ Daniels, diesem Hybridklon aus Warrant Officer Ripley und G. I. Jane, nimmt der mündige Zuschauer kein einziges Gefühl ab. Diese Schreihälse erregen kein Mitleid, sondern nerven bloß mit ihrem Geflenn und Augenrollen. Egal wie qualvoll sie enden (Scott lässt dem sadistischen Teil seiner Fantasie viel zu freien Lauf) – eine Identifikation findet nicht statt, weil diese Figuren im Kälteschlaf menschlicher und lebendiger wirken als aufgetaut.

Mein Gott, ist das beziehungsreich

Offensichtlich gab es für die Herstellung von „Alien – Covenant“ keinen einzigen Grund als den, aus einem höchst erfolgreichen „Franchise“ noch die letzten Taler zu wringen. Ridley Scott behauptet zwar, von anderen Dingen bewogen worden zu sein. Er will eine Erklärung liefern, woher die unbezwingbaren Aliens stammen, wie sie sich im Kosmos verbreiten konnten, usw. Doch ein „wissenschaftlich“ erklärtes Ungeheuer ist schon keins mehr, und die Genealogie, die hier vorgelegt wird, passt nur mit halb zugedrückten Augen zu dem, was wir aus den frühen „Alien“-Filmen kennen.

Scott tappt in die gleiche narrative Falle, in die George Lucas bei den „Star Wars“-Prequels geriet: Ein fiktiver Kosmos muss sich organisch entwickeln und wachsen wie ein Baum. Die erfundene Welt retrograd zu verändern bedeutet, an den Wurzeln herumzusägen und die besten Früchte verfaulen zu lassen (man verzeihe die Metapher).

Gollums großer Bruder? Nein, der Neomorph

Weil Ridley Scott besser als jeder Kritiker weiß, dass „Alien – Covenant“ keinen künstlerischen Wert hat, versteckt er die Banalität und Schludrigkeit der Story hinter jeder Menge Anspielungen. Scott bedient sich bei allem, was gut und teuer ist im großen SF-Film – in der Eingangssequenz zum Beispiel bei „2001“, in einigen Szenen auf der „Covenant“ bei Tarkowskis „Solaris“, außerdem finden sich Travestien auf „Matrix“, „Dr. Seltsam“, „Gravity“, „Ex Machina“ und „Terminator 2“, to name a few.

Übers blanke Namedropping kommt Ridley Scott in diesen Bildern mit Fußnote leider nicht hinaus: Er zeigt, wie geschickt er kopieren kann, doch nicht, warum er es tut. Vielleicht will er den Kollegen auf die Schultern klopfen, sich als ebenbürtig in die Brust werfen? Obwohl er das nicht nötig hat, er zählt ja längst zu den Großen. Vielleicht, wer weiß, sollen diese Hinweise auf ältere Meisterwerke bloß eine ironische Verfremdung ins Spiel bringen. Dafür freilich hatte Mr. Scott nie ein Händchen, so was sollte er besser den Kollegen Tarantino und Whedon überlassen.

Die meisten Zitate und Anspielungen – es sind Aberdutzende – beziehen sich allerdings auf die „Alien“-Serie selbst. Für bedingungslose Fans dieses „Franchises“ dürfte es ein Fest sein, die Szenen zu identifizieren, die Ridley Scott originalgetreu nachgestellt hat. Schon dafür werden sie den Film mindestens dreimal gucken und Scott hochjubeln. Er hat für all die Innuendi aber auch einen erzählerischen Grund. Da Scott mit „Alien – Covenant“ die allgemein verbindliche Schlüsselstory zum „Alien“-Kosmos liefern will, sind seine, wenn man mag, Neuinterpretationen älterer Szenen recht hilfreich, um der gesamten Reihe zumindest den Schein innerer Geschlossenheit zu verleihen.

Kein Szenenbild aus „Aliens“

Die nicht eben subtil vorgetragene Selbstreferentialität geht jedoch selbst einem alten Bewunderer Scotts wie mir schnell auf den Senkel. Sie wirkt auch, neudeutsch zu labern, kontraproduktiv. Vor lauter halben und doppelten Zitaten vergisst der Regisseur völlig, eine originelle, packende Geschichte zu erzählen. Zweimal wird aus dem mitreißenden Score zitiert, den Jerry Goldsmith einst für „Alien“ schuf. Beim Erklingen dieser großartigen Musik, der suggestivsten, die Goldsmith je komponiert hat, wird besonders deutlich, wie lichtjahrweit der alte und der neue Film voneinander entfernt sind, wie unnötig und peinlich „Alien – Covenant“ neben dem alten Meisterstück wirkt.

Als ich 2014 „Exodus – Götter und Könige“ sah, meinte ich, dass Scott diese eitle Routine, dass er so viel Lustlosigkeit, Brutalität und Zynismus niemals überbieten könne. Dies war ein Irrtum. Nichts an „Alien – Covenant“ ist berührend, nichts an diesem Film beängstigend außer der Vorstellung, Ridley Scott könnte fortan nur mehr seelen- und, trotz aller Rotweinkleckerei, blutlose Geldmaschinen zusammenschrauben. Davor graut mir wahrlich.

Ahnen bereits die Reaktion der Kritiker: Michael Fassbender und Carmen Ejogo

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Ridley Scott sind in unserer Rubrik Regisseure zu finden, Filme mit Demián Bichir, Michael Fassbender, James Franco und Guy Pearce in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 122 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Alien – Covenant
USA/AUS/NZ/GB 2017
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: John Logan, Dante Harper
Besetzung: Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup, Danny McBride, Demián Bichir, Carmen Ejogo, Jussie Smollett, Callie Hernandez, Nathaniel Dean, James Franco, Guy Pearce, Noomi Rapace
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2017 by Kay Sokolowsky

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Twentieth Century Fox

 
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Verfasst von - 2017/05/17 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Ridley Scott (VI): Prometheus – Dunkle Zeichen: Der Erklärbär hat zugeschlagen

Prometheus

Von Simon Kyprianou

Science-Fiction // Nach Jean-Pierre Jeunets kontrovers aufgenommenen „Alien 4 – Wiedergeburt“ (1997) hat es 15 Jahre gedauert, bis sich auch Ridley Scott mit „Prometheus – Dunkle Zeichen“ wieder des Alien-Stoffs annahm – ganze 33 Jahre seit seinem originalen „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (1979). „Prometheus – Dunkle Zeichen“ versteht sich dabei als eher loses Prequel, auch zwischen den Ereignissen liegen 33 Jahre, nur eben in der anderen Richtung: „Alien“ spielt im Jahre 2122, „Prometheus – Dunkle Zeichen“ beginnt im Jahre 2089.

Die „Prometheus“ erreicht ihr Ziel

Die beiden Forscher Elisabeth Shaw (Noomi Rapace) und Charlie Holloway (Logan Marshall-Green) finden in Höhlenzeichnungen von ganz unterschiedlicher Kulturen Hinweise auf eine bestimmte Sternenkonstellation. Ihre Vermutung: Auf einem in jenem System zu findenden Planeten sind die Schöpfer der Menschen zu finden. Der mysteriöse Tycoon Peter Weyland (Guy Pearce) finanziert die Forschungsreise, an der auch Weylands Ziehsohn, der Android David (Michael Fassbender), die undurchsichtige Top-Managerin Meredith Wickers (Charlize Theron) und der geerdete Captain Janek (Idris Elba) und dessen Crew teilnehmen.

Jahrelanger Kälteschlaf

Nach mehrjährigem Kälteschlaf im Raumschiff „Prometheus“ auf dem Planeten angekommen, findet das Team tatsächlich Spuren einer menschenähnlichen Kultur, aber die Schöpfer stellen sich als völlig anders beschaffen heraus, als sich das die Forscher erhofft haben. Die Suche nach dem Ursprung des Lebens wird unerwartet zu einem Kampf ums Überleben.

Elizabeth Shaw erkundet den Planeten

Lebten die früheren „Alien“-Filme, insbesondere natürlich der erste Teil, von ihrem kühlen, fremdartigen, seltsam sexuell aufgeladenen, abstrakten Schrecken, der sich in HR Gigers Designs verdichtete und auf Erklärungen völlig verzichtete, geht „Prometheus – Dunkle Zeichen“ den entgegengesetzten Weg: Ridley Scott versucht sich an einer rückwirkenden Erklärung seines Meisterwerks. Der Regisseur will die Leerstellen füllen, dem einst Mysteriösen eine sinnstiftende Mythologie überstülpen und, so scheint es, die eigentlichen Stärken seines früheren Films rückwirkend zunichtemachen. Folgerichtig bleiben nach „Prometheus – Dunkle Zeichen“ dann auch keine Leerstellen mehr bestehen, in deren Dunkelheit sich Angst ausbreiten kann, keine Fragen mehr offen, weder die nach dem Schöpfer der Menschen noch die nach dem Schöpfer der Aliens. Alles wird auserzählt und der Alien-Stoff verliert dabei seine fremdartige Faszination und seinen kühlen Schrecken.

Drehbuch von Damon Lindelof

Ohne diese öde Erklärbär-Mentalität wäre eine Schöpfungsgeschichte durchaus ansprechend denkbar, gerade weil das Drehbuch von Damon Lindelof stammt, der hinter fantastischen Serien wie „Lost“ und aktuell „The Leftovers“ steht, die ebenfalls dringliche Fragen nach der Conditio humana zum Inhalt haben, ohne dabei alles auserzählen zu wollen, ganz im Gegenteil.

Eine Entdeckung gibt Rätsel auf

Inszenatorisch ist „Prometheus – Dunkle Zeichen“ natürlich recht ansprechend, Ridley Scott hat ja stets den Ehrgeiz, seine Filme sehr visuell zu erzählen. Auch in „Prometheus – Dunkle Zeichen“ gelingen ihm einige interessante Bildkompositionen: Die Momente, in denen sich der Film voll und ganz dem körperlichen Horror und seiner quälenden Ungewissheit hingibt – die Abtreibungs-Szene beispielsweise – sind durchaus intensiv. Oder eine Szene am Ende des Films, in der einer der Schöpfer (Ian Whyte) in einem aggressiven erotischen Akt mit einem der Monster zu einem Alien verschmilzt.

Michael Fassbender als Androide

Michael Fassbender ist durchaus faszinierend als Androide David und wird glücklicherweise im neuen „Alien – Covenant“ erneut eine tragende Rolle spielen. Noomi Rapace, Charlize Theron und Idris Elba sind ebenfalls sehr gut: Generell sind die Figuren auch gut geschrieben, sie konnten sich mehr Geheimnisse und Uneindeutigkeiten bewahren als die Handlung.

Vom Raumschiff aus überwachen Meredith Vickers und Captain Janek den Erkundungstrupp

Bleibt zu hoffen, dass Scott mit „Alien – Covenant“ mehr zu den Wurzeln der Reihe zurückkehrt, zu absolutem Schrecken, bestehend aus der quälenden Ungewissheit über das abstrakte und unerbittlich wütende Fremde.

Woran ist dieses Wesen gestorben?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Ridley Scott sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Charlize Theron unter Schauspielerinnen, Filme mit Michael Fassbender und Guy Pearce in der Rubrik Schauspieler.

Der Androide David untersucht einen Kopf

Veröffentlichung: 25. Oktober 2013 als 3-Disc Edition (Blu-ray 3D, Blu-ray 2D, Bonus-Blu-ray), 7. Dezember 2012 als Teil der 5-Blu-ray- bzw. 7-DVD-Edition „Prometheus to Alien – Evolution“, als 4-Disc Collector’s Edition (Blu-ray 3D, Blu-ray 2D, Bonus-Blu-ray, DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 124 Min. (Blu-ray), 119 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch
Originaltitel: Prometheus
USA/GB 2012
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Jon Spaihts, Damon Lindelof
Besetzung: Noomi Rapace, Michael Fassbender, Charlize Theron, Logan Marshall-Green, Idris Elba, Guy Pearce, Sean Harris, Rafe Spall, Emun Elliott, Benedict Wong, Patrick Wilson
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2017 by Simon Kyprianou

Fotos & Packshots: © 2017 Twentieth Century Fox Home Entertainment

 

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Videospiel-Verfilmungen (X): Assassin’s Creed – Ein Königreich für ein Gamepad

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Assassin’s Creed

Kinostart: 27. Dezember 2016

Von Lutz R. Bierend

SF-Abenteuer // Zugegeben, der Wechsel von einem Medium zu einem anderen ist für ein Kreativ-Team keine angenehme Aufgabe. Selten verläuft so etwas ohne Enttäuschung für die alteingesessenen Fans. Selbst in Peter Jacksons Mammutwerk „Der Herr der Ringe“ finden viele Tolkienisten genügend Abweichungen vom Original, um die Verfilmung unwürdig zu finden.

Aber während man inzwischen gelernt hat, Comics ernst genug zu nehmen, um aus einem Batman so etwas Oscar-Relevantes wie „The Dark Knight“ zu machen, tut man sich bei der Verfilmung von Videospielen bislang noch schwer mit der Transformation. Dabei bieten gute Telespiele eigentlich alles, was man für eine adäquate Filmumsetzung benötigt. Oft liefern sie eine spannende Geschichte, Action und einen optischen Stil, der filmisch oft sehr prägend sein könnte. Selbst die Hauptfiguren verlassen mittlerweile immer häufiger das Stadium, in dem sie lediglich den Anlass für die Baller- und Gewaltorgie eines Ego-Shooters liefern. Doch man muss nicht nur die Werke von Uwe Boll heranziehen, um das Scheitern der bisherigen Spiele-Verfilmungen zu verdeutlichen. Auch Mark Wahlberg, der mittlerweile als Schauspieler mehrfach überzeugen konnte, scheiterte grandios beim Versuch, der stylischen Film-noir-Hommage „Max Payne“ Leinwandleben einzuhauchen.

Pünktlich zum Jahreswechsel steht nun der nächste Versuch an.

Alles was man braucht

„Assassin’s Creed“, die Serie um den seit tausend Jahren andauernden Kampf zwischen islamischen Assassinen und den christlichen Templern war bei Gamern schon lange Favorit für eine Verfilmung. Seit zehn Jahren begeistert die Reihe nun schon mit vier offiziellen Teilen und fünf Spin-offs die Spielegemeinde. Eigentlich bringt sie alles mit, um als Blockbuster-Kino zu begeistern und ein neues Franchise zu begründen. Die stimmungsvolle Gegeschichte, die zwischen Gegenwart und einer mit historischen Tatsachen spielenden Vergangenheit zu Zeiten der Kreuzzüge wechselt, hätte durch Weglassen der spieletypischen Redundanzen schon fast allein ein interessantes Drehbuch abgegeben. Hinzu kommen die auf jeden Fall leinwandtauglichen Zutaten wie die globale Verschwörungsgeschichte, stylische, Freerunner-artige Fassadenklettereien, der Sprung des Glaubens – von Kirchturmspitzen in Heuschober – und nicht zuletzt die inzwischen zum Kult gewordenen Assassinen-Moves, mit denen man im Spiel mit etwas Übung auch zahlenmäßig überlegene Kreuzritter zur Strecke bringt. Ergänzt durch eine Besetzung, die mit Michael Fassbender und Marion Cotillard in den Hauptrollen sowie Jeremy Irons, Charlotte Rampling und Brendan Gleeson bis in die Nebenrollen hochkarätig besetzt ist. Und nachdem Justin Kurzel als Regisseur mit Fassbender und Cotillard auch bei Shakespeares „Macbeth“ ein glückliches Händchen bei der Inszenierung von brachialen Verschwörungsgeschichten bewiesen hat, hätte eigentlich kaum etwas schief gehen können. Immerhin haben die Produzenten mit knapp 125 Millionen Dollar ein üppiges Budget zusammengetragen und für den Film eine von der Vorlage vollständig unabhängige Geschichte schreiben lassen.

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Kurz vor der Hinrichtung

Der Film erzählt die Geschichte des Kriminellen Callum Lynch (Fassbender) , der wegen Mordes hingerichtet werden soll. Nach der Giftspritze erwacht er jedoch in den Händen der Firma Abstergo Industries. Unter Kontrolle der Wissenschaftlerin Dr. Sophia Rikkin (Cotillard) soll mithilfe des Animus-Projekts sein genetisches Gedächtnis angezapft werden. Durch die Erinnerungen seines Vorfahren, des zu Zeiten der spanischen Inquisition agierenden Assassinen Aguilar de Nerha, soll ein antikes Artefakt gefunden werden: der „Apfel Edens“. In diesem ist der Legende nach der genetische Code für den freien Willen hinterlegt, den der Templerorden seit 500 Jahren sucht, um den freien Willen zu zerstören und somit alle Gewalt zu beenden.

Zurück in die Vergangenheit?

Die größte Sünde der Verfilmung ist vermutlich, dass der Animus (das Gerät zum Auslesen des genetischen Gedächtnisses) eine völlig andere Gewichtung bekommt. Das Spiel konzentriert sich fast vollkommen auf die Zeit im Animus und wirft einen wunderbar stimmungsvollen Blick in die Zeit der Kreuzzüge (Teil I), das Italien der Renaissance (Teil II) und den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (Teil III). Der Film hingegen konzentriert sich mehr auf die Gegenwart. Das Spanien von 1492 wird eher in kurzen Flashbacks abgehandelt. Selbst bei den Fassadenklettereien bemühen sich die Macher, jederzeit deutlich zu machen, dass dies gerade alles in der künstlichen Realität des Animus geschieht. Während der Animus im Spiel eher an die Scheinwelt von „Matrix“ erinnert, in der man versinkt, bis man scheitert und in die Gegenwart zurückkehrt um es anschließend aufs Neue zu versuchen, ist er im Film ein riesiger Roboterarm, an dem Callum Lynch die Bewegungen seines Vorfahren tatsächlich ausführt. Immer wieder springt die Handlung in die Gegenwart zurück, wo man sieht, wie Callum über die Projektionen seines antiken Gedächtnisses geblendet die Bewegungen seines Vorfahren ausführt. Leider raubt dieser etwas krampfhaft wirkende Versuch, sich von „Matrix“ zu unterscheiden, viel an Spannung und Dramatik der Vorlage. Wenn man im Spiel in 30 Metern Höhe am Kirchturm hängt, hat man das Gefühl, der Hauptdarsteller könne in den Tod stürzen. Durch den Blick auf die Gedächtnisprojektion bekommt das alles die Dramatik, als würde man zum Beispiel in der Freerunner-Verfolgungsjagd von „Casino Royale“ zwischendurch immer wieder Daniel Craig vor den Greenscreen schneiden, um die Illusion zu zerstören. Wie aufregend wäre es wohl, Daniel Craig in schwindelerregender Höhe auf dem Baukran zu sehen, wenn man permanent daran erinnert wird, dass das eigentlich im sicheren Studio entstanden ist?

Das ist nur eines der Probleme dieser Verfilmung. Nirgendwo kommt wirklich das Gefühl auf, dass die Vergangenheit von 1492 authentisch ist. Da hilft es wenig, dass in Spanien konsequent Spanisch gesprochen wird. Eher verdeutlicht es, wie egal diese Zeitebene den Drehbuchautoren und Machern eigentlich war: Selbst wenn ein Analphabet die Untertitel nicht lesen kann, verpasst er nicht viel Relevantes.

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Das lieben die Fans des Spiels

Auch die Zweikämpfe wirken erschreckend altbacken. Wenn man bei Schwert und Faustkämpfen das Gefühl bekommt, die Stuntmen schlagen permanent in die Luft, damit bei den Dreharbeiten niemand verletzt wird, dann wünscht man sich als Zuschauer, dass die Produzenten die Wachowski-Geschwister oder eben Martin Campbell, mit seinen ungemein physischen Zweikämpfen aus „Casino Royale“ für die Regie hätte begeistern können. Für einen Film, dessen Vorlage ihren Reiz genau aus solchen Kämpfen gezogen hat, wirkt das Gehampel eher peinlich, und spätestens, wenn die Freundin des Assassinen Aguilar de Nerha im Animus vom Endgegner getötet wird, wird deutlich, wie misslungen dieser Film ist. Da wecken heutzutage sogar die Pixelhaufen moderner Spiele mehr Mitgefühl. Selbst Michael Fassbender und Marion Cotillard können da nicht mehr viel rausreißen – und Fassbender hat „Assassin’s Creed“ sogar produziert.

Enttäuschend auf ganzer Strecke

Insofern werden Fans des Spiels vermutlich absolut enttäuscht sein. Im Spiel macht die Geschichte in der Vergangenheit 90 Prozent des Reizes aus. Im Film ist sie nur belangloses Beiwerk. Vielleicht wäre das zu verzeihen, wenn wenigstens die Rahmenhandlung punkten könnte. Leider ist diese auch nicht interessanter als im Spiel. Die Welt im Forschungskomplex von Abstergo Industries wirkt wie eine Mischung aus einem Science-Fiction-Gefängnis und einer Hommage an „THX 1138“ (1971), das Kino-Regiedebüt eines gewissen George Lucas. Den Hauptteil verbringt „Assassin’s Creed“ damit, Callum Lynch zu überreden, sich freiwillig an den Animus anstöpseln zu lassen, denn als Anpassung an das Spiel funktioniert das Gerät nur, wenn sich der Kandidat sich freiwillig dazu entscheidet. Belanglose Dialoge über die Natur der Gewalt sind kein wirklicher Ersatz für eine actionreiche und stimmungsvolle Spielwelt, welche die meistens Fans der Vorlage oder auch Zuschauer, die in eine Videospielverfilmung gehen, erwarten werden. So enttäuscht der Film leider auf ganzer Strecke.

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Man ist geneigt zu vermuten, dass die Gagen der Schauspieler das Teuerste am Film waren

Alain Corre, Europa-Chef von Ubisoft, wird auf Wikipedia mit der Aussage zitiert, dass der Film nicht dazu gedacht sei, möglichst viel Geld in die Kinokassen zu spülen, sondern eher um die Spielreihe an sich wieder attraktiver zu machen und somit den Verkauf der Spiele anzukurbeln. Ich befürchte, da hätten sich die Macher etwas mehr Mühe geben müssen, um wenigstens eine Zielgruppe zufriedenzustellen: entweder die Fans des Spiels oder unbedarfte Kinogänger. Aus der Verfilmung werden beide Gruppen ratlos rauskommen. Fans werden sich fragen, warum man für 125 Millionen Dollar nicht lieber eine ordentliche Spielfortsetzung produziert hat. Der unbedarfte Zuschauer wird sich fragen, wie es so ein Spiel auf insgesamt neun Auflagen bringen konnte, und angesichts des Kultstatus des zugrundeliegenden Spiels wird er sich in Kulturpessimismus üben.

Insofern heißt es ausharren, bis vielleicht mal jemand eine Science-Fiction-Screwball-Komödie aus dem Spieleklassiker „Day of the Tentacle“ von LucasArts erstellt – da kann man eigentlich nichts falsch machen.

Videospiel-Verfilmungen bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

It Came from the Desert (Horrorkomödie, FIN/GB/KAN 2017)
Assassin’s Creed (SF-Abenteuer, GB/F/HK/USA 2016)
Dead Rising – Endgame (Horror-Action, USA 2016)
Kingsglaive – Final Fantasy XV (Computertrick-Fantasy-Action, USA/JAP 2016)
Ratchet & Clank (Computertrick-Fantasy-Action, HK/KAN/USA 2016)
Resident Evil – The Final Chapter (Horror-Action, F/D/KAN/AUS 2016)
Warcraft – The Beginning (Fantasy-Action, USA 2016)
Dead Rising – Watchtower (Horror-Action, USA 2015)
Hitman – Agent 47 (Actionthriller, USA/D 2015)
FPS – First Person Shooter (Horror-Action, D 2014)
Heavenly Sword (Computertrick-Fantasy-Action, USA 2014)
Street Fighter – Assassin’s Fist (Action, GB 2014)
Silent Hill – Revelation (Horror, F/KAN 2012, geplant)
Prince of Persia – Der Sand der Zeit (Fantasy-Abenteuer, USA 2010, geplant)
Hitman – Jeder stirbt alleine (Actionthriller, F/USA 2007)
Silent Hill – Willkommen in der Hölle (Horror, KAN/F/JAP 2006)
Alone in the Dark (SF-Horror, KAN/D/USA 2005, geplant)
Super Mario Bros. (Fantasy-Abenteuer, USA 1993, geplant)

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Gestern Lord und Lady Macbeth, heute Weltverschwörer

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Marion Cotillard sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Michael Fassbender, Brendan Gleeson und/oder Jeremy Irons in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 116 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Assassin’s Creed
GB/F/HK/USA 2016
Regie: Justin Kurzel
Drehbuch: Michael Lesslie, Adam Cooper, Bill Collage
Besetzung: Michael Fassbender, Marion Cotillard, Jeremy Irons, Brendan Gleeson, Charlotte Rampling, Michael Kenneth Williams, Callum Turner, Carlos Bardem, Javier Gutiérrez, Michelle H. Lin
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2016 by Lutz R. Bierend

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2016 Twentieth Century Fox / Ubisoft Motion Pictures

 
2 Kommentare

Verfasst von - 2016/12/27 in Film, Kino, Rezensionen

 

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