RSS

Schlagwort-Archive: Militärputsch

Vermisst – Eindringlicher kann politisches Kino nicht sein

Missing-Cover

Von Simon Kyprianou

Politdrama // Nur wenige Regisseure haben es geschafft politische Missstände so zu verfilmen wie Costa-Gavras. Dem griechisch-französischen Meisterregisseur gelingt es, dem Zuschauer das Gefühl zu vermitteln, in einem Unrechtsstaat zu leben; er bringt es seinem Publikum wirklich nahe: die allgegenwärtige Angst, die ständige Unsicherheit, das drohende unheilvolle Ende. Dabei sind Costa-Gavras’ Filme nie dokumentarisch oder gar unparteiisch, sie beziehen immer klar Stellung. Es sind wütende, aggressive Filme, die Missstände nicht nur zeigen, sondern sie anprangern und anklagen.

Erst das feine Ausbalancieren zwischen rein faktischer Wiedergabe historischer Eriegnisse und Inszenierung lässt das Publikum derartig betroffen zurück und verleiht seinen Filmen eine solche Dringlichkeit. Dabei versteht es Costa-Gavras, inmitten der Politik stets den Menschen im Blick zu behalten: Er seziert die politische Situation anhand eines Einzelschicksals. Deshalb ist „Vermisst“ kein kühler, analytischer Film, sondern im Gegenteil ein berührendes, aufwühlendes, gewaltiges Melodram.

Basierend auf einer wahren Begebenheit und real existierenden Personen begibt sich ein Vater (Jack Lemmon) mit seiner von ihm entfremdeten Schwiegertochter (Sissy Spacek) auf die Suche nach seinem Sohn. Dabei wird die Perversion des Systems offen gelegt, wir sehen die Lügen, das Vertuschen, den Verrat und die Chancenlosigkeit des gewöhnlichen Bürgers gegen das große, unbesiegbare Regime.

Der Film ist ein bitterer Schlag gegen die grausige Außenpolitik der USA. Obwohl im Film nie explizit genannt, geht es um den Militär-Putsch in Chile 1973 und auch um die Beteiligung der amerikanischen Regierung durch die CIA. Jack Lemmon und Sissy Spacek sind großartig, sie tragen diesen Film, machen den harten Tobak erträglich, füllen ihn mit Menschlichkeit aus und stellen den letzten Funken Hoffnung dar. Völlig zu Recht unter anderem mit dem Drehbuch-Oscar sowie in Cannes mit der Goldenen Palme für den Film und dem Darstellerpreis für Jack Lemmon ausgezeichnet, ist „Vermisst“ eine äußert schmerzhafte, aber dringend notwendige Geschichtsstunde.

Das Meisterwerk ist als DVD erhältlich in einer wunderbaren Veröffentlichung der Criterion Collection, aber auch in einer annehmbaren deutschen Veröffentlichung. Wer mehr solcher großartigen Politthriller sucht, der ist mit „Z – Anatomie eines politischen Mordes“ (ebenfalls von Costa-Gavras), „Die Unbestechlichen“ (Alan J. Pakula), „Der Dialog“ (Francis Ford Coppola) und „I wie Ikarus“ (Henri Verneuil) bestens bedient.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jack Lemmon sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 17. Februar 2005 als deutsche DVD, 21. Oktober 2008 als US-Doppel-DVD Special Edtion der Criterion Collection

Länge: 122 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen (deutsche DVD): Deutsch, Englisch, Französisch
Sprachfassungen (US-DVD Criterion)
Untertitel (deutsche DVD): Deutsch, Englisch, Französisch, Tschechisch, Niederländisch, Ungarisch und Polnisch
Untertitel (US-DVD Criterion)
Originaltitel: Missing
USA 1982
Regie: Costa-Gavras
Drehbuch: Costa-Gavras, nach der Sachbuch-Vorlage „The Execution of Charles Horman: An American Sacrifice“ von Thomas Hauser
Besetzung: Jack Lemmon, Sissy Spacek, Melanie Mayron, John Shea
Zusatzmaterial (deutsche DVD): keines
Zusatzmaterial (US-DVD Criterion): Interviews mit Costa-Gavras, Joyce Horman (Ehefrau von Charles Horman), den Produzenten Edward und Mildred Lewis und Sean Daniel sowie Thomas Hauser (Autor der Vorlage), Interviews vom Cannes Film Festival 1982 mit Costa-Gavras, Jack Lemmon, Charles Hormans Vater Ed sowie Joyce Horman, Interview mit Peter Kornbluh, Autor von „The Pinochet File“ (Thema: deklassifizierte Dokumente über den 1973er-Militärputsch in Chile und den Fall Charles Horman), Höhepunkte des Charles Horman Truth Project 2002 zu Ehren des Films mit den Schauspielern Sissy Spacek, John Shea, und Melanie Mayron, Kinotrailer, Booklet mit einem neuen Aufsatz des Kritikers Michael Wood, einem offenen Brief von Terry Simon (Freund der Horman-Familie), einem Interview mit Costa-Gavras sowie der offiziellen Erwiderung des US State Departments auf den Film
Vertrieb: Universal Pictures Home Entertainment (D), Criterion Collection (USA)

Copyright 2014 by Simon Kyprianou
Packshot: © Courtesy of the Criterion Collection

 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: