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The Lair – Die Monster aus dem Sowjetbunker

The Lair

Von Volker Schönenberger

Horror-Action // Im April 2017 warf die United States Air Force im Kampf gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Afghanistan in der Nähe zur pakistanischen Grenze eine Bombe von gewaltiger Sprengkraft ab: die GBU-43/B Massive Ordnance Air Blast, deren Akronym MOAB bald auch als „Mother of All Bombs“ (Mutter aller Bomben) interpretiert wurde. Bei der MOAB handelt es sich um den größten nichtatomaren Sprengkörper im Arsenal der US-Streitkräfte.

Texttafeln zu Beginn von „The Lair“ (2022) erwähnen den Abwurf, gefolgt von der Behauptung, es habe Gerüchte über verstörende Aktivität in den Stunden zuvor gegeben. Dies sei, was wirklich geschah.

Etwas hat überlebt

Die Royal-Air-Force-Kampfpilotin Kate Sinclair (Charlotte Kirk) wird über feindlichem Gebiet abgeschossen, sie und ihr Waffensystemoffizier Terry Johnson (Alex Morgan) retten sich mittels Schleudersitz. In der kargen Steinwüste Afghanistans treffen die beiden alsbald auf Taliban-Kämpfer (vielleicht sind es auch IS-Kämpfer), was Johnson das Leben kostet. Auf der Flucht rettet sich Kate mit Müh und Not in einen seinerzeit von den sowjetischen Besatzern angelegten Bunker in einem Berg. Der entpuppt sich als großer unterirdischer Komplex, in welchem Wissenschaftler der Roten Armee damals offenbar grausige Experimente veranstaltet hatten. Etwas dort unten ist nicht so tot, wie es sein sollte …

Parallelen zu „Monster Hunter“

Eine toughe Frau setzt sich in einem Wüstensetting gegen Monster zur Wehr – da drängt sich der Vergleich mit Paul W. S. Andersons „Monster Hunter“ (2020) mit Milla Jovovich auf, zumal beide Hauptdarstellerinnen mit dem jeweiligen Regisseur liiert sind. Auch die Unterschiede treten sogleich zutage: Während es sich bei „Monster Hunter“ um eine hoch budgetierte Produktion handelt, die sich dem Blockbuster-Mainstream zuordnen lässt, musste Regisseur Neil Marshall mit „The Lair“ klar erkennbar mit einem weitaus geringeren Budget hantieren. Dafür ist sein Werk räudiger und härter geraten, was für sich betrachtet erst einmal neutral zu bewerten ist.

Der Taliban bekommt es mit der Angst zu tun

Die Bewertung fällt mir indes schwer, weil ich arg voreingenommen und hin- und hergerissen bin: Zum einen möchte ich „The Lair“ gern mögen, weil ich Neil Marshall seit seinen Anfängen mit den Glanztaten „Dog Soldiers“ (2002), „The Descent – Abgrund des Grauens“ (2005), „Doomsday – Tag der Rache“ (2008) und „Centurion – Fight or Die“ (2010) sehr gewogen bin. Auf der anderen Seite habe ich vor der Sichtung Schlimmes befürchtet, weil Marshalls vorherige Regiearbeit „The Reckoning“ (2020) ihm missraten ist – er hatte sich hauptsächlich darauf konzentriert, seine Hauptdarstellerin und Lebensgefährtin Charlotte Kirk ins rechte Licht zu rücken. Ganz so schlimm ist es im Falle von „The Lair“ nicht gekommen, obwohl sich auch dieser Film davon nicht ganz freimachen kann.

Die Freiheit ruft

So richtig überzeugend ist das nicht, was Charlotte Kirk schauspielerisch abliefert. Auch eine Milla Jovovich ist nicht die größte Charakterdarstellerin unter der Sonne, aber dafür fällt ihr Körpereinsatz stets beeindruckend aus, was sie zu einem der Top-Actionstars weiblichen Geschlechts werden ließ. An diese Körperbeherrschung kommt Kirk nicht heran. Charakterliche Tiefe gibt die Rolle ohnehin nicht her, auch wenn in einer kurzen Rückblende zu Beginn gezeigt wird, dass Kate Sinclair Mutter eines kleinen Kindes ist, das sie bei ihrer Mutter zurücklassen muss, als sie zum Auslandseinsatz aufbricht. Da es sich um Horror-Action handelt, reicht die vorhandene Charakterisierung der Hauptfigur allerdings aus, kreiden wir sie Kirk nicht an. Auch die Story stellt keinen Ausbund an Komplexität dar, aber simple Plots nehmen wir im Horrorgenre zuhauf hin, ohne uns daran zu stören, das sei auch hier hingenommen.

FSK 18 wirkt etwas zu hart

Die Monster sind nicht übermäßig originell gestaltet, erfüllen aber ihren Zweck. Ein Detail überzeugt aber doch durch Kreativität – lasst euch überraschen! Die Kreaturen haben humanoide Gestalt, was aufgrund ihrer vermuteten, wenn auch nicht explizit erklärten Herkunft schlüssig erscheint. Es erleichterte sicher auch den Dreh, dafür schlicht Menschen in Gummikostüme stecken zu müssen. Eine Mischung aus CGI und praktischen Effekten bildet den Splatter, das reißt nicht vom Hocker, ist aber solide geraten. Und nicht allzu exzessiv, die FSK-18-Freigabe der ungeschnittenen Fassung wirkt etwas streng. Dem Vernehmen nach hatte der deutsche Lizenznehmer SquareOne Entertainment eine Freigabe ab 16 Jahren angestrebt, war damit bei der FSK aber gescheitert. Auch nicht weiter wild.

Kate Sinclair lässt sich nicht unterkriegen

Ihr merkt schon: Da kommt vieles generisch, aber immerhin nicht völlig verunglückt daher. Ein paar Unsauberkeiten allerdings schleichen sich doch ein. Womöglich hätten die Produzenten gut daran getan, für die Dreharbeiten einen Militärberater zu engagieren. Denn wenn sich Kate Sinclair in ein US-Militärcamp rettet, kommen GIs ins Spiel, deren Auftreten nicht immer soldatesk wirkt (wobei ich zugegeben als Wehrdienstverweigerer und ehemaliger Zivildienstleistender kein Experte auf diesem Gebiet bin). Auch die Widerstandskraft der Monstren schwankt. Mal sind sie von Beschuss schwer aufzuhalten, mal von Niederknüppeln leicht. Derlei Schlampigkeiten lassen sich nicht mit mangelndem Budget entschuldigen.

Quo vadis, Neil Marshall?

An sich lässt es sich mit 08/15-Horror schon leben, aber es stimmt doch traurig, wenn man an Neil Marshalls Anfänge als die große Hoffnung des Horrorgenres zurückdenkt, als die er vor zwei Dekaden gestartet war. Wie bei „The Reckoning“ zeichneten er und Kirk auch hier gemeinsam fürs Drehbuch verantwortlich, beide reihten sich zudem erneut unter „Executive Producer“ ein (heutzutage benötigen offenbar viele Filme Produzententeams von mehr als zehn Personen, die sich auf Producer, Co-Producer, Executive Producer, Co-Executive Producer und Line Producer aufteilen). Und ebenso wie den Vorgänger drehten sie „The Lair“ in Ungarn. Herausgekommen ist kein großes Ärgernis, wie es zu befürchten war, angesichts des einst klangvollen Regisseursnamens aber doch eine Enttäuschung. Ob Neil Marshall gelegentlich über sein Frühwerk nachdenkt und sich überlegt, wie er daran anknüpfen kann? Es bleibt zu hoffen.

Mögen die Kämpfe beginnen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Neil Marshall haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Charlotte Kirk unter Schauspielerinnen.

Ist der hässlich

Veröffentlichung: 19. Mai 2023 als Blu-ray und DVD, 11. Mai 2023 als Video on Demand

Länge: 97 Min. (Blu-ray), 93 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Lair
GB/USA/UNG 2022
Regie: Neil Marshall
Drehbuch: Neil Marshall
Besetzung: Charlotte Kirk, Jonathan Howard, Jamie Bamber, Leon Ockenden, Troy Alexander, Harry Taurasi, Mark Strepan, Hadi Khanjanpour, Kibon Tanji, Mark Arends, Adam Bond, Alex Morgan, Algela Scudder Kirk, Mohsen Hassan Nejad, Musa Ibrahimov, Daniel-Konrad Cooper
Zusatzmaterial: Wendecover
Label/Vertrieb: SquareOne Entertainment

Copyright 2023 by Volker Schönenberger

Filmplakat: © 2022 Highland Film Group LLC, Szenenfotos & Packshots: © 2023 SquareOne Entertainment

 

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