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Horror für Halloween (XXXIV): The Host – Als Monsterfilm getarntes Sozialdrama

Gwoemul

Von Lucas Gröning

</Horror // Mit seinem Genremix „Parasite“ schaffte es Bong Joon-ho 2019 endgültig in den Olymp der großen, öffentlichkeitswirksamen Regisseure unserer Zeit. Auf meisterhafte Weise gelang es ihm mit seinem Film, audiovisuelle Innovation mit essenziellen ökonomischen und sozialen Fragen zu verbinden und in letzter Konsequenz ein Werk zu kreieren, welches über enorm aufklärerisches Potenzial hinsichtlich der Widersprüche bürgerlicher Gesellschaften verfügt. Kurzum: Der Film gilt zu Recht als Meisterwerk der jüngeren Kinogeschichte und Bong Joon-ho dürfte spätestens mit diesem Film ein Platz in den Geschichtsbüchern sicher sein, auch weil „Parasite“ bei den Academy Awards 2020 in mehrerer Hinsicht abräumte. Nach dem Gewinn der Auszeichnung für den besten fremdsprachigen Film gewann er auch den Award für den insgesamt besten Film, womit es sich bei der Gesellschaftssatire um das erste fremdsprachige Werk handelte, das diese Auszeichnung erhielt. Hinzu kommen die Oscars als bester Regisseur und Drehbuchautor für Bong Joon-ho selbst sowie im Jahr zuvor die Goldene Palme in Cannes. „Parasite“ weist dabei einige Motive auf, die der Regisseur bereits in vorherigen Filmen behandelte, beispielsweise in „Memories of Murder“ (2003) und „Snowpiercer“ (2013). Diese Filme formulierten ebenfalls eine klar strukturierte Kapitalismuskritik inklusive metaphorischer Illustrationen der in marktwirtschaftlichen Staaten ausgetragenen Klassenkämpfe. Ein anderes Werk des Meisterregisseurs, das sich dahingehend hervorragend in dessen Filmografie einfügt, stellt der 2006 erschienene „The Host“ dar, die bis zu diesem Zeitpunkt besucherstärkste südkoreanische Kinoproduktion überhaupt.

Die Gefangenschaft in der Verwertungslogik

Die Geschichte beginnt im Jahr 2000 auf einem US-amerikanischen Militärstützpunkt in Südkorea. Wir sehen einen amerikanischen Pathologen, der seinen koreanischen Assistenzarzt gegen dessen Willen nötigt, eine große Menge Formaldehyd im Han-Fluss zu entsorgen. Die Folgen sind fatal, denn die Substanz sorgt bei einem der im Fluss lebenden Tiere für eine Mutation, sodass ein riesiges, gefährliches Monster entsteht, welches alsbald die hiesige Bevölkerung angreifen wird.

Das Monster schlägt zu

Im Zentrum der Story steht fortan die Familie von Park Gang-doo (Song Kang-ho), dessen Tochter Hyun-seo (Ko Asung) von dem Monster entführt und in einen als Futterlager dienenden Kanalisationsschacht gebracht wird. Nun liegt es an der Familie, sich auf die Suche nach dem entführten Mädchen zu begeben und zugleich den Kampf mit dem alles bedrohenden Monster aufzunehmen. Auf Unterstützung seitens der Polizei oder der Armee können die Parks dabei nicht setzen, zumindest stößt die verzweifelte Bitte nach Hilfe auf taube Ohren. Vielmehr muss sich die Familie in ihrer Suche auf sich selbst verlassen. In dieser speziellen Situation entwickelt sie ein Gemeinschaftsgefühl, das unter den vorherigen Voraussetzungen nicht möglich war.

Panik breitet sich aus

Als Hauptfigur fungiert der Familienvater Gang-doo. Dieser wird zu Beginn als klassische Verliererfigur eingeführt. Tagsüber arbeitet er für einen geringen Lohn am Kiosk seines Vaters Hie-bong (Byun Hee-bong), ist jedoch aufgrund seines Hangs zum gelegentlichen Einschlafen alles andere als ein zuverlässiger Mitarbeiter. Sein Leben besteht in weiten Teilen aus eben jener Arbeit sowie aus dem täglichen Konsum mittelmäßiger TV-Sendungen und Sportübertragungen. Obwohl sein Leben – oder das, was dem Publikum als solches präsentiert wird – wohl nicht als besonders reichhaltig bezeichnet werden kann, scheint er keinen Grund für eine Änderung seiner Lebensverhältnisse zu sehen. In diesen Szenen zu Beginn ist stets eine grundlegende Zufriedenheit mit dem Vorhandenen zu spüren, einhergehend mit mangelndem politischen Gestaltungswillen. Gang-doo steht hier folglich als Stellvertreter für eine abgehängte gesellschaftliche Klasse, deren sinnentleertes Leben lediglich aus dem unhinterfragten, blinden Fröhnen des Konsums besteht. Zugleich symbolisiert er durch seine Arbeit im Kiosk die Doppelexistenz des Menschen in einer kapitalistischen Gesellschaft, in der ein jeder, neben dem Dasein als Konsument, auch ein Dasein als Glied in einer Kette inmitten der kapitalistischen Produktionslogik darstellt. Er ist völlig innerhalb dieses Systems gefangen, in der ein Dasein als Individuum nicht mehr möglich scheint und stattdessen ein Nebeneinander-Existieren entindividualisierter Einzelner die Norm darstellt.

Eine Katastrophe als Weckruf

Inmitten dieses eintönigen Alltags setzt Bong Joon-ho nun ein Monster, dem an dieser Stelle eine entscheidende Funktion abseits seiner Rolle für den Plot zukommt: Es fungiert es als Mittel dazu, die menschenverachtende Ideologie in der Gesellschaft zu enttarnen und den Protagonisten aus seinem Trott herauszuholen und zu einem politischen Menschen zu machen. Besonders deutlich wird dies in einer Szene, in der Gang-doo mit Staatsbeamten spricht und diese auffordert, das Handy seiner entführten Tochter zu orten. Eine rücksichts- und verständnislose Abweisung ist die Folge dieser Anfrage, später wird sich herausstellen, dass die Handyortung eine Sache weniger Minuten gewesen wäre. Die darauffolgende Äußerung der Hauptfigur ist interessant: Er stellt fest, dass er und seine Familie nicht zu dieser Gesellschaft dazuzugehören scheinen. Wie bereits in „Memories of Murder“ kritisiert Bong Joon-ho auch hier das Festhalten einer Gesellschaft an einer bestimmten Norm, die keinen Individualismus mehr zulässt und in der nur Menschen ein Dazugehören gestattet ist, die sich dieser Norm fügen oder an der Spitze des Systems stehen. Gang-doo erkennt in diesem Moment, welche Verachtung das Establishment für seine Klasse übrig hat und dass er selbst von diesem nie als etwas anderes als ein Zahnrad in einer möglichst reibungslos funktionierenden Maschine betrachtet wurde. Passend dazu zieht der Film zudem eine metaphorische Paralelle von den Mitgliedern der Familie Park und dem in der Stadt wütenden Monster, indem diese auf ihrer Flucht vor den Regierungsbehörden dieselben Pfade wählen wie das Monster.

Können Vater Park und seine Söhne …

Die Unterschicht wird also direkt mit dem Untier assoziiert und als das „andere“ und Unliebsame identifiziert, das es aus der Gesellschaft zu verbannen gilt. Diese Erkenntnis bringt Gang-doo schlussendlich dazu, auf eigene Faust zu handeln und sich dem Staat offen zu widersetzen. Er erkennt, dass von diesen Menschen keine Hilfe zu erwarten ist und dass selbst das Einstehen für die eigenen Interessen von den Befehlshabern nicht geduldet wird. Seine Entwicklung zum politischen Menschen ist somit vollzogen und sein Wille, etwas zu verändern, ist stetig gewachsen.

Zugleich bietet „The Host“ durch die Darstellung dieser Ereignisse auch das Pozential, eine Politisierung des Zuschauers zu erreichen. Gerade durch seine Bildsprache und die durch Gang-doo offen artikulierte Verständnislosigkeit für das Krisenmanagement der südkoreanischen Regierung besteht eine große Wahrscheinlichkeit auf Seiten des Rezipienten, dass die Positionen der Hauptfigur übernommen werden. Im Bezug dazu findet auch ein Hinterfragen des eigenen Verhältnisses zu Gang-doo statt. Durch die Darstellung des Protagonisten als trotteligen Verlierer provozierte der Film zu Beginn noch ein verächtliches Amüsieren über jenen. Auch seine gelben Haare und seine Kleidung wollen ihn so gar nicht der Norm entsprechen lassen und erinnern eher an die Darstellung von ärmeren Menschen in Reality-TV-Formaten. Erst mit dem tatsächlichen Eintreffen einer Notsituation des Protagonisten und dem Wissen, dass es für einen Menschen seiner Klasse keine Hilfe zu geben scheint, findet eine echte Solidarisierung statt sowie ein Anerkennen von Gang-doo als Individuum mit einer eigenen Persönlichkeit.

Kunst und Konsum

Gerade wenn eine Assoziation der Situation des Rezipienten mit jener der Hauptfigur stattfindet, entfaltet „The Host“ seine agitierende Wirkung und sein Potenzial zur Politisierung. Es stellt sich die Frage, wie Regierungshandlungen in einer real existierenden, vergleichbaren Krise aussehen würden und ob eine ähnliche Ignoranz gegenüber einkommensschwachen Bürgern herrschen würde. Eventuell kann dies als Bong Joon-hos frühe Bearbeitung der Situation einer kommenden Klimakatastrophe betrachtet werden, jedoch könnten auch andere Krisen, beispielsweise das Grassieren einer Pandemie, als Vergleich zum Entschlüsseln der Aussage des Filmes hinsichtlich dieses Themas dienen. In jedem Fall muss festgehalten werden, dass „The Host“ als Plädoyer für das Individuum und den politischen Menschen, sowie als Absage an den Konsum gelesen werden kann. Hinsichtlich dessen verhandelt Bong Joon-ho mit seinem Film auch die ambivalente Rolle des Kinos, zum einen als Ort, an dem sich große, politisierende Kunst ereignen kann, und zum anderen eben als Ort des Konsums. Hier offenbart sich der Kniff des Regisseurs, für die Bearbeitung gesellschaftlich derart weitreichender Themen einen Monsterfilm gedreht zu haben. Das Genre hat generell zuweilen den Ruf, auch leicht konsumierbar als reines Spektakel genossen werden zu können. Es steht somit zu bezweifeln, ob der Großteil der damaligen Kinozuschauer damit gerechnet hat, über weite Teile der knapp zwei Stunden Filmmaterial ein Sozialdrama zu sehen, sondern vielmehr ein leichtes, unterhaltsames Creature-Feature. Dahingehend kann der Film als eine Art Lockmittel gesehen werden, durch welchen sich ein Publikum, das sich mit Themen dieser Art eventuell selten bis gar nicht auseinandersetzen würde, plötzlich mit einem politischen Werk konfrontiert sieht, zu dem es sich positionieren muss. Vor diesem Hintergrund bietet sich auch eine metareflexive Betrachtungsweise von „The Host“, sodass sich der vor allem konsumorientierte Gang-doo mit dem Zuschauer assoziieren lässt, während das Monster als der Film selbst identifiziert werden kann, mit dem sich der Gang-doo und die Rezipienten konfrontiert sehen. In beiden Fällen, so die Hoffnung, resultiert die Erkenntnis der gesellschaftlichen Verhältnisse und in letzter Konsequenz der Wille zur politischen Gestaltung und des Schaffens gerechterer Verhältnisse.

… Hyun-seo retten?

Die Tatsache, dass „The Host“ zu diesem Zweck auf den ersten Blick überhaupt nicht als hochwertiges Kunstprodukt wahrgenommen werden will, resultiert schlussendlich auch in den phasenweise unschön anmutenden Aufnahmen, speziell wenn das Monster in den Blick der Kamera gerät. Dieses ist nicht nur auf den zweiten Blick klar als CGI-Produkt zu erkennen und dürfte einen Zuschauer mit den Sehgewohnheiten des Jahres 2020 nicht mehr sonderlich beeindrucken. Aber auch abseits des Kreaturendesigns entdeckt man nur selten die wundervollen und symbolisch enorm aufgeladenen Bilder, die Bong Joon-ho beispielsweise in seinen Meisterwerken „Memories of Murder“ und „Parasite“ bietet. Hier scheint er in der Gestaltung des Films bewusst Abstriche gemacht zu haben, womöglich, um ein breites und in weiten Teilen wenig kunstverständliches Publikum nicht abzuschrecken. „The Host“ mutet daher in seiner Optik auf den ersten Blick wie eine eher mittelmäßige Produktion an, schaffte es jedoch gerade dadurch, ein vor allem konsumorientiertes Publikum in die Kinosäle zu ziehen und ihnen schlussendlich jene geniale Kapitalismusdemaskierung zu bieten, die der Film darstellt. „The Host“ ist dadurch vielleicht nicht Bong Joon-hos schönster Film, muss jedoch als einer seiner wichtigsten betrachtet werden und war in diesem Zusammenhang vielleicht der genialste Kniff eines der wichtigsten Regisseure unserer Zeit.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Bong Joon-ho haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Song Kang-ho unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 8. Dezember 2017 als Blu-ray, 20. September 2007 als DVD

Länge: 120 Min. (Blu-ray), 115 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Koreanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Gwoemul
KOR 2006
Regie: Bong Joon-ho
Drehbuch: Bong Joon-ho, Won-jun Ha, Chul-hyun Baek
Besetzung: Song Kang-ho, Byun Hee-bong,Park Hae-il, Doona Bae, Ko Asung, Dal-su Oh, Lee Jae-eung, Lee Dong-ho, Yun Je-mun
Zusatzmaterial: diverse Kurzdokumentationen,deutscher Trailer, Trailershow,
Label/Vertrieb: MFA+

Copyright 2020 by Lucas Gröning

Szenenfotos & oberer Packshot: © MFA+

 

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Horror für Halloween (V): Gewinnspiel: 3 x Das Grauen aus der Tiefe auf Blu-ray

Verlosung

Humanoide Fischmonster stapfen in ihrer schuppigen Pracht an Land, um Männer und Kinder abzumurksen und Frauen zu schänden. Wegen Filmen wie „Das Grauen aus der Tiefe“ („Humanoids from the Deep“, 1980) werden wir Horrorfans von unseren Mitmenschen scheel angeschaut. Obwohl der wunderschöne Digipack der Roger-Corman-Produktion noch lieferbar ist, hat OFDb Filmworks den Streifen kürzlich auch in herkömmlicher Verpackungen veröffentlicht. Das Label hat uns drei Blu-rays zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank im Namen der kommenden Gewinnerinnen und Gewinner.

Teilnahmebedingungen

Zwecks Teilnahme am Gewinnspiel begebt Ihr euch zu meiner Rezension des Films und beantwortet dort (also nicht hier unter dem Gewinnspiel) bis Sonntag, 21. Oktober 2018, 22 Uhr, im Kommentarfeld die Frage am Ende des Textes.

Seid Ihr dazu nicht in der Lage, so schreibt das einfach hin. Alle veröffentlichten Antworten landen im Lostopf. Nicht verzweifeln, wenn Ihr euren Kommentar nicht sogleich erblickt – aus Sicherheitsgründen schalten wir ihn erst frei. Das ist aber Formsache.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert, bislang sind noch alle Sendungen bei den Empfängern eingetroffen). Gewinnerinnen oder Gewinner, die sich drei Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht gemeldet haben, verlieren den Anspruch auf die Blu-ray. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werde ich im Lauf der Woche nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie auch per E-Mail benachrichtigen.

Gewonnen haben

– Adrian Lübke,
– Oliver Maey,
– Hans Schulte.

Herzlichen Glückwunsch! Ihr werdet benachrichtigt.

Die Rezension von „Das Grauen aus der Tiefe“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

 

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Pans Labyrinth – Der Bürgerkrieg und die Fabelwesen

El laberinto del fauno

Von Simon Kyprianou

Fantasy-Drama // Der Spanische Bürgerkrieg ist vorbei, die Faschisten haben gewonnen, von den Revolutionären sind nur noch kleine Splittergruppen übrig, die sich vor der Armee verstecken.

Ofelia geht gern in den Wäldern spazieren

In der Unterwelt – nicht jene düstere altgriechische Vorstellung, wo die Seelen nach dem Tod hinwandern, sondern schlicht eine andere Welt unter der unsrigen – ist lange Zeit vorher die Tochter des Königs ausgerissen. Auf der Oberfläche angekommen starb sie, und eine Legende erzählt von ihrer Wiedergeburt als Menschenkind.

Die Wiedergeburt der Prinzessin?

In den Nachkriegswirren reist die junge Ofelia (Ivana Baquero) mit ihrer Mutter Carmen (Ariadna Gil) zu einem Außenpunkt des Militärs, wo Hauptmann Vidal (Sergi López), der Ehemann von Carmen, den letzten Revolutionären nachjagt, die sich dort in den Wäldern verstecken. In eben jenen Wäldern kommt Ofelia zum ersten Mal mit den Repräsentanten der Unterwelt in Berührung, einem Pan (Doug Jones) samt Elfen, die in ihr die Wiedergeburt der Prinzessin entdecken und ihr drei Prüfungen auferlegen, die ihre Herkunft beweisen mögen.

Dabei trifft sie auf einen Pan

Seit März 2018 doppelter Oscar-Preisträger (bester Film und beste Regie für „Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“), bewies Guillermo del Toro schon 2006 seinen unbändigen Drang darzustellen, zu zeigen, vorzuführen, abzubilden was geschieht, sowohl auf der realen als auch auf der magischen Ebene. Und der mexikanische Regisseur spielt diese beiden Ebenen nicht gegeneinander aus, lässt auch nicht zu, dass die eine die andere ausblendet. Die Brutalität der Realität wird nicht etwa durch eine Flucht in die Märchenebene ausgeblendet, im Gegenteil: del Toro ist sehr gewissenhaft darin, die kriegerischen Gewalttaten samt der dazugehörigen Ideologien explizit abzubilden, aber auch die Gewalt und Unheimlichkeit der magischen Aventüren, sodass die magische Welt nicht vorbehaltlos als Eskapismusstrategie funktioniert, wohl auch nicht funktionieren soll. Strukturell gibt es also keinen Schwarz-Weiß-Dualismus, es wirkt eher so, als schwappe die Gewalt des Krieges auch auf diesen magischen Ort über. Bis zum Schluss bleibt er ein Ort der Unsicherheit, lässt del Toro es doch offen, ob die Absichten des Pans wirklich gut sind.

Für den muss das Mädchen drei Prüfungen bestehen

Getrieben von diesem Drang zu zeigen, gestaltet del Toro seine Bilder sehr detailliert, auch die Bilder der Gewalt sind genau und direkt. Auf der Märchenebene scheint es, als könne sich die Kamera ebenso wie Ofelia und der Zuschauer nicht entscheiden, mal will sie in die Welt hineingleiten, mal verharrt sie unsicher auf Distanz. Handwerklich ist „Pans Labyrinth“ ein Genuss: Ausstattung, Set-Design – das alles ist hervorragend und detailversessen, das muss es auch, um del Toros Ambition der genauen Abbildung gerecht werden zu können. Verdienter Lohn: die Oscars für Szenenbild und Make-up 2007, einen dritten Academy Award gab’s für die Kamera. Beim spanischen Filmpreis Goya hatte „Pans Labyrinth“ kurz zuvor schon die Kategorien Originaldrehbuch, Nachwuchsdarstellerin (Ivana Baquero), Kamera, Ton, Maske, Spezialeffekte und Schnitt gewonnen.

Im Double Feature mit „The Devil’s Backbone“

„Pans Labyrinth“ funktioniert auch als Schwesternfilm oder auch als Weiterführung in größerem Rahmen zu „The Devil’s Backbone – Das Rückgrat des Teufels“ (2001), deshalb ist es sehr schön, dass beide Filme in jüngster Zeit aufwendig wiederveröffentlicht wurden – del Toros Frühwerk im März dieses Jahres von Wicked-Vision Media, „Pans Labyrinth“ vier Monate später von capelight pictures. Beide Veröffentlichungen haben eine ausgezeichnete Bildqualität und lassen sich hervorragend zusammen anschauen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Guillermo del Toro sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Hauptmann Vidal macht gnadenlose Jagd auf Partisanen

Veröffentlichung: 19. Juli 2018 als 3-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (2 Blu-rays & DVD) und Ultimate Edition (Mediabook, 2 weitere Blu-rays & Soundtrack-CD), 3. Juni 2009 als Blu-ray, 15. Januar 2015 und 30. Juli 2007 als DVD (Senator Film), 30. Juli 2007 als 3-Disc Limited Collector’s Edition DVD

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 114 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Spanisch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: El laberinto del fauno
SP/MEX/USA 2006
Regie: Guillermo del Toro
Drehbuch: Guillermo del Toro
Besetzung: Ivana Baquero, Ariadna Gil, Sergi López, Maribel Verdú, Doug Jones, Álex Angulo, Manolo Solo, César Vea, Roger Casamajor, Ivan Massagué, Juanjo Cucalón
Zusatzmaterial Mediabook: 24-seitiges Booklet, Ultimate Edition zusätzlich auch: Blu-ray mit der Dokumentation „Creature Designers – The Frankenstein Complex“ (102 Min., OmeU), Blu-ray mit vier Stunden weiteren Extras, inklusive der Vortragsreihe „Masterclass mit Guillermo del Toro“, Soundtrack-CD, 100-seitiges Storyboard-Booklet, 6 Postkarten, Poster, nummeriertes Zertifikat
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2018 capelight pictures

 

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