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Blinded by the Light – Kick It Like Springsteen

Blinded by the Light

Kinostart: 22. August 2019

Von Volker Schönenberger

Musik-Tragikomödie // Zwei Fragen an die Bruce-Springsteen-Fans unter den Leserinnen und Lesern dieses Textes: Was hat euch mit dem Boss-Virus infiziert? Erinnert ihr euch noch an den Moment oder das Ereignis, der oder das die Leidenschaft für den Rockmusiker aus New Jersey in euch entfacht hat? Bei mir war es das Konzert der Tunnel-of-Love-Express-Tour im Reitstadion München-Riem 1988. Ich hatte den Boss natürlich zuvor schon wahrgenommen. Wenn ich mich recht entsinne, besaß meine ältere Schwester das Album „Born in the U.S.A.“; ich selbst wünschte mir – und bekam – die grandiose 5-LP-Box „Live 1975-85“ zu Weihnachten 1986 oder 1987, doch erst mein erstes Springsteen-Konzert von bis heute 13 löste das Bruce-Fieber in mir aus. Wie es so schön heißt, gibt es zwei Arten von Menschen: Springsteen-Fans und solche, die ihn noch nicht live gesehen haben.

Sein gestrenger Vater Malik …

Beim 16-jährigen Javed (Viveik Kalra) sind „Born in the U.S.A.“ und „Darkness on the Edge of Town“ für seine Springsteen-Leidenschaft verantwortlich. Sein neuer Mitschüler Roops (Aaron Phagura) hat ihm die beiden Alben in Form von zwei Audio-Kassetten in die Hand gedrückt. Javed lebt 1987 im englischen Luton. Wir befinden uns in der Ära des Thatcherismus, in welcher der Arbeiterschaft unter der Premierministerin Margaret Thatcher die Luft zum Atmen ebenso genommen wird, wie es auch den US-Arbeitern in den Fesseln der Reaganomics ging. Javeds Vater Malik (Kulvinder Ghir), einst mit seiner Frau Noor (Meera Ganatra) aus Pakistan eingewandert, arbeitet für einen großen Autohersteller, während sich Noor als Näherin die Finger wundarbeitet, um das nicht allzu üppige Haushaltseinkommen aufzubessern.

… hat feste Vorstellungen, was für Javed das Beste ist

Sein traditionell eingestellter Vater darf natürlich nicht wissen, dass Javed seit langer Zeit seine Gedanken niederschreibt – er führt Tagebuch, verfasst auch Gedichte und träumt davon, einmal Schriftsteller zu werden. So recht glaubt er nicht daran, diesen Wunsch verwirklichen zu können, aber immerhin ermutigt ihn seine neue Englischlehrerin Miss Clay (Hayley Atwell). Der Nachbarsjunge Matt (Dean-Charles Chapman), der sich mit Haarspray und Make-up als Teil der New Romantics gibt, ist sein einziger Freund, immerhin seit Kindestagen. Zu allem Überfluss muss Javed damit klarkommen, dass die pakistanische Gemeinde von Luton und damit auch er selbst Anfeindungen von rassistischen Rechtsradikalen ausgesetzt ist. Der frustrierte Teenager hat die beiden Springsteen-Tapes in seinem Rucksack fast vergessen, als sie ihm eines Abends doch wieder in die Hände fallen. Er packt eine der Kassetten in seinen Walkman und erlebt mit „Dancing in the Dark“ eine geradezu religiöse Erweckung …

Die Lehrerin Miss Clay ermutigt den Jungen

Asche auf mein Haupt: Der Smash-Hit „Dancing in the Dark“ gehört nicht zu meinen Favoriten in Springsteens Œuvre – mir ist der Pop-Appeal des Gassenhauers etwas zu dominant. Aber der Titel gehört zu den beliebtesten Songs des Boss, ist nach wie vor häufig im Radio zu hören und regelmäßiger Bestandteil des Zugabenblocks bei Springsteen-Konzerten, also wer bin ich, daran herumzukritisieren? Und wenn ich mir den Text vor Augen führe, aus dem Regisseurin Gurinder Chadha in besagter Szene diverse Zeilen kunstvoll einblendet, stelle ich fest: Er passt perfekt zu Javeds Gefühlswelt. Ein paar Auszüge gefällig? Bitte schön:

I ain’t nothing but tired
Man I’m just tired and bored with myself
Hey there baby, I could use just a little help

Man I ain’t getting nowhere
I’m just living in a dump like this

They say you gotta stay hungry
Hey baby I’m just about starving tonight
I’m dying for some action
I’m sick of sitting ’round here trying to write this book

Auch Javed weiß nichts mit sich anzufangen, sehnt sich danach, dass mit seinem Leben etwas passiert, während er in seinem Zimmer sitzt und schreibt. Nicht erst bei der letzten von mir zitierten Zeile gerät er völlig aus dem Häuschen. Er hat einen Rockmusiker entdeckt, der ganz genau seinen Gemütszustand in Worte zu fassen vermag. Ein Sänger aus dem US-Staat New Jersey versteht offenbar, was ein Arbeitersohn in England denkt und fühlt. Javed ist mehr als beeindruckt. Chadha inszeniert diese Erweckung als eine der zentralen Sequenzen des Films, gibt Javeds wachsender Euphorie großen Raum – der Junge stürmt gar aus dem Haus und tanzt mitten in der Nacht durch die Gegend. Kurz darauf bekommen wir auch „The Promised Land“ zu hören, der Javed vielleicht mehr noch als „Dancing in the Dark“ in Aufbruchstimmung versetzt:

But your eyes go blind and your blood runs cold
Sometimes I feel so weak I just want to explode
Explode and tear this whole town apart
Take a knife and cut this pain from my heart
Find somebody itching for something to start

The dogs on Main Street howl cause they understand
If I could take one moment into my hands
Mister I ain’t a boy, no I’m a man
And I believe in a promised land

Javed fühlt sich schwach, gleichzeitig spürt er eine Wut in sich. Auch er will zweifellos den Schmerz aus seinem Herzen schneiden. Und plötzlich merkt er: Er ist kein Kind mehr, sondern ein Mann! Na ja, sagen wir ein Jugendlicher auf dem Weg zum Mann.

Ein Geschenk von Roops (r.) verändert sein Leben

„Blinded by the Light“ beginnt geradezu klischeehaft als 80er-Hommage – mit einem Zauberwürfel. Und wir bekommen keineswegs ausschließlich Springsteen-Songs zu hören, sondern diverse Top-Hits jener Dekade wie „It’s a Sin“ von den Pet Shop Boys. Immerhin hat Javeds Kumpel Matt für Springsteen nicht viel übrig, der DJ des schulischen Radiosenders ebenfalls nicht und der blasierte Chefredakteur der Schülerzeitung schon mal gar nicht.

Bollywood lässt grüßen

Für eine überkandidelte Szene ließ sich die britische Regisseurin mit indischen Wurzeln sogar von Bollywood inspirieren: Auf einem Markt singt Javed seine Angebetete Eliza (Nell Williams) an, eine politisch engagierte Mitschülerin. Der Song: „Thunder Road“. Ich war gespannt, ob Javed auch die Zeile You ain’t a beauty, but hey, you’re alright unverändert unterbringt, gehört sie doch nicht unbedingt zu Bruce Springsteens charmantesten Songzeilen – und tatsächlich ist Eliza eine sehr aparte Person. Aber Javed bringt die Zeile – im Duett mit Matts Vater, der sich im Gegensatz zu seinem Sohn als Springsteen-Fan entpuppt und sich gemeinsam mit Javed ein wenig über Matt lustig macht. Und tatsächlich eignet sich „Thunder Road“ sehr gut dafür, seinen Gefühlen für ein Mädchen Ausdruck zu verleihen:

Hey, that’s me and I want you only
Don’t turn me home again, I just can’t face myself alone again

Well now, I’m no hero, that’s understood
All the redemption I can offer, girl, is beneath this dirty hood
With a chance to make it good somehow
Hey, what else can we do now?

Später folgt auch Springsteens Signature Song „Born to Run“ als bollywoodeske Einlage, in der Javed, Roops und Eliza ausgelassen von der Schule aus durch Lutons Straßen laufen.

Aw, honey, tramps like us
Baby, we were born to run

Noch Fragen? Dass Bruce Springsteen zu Javed passt wie die Faust aufs Auge, wird spätestens bei „Independence Day“ deutlich, einem jener Songs, in denen der Boss wiederholt das schwierige Verhältnis zu seinem Vater thematisiert hat, der wie Javeds Vater ein einfacher Arbeiter war:

’Cause the darkness of this house has got the best of us
There’s a darkness in this town that’s got us too
But they can’t touch me now
And you can’t touch me now
They ain’t gonna do to me
What I watched them do to you

So say goodbye it’s Independence Day
It’s Independence Day

Der Titel spielt natürlich auf den amerikanischen Unabhängigkeitstag 4. Juli an, gemeint ist zweifellos aber auch der Tag, an dem sich ein Junge von den Fesseln seines Vaters befreit. Javed will nicht denselben Zwängen des Arbeiterdaseins unterliegen – ein zentrales Motiv von „Blinded by the Light“. Malik ist ein strenger Vater, der das Leben seines Sohns vorherbestimmen will, wie es in seiner Kultur üblich ist. Dass sein Sohn schreiben will, tut er als Hirngespinst ohne Zukunft ab, als er davon erfährt.

Javed schöpft aus Springsteens Musik viel Kraft …

Das zwischenzeitliche Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn ist unausweichlich. Aber ich verrate nicht zu viel, wenn ich andeute, dass das nicht das letzte Wort zwischen ihnen bleibt, immerhin handelt es sich kurz nach Danny Boyles „Yesterday“ erneut um ein musikalisches Feelgood-Movie aus dem Vereinigten Königreich. Klar, Strukturwandel der Industrie und damit einhergehende Arbeitslosigkeit, Rassismus, familiäre Probleme, Liebeskummer – all das kommt zum Tragen. Aber wir haben es mit einer Komödie respektive Tragikomödie mit großem Coming-of-Age-Anteil zu tun und nicht mit einem schwermütigen Gesellschaftsdrama. Und angesichts des Elends in der Welt ist ein Wohlfühlfilm wie dieser bei mir ab und zu willkommen, ein Film mit Bruce-Springsteen-Musik erst recht.

… und er traut sich sogar, Eliza anzusprechen

Manch ein/e rationell eingestellte/r Musikhörer/in mag nun argwöhnen, Javeds – und auch Roops’ – Leidenschaft für den Boss sei übertrieben dargestellt. Lasst euch versichern: Sie ist es nicht! Mein nicht Springsteen zugeneigtes privates Umfeld hält mich schon für einen seiner größten Fans, aber das bin ich mitnichten – nicht mal annähernd. Oben erwähnte ich meine insgesamt 13 Konzertbesuche seit 1988. Diese Zahl erreichen einige Gleichgesinnte, die ich persönlich kenne, schon bei einer einzigen Springsteen-Tournee. So viel dazu! Und ungeachtet dessen, dass der Boss Multimillionär ist und zuletzt ein Dauer-Engagement am Broadway hatte, dessen Eintrittskarten sündhaft bis geradezu obszön teuer waren, ist es ihm doch im Lauf seiner Karriere immer wieder gelungen, den sogenannten kleinen Leuten eine Stimme zu geben. Insofern verwundert Javeds Passion niemanden, der schon mit beinharten Springsteen-Fans in Berührung gekommen ist. Mir fallen einige ein, die viel Kraft aus seiner Musik ziehen – auch ein paar, deren Verehrung vielleicht schon übertrieben religiöse Züge annimmt. Das Wort Fan leitet sich nicht von ungefähr von fanatisch ab.

„Hey, that’s me and I want you only!“

„Blinded by the Light“ trägt ohnehin stark autobiografischen Charakter: Der Film basiert auf den 2007 veröffentlichten Memoiren „Greetings from Bury Park: Race, Religion and Rock ’n’ Roll“ von Sarfraz Manzoor, der seit Mitte der 1990er-Jahre als Journalist und Schriftsteller arbeitet. Gurinder Chadha hat daraus eine wunderbare Tragikomödie gemacht, der Bruce Springsteen persönlich seinen Segen gab und die gewisse Parallelen zu ihrer Regiearbeit „Kick It Like Beckham“ aufweist, mit der sie 2002 international auf sich aufmerksam machte. Die romantische Komödie handelt von einer indischstämmigen jungen Engländerin, deren Leidenschaft für Fußball ihren traditionell eingestellten Eltern ein Dorn im Auge ist.

Nummer-1-Hit für Manfred Mann’s Earth Band

Kurz zum Filmtitel: „Blinded by the Light“ stammt von Springsteens 1973er-Debütalbum „Greetings from Asbury Park N.J.“. Bei dem Song handelt es sich um seinen ersten Nummer-1-Hit, allerdings nicht in der Springsteen-Version, sondern der Interpretation von Manfred Mann’s Earth Band, die zugegeben sehr gelungen ausgefallen ist. Die Formation hat mit „For You“ und „Spirits in the Night“ (im Original „Spirit“ im Singular) zwei weitere Springsteen-Kompositionen zu Hits gemacht, die auch heute noch gern im Radio gespielt werden und nach wie vor zum Live-Repertoire der Band gehören.

„Tramps like us …“

Manche Menschen lehnen Bruce Springsteens Musik mit voller Inbrunst ab, weil sie ausschließlich völlig andere Genres hören oder der Boss ihnen viel zu sehr im Mainstream verankert erscheint. Denen kann ich auch nicht helfen, allen anderen sei der Besuch von „Blinded by the Light“ sehr ans Herz gelegt. Sich im Kinosaal knapp zwei Stunden lang einfach nur wohlzufühlen und dazu noch tolle Musik zu genießen – was will man mehr? Und an die Springsteen-Fans unter den Leserinnen und Lesern dieser Rezension richte ich die Bitte, per Kommentar meine eingangs gestellten Fragen zu beantworten, wenn ihr Lust habt.

„… Baby, we were born to run!“

Länge: 117 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Blinded by the Light
GB 2019
Regie: Gurinder Chadha
Drehbuch: Paul Mayeda Berges, Gurinder Chadha, Sarfraz Manzoor, nach Manzoors Autobiografie
Besetzung: Viveik Kalra, Kulvinder Ghir, Meera Ganatra, Hayley Atwell, Aaron Phagura, Dean-Charles Chapman, Nikita Mehta, Nell Williams, Tara Divina, Rob Brydon, Frankie Fox, Sally Phillips
Verleih: Warner Bros. Pictures Germany

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc.

 
 

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Andreas Dresen (II): Gundermann – Liedermacher, Baggerfahrer, Stasi-Spitzel und Familienvater

Gundermann

Kinostart: 23. August 2018

Von Anja Rohde

Musikdrama // Gundermann? Kenn ich nicht. Gerhard Rüdiger „Gundi“ Gundermann, DDR-Liedermacher und Musiker? Nie gehört. Kann daran liegen, dass akustisches Gitarrengeklampfe mit deutschen Texten absolut nicht zu meinen favorisierten Musikrichtungen gehört. Aber der Macher dieses Blogs weiß, wie er mich ins Kino kriegt: „Es gibt einen neuen Film von Andreas Dresen, und Axel Prahl spielt auch mit.“ – „Ok, mach ich!“

Und dann: Bäm! In nur wenigen Minuten zieht mich die Geschichte in ihren Bann. Gerhard Gundermann (Alexander Scheer): ein Baggerfahrer, der Lieder schreibt. Ein Idealist, der in die Partei eintritt, weil er das Leben der Menschen um sich herum verbessern will. Ein Mann, der liebt, ein Mann, der leidet, ein Mann, der redet und singt und Fehler macht.

Hemd, Hosenträger, Kassenbrille: Gundermanns Markenzeichen

Diesen Gundermann hat es wirklich gegeben. Und auch wenn Drehbuchautorin Laila Stieler und Regisseur Andreas Dresen nicht die ganze Geschichte erzählen und auch mal etwas dazuerfinden, wird dieser zerrissene Mensch in so vielen Facetten lebendig, dass mich ein zweistündiger Film über einen mir unbekannten DDR-Liedermacher fesselt und tief berührt. Und warum? Weil Andreas Dresen das kann.

Armee, Bergbau, Musik

1955 in Weimar geboren, verbringt Gerhard „Gundi“ Gundermann seine Kindheit und Jugend in Hoyerswerda, dem Zentrum des Lausitzer Kohlereviers zwischen Dresden und Cottbus. Abitur, Studium an der Offiziershochschule, Exmatrikulation (er weigert sich, ein Loblied auf den General mitzusingen). Anstellung als Hilfsarbeiter im Braunkohlebergbau, dann Aufstieg zum Maschinist für so genannte Tagebaugroßgeräte (die größten Bagger, die man sich vorstellen kann).

Schon in dieser Zeit ist er Texter und Schlagzeuger der Band „Brigade Feuerstein“. Nach deren Auflösung folgen ab 1986 erste Soloauftritte mit Gitarre und Gesang. Die Arbeit als Baggerfahrer und sein Alltag liefern Gundi die Ideen für seine Songs, die sich oft mit dem Leben der einfachen Menschen, mit Umweltproblemen oder seiner Heimatstadt Hoyerswerda beschäftigen.

In der Baggerkanzel textet Gundi in sein Diktiergerät

In der Wendezeit um 1989 und 1990 mischt er sich aktiv in die Ereignisse des politischen Umbruchs ein. 1992 gründet er die Band „Seilschaft“, mit der er bis 1998 spielt und unter anderem als Support bei Konzerten von Bob Dylan und Joan Baez auftritt. Mit der Album-Tournee „Einsame Spitze“ 1992 zusammen mit der Band „Silly“ erreicht Gundermann erstmals eine größere Öffentlichkeit.

Neben seiner musikalischen Karriere arbeitet Gundermann immer parallel als Baggerfahrer. Er tut das bewusst, um sich seine Unabhängigkeit von der Musikindustrie zu bewahren. Die jahrelange Doppelbelastung durch Schichtarbeit und Konzerte fordert ihren Tribut. Am 21. Juni 1998 stirbt Gerhard Gundermann im Alter von nur 43 Jahren an einer Gehirnblutung.

Idealbesetzung: Alexander Scheer

„Ich spiel’ dir den mit allem, was ich habe“, soll Alexander Scheer an Andreas Dresen getextet haben, als er den ersten Gundermann-Song hörte. Und das tut er dann auch. Alexander Scheer ist Gundermann. Äußerlich mit Frisur, Kassenbrille und Zahnprotese; die Stimme, der Dialekt und die Bewegungen wie der echte Gundermann, innerlich mit Poesie, Humor, Zerrissenheit und wilden Gedanken. Ich lasse es Andreas Dresen sagen: „Was [Alexander Scheer] beim Casting abgeliefert hat, war so schlagend, dass es nicht den geringsten Zweifel daran gab, dass er Gundermann sein wird. Mit dieser Entscheidung bin ich noch immer extrem glücklich. Es geht nicht so sehr um die Porträt-Ähnlichkeit, die er zweifelsohne erreicht. Alexander Scheer hat selbst etwas vom Feuer, das die Figur ausmacht. Er brannte auf eigene Weise für den Film und besitzt eine unglaubliche Begabung als Schauspieler, die Fähigkeit, völlig in eine Figur hineinzukriechen und sie von innen zu greifen. Hier kommt noch die Musikalität hinzu. Man darf nicht vergessen, dass Alexander alle Filmsongs selbst singt und Gitarre dazu spielt.“ Genau so ist es.

Perfektes Team: Alexander Scheer und Andreas Dresen

Nicht nur der Spagat zwischen Schichtarbeit im Bergbau und Musikkarriere macht Gundermann aus, wir lernen zwei weitere Lebensthemen Gundermanns kennen: die Liebe zu Conny (wunderschön!) und die Arbeit für die Stasi (mies!).

Liebe, Leben, Spitzelei

Jahrelang ist Gundi in Conny (großartig: Anna Unterberger) verliebt, und am Ende kriegt er sie. Ihr Mann und Vater ihrer ersten beiden Kinder tauscht gutmütig Wohnung und Ehebett mit Gundi. Viel später kommt eine gemeinsame Tochter zur Welt. Und auch wenn Gundi seine Angebetete sein Leben lang liebt, lässt er sie doch oft mit den häuslichen Aufgaben allein, zu viel Zeit fordern die Arbeit und die Auftritte: „Ich würde gern mein Glück finden, ohne an deinem rumzufressen.“ Conny steht ihrem Mann jedoch immer zur Seite, auch in der schweren Phase, als Gundi sich seiner Stasi-Vergangenheit stellen muss.

In Gundis kleiner Küche fliegen auch mal die Tassen

Natürlich ist Gundi in der Partei. Er ist Arbeiter und der Meinung, als Parteimitglied die Missstände im Bergbau und speziell in seinem Revier bearbeiten zu können. Am Ende wird er wegen „unerwünschter eigener Meinung“ ausgeschlossen – und will immer noch nicht gehen: „Das [Parteibuch] geb ich nicht her! Genauso wenig wie meine Gesinnung!“

Vaterfigur Axel Prahl als Stasi-Anwerber

Als ein Führungsoffizier des Ministerium für Staatssicherheit (da ist er endlich: Axel Prahl!) Gundi als „Inoffiziellen Mitarbeiter“ anwirbt, sagt er zu – wieder, weil er denkt, damit die Welt verbessern zu können, im Auftrag des Kommunismus, den er als einzig richtiges System für sich erklärt hat. Ist das naiv? Ohne Spitzeldienste auch nur im Geringsten in Ordnung zu finden, denke ich, dass man Gundermann keine Böswilligkeit unterstellen kann. Er war jung, er dachte, er täte das Richtige. Später kommt natürlich der Katzenjammer, als er erkennt, dass er einfach einen Haufen Mist über seine Freunde und Arbeitskollegen erzählt hat.

Stasi-Mitarbeit und Aufarbeitung

Der Film springt zwischen zwei Zeitebenen: Wir sind dabei, wie Gundi Anfang der 90er-Jahre Freunde besucht, die er früher im Auftrag der Staatssicherheit bespitzelt hat. Wie er gar nicht mehr weiß, was er alles erzählt hat. Wie er sich nicht entschuldigen kann, da ihm klar ist, es sind die anderen, die verzeihen müssen. Wie er dann erfährt, dass am Ende sogar er von einem seiner Freunde ausspioniert wurde. Wir erleben die Reaktion seiner Band, der er es erzählt, und die des Publikums, als er sich bei einem großen Konzert als ehemaliger Stasi-Mitarbeiter outet.

Wir sind aber auch in den Anfängen dabei: in den ersten Stunden seiner Bergbau-Karriere, bei den ersten musikalischen Auftritten, bei den ersten Auseinandersetzungen mit den Parteigenossen und bei der Anwerbung durch die Stasi. Wir sehen, wie jung und widersprüchlich dieser Mann ist, welche Fragen ihn umtreiben und wie er immer wieder das, was er sieht und fühlt, in sein kleines Diktiergerät spricht, dass er beim Baggerfahren dabei hat – und daraus dann die großen Songs schreibt, die die Menschen berühren.

Für immer: Gundi und Conny

Zu Hause, wieder in den 90er-Jahren, quälen ihn innere Konflikte und Schuld. Ein Mann voller Poesie, Liebe und Leidenschaft, und dann ein fieser Stasi-Spitzel? Beim Essen am Küchentisch fragt Gundi unvermittelt seine Frau: „Schämst du dich für mich?“ und heult dann los. Man möchte ihm verzeihen – und die meisten seiner Fans taten dies auch.

Was lange währt …

Zwölf Jahre trugen Dresen und Stier die Idee „Gundermann“ mit sich herum, bis der Film fertig war. Die widersprüchliche, vielschichtige Persönlichkeit des wohl berühmtesten Baggerfahrers der DDR und Nachwende-Zeit ließ sie nicht los. Kein Wunder, ist Gundermann doch eine klassische Dresen-Figur. Ein bisschen Held, ein bisschen Verlierer, ein bisschen Täter, ein bisschen Opfer. Am Ende doch liebenswert. Eingebettet in den Alltag eines Landes, das es nicht mehr gibt – und das, nicht zu vergessen, auch das Geburtsland Andreas Dresens ist.

Großes Konzert nach großem Geständnis

Das letzte Gundermann-Zitat geht raus an Blogbetreiber Volker, zum Dank, dass er mir diesen Film zur Rezension anbot: „Alle Lieder, die ich schreiben wollte, singt schon der Boss.“

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Andreas Dresen sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Länge: 128 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Originaltitel: Gundermann
D 2018
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Laila Stieler
Besetzung: Alexander Scheer, Anna Unterberger, Axel Prahl, Thorsten Merten, Eva Weißenborn, Milan Peschel, Bjarne Mädel, Peter Sodann
Verleih: Pandora Film Medien GmbH

Copyright 2018 by Anja Rohde

Filmplakate: © 2018 Pandora Film Verleih, Szenenfotos: © 2018 Peter Hartwig / Pandora Film

 

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Tunes for Eternity (IV): Cowboy Junkies – Sweet Jane

Cowboy Junkies – Sweet Jane

Von Volker Schönenberger

Indie-Folk // Auf die süße Jane stieß ich spät – Ende 1994 im Kino zog mich die Cowboy-Junkies-Version im Soundtrack von Oliver Stones „Natural Born Killers“ in ihren Bann. Trotz sparsamer Instrumentierung wirkt das Klangbild des Stücks voluminös, und in Verbindung mit der Stimme von Sängerin Margo Timmins und ihrem dunklen Timbre übt „Sweet Jane“ auf mich damals wie heute eine hypnotische Wirkung aus. Das sah Lou Reed wohl ähnlich, der das Lied geschrieben hatte: Von ihm ist überliefert, dass er die Coverversion der Cowboy Junkies für die beste Interpretation seines Songs überhaupt hielt.

The Velvet Underground: Loaded

Kurz zum Original: 1970 auf dem Album „Loaded“ (auch sehr zu empfehlen) erschienen, gehörte der Titel auch zum Live-Repertoire von The Velvet Underground, später auch zu dem von Lou Reed solo. Die Cowboy Junkies orientierten sich an der ruhigen Variante, die The Velvet Underground 1974 auf „1969 – Velvet Underground Live with Lou Reed“ veröffentlicht hatten.

Die kanadischen Cowboy Junkies bestehen aus den Geschwistern Margo (Gesang), Michael (Gitarre) und Peter Timmins (Schlagzeug) sowie Alan Anton (Bass). Die 1985 gegründete Band nahm ihre Version des Stücks am 27. November 1987 in der Church of the Holy Trinity (Kirche der heiligen Dreifaltigkeit) in Toronto auf, aus der 1988 ihr zweites Album hervorging. Es trägt den Titel „The Trinity Session“.

Erst Jack, dann Jimmy

Die süße Jane, das ist wohl eine Frau, die früher mit Jack ein wilderes Leben genoss als heute: Me, babe, I’m in a rock ’n’ roll band. Ridin’ in a Stutz Bearcat, Jim, those were different times. (…) Now, Jack, he is a banker, and Jane, she is a clerk. Nun ist Jack Bankangestellter, und auch Jane hat einen langweiligen Bürojob. Was ist nur aus ihnen geworden? So zumindest im Original. Die Cowboy Junkies übernahmen auch textlich die oben erwähnte 1969er-Variante des Live-Albums. Sie verzichteten auf banker und clerk, was den Inhalt mehr von der Realität abhebt, ihn ins Mystische abgleiten lässt. Aus Jack wurde zudem Jimmy. Anyone who’s ever had a heart wouldn’t turn around and break it. Im Original weit hinten angesiedelt, beginnt die Neufassung damit. Wunderschön.

Meine Reihe „Tunes for Eternity“ im Überblick:

01. David Bowie – Space Oddity
02. Bruce Springsteen – Youngstown
03. Peter Gabriel – Mercy Street
04. Cowboy Junkies – Sweet Jane
05. ???

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

 

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