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Know1ng – Die Zukunft endet jetzt: Katastrophen in Zahlen

Knowing

Von Volker Schönenberger

SF-Katastrophenthriller // Ich kann mir nicht helfen – irgendwie mag ich Nicolas Cage. Klar, seine Mimik ist begrenzt, oft variiert er lediglich den traurigen Dackelblick. Gelegentlich neigt er gar zu hemmungslosem Overacting. Von seiner Rollenwahl ganz zu schweigen. Eine Weile hat er jede Rolle angenommen, die irgendeine Gage versprach, um gewisse Differenzen mit dem Finanzamt und der Steuerfahndung auszuräumen, und diese Parts dann auch eher lustlos heruntergespielt – zumindest konnte der Eindruck entstehen. Damit hat er sich leider bei vielen Produzenten für wirklich interessante Figuren nicht gerade empfohlen.

Aber – und das ist ein durchaus gewichtiges Aber: Oscar und Golden Globe für seine Hauptrolle in „Leaving Las Vegas – Liebe bis in den Tod“ (1995) kamen nicht von ungefähr, den Part des Trinkers mit Todessehnsucht hat er brillant verkörpert. Als Waffenhändler in Andrew Niccols „Lord of War – Händler des Todes“ (2005) und Rettungssanitäter in Martin Scorseses „Bringing Out the Dead – Nächte der Erinnerung“ (1999) hat er mir ebenfalls ausgesprochen gut gefallen. Ganz zu schweigen von der Rolle als verliebter junger Tunichtgut in David Lynchs „Wild at Heart – Nächte der Erinnerung“ (1990). Und das sind bei Weitem nicht die einzigen Perlen in Cages Filmografie.

Lust auf Nicolas Cage

Nach meiner kürzlich erfolgten Sichtung und Rezension von „Die Farbe aus dem All“ (2019) überkam mich die Lust, mir mal wieder „Know1ng – Die Zukunft endet jetzt“ (2009) zu geben. Der war seinerzeit zwar durchwachsen aufgenommen worden, ich hatte ihn aber durchaus nicht als völlig reizlos in Erinnerung. Mit Alex Proyas („I, Robot“) saß obendrein der Regisseur des Kultfilms „The Crow – Die Krähe“ (1994) und der Science-Fiction-Perle „Dark City“ (1998) auf dem Regiestuhl.

Was trieb Lucinda an?

Die frisch eröffnete William-Dawes-Grundschule in Lexington im US-Staat Massachusetts, wir schreiben das Jahr 1959: Von der Schülerin Lucinda Embry (Lara Robinson) – eher eine Außenseiterin – kam der Vorschlag, zur Einweihung eine Zeitkapsel im Boden vor der Schule zu versenken, die mit Zeichnungen der Schülerinnen und Schüler versehen sind, wie sich diese die Zukunft vorstellen. Von Lucinda selbst kommt allerdings ein Zettel mit nichts weiter als etlichen, eng und scheinbar wahllos aneinandergereihten Ziffern. Am Abend nach der Eröffnung findet ihre Klassenlehrerin das Mädchen mit blutig gescheuerten Fingerkuppen auf der Schultoilette. Offenbar konnte das Mädchen die Liste nicht fertigstellen, weshalb es die fehlenden Ziffern dort in die Wand kratzte.

Öffnung der Zeitkapsel nach 50 Jahren

Ein halbes Jahrhundert später steht die 50-Jahr-Feier der Grundschule an. Zu diesem Jubiläum wird die Zeitkapsel geöffnet, wie es seinerzeit vorgesehen war. Die Umschläge mit den Zeichnungen der damaligen Schüler werden unter den jetzigen verteilt. Der Halbwaise Caleb (Chandler Canterbury) erhält den Zettel von Lucinda. Seinem Vater Professor Johnathan Koestler (Nicolas Cage), der Astrophysik am Massachusetts Institute of Technology lehrt, sticht abends eine Zahlenreihe ins Auge: 911012996. Bei den Anschlägen vom 9.11.2001 starben offiziell 2.996 Menschen. Zufall? Koestler wird stutzig und untersucht weitere Ziffernkombinationen. Er stellt fest, dass Lucindas Liste alle großen Katastrophen auf der Erde der vergangenen 50 Jahre enthält.

Koestler kann die Katastrophe nicht verhindern

Als der Gelehrte am nächsten Tag seinem Kollegen Phil Beckman (Ben Mendelsohn) von seiner Entdeckung berichtet, tut der das ab. Koestlers Urteilsvermögen sei noch durch den Tod seiner Frau getrübt. In der Tat enthält die Liste etliche weitere Zahlenkombinationen ohne erkennbaren Sinn. Eine allerdings weist auf eine Katastrophe mit genau 81 Toten am nächsten Tag hin …

Vorherbestimmung oder Zufall?

In einem Seminar zu Beginn spricht Professor Koestler mit seinen Studierenden über Determinismus und Indeterminismus, also die Frage, ob alle Ereignisse aufgrund irgendwelcher Faktoren vorbestimmt sind. Als Astrophysiker gehört Koestler eher zu denen, die sagen: Shit just happens. Damit gerät er angesichts der Liste aber an seine Grenzen. So sehr, dass er beizeiten sogar wieder Kontakt zu seinem Vater (Alan Hopgood) aufnimmt, der Priester war und mit dem er sich einst entzweit hatte. Spätestens damit wird deutlich, dass die Religion oder ein vergleichbar großes Ganzes eine gewichtige Rolle spielt. Ich bin nur unschlüssig, ob ich das insgesamt plump oder subtil nennen soll. Auch lassen sich andere Schlussfolgerungen ziehen als religiöse, aber ein wenig habe ich den Eindruck gewonnen, dass diese Option eher Alibifunktion hat. Der Weg zu den finalen Ereignissen immerhin ist enorm fesselnd und effektvoll inszeniert.

Ab hier vier Absätze Spoiler

Zwei atemraubend große Katastrophen auf hohem Trickniveau ebnen den Weg zur dritten, ultimativen Katastrophe: dem Ende der Menschheit. Doch weil allem Ende auch ein Anfang innewohnt, spielt Koestlers Sohn Caleb darin ebenso eine gewichtige Rolle wie Lucindas Enkeltochter Abby (ebenfalls Lara Robinson). Koestler hatte zwischenzeitlich Lucindas Tochter Diana (Rose Byrne) aufgesucht, um sie zu ihrer Mutter zu befragen. Seltsame Männer in schwarzen Mänteln haben ihre Absichten mit den beiden Kindern – ebenso wie offenbar mit etlichen anderen Kindern, wie Jonathan Koestler und das Publikum gewahr werden, als von der Erde Raumschiffe mit jeweils anscheinend nur wenigen Insassen aufbrechen.

This isn’t the end, my son. Zu dieser Erkenntnis des Priesters, der auch sein Vater ist, ist Astrophysiker Koestler immerhin zuvor schon selbst gelangt. Ob er in diesen letzten Momenten seines Lebens auch an seinem wissenschaftlichen Beruf gezweifelt hat? Das letzte, arg kitschige Bild von „Know1ng – Die Zukunft endet jetzt“ zeigt Caleb und Abby, wie sie auf einem fernen Planeten auf einen Baum zulaufen. Ein Schelm, wer „Baum der Erkenntnis“ dabei denkt. Ebenso, wer die erwähnten Männer für Engel hält, obwohl es doch auch schnöde Außerirdische sein mögen. Womit wir wieder beim Thema Alibi sind. Ein säkulares Alibi, um notdürftig eine religiöse Botschaft zu kaschieren? Ob sich da manch ein/e Zuschauer/in für dumm verkauft vorgekommen ist? Weitere Hinweise für eine religiöse Deutung finden sich.

Immer wieder führen Zufälle die Protagonisten dorthin, wo sie offenbar auch sein sollen. Oder sind’s gar keine Zufälle? War es zwangsläufig, dass Caleb der Umschlag mit Lucindas Zettel übergeben wurde? Welchem Zweck diente es, dass sein Vater das Schriftstück entschlüsselt? Die mysteriösen Wesen hätten die auserwählten Kinder auch einfach schnappen und verschleppen können. Koestler und später Diana werden durch Nachdenken, aber auch ihre Instinkte getrieben. Ist das Zufall oder von „oben“ gewollt? Hier gerät die innere Logik des Films meines Erachtens ein wenig an ihre Grenzen.

Bei der kurzen Sequenz vom Verlöschen allen Lebens auf der Erde fühlte ich mich an einen anderen apokalyptischen Film erinnert, der mir deutlich besser gefallen hat: der australische „These Final Hours“ (2013). Hier wie dort vernichtet eine riesige Feuerwalze am Ende alles und jeden. „These Final Hours“ interessiert sich aber ernsthaft dafür, wie wir uns wohl in den letzten Stunden des Daseins der Menschheit gebärden. Bei „Know1ng – Die Zukunft endet jetzt“ stellt sich die Frage nicht, die Zivilisation bricht eben zusammen, und das ist wohl Grund genug für das Ende der Menschheit. Jedenfalls wird uns kein anderer Grund angeboten. Aber immerhin haben Überlebende wie Caleb und Abby die Chance, eine neue, bessere Menschheit aufzubauen. Wie tröstlich! Das lässt sogar Calebs Vater geläutert zurück.

Ab hier geht’s spoilerfrei weiter

In einer klitzekleinen Nebenrolle als Student Spencer in Koestlers Seminar ist Liam Hemsworth („Die Tribute von Panem“-Reihe) zu sehen.“Know1ng – Die Zukunft endet jetzt“ markiert sein US-Debüt und sein Kino-Debüt gleichermaßen, zuvor hatte er lediglich in australischen Fernsehserien wie „Nachbarn“ mitgewirkt.

Der Astrophysiker und Diana versuchen, das Rätsel zu entwirren

„Know1ng – Die Zukunft endet jetzt“ dürfte Nicolas Cage schauspielerisch vor nicht allzu große Herausforderungen gestellt haben. Den traurigen Blick hat er ohnehin verinnerlicht, wenn der gelegentlich der Verzweiflung weicht, passt das schon. Dann noch der gelegentliche tiefe Schluck aus der Whiskeyflasche – fertig ist der traumatisierte Witwer, der nach dem tieferen Sinn und Erlösung sucht.

Lieber „Dark City“

Regisseur Alex Proyas hatte vor seinem Kinodebüt „The Crow – Die Krähe“ vornehmlich Musikvideos inszeniert. Um die Jahrtausendwende schien er im Kommen, aber obwohl „Know1ng – Die Zukunft endet jetzt“ mehr als das Vierfache seines Budgets von 50 Millionen US-Dollar einspielte, dauerte es sieben Jahre bis zu seiner nächsten Regiearbeit „Gods of Egypt“ (2016). Die wiederum markierte seinen bis heute letzten Kinofilm, was die Frage aufwirft, ob es das schon gewesen ist mit Proyas’ Laufbahn. Zum Karriereausklang ein seelenloses Fantasy-Abenteuer und ein mit wissenschaftlich verbrämter Religiösität versetztes Endzeit-Katastrophendrama – es kann schönere Abgänge geben. „Dark City“ werde ich aber weiterhin in Ehren halten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alex Proyas haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Nicolas Cage und Liam Hemsworth unter Schauspieler.

Was wollen die Männer von den Kindern?

Veröffentlichung: 28. August 2009 als Blu-ray und DVD

Länge: 121 Min. (Blu-ray), 117 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Knowing
USA/GB/AUS 2009
Regie: Alex Proyas
Drehbuch: Ryne Douglas Pearson, Juliet Snowden, Stiles White
Besetzung: Nicolas Cage, Chandler Canterbury, Rose Byrne, Lara Robinson, D. G. Maloney, Nadia Townsend, Alan Hopgood, Liam Hemsworth, Adrienne Pickering, Joshua Long, Danielle Carter, Alethea McGrath, David Lennie, Tamara Donnellan, Travis Waite, Ben Mendelsohn, Gareth Yuen, Raymond Thomas
Zusatzmaterial: Audiokommentar, Making-of, Featurette „Visionen der Apokalypse“, deutscher Trailer, Originaltrailer
Label/Vertrieb: Concorde Home Entertainment

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2009 Concorde Home Entertainment

 

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Die Farbe aus dem All – Wenn Lovecraft ruft, eilt der kosmische Wahnsinn heran

Color Out of Space

Von Volker Schönenberger

SF-Horror // Im Westen von Arkham erheben sich die Hügel und es gibt Täler mit tiefen Wäldern, die noch nie eine Axt geschlagen hat. Es gibt dunkle, enge Schluchten, in denen sich die Bäume behaupten, zwischen denen schmale Bäche fließen, ohne je auch nur das kleinste bisschen Sonnenlicht gesehen zu haben. Als ich zu diesen Hügeln und Tälern ging, um nach dem neuen Wasserspeicher zu suchen, sagte man mir, dieser Ort sei böse. Man erzählte mir dies in Arkham. Und da es eine wirklich alte Stadt ist, voller Hexenlegenden, dachte ich, dass das Böse etwas sein muss, dass Großmütter ihren Enkeln jahrhundertelang zugeflüstert haben mussten. Dann sah ich das dunkle westliche Gewirr von Schluchten und Hängen selbst und mein einziger Gedanke war nur: Welches Geheimnis liegt hier verborgen?

Noch ahnen Theresa und Nathan nichts vom dräuenden Unheil

Mit diesen vom Wasserkundler Ward Phillips (Elliot Knight) als Stimme aus dem Off vorgetragenen Ausschnitten aus den ersten Absätzen von H. P. Lovecrafts Kurzgeschichte „Die Farbe aus dem All“ beginnt ihre jüngste filmische Umsetzung. Über so erhaben wie düster in Szene gesetzte Waldmotive gelegt, entfachen diese Zeilen sogleich eine unheilvolle Stimmung, die von dem Grauen kündet, das da kommen mag.

Alpaka-Zucht und Tomatenanbau

Phillips ist frisch in der Gegend eingetroffen und begegnet am Ufer eines Sees Lavinia Gardner (Madeleine Arthur), die dort ein heidnisches Ritual vollzieht. Auf die Störung durch den jungen Mann reagiert das Teenager-Mädchen ungehalten. Sie kann aber ihr Interesse an ihm kaum verbergen. Mit ihren Eltern Nathan (Nicolas Cage) und Theresa (Joely Richardson) sowie ihren beiden Brüdern Benny (Brendan Meyer) und Jack (Julian Hilliard) bewohnt sie ein üppiges Anwesen. Nathan baut dort Tomaten an und hält Alpakas, um mit ihnen eine Milchwirtschaft aufzubauen. Finanzberaterin Theresa arbeitet viel online, hat aber Probleme mit dem Internetanschluss. Seit einer Erkrankung mit damit einhergehender Operation hatte das Ehepaar Gardner keinen Sex mehr (dass es Brustkrebs war, wird nicht ausgesprochen, aber klar genug angedeutet).

Die Umgebung verändert sich

Just als sich Nathan und Theresa an diesem Abend endlich wieder einmal der körperlichen Liebe hingeben wollen, geschieht es: Ein sonderbares Licht leuchtet am Himmel auf, und plötzlich schlägt ein Meteorit von vielleicht einem knappen Meter Durchmesser im Vorgarten der Gardners ein. Fortan übt das leuchtende Gestein einen fatalen Einfluss auf alles Leben in der Umgebung aus. Und nicht zuletzt auf die Gardners …

Joint gefällig?

Was für ein Trip! Scheinbar bedächtig schreitet die Handlung voran, doch ehe wir es uns versehen, ist die sympathische Familie im Unheil gefangen, und „Die Farbe aus dem All“ entwickelt sich zu einer bizarren Reise in Lila und Pink – Blutrot nicht zu vergessen. Zur halluzinierenden Visualisierung des Films passt es gut, dass die Rolle eines kiffenden Eremiten mit Tommy Chong besetzt wurde, den wir aus den Stoner-Movies der „Cheech & Chong“-Reihe kennen. Die Figur wirkt allerdings eher wie ein Gimmick und treibt die Handlung nur unwesentlich voran. Dafür bereichert eine Prise Familiendrama den Plot, und wenn der gute alte Body-Horror ins Spiel kommt, kommen auch Anhänger deftigen Splatters und grotesker Mutationen auf ihre Kosten. Ein schöner Spannungsbogen bringt stetige Steigerung des Schreckens. Hydrologe Ward Phillips scheint mir dabei als Chronist adäquat aus der Literaturvorlage umgesetzt zu sein, auch wenn ihn Lovecraft dort als Landvermesser ausgewiesen hatte. Erst zum Finale wird er mitten ins Geschehen hineingezogen.

Der kleine Jack gerät ebenso in Gefahr …

Produziert wurde „Die Farbe aus dem All“ von SpectreVision, der 2010 von Daniel Noah, Josh C. Waller und Elijah Wood gegründeten Filmschmiede, die uns in den vergangenen Jahren bereits solch außergewöhnliche Werke wie „A Girl Walks Home Alone at Night“ (2014), „The Greasy Strangler – Der Bratfett-Killer“ (2016) und „Mandy“ (2018) beschert hat. Im Interview mit „Deadline – Das Filmmagazin“ beschrieb Noah die Vision hinter der Produktionsfirma: Wir versuchen mit unseren Horror- und Science-Fiction-Storys eine Art spirituelle oder kosmische Transzendenz zu erreichen. Angesichts dieser Aussage erscheint es folgerichtig, sich H. P. Lovecraft zu widmen.

Vom Regisseur von „Dust Devil“

Die Personalie auf dem Regiestuhl ist bemerkenswert, hatte Richard Stanley doch seit dem Fiasko der H.-G.-Wells-Verfilmung „D.N.A. – Experiment des Wahnsinns“ (1996) keinen Spielfilm mehr gedreht. Der 1966 in Südafrika Geborene war wenige Tage nach Drehbeginn gefeuert und durch John Frankenheimer ersetzt worden, was den Film aber auch nicht retten konnte. Stanleys frühe Regiearbeiten „M.A.R.K. 13 – Hardware“ (1990) und „Dust Devil“ (1992) sind mehr als einen Blick wert, und mit „Die Farbe aus dem All“ hat er sich eindrucksvoll für weitere Genre-Produktionen zurückgemeldet. Bleibt ihm zu wünschen, dass dies auch Produzenten so sehen. Stanley hat immerhin selbst verraten, dass der Film den Auftakt einer Lovecraft-Trilogie bildet und er bereits am Skript zum zweiten Film schreibt – einer Umsetzung der Kurzgeschichte „The Dunwich Horror“. Nun ist die Idee eines großen Kino-Universums rund um einen Geschichten-Komplex nicht mehr der allerletzte Schrei – das Marvel Cinematic Universe, das MonsterVerse und andere lassen grüßen, das Dark Universe von Universal womöglich gar aus der Gruft des Vergessens; gleichwohl haben Richard Stanley und seine Produzenten von SpectreVision mit dem ersten Beitrag ein Ausrufezeichen gesetzt, das viele Genre-Fans Blut lecken ließ und sogar bei etlichen Lovecraft-Fans Anklang finden wird (wenn auch nicht bei allen, denn sie sind ja sehr eigen). Es muss ja nicht gleich ein Lovecraft-Verse werden. „Die Farbe aus dem All“ ist mit weiteren Anspielungen gespickt, etwa der Nennung der Ortschaften Dunwich und Innsmouth im Wetterbericht. Und natürlich liegt bei der spirituell veranlagten Lavinia eine Ausgabe des Necronomicons im Zimmer.

… wie seine Schwester Lavinia

Wenn man es genau nimmt, kann man kritisch anführen, dass Lovecraft seine 1927 erstveröffentlichte Erzählung in den 1880er-Jahren platzierte, während der Film im Hier und Heute spielt. Das mag Kostenerwägungen geschuldet sein, weil ein in der Vergangenheit spielender Film ganz andere Herausforderungen an Kostüme, Kulissen, Produktions- und Setdesign stellt. Mich hat es nicht gestört, auch wenn es ein paar kleine Inkonsequenzen zur Folge hat. So würde ein derartiger Meteoriteneinschlag heute ein weitaus größeres Medieninteresse verursachen und zügig diverse Behörden und Forschungseinrichtungen auf den Plan rufen, als es im Film zu beobachten ist. Die moderne Kommunikation hebelt Richard Stanley immerhin souverän aus, indem er andeutet, dass die kosmische Strahlung sich auch darauf auswirkt. Böswillige Lovecraftianer können auch darauf hinweisen, dass der Schriftsteller von einer Farbe schrieb, die dem menschlichen Auge unbekannt sei, während wir die im Film zu sehenden Farbkombinationen sehr wohl kennen. Hergott noch mal, es ist ein Film, da ist Visualisierung systemimmanent!

Von Boris Karloff zu Alex Garland

Lovecrafts Erzählung kam erstmals 1965 unter dem Titel „Die, Monster, Die! Das Grauen auf Schloss Witley“ mit Boris Karloff ins Kino. Obwohl die Adaption ebenso wie „The Curse“ von 1987 bei manchen Lovecraft-Jüngern nicht als adäquate Umsetzungen anerkannt wird, faszinieren dennoch beide. Die Prämisse der alles in der Umgebung beeinflussenden Farbe aus dem All ist womöglich schon stark genug für einen Schocker, selbst wenn Lovecrafts Intentionen nicht getroffen werden. Da erscheint es mir schon reizvoll, beizeiten auch „Colour from the Dark“ (2008) aus Italien und die deutsche Independent-Produktion „Die Farbe“ (2010) anzutesten. Erwähnt sei auch Alex Garlands „Auslöschung“ (2018) mit Natalie Portman, der Lovecrafts Grundidee eines Meteoritenschlags mit anschließender Beeinflussung des Lebens in der Umgebung aufgreift und konsequent weiterführt. Die Kurzgeschichte kann im englischen Originaltext vollständig online gelesen werden. Sie ist obendrein hierzulande in deutscher Übersetzung in der Lovecraft-Kurzgeschichtensammlung „Das Ding auf der Schwelle“ erschienen. Das Buch ist neu und antiquarisch in diversen Auflagen problemlos zu finden. Es stellt einen perfekten Einstieg in die verqueren Gedankenwelten des Autors dar, zumal die Erzählung „Der Schatten aus der Zeit“ („The Shadow Out of Time“) enthalten ist, eine der bedeutsamen Säulen in Lovecrafts Cthulhu-Mythos um die „Großen Alten“.

Weiter so, Nicolas Cage!

Nicolas Cage dreht weiterhin viel, und oft erscheint seine Rollenwahl willkürlich. In die A-Liga wird der Oscar- und Golden-Globe-Preisträger („Leaving Las Vegas – Liebe bis in den Tod“) so schnell wohl nicht wieder vorstoßen. Aber er sollte sich vielleicht mal eines Abends mit einem guten Glas Wein gemütlich machen und seine Filmografie der vergangenen Jahre Revue passieren lassen. Dann wird er vielleicht bemerken, dass seine außergewöhnlichsten Filme zwei bizarre Genre-Produktionen waren, um die sich sogar ein kleiner Kult gebildet hat: „Mandy“ und eben „Die Farbe aus dem All“. Daran gilt es anzuknüpfen, dann kann man vielleicht all die 08/15-Thriller bald weglassen, wenn das Finanzamt mitspielt (dass die beiden eher entbehrlichen „Ghost Rider“-Filme ebenfalls dem fantastischen Segment zuzuordnen sind, ignoriere ich einfach mal, sonst hinkt meine Argumentation).

Etwas Overacting geht immer

Die schauspielerisch auffälligsten Szenen in „Die Farbe aus dem All“ gebühren eindeutig Cage, denn wenn es rund um die anderen Figuren spektakulär wird, wird das in der Regel durch fantastische Elemente und Effekte verstärkt. Cage darf aber einfach auch mal zornig mutierte Riesentomaten in den Mülleimer pfeffern und einen Tobsuchtsanfall kriegen, wenn das Auto nicht anspringt. Damit kultiviert er seinen Overacting-Ruf, obgleich sich der Gute ansonsten weitgehend zurücknimmt und Nathan Gardner zu Beginn eine geradezu biedere Aura verleiht.

Trotz allem beeindruckende Filmografie

Cage hat genug großartige Rollen gespielt und interessanten Figuren Leben eingehaucht, obwohl seine Mimik begrenzt ist. Er hat mit großartigen Regisseuren gearbeitet, darunter mit Alan Parker („Birdy“), den Coens („Arizona Junior“), David Lynch („Wild at Heart – Die Geschichte von Sailor und Lula“), John Woo („Im Körper des Feindes – Face/Off“), Brian De Palma („Spiel auf Zeit“), Martin Scorsese („Bringing Out the Dead“ – Nächte der Erinnerung“), Andrew Niccol („Lord of War – Händler des Todes“) und nicht zuletzt zu Beginn seiner Karriere wiederholt mit seinem Onkel Francis Ford Coppola („Rumble Fish“, „Peggy Sue hat geheiratet“, „Cotton Club“). Es ist noch nicht alles verloren, was man daran erkennt, dass er erst vor wenigen Jahren für einen Oliver-Stone-Film („Snowden“) gebucht worden ist. Es ist noch nicht alles verloren, also Augen auf bei der Rollenwahl, Nicolas! „Die Farbe aus dem All“ ist mal wieder ein echter Glücksgriff, davon gern mehr.

Koch Films hat „Die Farbe aus dem All“ in verschiedenen Sammlerbudgets angemessen Editionen veröffentlicht, beginnend mit Blu-ray und DVD in herkömmlichen Softcases. Beim Mediabook kann man sich zwischen zwei Covervarianten entscheiden, es enthält den Film auf Blu-ray und UHD Blu-ray sowie Bonusmaterial, das seinesgleichen sucht. Hervorheben möchte ich hier die zusätzlichen Kurzfilme: So finden sich hier Richard Stanleys Regiedebüt „Rites of Passage“ (1983, 10 Min.) ebenso wie dessen Nachfolger „Incidents in an Expanding Universe“ (1985, 45 Min.) und seine spätere Arbeit „The Sea of Perdition“ (2006, 9 Min.). Hinzu kommt die 33-minütige Doku „The Voice of the Moon“ (1990), in der er auf experimentelle Weise den sowjetrussischen Einmarsch in Afghanistan thematisierte. Obendrein finden sich auf der Bonus-Blu-ray die beiden jeweils etwa fünfminütigen „Die Farbe aus dem All“ (2017) und „Der Garten“ des deutschen Kurzfilmers Patrick Müller, die beide von Lovecraft inspiriert entstanden. Im auch ansonsten lesenswerten Booklet findet sich ein zweiseitiger Text zu Müller und seinen Werken.

Die Ultimate Edition legt noch mal eine Schippe drauf und enthält attraktives physisches Zusatzmaterial: zwei Kinoplakate, sechs Aushangfotos sowie als Herzstück einen Nachdruck des vollständigen „Amazing Stories“-Magazins von 1927, in welchem „The Colour Out of Space“ erstveröffentlicht worden ist. Auf den beiden zusätzlichen Blu-rays finden sich obendrein die drei oben bereits erwähnten Lovecraft-Adaptionen „Die, Monster, Die! Das Grauen auf Schloss Witley“, „The Curse“ und „Die Farbe“ inklusive eigenen Bonusmaterials. Dabei handelt es sich im Übrigen um die Blu-rays, die das Label Wicked Vision 2018 im Mediabook-Format veröffentlicht hat, mithin also um die Filme in bestmöglicher Qualität. Löblich, dass sich Koch und Wicked hier kurzgeschlossen haben. Wenn das den hohen Preis nicht rechtfertigt, weiß ich auch nicht weiter. Ich möchte nicht wissen, wie viele Fans sich sowohl beide Covervarianten des Mediabooks als auch die Ultimate Edition gegönnt haben. Dieser im Doppelsinn fantastische Film hat weite Verbreitung verdient. Die Qual der Wahl der Edition sei dem einzelnen Sammler und seinem Geldbeutel überlassen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Nicolas Cage haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 14. Mai 2020 als Limited 3-Disc Edition Mediabook (4K UHD Blu-ray & 2 Blu-rays, 2 Covervarianten), 30. April 2020 als 7-Disc Ultimate Edition (4K UHD Blu-ray, 5 Blu-rays, CD), Blu-ray und DVD

Länge: 110 Min. (Blu-ray), 106 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Color Out of Space
MAL/PORT/USA 2019
Regie: Richard Stanley
Drehbuch: Scarlett Amaris, Richard Stanley, nach einer Kurzgeschichte von H. P. Lovecraft
Besetzung: Nicolas Cage, Joely Richardson, Madeleine Arthur, Elliot Knight, Tommy Chong, Brendan Meyer, Julian Hilliard, Josh C. Waller, Q’orianka Kilcher, Melissa Nearman
Zusatzmaterial: Trailer, nur Mediabook & Ultimate Edition: entfallene Szenen, Featurette, Kurzfilme von Patrick Müller: „The Colour Out of Space“ & „The Garden“, verschiedene Kurzfilme von Richard Stanley, 12-seitiges Booklet mit Texten von Christoph Huber und Stefan Jung, nur Ultimate Edition: Bonusfilm „Die, Monster, Die! Das Grauen auf Schloss Witley“, Audiokommentar von Dr. Gerd Naumann und Dr. Rolf Giesen, deutscher VHS-Vorspann, deutsche Nostalgie-Fassung, selbstlaufende Bildergalerien, 3 Trailer zum Film, Bonusfilm „The Curse“, Audiokommentar von Dr. Gerd Naumann, Matthias Künnecke und Christopher Klaese, Bildergalerie, 2 Trailer zum Film, Bonusfilm „Die Farbe“, verlorene Szene (3 Minuten), Making-of (22 Minuten), Effekte und Konzepte (7 Min.); Science Horror (7 Min.), Teaser und Trailer, 104-seitiger Nachdruck des originalen „Amazing Stories“-Magazins, 2 Kinoplakate DIN A1, 6 Retro-Aushangfotos
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2020 Koch Films

 

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Mandy – Revenge & Drugs & Rock ’n’ Roll

Mandy

Von Lucas Knabe

Horror // Ein Bewertungsschnitt von 6,6 von 10 möglichen Punkten bei immerhin mehr als 47.000 Wertungen in der Internet Movie Database (IMDb, Stand September 2019) – kein schlechtes Ergebnis für einen Film, dessen Massentauglichkeit man in Frage stellen kann, zumal er nicht zu den 140 meistbesuchten Kinofilmen 2018 gehörte. Das lag sicher auch daran lag, dass „Mandy“ von vergleichsweise wenigen Kinos ins Programm genommen worden war. Trotzdem sorgte die jüngste, nach „Beyond the Black Rainbow“ (2010) erst zweite Regiearbeit von Panos Cosmatos auf einschlägigen Plattformen der Filmszene immer wieder für Polarisierung und viel Gesprächsstoff, sodass etwa hierzulande in den Monaten seit der deutschen Heimkino-Veröffentlichung November 2018 etliche, teils erbittert geführte Diskussionen zu diesem „hässlichen Entlein“ der Filmkunst im Gange waren.

Kontroverse Resonanz

Die Bewertungen des Films bewegten sich dabei gemeinhin in völlig konträren Bahnen: Während Fürsprecher von einem „Meisterwerk“, einer „kunstvollen Offenbarung“ oder einer „cineastischen Ekstase“ sprachen, bekundeten Gegner ihre Aversion gegenüber der, nach ihrer Überzeugung, absurden und wirren Inszenierung mit teils grobschlächtigem Vokabular. Die professionelle Filmkritik beurteilte „Mandy“ überwiegend überwiegend positiv und würdigte das Horrordrama vorrangig als einen sehr mutigen Schritt in einer Zeit der Sequels, Remakes und Jump-Scares im Horrorgenre. Um nach dieser gedanklichen Verortung zu den Beweggründen dieser Rezension zu gelangen, beginne ich mit einer groben Nacherzählung der Handlung, um auch den Filmenthusiasten, die „Mandy“ noch nicht gesehen haben, einen unschuldigen, aber aufschlussreichen Überblick zu geben.

Mit Red Miller ist nicht zu spaßen

The Shadow Mountains 1983. Der trockene Alkoholiker Red Miller (Nicolas Cage) bewohnt mit seiner Lebensgefährtin Mandy Bloom (Andrea Riseborough) fernab jeglicher Urbanität ein malerisches Blockhaus tief im Wald am Crystal Lake – Nachtigall, ick hör dir an einem Freitag, dem 13., trapsen. Red malocht für eine Firma als Waldarbeiter, während Mandy neben ihren künstlerischen Tätigkeiten in einer abgeschiedenen Tankstelle als Verkäuferin jobbt. Als sie eines Morgens auf einem Waldweg zur Arbeit läuft, begegnet sie dem ehemaligen Musiker Jeremiah Sand (Linus Roache). Der jetzige Führer der Sekte „Children of the New Dawn“ fährt in Begleitung seiner Jünger in einem Lieferwagen langsam an ihr vorbei und nimmt sie intensiv in Augenschein, sodass er Mandys fragiles Antlitz und ihr ungewöhnliches Wesen Mandys erkennt. Aus dieser Begegnung entwickelt Jeremiah eine tiefe Begierde nach Mandy, sodass er nach dieser Begegnung seinen ergebensten Anhänger „Bruder“ Swan (Ned Dennehy) damit beauftragt, ihm Mandy auszuliefern. Unter Zuhilfenahme einer gewaltigen Gruppe von Bikern soll Mandy in die Gewalt der Sekte gebracht werden, damit allen voran Jeremiah Sand seine Tollheit und Genugtuung an der außergewöhnlich scheinenden Mandy befriedigen kann. Der offenbar in die Fußstapfen Charles Mansons tretende Jeremiah ahnt nicht, zu welch höllischen Rachetaten Mandys Liebster Red Miller fähig ist.

Spoilerwarnung

Bei Panos Cosmatos handelt es sich übrigens um den Sohn von George Pan Cosmatos ist, der den meisten als Regisseur von „Rambo III – Der Auftrag“, „Die City-Cobra“ und „Tombstone“ bekannt sein dürfte. Dessen Sprössling konstruiert die Welt, in der „Mandy“ stattfindet, einzig für die Figuren des Films, daher ist das Setting so passgenau wie möglich und nur so großzügig wie nötig. Deutlich wird dieser Aspekt, wenn man die Motive und Gepräge der verschiedenen Hauptpersonen ins Auge fasst. Red Miller ist ein kantiger aber von der Vergangenheit gezeichneter Ex-Trinker, der übermäßigen Kontakt zu Fremden meidet und dessen wahrscheinlich einziger Halt im Leben seine Lebensgefährtin Mandy ist, zu der er eine überaus liebevolle und vertraute Beziehung pflegt. Mandy selbst ist eine verletzlich wirkende, kuriose aber zugleich charismatische Frau, die einen Hang zum Spirituellen und Übersinnlichen pflegt und zugleich das erhitzende Symbol des Films verkörpert. Ebenso wie Red sitzt auch auf Mandy die Last einer dunklen Vergangenheit, was man ihr aufgrund der authentischen schauspielerischen Leistung Andrea Riseboroughs anmerkt. Mandy soll bis vor einiger Zeit in der nächstgelegenen Stadt für ihre freizügigen Aktivitäten mit Männern bekannt gewesen sein, worunter ihr Ruf erheblichen Schaden nahm. Der Film liefert diese Hinweise nur unterschwellig und lässt in den ersten Phasen verstehen, weswegen beide fernab ihrer Vergangenheit in einem Haus im Wald leben, losgelöst von allem Negativen, das ihre fragile Lebensbalance bedrohen könnte. Allein aus dieser Konstellation ließe sich ein Film drehen, der die Beziehung und die Leben von Mandy und Red im Kampf mit ihren Dämonen der Vergangenheit auf die Probe stellt.

Linus Roache in der Rolle eines Dummschwätzers

Doch der eigentliche Unhold der Geschichte, Jeremiah Sand, sowie dessen vollends untergebene Anhänger und monströse Komplizen bringen ein wenig klassischen Backwoods-Horror in die eigentlich romantische Exposition des Films. In den unbekannten Tiefen des Waldes hat sich der verkannte und womöglich auch diffamierte Musiker niedergelassen, um nicht durch die Kraft der Musik, wie wahrscheinlich einst gedacht, auf die Gemüter seiner Anhänger einzuwirken, sondern durch die Kraft des Glaubens, indem er eine okkulte Irrlehre ins Leben ruft, an deren Spitze er selbst als Befruchter und Prophet herrscht. Linus Roache mimt den exzentrischen und egozentrischen Jeremiah Sand, der ebenso den Abstand zum urbanen hin zum fast rechts- und populationsfreien Raum benötigt, um seine primitiven Visionen zu verwirklichen. Mit den Schauplätzen von „Mandy“, die fremd, anarchistisch und in Teilen apokalyptisch wirken, schafft Panos Cosmatos eine Sphäre, die unlenkbare Variablen ausblendet, damit die Facetten der Handlung und artifiziellen Darstellung glaubhaft legitimiert sind. Damit bewegt sich „Mandy“ als Grenzgänger zwischen Fantasie und Realität, wodurch der Eindruck eines Horror/Fantasy-Märchens entsteht, das Cosmatos im wortwörtlichen Sinne traumhaft inszeniert. Es entsteht eine fremdartige Welt, in welcher der Kreativität kaum Grenzen gesetzt sind.

Jeremiah Sand (im hellen Gewand): Gottkomplex in Person

In dieses Setting hinein montiert Cosmatos eine dramatische, jedoch in ihrer Struktur, angelehnt an die Horrorfilme 80er-Jahre, recht profane Racheorgie, die durch die so beispiellose wie überzeugende schauspielerische Leistung Nicolas Cages zu einer wahren Freude wird. In jüngster Vergangenheit wurde „Mandy“ daher zuhauf mit fantasiekonnotierten Prädikaten bewertet, die die surreale und skurrile Inszenierung des Films treffend beschreiben sollten. Diese Eigenwilligkeit von „Mandy“ ist es auch, welche die Gemeinde der Horrorfans spaltete und weswegen ich „Mandy“ eingangs als „hässliches Entlein“ bezeichnet habe. Der Film spielt seine vereinnahmenden Stärken am besten aus, wenn man sich seinem Duktus empathisch und aufgeschlossen widmet. Erst dann werden sich Handlung, Ton und die absolut außergewöhnlichen Darstellungen zu einem Werk arrangieren, was man in dieser Güte selten zu Gesicht bekommt.

Träume wie Comics, dazu ein Metal-Score

Elemente wie die exzessive Verwendung von Lichteffekten, allen voran der rubinrote Farbfilter als übergeordnetes Farbthema des Films, die comichaften Träume Reds, der melancholische und zugleich donnernde Metal-Score vom bereits verstorbenen aber großartigen Jóhann Jóhannsson, oder die ästhetischen Totalaufnahmen des zwischen Fantasie und Realität pendelnden Kosmos von „Mandy“ führen zu einem phantasmagorischen Gesamtkunstwerk, das nicht unbedingt ganzheitlich verstanden, aber in seiner ästhetisierten Pracht als experimentelles, brutales und handgemachtes Rachemärchen wahrgenommen werden will. Schmankerl wie der eigens gedrehte „Cheddar Goblin“-Werbespot und die unfreiwillig komische Autoszene am Ende des Films zeigen, wie viel Eigenständigkeit und Mut in der Handschrift von Panos Cosmatos stecken.

Red im Kampf mit einer scheußlichen Kreatur

Möchte man „Mandy“ abseits der reizüberflutenden Inszenierung und gnadenlosen Brutalität in einen übergeordneten Diskurs einordnen, so fällt es leicht in „Mandy“ die bereits in Panos Cosmatos’ Regiedebüt „Beyond the Black Rainbow“ thematisierte Kritik an den fehlgeleiteten Zielen der 68er-Generation wiederzufinden. Menschliche Schwäche und egozentrische Individualität führen zu Maßlosigkeit, Habgier und Selbstüberschätzung. Das geforderte Recht nach mehr Freiheit endet in einer Diktatur des kleinen Mannes, der Schwächere unterdrückt und keinerlei Kompetenz im Umgang mit wahrer Freiheit besitzt. Wenn man so will, ist „Mandy“ eine Kritik am Anarchismus beziehungsweise ein Negativ-Szenario unbeschränkter Libertät und dessen verfehlten sozialen Umgangs. In „Mandy“ sind dies ganz exemplarisch Isolation, Kleinstaaterei, der maßlose Konsum von Drogen als Zeichen der verfehlten Mäßigung und Unfähigkeit von Genuss, eine willkürliche Habgier, ein hemmungsloser Sinn für Selbstjustiz, Zwang und die Verstümmelung soziokultureller Faktoren zu Gunsten spekulativen, okkulten und spirituellen Glaubens. Neuzeitliche Strukturen menschlichen Zusammenlebens sind aufgegeben, sodass Befriedigung und individuelle Autonomie des eigenen Ichs auf einem archaischen Gerüst fußen, in der Starke die Schwachen beherrschen. Die Spät-68er Sekte „Children of the New Dawn“ ist die metaphorische Pointierung dessen, der Panos Cosmatos in der zweiten Hälfte des Films, durch die Hand des bis zum Mord an Mandy geläuterten Red Miller in brutaler Schönheit seine kreative Meinung geigt.

Mit „Mandy“ hat sich Panos Cosmatos 2018 zu Recht auf den Radar vieler Filmfans katapultiert und man darf gespannt sein, was dieser Meister seines Fachs in Zukunft fabulieren wird. Mit seinem Zweitwerk begegnet uns ein perfektionistischer und handgemachter Fantasy-Horrorfilm, der einen spannenden Rachefeldzug in eine vieldeutige und ikonische Geschichte bravourös integriert.

Erwähnenswert ist neben den üblichen DVD- und Blu-ray-Veröffentlichungen von Koch Films auch deren Mediabook, das mit zwei originellen Artworks daherkommt. Für die ultimative Dröhnung „Mandy“ gibt es die gewaltige Ultimate Edition mit etlichen digitalen und physischen Extras, darunter den kompletten Score von Jóhann Jóhannsson, eine 10“-Vinylsingle von Jeremiah Sands mit dem Titel „Amulet of the Weeping Maze“, ein DIN-A1-Kinoplakat und vier Retro-Aushangfotos.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Andrea Riseborough haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Nicolas Cage unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 29. November 2018 als 4-Disc Limited Ultimate Edition (Blu-ray, DVD, Soundtrack-CD & -LP), Limited 3-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & 2 DVDs, 2 Covervarianten), Blu-ray und DVD

Länge: 121 Min. (Blu-ray), 116 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Mandy
USA/BEL 2018
Regie: Panos Cosmatos
Drehbuch: Panos Cosmatos, Aaron Stewart-Ahn
Besetzung: Nicolas Cage, Andrea Riseborough, Linus Roache, Ned Dennehy, Olwen Fouéré, Richard Brake, Bill Duke, Line Pillet, Clément Baronnet, Alexis Julemont, Ivailo Dimitrov, Stephan Fraser, Hayley Saywell, Kalin Kerin, Tamás Hagyuó, Madd’yz Dog Lollyta, Corfu, Paul Painter, Zeva DuVall, Isaiah C. Morgan
Zusatzmaterial: Audiokommentar, Behind the Scenes (22 Min.), entfernte Szenen (14 Min.), vier „One Shot“ Teaser, deutscher und englischer Trailer, Trailershow, 12-seitiges Booklet mit einem Geleitwort des Regisseurs und Texten von Stefan Jung
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2019 by Lucas Knabe

Szenenfotos & Packshots Blu-ray & Ultimate Edition: © 2019 Koch Films

 

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