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’71 – Hinter feindlichen Linien: Bis zum Morgengrauen

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Gastrezension von Andreas Eckenfels

Kriegsthriller // Der 30. Januar 1972 ging als Blutsonntag in die traurige Geschichte des Nordirlandkonflikts ein. Bei einem Protestzug gegen die britische Internment-Politik wurden in der nordirischen Stadt Derry 13 unbewaffnete Demonstranten von Soldaten erschossen. Die Eskalation der Gewalt schilderte Peter Greenaway in „Bloody Sunday“. Auf der Berlinale 2002 erhielt der Regisseur für sein halbdokumentarisches Drama den Goldenen Bären.

Ein weiterer trauriger Tag

Ein weiteres dunkles Kapitel innerhalb der auch als „The Troubles“ bekannten Auseinandersetzung zwischen unionstreuen Protestanten und irisch-nationalistischen Katholiken geschah knapp ein Jahr vor dem „Bloody Sunday“: Am 6. Februar 1971 wurde mit Robert Curtis der erste britische Soldat in dem Konflikt von einem IRA-Mitglied namens Billy Reid in Belfast erschossen. Reid kam nur drei Monate später selbst ums Leben.

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Ruhe vor dem Sturm: Gary und seine Kameraden treffen in Belfast ein

Tausende Soldaten und Zivilisten werden in den folgenden Jahren ebenfalls ihr Leben lassen müssen. Regisseur Yann Demange erzählt in „’71 – Hinter feindlichen Linien“ Curtis’ Geschichte nicht nach, wählt aber eine ähnliche Grundlage – das Geschehen hätte sich ohne Weiteres in Nordirland abspielen können. Demanges Spielfilmdebüt lief 2014 im Wettbewerb der Berlinale. Er gewann unter anderem beim Filmfest München passenderweise den „Bernhard-Wicki-Filmpreis – Die Brücke – Der Friedenspreis des Deutschen Films“ als bester Nachwuchsfilmer.

1971 erfährt die Einheit um den britischen Jungsoldaten Gary (Jack O’Connell), dass sie kurzfristig nach Belfast beordert wird, um der örtlichen Polizei bei einem Einsatz im katholischen Viertel zu helfen. Schon bei ihrer Ankunft in den von Backsteinbauten gesäumten Straßenzügen werden die Soldaten alles andere als freundlich empfangen.

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Die Bewohner des katholischen Viertels leisten lautstark Widerstand

Doch sind es zu Beginn noch Kinder, die ihnen Urinbomben und Kottüten auf die Windschutzscheibe werfen, steht den unerfahrenen Soldaten bald ein ganzer Mob gegenüber. Während die Polizei die Wohnungen nach Waffenverstecken durchsucht und die Bewohner dabei teils übelst mit Schlagstöcken malträtiert, gerät die Situation zunehmend außer Kontrolle. Ein Schuss fällt. Garys Kamerad stirbt in seinen Armen – plötzlich ist er von seiner Einheit getrennt. Er ist allein hinter feindlichen Linien – und die IRA ist ihm dicht auf den Fersen.

Hass und Angst

Vor dem Hintergrund des Nordirlandkonflikts wählt Demange ein bekanntes Motiv des Kriegsfilms: der Soldat, der in feindlichem Territorium auf sich allein gestellt nach Hause finden muss. Rasend schnell wie die Einheit wird auch der Zuschauer unvermittelt in das Krisengebiet gepeitscht. Die Fronten sind fix geklärt: Egal, ob von Männern, Frauen oder Kindern, der Hass, den Gary und seinen Kameraden entgegengeschmettert wird, ist jederzeit spürbar. Ebenso die Angst, die den von der Situation überforderten jungen Soldaten in den Gliedern steckt.

Ähnlich wie Greenaway setzt auch Demange auf den halbdokumentarischen Stil, um diesen Albtraum einzufangen. Der Fokus wird stets nachjustiert, der Blick ist getrübt. Schnelle Schnitte bringen ordentlich Tempo und lassen seine Herkunft als Musikvideo- und Werbespot-Regisseur erahnen.

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Bei der Verfolgung eines jungen Waffendiebes wird Gary von seiner Einheit getrennt

Auch der Widerstand der katholischen Bevölkerung wird für den Zuschauer verständlich. Mit Schaufeln, Steinen und Molotow-Cocktails setzt die aufgebrachte Meute sich gegen die bewaffneten Soldaten zur Wehr, als die Polizei immer brutaler gegen die verdächtigen Hausbewohner vorgeht – bis die Lage eskaliert.

Auf der Flucht

Im zweiten Akt wird aus dem Kriegsdrama ein packender Hochgeschwindigkeits-Thriller, bei dem der Nordirlandkonflikt etwas in den Hintergrund gerät. Der schwer verletzte Gary ist ständig auf der Flucht durch die engen Gassen Belfasts. Er erhält Hilfe von einigen Einwohnern, die damit ebenfalls ein großes Risiko eingehen, von den IRA-Mitgliedern als Verräter bestraft zu werden. Doch welche Absichten verfolgen sie wirklich?

Hauptdarsteller Jack O’Donnell kann nach dem Knast-Drama „Mauern der Gewalt“ erneut überzeugen. Der Brite scheint mit seinem jugendlichen, aber dennoch markigen Gesicht auf die Figur des jungen Soldaten gebucht. Zuletzt spielte er den legendären Louis Zamperini in Angelina Jolies „Unbroken“. Garys Überlebenskampf wird bis zum Morgengrauen andauern – bis zum Ende wird auch der Zuschauer voller Spannung mit ihm mitfiebern.

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Auf Belfasts Straßen regiert das Chaos

Veröffentlichung: 18. August 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 100 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: ’71
GB 2014
Regie: Yann Demange
Drehbuch: Gregory Burke
Besetzung: Jack O’Connell, Sam Reid, Sean Harris, Jack Lowden, Joshua Hill, Jonah Russell, Sam Hazeldine
Zusatzmaterial: Interviews, B-Rolll, Originaltrailer, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment

Copyright 2015 by Andreas Eckenfels

Fotos, Packshots & Trailer: © 2015 Ascot Elite Home Entertainment

 

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Ausgestoßen – Nordirlandkonflikt als Film noir

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Odd Man Out

Von Simon Kyprianou

Der Film, der mich wohl am meisten beeinflusst hat, war „Odd Man Out“ („Ausgestoßen“) von Carol Reed. […] Mein ganzes Leben lang versuche ich diesen Film zu drehen. Wenn Sie ihn sich ansehen, werden Sie vielleicht ein paar Sachen in meinen Filmen besser verstehen. Dass ich einfach nur versucht habe, jemanden zu imitieren. (lacht) Erfolglos (lacht nochmal). (Roman Polanski in der FAZ)

Krimidrama // Schaut man Carol Reeds „Ausgestoßen“ mit diesem Zitat im Hinterkopf, so wirkt er in der Tat wie eine Art Essenz aus Polanskis Filmen, ob „Ekel“, „Rosemaries Baby“, „Der Mieter“, „Frantic“ – eigentlich beinahe alle Filme in seiner Filmografie. Sie wirken stilistisch und inhaltlich wie virtuose Variationen von „Ausgestoßen“.

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Auf der Flucht: Johnny

Flucht durch eine vom Krieg gezeichnete Stadt

Zwei Jahre vor „Der dritte Mann“ gedreht, nimmt sich Carol Reed im Grunde desselben Themas an, einer vom Krieg gezeichneten, kaputten Stadt. Vom genialen Kameramann Robert Krasker mit betäubender Intensität fotografiert, wird sie – wie auch in „Der dritte Mann“ – zum surrealen, abstrakten Chaos-Fiebertraum, in dem die Menschen verzweifelt ums Überleben kämpfen müssen.

Als der IRA-Kämpfer Johnny McQueen (James Mason) bei einem Banküberfall aus Versehen einen Mann erschießt, muss er sich schwerverletzt und von der Polizei gehetzt durch das nächtliche Belfast kämpfen, auf der Suche nach seiner großen Liebe Kathleen (Kathleen Ryan). Reed degradiert McQueens Flucht dabei fast zur Nebensache, sie ist lediglich der rote Faden, der die Handlung zusammenhält.

Abbild der Verzweiflung

McQueen ist durch seine Verletzung ohnehin kaum bei Bewusstsein, stolpert der Ohnmacht nah durch das Chaos der Stadt. Der Film spaltet sich in etliche Nebenhandlungen, führt ein Sammelsurium an wunderlichen Nebenfiguren ein und wird mit zunehmender Laufzeit immer surrealer und wirrer. Durch diese vielschichtig mosaikhafte Struktur gelingt es ihm ein vollständiges und tiefgreifendes Bild der Verzweiflung der Menschen zu zeichnen und den tragischen Wahnsinn ihrer Existenz zu begreifen. Das Ende ist dann eine bittere Vorankündigung und Variation der Abschlussszene von „Der dritte Mann“. Ein Meisterwerk, ganz ohne Zweifel.

Die Film Noir Collection von Koch Media:

01. Die blaue Dahlie (The Blue Dahlia, 1946)
02. Spiel mit dem Tode (The Big Clock, 1948)
03. Schwarzer Engel (Black Angel, 1946)
04. Desert Fury – Liebe gewinnt (Desert Fury, 1947)
05. Der schwarze Spiegel (The Dark Mirror, 1946)
06. Du und ich (You and Me, 1938)
07. Der General starb im Morgengrauen (The General Died at Dawn, 1936)
08. Der Mann mit der Narbe (Hollow Triumph, 1947)
09. Ausgestoßen (Odd Man Out, 1947)
10. Briefe aus dem Jenseits (The Lost Moment, 1947)
11. Chicago Joe und das Showgirl (Chicago Joe and the Showgirl, 1990)
12. Schritte in der Nacht (He Walked by Night, 1948)
13. Detour – Umleitung (Detour, 1945)
14. Das schwarze Buch (Reign of Terror aka The Black Book, 1949)
15. Zeuge gesucht (Phantom Lady, 1944)
16. Unter Verdacht (The Suspect, 1944)
17. Der unheimliche Gast (The Uninvited, 1944)
18. Ministerium der Angst (Ministry of Fear, 1944)
19. Die Killer (The Killers, 1946)
20. Opfer der Unterwelt (D.O.A., 1950)
21. Die Nacht hat tausend Augen (Night Has a Thousand Eyes, 1948)
22. Der gläserne Schlüssel (The Glass Key, 1942)
23. Casbah – Verbotene Gassen (Casbah, 1948)
24. Die Narbenhand (This Gun for Hire, 1942)
25. Die rote Schlinge (The Big Steal, 1949)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit James Mason sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 14. Oktober 2012 als DVD

Länge: 111 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Odd Man Out
GB 1947
Regie: Carol Reed
Drehbuch: F. L. Green, R. C. Sherriff
Besetzung: James Mason, Robert Newton, Cyril Cusack, William Hartnell, Robert Beatty, Dan O’Herlihy
Zusatzmaterial: Booklet
Vertrieb: Koch Media

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Die Ordnungsmacht befragt Kathleen

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2015 Koch Media

 

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Good Vibrations – Der Einäugige ist König

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Good Vibrations

Gastrezension von Anja Rohde

Drama // Viele Musikliebhaber kennen die Geschichte von John Peel und seinem Lieblingssong. Als der legendäre britische DJ zum ersten Mal „Teenage Kicks“ von der nordirischen Band „The Undertones“ im Radio auflegt, setzt er direkt nach dem Lied die Plattennadel erneut auf und spielt das Stück ein zweites Mal. Er erklärt es zu seinem Lebenslieblingssong, wünscht sich eine Liedzeile daraus auf seinem Grabstein. Und natürlich wird bei seiner Trauerfeier „Teenage Kicks“ gespielt.

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Ein Plattenladen im Krisengebiet – Terry traut sich was

Weniger überliefert ist die Story, unter welchen Umständen die Platte zu Peel gelangt. Wie Terry Hooley, der „Godfather of Punk“ aus dem irischen Belfast in den späten Siebzigern den Punk für sich entdeckt und schließlich mit der selbst verlegten Single nach London reist, erzählt dieser wunderbare Gutelaunefilm.

Ein Feel-Good-Movie, das während des irischen Bürgerkriegs spielt? Ja, das funktioniert. Denn es geht dem Protagonisten Terry Hooley (Richard Dormer) genau darum: der Gesellschaft zu zeigen, wie unsinnig diese Auseinandersetzungen sind, und dass vor allem die jungen Leuten nach ganz anderen Ideen und Werten leben wollen.

Statt Politik und Religion: Musik!

Als die Ausgehlust in Belfast aufgrund der Unruhen schwindet und Terry dies als Kneipen-DJ zu spüren bekommt, eröffnet er einen Plattenladen mitten im umkämpften Gebiet. Er nennt ihn „Good Vibrations“. Bald wird der Laden zur Oase für Andersdenkende jenseits von Politik und Religion.

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Freude über eine musikalische Revolution

Als sich Punk in Gestalt von Bands wie „Rudi“ („Big Time“) und „The Outcasts“ („Justa Nother Teenage Rebel“) auch in Irland ausbreitet, ist Terry sofort Feuer und Flamme. Selbst voller Energie und Optimismus, organisiert er Konzerte und bringt sogar Platten heraus, weil die Bands keine Chance haben, bei großen Labels unterzukommen. Auch „The Undertones“ schaffen es, ihm eine Veröffentlichung abzuringen – siehe oben!

Gastauftritt des echten Terry Hooley

Wäre die Geschichte erfunden, würde man die warmherzige Naivität des Protagonisten belächeln. Terry Hooley aber existiert. Er lebt immer noch in Belfast und er mag den Film sehr. Sogar einen kleinen Gastauftritt gibt es zu entdecken. Und er hat wirklich nur ein sehendes Auge – das andere wurde ihm in jungen Jahren von Nachbarskindern mit einem Pfeil verletzt.

„Good Vibrations“ steht nicht nur für den Namen des Labels, sondern auch für den optimistischen Auftritt dieses Mannes, der ein so ganz anderer Superheld ist. Einen Menschen mit so viel Herz, so viel Idealismus und einer so großen Liebe zur Musik muss man einfach bewundern. Obwohl er gar nicht aussieht wie ein Punk und obwohl er fast zu alt fürs Herumhüpfen und Mitgrölen wirkt, ist er ein wahrer Vertreter dieser Lebensphilosophie: Punk ist Idealismus, Punk ist Lebensfreude und Leidenschaft, Punk bedeutet, sich nicht nach gesellschaftlichen Normen auszurichten. All das ist Hooley – nicht ohne die eine oder andere Niederlage im privaten Bereich einstecken zu müssen.

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„Good Vibrations isn’t a record shop. It’s not a label. It’s a way of life!“

Hüpfend auf dem Sofa

Auch viele andere Darsteller sind perfekt besetzt, doch es gelingt vor allem Richard Dormer, dieser wahren Geschichte so viel Glaubwürdigkeit einzuhauchen, dass man sich selbst wie auf einem Konzert fühlt, auf dem gerade etwas sehr Besonderes passiert. Und wenn nach mehreren Abenden mit dem Ohr am Radio Terry und seine Frau Ruth (Jodie Whittaker) endlich John Peel die für ihn abgegebene Single spielen hören, möchte man mit ihnen aufs Sofa hüpfen und sich mitfreuen.

Zu Recht hat „Good Vibrations“ einige Nominierungen und Auszeichnungen erhalten. Auch wir empfehlen einen gut gelaunten Abend mit Terry und seiner bunten Gang – am besten im englischen Original, denn Terrys Akzent ist ausgesprochen charmant!

Veröffentlichung: 17. Oktober 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 102 Min. (Blu-ray), 98 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Good Vibrations
GB/IRL 2012
Regie: Lisa Barros D’Sa, Glenn Leyburn
Drehbuch: Colin Carberry, Glenn Patterson
Besetzung: Richard Dormer, Jodie Whittaker, Liam Cunningham, Dylan Moran, Killian Scott, Andrew Simpson, Mark Ryder, David Wilmot, Adrian Dunbar
Zusatzmaterial: Booklet (Erstauflage), Making-of, Kinotrailer, B-Roll, Wendecover
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2014 by Anja Rohde

Fotos, Packshot & Trailer: © 2014 Rapid Eye Movies / Al!ve AG

 
 

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