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Stan & Ollie – Ziemlich beste Freunde

Stan & Ollie

Von Andreas Eckenfels

Tragikomödie // Die ganze Welt hat über sie gelacht: In Spanien sind sie als „El Gordo y El Flaco“ bekannt, in der Niederlande als „Dikke und Dunne“, in Polen als „Flip & Flap“, die Italiener nennen sie „Krick & Krock“, die Brasilianer „O Gordo e o Magro“, in den englischsprachigen Ländern heißen sie „Laurel & Hardy“ und im deutschsprachigen Raum „Dick & Doof“. Die Rede ist natürlich von Stan Laurel (1890–1965) und Oliver Hardy (1892–1957), die zu den erfolgreichsten Komikern des 20. Jahrhunderts gehörten. Von 1926 bis 1951 drehten sie zusammen über 100 Filme, darunter „Der zermürbende Klaviertransport“, der 1932 in der damals frisch eingeführten Kategorie „Beste Kurzfilm-Komödie“ den Oscar gewann.

In den 1930er-Jahren gehören Oliver (l.) und Stan zu den erfolgreichsten Komikern der Welt

Erfreulicherweise orientierte sich Drehbuchautor Jeff Pope („Philomena“, 2013) für „Stan & Ollie“ nicht an dem schablonenhaften Aufbau erfolgreicher Filmbiografien, die chronologisch und meist völlig gehetzt die Höhen aus dem Leben einer Persönlichkeit nacherzählen, als Beispiele seien hier „Walk the Line“ (2005) und „Bohemian Rhapsody“ (2017) genannt. Stattdessen konzentriert sich Pope mit Ausnahmen von einigen wenigen Rückblicken auf einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben der beiden Komiker: ihre letzte Tour, die sie 1953 nach Großbritannien führen sollte. Als Vorlage diente ihm dabei das Buch „Laurel & Hardy – The British Tours“ (1993) von A. J. Marriot.

Anfang und Ende des Ruhms

„Stan & Ollie“ startet im Jahr 1937, als Stan Laurel (Steve Coogan) und Oliver Hardy (John C. Reilly) auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angelangt sind. Eine knapp fünfminütige, ohne sichtbaren Schnitt gedrehte Kamerafahrt begleitet die Komiker von ihrer Garderobe aus durch ein Filmstudiogelände bis hin zum Set von „Zwei ritten nach Texas“, wo sie schließlich mit Studiochef Hal Roach (Danny Huston) in Streit geraten. Dabei unterhalten sich Stan und Ollie über ihre Exfrauen, über aktuelle Liebschaften, über ihre Finanzen, Pferdewetten und darüber, dass sie mehr Gehalt verhandeln wollen. Der schottische Regisseur John S. Baird („Drecksau“) erzählt diese kleine Einleitung völlig unaufgeregt und effizient, sodass das Publikum gleich ein Gefühl dafür bekommt, wie die zwei befreundeten Arbeitskollegen miteinander umgehen. Wir erhalten gleichzeitig einen kleinen Blick hinter die Hollywood-Kulissen der 30er-Jahre. Schnell wird klar: Oliver ist der Lebemann, der sich an jedem freien Tag mit diversen Frauen und auf Partys vergnügt, während Stan bis tief in die Nacht an neuen Gags arbeitet – dennoch lässt er sich von Oliver überreden, ihn auf einen Bootsausflug zu begleiten, um möglicherweise eine Frau kennenzulernen.

Auf und neben der Bühne sind Stan und Ollie immer für einen Spaß zu haben

Dann erfolgt ein Zeitsprung von 16 Jahren, ins Jahr 1953, wo Stan und Oliver im englischen Newcastle in einer kleinen Herberge einchecken. Die Zeiten haben sich geändert, die Tage des Luxus sind vorbei. „Um ehrlich zu sein, ich dachte sie wären im Ruhestand“, erklärt ihnen die Empfangsdame. „Wir werden älter, aber wir sind noch nicht am Ende“, erwidert Oliver. Die beiden müssen ihre Koffer selbst aufs Zimmer tragen. Auch die Freundschaft von Stan und Oliver hat in der vergangenen Zeit offenbar ein paar Schrammen abbekommen. Fans des Duos kennen den Grund dafür: die Komödie „Zenobia, der Jahrmarktselefant“ (1939), bei dem Ollie seinem langjährigen Partner Stan „untreu“ wurde und stattdessen an der Seite von Harry Langdon vor der Kamera stand. Die Großbritannien-Tour beginnt in kleinen und spärlich gefüllten Theatersälen. Erst als die Komiker einige PR-Termine wahrnehmen, werden die Briten wieder auf das legendäre Paar aufmerksam. Die Tour, bei der auch Stans Ehefrau Ida (Nina Arianda) und Olivers Gattin Lucille (Shirley Henderson) einen Besuch abstatten, wird doch noch ein Erfolg. Stan und Oliver nähern sich langsam wieder aneinander an – doch dann erleidet Oliver einen Schwächeanfall …

Ein magisches Band

Früher liefen die Filme des Komikerduos im Fernsehen rauf und runter. Das ZDF zeigte die zusammengeschnittenen Slapstick-Einlagen ab Mitte der 1970er- bis Anfang der 80er-Jahre im Vorabendprogramm. Ob die Kinder heutzutage „Dick und Doof“ noch kennen? Auf jeden Fall werden sich alte Fans schnell durch das Biopic an diese unbeschwerten TV-Stunden zurückerinnern. Jon S. Baird gelang eine warmherzige Liebeserklärung und gleichzeitig Hommage an die beiden Schauspieler, die von John C. Reilly und Steve Coogan hervorragend verkörpert werden. Zeitweise vergisst man fast, dass hier nicht die echten Komiker zu sehen sind. Neben der perfekt imitierten Mimik und Gestik, hat besonders die Make-up-Abteilung ganze Arbeit geleistet, um Reilly in den fülligen Oliver Hardy zu verwandeln. Für seine Leistung erhielt er eine Nominierung für den Golden Globe.

Lucille (l.) und Ida besuchen ihre Ehemänner auf der Tour

Reilly und Coogan dürfen natürlich auch einige bekannte Scherze aufführen, etwa die vertauschte Melone oder ein Krankenbesuch, bei dem Patient Ollie durch Stans Tollpatschigkeit ständig ein schweres Gewicht auf den Kopf kracht. So leicht ist es, die Leute zum Lachen zu bringen. Doch Baird zeigt auch, dass diese Leichtigkeit harte Arbeit war und Stan und Ollie ein perfekt eingespieltes Team waren. Selbst in der Öffentlichkeit führen sie ihre Comedy-Routinen immer wieder auf, um den Leuten ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Dass die zwei Komiker mehr als Arbeitskollegen waren, beweist auch die Tatsache, dass Stan nach Ollies Tod 1957 trotz einiger Angebote keine einzige Filmrolle mehr annahm. Die beiden waren ziemlich beste Freunde, die ein magisches Band zu verbinden schien.

Küss die Hand, werte … Dame?!

Es geht im Biopic zwar größtenteils harmonisch zu, doch die Probleme, die beide Stars mit dem Älterwerden und dem nahenden Ende ihrer Karriere hatten, werden zwischen den Zeilen angedeutet. So versucht Stan einen Filmproduzenten erfolglos davon zu überzeugen, dass er gemeinsam mit Ollie einen neuen „Robin Hood“-Film drehen will. Die Zeit von „Laurel & Hardy“ ist Anfang der 1950er-Jahre vorbei. Sie passen nicht mehr ins Hollywood-System. Und dies vermittelt „Stan & Ollie“ auf liebevoll-wehmütige Weise.

Komische Liebesgeschichte im Mediabook

capelight pictures würdigt die Komiker mit einer großartig ausgestatteten Mediabook-Edition von „Stan & Ollie“. Auch auf der einzeln erhältlichen Blu-ray beziehungsweise DVD befindet sich unter anderem der komplette Film „Der zermürbende Klaviertransport“ als Extra, doch nur im Mediabook finden sich ein ausführlicher Text von Jenny Jecke über die zeitlose Faszination des Duos sowie die 105 Minuten lange Dokumentation „Laurel and Hardy – Die komische Liebesgeschichte von ,Dick & Doof‘“ in HD des deutschen Regisseurs Andreas Baum, die 2012 bereits von Studiocanal auf DVD in der 92-minütigen-TV-Fassung veröffentlicht wurde und von FunFactoryFilms in der hier vorliegenden „Director’s Cut“-Version erschienen ist. Zusammen mit dem wunderbaren Film ein rundum gelungenes Gesamtpaket. Wer danach immer noch nach Lesestoff über die beiden Komiker giert, möge sich die noch lieferbare #10 der online bestellbaren Zeitschrift „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ zulegen. Die Titelgeschichte der Ausgabe widmet sich US-Filmkomikern, der Beitrag über Laurel und Hardy stammt von „Die Nacht der lebenden Texte“-Blogbetreiber Volker.

Bei ihrer Ankunft in Irland werden Stan und Ollie von den Massen gefeiert

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Steve Coogan und John C. Reilly haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 20. September 2019 als 3-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray, DVD & Bonus-Blu-ray), Blu-ray und DVD

Länge: 99 Min. (Blu-ray), 95 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Stan & Ollie
GB/KAN/USA 2018
Regie: Jon S. Baird
Drehbuch: Jeff Pope, inspiriert von dem Buch „Laurel & Hardy – The British Tours“ von A. J. Marriot
Besetzung: Steve Coogan, John C. Reilly, Shirley Henderson, Nina Arianda, Rufus Jones, Danny Huston, Joseph Balderrama, John Henshaw
Zusatzmaterial: Im Gespräch mit Regisseur Jon S. Baird, Shirley Henderson, Steve Coogan und John C. Reilly, Featurettes: „Die Prothesen“ & „Die Beziehung“, Kurzfilm: „Der zermürbende Klaviertransport“ (1932), Kinotrailer, nur Mediabook: „Laurel and Hardy – Die komische Liebesgeschichte von ,Dick & Doof‘“ (Director’s Cut, 105 Min., HD, mit dt. Tonspur), 24-seitiges Booklet mit einem Text von Jenny Jecke
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2019 capelight pictures

 

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Die Klotzköpfe – Laurel & Hardy: Im Schützengraben vergessen

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Block-Heads

Von Volker Schönenberger

Komödie // Wir schreiben das Jahr 1917. Der Weltkrieg ist in vollem Gange. In den Schützengräben sind auch die zwei Freunde Stan (Laurel) und Ollie (Hardy) zugegen. Bei einem Ausfall werden die beiden getrennt: Ollie muss mit den anderen Soldaten hinaus, die feindlichen Reihen stürmen, Stan schiebt weiter Wache. Aus nicht weiter benannten Gründen kehrt die Einheit nicht zu ihrem Kameraden zurück, Stan bleibt auf seinem Posten – auch noch, als einige Zeit später der Waffenstillstand verkündet wird. Um genau zu sein: Stan schiebt bis 1938 Wache im Schützengraben, bis ihn ein Pilot, den er beschießt, darüber aufklärt, dass der Krieg vor 20 Jahren zu Ende gegangen ist.

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Ollie darf mal wieder das von Stan verursachte Chaos ausbaden

Just an seinem ersten Hochzeitstag mit der bezaubernden Mrs. Hardy (Minna Gombell) erfährt Ollie, dass sein tot geglaubter Kumpel quicklebendig ist. Er sucht ihn im Veteranenheim auf, in dem Stan als Kriegsheld untergekommen ist, und bringt ihm mit nach Hause. Eine Schneise der Verwüstung ist die Folge …

Kriegsversehrt – oder doch nicht?

Herrliche Szene: Stan hat es sich mit untergeschlagenem Bein auf einem Rollstuhl im Garten des Veteranenheims bequem gemacht, als Ollie ihn nach zwei Jahrzehnten zum ersten Mal wiedersieht. Im Glauben, sein verschollener Kumpel habe im Krieg ein Bein gelassen, schiebt Ollie den Rollstuhl bereitwillig durch die Gegend, zeigt sich auch ansonsten sehr hilfsbereit und sogar verzeihend, als ihn Stan mit dem Gartenschlauch nass macht. Als ein anderer Veteran den Rollstuhl fordert, legt sich Ollie mit ihm an, kassiert gar eine Backpfeife und trägt Stan im Anschluss auf den Armen – bis er merkt, dass Stan im Besitz beider Beine ist. Wer kann sich Ollies Gesichtsausdruck vorstellen? Im Anschluss nimmt das Chaos aber erst recht seinen Lauf, Ollies Geduld wird auf eine harte Probe gestellt.

Billy Gilbert und James Finlayson

Gleich zwei berühmte Widersacher des Duos sind in „Die Klotzköpfe“ zu sehen: James Finlayson hat einen Auftritt auf einer Treppe und legt sich mit Ollie an, was in eine kurze Slapstick-Prügelei mündet. Billy Gilbert gibt einen eifersüchtigen Ehemann und Nachbarn von Ollie inklusive wunderbarem Schlussgag, der bereits 1928 im Kurzfilm „We Faw Down“ zu sehen war (zu finden im Bonusmaterial der DVD von „Die Wüstensöhne“): Als er Stan und Ollie mit seiner Flinte durch die Straßen jagt, flüchten aufgrund der Schüsse allerorten andere Männer aus Fenstern.

Der Trick mit dem ansatzlosen Kinnhaken

Eine andere Szene hat mich losprusten lassen: Stan zeigt einem renitenten Nachbarn (Harry Woods) die linke Faust und versetzt ihm unvermittelt und ansatzlos mit der rechten (!) einen Kinnhaken, der seinen Kontrahenten ins Reich der Träume schickt. Da macht Ollie aber Augen! Der hatte kurz zuvor von dem Herrn zwei Tritte in den Hintern kassiert, die an sich Stan galten. Ich musste einfach mehrmals zurückspulen und die Szene erneut schauen. Da man filmische Gags manchmal schwer nacherzählen kann, sei auf die Szene bei YouTube verwiesen.

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„Bleib doch!“ Ollie beschwört seine geplagte Ehefrau

Regisseur John G. Blystone hatte kurz zuvor für „Dick und Doof als Salontiroler („Swiss Miss“) erstmals mit dem Duo zusammengearbeitet. Er starb kurz nach den Dreharbeiten zu „Die Klotzköpfe“ mit nur 45 Jahren an einer Herzattacke. Zu seinen bekanntesten Regiearbeiten zählen „Die verflixte Gastfreundschaft“ („Our Hospitality“, 1923) mit Buster Keaton als Star und Ko-Regisseur sowie das Krimidrama „Great Guy“ (1938) mit James Cagney.

Problemlos zu beschaffen

Kurz der Blick in den Handel: Beschaffungsprobleme bereitet „Die Klotzköpfe“ nicht. Die Einzel-DVD ist lieferbar, ebenso die „Dick & Doof Collection 1“ mit zehn DVDs, in der der Film enthalten ist. Es lohnt sich! Mit seiner enormen Gagdichte ist „Block-Heads“, so der Originaltitel, ein Füllhorn an Dialogwitz und Situationskomik und gehört zweifellos zu den Großtaten von Laurel und Hardy. Im Zusatzmaterial der DVD findet sich in zwei Schnittfassungen (siehe unten) der Kurzfilm „Die brennende Nachbarin“ („Unaccustomed as We Are“, 1929), von dem „Die Klotzköpfe“ ein paar Motive aufgegriffen hat.

Mehr Lektüre über Stan und Ollie

Mehr über Laurel und Hardy von mir zu lesen gibt’s in „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“. Die Titelgeschichte von Ausgabe #10 behandelt US-Filmkomiker, da darf das Duo nicht fehlen. Auch andere Komiker wie Charlie Chaplin, Buster Keaton, Harold Lloyd, die Marx Brothers & Co. werden berücksichtigt. Das Heft kann hier bestellt werden – unter dem Link findet Ihr auch den Inhalt.

Veröffentlichung: 15. April 2010 als DVD, 16. Oktober 2009 in der 10-DVD-Box „Dick & Doof Collection 1“

Länge: 55 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Block-Heads
Alternativtitel: Lange Leitung
USA 1938
Regie: John G. Blystone
Drehbuch: Charley Rogers, Felix Adler, Gilbert Pratt, Harry Langdon, James Parrott, Arnold Belgard
Besetzung: Stan Laurel, Oliver Hardy, Billy Gilbert, Patricia Ellis, Minna Gombell, James Finlayson
Zusatzmaterial: Kurzfilm „Die brennende Nachbarin“ („Unaccustomed as We Are“, 1929) in zwei Versionen: deutsche TV-Fassung aus „Zwei Herren dick und doof“ mit Hanns Dieter Hüsch als Erzähler (14 Min.) und Originalfassung (21 Min.), Über die deutsche Synchronfassung, Starinfos, Produktionsnotizen, Fotogalerie, Wendecover
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2015 by Volker Schönenberger

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Fotos & Packshots: © 2009/2010 Studiocanal Home Entertainment

 

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Auf hoher See – Laurel & Hardy und die Posaune

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Saps at Sea

Komödie // Welch herrlicher „Double Take“: Ollie führt auf hoher See gerade das große Wort gegen den blinden Passagier Nick Grainger (Richard Cramer), als Stan ihm die Zeitung hinhält, die den Mann auf der Titelseite als gesuchten Mörder ausweist. Achtlos reicht Ollie seinem Kumpel das Blatt zurück, redet weiter auf Nick ein, bis ihm – Schluck! – ein Licht aufgeht. Dieses Wahrnehmen eines bedeutsamen Sachverhalts erst im zweiten Atemzug ist ein typisches Stilmittel des Genres Slapstick-Komödie und von Laurel und Hardy in ihren Filmen zur Perfektion getrieben worden.

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Wohin ist der Hafen verschwunden?

Es beginnt mit einem Nervenzusammenbruch: Zum vierten Mal in der Woche wird ein Arbeiter einer Hupenfabrik ins Krankenhaus eingewiesen, der der permanenten Beschallung mit Hupgeräuschen nicht gewachsen war. Auch Stan und Ollie arbeiten dort. Die Liebe steckt im Detail: Im „Horn Testing Department“ finden sich an der Wand Schilder mit den Hinweisen „Quiet Please“ und „Silence While Men Are Working“, während permanent gehupt und getrötet wird.

Zum einen Ohr rein, zum anderen raus

Stan hat damit allerdings keine Probleme: Auf Ollies Frage, ob er sich das ewig anhören könne, erwidert er: Ja, das geht ins eine Ohr rein und beim anderen raus. Ollie hingegen kann es nicht mehr ertragen und rastet aus, sodass die beiden heimgehen dürfen – was zu einer hübschen Szene mit der Verwechslung der beiden unterschiedlich großen Jacken führt, ein weiterer Running Gag, der in den Filmen des Duos häufiger noch mit ihren Hüten zu bemerken ist.

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Hätte Stan nur nicht in die Posaune geblasen

Es sind so viele göttliche Szenen, die ich anführen kann. Als Stan und Ollie ihr Auto besteigen, um nach Hause zu fahren, verklemmt sich – was sonst? – die Hupe, was zu einem Dauerton führt. Sogleich versammelt sich eine Menschenmenge samt Polizist. Stan behebt den Schaden, indem er mit einem Hammer auf den Motor klopft. Der Motor fällt daraufhin durch den Boden auf die Fahrbahn. Unter dem Gelächter der Passanten hievt Stan ihn auf den Rücksitz. Sonderbarerweise fährt das Auto immer noch, wenn auch rückwärts.

Ziegenmilch und Seeluft

Ollies Untersuchung durch den Arzt (wie immer herrlich grimassierend: James Finlayson) ist allein eine szenische Abhandlung wert, aber belassen wir es dabei. Der gute Doktor empfiehlt eine Ziegenmilchdiät und Seeluft. Weil Ollie nicht aufs Meer will, hat Stan die rettende Idee, ein Segelboot zu mieten und einfach im Hafen zu bleiben. Gesagt, getan, doch weil des Nachts die für die Ziegenmilchdiät besorgte Ziege den Tampen durchbeißt, finden sich Stan und Ollie am nächsten Tag auf hoher See wieder – noch dazu in Gesellschaft des flüchtigen Mörders Nick Grainger, der sich aufs Boot geschlichen hat.

Abschied von Hal Roach

„Saps at Sea“, so der Originaltitel, markiert den Anfang vom Ende der großen Laurel-und-Hardy-Komik. Der Vertrag der beiden mit den Hal Roach Studios lief aus, das Duo hatte kurz vor Beginn der Dreharbeiten sogar eine eigene Produktionsfirma gegründet, der allerdings kein großer Erfolg beschieden war. Es folgten noch neun gemeinsame Filme, von denen keiner an ihre Großtaten herankam. Als bestes Spätwerk mag „Die Leibköche seiner Majestät“ („Nothing But Trouble“, 1944) durchgehen. Umso besser, dass Stan und Ollie in „Auf hoher See“ ein Feuerwerk grandioser Gags abbrennen, das seinesgleichen sucht – und nur in früheren Filmen findet. Da wäre unter dem Dach der Hal Roach Studios noch einiges möglich gewesen.

Letzte Zusammenarbeit mit James Finlayson und Charlie Hall

Der Weggang von Roach bedeutete zudem das Ende der Zusammenarbeit mit lieb gewonnenen Nebendarstellern: „Auf hoher See“ ist der letzte Laurel-und-Hardy-Film mit den ewigen Gegenspielern Charlie Hall und James Finlayson, die vertraglich an die Hal Roach Studios gebunden blieben. Für zwei weitere Nebendarsteller war es gar der letzte Film überhaupt: Harry Bernard, in vielen Filmen als Polizist eine Laurel-und-Hardy-Nemesis, starb am 4. November 1940. Einen nur wenige Sekunden dauernden Cameo-Auftritt als Klempner am anderen Ende der Telefonleitung hat der Komiker Ben Turpin, dessen Stern nach Ende der Stummfilmzeit gesunken war. Er starb am 1. Juli 1940.

Bei den Dreharbeiten verliebte sich Oliver Hardy in Virginia Lucille Jones, die als Script Girl dafür zuständig war, die in den Drehbuch-Sitzungen entstandenen Ideen der Gag-Schreiber abzutippen. Sie wurde am 7. März 1940 seine dritte und letzte Ehefrau, blieb bis zu seinem Schlaganfall-bedingten Tod am 7. August 1957 an seiner Seite.

Theo Lingen leitet den Film ein

Auf der mir vorliegenden Kinowelt-DVD ist der Film in der Synchronfassung der ZDF-Reihe „Lachen Sie mit Stan und Ollie“ enthalten – inklusive der charmanten Einleitung von Theo Lingen. Lingen – respektive Joe Hembus, der Lingens Texte geschrieben hat – weist darauf hin, dass der Film „deutlich sichtbar und völlig ungeniert in zwei Teile“ zerfalle, wobei der erste Teil das Thema von Charlie Chaplins vier Jahre zuvor gedrehtem „Moderne Zeiten“ („Modern Times“, 1936) aufnehme: die zermürbenden Bedingungen der Arbeitswelt.

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Bonusfilm: „Gespenst an Bord“: Der Kapitän braucht Hilfe …

Im Zusatzmaterial finden sich die Kurzfilme „Gespenst an Bord“ („The Live Ghost“, 1934) und „Sailors Beware!“ (1927). Letztgenanntes Werk ist ein Stummfilm und zusätzlich in einer kürzeren Fassung mit dem Titel „Die Dame mit den langen Fingern“ enthalten, die von Hanns Dieter Hüsch eingesprochen und in den 70er-Jahren im Rahmen der ZDF-Reihe „Zwei Herren dick und doof“ ausgestrahlt worden ist. Schöne Boni dieser feinen Veröffentlichung des letzten Laurel-und-Hardy-Meisterwerks.

Mehr über klassische US-Filmkomiker

Abschließend ein Hinweis: Die Titelgeschichte über US-Komiker in Ausgabe #10 der Zeitschrift „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ enthält einen Beitrag über Laurel und Hardy von mir. Für alle, die sich mit dem Duo und ihren Kollegen wie Charlie Chaplin, Buster Keaton, Harold Lloyd, den Marx Brothers & Co. befassen wollen: Die Ausgabe kann hier bestellt werden – unter dem Link finden sich auch Angaben zum Inhalt.

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Bonusfilm: „Gespenst an Bord“: … und erweist sich als rabiat

Veröffentlichung: 20. Mai 2010 als DVD, 16. Oktober 2009 in der 10-DVD-Box „Dick & Doof Collection 2“

Länge: 59 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Saps at Sea
Alternativtitel: Abenteuer auf hoher See / Immer wenn er hupen hörte
USA 1940
Regie: Gordon Douglas
Drehbuch: Charley Rogers, Felix Adler, Gilbert Pratt, Harry Langdon
Besetzung: Stan Laurel, Oliver Hardy, James Finlayson, Dick Cramer, Ben Turpin
Zusatzmaterial: Kurzfilme „The Live Ghost“ und „Sailors, Beware!“ plus „Die Dame mit den langen Fingern“, Über die deutsche Synchronfassung, Starinfos, Produktionsnotizen, Fotogalerie, Wendecover
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

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Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshots: © 2009/2010 Studiocanal Home Entertainment

 

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