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Terry Gilliam (IV): Die Abenteuer des Baron Münchhausen – Fuck Your Reality, Imagination Rulez!

The Adventures of Baron Munchausen

Von Lutz R. Bierend

Fantasy-Abenteuer // „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ bildet den dritten Teil von Terry Gilliams informeller Fantasie(Imagination)-Trilogie, welche nach „Time Bandits“ (1981) und „Brazil“ (1985) hier einen überzeugenden Abschluss findet. Während in „Time Bandits“ ein kleiner Junge von seinen Fantasien in wilde Abenteuer getrieben wird und sich in „Brazil“ ein erwachsener Mann mithilfe seiner Fantasie aus einer unerträglichen Realität flüchtet, erleben wir in „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“, wie ein Meister der Fantasie seine Imagination nutzt, um sich die Welt nach seinen Bedürfnissen zu gestalten. Wer sollte dazu besser geeignet sein als der altbekannte Lügenbaron? Dem hatten unter anderen bereits 1943 Hans Albers in der Titelrolle, Erich Kästner als Drehbuchautor (unter dem Pseudonym Berthold Bürger) und Regisseur Josef von Báky in „Münchhausen“ ein Denkmal gesetzt. Nicht nur die treue Anhängerschaft des buntesten Durchhalte-Films des Zweiten Weltkriegs erschwerte es Gilliam, für seine Regiearbeit ein neues Publikum zu finden.

Schneller als Treppensteigen: einfach mit dem Pferd aus dem Fenster springen

Einer der Gründe warum das Werk so unter Wert lief, waren wieder mal (ähnlich wie bei „Brazil“) politische Querelen mit dem Studio. Diesmal vollzog sich während der Produktion von „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ ein Regimewechsel bei Columbia Pictures. Die neuen Verantwortlichen wollten laut IMDb die von ihren Vorgängern begonnenen Produktionen nicht allzu erfolgreich aussehen lassen und nachdem Gilliam sein Budget schon um fast das Doppelte seiner veranschlagten 23,5 Millionen Dollar überzogen hatte, brachte der Verleih den Film in den USA in lediglich 48 Kinos. Bedauerlich, er ist es definitiv wert, von mehr Menschen gesehen zu werden.

Your reality, sir, is lies and balderdash and I’m delighted to say that I have no grasp of it whatsoever.

Auch die Aura des Spießigen die bereits der Name Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen mit sich bringt, war zusammen mit seinen eher klischeehaften Rollenmodellen schon in den 80ern des 20. Jahrhunderts nicht mehr wirklich PC. Außerdem kennt jeder den Ritt auf der Kanonenkugel und die meisten anderen Geschichten die den Lügenbaron in die Literaturgeschichte haben eingehen lassen. Als ich damals die Ankündigung las, dass Gilliam Baron Münchhausen verfilmt, fiel mir die Vorstellung schwer, wie man aus dieser Geschichte noch etwas Sehenswertes herausquetschen kann. Aber zum Glück heißt der kreativere Terry der Monty Pythons immer noch Gilliam, und er hatte schon vorher gezeigt, dass er klassische Themen durch Entschlackung und seine ganz eigene Perspektive faszinierend neu gestalten kann. So inszenierte er den „Jabberwocky“ (1977) aus Lewis Carrolls „Alice hinter den Spiegeln“ ohne die dazugehörigen Alice und das Wunderland, sein filmischer Beitrag zum Überwachungsjahr 1984 kam ohne den Big Brother aus – der erste Arbeitstitel seiner kafkaesken Dystopie „Brazil“ lautete „1984 and ½“. Nun also sollte Baron Münchhausen einer Radikalkur unterzogen werden.

Late 18th Century. The Age of Reason. Wednesday.

Der Film beginnt in einer namenlosen, vermutlich österreichischen Stadt, die von den Türken belagert wird. Es ist das Zeitalter der Vernunft. Mittwoch. Öffentliche Bekanntmachungen empfehlen den Einwohnern, Nahrung zu sparen und es doch mal mit Kannibalismus zu probieren. Die Türken schießen unverschämterweise selbst am Mittwoch die halbe Stadt in Trümmer und die Bevölkerung der belagerten Metropole vertreibt sich die Zeit in einem Theater. Man gibt „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“. In seiner Loge bespricht währenddessen der hochwohlgeborene Bürgermeister Horatio Jackson (Jonathan Pryce) mit seinem Stab die Lage und beklagt sich über das unsittliche Verhalten des belagernden Sultans (Peter Jeffrey), weil dieser es wagt, am Mittwoch zu kämpfen. Nebenbei wird ihm ein Offizier (Sting) vorgestellt, der ganz allein sechs Kanonen des Feindes zerstört und zehn gefangene Kameraden befreit hat. Der muss natürlich umgehend hingerichtet werden. Wo komme man denn hin, wenn solch emotionale, von toxischer Maskulinität getriebenen Kerle die durchschnittlichen Soldaten herabwürdigen, weil sich diese natürlich nie mit solchem Heldenmut messen können.

We can’t have such emotional people demoralising the average citizen.

Währenddessen bemühen sich die Schauspieler redlich, ihr Stück zu Ende zu bringen. Das wird dadurch erschwert, dass inzwischen alle Bühnentechniker der Belagerung zum Opfer gefallen sind. Dann erscheint ein alter Mann (John Neville), der die Aufführung lautstark unterbricht. Er kann nicht mit ansehen, wie sein Leben von ein paar Chargen als Ansammlung von Lügengeschichten dargestellt wird. Der wahre Baron Münchhausen übernimmt die Hauptrolle und erklärt dem Publikum, wie es zu dieser Belagerung durch die Türken kommen konnte. Eine leichtfertige Wette zwischen Baron und Sultan habe den Herrscher der Osmanen um den Inhalt seiner Schatzkammer gebracht.

Wenn so reizende Damen fragen – wie kann man da nicht die Stadt retten wollen?

Letztendlich wird die Aufführung von den Kanonen des Sultans beendet und Horatio Jackson ordnet an, die Theatertruppe solle die Stadt verlassen. Wer mit solchem fantastischen Kokolores die Rationalität untergräbt, hat dort nichts zu suchen. Von den anwesenden Damen und allen voran von der kleinen Tochter des Chefs der Theatertruppe Sally Salt (Sarah Polley in einer frühen Rolle) lässt sich der Baron überreden, doch nicht zu sterben und stattdessen loszuziehen, um seine außergewöhnlichen Diener zu suchen, mit denen er die Belagerung durch den Sultan im Nu beenden kann. Mit einigen hundert Damenschlüpfern und einem Schiff aus der Bühnenrequisite bauen die Schauspieler einen Heißluftballon, und der Baron macht sich auf den Weg zum Mond.

Der Baron und Sally auf dem Weg zum Mond

Münchhausen hat allerdings die Rechnung ohne Sally gemacht, die sich in dem Ballon versteckt hat und dem Baron nun bei seiner Suche nach den Dienern zur Seite steht. Mit ihr zusammen muss er zuerst zum König vom Mond, dessen Frau immer noch dem Charme des Barons verfallen ist, in den Vesuv hinab, wo er mit Venus (Uma Thurman in einer ebenfalls frühen Rolle) anbändelt, und darf nach Sturz durch den Erdkern auch seine letzten Diener finden. Während der Baron bei dem einen oder anderen Flirt gern die Zeit vergisst und zwischendurch sein Interesse am Leben verliert, ist es Sally, die den alten Mann immer wieder an seine Aufgabe erinnert und nicht sterben lässt, bevor er die Stadt nicht gerettet hat. Aber der Tod ist ein ständiger Begleiter des Barons und will nicht ohne dessen Lebenslicht von dannen ziehen.

…any famous last words?

Not yet.

Not yet? Is that famous?

Natürlich kann man „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ vorwerfen, er sei (wie „Time Bandits“) eine Nummernrevue, in der die nettesten Momente der klassischen Lügengeschichten abgehakt werden, aber letztlich ist es Terry Gilliams Fähigkeit zu verdanken, großartige Bilder zu einem bizarren Gesamtwerk zusammenzufügen, dass der Film auch nach dem dritten Schauen immer noch überraschende Details bietet und bei genauerer Betrachtung sogar eine relativ klassische Dramaturgie hat, auch wenn sich der Zuschauer zwischendurch in den Unglaublichkeiten verliert. Die vielen legendären Momente, allen voran der Ritt auf der Kanonenkugel, passieren so überraschend beiläufig, dass sie ihre Schönheit beim ersten Sehen fast untergeht.

I didn’t fly miles. It was more like a mile-and-a-half. And I didn’t precisely fly. I merely held onto a mortar shell in the first instance and then a cannonball on the way back.

Wie so oft bei Gilliam hat man ohnehin das Gefühl, dass der Film immer kurzweiliger wird, je häufiger man ihn sieht. Wirkt die Reise, auf die der Regisseur den Zuschauer mitnimmt, beim ersten Mal etwas planlos und lang, weil man sich zu sehr mit der Frage beschäftigt, wohin die Reise einen führen wird, wird sie von Mal zu Mal schöner und kurzweiliger. Einfach da sitzen und darauf vertrauen, dass das Gezeigte bis zum Abspann noch ein kohärentes Ganzes ergibt, ist bei Gilliam immer ein guter Rat. Eines sei verraten: Am Ende siegt die Fantasie grandios über die Vernunft und über die Realität. Baron Münchhausen ist halt kein Anfänger wie Sam Lowrie aus „Brazil“, dem seine Fantasie nur noch hilft, aus einer unerträglichen Realität zu fliehen. Er ist ein Meister und dadurch, dass er seine Zuhörer und Zuschauer an seine Hirngespinste glauben lässt, werden sie für alle wahr.

He won’t get far on hot air and fantasy.

Terry Gilliam urteilte über die Verfilmung mit Hans Albers, dieser hinge leider Zwanghaftigkeit an: Die Deutschen wollten zeigen, dass sie einen Zwei-Fronten-Krieg führen und trotzdem den aufwendigsten Fantasy-Film ihrer Zeit drehen können. „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ hingegen springt spielend zwischen – fast brutalem – Realismus und der manchmal absurden Schönheit der Fantasiewelten des Barons hin und her. Wenn die türkischen Belagerer die Stadt in Schutt und Asche schießen und die verletzten Einwohner aus den Trümmern geborgen werden, fragt man sich schon, ob man wirklich in einem Familienfilm gelandet ist. Auch der Harem des Sultans ist meilenweit entfernt von den klassischen Darstellungen, die man aus Hollywoods 1001-Nacht-Verfilmungen wie „Der Dieb von Bagdad“ (1940) oder „Sindbads siebente Reise“ (1958) kennt. Man findet man kaum eine Frau, welche den westlichen Schönheitsidealen entspricht. Wohingegen Details wie die Längen- und Breitengrade auf der Erdkugel, auf die der Baron, Sally und sein Diener Berthold (Eric Idle) bei der Rückreise vom Mond herunterfallen, darauf hindeuten, dass sich die Geschichte wohl doch eher im Kopf eines Kindes abspielt, welches letztlich auch die Person ist, welche die Stadt rettet. Terry Gilliam widmete diesen Film seiner Frau und ihren beiden Töchtern, und offensichtlich nimmt er seine Kinder sehr ernst. Die Authentizität der Belagerung bildet einen guten Kontrast für eine fantastische, leichtfüßige Geschichte, die mit dem notwendigen Augenzwinkern erzählt wird, um den größten Lügner aller Zeiten nicht altbacken wirken zu lassen. Zu keiner Sekunde kommt das Gefühl auf, man würde die Geschichte bereits aus der Hans-Albers-Verfilmung kennen.

Ah, the real Baron Munchhuusen!

„Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ ist ein wunderscherschönes Abenteuer über die Macht der Fantasie geworden, und man versteht nach der Sichtung gut, weshalb Joanne K. Rowling Terry Gilliam als Regisseur für die Harry-Potter-Verfilmung favorisierte. Allerdings wird an ihm auch deutlich, warum es eine wirtschaftlich sehr vernünftige Entscheidung von Warner Bros. war, Rowling ihren Wunsch zu verwehren. Die Filme wären zweifellos noch atemberaubender und fantasievoller geworden, aber Gilliam ist einfach kein Blockbuster-Regisseur und es ist zu bezweifeln, dass er 2019 bereits den Gefangenen von Askaban befreit hätte.

Der König des Mondes ist nicht gut auf Münchhausen zu sprechen

Die Produktion von „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ war – wie bei fast jedem Terry-Gilliam-Film – von diversen Katastrophen geplagt. Am Ende des Budgets war weder die Szene mit dem König vom Mond gedreht, noch hatte Gilliam den eigentlich für diese Rolle vorgesehenen Sean Connery gewinnen können. Als Ersatz sprang Robin Williams ein, der direkt aus dem Flieger zum Set gebracht wurde, und seine Rolle als geübter Stand-up-Comedian fast komplett improvisierte. Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, dass das mal anders geplant war. Wer sich fragt, warum der Film nicht in Willams’ offizieller Filmografie gelistet ist: Im Nachspann steht er als Ray D. Tutto, denn das Geld war verbraucht, Williams spielte gratis und durfte deshalb nicht namentlich genannt werden.

Auch bei Vulkan und Venus hängt dank des alten Charmeurs der Haussegen schief

Die meisten Darsteller empfanden den Dreh als Zumutung. Sarah Polley bezeichnete die Erfahrung als traumatisierendes Kindheitserlebnis. Sie ist übrigens der einzige Grund, weswegen man die Originalfassung der ansonsten außerordentlich guten Synchronfassung vorziehen sollte. Wer sich beklagt, dass dieses Kind in der deutschen Fassung nervt, sollte sich davon überzeugen, dass sie im Englischen ein ganz entzückender Motor für das Voranschreiten der Geschichte ist. Kinder zu synchronisieren, das scheinen die Deutschen überhaupt nicht zu können. Ansonsten macht es auch Spaß, in der englischen Fassung zu hören, auf wie viele verschiedene Arten Engländer den Namen Münchhausen aussprechen können.

It wasn’t just a story, was it?

Von Gilliams altem Monty Python-Kollegen Eric Idle ist die Lebensweisheit überliefert: „Bis zu Munchausen war ich sehr schlau im Umgang mit Terry-Gilliam-Filmen. Sieh sie dir um jeden Preis an, aber sei nie ein Teil von ihnen. Es ist ein verdammter Wahnsinn!“ In einem Interview erklärte Gilliam einmal den Unterschied zwischen Blockbuster-Regisseuren wie Steven Spielberg und Filmemachern wie Stanley Kurbrick: „Meiner Meining nach basiert der Erfolg der meisten Hollywood-Filme in diesen Tagen auf der Tatsache, dass sie tröstlich sind. Sie binden große Fragen in schönen kleinen Päckchen zusammen und geben dem Zuschauer Antworten. Selbst wenn die Antworten dumm sind. Es sind Antworten. Du gehst nach Hause und machst dir keine Sorgen. Die Kubricks dieser Welt, die großartigen Filmemacher lassen Sie nach Hause gehen und darüber nachdenken.“ Terry Gilliam ist definitiv ein Filmemacher, der das Publikum mit Fragen nach Hause schickt. Bei „Das Kabinett des Doktor Parnassus“ (2009) und „The Zero Theorem“ (2013) haben diese Fragen zwar so sehr überhandgenommen, dass sich nur Hardcore-Fans auf ein zweites Sehen einlassen, aber selbst bei „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ gelingt es Gilliam, das Publikum erst mal verwirrt zurückzulassen. Aber vermutlich werden seine Filme deshalb auch von Mal zu Mal schöner, weil sich die Fragen beim zweiten und dritten Schauen entwirren und man sich auf all die vielen Details konzentrieren kann, für die kaum ein Hollywoodproduzent sein Budget rauswerfen will.

Mal wieder hat der Baron sein Leben satt …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Terry Gilliam sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Uma Thurman unter Schauspielerinnen, Filme mit Oliver Reed und Robin Williams in der Rubrik Schauspieler.

… und will dem Sultan seinen Kopf schenken

Veröffentlichung: 8. Mai 2008 als 20th Anniversary Edition Blu-ray, 10. April 2008 als 20th Anniversary Edition Doppel-DVD, 1. Oktober 1999 als DVD

Länge: 126 Min. (Blu-ray), 121 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Adventures of Baron Munchausen
GB/BRD 1988
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Charles McKeown, Terry Gilliam
Besetzung: John Neville, Eric Idle, Sarah Polley, Oliver Reed, Charles McKeown, Winston Dennis, Jack Purvis, Valentina Cortese, Jonathan Pryce, Bill Paterson, Peter Jeffrey, Uma Thurman, Alison Steadman, Sting, Robin Williams
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Terry Gilliam & Ko-Drehbuchautor/Schauspieler Charles McKeown, Wahnsinn & Missgeschicke bei der Produktion, Storyboards, entfallene Szenen, „Willkommen in der fantastischen Welt Münchhausens“
Label/Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2019 by Lutz R. Bierend

Den Tod vor Augen, begehren die Bewohner gegen ihren Bürgermeister auf

Szenenfotos & Packshot: © 2008 Sony Pictures Home Entertainment

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Haus des Grauens – Des Wahnsinns fette Beute

Paranoiac

Von Volker Schönenberger

Psychothriller // War 1963 das Jahr der Familien am Rande des Nervenzusammenbruchs? In der von Roger Corman produzierten frühen Francis-Ford-Coppola-Regiearbeit „Dementia 13“ ging es ebenfalls um die Erbschaft einer begüterten Familie und tödliche Umtriebe. In der Hammer-Films-Produktion „Haus des Grauens“ sind es die Ashbys, bei denen der Haussegen gehörig schief hängt. Eleanor (Janette Scott) hat den Unfalltod ihrer Eltern elf Jahre zuvor nie verwunden. Dass sich wenige Jahre später ihr Bruder Tony anscheinend in selbstmörderischer Absicht von den nahe gelegenen Klippen ins Meer stürzte, wirkte zusätzlich traumatisierend. Sein Leichnam wurde nie gefunden.

Lebemann Simon hegt finstere Absichten

Eleanors zweiter Bruder Simon (Oliver Reed) frönt dem Alkohol, schnellen Autos und schönen Frauen und lebt auf diese Weise über seine Verhältnisse. Nur noch wenige Wochen trennen ihn vom Zugriff auf die Erbschaft – das Vermögen wurde seit dem Tod der Eltern vom Treuhänder John Kosset (Maurice Denham) verwaltet, der die Ashby-Nachkommen eher kurz hielt. Verständlicherweise passt es Simon gar nicht, als wie aus heiterem Himmel ein Mann (Alexander Davion) auftaucht, der behauptet, Tony Ashby zu sein und seinen Selbstmord seinerzeit vorgetäuscht zu haben. Muss das Erbe nun durch drei geteilt werden?

Auf den Spuren von „Die Teuflischen“

Ich gestehe: Meine Sichtung von Henri-Georges Clouzots „Die Teuflischen“ (1954) liegt zu lange zurück, als dass ich mich zu ausführlichen Vergleichen hinreißen lassen könnte. Jedenfalls lösten Henri-Georges Clouzots Regiearbeit und natürlich Alfred Hitchcocks „Psycho“ (1960) einen Boom an Psychothrillern aus, die mal mit mehr, mal mit weniger Horror-Elementen daherkamen. Da wollte auch die britische Produktionsfirma Hammer Films nicht nachstehen – „Ein Toter spielt Klavier“ („Taste of Fear“) markierte 1961 den ersten Beitrag mit kräftigem Psycho-Einschlag.

Driftet Eleanor (r.) in den Wahnsinn ab?

„Paranoiac“, so der Originaltitel von „Haus des Grauens“, zeigt in schönen Schwarz-Weiß-Bildern einen mit vollem Einsatz aufspielenden Oliver Reed, seinerzeit mit Filmen wie „Der Fluch von Siniestro“ (1961) und „Sie sind verdammt“ (1963) zum Stammpersonal von Hammer Films zu zählen. Reeds kraftvolle Präsenz lässt die anderen Figuren etwas in den Hintergrund rücken, speziell Alexander Davion als verlorener Sohn – oder Hochstapler? – Tony kann da charismatisch leider nicht ganz mithalten.

Verlorener Sohn oder Hochstapler?

Die mehrschichtige Story gleicht das aber aus. Ein Sohn mit finsteren, ein Heimkehrer mit undurchsichtigen Absichten – das bringt Spannung und eine Erwartungshaltung, die vom weiteren Verlauf auch eingelöst wird. Gleitet Eleanor langsam in den Wahnsinn ab? Das Schicksal der jungen Frau interessiert uns. Die Schaffung von Atmosphäre wird bei Hammer seit jeher großgeschrieben, auch „Haus des Grauens“ hält die Messlatte in dieser Hinsicht hoch, nicht zuletzt auch durch die sperrige Musik.

Die junge Frau freut sich über Tonys Rückkehr – aber ist es Tony?

An der Neuveröffentlichung von „Haus des Grauens“ von Anolis Entertainment gibt es wie gewohnt nichts zu mäkeln. Der 20. Teil der Hammer Edition des Labels gehört zu den weniger bekannten Filmen der Produktionsfirma. Umso positiver ist zu würdigen, dass Anolis auch diesmal die selbst auferlegten Qualitätsstandards hält. Hammer-Films-Sammler werden sich den Film sowieso zulegen – ob in Form des Mediabooks oder als Softcase-Edition. Wer beklemmendem Psycho-Thrill frönt, kann ebenfalls bedenkenlos zuschlagen. Ein Jahr später legte die kreative Kombination aus Drehbuchautor Jimmy Sangster und Regisseur Freddie Francis mit „Der Satan mit den langen Wimpern“ gekonnt einen weiteren Psychothriller nach.

Simon (r.) hat da Zweifel

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Freddie Francis sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Oliver Reed in der Rubrik Schauspieler. Einen lesenswerten Text über „Haus des Grauens“ gibt’s auch bei den Kollegen von Evil Ed zu lesen.

Was geht im Haus des Grauens vor?

Veröffentlichung: 16. Februar 2018 als Blu-ray im limitierten Mediabook (in zwei Covervarianten) und Blu-ray, 5. Dezember 2008 als DVD

Länge: 80 Min. (Blu-ray), 77 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Paranoiac
GB 1963
Regie: Freddie Francis
Drehbuch: Jimmy Sangster, nach Motiven von Josephine Teys Roman „Brat Farrar“
Besetzung: Janette Scott, Oliver Reed, Sheila Burrell, Maurice Denham, Alexander Davion, Liliane Brousse, Harold Lang, Arnold Diamond, John Bonney, John Stuart
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen und Volker Kronz, Making-of, amerikanischer Kinotrailer, deutscher, britischer und französischer Werberatschlag, Filmprogramm, Bildergalerie, nur Mediabook: 24-seitiges Booklet mit Texten von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad
Label/Vertrieb: Anolis Entertainment (Vertrieb DVD: Koch Films)

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Fotos & Packshots: © 2018 Anolis Entertainment

 

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David Cronenberg (VI): Die Brut – Materialisierter Trennungsschmerz

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The Brood

Von Simon Kyprianou

It was very emotional, it was vengeance. It was definitely catharsis in a very personal way for me. That explains my famous statement, that this was my version of “Kramer vs. Kramer”, which was the most false, sentimental, bullshit movie ever. (David Cronenberg)

SF-Horror // Nola Carveth (Samantha Eggar) ist in der psychiatrischen Klinik von Dr. Ragland (Oliver Reed) und lässt sich ominöser, moderner Behandlungsmethoden unterziehen. Plötzlich tauchen geschlechtslose, entstellte Kinder im Leben ihres Ehemanns Frank (Art Hindle) und ihrer Tochter Candice (Cindy Hinds) auf und töten Menschen, angefangen mit Candices Großeltern. Fieberhaft versucht Frank, den Morden auf die Spur zu kommen.

Genrekino und Arthausfilm gleichermaßen

In seinen Frühwerken hat David Cronenbergs mit schlafwandlerischer Sicherheit den Balanceakt zwischen räudigem Genrekino und hochintelligentem Kunstfilm geschafft. So auch bei „Die Brut“: Cronenberg gelingt es, mit der Kamera etwas sichtbar zu machen, was ohne die Kamera unsichtbar geblieben wäre, eine Fähigkeit, die der Mehrzahl der heutigen Filmemacher laut Jean-Luc Godard abgeht. All den Hass, die Angst und die Wut, die bei einer Trennung unter der Fassade der Menschen schwelen, verwandelt Cronenberg in organische Objekte – die entstellten Kinder. So gelingt es ihm, abstrakte Gefühle und diffuse Seelenzustände fassbar und erfahrbar zu machen.

Sezierung des Hasses

Cronenberg untersucht und fühlt sich ein in den Schmerz und die Wut einer Scheidung, einer Trennung und auch die Auswirkungen auf Kinder. Er demaskiert und seziert den Hass, der normalerweise unter der kultivierten Oberfläche verborgen bleibt. Howard Shores unheilvolle Klänge und Cronenbergs langsam treibende Inszenierung verdichten diese konsequente Übersetzung seelischen Schmerzes auf direkte körperliche Schädigung bis hin zum Ende, an dem Cronenberg Menschen in einem schockierenden, trashigen Inferno zu Tieren werden lässt. Eine konsequente, fantastische Kollision der Emotionen, eine Studie und Beobachtung von roher Menschlichkeit. „Die Brut“ ist für Cronenberg, was für Andrzej Zulawski „Possession“ ist.

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Nola ist nicht gut auf ihren Mann Frank zu sprechen …

Nachdem Criterion den Film kürzlich in den USA in einer herausragenden Edition veröffentlicht hat, ist „Die Brut“ nun endlich auch hierzulande mit einer angemessenen Veröffentlichung im Mediabook bedacht worden. Die 2-Disc Collector’s Edition vom jungen Label Wicked-Vision Media erhält zahlreiche aufwändig produzierte Extras, ein ausführliches Booklet von Marcus Stiglegger sowie einen Audiokommentar von Stiglegger und seinem Kollegen Kai Naumann. Eine bessere Edition hätte man sich nicht wünschen können. Es bleibt zu hoffen, dass in naher Zukunft auch die Filme von Cronenberg bedacht werden, zu denen es noch keine derartigen Veröffentlichungen gibt – wie beispielsweise „Crash“.

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… und hetzt ihm die Brut auf den Hals

Abschließend ein Kommentar zur bis 2013 andauernden Indizierung von „Die Brut“ in Deutschland – von Cronenberg persönlich: Censors tend to do what only psychotics do: they confuse reality with illusion.

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Die richtet gehörig Schaden an …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von David Cronenberg sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Oliver Reed in der Rubrik Schauspieler.

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… und macht selbst vor Franks und Nolas Kind nicht Halt

Veröffentlichung: 5. August 2016 als 2-Disc Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, limitiert auf 2999 Exemplare), 7. Juli 2006 als DVD

Länge: 87 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Brood
KAN 1979
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: David Cronenberg
Besetzung: Oliver Reed, Samantha Eggar, Art Hindle, Cindy Hinds, Susan Hogan
Zusatzmaterial Mediabook: 24-seitiges Booklet von Prof. Dr. Marcus Stiglegger, Audiokommentare, Featurettes, Super-8-Fassung, TV-Spot, Radio-Spot, Teaser, Trailer, Bildergalerien
Zusatzmaterial DVD: Filmografien von David Cronenberg, Oliver Reed, Samantha Eggar, Art Hindle, Henry Beckman
Label/Vertrieb Mediabook: Wicked-Vision Media
Label/Vertrieb DVD: Black Hill Pictures / Warner Home Video

Copyright 2016 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2016 Wicked-Vision Media

 

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