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Star Wars: Episode IX – Der Aufstieg Skywalkers: Palpatines Rückkehr

Star Wars: Episode IX – The Rise of Skywalker

Kinostart: 18. Dezember 2019

Von Volker Schönenberger

SF-Abenteuer // Wohin steigt Skywalker auf? In den Himmel? In die Macht? In die Erste Liga? Ist die deutsche Titelübersetzung womöglich ungenau? „Rise“ kann immerhin auch „Auferstehung“ bedeuten. Und welche/r Skywalker ist gemeint? Fragen, für die man nach der Sichtung von „Star Wars: Episode IX – Der Aufstieg Skywalkers“ unterschiedliche Antworten finden kann. Um Spoiler zu vermeiden, will ich darauf aber nicht weiter eingehen.

Rey perfektioniert ihre Jedi-Fähigkeiten

Keinen Spoiler stellt es dar, auf die Wiederkehr des ehemaligen Imperators Palpatine (Ian McDiarmid) hinzuweisen, wird der Sith-Lord doch bereits im traditionell zu Beginn des Films eingeblendeten Text erwähnt. An düsterer Stätte trifft Kylo Ren (Adam Driver) auf der Suche nach der Quelle der dunklen Macht auf Palpatine. Der verspricht ihm eine gigantische Flotte von Sternenzerstörern; als Gegenleistung soll Kylo dem Sith-Lord Rey (Daisy Ridley) ausliefern. Dem Sohn von Leia Organa (Carrie Fisher) und Han Solo (Harrison Ford) winkt unbeschreibliche Macht – sein Regime der Ersten Ordnung würde als „Final Order“ der Rebellion endgültig den Garaus machen.

Von der Schrottsammlerin zur Jedi-Ritterin

Rey ahnt davon anfangs nichts, die vormalige Schrottsammlerin trainiert hart, um ihre Jedi-Fähigkeiten zu perfektionieren. Doch bald schon bricht sie mit ihren wackeren Weggefährten Poe Dameron (Oscar Isaac), Finn (John Boyega), Chewbacca (Joonas Suotamo) und C-3P0 (Anthony Daniels) auf, sich der dunklen Bedrohung entgegenzustemmen.

Unsere Helden werden …

Disney ist für „Der Aufstieg Skywalkers“ auf Nummer Sicher gegangen und hat J. J. Abrams auf den Regiestuhl gesetzt, der bereits „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“ (2015) inszeniert hatte. Bei „Star Wars: Episode VIII – Die letzten Jedi“ (2017) war er lediglich als Executive Producer in Erscheinung getreten, die Regie hatte Rian Johnson („Brick“, „Knives Out – Mord ist Familiensache“) übernommen. Abrams weiß, dass er Fan-Erwartungen erfüllen muss, was angesichts der Fülle ikonischer Figuren, Motive und Elemente keine Schwierigkeit darstellt. Der aus bekannten Versatzstücken der vorherigen Soundtracks zusammenkomponierte Score von John Williams trägt dazu bei und macht das immerhin gut.

… von Sturmtruppen gejagt

Das vertraute Gefühl stellt sich natürlich zwangsläufig mit dem ersten Fanfarenstoß, dem „Star Wars“-Schriftzug und dem sich von unten ins Sternenbild schiebenden Text ein und verlässt uns bis zum Ende nicht mehr. Kylo Rens und Reys Lichtschwerter kommen ausgiebig zum Einsatz, wobei mir das Design von Kylos Waffe nach wie vor ein Schmunzeln abringt – der Oberste Anführer der Ersten Ordnung musste immerhin trainieren, wie er es vermeidet, sich im Kampf ständig die kurzen Parierstangen am Griff seines Lichtschwerts in den Oberschenkel zu rammen. Auf dem von Sand bedeckten Planeten Pasaana bekommen wir eine rasante Verfolgungsjagd mit schlittenartigen Fahrzeugen geboten, und auch die Raumschiffe bieten großen Wiedererkennungswert, angeführt natürlich vom „Millennium Falcon“.

In den Trümmern des Todessterns

Ihre Mission führt unsere Heldinnen und Helden auf einen weiteren neuen Schauplatz: den von stürmischen Ozeanen bedeckten Mond Kef Bir nicht allzu weit entfernt vom Waldmond Endor, den wir aus „Star Wars: Episode VI – Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ (1983) kennen. Dort befinden sich Trümmer des zweiten Todessterns, in deren Innern sich ein dringend benötigtes Artefakt befindet.

Alter Bekannter: Lando Calrissian

Neue Figuren gibt es hüben wie drüben ein paar, sie können es jedoch an Bedeutung nicht mit Rey, Poe, Finn und Kylo Ren aufnehmen. Genannt seien General Pryde (Richard E. Grant) als erster Untergebener von Kylo Ren sowie die Amazonen Zorii Bliss (Keri Russell) und Jannah (Naomi Ackie). Beide Frauen scheinen aber in erster Linie als Love Interest für Poe Dameron und Finn installiert worden zu sein, auch wenn diese Romantik lediglich angedeutet wird. Das wirft die Frage auf, weshalb nicht Finns Beziehung zu Rose Tico (Kelly Marie Tran) ausgebaut worden ist – die beiden hatten in „Die letzten Jedi“ prima harmoniert. Hat Disney etwa Angst vor der eigenen Courage bekommen, eine sexuelle Beziehung zwischen einem Dunkelhäutigen und einer Asiatin zuzulassen, sodass Finn nun unbedingt eine Partnerin gleicher Hautfarbe an die Seite gestellt bekommen musste? Auch Spekulationen über eine Homosexualität Poe Damerons sind nun beendet. Das kann man bedauern oder ignorieren. Bezüge zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen sucht man vergebens, aber „Star Wars“ stand in meinen Augen immer auch für Eskapismus in Reinkultur. Wenn ich in diese Welt eintauche, dürfen die Probleme der Realität gern draußen bleiben.

Carrie Fisher ruhe in Frieden

Leia Organa hat mit wenigen Szenen durchaus tragende Bedeutung. Der Tod Carrie Fishers im Dezember 2016 stellte Produktion und Regie vor einige Probleme, die gelöst wurden, indem man nicht verwendete Aufnahmen der beiden Vorgängerfilme einmontierte. Das fällt nicht weiter auf und geht in Ordnung, „Der Aufstieg Skywalkers“ erweist der Verstorbenen in würdiger Manier die letzte Ehre. Sie ruhe in Frieden.

BB-8 findet einen Freund

Die 2014 für ihre Nebenrolle im Sklavereidrama „12 Years a Slave“ mit dem Oscar prämierte Lupita Nyong’o („Black Panther“) tritt wieder als Maz Kanata in Erscheinung, auch wenn sie als Alienwesen nicht erkennbar ist. Domhnall Gleeson („Ex Machina“) ist erneut als „First Order“-General Hux zu sehen, seine Rolle hinterließ bei mir allerdings ein Achselzucken.

Kurz vor dem Showdown beschlich mich die Furcht, auch bei „Der Aufstieg Skywalkers“ könne sich das dramatische Logikloch öffnen, eine gewaltige Bedrohung mit einer simplen Achillesferse bezwingbar zu machen. Man erinnere sich nur an die Verwundbarkeit der Todessterne, und auch die Starkiller-Basis in „Das Erwachen der Macht“ ließ sich letztlich recht einfach zerstören. Diese Gefahr umschiffte J. J. Abrams glücklicherweise dann doch, was mich aufatmen ließ. Bei ein paar Aspekten stellen sich mir andere Logikfragen, etwa die der Herkunft der neuen Sternenzerstörer-Flotte, die so gewaltig ist, dass ihr Bau kaum unbemerkt hätte bleiben können. Und auf welche Weise hat Palpatine ihre Besatzungen rekrutiert? Oder lenkt er sie mit Sith-Kräften gar selbst? Wie konnte er überhaupt aus dem Tod zurückkehren?

Ist das gut oder schlecht?

„Der Aufstieg Skywalkers“ eignet sich vorzüglich dazu, sowohl positiv als auch negativ rezensiert und rezipiert zu werden, weshalb es mir schwerfällt, mich für eine Seite zu entscheiden. An der Tricktechnik und den Effekten ist nichts auszusetzen. Derartige Welten mit einer Vielzahl exotischer Schauplätze und Figuren zu erschaffen, erfordert nach wie vor enormen Aufwand, aber so viel Know-how, Kunstfertigkeit und Fantasie haben die Studios. Abrams führt die Story der dritten Trilogie zu einem logischen Finale, so weit, so gut. Die Action inszeniert er mitreißend, sie hält das Niveau der Saga. Auch die Entwicklung der beiden wichtigsten Charaktere Kylo Ren und Rey wirkt jederzeit nachvollziehbar. Besonders Adam Driver überzeugt mit seiner Darstellung der inneren Zerrissenheit seiner Figur. Die Kluft zwischen seinem guten und bösen Ich erscheint mir zwar arg groß, denn immerhin hat er seinen Vater ermordet und ist auch sonst für jede Schandtat zu haben, aber seinerzeit wurden seinem Großvater Anakin Skywalker monströseste Missetaten verziehen – Darth Vader durfte am Ende sogar gütig lächelnd an der Seite von Yoda und Obi-Wan Kenobi eins mit der Macht sein. Daisy Ridley hat es da etwas einfacher, angesichts von Reys Güte stellt sich gar nicht erst die Frage, ob sie Kylo Rens Werben nachgeben wird. Zwar fühlt sie ein sonderbares Band zwischen ihm und ihr, das hindert sie aber nicht daran, mit Macht gegen ihn anzutreten.

Der „Millennium Falcon“ tut’s noch immer

Fanbedienung hat in „Der Aufstieg Skywalkers“ größte Bedeutung, dafür steht nicht zuletzt die Rückkehr von Lando Calrissian (Billy Dee Williams), der beizeiten wieder auf dem Pilotensitz des „Millennium Falcon“ Platz nehmen darf. Für die Star-Wars-Jünger gibt es viel zu entdecken, vor allem wiederzuentdecken. Mutig sieht anders aus, und das verhindert auch, dass „Der Aufstieg Skywalkers“ zu einem herausragenden Film wird. Episch? Ganz sicher. Von epischer Größe? Ganz sicher nicht, dafür mangelt es zu sehr an Originalität.

Das waren noch Zeiten

Ich entsinne mich, am Tag der deutschen Premiere – dem 9. Dezember 1983 – im rappelvollen Kino in Hamburg gesessen und gierig darauf gewartet zu haben, dass „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ endlich beginnt. Mehr als ein halbes Jahr zuvor hatte das vermeintliche Finale der Saga bereits seine Weltpremiere in den USA gefeiert – kein Vergleich zur heutigen Zeit mit ihren weltweiten Startterminen innerhalb weniger Tage. Wie auch immer, jedenfalls hatten wir monatelang auf dieses Kino-Großereignis hingefiebert. Derlei Larger-than-Life-Blockbuster waren damals noch deutlich rarer gesät als heute und daher so oder so etwas Außergewöhnliches. Es mag Krieg-der-Sterne-Junkies geben, die seit „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“ jedes Jahr kurz vor Weihnachten unruhig auf ihrem Hosenboden hin und her rutschen, weil sie die neueste Episode oder die nächste „Star Wars Story“ nicht abwarten können, aber die Inflation der Blockbuster von Marvel über DC und Godzilla nebst King Kong usw. lässt all diese Produktionen leider beliebig erscheinen. Damit tut man und tue ich dem einen oder anderen Beitrag sicher unrecht, aber es stellt sich einfach kein Gefühl eines besonderen Erlebnisses mehr ein. Ein solches Gefühl vermitteln zumindest mir nur noch kleinere Produktionen bis hin zum Independent-Film.

Kein Wunder – bei der Besatzung

Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass sich in Cast wie Crew der Star-Wars-Saga etliche Beteiligte tummeln, die sich mit Leib und Seele diesem Projekt verschrieben haben und Herzblut investieren. Es schimmert auch immer wieder durch, sei es mittels toller Tricks oder liebevoll gestalteter Figuren. Dennoch bleibt der schale Beigeschmack, dass es Disney letztlich nur darum geht, den an George Lucas gezahlten horrenden Kaufbetrag fürs Franchise wieder hereinzubekommen.

Werden sich Zorii Bliss und …

Die Sequel-Trilogie aus „Das Erwachen der Macht“ und „Die letzten Jedi“ endet mit „Der Aufstieg Skywalkers“. Die finale Auseinandersetzung erscheint mir dem angemessen und bildet einen echten Schlussstrich. Wobei es meiner Ansicht nach den Disney-hauseigenen Konkurrenten von Marvel besser gelungen ist, die Vorgängerfilme so zu inszenieren, dass alles auf den gigantischen Showdown in „Avengers – Endgame“ hinausläuft, was dazu führte, dass dieser an den Kinokassen explodierte und sogar „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ als erfolgreichsten Film überhaupt ablöste. Im direkten Vergleich ist „Endgame“ fürs Marvel Cinematic Universe deutlich höher einzuschätzen als „Der Aufstieg Skywalkers“ für die Krieg-der-Sterne-Welt.

Wie geht es weiter im „Star Wars“-Universum?

Bleibt abzuwarten, welche Ideen den Machern dereinst für etwaige Episoden X, XI und XII und weitere Star Wars Storys kommen werden, so es denn dazu kommen wird. Im Kino pausiert der Krieg der Sterne vorerst, die Jedi-Jünger können aber auf Serien ausweichen: Der vielgepriesene Ableger „The Mandalorian“ ist zeitlich zwischen „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ und „Das Erwachen der Macht“ angesiedelt. Für 2021 ist eine Prequel-Serie zu „Rogue One – A Star Wars Story“ angekündigt, auch eine Obi-Wan-Kenobi-Serie ist in Planung. Der Krieg der Sterne kennt kein Ende.

… Jannah der Rebellion anschließen?

George Lucas’ Prequel-Trilogie „Die dunkle Bedrohung“ (1999), „Angriff der Klonkrieger“ (2002) und „Die Rache der Sith“ (2005) hatte seinerzeit viel Kritik auf sich gezogen, wobei sich die Fangemeinde längst damit abgefunden hat. Wird sich die jüngste Trilogie mit den Episoden VII, VIII und IX dereinst in puncto Anerkennung zwischen den beiden vorherigen platzieren oder gar hinter den Prequels zurückbleiben? Das vermag ich nicht zu beurteilen. Die Zeit wird es zeigen.

Kylo Ren erliegt der Verlockung der Macht …

Den „Krieg der Sterne“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lupita Nyong’o sind unter Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Adam Driver, Domhnall Gleeson und Oscar Isaac in der Rubrik Schauspieler.

… und tritt erneut gegen Rey an

Länge: 141 Min.
Altersfreigabe: FSK
Originaltitel: Star Wars: Episode IX – The Rise of Skywalker
USA 2019
Regie: J.J. Abrams
Drehbuch: Chris Terrio, J. J. Abrams
Besetzung: Adam Driver, Daisy Ridley, Oscar Isaac, Billie Lourd, Keri Russell, Mark Hamill, Ian McDiarmid, Kelly Marie Tran, Lupita Nyong’o, Domhnall Gleeson, John Boyega, Billy Dee Williams, Joonas Suotamo, Dominic Monaghan, Richard E. Grant, Anthony Daniels, Naomi Ackie, Carrie Fisher, Mark Hamill, Harrison Ford
Verleih: Walt Disney Studios Motion Picture Germany

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 ILM & Lucasfilm Ltd. All rights reserved.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/12/18 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Auslöschung – Die Farbe aus dem All

Annihilation

Von Volker Schönenberger

SF-Horror-Abenteuer // Eine Frau (Natalie Portman) sitzt in einem abgeschlossenen Raum. Durch große Scheiben wird sie von in weißen Kitteln gekleideten Menschen beobachtet, ein Mann (Benedict Wong) im Schutzanzug steht vor ihr und verhört sie. Offenbar war sie Teil einer Gruppe, der etwas zugestoßen ist. Er fragt sie nach verschiedenen Namen. Was weiß sie?

Unter scharfen Quarantänevorkehrungen wird Lena verhört

Im Anschluss sehen wir einen kleinen Meteoriten in unmittelbarer Nähe eines Leuchtturms einschlagen – ein Ereignis, das offenbar eine ganze Weile vor obigem Prolog stattfindet. Und wir lernen die Frau kennen: Sie heißt Lena und ist Professorin für Zellbiologie. Lena lebt in Trauer, immer noch unfähig, für Freizeitspaß unter die Leute zu gehen. Doch dann steht aus heiterem Himmel ihr Mann Kane (Oscar Isaac, „Ex Machina“) im Heim der beiden, der Soldat galt seit einem geheimen Einsatz vor einem Jahr als verschollen (bis zu seinem Auftauchen dachte ich für ein paar Momente, er sei tot und Lena Witwe).

Der Schimmer breitet sich aus

Weil Kane plötzlich Blut zu spucken beginnt, ruft Lena den Notarzt. Im Krankenwagen werden die beiden allerdings von Soldaten überrascht, die sie in eine streng geheime Einrichtung bringen. Dort erfährt Lena von der Psychologin Dr. Ventress (Jennifer Jason Leigh, „Hitcher – Der Highway Killer“) Beängstigendes: Ein Meteoriteneinschlag im Nationalpark Blackwater hat ein Phänomen verursacht, das „Schimmer“ genannt wird. Dorthin ausgesandte Expeditionen kehrten nicht zurück – mit Ausnahme von Kane. Der Schimmer breitet sich langsam, aber stetig aus. Noch befindet er sich auf spärlich besiedeltem Gebiet, das problemlos evakuiert wurde. Doch nicht mehr lange, und er wird Städte erreichen …

Ihr verschollener Ehemann Kane ist wie aus dem Nichts zurückgekehrt

Unter der Führung von Dr. Ventress bricht ein fünfköpfiges Team in die Region auf. Der Sanitäterin Anya Thorensen (Gina Rodriguez, „Deepwater Horizon“), der Physikerin Josie Radek (Tessa Thompson, „Avengers – Endgame“) und der Geomorphologin Cass Sheppard (Tuva Novotny, „The King’s Choice – Angriff auf Norwegen“) schließt sich auch Lena an. Das rein weibliche Quintett dringt in eine Gegend ein, in welcher der Schimmer sonderbare Mutationen bei Flora und Fauna ausgelöst zu haben scheint.

Zweite Regiearbeit nach „Ex Machina“

In seinem Regiedebüt „Ex Machina“ (2015) beschäftigte sich der britische Roman- und Drehbuchautor Alex Garland („The Beach“, „28 Days Later“) mit der Frage, ob künstliche Intelligenz ein Bewusstsein entwickeln kann. Mit dem Nachfolger „Auslöschung“ bleibt er der Science-Fiction zwar treu, wechselt darin aber das Themengebiet und fügt eine gehörige Dosis an Horrorelementen hinzu. Garland schickt Protagonistinnen und Publikum auf eine so reizvolle wie mysteriöse Reise in eine visuell betörende Welt, die uns einige Konzentration abverlangt und am Ende vielleicht nicht alle Fragen beantwortet.

Das Quintett der Frauen bricht ins Ungewisse auf

Mit Survival-Abenteuer scheint sich die Handlung oberflächlich schnell kategorisieren zu lassen, aber „Auslöschung“ bietet doch viel mehr als das. Zwar kommt es zügig zu einer Actionszene in Form einer ersten Attacke auf den kleinen Forscherinnentrupp, doch insgesamt inszeniert Garland das Vordringen der Expedition als ruhigen Trip ins Ungewisse. Die Frauen haben ihre Aufgaben und Qualifikationen, lassen sich auch nicht von einem zügig einsetzenden Gedächtnisverlust ins Bockshorn jagen. Unvermeidlich auftretende Konflikte wirken keinesfalls aufgesetzt, sondern schlüssig, und bei aller Fantastik wahrt „Auslöschung“ auch die innere Logik der wissenschaftlichen Prämissen, soweit ich das beurteilen kann.

Surreale Bilderpracht

Die Veränderungen, die der Schimmer verursacht, bekommen wir in überraschender Farbigkeit zu sehen, geht der Trend in der Science-Fiction allgemein doch eher in die Richtung düsterer Endzeitstimmung mit herabgesetzter Farbsättigung. Hier wird es bisweilen geradezu bunt und surreal, als habe man Halluzinogene eingeworfen. Zwischendurch erfahren wir in Rückblenden mehr über die Beziehung zwischen Lena und Kane. Wirklich bedeutsam fürs Gesamtgerüst schien mir das nicht zu sein, bringt aber immerhin Vertrautheit mit den Figuren. Das kleine Ensemble trägt die Story gemeinsam, die schauspielerischen Leistungen sind über Zweifel erhaben.

Ein Krokodil weist bizarre Mutationen auf

Der Regisseur schrieb auch das Drehbuch, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Jeff VanderMeer, der Teil 1 der „Southern Reach Trilogy“ des US-Schriftsteller bildet. Garland nahm sich offenbar Freiheiten – ich habe den Roman nie gelesen. Der Filmemacher arbeitete bereits an dem Projekt, bevor die beiden Folgebände erschienen. Nachdem VanderMeer sie veröffentlicht hatte, verzichtete Garland bewusst auf die Lektüre, um zu vermeiden, sein Skript anpassen zu müssen. Daher kann es sein, dass die Kino-Adaption von Band 2 („Autorität“) gewisse Schwierigkeiten mit sich bringen wird, sofern sie beizeiten jemand in Angriff nimmt, der an „Auslöschung“ andocken will. So oder so scheinen mir Buch und Film zumindest in Grundzügen von H. P. Lovecrafts 1927 geschriebener und veröffentlichter Kurzgeschichte „Die Farbe aus dem All“ („The Colour Out of Space“) inspiriert zu sein.

Netflix statt Kino

Nach dem Kinostart in den USA und Kanada im Februar 2018 blieb Garlands Regiearbeit in den meisten übrigen Ländern die Auswertung in Lichtspielhäusern verwehrt, stattdessen konnte „Auslöschung“ seit März 2018 über den Streaminganbieter Netflix geschaut werden – immerhin ein Jahr vor der Veröffentlichung auf Blu-ray und DVD. Das kann bedauern, wer bildgewaltige Science-Fiction gern auf der großen Leinwand schaut, um im dunklen Kinosaal ganz in die Handlung einzutauchen, entscheidend ist aber, dass diese Perle überhaupt das Licht der Welt erblickt hat. Für mich hält „Auslöschung“ das hohe Niveau von „Ex Machina“. Mit Alex Garland scheint sich ein neuer visionärer Filmemacher eine Nische zu bilden, die er hoffentlich bald mit weiteren Regiearbeiten füllt.

Die Situation gerät bedrohlich …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jennifer Jason Leigh und Natalie Portman haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Oscar Isaac unter Schauspieler.

… und immer bizarrer

Veröffentlichung: 14. März 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 110 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Annihilation
GB/USA 2018
Regie: Alex Garland
Drehbuch: Alex Garland, nach einem Roman von Jeff VanderMeer
Besetzung: Natalie Portman, Jennifer Jason Leigh, Oscar Isaac, Tessa Thompson, Benedict Wong, Sonoya Mizuno, David Gyasi, John Schwab, Gina Rodriguez, Tuva Novotny, Sammy Hayman, Josh Danford
Zusatzmaterial: Featurettes („Entstehungsgeschichte und Casting“, „Aufnahmen am Drehort“, „Visuelle und Spezialeffekte“, „Zum Leuchtturm“)
Label: Paramount Home Entertainment
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & deutscher Packshot: © 2019 Paramount Home Entertainment

 

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The Promise – Die Erinnerung bleibt: Wider das Vergessen

The Promise

Kinostart: 17. August 2017

Von Andreas Eckenfels

Historiendrama // Der Völkermord an den Armeniern in den Jahren 1915/1916 gilt unter Historikern als erste systematische ethnische Säuberung des 20. Jahrhunderts. Der vom jungtürkischen „Komitee für Einheit und Fortschritt“ und Innenminister Talât Pascha initiierte Genozid begann am 24. April 1915 in Konstantinopel mit der Deportierung armenischer Intellektueller. Die anschließenden Massaker an der armenischen Zivilbevölkerung forderten rund 1,5 Millionen Opfer. Die türkische Regierung leugnet die Handlungen bis heute als „kriegsbedingte Sicherheitsmaßnahme“. Die Armenier nennen den Völkermord schlicht „Aghet“ – „Katastrophe“.

Michael kommt nach Konstantinopel, um Medizin zu studieren

Im Gegensatz zum Holocaust haben sich noch nicht viele Filmemacher an die Aufarbeitung der Vorfälle während des Ersten Weltkriegs im Osmanischen Reich herangewagt. Neben Atom Egoyans „Ararat“ (2002) widmete sich zuletzt auch Fatih Akin mit „The Cut“ (2014) dem wenig beachteten Thema. Die deutsche Doku „Aghet – Ein Völkermord“ erhielt 2011 immerhin den Grimme-Preis. Nun versucht der britische Regisseur Terry George („Im Namen des Vaters“, 1993) mit einem Staraufgebot dieses dunkle Stück Zeitgeschichte einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Liebe in Zeiten des Krieges

1914: Dank der großen Mitgift, die seine Braut Maral (Angela Sarafyan) in die Ehe einbringt, kann der Apotheker Michael (Oscar Isaac) endlich sein kleines Heimatdorf Siroun im Süden der Türkei verlassen und in Konstantinopel Medizin studieren. Der wissbegierige Armenier bekommt zunächst nur am Rande mit, welches Chaos in der multikulturellen Metropole herrscht. Durch einen Freund lernt Michael die armenische Künstlerin Ana (Charlotte Le Bon) kennen und knüpft mit ihr romantische Bande. Viel Zeit für die Liebe bleibt nicht. Die in Paris aufgewachsene Frau ist bereits mit dem amerikanischen Fotojournalisten Chris (Christian Bale) liiert, der dem Rivalen gegenüber verständlicherweise nicht gerade wohlgesonnen ist. Doch bald werden die drei von der harten Realität des eskalierenden Krieges eingeholt. Die Türken haben sich mit den Deutschen verbündet und beginnen mit der brutalen Verfolgung der armenischen Minderheit im Osmanischen Reich. Michael gerät in Gefangenschaft. Im Arbeitslager hält ihn nur sein Glaube an ein Wiedersehen mit Ana am Leben.

Prominente Unterstützung

Der legendäre Multimillionär und ehemalige Besitzer der Metro-Goldwyn-Mayer-Filmstudios Kirk Kerkorian finanzierte die 90-Millionen-Dollar-Produktion aus eigener Tasche. Der Sohn armenischer Immigranten wollte mit diesem Herzensprojekt nicht etwa seinen Reichtum maximieren, sondern an die grausamen Verbrechen erinnern, die seinen Vorfahren wiederfuhren. Jahrzehntelang wollte er die Geschichte verfilmen. Doch um internationalen Ärger zu vermeiden, traute sich niemand in Hollywood an den Stoff. Also zahlte Kerkorian schließlich alles selbst. Schon im Vorfeld wurde bekannt, dass die gesamten Einnahmen von „The Promise – Die Erinnerung bleibt“ verschiedenen Non-Profit-, humanitären und Menschenrechtsorganisationen zugutekommen würden. Zu den Begünstigten zählte auch Elton Johns AIDS-Stiftung EJAF – der Sänger führte den Film während seiner Academy Awards Viewing Party zahlreichen geladenen Gästen vor. Er betonte: „Niemand darf vergessen werden, aber genau das ist während des Genozids an den Armeniern geschehen.“ Auch Leonardo DiCaprio rührte ordentlich die Werbetrommel: „Ich gratuliere dem ganzen Team (…) dessen Talent, Ausdauer, Hingabe und Engagement dieses wichtige Projekt realisiert haben“, schrieb er auf Facebook. Die Premiere in London besuchte auch George Clooney mit seiner Frau Amal, beide äußerten sich wie viele weitere Stars positiv über den Film.

Dort lernt er die armenische Künstlerin Ana und den amerikanischen Fotojournalistin Chris kennen

Der gute Wille ist „The Promise – Die Erinnerung bleibt“ zwar anzumerken, doch der Film wird dem wichtigen und komplexen Thema kaum gerecht. Regisseur Terry George inszeniert die Geschichte wie ein klassisches Epos mit prachtvoller Ausstattung und beeindruckenden Naturaufnahmen. Dass er als Aufhänger ein Liebesdreieck nutzt, ist legitim, doch ist dies ist auch ein großer Schwachpunkt der Erzählung. Der Romanze zwischen Michael und Ana fehlt es an Emotionalität, sie wirkt wenig überzeugend. Auch die Rivalität zwischen Michael und Chris birgt kaum Spannung. Beide pflegen bald ein respektvolles Verhältnis. Die Männer akzeptieren, dass sie die gleiche Frau lieben. Schließlich liegt es auch an Ana selbst, für wen sie sich am Ende entscheiden mag. Mit dieser Fokussierung wird der aufklärerische Aspekt während der gesamten Laufzeit zu sehr in den Hintergrund gerückt, um wirklich aufzurütteln. Nur selten gibt es erschütternde Szenen zu sehen, die wirklich berühren.

Zwei Schwergewichte

Überhaupt merkt man der Produktion an, dass die Filmemacher ein möglichst breites und internationales Publikum ansprechen wollten, um ihre Botschaft zu verbreiten. Auf die Zurschaustellung brutalster Kriegsgräuel verzichtet George größtenteils. Man will ja die Zuschauer nicht mit blutigen Details verschrecken. Mit Oscar Isaac wählte man einen derzeit angesagten Star, der zwischen Blockbuster („Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“) und Indie-Film („Ex Machina“) fest verankert ist und den Helden glaubhaft verkörpern kann. Oscar-Preisträger Christian Bale hatte bereits 2011 mit seinem Mitwirken in „Flowers of War“ ein ähnliches, hochbudgierten Projekt über das Massaker von Nanking unterstützt, welches ebenfalls versuchte, ein vergessenes Geschichtskapitel in Erinnerung zu rufen. Zwischen den schauspielernden Schwergewichten kann die Kanadierin Charlotte Le Bon („Bastille Day“) kaum etwas zeigen, auch weil ihre Rolle nicht viel mehr hergibt, als die hübsche Frau, die zwischen zwei Männern steht.

Michael und Ana kommen einander näher

Immerhin gelingt es George, in sein altmodisch inszeniertes Historiendrama ein paar aktuelle Bezüge einzubauen. So erinnert die anfangs erwähnte Deportierung der armenischen Intellektuellen natürlich an Erdogans Verhaftungswelle gegen kritisch berichtende Journalisten. Dazu betonte der Regisseur, dass er die Figur von Christian Bale in die Geschichte eingebaut habe, um die Bedeutung unabhängiger Berichterstattung während Kriegszeiten hervorzuheben.

Während der Unruhen gerät Michael in Gefangenschaft

Der grausame Genozid an den Armeniern hätte eine intensivere Aufarbeitung verdient gehabt. Dennoch ist „The Promise – Die Erinnerung bleibt“ ein wichtiger Beitrag wider das Vergessen. Leider konnte Kirk Kerkorian den finalen Film nicht mehr sehen. Er starb noch vor Drehstart, am 15. Juni 2015, im Alter von 98 Jahren.

Ob er seine Ana jemals wiedersehen wird?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Christian Bale und/oder Oscar Isaac sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 133 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The Promise
SP/USA 2016
Regie: Terry George
Drehbuch: Terry George, Robin Swicord
Besetzung: Oscar Isaac, Charlotte Le Bon, Christian Bale, Daniel Giménez Cacho, Angela Sarafyan, Jean Reno, Tom Hollander, James Cromwell, Shohreh Aghdashloo
Verleih: capelight pictures

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 capelight pictures

 

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