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Green Book – Eine besondere Freundschaft: So etwas können wir gerade gut gebrauchen

Green Book

Kinostart: 31. Januar 2019

Von Philipp Ludwig

Tragikomödie // Mit einer Mischung aus Neugier und Abscheu betrachtet Frank „Tony Lip“ Vallelonga (Viggo Mortensen, „Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück“) eindringlich zwei leere Gläser in der Spüle seiner Wohnung, die er sich mit seiner Frau Dolores (Linda Cardellini) und seinen zwei jungen Söhnen teilt. Hat besagte Ehefrau aus diesen Gläsern doch kurz zuvor erst zwei afroamerikanischen Klempnern Wasser zum Trinken angeboten. Im Amerika der 1960er-Jahre und insbesondere der New Yorker Bronx war ein Besuch ebensolcher Handwerker wohl nicht nur Grund genug, dass die halbe Verwandtschaft zu Besuch kam, um die scheinbar schutzlose Hausfrau zu beschützen. Auch Frank lässt sich von der rassistischen Grundstimmung seiner anwesenden Verwandten und Freunde nur allzu leicht dazu verleiten, die Handwerker mit skeptischen Blicken zu bedenken und später die besagten Trinkgefäße doch lieber still und heimlich im Mülleimer zu entsorgen.

Solange die Bezahlung stimmt, ist Tony für fast jeden Job zu haben

Frank ist ein grundsolider, eher einfach gestrickter Typ und gerade deswegen im Grunde genommen ein an sich herzenssympathischer Zeitgenosse. Seinen deutlich leichter von der Zunge gehenden Spitznamen „Tony Lip“ (sein Nachname wird im Film noch einige phonetische Komplikationen verursachen) hat er sich bereits zu Schulzeiten redlich verdient – scheint der Gute doch tatsächlich in der Lage zu sein, sich mit seiner verbalen Schlagfertigkeit wirklich aus jeder Situation noch irgendwie herausquasseln zu können. In der Schule hat er es allerdings nicht über die siebte Klasse hinaus geschafft. Seine wahre Schule war die harte Realität des Lebens auf den Straßen in der New Yorker Bronx. Dort hat er nahezu jeden noch so ungemütlichen Job ausgeübt, den es für einen Italo-Amerikaner aus der Arbeiterschicht dort gibt.

Liebender Familienvater – Knallharter Türsteher

So auch seine aktuelle Beschäftigung als Türsteher im renommierten Nachtclub „Copacabana“. Bei der der kompromisslose Haudegen nicht einmal davor zurückschreckt, frevelhafte Gäste rüde aus dem Laden zu werfen, selbst wenn er von deren Mafia-Verbindungen weiß. Als das Etablissement kurz nach seiner letzten Rauswurfaktion für einige Monate wegen Renovierungsarbeiten schließen muss, bekommt Tony Wind vom Jobangebot eines gewissen „Doc“ Shirley, der für acht Wochen einen Fahrer sucht. Im Glauben, es mit einem wohlhabenden Arzt zu tun zu haben, der bestimmt gutes Geld springen lässt, macht er sich erwartungsvoll auf den Weg zum Vorstellungsgespräch. Die finanzielle Versorgung seiner Familie hat für ihn stets höchste Priorität.

Doc (r.) ist nicht der ganz der Auftraggeber, den Tony erwartet hat

Umso erstaunter ist er, als er in dessen New Yorker Luxuswohnung direkt über der berühmten Carnegie Hall als Auftraggeber nicht den von ihm erwarteten weißen Arzt vor sich hat, sondern einen weiteren Afroamerikaner (Mahershala Ali, „Moonlight“). Dieser stellt sich als „Doc“ Don Shirley vor, seines Zeichens nicht nur ein überaus gebildeter Mann, sondern auch ein außerordentlich talentierter, aufstrebender Konzertpianist. Dessen Plattenlabel will ihn auf große Konzert-Tour durch den Mittleren Westen und vor allem den Süden der USA schicken. In den 1960ern-Jahren stellt das aufgrund von Shirleys Hautfarbe ein Unterfangen dar, dass mit gewissen Risiken verbunden ist.

Der richtige Mann für den Job?

Dank seiner Fertigkeiten scheint Tony für den Job als fahrender Bodyguard perfekt geeignet zu sein. Und obwohl die grundverschiedenen Männer bereits beim Vorstellungsgespräch verbal auf Kollisionskurs gehen, bekommt er schlussendlich dennoch den Job. Tonys wichtigstes Hilfsmittel bei der anstehenden Tour: das berüchtigte „Green Book“, das Lokale und Motels auflistet, in denen auch schwarze Amerikaner willkommen sind beziehungsweise solche Herbergen, in denen ausschließlich afroamerikanische Bürgerinnen und Bürger bewirtet und untergebracht werden.

Die beiden Männer könnten in ihren Wesenszügen kaum unterschiedlicher sein

Zu Beginn des mehrwöchigen Roadtrips entsteht jedoch der Eindruck, als werde der gefürchtete, stets lauernde Alltagsrassismus gar nicht das größte Problem sein. Vielmehr scheinen die endlosen gemeinsamen Stunden im Auto für die beiden Extremcharaktere eine viel größere Herausforderung darzustellen. Wem der beiden Männer wird es schwerer fallen, mit seinem ungewohnten Mitfahrer klarzukommen?

Buddy-Komödie mit ernstem Hintergrund

Trotz des ernsten und vor allem bedrückenden historischen Hintergrunds schafft es Regisseur Peter Farrelly, dass Potenzial der gemeinsamen, kammerspielartigen Zeiten seiner beiden Protagonisten auf äußerst unterhaltsame Weise für einen überraschenderweise ausgesprochen humorvollen Film zu nutzen. Im Gegensatz zum slapstickartigen und mitunter etwas stumpfen Humor seiner ersten Regieerfolge wie „Dumm & Dümmer“ (Regiedebüt 1994) und etwa „Verrückt nach Mary“ (1998) gelingt es dem komödienerfahrenen Regisseur in „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ jedoch, dessen komödiantische Möglichkeiten mit ungemein viel Feingefühl und intelligentem Wortwitz anspruchsvoll zur vollen Entfaltung kommen zu lassen.

Der belesene Doc hält vor allem von Tonys vulgärer Sprache nicht sonderlich viel

Sein größtes Glück ist hierbei natürlich, auf zwei fantastische Hauptdarsteller setzen zu dürfen. Die hauchen den sympathischen und hochinteressanten Figuren mit ihrer Schauspielkunst nicht nur eine Menge Leben und Wärme ein, sondern harmonieren darüber hinaus auch bestens im Zusammenspiel. Viggo Mortensen verkörpert den leicht dickbäuchigen, dauerquasselnden Vielfraß Tony sprichwörtlich mit Haut und Haaren – man muss ihn als Typen einfach gern haben. Einen wie „Tony Lip“ wüsste wohl jeder gern als Beschützer an seiner Seite. Seine dennoch mitunter etwas rüde anmutenden Verhaltensweisen, sein ausgeprägter Straßenslang – all das steht im krassen Gegensatz zum stets zugeknöpften und außerordentlich bedacht agierenden Doc Shirley.

Finden Sie es eigentlich gut, wie Sie reden?

Für den kann es derzeit kaum einen besseren Darsteller geben als Mahershala Ali. Kann er doch zum wiederholten Male durch seine Fähigkeit zur Darstellung von vornehmlich zurückhaltend und verschlossen agierenden Charakteren überzeugen, deren wenige aber umso imposantere Gefühlsausbrüche durch sein kraftvolles Spiel dadurch umso beeindruckender wirken. Erneut weise ich darauf hin, auch diesen Film nach Möglichkeit in der englischsprachigen Originalfassung zu schauen. Nicht nur wegen des von Mortensen präsentierten, großartigen New Yorker Slangs. Ein beachtlicher Teil der Komik des Films beruht auf Tonys vermeintlichen sprachlichen Defiziten sowohl in Aussprache als auch Grammatik und Inhalt – zumindest in den Augen von Doc Shirley, der dies seinen Fahrer nur zu gern und wiederholt wissen lässt. Inwiefern das in der deutschen Fassung gleichwertig umgesetzt werden kann, kann ich nicht beurteilen.

Nichtsdestotrotz müssen sie sich miteinander arrangieren

Doch schlägt „Green Book“ notwendigerweise auch immer wieder ernste Töne an. Das Thema Rassismus wird trotz all der zahlreichen, humorvollen Momente sowie der feinen Komik immer wieder mit allem nötigen Ernst und Respekt angemessen in Erinnerung gerufen. Gerade die humorigen Elemente sowie die zunehmende Freundschaft, die sich zwischen den so unterschiedlichen Protagonisten entwickelt, sind als Gegengewicht zur Ernsthaftigkeit mancher Sequenzen eine ausgesprochen gute Wahl. Wird hierdurch der Rassismus doch vor allem als das entlarvt, was er ist: eine himmelsschreiende Dummheit, ohne nachvollziehbare Grundlage, ohne Recht auf Existenz. Gerade Tony ist durch seine manchmal etwas einfach anmutende, naive Art als Figur besonders gut in der Lage, die Absurdität hinter dem „Konzept“ einer rassistischen Weltanschauung im Lauf der Geschichte immer stärker herauszustreichen. Dadurch legt er bei seinen Gegenübern deren fehlende argumentative Basis für deren auf Vorurteilen basierendes Weltbild schonungslos offen.

Ein Mann, bereit sich zu ändern

Tonys zunächst noch bestehender latenter Rassismus, der in seiner anfänglichen Glasbeseitigungsaktion zum Ausdruck kommt, entspringt ein Stück weit auch seinem mangelnden Wissen von der Welt außerhalb der Bronx. Ist er doch mitunter beinahe schon von einer kindlichen Überraschung befallen, wenn er etwa feststellen muss, dass sich Doc überhaupt nicht so verhält, wie „seine Leute“ es doch eigentlich tun würden – zumindest in Tonys Vorstellung, versteht sich. Seine gemeinsame Zeit mit dem Pianisten versetzt ihn in die Lage, zu lernen, dass die Welt nicht immer die zu sein scheint, die sie in ihrer tückischen Einfachheit manchmal zu sein vorgibt. Und insbesondere Tonys Frau Dolores profitiert dabei besonders von der intellektuellen Nachhilfe durch Doc.

Tonys Ehefrau Dolores ist von der ungewohnt poetischen Seite ihres Mannes überrascht und berührt

Besonders tragisch angelegt ist dagegen die Figur des Doc als verlorene, einsame Seele zwischen den Welten. Trotz seiner begnadeten Talente am Klavier und seiner guten Bildung – von den meisten „Weißen“ wird er dennoch nie als einer der „Ihren“ angesehen. Wohingegen er, im feinen Anzug und mit entsprechender Attitüde, in den heruntergekommenen Motels „seiner Leute“ ebensowenig Anschluss findet. Dass Doc darüber hinaus auch noch homosexuell zu sein scheint, macht die ganze Sache für ihn erst recht nicht einfacher.

Doc hingegen scheint nirgends so wirklich dazuzugehören

Aber auch der daher verständlicherweise zurückhaltend agierende Doc ist wiederum in der Lage, dank Tonys Unbedarftheit ganz andere Facetten des Lebens kennenzulernen und seinem „wahren Ich“ vielleicht ein Stück weit näherzukommen. Umso toller wirkt die Beobachtung der filmischen Entwicklung dieser wunderbaren Freundschaft, in der beide Männer zunehmend voneinander zu lernen verstehen und ihre Ressentiments überwinden können.

Auf der Bühne ist er jedoch ganz in seinem Element

Die Geschichte wirkt umso großartiger, wenn man sich deren Echtheit vor Augen führt: Bis ins hohe Alter waren die realen Vorbilder eng miteinander befreundet und starben nur wenige Monate voneinander. Interessanterweise hat Tonys Sohn Nick Vallelonga dann auch am Drehbuch der filmischen Umsetzung dieser berührenden Freundschaft mitgewirkt, der in der amerikanischen Filmwelt bereits vielfältige Erfahrungen sammeln konnte – unter anderem als Schauspieler („GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“) sowie Regisseur („Stiletto“). Für eine gewisse Authentizität ist in „Green Book“ also gesorgt – und auch den titelgebenden Reiseführer hat es leider tatsächlich gegeben.

Ein Film, den wir gerade gut gebrauchen können

Der populäre US-Komiker Seth Myers hat in seiner Late-Night-Show ein Segment mit dem Titel „The Kind of Stories We Need Right Now“, in der er besonders skurrile und vor allem positive Meldungen aus aller Welt vorstellt und somit ein Gegengewicht zu dem Irrsinn aus Trumps Präsidentschaft zu setzen versucht, mit dem er sich ansonsten mehrheitlich beschäftigt. In diesem Sinne kann man auch „Green Book“ durchaus als einen Film betrachten, den man aufgrund seiner positiven Botschaft und Feel-Good-Movie-Attitüde gerade in der heutigen Zeit gern anschauen mag. Denn der im Film behandelte Rassismus sowie die rüde wie stumpfsinnige Ablehnung gegenüber Fremden allgemein ist gewiss kein Relikt der hier behandelten Zeit. Ganz im Gegenteil, sind die Ewiggestrigen doch nahezu überall auf dem Vormarsch, wie es scheint – zumindest muss man sie und ihre Ansichten leider wieder zunehmend wahrnehmen.

Trotz seiner Berühmtheit muss der Pianist schmerzhaft feststellen, dass er nicht überall willkommen ist – Tony (r.) versteht die Welt nicht mehr

Wenn man bei „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ zumindest mal nach etwas Anlass zur Kritik Ausschau halten will, dann lässt sich anführen, dass dieser positive Grundtenor und die Moral von der Geschichte mitunter ein klein wenig zu dick aufgetragen sind. Ebenso wie die manchmal etwas zu offensichtlichen Entwicklungen der beiden Hauptfiguren und ihrer Freundschaft. Dies wäre allerdings wirklich die berühmte Nadel im Heuhaufen eines rundum gelungenen Filmwerks. Denn geht es hier doch weniger um die Frage, ob Tony und Doc zu Freunden werden, sondern vor allem darum, auf welche Weise dies geschieht. Der Weg ist das Ziel – und dieser bietet ein höchst unterhaltsames Filmerlebnis. Die zahlreichen Auszeichnungen und Nominierungen bei hochklassigen Preisverleihungen sind gerechtfertigt – allein fünf Nominierungen bei den anstehenden Oscar-Verleihungen, Golden Globes für Drehbuch, als bester Film (Musical/Komödie) und Mahershala Ali, unverständlicherweise als Nebendarsteller. Gelingt doch nicht nur ein gelungener künstlerischer Spagat zwischen einer Vielzahl an Genres wie Komödie, Historienfilm, Biopic und Roadmovie – auch die Balance zwischen intelligentem Humor und ernsten Tönen ist durchweg gelungen. Obwohl es neben dem Grund zum Lachen auch immer wieder Grund zum Weinen und Ärgern gibt – das Lachen überwiegt. Schaut euch „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ selbst an, ich kann die Tragikomödie nur wärmstens empfehlen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Viggo Mortensen sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Ziemlich beste Freunde: Doc (l.) und Tony

Länge: 131 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Green Book
USA 2018
Regie: Peter Farrelly
Drehbuch: Peter Farrelly, Brian Hayes Currie, Nick Vallelonga
Besetzung: Viggo Mortensen, Mahershala Ali, Linda Cardellini, Don Stark, Brian Stepanek, Sebastian Maniscalco, Iqbal Theba, Dimiter D. Marinov, Mike Hatton, Tom Virtue, Paul Sloan
Verleih: Entertainment One Germany

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat, Trailer & Szenenfotos: © 2018 Entertainment One Germany

 

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Shape of Water – Das Flüstern des Wassers: So lieben wir Guillermo del Toro

The Shape of Water

Kinostart: 15. Februar 2018

Von Matthias Holm

Fantasy-Melodram // Guillermo del Toro hatte es in letzter Zeit nicht leicht: Sein Kaijū-Film „Pacific Rim“ war eine sinnfreie Prügel-Orgie mit einer spannenden Welt, die man dafür lieben oder, wie im Fall von Blogbetreiber Volker, als „Dumm-Spektakel“ bezeichnen kann. Auch sein folgender Film „Crimson Peak“ hatte wieder starke visuelle Qualitäten, aber die Schauermär kam einfach nicht in die Puschen. Da kommt es etwas überraschend, dass nun Del Toros jüngste Regiearbeit „Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“ bei den Golden Globes für sieben Trophäen nominiert war und zwei mit nach Hause nahm – für del Toros Regie und den Soundtrack. Bei den Oscars hat das Fantasy-Melodram sogar satte 13 Mal die Chance auf einen Goldjungen. Jede dieser Nominierungen ist gerechtfertigt, denn „Shape of Water“ ist endlich mal wieder ein fantasievolles Märchen für Erwachsene – eine Kategorie, auf die sich der Mexikaner bestens versteht.

Elisa tagträumt gern

In den 60er-Jahren arbeitet die stumme Elisa (Sally Hawkins, „Paddington 2“) in einer geheimen Forschungseinrichtung der Regierung zusammen mit ihrer Freundin Zelda (Octavia Spencer, „The Help“) als Putzfrau. Eines Tages wird ein merkwürdiges Wesen (Doug Jones, „Pans Labyrinth“) in die Einrichtung gebracht, begleitet von dem sadistischen Richard Strickland (Michael Shannon, „Nocturnal Animals“). Zwischen dem Meereswesen und Elisa entwickeln sich zarte Bande und zusammen mit ihrem Nachbarn Giles (Richard Jenkins, „Cabin in the Woods“), Zelda und dem Forscher Hoffstetler (Michael Stuhlbarg, „A Serious Man“) versucht sie, ihren neuen Freund aus der Einrichtung zu retten.

Ein Herz für Außenseiter

„Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“ ist vor allen Dingen ein Film über Außenseiter. Sämtliche Figuren, die als die Guten auftreten, haben irgendeinen Makel, der sie in der Gesellschaft beeinträchtigt, in der sie leben. Giles zum Beispiel ist schwul, was ihn als Illustrator um seinen Job gebracht hat. Zelda hat als Schwarze in den 60ern eh einen schweren Stand und der Wissenschaftler Hoffstelter lebt zwischen zwei Welten. Doch die offensichtlichsten Außenseiter sind Elisa und das Amphibienwesen.

Elisa hat durch einen Gewaltakt ihre Stimme verloren und kann so nur noch eingeschränkt mit dem Rest der Welt kommunizieren. Das macht ihr zwar wenig aus, doch gerade in einem Streitgespräch mit Giles kommt ihre gesamte Frustration hoch. Sally Hawkins trägt „Shape of Water“ zu jeder Zeit, allein durch ihre Mimik und Gestik übermittelt sie selbst die kleinsten Gemütsänderungen. Das Amphibienwesen hingegen ist ein komplett Fremder, der unsere Welt direkt mit Gewalt in Verbindung bringt. Doug Jones schafft es mit seinen Bewegungen, dieser unwirklichen Kreatur etwas Menschliches zu geben, ohne jedoch das Animalische zu verharmlosen, das diese Figur ausmacht. Die Romanze der beiden wirkt also nur auf den ersten Blick etwas merkwürdig, im Kontext der restlichen Geschichte ist sie absolut stimmig.

Die Kreatur

Erst als sämtliche Figuren ihren Makel annehmen und als ein Teil von sich betrachten, können sie über sich hinauswachsen und das Richtige tun. Der klare Gegenpol dazu ist Strickland. Er steht für die patriarchale Struktur, in der sich die Welt befindet, er sieht sich als denjenigen, der das Sagen, die Gewalt hat – und er duldet kein Aufbäumen von Menschen, die nicht seinen Werten entsprechen. Diese Denke wurde ihm lange eingetrichtert, in einer Szene mit einem Vorgesetzten sieht man, wie er sich nach Anerkennung für seine Taten verzehrt – und doch nur Ablehnung erhält. Damit ist er, als jemand im Dienste des Militärs, auch die Anti-These zu Hoffstetler, der sich in einer ähnlichen Lage befindet, sich allerdings für die moralisch richtige Handlungsweise entscheidet. Michael Shannon ist der perfekte Antagonist zu Elisa, der Trieb und die pure Boshaftigkeit, die von seiner Figur ausgehen, sind zutiefst furchteinflößend.

Blutige, schöne Effekte

Auch in der Ausstattung punktet „Shape of Water“: Wie bereits del Toros Vorgänger-Filme wirkt alles real, von Eilsas und Giles Wohnung über einem Kino bis hin zu dem dunklem Labor. Gleiches gilt für die Spezialeffekte, die, del-Toro-typisch, auch punktuell sehr blutig sein können – die FSK-Freigabe ab 16 Jahren geht durchaus in Ordnung. Dazu kommt ein verträumter Soundtrack von Alexandre Desplat, der, wie auch der Film, gekonnt zwischen heiter-verspielten Klängen und düsteren Tönen wechselt und so den Zuschauer in die Welt zieht.

Ein einziges Manko weist der Film auf – er ist nicht sonderlich aufregend. Die Geschichte bewegt sich in vorhersehbaren Bahnen, es gibt keine großen Überraschungen. So herrscht zwar ein konstantes Erzähltempo vor, etwas Varianz hätte hier und da nicht geschadet. Das ist aber nur ein kleiner Makel in einem ansonsten fantastischen Film, mit dem del Toro an die Qualität eines „Pans Labyrinth“ anknüpft. Man darf auf die Oscar-Verleihung gespannt sein und ob sich „Shape of Water“ gegen die starke Konkurrenz durchsetzen kann, zum Beispiel „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Guillermo del Toro sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Sally Hawkins und Octavia Spencer unter Schauspielerinnen, Filme mit Michael Shannon in der Rubrik Schauspieler.

Strickland (l.) im Streit mit Hoffstetler

Länge: 123 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Shape of Water
USA 2017
Regie: Guillermo del Toro
Drehbuch: Guillermo del Toro, Vanessa Taylor
Besetzung: Sally Hawkins, Doug Jones, Michael Shannon, Richard Jenkins, Octavia Spencer, Michael Stuhlbarg, David Hewlett, Nick Seacry, Stewart Arnott
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2018 by Matthias Holm

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2018 Twentieth Century Fox

 

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Ridley Scott (VIII): Alles Geld der Welt – Skandalfilm?

All the Money in the World

Kinostart: 15. Februar 2018

Von Matthias Holm

Thrillerdrama // Es gab im Vorfeld eine Menge Lärm um den auf einer wahren Begebenheit basierenden „Alles Geld der Welt“, dem neuen Film von Ridley Scott. Zunächst gab es die Umbesetzung einer zentralen Figur – der Film war schon mit Kevin Spacey als Jean Paul Getty abgedreht, es existierte bereits ein Trailer mit ihm in der Rolle. Nach den Enthüllungen während der „#MeToo“-Kampagne wurde Spacey aus dem Film geschmissen, seine Szenen wurden mit Christopher Plummer nachgedreht. Damit nicht genug, kurz darauf ging ein Aufschrei durchs Internet: Michelle Williams habe für eben jene Nachdrehs deutlich weniger Geld bekommen als ihr Kollege Mark Wahlberg.

Irreführender, deutscher Trailer

Wenn ein Film also schon im Vorfeld so viel Aufmerksamkeit bekommt, warum sollte man das nicht nutzen? So prangt im deutschen Trailer zwischenzeitlich der Schriftzug „Der Skandalfilm“ – im englischen Pendant fehlt dieser Hinweis. Natürlich bleibt der Ausdruck eine hohle Phrase, der Film an sich ist weder provokant oder anderweitig skandalträchtig. Generell ist der Trailer eher irreführend, denn „Alles Geld der Welt“ ist kein schnell geschnittener, rasanter Thriller, sondern vielmehr eine Studie darüber, wie sehr Vermögen korrumpieren kann.

John in Gefangenschaft

1973 wird der 16-jährige John Paul Getty III (Charlie Plummer) in Rom entführt. Das ist kein Zufall, Paul ist der Enkel des Öl-Magnaten J. Paul Getty (Christopher Plummer). Die Täter fordern 17 Millionen Dollar Lösegeld. Während Pauls Mutter Gail (Michelle Williams) verzweifelt versucht, ihren Sohn wiederzubekommen und sich dabei mit Gettys Sicherheitschef Fletcher Chace (Mark Wahlberg) verbündet, denkt der reichste Mann der Welt nicht daran, das Geld zu bezahlen.

Warum die Figur des J. Paul Getty nicht von vornherein mit Plummer besetzt wurde, ist ein Rätsel. Spacey verschwand für die Rolle unter einer dicken Schicht Make-up, um ihn älter aussehen zu lassen – das hat Plummer nicht nötig, immerhin hat der Mann bereits 88 Jahre auf dem Buckel. Er trägt die Rolle des nach Geld süchtigen Mannes mit absoluter Würde, seine Präsenz nimmt die ganze Leinwand ein, allerdings hat seine Oscar-Nominierung durch die Vorgeschichte einen bitteren Beigeschmack.

Schauspielduell zwischen Williams und Plummer

Doch die anderen Darsteller lassen sich nicht an die Wand spielen, gerade Michelle Williams ist als Identifikationsfigur für die Zuschauer eine Wucht. So sind die spannendsten Szenen im Film genau die, in der ihre Gail auf den ehemaligen Schwiegervater trifft, die Spannung ist dann förmlich mit den Händen zu greifen – vor allem, da in diesen Diskussionen auch immer wieder ein zentraler Aspekt angesprochen wird: Getty ist der reichste Mensch der Welt und dennoch versucht er, aus jeder Situation Profit zu schlagen – sogar aus der Entführung seines Enkels. Gerade in späteren Szenen scheint sein Geiz kein Ende zu nehmen und der Zuschauer verliert komplett das Verständnis für die Handlungen dieses Mannes. Auch Mark Wahlberg, die dritte zentrale Figur, gibt einen überzeugenden Agenten ab, als Bindeglied zwischen Getty und Gail funktioniert er perfekt.

J. Paul Getty ist zu geizig für Lösegeld

Leider fällt der Rest des Films dagegen ab. Die Geschichte, wie sich der junge Paul mit einem seiner Entführer (Romain Duris) anfreundet, wirkt arg konstruiert, auch etwaige Familien-Streitigkeiten nehmen mehr Platz ein, als es dem Film gut tut – die satte Lauflänge von 132 Minuten merkt man deutlich. Dafür sieht „Alles Geld der Welt“, wie man das bei Scott erwartet, fantastisch aus. Ob es nun die kalten, kahlen Räume von Getty Oil sind oder das heiße Italien, die Bilder von Kameramann Dariusz Wolski fangen die Stimmung perfekt ein. Das kann man vom Score leider nicht sagen – Daniel Pembertons Musik bleibt während er gesamten Zeit erstaunlich belanglos.

„Alles Geld der Welt“ ist in seinen besten Momenten ein spannendes Drama über Gier und Macht. Doch leider schleicht sich auch immer wieder Leerlauf ein, sodass ein durchaus gutes, aber unrundes Filmerlebnis entsteht. Der angekündigte Skandalfilm ist es bei Weitem nicht.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Ridley Scott sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Mark Wahlberg in der Rubrik Schauspieler.

Gail und Fletcher werden von Reportern belagert

Länge: 132 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: All the Money in the World
USA 2017
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: David Scarpa, nach einer Vorlage von John Pearson
Besetzung: Michelle Williams, Christopher Plummer, Mark Wahlberg, Charlie Plummer, Romain Duris, Timothy Hutton, Marco Leonardi, Giuseppe Bonifati
Verleih: Tobis Film GmbH

Copyright 2018 by Matthias Holm

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2018 Tobis Film GmbH

 

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