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Die Taschendiebin – Sinnliche Filmkunst aus Südkorea

Ah-ga-ssi

Von Matthias Holm

Drama // Park Chan-wook hat sich seit den 2000ern einen Ruf als meisterhafter Regisseur erarbeitet. Ob das Militärdrama „JSA – Joint Security Area“ (2000) als erstes Ausrufezeichen, die Rache-Trilogie mit dem kongenialen „Oldboy“ (2003) oder der märchenhafte „I’m a Cyborg, But That’s Okay“ (2006), jedem seiner Werke könnte man den Stempel „Kult“ verpassen. Nach seinem Hollywood-Ausflug „Stoker – Die Unschuld endet“ (2013) kehrt der Regisseur mit „Die Taschendiebin“ zu seinen koreanischen Wurzeln zurück.

Hideko (l.) und Sook-Hee kommen einander näher

Die junge Sook-Hee (Kim Tae-ri) wird als Anstandsdame bei der jungen Adligen Hideko (Kim Min-hee) eingestellt. Was Hideko nicht weiß: Sook-Hee gehört zum Plan von Fujiwara (Ha Jung-woo). Dieser möchte Hideko verführen und sich dann mit ihrem Geld aus dem Staub machen. Doch wie das immer so ist mit elaborierten Plänen – irgendwas kommt immer dazwischen.

Alles ist möglich

Was das nun im Falle von „Die Taschendiebin“ ist, soll an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden. Nur so viel: Wenn man während des ersten Drittels noch das Gefühl hat, einen ansehnlichen, aber doch eher konventionellen Film zu schauen, kann man sich im weiteren Verlauf des Eindrucks nicht erwehren, dass alles möglich ist. So zwingt Park Chan-wook seine Zuschauer, auch auf die kleinsten Regungen seiner Darstellerinnen zu achten, und schafft direkt einen Anreiz für weitere Sichtungen.

Über den eigentlichen Plot hinaus werden immer wieder gesellschaftliche Themen angeschnitten. So nimmt Erotik einen großen Teil der Handlung ein. Doch während einige Lesungen erotischer Texte, die Hideko auf Geheiß ihres perversen Onkels Kouzuki (Jo Jin-woong) vor anderen Männern abhält, immer etwas lasterhaft wirken, sind die Sexszenen sehr emotional und gefühlvoll dargestellt. Dieser Umstand wirkt wie ein Kommentar gegen die heutige Pornoindustrie – während die Männer schon vom Anblick einer Frau erregt werden, die schmuddelige Dinge vorliest, ist der Akt an sich immer viel befreiender als sämtliche Hirngespinste.

Fujiwara versucht, Hideko zu verführen

Auch spielt die Sprache eine wichtige Rolle. Zwar kommt Sook-Hee aus Korea, dient aber einer japanischen Herrin. So wird wild zwischen den beiden Sprachen hin und her gewechselt, eine tiefere Anaylyse dieser Wechsel ist sicherlich möglich. Umso schöner ist es, dass Koch Films bei den Sprachvarianten nicht geizt. Natürlich kann man den Film komplett auf Deutsch gucken, Freunde des Originaltons kommen in den Genuss der koreanisch-japanischen Variante. Wer hier einen Mittelweg finden will, kann auch auf eine deutsch-japanische Variante zurückgreifen, die die Intention hinter den Sprachwechseln sicherlich deutlicher macht.

Wunderschöne Sammleredition

Und wer ähnlich begeistert vom Film ist, kann sich mal nach der Sammleredition umschauen. Die kostet zwar nicht wenig, bietet aber eine wunderschöne Verpackung und massig weitere Extras, darunter ein Fotobuch, einen Kurzfilm und, eigentlich am wichtigsten, eine mehr als 20 Minuten längere Version des Hauptfilms. Allerdings ist das gute Stück auf 2000 Exemplare limitiert, was durchaus ein Problem in der Anschaffung sein kann.

„Die Taschendiebin“ ist sinnliches Asia-Kino – hocherotisch, klug und wunderschön bebildert. Es gibt den einen oder anderen merkwürdigen Moment, bei dem die Herkunft des Regisseurs durchscheint. Dennoch haben wir es hier mit einem Ausnahmewerk zu tun.

Erotische Inszenierung, Marke Asia-Kino

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Park Chan-wook sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 8. Juni 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 145 Min. (Blu-ray), 139 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Koreanisch/Japanisch, Deutsch/Japanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Ah-ga-ssi
KOR 2016
Regie: Park Chan-wook
Drehbuch: Park Chan-wook, Jeong Seo-kyeong, nach dem Roman „Fingersmith“ von Sarah Waters
Besetzung: Kim Min-hee, Kim Tae-ri, Ha Jung-woo, Cho Jin-woong, Kim Hae-sook, Moon So-ri
Zusatzmaterial: Making-of, Cannes-Premiere, Cast, Regisseur, Trailer, Teaser
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Matthias Holm

Fotos, Packshot & Abbildung Sammleredition: © 2017 Koch Films

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Kühl: Stoker – Die Unschuld endet

Stoker

Von Volker Schönenberger

Mysterythriller // Nicht gerade das schönste Ereignis für einen 18. Geburtstag: Am Tag ihrer Volljährigkeit stirbt der Vater von India Stoker (Mia Wasikowska). Das große Haus der Familie muss sie sich jedoch nicht lange mit ihrer entfremdeten und melancholischen Mutter Evelyn (Nicole Kidman) teilen: Überraschend taucht der Bruder ihres Vaters auf; Charlie (Matthew Goode) hatte sich anscheinend über Jahre in der Weltgeschichte herumgetrieben. Nun nistet er sich bei Mutter und Tochter ein. Das passt India anfangs gar nicht, obwohl sich Charlie betont freundlich gibt. Bald darauf verschwindet eine Haushälterin und India entdeckt, dass es durchaus eine Seelenverwandtschaft zwischen ihr und ihrem Onkel gibt – allerdings aus dem düsteren Teil ihrer Seelen.

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Evelyn (l.) und India bei der Beerdigung

Es ist eine kühl durchgestylte Welt, in der Regisseur Park Chan-wook („Oldboy“) seine Protagonisten agieren lässt. Alles ist sauber, Dinge stehen an ihrem Platz, die Kleidung sitzt passgenau. Die Villa der Stokers wirkt in ihrer viktorianischen Anmut geradezu klinisch. Mit seinem ersten Hollywoodausflug bleibt der Koreaner allerdings etwas zu sehr an dieser – zugegeben später etwas blutbesudelten – glatten Fassade hängen. Es fehlen die aufwühlenden Brüche in den Figuren, was am betont kühlen Spiel der drei Hauptakteure liegen mag. „Stoker – Die Unschuld endet“ ist schön anzuschauen, keine Frage, die Figurenkonstellation ist interessant, aber eben nicht im Übermaß.

Etwas fehlt – womöglich schon beim Drehbuch von Wentworth Miller, genau: dem Actionstar aus der TV-Serie „Prison Break“. Miller wollte mit seinem Skript offenbar eine Hommage an Alfred Hitchcocks „Im Schatten des Zweifels“ (1943) abliefern (eine Erkenntnis, es sei verschämt zugegeben, die ich dem geschätzten Kollegen Oliver Kaever verdanke, weil mir der Hitchcock-Klassiker gerade nicht im Kopf herumschwirrte). Sich an den Größten zu messen, daran sind schon andere gescheitert.

Nun gut, so hat die Qualitätskurve der Filme Park Chan-wooks in Hollywood eine kleine Biege nach unten gemacht – auch das ist bereits anderen passiert. Auf Parks hohem Niveau ergibt das immer noch einen guten Film, der zu fesseln vermag, auch wenn er den Zuschauer letztlich etwas kalt lässt.

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Charlie bedrängt India

Park Chan-wook gilt als einer der profiliertesten Vertreter des neuen koreanischen Kinos. Sein in der demilitarisierten Zone Koreas angesiedeltes Militärdrama „JSA – Joint Security Area“ verschaffte ihm 2000 erstmals breite internationale Aufmerksamkeit. Mit seiner Rachetrilogie rund um das furiose Herzstück „Oldboy“ (2003) wurde er zu einem der heißesten Regisseure aus Fernost. 2009 gab er dem Vampirgenre mit „Thirst – Durst“ neue Impulse (nein – keinerlei „Twilight“-Romantik). Park gewann zahlreiche wichtige Festivalpreise. Er ist der zweite von drei koreanischen Regisseuren, die es jüngst nach Hollywood verschlagen hat: Zuletzt gab <a Kim Je-woon, Regisseur des ultrabrutalen „I Saw the Devil“, Arnold Schwarzenegger mit „The Last Stand“ wieder eine Action-Hauptrolle. Noch ohne Kinostarttermin im Westen ist „Snowpiercer“ von <a Bong Joon-ho, der u. a. 2006 den Monsterfilm „The Host“ inszeniert hat.

Hoppla, fast vergessen: Spike Lees US-Remake „Oldboy“ startet am 7. November in den deutschen Kinos. Charlto Copley („Elysium“), Josh Brolin („No Country for Old Men“) und Samuel Jackson übernehmen die Bürde, Parks Meisterwerk schauspielerisch etwas Ebenbürtiges entgegenzusetzen. Ob’s mit Spike Lees Unterstützung gelingt?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Park Chan-wook sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Nicole Kidman in der Rubrik Schauspielerinnen.

Veröffentlichung: 20. September 2013 als Blu-ray und DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 95 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch (folgende evtl. nur Blu-ray), Französisch, Spanisch, Italienisch, Russisch
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte (folgende evtl. nur Blu-ray), Französisch, Spanisch, Dänisch, Niederländisch, Finnisch, Italienisch, Norwegisch u. a.
Originaltitel: Stoker
GB/USA 2013
Regie: Park Chan-wook
Drehbuch: Wentworth Miller
Besetzung: Mia Wasikowska, Nicole Kidman, David Alford, Matthew Goode, Harmony Korine
Zusatzmaterial: Entfallene Szenen, Hinter den Kulissen, Original-Kinotrailer, nur Blu-ray: Die Entstehung des Films, Fotografien von Mary Ellen Mark, London Curzon Soho Theatre (Diashow), Premiere in Korea, TV Spots
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2013 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2013 Twentieth Century Fox Home Entertainment

 
 

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